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Pathosgesten und Ähnlichkeit in der Politik

Gibt es Pathosformeln nach Aby Warburg bei politischen Akteuren und wenn ja, was bewirken sie?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Eingrenzung des Begriffs Pathosformeln
2.1 Entstehung und Bedeutung des Begriffes
2.2 Simulation von Pathos
2.3 Transfer des Begriffes Pathos vom Theater in die Politik

3. Ähnlichkeit und Erinnerungsbilder in der öffentlichen Wahrnehmung
3.1 Wandel der öffentlichen Wahrnehmung von Politik
3.2 Theatralisierung von Politik in den Medien

4. Pathosformeln zur Inszenierung von Politik
4.1 Pathosformeln bei SPD-Politikern
4.2 Die Entstehung einer politischen Pathosformel bei den Grünen

5. Fazit und Ausblick

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die Pathosformeln sind ein Repertoire von „Ausdrucksformen des maximalen inneren Ergriffenseins“ schreibt Aby Warburg in seiner Einleitung zum Mnemosyne-Atlas 1929. (Warburg, Aby. in: Port., 2005, S.11)

Warburgs Bildatlas durchkämmt diachronisch die Antike und stößt dabei auf ein Ensemble von Begriffen, Motiven und Denkfiguren pathetischer Erregung. Die Formalisierung historischer Gesten und Figuren, einem tragischen Ikon „höchster Intensität und Kraft der Leidenschaft“ (Port., 2005, S.11), sind die universal wirkenden Pathosformeln. Mit dieser Methode gelang es dem Kunsthistoriker das Nachleben der Bilder in einer bis dahin einmaligen Art und Weise zu rekonstruieren. Die Aussage des abgebildeten Gegenstandes wird erweitert, auf das bewegte Leben, das ihn einst umgeben hat. Der ikonologische Gedanke wird von Warburg um den repetetiven Charakter erweitert. Diese Sichtweise sprengte kulturwissenschaftliche Grenzen, denn die epochale Barriere wurde außer Acht gelassen, so dass das zeitliche Gedächtnis der Bilder freies Spiel hatte. Es geht bei Warburgs Pathosformeln also um die Ähnlichkeit von leidenschaftlich intensiven Momenten in der kunsthistorischen Antike.

Nun lässt sich mit diesem Verständnis des Begriffes nur schwer eine Brücke zur Fragestellung dieser Arbeit bilden, daher wird im Folgenden darauf abgezielt, die Brille, die Warburg für seine antiken Bilder, als erweitertes Konstrukt auf ein tendenziell eher untragisches Gebiet zu richten. Hieraus entsteht die Schwierigkeit: Das eher besonnene Feld der Politik, soll mit einem Indikator für Pathos beleuchtet werden. Es ist zu überprüfen, ob die Pathosformeln eine Bipolarität insoweit zulassen, als dass sie einen Zusammenhang zwischen Pathos und politischem Leben finden können. Diesbezüglich soll der Bereich der Theaterhistorik als Vergleich herangezogen werden, in dem die Pathosformel belegbare Ausprägung findet. Die Vermutung liegt nahe, dass Theaterbühne und politische Bühne Parallelen aufweisen.

Die Pathosformeln entstehen immer nur im Zusammenspiel mit dem Betrachter. Das bedeutet, das Bildgedächtnis des Individuums leistet einen assoziativen Anteil an der Codierung bzw. Decodierung der Pathosformel. Deshalb soll die durch Medien bedingte veränderliche Sichtweise der Gesellschaft, auf Akteure der Politik am Beispiel von Kanzlerkandidaten dargestellt werden. Hieraus sollen Schlüsse gezogen werden, in welchem Verhältnis Pathosformeln für Politiker wichtig sind, um sich in der Öffentlichkeit darzustellen. Im anschließenden analytischen Teil sollen Belegbeispiele gefunden werden.

