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Nacktprotest als politisches Kommunikationsinstrument. Zwischen grenzenloser Protestbereitschaft und sexueller Selbstinszenierung

Bachelorarbeit 2012 46 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte starker Frauen
2.1 Begriffserläuterungen
2.2 Historische Frauenbewegungen
2.2.1 Die erste Welle oder auch die „klassische“ Frauenbewegung
2.2.2 Die zweite Welle oder auch die „neue“ Frauenbewegung
2.2.3 Die dritte Welle

3. Der Exkurs Türkei
3.1 Die türkische Frauenbewegung
3.2 Die türkische Gesellschaft und das Bild der Frau

4. Femen - eine neue Bewegung etabliert sich

5. Bildinterpretation
5.1 Nacktprotest in Istanbul mit drei blonden Frauen
5.1.1 Objektebene
5.1.2 Ordnung der Objekte
5.1.2.1 Bedeutungen
5.1.2.2 Sinn
5.1.3 Inszenierung der Objekte (mise-en-scène)
5.1.4 Bildungstheoretisch orientierte Analyse der Selbst- und Weltreferenz
5.2 Protesteingriff einer Gegnerin
5.2.1 Objektebene
5.2.2 Ordnung der Objekte
5.2.2.1 Bedeutung
5.2.2.2 Sinn
5.2.3 Inszenierung der Objekte (mise-en-scène)
5.2.4 Bildungstheoretisch orientierte Analyse der Selbst- und Weltreferenz

6. Femen - ein neues Bild der starken Frau?

7. Die zukünftigen Erfolgschancen der Nackten - ein Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Nacktheit polarisiert - das ist schon immer so gewesen. Die Thematisierung von Nacktheit ist so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Bereits im christlich-abendländischen Kontext wird in der Bibel frühzeitig auf den Reiz des Verborgenen eingegangen. Als Eva von dem verbotenen Apfel aß und ihn an Adam weiterreichte, erlangten sie beide die Er- kenntnis, dass sie nackt waren. Der Umgang mit Nacktheit hat sich insbesondere in den letzten Jahren stark geändert. Wohingegen unsere Großeltern schon beim Anblick eines entblößten Oberschenkels Hitzewallungen erfuhren, ist es heute nicht zuletzt auf moderne Medien zurückzuführen, dass wir täglich mit diesem Thema konfrontiert werden und dem- nach eine aufgeschlossenere Haltung diesbezüglich einnehmen. Werbekampagnen präsen- tieren wohlgeformte Dekolletés, knackige Hintern und durchtrainierte Oberkörper, die nicht zwangsläufig von der Bekleidungsindustrie angesetzt sein müssen, sondern der Ver- marktung beinahe aller Produkte dienen. Auch Kinofilme ohne hitzige Liebesszenen oder Offenbarung intimer Körperpartien berühmter Hollywoodstars lassen den nach sexuellen Reizen geradezu lechzenden Besucher häufig enttäuscht zurück. Trotzdem wird Nacktheit weiterhin überwiegend dem privaten Bereich zugeordnet und somit als öffentliche Insze- nierung meist auf Werbung oder Spielfilme beschränkt.

Als eher außergewöhnliche Kombination wird Nacktheit zusammen mit Politik wahrge- nommen, was in der Vergangenheit schon mehrfach in Form von Nacktprotesten die öf- fentliche Aufmerksamkeit erregt hat. Seit Kurzem sorgt eine neue Frauenbewegung na- mens Femen europaweit für Schlagzeilen. Junge ukrainische Frauen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen, setzen während oben-ohne Protestaktionen gezielt ihre nackten Körper in Szene, was gerne von Printmedien und dem Internet in Beiträgen mit spektakulä- ren Fotos für bilderaffine Rezipienten aufbereitet wird. Dass Feministinnen zuvor jahre- lang gegen die Objektivierung von Frauen angekämpft haben, scheint dem Ganzen einen widersprüchlichen Beigeschmack zu geben. Inwieweit Femen dennoch als moderne Frau- enbewegung gesehen werden kann und ob die Präsentation nackter Frauenkörper eine öf- fentliche Thematisierung gesellschaftskritischer Probleme fördert, oder die sexuell ange- hauchte Bilderflut eher die Reize der Aktivistinnen zentriert und die Protestbotschaft somit überschattet, soll im Verlauf dieser Arbeit herausgearbeitet werden.

