Lade Inhalt...

Alexander Mitscherlichs "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft" - Staubfänger oder relevanter Klassiker?

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alexander Mitscherlich - Biographie

3. Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft
3.1 Das Verschwinden des Vaterbildes
3.2 Der Identitätsbegriff

4. Aktueller Bezug

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1919 wird ein Essay des Wiener Psychoanalytikers Paul Federn mit dem Namen Die vaterlose Gesellschaft. Psychologie der Revolution veröffentlicht, dessen „Begriff und Metapher der vaterlosen Gesellschaft [..] auf Freuds Totem und Tabu (1912-13)“ zurückgeführt werden kann (Heim 2008). Alexander Mitscherlich stößt achtzehn Jahre später auf das „Motiv der Vaterlosigkeit“ (Hoyer 2008) und nimmt dieses in einer Zeit grundlegender sozialer, politischer und ökonomischer Veränderungen, der Nachkriegszeit, wieder auf. 1963 veröffentlicht er schließlich seine erste Monographie Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie, welche zum Kassenschlager wird. Im Fokus steht die Gesellschaft, die von Arbeitsteilung und industrieller Massenproduktion geprägt ist. Ein Zustand, welcher sich klar von der Zeit, in der Arbeitsplatz und Wohnort identisch waren, unterscheidet und nach Mitscherlich maßgeblich zur „Verringerung väterlicher Autorität“ beigetragen hat (Brumlik 2003, S.XIII) sowie ein klares Zeichen für die Veränderung gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse ist.

Ziel dieser Hausarbeit ist die Beantwortung der Frage, inwiefern Mitscherlichs Werk noch für die heutige Zeit von Bedeutung ist. Galt es in den siebziger Jahren als Aufklärungsschrift (Schülein 2011, S.143), welche die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse und sozialen Strukturen zu erklären suchte, ist heute fraglich, ob dieses Werk nach so vielen Jahren der Weiterentwicklung weiterhin Aktualität besitzt.

Das „Potpourri wissenschaftlicher Nomenklatur“, welches unter anderem Begriffe wie „Anpassung, […], Masse, Ich-Ideal, Angst, Tabu - und Vaterlosigkeit“ zum Thema macht, ist

durch seine „heterogene Struktur“ (ebd., S.25) schwer zusammenzufassen und nach einem roten Faden kann wohl vergeblich gesucht werden. Da in den zwölf Kapiteln sich nur zwei tatsächlich mit dem eigentlichen Thema der ‚vaterlosen Gesellschaft‘ beschäftigen (Schülein 2011), werden im Folgenden fast ausschließlich diese herangezogen werden.

Es soll nun zunächst eine Beschreibung der Biographie Mitscherlichs folgen, um die Entstehung seines Buches Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft in einem zeitlichen Kontext einbetten zu können. Im zweiten Kapitel folgt der Versuch, die zentralen Punkte bezüglich der ‚vaterlosen Gesellschaft‘ hervorzuheben, um in den beiden darauffolgenden Unterkapiteln bestimmte Termini genauer zu beleuchten. Im Zentrum steht hierbei der Verlust des Vaters und die Frage der Konsequenzen für die Identitätsentwicklung des Sohnes. Abschließend folgt die Klärung der Frage nach Aktualität sowie das Fazit mit einem Resümee und Ausblick.