2. Eingrenzung des Begriffs Pathosformeln

2.1 Entstehung und Bedeutung des Begriffes

Aby Warburg hat das hybride Gebilde der Pathosformel erschaffen, um Erinnerungszeichen für archaische Erregungen und Ängste in unterschiedlichsten historischen Konstellationen aufzuspüren. (Port., 2005, S.12) Die Pathosformeln setzen sich aus Erstmaligkeit und Wiederholung zusammen. Der Pathos ist der Inbegriff vorgeführter Affekte, Leiden oder Schmerzen, festgehalten in Bildern. In ihnen ruht die Energie, die einst im Moment der Aufzeichnung des pathetischen Ereignisses entstand. Es ist eine eingefrorene Bewegung, die Warburg versucht wieder frei zu setzen, indem er dem kinetischen Potential im Nachleben der Bilder neues Leben einhaucht. (Gombrich., 1984, S.20) Fehlerhaft wäre hier ein Vergleich mit der Kinematographie und der Metapher, den Film weiter laufen zu lassen, denn das Ereignis als Pathosmaterial bleibt in seinem Kontext. Was Warburg „Leben der Bilder„ (Warubrg, Aby. in: Agamben., 2004, S.21) nennt, funktioniert nur durch das Bildgedächtnis des Betrachters und dessen Assoziationsvermögen. In diesem Moment entsteht die zum Pathos zugehörige ,Formel‘. Das einst schöpferische Ereignis wird in performativer Form einem neuen Kontext zugeschrieben.(Agamben, 2004, S.14) Möglicherweise in abstrahierter und veränderter Weise, jedoch immer noch ähnlich genug eine Verbindung herzustellen und somit die Pathosformel zu begründen.

Hieraus entsteht ein essentielles Phänomen des Bildgedächtnisses:

„Aus der elementaren Kulturarbeit, Unheil und Gefahren zu bannen, erwachsen nach Warburg nämlich die ersten Versuche künstlerischer Weltaneignung: ,Bewusstes Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt darf man wohl als Grundakt menschlicher Zivilisation bezeichnen: wird dieser Zwischenraum das Substrat künstlerischer Gestaltung, so sind die Vorbedingungen erfüllt, dass dieses Distanzbewusstsein zu einer sozialen Dauerfunktion werden kann‘.“ (Warburg, Aby. in: Port., 2005, S.16)

Hier ist von einer Entmystifizierung des Pathos durch ein abstrahierendes und rationales Denken die Rede. Ermöglicht wird dieser kognitive Prozess des Distanzschaffens durch das Gedächtnis. „Die Erinnerungen, so müssen wir erläutern, können den Einzelnen vor irrationalen Ängsten schützen, indem sie mythologische oder rationale Erklärungen anbieten.“ (Gombrich., 1984, S.383) Im Bildgedächtnis des Individuums werden also Pathosformeln seit je her benutzt, um einen Lernprozess in Gang zu setzen. Dieses Vorgehen gleicht einem Ritual, jedoch muss bedacht werden, dass sich Pathosformeln insofern von einem Ritual unterscheiden, als dass sie die Möglichkeit von Abweichungen und Trans- formationen bieten. Es wird deutlich, dass Pathosformeln durch ihre intrinsische Distanz zum Pathos selbst, diesen begreifbar und eventuell erst verstehbar machen. Es wäre jedoch unzureichend zu behaupten, dass die Pathosformeln die Leidenschaft auslöschen und die Tragik gefährden.

Viel mehr leisten sie einen Beitrag den „Dualismus zwischen Magie und Wissenschaft“ (Gombrich., 1984, S.383) zu erklären. Um den Sachverhalt zwischen Pathos und der Tragödie zu verdeutlichen, verweist Ulrich Port bereits in der Einführung seines Werkes auf den selbstzerstörerischen Charakter, den die Tragödie hat, behandelt man sie unreflektiert in ihrer Schöpfung. Hierzu wird Goethes Dilemma, sich der Tragödie nicht nähern zu können angeführt:

„Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse, ist es auch mir niemals gelungen, irgend eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht [...] da bei uns die Naturwahrheit mit wirken muss, um ein solches Werk hervorzubringen. (Goethe an Schiller am 9.12.1797)“ (Goethe, J-W.v. in: Port., 2005, S.9)

Goethe sieht die Gefahr sich dem Pathos in der Tragödie so zu nähern, als wäre es eine Naturwahrheit. Es erscheint ihm also nur möglich eine wahrhaftige Tragödie zu schreiben, indem er sich dem Pathos in seiner Schöpfung bedient, dies wiederum würde ihn aber selbst so schmerzlich berühren, dass ihn ein solcher „Versuch zerstören könnte„ (Goethe, J-W.v. in: Port., 2005, S.9)

Insofern sind Pathosformeln eine Voraussetzung für die Entstehung von Kultur. Sie schaffen eine Semantik und decken den Pathos in abgewandelten neuen Kontexten auf.