Nach einer kurzen Definition der grundlegenden Begriffe werden zu Beginn die Merkmale vorangegangener Frauenbewegungen angeführt. Ein knapper Exkurs über die Türkei stellt darauf aufbauend Informationen für die spätere Analyse bereit, die Intentionen von Femen werden im Anschluss vorgestellt. Eine Bildinterpretation zweier Fotos, die während einer Protestaktion in Istanbul entstanden sind, soll die zentral gesetzten Kriterien der Bildkommunikation offen legen. Hierfür wurde ein vierstufiges Interpretationsmodell angewendet, welches in seinem Ursprung auf den Kunsthistoriker Erwin Panofsky zurückgeht (vgl. Panofsky, 1980). Letztendlich wird herausgearbeitet, inwieweit Femen aufgrund ihrer organisatorischen und charakteristischen Merkmale im Vergleich zu anderen Frauenbewegungen als neue Feministinnen bezeichnet werden können und welche kommunikativen Besonderheiten anhand der Bildinterpretation hervorgehoben werden.

2. Die Geschichte starker Frauen

Bevor auf die Geschichte der Frauenbewegungen eingegangen wird, erfolgt zunächst eine grundlegende Erläuterung wichtiger Begriffe, die einem besseren Verständnis dienen sol- len. Anschließend wird die allgemeine Geschichte der Frauen kurz erläutert, ohne jedoch globale oder kulturelle Besonderheiten herauszuarbeiten. Auch von einem Vergleich ver- schiedener Strömungen untereinander wird abgesehen, da der Fokus auf der Beleuchtung des Wesentlichen gerichtet ist und lediglich ein grober Überblick gegeben werden soll.

2.1 Begriffserläuterungen

Frauenbewegungen sind historische Phänomene und beinhalten als soziale Bewegung ein kollektives, bürgerliches Engagement mit dem Ziel des gesellschaftlichen Wandels. Die zentralen Ansatzpunkte liegen in der Beseitigung jeglicher Bevormundung, Ungerechtig- keit und sozialer Ungleichheit gegenüber Frauen (vgl. Gerhard, 2009, S. 6). Diese Sinn- deutung des Begriffs unterbindet eine geschlechtsspezifische Reduktion und verdeutlicht, dass Frauenbewegungen keineswegs aus Zusammenschlüssen homogener Vertreterinnen bestehen müssen. In Deutschland und anderen europäischen Ländern kann die Bewegung in zwei, teilweise auch drei Wellen von Frauenbewegungen zusammengefasst werden (vgl. Lenz, 2010, S. 868). Unterschiedliche Entwicklungen entstanden dadurch, dass alle Frau- enbewegungen in ihrem jeweiligen nationalen Kontext agierten und reagierten (vgl. Bock, 2000, S. 166). Die als ‚alte‘ oder auch ‚klassische‘ Frauenbewegung bezeichnete erste Welle findet ihren Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Ausgangspunkt der zweiten Welle, auch ‚neue‘ Frauenbewegung genannt, lässt sich auf die Jahre 1967/68 zu- rückverfolgen (vgl. Ketering, 2005, S. 5). Seit 1990 läuft die dritte Welle der Frauenbewe- gung, die sich von dem Versuch einer verallgemeinernden Definition von Feminismus verabschiedet hat (vgl. Panza & Potthast, 2011, S. 211).

Für den Begriff Feminismus lässt sich keine einheitliche Definition finden. Ein möglicher Interpretationsansatz lautet: „ Feminismus ist die Theorie der Frauenbewegung “ ( Pusch, 1983, S. 13). Spezifischer fokussiert Feminismus - im Gegensatz zur Frauenbewegung - nicht nur einzelne Anliegen, sondern bezeichnet eine weiter gefasste politische Theorie, die sich mit der Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse beschäftigt. Sie ist mit konkre- ten politischen Zielen verbunden und beinhaltet die Befreiung der Frau von jeglicher ge- sellschaftlicher Diskriminierung, die ihre Ursache in der Reduktion auf geschlechtsspezifi- sche Charakteristika findet. Feministen setzten sich für ein Ordnungs- und Symbolsystem ein, in der der Wert und die Rolle eines Individuums in der Gesellschaft unabhängig von seiner Rasse und seinem Geschlecht bestimmt wird (vgl. Gerhard, 2009, S. 7; vgl. Strahm, 1990, S. 12f.). Hierbei richtet sich Feminismus speziell gegen die Identifizierung von Frauen als untergeordnete Gesellschaftsgruppe der Männerwelt und „ [ … ] l ä sst sich als Ensemble von Debatten, kritischen Erkenntnissen, sozialen K ä mpfen und emanzipatori- schen Bewegungen fassen, das die patriarchalen Geschlechterverh ä ltnisse, die alle Men- schen besch ä digen, und die unterdr ü ckerischen und ausbeuterischen gesellschaftlichen M ä chte, die insbesondere Frauenleben formen, begreifen und ver ä ndern will “ (Hennessy, 2003, S. 155). Bis heute gibt es unzählige Auslegungen und Interpretationen für den Be- griff, der eine einheitliche Erfassung feministischer Theorien unmöglich macht und kein statisches Konzept erkennen lässt. Auf eine Erläuterung einzelner Strömungen von Femi- nismus wird an dieser Stelle aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit verzichtet.

