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Ursachen von Gewalt bei Kindern und Jugendlichen

Studienarbeit 2011 25 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschied: Jungen - Mädchen

3. Theorien zur Entstehung von Jugendgewalt
3.1 Triebtheorie
3.2 Frustrations- Aggressions- Theorie

4. Biologische Faktoren
4.1 Limbisches System
4.2 Präfrontaler Cortex
4.3 Neuroaktive Substanzen

5. Empathie als Grundlage prosozialen Verhaltens
5.1 Spiegelneuronen
5.2 Empathie

6. Soziale Risikofaktoren
6.1 Erziehungsstile
6.1.1 Verwöhnung
6.1.2 Antiautoritäre Erziehung
6.1.3 Autoritäre Erziehung
6.1.4 Inkonsequente Erziehung
6.2 Gewalt in der Familie
6.3 Arbeitslosigkeit
6.4 Migration
6.5 Medien

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Thematik gewalttätiger Kinder und Jugendlicher ist in den letzten Jahren immer häufiger in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses gerückt. In den Medien wird oft von am Boden liegenden Opfern berichtet, welche den rücksichtslosen Gewaltakten von Jugendlichen hilflos ausgeliefert sind. Zudem wird von einer Zunahme der Brutalität gesprochen, welche sich in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen verbreitet. In meinem Arbeitsfeld, der Heilpädagogischen Wohngruppe Eisenach, kommt es gehäuft zu physischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Kindern und Jugendlichen. Diese Tatsache und die steigende gesellschaftliche Aktualität haben mich zu der Auseinandersetzung mit dieser Thematik gewogen. Im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit steht vorrangig die physisch angewendete Gewalt von Kindern und Jugendlichen, da diese für Außenstehende schnell ersichtlich wird. Im gesellschaftlichen Kontext wird hauptsächlich über die Folgen für die Täter diskutiert. Die Ursachen der Gewalttaten werden ausschließlich einzelfallspezifisch untersucht.

Die vorliegende Studienarbeit wird sich vorrangig mit physischer Gewalt von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen. Unter Berücksichtigung spezieller biologischer, psychischer und soziologischer Umstände werden Risikofaktoren der Entstehung einer gewalttätigen Persönlichkeit erklärt und transparent gemacht.

Zu Beginn werden Unterschiede bei dem Einsatz physischer Gewalt bei Jungen und Mädchen begründet, da statistische Erhebungen eine signifikant höhere Anzahl männlicher Gewalttäter belegen. Wissenschaftler versuchen seit Jahrzehnten, Theorien zur Entstehung von Gewalt zu entwickeln. Von zahlreichen Theorien werden zwei erläutert. Der anschließende Gliederungspunkt befasst sich mit biologischen Risikofaktoren. Im Mittelpunkt stehen dabei spezielle Bereiche des Gehirns, welche für die Entstehung und Steuerung von Emotionen essentiell sind. Anschließender Gliederungspunkt behandelt den Zusammenhang von Spiegelneuronen und Empathie als Grundlage prosozialen Verhaltens. Sowohl die Frage, inwieweit Spiegelneuronen menschliches Gewaltverhalten beeinflussen können, als auch die These „Empathie ist von signifikanter Relevanz für die Ausprägung einer prosozialen Persönlichkeit und der erheblichen Reduzierung gewalttätiger Verhaltensweisen“ stehen dabei im Mittelpunkt. Die folgenden sozialen Risikofaktoren stellen den wesentlichsten Abschnitt der Studienarbeit dar. Beginnend mit verschiedenen Erziehungsstilen, werden die bekanntesten sozialen Risikofaktoren als etwaige Auslöser von Kinder- und Jugendgewalt untersucht. Dabei wird auf folgende These Bezug genommen: „Gewalt bei Kindern und Jugendlichen entsteht ausschließlich im Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren“.

Zum Thema „Gewalt bei Kindern und Jugendlichen“ fand ich zahlreiche Literatur. Besonders hervorzuheben ist das Buch „Aggression und Gewalt. Ein biologischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Überblick“ von K. Wahl, welches besonders bei der Erarbeitung der biologischen Faktoren viele nützliche Erkenntnisse lieferte.

2. Unterschied: Jungen - Mädchen

Die Formen der Gewaltausübung unterscheiden sich bei Jungen und Mädchen erheblich. Zahlreiche Studien und Statistiken belegen eine deutlich höhere Beteiligung von Jungen an körperlichen Gewalthandlungen (vgl. Gugel 2011, S. 27). Aggression und Gewalt, welche sich in körperlichen Formen äußert, wird in allen Kulturen vorwiegend von Männern ausgelebt. Diese Tatsache ist zu hinterfragen und auf Ursachen zu untersuchen.

