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Möglichkeiten und Grenzen der Thematisierung von Tod und Trauer im Sachunterricht der Grundschule

Dargestellt am Beispiel von Kinderliteratur

Bachelorarbeit 2011 58 Seiten

Didaktik - Sachunterricht, Heimatkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tod und Trauer
1.1 Was ist „der Tod“?
1.2 Was ist Trauer?

2. Die Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft und der kindlichen Lebenswelt
2.1 Die Stellung des Todes in unserer Gesellschaft
2.2.1 Gesellschaftliche Entwicklungen
2.2.2 Kinder vor Tod und Trauer schützen?
2.3 Kindliche Erfahrungen mit Tod und Trauer
2.4 Kindliche Todeskonzepte – Wie Kinder sich den Tod vorstellen
2.5 Das kindliche Todeskonzept im Grundschulalter
2.6 Trauer von Kindern

3. Die Thematisierung von Tod und Trauer in der Grundschule
3.1 Relevanz und Bedeutung der Thematisierung Tod und Trauer
3.2 Möglichkeiten und Chancen der Thematisierung von Tod und Trauer
3.2 Möglichkeiten und Grenzen der Lehrperson im Kontext von Tod und Trauer
3.4 Die Thematisierung von Tod und Trauer im Sachunterricht der Grundschule
3.4.1 Die Themen Tod und Trauer im Perspektivrahmen Sachunterricht
3.4.2 Die Themen Tod und Trauer im Rahmenlehrplan Sachunterricht der Bundesländer Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und exemplarisch für weitere Bundesländer
3.5 Zugang und Annäherung an die Themen Tod und Trauer im Sachunterricht

4. Die Thematisierung von Tod und Trauer im Sachunterricht der Grundschule durch Kinderliteratur
4.1 Kinderliteratur als Arbeitsmaterial im Unterricht
4.2 Kinderliteratur zu den Themen Tod und Trauer
4.3 Analyse und Beurteilung von Kinderliteratur zu den Themen Tod und Trauer
4.3.1 Vorstellung und Analyse ausgewählter Kinderliteratur
4.3.1.1 Abschied von Rune
4.3.1.2 Omi, liebe Omi

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Die Themen Tod und Trauer sind wesentliche Bestandteile unseres Lebens. Jeder Mensch wird innerhalb seines Lebens gezwungenermaßen mit diesen schwierigen Themen konfrontiert und muss sich persönlich damit auseinandersetzen. Auch Kinder werden nicht von Tod und Trauer verschont. Schon früh sammeln Kinder viele Erfahrungen in Hinblick auf Verluste, auf Todeserlebnisse und auf Trauer, und den damit verbundenen Gefühlen. Kinder stellen Fragen dazu. Sie wollen wissen, was sich hinter dem Tod verbirgt und was es bedeutet tot zu sein. Sie sind interessiert an den Themen. Und sie trauern. Im April des letzten Jahres wurde mir das zum ersten Mal persönlich, wirklich bewusst.

Der Tod meiner Großmutter löste in meinen kleinen Cousinen (4 Jahre und 6 Jahre alt) unzählige Fragen zu dem Thema aus, die beantwortet werden wollten. Doch wie soll man auf diese Kinderfragen antworten, wenn man sich selbst nie wirklich intensiv mit Tod und mit Trauer auseinandergesetzt hat und auch nie wirklich gelehrt bekommen hat was Tod und Trauer bedeuten? Und sollten, beziehungsweise müssen denn Kinder schon etwas über den Tod wissen? Verstehen Kinder das denn überhaupt?

Die Gespräche mit den Kindern, ihre Reaktionen auf den Tod, ihr Trauern, Weinen und auch das Erinnern an ihre und meine verstorbene Großmutter, sowie das bereits vorhandene Wissen, erbrachten in mir dir Erkenntnis und das Bewusstsein, dass es sogar sehr wichtig und nötig ist, mit ihnen über diese Themen zu reden. Kinder haben ein Recht auf Antworten und auf Wissen, auch wenn es schwierige Themen sind wie Tod und Trauer. Vor allem für mich, als zukünftige Grundschulpädagogin, wurde dadurch auch die besondere Wichtigkeit bewusst, sich selbst mit diesen Themen auseinanderzusetzen um Kindern, auch im Unterricht, Fragen beantworten zu können, um sie vorzubereiten auf solche schwierigen Situationen und um so ein wesentliches Thema nicht einfach zu verdrängen.