2.2 Historische Frauenbewegungen

Den Anfang der Frauenbewegung bildet der Aufbruch der Frauen in der Französischen Revolution. Erstmals wurden die traditionellen Geschlechterbeziehungen öffentlich in Fra- ge gestellt und in einem politischen Raum gleichsam von Männern und Frauen aller Volks- schichten diskutiert. Bereits bei der ersten Massendemonstration am 5. Oktober 1789, in der sich die Bürger für die Abschaffung des Feudalsystems und für die Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte einsetzten, machten die Frauen mit dem Marsch der Parise- rinnen von Paris nach Versailles Gebrauch von ihrem Recht der Teilhabe am öffentlichen Leben. Das Auftreten der Frauen an diesem „Tag der Weiber“, die hemmungslos, bewaff- net und in Männerkleidern jegliche Regeln und Formen missachteten, hat bis heute bei weiblicher Partizipation in der Gesellschaft einen gewissen Beigeschmack verursacht. Das Ende dieser ersten Revolution wurde mit den Hinrichtungen zahlreicher Verfechterinnen zum Ende des 18. Jahrhunderts eingeleitet (vgl. Gerhard, 2009, S. 15ff.).

2.2.1 Die erste Welle oder auch die „klassische“ Frauenbewegung

Beginnend in Paris im Februar 1848 breitete sich der Aufbruch der Freiheit in Europa aus und brachte vermehrt Frauen hervor, die sich an der Herstellung der neuen politischen Öf- fentlichkeit beteiligen wollten (vgl. ebd., S. 28f.). Als Ursache der ersten Frauenbewegung kann die fortschreitende Industrialisierung gesehen werden, die die Frauen veranlasste, sich gegen die Ungleichheiten hinsichtlich bürgerlicher sowie politischer Rechte zwischen Männern und Frauen einzusetzen. Frauen in Europa wurden Männern untergeordnet, in die häuslichen Sphären verwiesen, auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert und von bürgerlichen Rechten und gesellschaftlicher Partizipation ausgeschlossen (vgl. Lenz, 2010, S. 867ff.). Proletarische Frauen mussten arbeiten, um die Familie versorgen zu können, litten aber aufgrund des verfestigten Rollenmodells, welches den Mann primär als Fami- lienernährer etablierte, unter schlechter Bezahlung. Folglich forderten sie unter anderem gleichen Lohn für gleiche Arbeit und bessere Arbeitsbedingungen (vgl. Poll, 2010, S. 1ff.). Zu dieser Zeit besetzte der Mann üblicherweise den Raum der Öffentlichkeit, der Politik und des Rechts. Die Forderungen der ersten Frauenbewegung sollten demnach die Frau als gleichberechtigte Bürgerin innerhalb der Nation situieren, sie aus der häuslichen Ein- und Unterordnung befreien und ihr weit verbreitetes Bild als geringfügiges Geschlechterwesen destruieren. Auch der Wunsch nach selbstbestimmter Liebe und Sexualität fand durch die Forderung der ‚freien Ehe‘ und Subjektwerdung der Frau bereits in der ersten Welle ihre Thematisierung. Migrantinnen, Kolonisierte und im 19. Jahrhundert auch Arbeiter und Arbeiterinnen erfuhren eine exklusive Ausgrenzung, da sie nicht als Mitglieder der Nation angesehen wurden und ihnen somit kein Gebrauch von Bürgerrechten zustand (vgl. Lenz, 2010, S. 869f.).

Der häusliche Feminismus des 19. Jahrhunderts zeichnet sich vor allem durch Absentismus und Sabotage aus. Durch ihre unterdrückte Stellung in der Gesellschaft nutzen die Frauen als Widerstandsform die Unterlassung, welche zum einen die Selbstzerstörung als Flucht in eine Krankheit, zum anderen auch die indirekte Schaffung größerer Freiräume durch weni- ger Geburten implizierte. Dabei stützen sie sich auf ihre sexuelle Triebschwäche und ver- langten von ihren Männern Enthaltsamkeit (vgl. Heintz & Honegger, 1981, S. 100).