2.Alexander Mitscherlich - Biographie

Der Psychoanalytiker, Arzt und Historiker Alexander Mitscherlich wird am zwanzigsten September 1908 in München geboren. Seine wissenschaftliche Laufbahn beginnt er zunächst im Jahr 1928 mit einem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität München, welches er kurz vor Beginn der Machtergreifung 1933 beendet. Während dieser Periode durchlebt Mitscherlich bis zum Ende des Krieges 1945 eine anstrengende Zeit, in welcher er nur wenige seiner persönlichen Ziele durchsetzen kann. So zieht er beispielsweise erst nach einer Festnahme durch die SA, der ‚Sturmabteilung‘ der NSDAP, nach Berlin, wo er eine Buchhandlung eröffnet und das Medizinstudium aufnimmt. Bald darauf wird er bereits „wegen Widerstandsarbeit […] steckbrieflich gesucht“ (Universität Frankfurt am Main 2012). Seine Buchhandlung wird geschlossen und eine Emigration nach Zürich in die Schweiz folgt. Dort setzt Mitscherlich sein Studium fort, bis er durch die Gestapo auf einer Reise nach Deutschland erneut verhaftet wird und insgesamt acht Monate in Gefangenschaft verbringt. Erst danach beendet er sein Medizinstudium 1939, promoviert im darauffolgenden Jahr und habilitiert nach Beendigung des Krieges im Jahr 1946. Fast zeitgleich fungiert der nun habilitierte Mediziner als Beobachter der Nürnberger Prozesse gegen NS-Ärzte und veröffentlicht bald darauf die ‚Psyche‘, eine Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Nach der Gründung einer Abteilung für psychosomatische Medizin an der Universität Heidelberg und der außerplanmäßigen Professur an der selbigen, heiratet Mitscherlich im Jahr 1955 die Ärztin und Psychoanalytikerin Margarete Nielsen, mit welcher er später das Werk ‚Die Unfähigkeit zu trauern‘ veröffentlichen wird. In den darauffolgenden Jahren gründet er das Sigmund-Freud-Institut, erlangt die Professur für Psychologie an der Universität Frankfurt am Main und gewinnt verschiedene Preise wie unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1969. Dreizehn Jahre später, am sechsundzwanzigsten Juni 1982, stirbt Mitscherlich in Frankfurt am Main (Universität Frankfurt am Main 2012).

„Alexander Mitscherlich war ein psychoanalytischer Denker, der eigene Wege, abseits von Mainstream psychoanalytischen Argumentierens, ging.“ (Busch 2008) Er prägte insbesondere in der Zeit nach 1945 das Verständnis der Psychoanalyse und trug wesentlich zur „Erneuerung der psychoanalytischen Tradition“ bei (Dehli 2007). Öffentlich trat Mitscherlich in wissenschaftlichen Kreise ein und ließ Kontakte, welche über die Zeit des Zweiten Weltkrieges hinweg verloren vergangen waren, erneut aufleben, um den wissenschaftlichen Diskurs innerhalb der Psychoanalyse wiederzubeleben. Des Weiteren konnte er „durch die Dokumentation der Ärzteverbrechen im Nationalsozialismus“ seine Ablehnung gegenüber den Geschehnissen dieser Zeit verdeutlichen und seinen „Willen zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte und deren bleibenden Folgen für die politische Mentalität in Deutschland“ unter Beweis stellen (vgl. ebd., S.11). Besonders in den sechziger Jahren etablierte sich zur Person Alexander Mitscherlichs das Bild eines für die Wissenschaft einstehenden Psychoanalytikers und Zeitkritikers der Nachkriegsgesellschaft (Freimüller 2007), der zu einer der „intellektuellen Leitfiguren“ der Bundesrepublik Deutschland wurde (Dehli 2007). Diese Hingabe zur Psychoanalyse bestand jedoch nicht seit Anbeginn Mitscherlichs wissenschaftlicher Karriere, auch wenn der Titel seine Autobiographie ‚Ein Leben für die Psychoanalyse. Anmerkungen zu meiner Zeit‘ dies zunächst vermuten lässt (Busch 2008). Tatsächlich lagen alle bekannten Angaben zu Mitscherlichs Biographie seiner eigenen Autobiographie zugrunde und sein Leben vor Beendigung des Krieges „erschien als bloße Vorgeschichte seines Engagements nach Kriegsende“ (Dehli 2007). Gleichwohl muss auch die Zeit zuvor von Bedeutung gewesen sein, welche Mitscherlich vielleicht zur „Sicherung seiner Identität“ zu verklären versuchte, die jedoch auch zu seiner Identitätsfindung beigetragen haben musste: „Seine Herkunft, seine politische Sozialisation und seine wissenschaftliche Ausbildung, die Umwälzungen, welche die Katastrophen der deutschen Geschichte in seinem Selbstverständnis ausgelöst hatten, die geistige und institutionelle Stabilisierung seiner Position in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende, schließlich die Sicherung seiner Identität durch die Verklärung der eigenen Vergangenheit“ waren für den Wandlungsprozess Mitscherlichs scheinbar notwendig, um von seinem Weg „der konservativen Revolution zur intellektuellen Gründung der Bundesrepublik“ zu gelangen und Mitscherlich zu einem der intellektuellen Gründerväter werden zu lassen (ebd., S.274).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656298755
ISBN (Buch)
9783656300793
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203313
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
15 Punkte
Schlagworte
Vaterlose Gesellschaft Mitscherlich Psychoanalytische Sozialpsychologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Alexander Mitscherlichs "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft" - Staubfänger oder relevanter Klassiker?