Der Tod einer Mitschülerin, in meiner Kindheit, in der zweiten Klasse der Grundschule, wurde, wie eben beschrieben, einfach verdrängt, in der Schule, in der Klasse und im Unterricht. Man gedachte der toten Mitschülerin zwar, doch eine intensivere Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Trauer wurde in diesem Zusammenhang damals (1996) nicht in Betracht gezogen und nicht durchgeführt.

Doch sollte nicht gerade auch die Grundschule als wichtiger Lebens- und Lernort von Kindern, in Hinsicht auf die Themen Tod und Trauer, für Kinder ein kompetenter Ansprechpartner sein? Ihnen die Möglichkeit geben, sich damit auseinanderzusetzen, Vorstellungen, sowie Ängste zu äußern, beziehungsweise diese Ängste auch zu verhindern und damit auch Kindern zu helfen, wichtige Phänomene, Bestandteile ihrer Umwelt und Lebenswelt zu erschließen? Vor allem auch dann, wenn Eltern, Verwandte oder Erwachsene nicht in der Lage dazu sind, oder auch nicht in der Lage dazu sein wollen, da sie Kinder vor Tod und Trauer bewahren, schützen wollen.

Die vorliegende Bachelorarbeit setzt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Thematisierung von Tod und Trauer im Sachunterricht der Grundschule auseinander. Die Thematisierung soll in diesem Zusammenhang am Beispiel von Kinderliteratur, als mögliche, methodische Chance zur Auseinandersetzung mit den Themen, betrachtet und dargestellt werden.

Die Arbeit soll der Frage nachgehen, welche Legitimation und Bedeutung die Thematisierung von Tod und Trauer im Unterricht der Grundschule hat und warum gerade der Sachunterricht ein geeignetes Fach für diese Themen sein kann. Des Weiteren ist es Ziel der Arbeit, Kinderliteratur als methodische Zugangsmöglichkeit, zu den Themen Tod und Trauer im Sachunterricht der Grundschule vorzustellen und zu untersuchen. Dabei soll geprüft werden, inwiefern ein kindgerechter Zugang, zu den Themen, über Kinderliteratur möglich ist.

Im ersten Kapitel der Arbeit werden die Begriffe Tod und Trauer definiert und so für den weiteren Verlauf der Arbeit eine allgemeingültige Bedeutung für diese gefunden. Das darauf folgende, zweite Kapitel widmet sich dem gesellschaftlichen Umgang mit den Phänomenen Tod und Trauer, sowie der Bedeutung der Themen in der kindlichen Lebenswelt. In diesem Zusammenhang sollen auch kindliche Todesvorstellungen, insbesondere vertiefend für die Jahre der Grundschulzeit, sowie auch die Trauer von Kindern, betrachtet und näher beleuchtet werden.

Anschließend wird im dritten Kapitel die Thematisierung von Tod und Trauer in der Grundschule aufgegriffen. Die Ergebnisse dieses Kapitels sollen die Relevanz und die Bedeutung, aber auch die Chancen der Themen als Teil des Unterrichts in der Grundschule und auch vor allem als Teil des Sachunterrichts, verdeutlichen.

Im abschließenden, vierten Kapitel der Arbeit wird Kinderliteratur zu den Themen Tod und Trauer als Methode, zur Thematisierung im Sachunterricht, genauer betrachtet.

In diesem Zusammenhang wird ein Kriterien- beziehungsweise Fragekatalog zur Analyse und Bewertung verwendet, der die Kinderliteratur, in Betracht auf ihre pädagogische Brauchbarkeit und Einsatzmöglichkeit im Unterricht hin, prüfen soll. Abschließend werden zwei ausgewählte Kinderbücher zu den Themen Tod und Trauer vorgestellt und anhand des Kriterien- beziehungsweise Fragekataloges analysiert und untersucht.

