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Die Biermann-Ausbürgerung im literarischen Feld der Deutschen Demokratischen Republik

Seminararbeit 2012 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Einordnung der Biermann Ausbürgerung in die Theorie des literarischen Feldes
2.1 Bourdieus Feldtheorie in Bezug auf die DDR und ihre Literatur
2.2 Die Kritik an Biermann und dessen Ausbürgerung am 13.11.1976
2.3 Biermann und die Folgen der Ausbürgerung - Kapitalgewinn vs. Kapitalverlust

3 Weitere Akkumulierung von kulturellem Kapital nach der Wende

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Biermann, der sich schon seit langem durch seine Handlungen von den Verpflichtungen eines Staatsbürgers der DDR entfernt hatte, hat sich mit seinem Auftritt in Köln praktisch selbst ausgebürgert. Unser Staat hat nur besiegelt, was Biermann selbst vollzog .[1]

Der Fall „Wolf Biermann“, wie man ihn zur Zeit der Deutschen Demokratischen Republik titulierte, sorgte speziell am 17.11.1976 für enorme Unruhe in den Reihen der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Dieser Lyriker und Liedermacher wurde erst nach dem Kölner Konzert am 13.11.1976 in der Bevölkerung der DDR bekannt. Durch die Übertragung des Konzertes einige Tage später im „Fernsehen der DDR“, welches durch die ARD ausgestrahlt wurde, stieg sein Bekanntheitsgrad exponentiell an. Nachdem die Behörden sich festgelegt hatten, Wolf Biermann nicht mehr in sein „Vaterland“ zurückkehren zu lassen, ließ eine Petition von namhaften Künstlern einen kulturellen Widerstand in der DDR entstehen gegen die getroffene SED-Entscheidung. Lösungen mussten gefunden werden, damit die Kün-stlerszene diese Petition zurücknahm. Der propagandistische Effekt, den Sozialismus zu fördern, welcher durch die Medien beeinflusst wurde, sollte nicht zur Stagnation gebracht werden. Der „kulturelle Tod“, der aus den Repressalien der SED gegen die Petenten entstand, musste vermieden und die Öffentlichkeit zur Ruhe gebracht werden. Durch die Ausweisung Biermanns kam es zu teilweise kritischen Reaktionen innerhalb der Kultur, der Gesellschaft, und sogar in der Politik. Diese Kritik einiger Politiker kam jedoch erst nach der Wende durch entsprechende Äußerungen zum Vorschein.

Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann soll in dieser Arbeit auf der Grundlage der Theorie des literarischen Feldes von Pierre Bourdieu verhandelt werden. Dabei wird auch Biermanns soziale Stellung in dem politischen Feld der DDR eine besondere Rolle spielen, da sein symbolisches Kapital durch die Ausbürgerung eine neue Qualität bekam, welches die DDR in den „kulturellen Untergang“ führte. Ebenso soll die DDR-Literatur aus Bourdieus Sicht näher untersucht werden, um eine Zweiteilung der internen Gruppierung der Autoren der DDR vorzunehmen, die sich in Opposition und Affirmation aufteilen.

Kurz nach seiner Ausbürgerung erschienen die ersten Publikationen, die das Leben von Biermann in der DDR und sein kritisches Verhalten zur Politik beschrieben. In dieser Arbeit wurde auf diese ersten Publikationen bewusst verzichtet, da Biermanns heutige Sichtweise durch die Auswertung seiner Stasi-Unterlagen aktueller ist als kurz nach seiner Ausbürgerung. Erst nach der Wende konnte er in diese umfangreichen Protokolle Einblick bekommen, die seine Vorahnungen in Bespitzelungssachen unterstützten, ihn aber auch verwunderten.[2] Ab 1990 beschäftigten sich bekannte Autoren wie Dietmar Keller oder Jay Rosellini mit dem Leben, der Ausbürgerung und den dazugehörigen Protokollen von Wolf Biermann. Das Resultat war, dass viele Publikationen über sein Leben und speziell über seine Ausbürgerung herausgebracht wurden, die für diese Arbeit, aufgrund ihrer Aktualität, bevorzugt verwendet wurden.

Um die Biermanngeschichte mit der Theorie von Bourdieu erfassen zu können, muss auch Pierre Bourdieu kurz vorgestellt werden. Bourdieu war ein französischer Kultursoziologe. Seine wichtigsten Werke sind „Die feinen Unterschiede“ und „Homo Academicus“, in denen er seinen Schwerpunkt auf die kultursoziologischen Forschungen legte. Publikationen, speziell zum literarischen Feld der DDR, sind nur spärlich vorhanden. Bourdieu prägte die Begriffe „Habitus“, „symbolisches Kapital“ u.v.m. und entwarf die Theorie des literarischen Feldes. Diese Begriffe werden ausführlich im ersten Teil des Hauptteils geklärt. Aus dieser Theorie des literarischen Feldes werden sich eine Reihe von Fragen ergeben, wie zum Beispiel, ob die DDR-Literatur und Kultur sich überhaupt mit dieser Theorie beschreiben lässt und ob Biermann eine besondere Stellung in diesem Feld zugesprochen werden kann. Seine soziale Stellung und die Bestimmung seines „Kapitals“ werden bei der Beantwortung dieser Fragen entscheidend sein.