Von Geburt an werden Jungen und Mädchen unterschiedlich behandelt. Erhöhte physische Aktivität wird bei Jungen gefördert, währenddessen bei Mädchen mit Hilfe sprachlicher Mittel Kontakt hergestellt wird (vgl. Zeltner 1993, S. 108). Obwohl die Emanzipation der Frau ständig voranschreitet, ist das patriarchalische Rollengefüge weiterhin verbreitet. Die Rolle des Mannes ist die des Beschützers und Ernährers, verbunden mit aggressiven Handlungen (vgl. Gugel 2011, S. 27). Jungen wird „aggressives und destruktives Verhalten großzügig zugestanden“ (Zeltner 1993, S. 105). Aus diesem Grund wird während der Sozialisation die Gewaltbereitschaft bei Jungen indirekt gefördert. Bei Mädchen werden vorwiegend Tugenden, beispielsweise Hilfsbereitschaft oder Sanftmut, gefördert. Aufsässiges oder aggressives Verhalten wird nicht geduldet und mit Sanktionen geahndet (vgl. Zeltner 1993, S. 105). Entsprechende Vorbilder in den Medien unterstützen das klassische Rollenverständnis. Beispielsweise sind Actionhelden in nahezu 100% aller Fälle männlich.

Die bereits erwähnte fortschreitende Emanzipation der Frau führt bei zahlreichen Männern zu einem „Männlichkeitskomplex“ (Bornschier 2007, S. 289). Männlichkeit wird durch die entsprechenden Gruppen durch Gewalt definiert. In unserer Gesellschaft kann Status durch verschiedene Kriterien erreicht werden (z.B. Bildung, Reichtum). Können sich die männlichen Jugendlichen nicht mit derartigen Kriterien identifizieren, versuchen sie durch Gewaltakte Anerkennung zu bekommen und ihre Männlichkeit zur Schau zu stellen (vgl. Bornschier 2007, S. 290).In manchen Medien geäußerte Behauptungen, dass die weibliche Gewalt stark zunimmt, können statistisch nicht belegt werden (vgl. Wahl 2009, S. 27). Bezogen auf die einzelnen Bereiche sind die männlichen Jugendlichen noch immer Haupttäter im Bereich der Körperverletzungen, Mädchen zeigen nach wie vor „Beziehungsaggression“ (Wahl 2009, S. 28). Wird der Bereich der häuslichen Gewalt betrachtet, bietet dieser interessante Ergebnisse, da dort die Anzahl der weiblichen Täter stark angestiegen ist und sich derer der männlichen Täter annähert (vgl. Wahl 2009, S. 28).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich Mädchen „indirekten […] oder sozialen Formen der Aggression bedienen, während Jungen häufig eine Kombination von verbalen und physischen Aggressionsformen zeigen“ (Ittel/ Bergann/ Scheithauer 2008, S. 116).

3. Theorien zur Entstehung von Jugendgewalt

In diesem Gliederungspunkt werden zwei wissenschaftliche Theorien erklärt, welche in direktem Zusammenhang mit der Entstehung von Gewalt stehen. Die Theorien basieren auf rationalen Erklärungsmustern und werden bei übrigen Erklärungsversuchen der Jugendgewalt häufig aufgegriffen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frustrations- Aggressionstheorie.

3.1 Triebtheorie

Verschiedene Wissenschaftler vertreten die Auffassung, dass Gewalt und Aggression zum Leben dazugehört. Der Trieb nach Aggression und Gewalt sei eine grundlegende Eigenschaft des Menschen, welcher von Zeit zu Zeit zum Ausbruch kommen muss (vgl. Zeltner 1993, S. 72). Der Mensch kommt ständig in Situationen, in welchen er mit Konflikten und Eingriffen in seine Selbstbestimmung belastet wird. Sobald Menschen in für sie unpassende Situationen geraten, steigt das Aggressionspotential. Konrad Lorenz behauptet, dass dieses angestaute Gewaltpotential in gewissen Abständen ausgelebt werden muss (vgl. Zeltner 1993, S.72). Es gibt für den Mensch demzufolge keine Möglichkeit dies zu unterdrücken. Verhaltensforscher unterstützen die Triebtheorie, indem auf die ursprüngliche Verwendung von Gewalt hingewiesen wird- der Verteidigung des eigenen Lebens und der Jagd nach Beutetieren. Basierend auf dieser Grundüberlegung, verfügt jeder Mensch über „ein angeborenes Potential von Aggressivität“ (Hurrelmann/ Bründel 2007, S. 34). In der heutigen Gesellschaft benötigt der Mensch keine Gewalt um zu überleben. Daher müssen andere Möglichkeiten der Gewaltausübung gefunden werden. Eine Möglichkeit ist die aktive Körperbetätigung, welche einen „Katharsiseffekt“ (Zeltner 1993, S. 73) erzielen kann. Die Entladung körperlicher Spannungen in spielerischen Raufereien zwischen Kindern bestätigt die Triebtheorie, sofern die Kinder ihr Gewaltpotential vollständig entladen (vgl. Hurrelmann/ Bründel 2007, S. 35).