1. Tod und Trauer

1.1 Was ist „der Tod“?

Der Tod ist ein Teil des menschlichen Lebens. Dessen sind sich die Menschen bewusst und doch bleibt er den Menschen immer fremd. Niemand will aufgrund dieser großen Befremdlichkeit an sein eigenes Ende, an seinen eigenen Tod glauben. (vgl. Jüngel 1993, S.13/14) Wenn man vom Tod hört, über ihn redet oder über ihn nachdenkt, könnte man meinen, der Tod habe eine klare Bedeutung. Aber kann man wirklich etwas deuten, etwas definieren, was man selber nicht persönlich erfahren kann, niemals erfahren wird. Der Theologe Eberhard Jüngel verdeutlicht und bekräftigt das, indem er sagt: „Definitionen sind Herrschaftsakte. Wer den Tod zu definieren verstünde, wäre im Begriffe, seiner Herr zu werden. Doch [ ] nicht wir beherrschen den Tod, sondern der Tod beherrscht uns.“ (ebd.1993, S. 11) Dass die Menschen diese Undefinierbarkeit des Todes und die damit verbundene Ungewissheit nicht akzeptieren können, zeigt sich anhand verschiedener fachwissenschaftlicher Bereiche, die sich mit dem Tod auseinandersetzen und ihn definieren.

So ist aus biologischer Sichtweise der Tod ein Prozess, der sich in verschiedenen Stufen vollzieht. Dieser Todesprozess reicht vom „irreversiblen Ausfall einzelner Organe über den Untergang großer Zellverbände bis zum Absterben der letzten Körperzelle [ ].“ (Schwuchow/ Greim 2006, S.192) So kann man dann den biologischen Tod als einen absoluten, endgültigen „Stillstand des Lebens“ (Weismann 1892, zitiert nach Ferber 2003, S.198), als Ende des Daseins eines Organismus ansehen. (vgl. Ferber 2003, S.198). Biologisch betrachtet, sind der Tod und das dazugehörige Sterben natürliche Vorgänge, die bereits mit dem Beginn des Lebens verknüpft sind. So muss auch schon ein bestimmter Zellverfall in der embryonalen Entwicklung stattfinden, damit eine grundlegende Entwicklung gewährleistet werden kann. (vgl. Kränzle u.a., 2007, S.17)

Waren früher traditionelle Kriterien für den Tod der Verlust der Herztätigkeiten und das Aussetzen der Atmung, so wird der medizinische Todeszeitpunkt eines menschlichen Organismus nach dem heutigen Entwicklungsstand, mit dem Tod des Gehirns, dem „Hirntod“, gleichgesetzt. Darunter versteht man den unwiderruflichen Verlust der gesamten Gehirnfunktionen. (vgl. Lacina/ Liessmann 2009, S. 16/17)

Auch in der Philosophie stellt der Tod ein zentrales Thema dar. Die philosophischen Auseinandersetzungen mit dem Tod beschäftigen sich vor allem mit der Bedeutung, die das Ende des Lebens mit sich bringt. Innerhalb von Jahrtausenden sind so verschiedene Interpretationen des Todes hervorgebracht wurden. So spricht beispielsweise Platon von der Unsterblichkeit der Seele nach dem Tod und beschäftigt mit dieser These lange die philosophischen Diskussionen. (vgl. ebd., S. 23) Sokrates beschreibt den Tod einerseits „[ ] als endgültiges Verlöschen des Seins und Bewusstseins oder [andererseits als] Weiterleben nach dem Tod in einer andern Form[ ].“ (Hucklenbroich/ Gelhaus 2001, S.16) Er stellt sich nicht hinter eine der beiden Todesvorstellungen, sondern sieht in beiden ihre Vorteile. Das spiegelt auch die Prägung der Antike wieder, den Tod nicht als etwas Schlechtes anzusehen und die Todesangst abzulegen. (vgl. Lacina 2009, S.23) Neuzeitliche, philosophische Auseinandersetzungen dagegen„greifen kritisch die Lehre [ ] der Unzerstörbarkeit der Seele wieder auf.“ (ebd. 2009, S.23)

Die verschiedenen Darstellungen weisen auf die unterschiedlichen Ansichten zur Definition des Todes hin, um ihn für die Menschen greifbarer zu machen. Für die Ausführungen der Arbeit soll der Begriff des Todes jedoch als das Ende des menschlichen Lebens und dem Ende aller menschlichen, organischen Funktionen angesehen werden.