Doch wie kam es dazu, dass eine Person, die ein Land liebte, in dem die Theorie des Kommunismus verwirklicht werden sollte, dieses im Laufe der Jahre immer mehr kritisierte? Konnte Biermann mit der Art und Weise seines Protestes eine Änderung im politischen Feld erreichen und wenn ja, wie beeinflussten diese Auswirkungen das literarische Feld der DDR-Kulturschaffenden? Kann es eine einzelne Person schaffen, einen Staat in seinen politischen und kulturellen Grundfesten zu erschüttern und seinen kulturellen Untergang auszulösen? Es wird sich herausstellen, wie das kulturelle Kapital der DDR sich auflöste und wie auch ihr politisches Kapital einen langsamen „Tod“ erfuhr.

2 Die Einordnung der Biermann Ausbürgerung in die Theorie des literarischen Feldes

Im Folgenden wird die Theorie von Pierre Bourdieu näher erläutert und anschließend das literarische Feld der DDR beschreiben. Der zweite Abschnitt des Hauptteils wird einen kurzen geschichtlichen Abriss der Ereignisse um Wolf Biermann aufzeigen, welcher die Kritik an ihm vor dem Jahre 1976 und dessen Ausbürgerung mit der dazugehörigen Künstlerpetition beinhaltet. Im dritten Teil der Arbeit wird die Frage geklärt, ob die DDR durch die Ausbürgerung an kulturellem und politischem Kapital verlor und Biermann zugleich sein symbolisches Kapital steigern konnte.

2.1 Bourdieus Feldtheorie in Bezug auf die DDR und ihre Literatur

Pierre Bourdieu verkündete 1989 in einer Vorlesung an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften des Zentralkomitees (ZK) der SED in Berlin:

Ich denke hier in der Tat an diese Unterart des sozialen Kapitals, die man politisches Kapital nennen kann, und die ihren Besitzer eine Form von privater Aneignung öffentlicher Güter und Dienstleistung […] sichert.[3]

Bourdieu entwarf in dieser Vorlesung eine neue Form des Kapitals für die DDR. Somit konnte auch ein sozialistisches Staatsgefüge in seine Theorie eingebunden werden. Er unterscheidet Kapital[4] in vier Formen: ökonomisches, kulturelles, soziales und das symbolische Kapital. Das ökonomische Kapital umfasst jede Form des materiellen Besitzes wie finanzielle Mittel, Waren und Güter. Das kulturelle Kapital kann semantisch umfassender betrachtet werden als das finanzielle Kapital, denn es beinhaltet sowohl kulturelle Interessen, Fähigkeiten als auch institutionalisierte Titel, die ein Mensch in seinem Leben erworben hat. Diese Kapitalform zeichnet sich auch durch die Erziehung und das Wissen des Individuums aus. Soziales Kapital beschreibt Bourdieu als kurze oder dauerhafte Beziehungen, die das Individuum in seinem Leben knüpft. Die Symbiose aus diesen drei Kapitalformen bildet das symbolische Kapital, das durch Machtausstrahlung nur auf ein bestimmtes Feld beziehbar ist. Jede dieser drei Kapitalformen kann symbolisches Kapital sein, da es auf Anerkennung anderer Mitstreiter im jeweiligen Feld beruht und der Akteur mit dem symbolischen Kapital Macht erlangt.[5]

Desweiteren entwickelte Bourdieu den Feldbegriff. Nach der Theorie ist ein Feld dynamisch und besitzt räumliche Komponenten mit verschiedenen Polen, die sich gegenseitig anziehen, vergleichbar mit einem Gravitationsfeld. Der Bezugspunkt des Feldes ist jedoch nicht die „Gesellschaft“, sondern das „Soziale“, was eine Gesellschaft eigentlich ausmachen sollte. Diese Pole stehen unmittelbar in Verbindung mit den anderen Polen und stehen sich konkurrierend gegenüber. Eine Veränderung eines Pols bringt auch eine Veränderung der anderen Pole mit sich. In diesem Feld spielen die verschiedenen Kapitalarten eine entscheidende Rolle, da durch sie Macht- und Einflussbeziehungen entstehen. Jeder Akteur strebt in seinem Feld, in dem er selber agiert, nach dem größtmöglichen Machtgewinn.[6]