Da die Triebtheorie vorwiegend auf Experimenten mit Tieren beruht und keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz eines Triebes für Aggression und Gewalt liefert, wird sie in Fachkreisen meist kritisiert (vgl. Gugel 2011, S. 24).

3.2 Frustrations- Aggressions- Theorie

Jeder Mensch erfährt im Laufe seines Lebens eine Vielzahl an frustrierenden Ereignissen. Frustration wird als ein Erlebnis definiert, welches sich dem Mensch beim Erreichen eines bestimmten Ziels in den Weg stellt. Das Ziel wird vom Mensch als wichtig eingestuft und mit hoher Motivation zu erreichen versucht (vgl. Hurrelmann/ Bründel 2007, S. 37). Wird die Zielerreichung verhindert, ist nach der Frustrations- Aggressions- Theorie die Frustration umso größer, je höher die entsprechende Motivation war (vgl. Hurrelmann/ Bründel 2007, S. 37). Folglich steigt Aggression und die damit verbundene Gewaltausübung, je größer die Frustration ist (vgl. Gugel 2011, S. 25). Kinder und Jugendliche werden ständig mit frustrierenden Ereignissen konfrontiert. Konfliktsituationen gehören zum Leben dazu. Ab dem zweiten Lebensjahr beginnen Kinder zu erkennen, dass ihr eigenes Handeln bei ihrer Umwelt Reaktionen hervorruft (vgl. Reinberger 2008, S. 14). Die Kinder beginnen ihre Grenzen auszutesten und geraten dabei häufig in Konfliktsituationen, beispielsweise mit den Eltern. Grenzsetzungen verhindern die Durchsetzung verschiedener Ziele des Kindes. Dadurch entsteht Frustration, welche sich in Schreien äußern kann. Es ist wahrscheinlich, dass ständiges Frustrationserleben bei älteren Kindern und Jugendlichen zu Gewalt führen kann. Da besonders in diesen Altersgruppen Angst vor den Eltern oder anderen Autoritäten vorhanden ist, richtet sich die angestaute Aggression auf Schwächere, beispielsweise Frauen oder Randgruppen (vgl. Zeltner 1993, S. 76). Daher ist die Frustrations- Aggressions- Theorie ein geeignetes Erklärungsmodell für rechtsradikale Gewalt. In diesem Zusammenhang sei auf die besondere Brauchbarkeit der Theorie als „Langzeitmodell“ (Gugel 2011, S. 25) hingewiesen, da junge Erwachsene, bei welchen Kindheit und Jugend dauerhaft durch frustrierende Ereignisse geprägt war, besonders häufig ein erhöhtes Gewaltpotential besitzen (vgl. Gugel 2011, S. 25).

Kinder und Jugendliche sind auf der ständigen Suche nach Aufmerksamkeit und Bestätigung. Erscheint ihnen das soziale Umfeld an der eigenen Person desinteressiert, versuchen die Kinder und Jugendlichen durch negative Handlungen aufzufallen und Aufmerksamkeit zu bekommen (vgl. Reinberger 2008, S. 14). Kinder und Jugendliche, welche nicht genügend positive Aufmerksamkeit bekommen, erleben dies als frustrierendes Ereignis. Das Ziel, vollwertiges und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein, wird nicht erreicht. Die ausgeübten gewalttätigen Handlungen (z.B. Tritte, Beleidigungen) lösen eine Kettenreaktion aus. Die Personen, welche von der Gewalt direkt betroffen sind, fühlen sich ihrerseits ungerecht behandelt. Dies mündet wiederum in Frustration (vgl. Hurrelmann/ Bründel 2007, S. 39).

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Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656296638
ISBN (Buch)
9783656297062
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203186
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
2,5
Schlagworte
aggression kinder jugendliche

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