1.2 Was ist Trauer?

Trauer ist im Gegensatz zum Tod für jeden Menschen erfahrbar. Jeder sammelt im Laufe seines Lebens spezielle, persönliche Erfahrungen mit Trauer. Trauer steht im Allgemeinen für die schmerzlichen Gefühle und Emotionen, die durch Verlusterfahrungen hervorgerufen werden. Diese Verluste, Trennungen und auch Abschiede werden durch Trauer bewältigt. (vgl. Witt-Loers 2010, S. 16) So wird die Trauer in Verlustmomenten als natürliche, selbstverständliche Reaktion des Menschen angesehen. (vgl. Witt-Loers 2009, S.18)

Neben dem Tod, der wohl eine der schmerzlichsten Trauererfahrungen darstellt, kommt man oft, sogar fast täglich mit Verlusten, Abschieden, Veränderungen und somit auch mit Trauer in Kontakt. Dazu seien, der Abschied von Kindergarten und Schule, der Verlust des Arbeitsplatzes oder des gewohnten Lebensraumes, sowie auch die Trennung von geliebten Menschen, wie die Scheidung von Eltern, als Beispiele benannt. Nur durch das Trauern kann man solche Erlebnisse und Erfahrungen verarbeiten und bewältigen. (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S.26)

In der alt- und hochmitteldeutschen Sprache steht der Begriff der Trauer für das „ [ ] Niederfallen, matt- und kraftlos werden, den Kopf sinken lassen, die Augen niederschlagen.“ (Specht-Tomann,/Tropper 2011, S.34) Beschreibungen, die die Empfindungen und den Gefühlszustand Trauernder bildlich, anhand der Körperhaltung darstellen. Zu trauern bedeutet im Allgemeinen viel Kraft zu verbrauchen, zu leiden und Schmerz zu ertragen. (vgl. Witt-Loers 2010, S.17) Trauer ist vor allem jedoch auch individuell. Jeder Mensch hat seine eigenen Empfindungen und Gefühle und braucht auch seine eigene Zeit um zu Trauern. So können verschiedene Emotionen, wie Verzweiflung, Wut, Hilflosigkeit oder Schuld, Ausdruck für Trauer sein. Gefühlsschwankungen sind dabei bei keine Seltenheit, bei Erwachsen, sowie bei Kindern. (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S.26) Aber auch körperliche, psychische und soziale Veränderungen und Reaktionen, wie Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Albträume, Konzentrationsschwierigkeiten und Abgrenzungen von anderen Menschen können durch Trauer auftreten. (vgl. Witt-Loers 2009, S.18)

Trauer ist kein statischer Zustand. Man versteht darunter eher eine Art Trauerprozess. Um Trauerprozesse besser einordnen zu können wurden Trauerkonzepte, wie zum Beispiel die von John Bowlby oder Verena Kast aufgestellt. (vgl. Witt-Loers 2009, S.19) Diese Trauerkonzepte umfassen verschiedene Phasen. „Es gibt die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens, die Phase der aufbrechenden Emotionen, die Phase des Suchen und Sich-Trennens und schließlich die Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges“ (Specht-Tomann,/Tropper 2011, S.35) Da jedoch, wie bereits beschrieben, die Trauer eines Menschen sehr unvorhersehbar und individuell ist, kann man diese Konzepte beziehungsweise Modelle nur bedingt auf die Wirklichkeit anwenden. Sie stellen eher eine Orientierung dar. (vgl. Witt-Loers 2010, S.31) Nach William Worden, einem amerikanischen Trauerforscher, gibt es innerhalb eines Trauerprozesses bestimmte „Traueraufgaben“. Dabei werden diese Aufgaben nicht in einer feststehenden Abfolge gesehen, „[ .] sondern eher als Themen, die den Trauerprozess prägen und dazu dienen, mit dem Verlust leben zu lernen.“ (Witt-Loers 2010, S.32) Diese Aufgaben können auch eine Orientierung für Menschen sein, die Trauernde begleiten und sie in ihrer Trauerarbeit unterstützen. Zu diesen Aufgaben zählt die Anerkennung der Realität, das Durchleben des Trennungsschmerzes und dessen starken Gefühlen, die Pflege und die Verinnerlichung von Erinnerungen, sowie die Entwicklung eines neuen Selbst- und Weltbildes. (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S.27)

Wird das Trauern unterdrückt und verdrängt, können erhebliche Probleme, Krankheiten und Schäden die Folge sein. Die Trauer kann so pathologisch werden und sich zu schwerwiegenden Depressionen entwickeln. Das Ausleben der Gefühle und Symptome ist deshalb ein wichtiger Bestandteil des Trauerns. (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S.27)

2. Die Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft und der kindlichen Lebenswelt

Die Konfrontation mit den Themen Tod und Trauer ist im Leben eines Menschen in unserer Gesellschaft unausweichlich. Jeder Mensch, egal welchen Alters, egal in welcher Lebenssituation muss sich irgendwann gezwungenermaßen damit auseinandersetzen. Das heißt auch, dass Tod und Trauer keinen Halt vor Kindern machen, die ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft sind.