Jede Person besitzt in dem jeweiligen Feld, welchem sie zugeordnet wurde, einen bestimmten Habitus. Dieser Habitus ist durch Handlungsmuster und Bewertungsschemata beschrieben, die das Individuum sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat und der es auch weiter im Feld prägen wird. Bei dem Begriff „Habitus“ handelt es sich grundsätzlich um Verhaltensweisen und dem Erscheinungsbild des Individuums im sozialen Feld, welches vom Individuum selbst unbewusst wahrgenommen und durch soziale Einflüsse gelenkt wird. Das Feld und der Habitus stehen immer in direkter Verbindung und ergeben nur gemeinsam einen Sinn. Der Habitus übernimmt die Rolle des Vermittlers zwischen Struktur und Handlung, genauer gesagt, soll der Unterschied zwischen Individuum und Gesellschaft festgestellt werden.[7]

Wenn vom literarischen Feld die Rede ist, dann handelt es sich um ein Feld, in dem sich ein Kulturschaffender bewegt. Er sieht sich als Schriftsteller oder Künstler und bewegt sich mit seiner Arbeit automatisch in diesem Feld. Die Schriftsteller sind im literarischen Feld dominant, weil sie über kulturelles Kapital verfügen. Ein Politiker bewegt sich bspw. dominant mit seinem politischen Kapital in einem politischen Feld und ein Lehrer mit seinem schulischen Kapital in einem schulischen Feld usw. Wenn man nun auf das literarische Feld der DDR zu sprechen kommt, dann wird sich herausstellen, dass es auch dort zwei Pole gab, die durch ein gemeinsames Inte-resse charakterisiert waren und der eigentlichen Felddefinition von autonomen Feldern widersprachen. Aus dem politischen System der DDR entstanden zwei Pole, die durch unterschiedliche Auffassungen der Schriftsteller und Künstler zum System geprägt waren. Im Jahr 1989 schrieb Bourdieu der DDR politisches Kapital zu, welches die Schreibenden in ihren Publikationen steuerte.[8] Das literarische Feld war immer abhängig von den Vorgaben des politischen Feldes. In der Praxis bedeutete dies, dass gerade in den frühen Jahren der DDR die Schriftsteller sozialistische Texte verfassten, die die Bevölkerung von der Grundidee des Marxismus-Leninismus überzeugen sollten. Beispielhaft für diese ideologische Propaganda in der Literatur stand der „Bitterfelder Weg“.[9] Die Entwicklung des literarischen Feldes zeigt, dass das politische Feld immer mehr Macht durch Verbot und Zensur auf die Literatur ausübte.

Um eine anerkannte Position im literarischen Feld einnehmen zu können, war es zuerst notwendig, seine drei Kapitalarten in symbolisches Kapital zu konvertieren, um seine jeweilige Vormachtstellung zu festigen. Jedoch musste zuerst die eigene Position im literarischen Feld gefestigt werden. Bourdieus Theorie besagt, dass es sicherer erschien, wenn man sich in einer Gruppe zusammenschloss, um diese Position mittels kulturellen Kapitals, was in einer Gruppe bei weitem größer ist, zu verteidigen. Die einzelne Person gilt in seinem Sinne als zu schwach. Jedoch muss das soziale Feld zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern auch stimmen.[10]

Wie ist das nun auf Wolf Biermann zu projizieren? Immerhin war er alleiniger öffentlicher und direkter Kritiker des Systems und hatte nur die ebenfalls systemkritischen Wissenschaftler Robert Havemann und den Komponisten und Autor Hanns Eisler als Unterstützer.[11] Stellt er deshalb einen Sonderfall dar?

[...]


[1] Büro Werner Lamberz hinsichtlich der Ausbürgerungsentscheidung, 19.11.1976. In: Borgwardt, Angela: Im Umgang mit der Macht. Herrschaft und Selbstbehauptung in einem autoritären politischen System. 1. Aufl. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, S. 461.

[2] Biermann, Wolf: Das schlimmste war die Entmündigung. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,447688,00.html (08.02.2012)

[3] Bourdieu, Pierre: Die Intellektuellen und die Macht. Hamburg: VSA-Verlag 1991, S. 37.

[4] Den Begriff des Kapitals entlehnt Bourdieu der Marxschen Theorie.

[5] Vgl. Seljak, Anton: Literatursoziologie. In: Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Ulrich Schmidt. Stuttgart: Reclam 2010, S. 230-235.

[6] Vgl. Ohlerich, Gregor: Sozialistische Denkwelten. Modell eines literarischen Feldes der SBZ/DDR 1945 bis 1953. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2005, S. 67.

[7] Vgl. Seljak 2010, S. 231.

[8] Siehe Kapitel 2.1, S. 3.

[9] Vgl. Ohlerich, Gregor: Erik Neutschs Ästhetikkonzept als Sollbruchstelle von relativer Autonomie und Parteilichkeit. In: Literarisches Feld DDR. Bedingungen und Formen literarischer Produktion in der DDR. Hrsg. von Ute Wölfel. Würzburg: Königshausen & Neumann Verlag 2005, S. 105-122.

[10] Vgl. Ohlerich 2005: Sozialistische Denkwelten, S. 65 f.

[11] Vgl. Borgwardt 2002, S. 395.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656288367
ISBN (Buch)
9783656289326
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202958
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
biermann-ausbürgerung feld deutschen demokratischen republik

Autor

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