2.2 Simulation von Pathos

Während Goethe es noch für lebensbedrohlich hielt, sich wahrem Pathos zu nähern, stellt sich die Frage nach einem unwahren Pathos. Es offenbart sich hier eine Doppelperspektive, die offensichtlich erscheint, wenn eine Pathosformel stets ein performatives Moment in einem, dem eigentlichen Pathos fremden Gegenstand auffindet. Die Diskussion über einen simulierten Pathos ist so alt wie die Entstehung des Begriffes selbst und es gibt seither keine eindeutige Ansicht darüber. (Port., 2005, S.27) Klar ist, dass schon im tragischen Theater Pathosformeln zum Einsatz kommen und diese einer schauspielerischen Inszenierung unterliegen. Ulrich Port führt daher eine engere und eine weitere Bedeutung des Begriffes an:

„Im engeren Sinne geht es bei Pathosformeln immer um einen (potentiell) theatralen Ausdruck starker affektiver Erregung, um Körperbilder und mit ihnen korrespondierende Sprachgebärden. Im weiteren Sinne ist ,Pathosformel‘ der Problemtitel für alle affekt- und passionsbezogenen Motive, Topoi und Codes, die ein bestimmtes Niveau der Formalisierung erreicht haben [...]“ (Port., 2005, S.27)

Wenn sich die vorangegangene Erklärung der Pathosformeln eher auf den engeren Sinn der Definition bezogen hat, nämlich dem Verständnis davon was Pathosformeln sind, so gibt der weiter gefasste Sinn der Pathosformeln den nötigen Raum für die Interpretation des Begriffes als Anwendungsmethode für das Aufspüren von Gegenständen, die von Pathosformeln selbst durchdrungen sind. Es ist also möglich die Simulation von Pathos in eine formale Struktur aufzunehmen und diese als Vergleichswert für einen bestimmten Kontext zu verwenden. Für den zu untersuchenden Gemeinplatz der Politik ist dies eine entscheidende Erkenntnis. Im Folgenden soll grundsätzlich mit dem erweiterten Sinn der Pathosformeln gearbeitet werden. Es ist jedoch noch ein weiterer Schritt nötig, in dem die Pathosformel konfiguriert werden muss, um sie der Fragestellung dienlich nutzen zu können.

2.3 Transfer des Begriffes Pathos vom Theater in die Politik

Da die affektpsychologische Dimension der Pathosformel im Topos der Politik keine Anwendung finden kann, wird der Aspekt der habituell konstanten Gemütsbewegungen näher beleuchtet. Es ist offenkundig, dass die Besonnenheit einer der wichtigsten Charakterzüge eines Politikers ist. Nicht zuletzt dadurch, stellt er die evidente Erfolgskomponente der Vertrauenswürdigkeit her. Zeichnet ein Politiker ein klassisch pathetisches Bild von sich, so wird die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit negativ behaftet sein. Es ist zu Vermuten, dass ein Politiker per Definition einen Anti-Pathos ausstrahlen muss. Um zu erklären, dass Pathosformeln die Funktion übernehmen können, eine Distanz zwischen Politiker und Betrachter herzustellen, welche wiederum genutzt wird um politische Inszenierung zu vollziehen, wird die Theaterwissenschaft herangezogen. Nichts anderes als die Inszenierung oder wie oben verwendet, die Simulation von Pathos ist die artifizielle Darstellung eines Schauspielers. Im Bereich des Theaters können Pathosformeln Aufschluss über Ausdruckswert und Ausdrucksgebärden geben. (Streisand., 2005, S. 155)

Zur Beobachtung des Gegenstandes des Theaterschauspielers ist die Auffassung von Nöten, dass dieser seine Rolle spielt. Diese Haltung ist in der Theaterwissenschaft jedoch umstritten. So spricht Georg Simmel von der schauspielerischen Identität, durch die es gleichgültig werde, welche Rolle der Schauspieler spielt, wenn er sie nur spielte. Die Authentizität entstehe also demnach erst, wenn die Distanz zwischen Darsteller und Rolle aufgehoben würde. (Streisand., 2005, S. 162) So fordert eine weitere Repräsentantin dieses Gedankens, Elenora Duse, das Wort ,Spielen‘ im modernen Theater abzusetzen. Die Rolle darf nicht gespielt werden. Sie geht davon aus, dass der Schauspieler auf der Bühne mit einer vierten Wand spielt, also das Publikum ausschließt.

Goethes traditionelles Verständnis von der Theaterinszenierung ist konträr hierzu. So heißt es in seinen Schauspielregeln: „[Man] sollte daher auch nicht aus missverstandener Natürlichkeit untereinander spielen, als wenn kein Dritter dabei wäre [...]„ (Goethe, J-W.v. in: Streisand., 2005, S.163) Goethe spricht sich dafür aus, einerseits Distanz zwischen der dargestellten Figur und der Bühnenrealität zu wahren.

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Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656302025
ISBN (Buch)
9783656302179
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v203162
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Gestaltung
Note
1,3
Schlagworte
Aby Warburg Mnemosyne-Atlas Helmut Schmidt Gerhard Schröder Bildatlas Politik Pathos Pathosformeln Agamben Goethe

Autor

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Titel: Pathosgesten und Ähnlichkeit in der Politik