Jeder ist sich der Präsenz von Tod und Trauer, der eigenen Sterblichkeit bewusst, doch werden diese Gedanken ängstlich, ablehnend, mit Schrecken aus dem Bewusstsein verdrängt, man kann sagen zum Tabu gemacht. (vgl. Daum 2003, S.25) Vor allem auch die Assoziation der Themen Tod und Trauer mit Kindern ist besonders negativ behaftet und wird in unserer Gesellschaft tabuisiert. „Mit Kindern werden Wachstum und Zukunft verbunden, der Tod hingegen steht für das Ende des Lebens.“ (Jennessen 2007, S.2)

Aus diesen Aspekten entwickeln sich verschieden Fragen: Wie und warum kommt es in unserer Gesellschaft überhaupt zu einer Verdrängung, zu dem Schweigen über die Themen Tod und Trauer? Welchen Einfluss hat das in Bezug auf Kinder?

In den folgenden Kapiteln sollen diese Fragen besprochen und erläutert werden. Außerdem soll eine genauere Untersuchung und Betrachtung der Themen Tod und Trauer hinsichtlich der kindlichen Erfahrungswelt vorgenommen werden. Dazu werden Erfahrungen und Vorstellungen mit dem Tod, sowie die Trauer bei Kindern thematisiert.

2.1 Die Stellung des Todes in unserer Gesellschaft

In einer Gesellschaft in der Gesundheit, Vitalität, Leistungsfähigkeit und Spaß hoch ermessen werden, und in der man sich äußerliche „ewige Jugend“ durch Arztbesuche und durch Kosmetik erkaufen kann, sind Gedanken an Themen wie an Tod und an Trauer nicht wirklich erwünscht. Diese „[ ]so genannten Schattenseiten des Lebens [ ]“(Specht-Tomann/ Tropper 2011, S.9), zu denen man auch Krankheiten, Behinderungen, Verluste und Misserfolge zählen kann, haben nur wenig Platz in dieser Gesellschaft. Die Vorstellung vom Tod eines nahe stehenden Menschen oder sogar des Eigenen, löst existenzielle Ängste und Panik aus, entwirft Gedanken über Schmerz, sowie Hilflosigkeit und führt dazu, das Thema zu vermeiden und zu verdrängen. (vgl. Daum 2003, S. 25)

Dass Tod und Trauer trotzdem ein wesentlicher Bestandteil des Alltags sind, ändert an dieser Einstellung wenig. Die regelrechte Gewöhnung an alltägliche Schreckensnachrichten, die Sensationslust an den massenhaften Medienberichten über Tote, die gewaltvollen Fernsehsendungen, das Interesse an dem anonymen Unfall in der Nähe des Wohnortes, verhindern nicht, dass es trotzdem eine Ausgrenzung „[ ]der Todesproblematik aus dem persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leben [ ][gibt], die in unterschiedlicher Form in unterschiedlichen Bereichen in Erscheinung tritt.“ (Jennessen 2007, S.7) So entsteht durch das Wegschieben dieser zentralen, persönlichen Lebenserfahrungen nicht selten eine Art Ohnmacht, eine Hilf- und Sprachlosigkeit im Umgang mit den Themen. (vgl. Specht-Tomann/ Tropper 2011, S.8)

Dass es Menschen gibt, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen oder die sich indirekt, durch den Abschluss einer Lebensversicherung, oder der Formulierung eines Testaments mit dem Thema Tod auseinandersetzen, soll nicht außer Acht gelassen werden. Dass im Alltag der meisten Menschen aber die Beschäftigung mit dieser Problematik nicht selbstverständlich stattfindet, sondern eher schweigend hingenommen wird, ist festzustellen. (vgl. Jennessen 2007, S.9) Grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten haben auf diese Einstellung wesentlichen Einfluss genommen.

2.1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in Bezug auf die Themen Tod und Trauer

Die Tabuisierung und die Verdrängung der Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft wurden und werden durch verschiedene Faktoren, wie zum Beispiel die Institutionalisierung des Todes, beeinflusst. Das Sterben und der Tod eines Menschen finden heutzutage normalerweise nicht mehr in der eigenen Familie, im eigenen zu Hause statt. Diese Ereignisse und die Aufgaben die dadurch entstehen, werden an Institutionen abgegeben, die die Beschäftigung mit Kranken, Sterbenden und Toten und die Themen Tod und Trauer zu ihrem Beruf gemacht haben. (vgl. IGSL 1999, S.13) Durch die möglicheVerlagerung der Probleme und Aufgaben, die durch alte Menschen, Kranke, Sterbende und Tote entstehen, in Krankenhäuser, in Altersheime, in Seniorenresidenzen und an Bestattungsunternehmen, ist eine persönliche Auseinandersetzung nur noch sehr selten möglich und sicher auch nur noch selten gewollt. In unserer Gesellschaft wird hauptsächlich hinter verschlossenen Türen gestorben. Erwachsene und vor allem auch Kinder kommen so immer weniger in den Kontakt mit den Themen Tod und Trauer. Die Verlagerung des Todesortes und das Abgeben der Organisationsaufgaben in Hinsicht auf einen Verstorbenen haben viele Gründe. Der, im Sterbeprozess und Todesfall, große psychische, körperliche, zeitlich und räumliche, sowie organisatorische Aufwand kann heutzutage von den Verwandten oft nicht mehr getragen werden. Veränderte Sozialstrukturen, weg von der Mehrfamiliengeneration in einem Haus, hin zur Kleinfamilie oder allein erziehende Eltern, lassen die Pflege Sterbender ebenso nicht zu und verhindern somit eine natürliche Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch nach dem Tod eines Menschen ist es in unserer Gesellschaft normal geworden, alle weiteren Prozesse und Aufgaben im Zusammenhang mit dem Tod an professionelle Bestattungshäuser abzugeben. Alle Vorbereitungen zur Beisetzung des Toten werden übernommen und müssen nicht mehr selber durchgeführt werden. „Die Bestattung wird zu einer Dienstleistung durch professionelle Helfer, die den Angehörigen jedoch die Möglichkeit nimmt, konkrete Erfahrungen im Umgang mit dem Leichnam zu sammeln.“ (ebd. 2007, S.13) Neben dem Aufwand und der Belastung ist aber auch definitiv die Verdrängung des Sterbens, des Todes, auch des Eigenen, die Angst vor Krankheiten und Trauer aus den Köpfen der Menschen, ein wesentlicher Grund für diese Institutionalisierung. (vgl. Jennessen 2007, S.12 /13)

Durch die gestiegene Lebenserwartung, die modernen medizinischen Möglichkeiten und die umfassende Versorgung wird die Erfahrung des Todes, eines nahe stehenden, wichtigen Menschen, außerdem auch meist erst im Erwachsenenalter erlebt, was die Tendenz zur Verdrängung des Todes verstärkt. (vgl. Hörning/ Leppin 2005, S.5) Deutsche sehen heutzutage im Durchschnitt erst mit über vierzig Jahren zum ersten Mal einen richtigen Leichnam, und selbst dann ist die Auseinandersetzung mit dem Toten nur sehr passiv und distanziert. (vgl. Hinderer/ Kroth 2005, S.9) „Wenn eine Gesellschaft jeden persönlichen Kontakt zum Sterbenden und zum Toten allmählich verliert, braucht sich niemand mehr über die Ausbreitung von Unsicherheiten, Berührungsängsten und Neurosen zu wundern.“ (Daum 2003, S.25)

Ein weiterer Grund für die Tabuisierung und auch Verdrängung der Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft ist die zunehmende Säkularisierung und der damit verbundene Rückgang von Riten und Bräuchen im Umgang mit Tod und Trauer. Die Säkularisierung, die Ablösung der Menschen, der Gesellschaft aus der kirchlichen Bindung, hat zur Folge, dass es in Bezug auf die Themen Leben und Tod, sowie Trauer keine wirklich allgemein gültigen, gemeinschaftlichen Orientierungen mehr gibt. Das bedeutet, dass ein gemeinschaftlicher Zusammenhalt und eine wegweisende Ausrichtung gegenüber der Thematik nicht mehr vorherrschend sind und jeder Mensch alleine einen Weg finden muss, um Tod und Trauer zu bewältigen. (vgl. Jenessen 2007, S.9) Dazu gehört auch das traditionelle Riten und Bräuche in Vergessenheit geraten und verloren gehen. Rituale und Bräuche in Bezug auf Tod und Trauer stellen eine Möglichkeit dar, dem Verstorbenen zu gedenken und gemeinschaftlich zu trauern. Man kann so den Abschied vorbereiten und gestalten. Rituale und Bräuche geben Stabilität und Halt. (vgl. Witt-Loers 2010, S.109) Heutzutage wird diese Chance der Auseinandersetzung mit Tod und Trauer kaum noch genutzt. Wurde früher der Leichnam des Toten gewaschen und aufgebahrt, gemeinschaftlich für den Toten gebetet und getrauert, findet heute davon nur noch selten etwas statt. Im Zuge der Säkularisierung wurden vor allem auch kirchliche Zeremonien abgeschafft und ersetzt. Der Prozess des Abschiednehmens vom Toten und des Trauerns hat sich dadurch mehr und mehr privatisiert und findet hinter verschlossenen Türen statt. (vgl. Jenessen 2007, S.9) Wenn jemand verstirbt, stellen die bestehenden Rituale, wie die Trauerfeier und die Beerdigung meist die einzigen Momente, Stunden dar, in denen die Trauer wirklich mit der Öffentlichkeit geteilt und gemeinschaftlich getrauert wird. (vgl. Singerhoff 2006, S.72). Auch schwarze Trauerbekleidung, die ein Zeichen für den schmerzlichen Verlust, den Todesfall, sein sollte, wird heute, wenn überhaupt, meist nicht länger als bis zum Tag der Bestattung getragen. Trauernde werden daher auch nicht mehr wie früher, direkt erkannt und erfahren daher auch weniger Rücksicht und weniger Unterstützung von ihrem Umfeld. (vgl. Jenessen 2007, S.9) Dass auch Menschen anderer kultureller Überzeugungen, wie zum Beispiel die Gothikbewegung, vornehmlich schwarze Kleidung tragen, erschwert die öffentliche Erkennung und Identifikation Trauernder ebenso.

Da unsere Gesellschaft auch durch hohe Leistungsansprüche und Schnelllebigkeit geprägt ist und ein schnelles oft Wiedereinsteigen in den üblichen Alltag verlangt wird, ist es auch nicht möglich, genügend Raum und Zeit zum Trauern zu haben und Rituale und Bräuche wie früher voll auszuleben. (vgl. Witt-Loers 2010, S.18) Dieses Aussterben der öffentlichen, gemeinschaftlichen Rituale in unserer Gesellschaft, die den Trauernden Orientierung, Halt und Ausdruck für Gefühle gaben, führt dazu, dass der Umgang mit Tod und Trauer noch unsicherer wird und die Themen immer mehr verdrängt und tabuisiert werden.

Auch die mediale Überreizung, die Darstellung des Todes im Zusammenhang mit Gewalt, als Unfall, im Krieg, bei Naturkatastrophen und die Präsentation des Todes in Zeichentrickserien, in denen Figuren sterben, um kurz darauf wieder lebendig aufzustehen, hat einen Einfluss auf die Einstellung und die Verdrängung des Todes in unserer Gesellschaft. Die Darstellung eines natürlichen Todes in den Medien scheint nur wirklich im Zusammenhang mit einer berühmten Persönlichkeit interessant zu sein. So wird der Eindruck erweckt, dass der Tod, der in Filmen und dem Fernsehen, aber auch in anderen Medien dargestellt wird, weit weg von uns ist und uns nicht betrifft. Eine emotionale Auseinandersetzung und der richtige Umgang mit Tod und Trauer werden so eher verhindert. Der Tod wird nicht realistisch und/ oder verharmlost dargestellt. (vgl. Hinderer/ Kroth 2005, S.10) Dass durch diese irreführenden Darstellungen in den Medien die Distanz zum Tod wächst, scheint kein Grund zu sein, das zu ändern. Vor allem auch Kindern und Jugendlichen geht durch die Darstellungen des Todes in den Medien ein wesentlicher, unverfälschter Bezug auf diese Themen verloren. Eine kindergerechte Darstellung ist nur selten, fast gar nicht auffindbar. (vgl. Specht-Tomann/ Tropper 2011, S.8)

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Details

Seiten
58
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656312048
ISBN (Buch)
9783656313533
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202999
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Sachunterricht Grundschule Kinderliteratur Tod Trauer

Autor

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