2.2.2 Die zweite Welle oder auch die „neue“ Frauenbewegung

Der Ausgangspunkt der zweiten Welle lässt sich auf die Jahre 1967/68 ansetzten und geht auf die Vereinigten Staaten zurück, wodurch er als Befreiungsversuch in einem internatio- nalen Kontext zu bewerten ist (vgl. Frei Gerlach, 1998, S. 25). Demnach ging das Wo- men ’ s Liberation Movement zum einen aus den Studentenbewegungen der sechziger Jahre hervor, die als antiautoritäre, antiimperialistische und antikapitalistische Bewegung auftrat und einen allgemeinen gesellschaftlichen Umbruch forderte. Zudem verlangte die anwach- sende Frustration werkstätiger Frauen, die noch immer schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt waren, sowie Frauen allgemein, die eine Existenzberechtigung allein durch ihre Rolle als Hausfrau und Mutter nicht länger akzeptierten, nach einer gesellschaftlichen Ver- änderung (vgl. ebd., S. 25). Im Gegensatz zur klassischen Frauenbewegung wurde die zweite Welle durch internationale Kommunikation geprägt und war durch Provokation gekennzeichnet, die sich in Gruppennamen wie Bitch (Luder) oder Witch (Hexe) ausdrück- te (vgl. Bock, 2000, S. 317).

Die Besonderheit bestand in dem übergreifenden und internationalen Motto „Das Persönli- che ist politisch“, welches vor allem gesellschaftliche Tabuthemen in die Öffentlichkeit transportieren sollte. Vor allem die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung hatte in- ternational nach der Abschaffung des Abtreibungsverbots verlangt und zur Massenbewe- gung von Frauen und Männern geführt, aber auch die Tabuisierung und faktische Straflo- sigkeit sexueller Gewalt in Beziehungen stand auf der Agenda (vgl. Lenz, 2010, S. 870f.). Um 1988 protestierten erstmals auch Afroamerikanerinnen gegen die Dominanz weißer Frauen, was die Bevölkerung weltweit für nationale, ethische und religiöse Unterschiede bezüglich weiblicher Bedürfnisse sensibilisierte und eine neue Geschlechterdebatte her- vorbrachte, an der erstmals alle Bürgerinnen und Bürger teilnehmen konnten. In ihrer Ge- samtheit gesehen war auch die neue Frauenbewegung geprägt durch heterogene Inhalte und Vorgehensweisen. Unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Prioritäten wurden verfolgt und es sollte zum einen für alle Frauen gesprochen werden, zum anderen aber wa- ren die Individualisierung, die Subjektivität und Raum zur Selbstentfaltung ein zentrales Anliegen (vgl. Bock, 2000, S. 323).

2.2.3 Die dritte Welle

Nachdem die Feministinnen selbst vom Ende der Frauenbewegung sprachen und der An- sicht waren, alle Ziele erreicht zu haben, kam es zunächst zu einer Stagnation der Frauen- bewegungen (vgl. Somersan, 2011, S. 86). Die dritte Frauenbewegung findet ihren Ur- sprung nach der „Ruhephase“ Mitte der 90er Jahre in den USA als sogenannte Third Wave. Zum einen rückten zunehmend die Geschlechterunterschiede in den Vordergrund, aber auch die Unterschiede zwischen den Frauen selbst fanden Berücksichtigung. Transnational wird auch heute noch auf ein gemeinsames Anliegen nach Freiheit und Gleichheit verwie- sen, unabhängig von religiösen, ethnischen, sozialen oder beruflichen Differenzen, was die Individualität der einzelnen Frau in den Vordergrund rückt (vgl. Schmitz & Meyer, 2007, S. 8ff.).

Die große Anzahl neuer Teilnehmerinnen dieser Welle ist nicht zuletzt auf den Aspekt der Betroffenheit und Parteilichkeit zurückzuführen. Neben der persönlichen Betroffenheit kann auch die sogenannte kategoriale Betroffenheit als Auslöser gesehen werden. Dies beinhaltet die Teilnahme durch Zugehörigkeit am weiblichen Geschlecht. Parteilichkeit meint, dass Frauen sich für andere Frauen einsetzen, nicht aufgrund objektiver Bewertun- gen, sondern wegen patriarchalen Machtstrukturen, die es zu durchbrechen gilt, um beste- hende Diskriminierungen zu beseitigen (vgl. Cordes, 1996. S. 107f.). Ein charakteristisches Merkmal der dritten Welle ist die unkonventionelle Partizipation, durch die sich anhand von Bürgerinitiativen, Demonstrationen oder zivilen Ungehorsam öffentlich Aufmerksam- keit zu sichern versucht wird. Empirische Untersuchungen betonen, dass Frauen der Wirk- samkeit konventioneller Partizipationsformen eher kritisch gegenüberstehen (vgl. ebd., S. 58f.). Daher steht die aktuelle Frauenbewegung einer Reihe grundlegender Probleme ge- genüber, die unter anderem auch die Herstellung der Öffentlichkeit und die damit verbun- dene Wirkung auf die globale und nationale Öffentlichkeit beinhalten (vgl. Lenz, 2010, S. 876). Neu ist auch, dass heute nicht mehr kollektiv die Thematisierung von Frauenbewe- gung erfolgt, sondern Einzelpersonen als Repräsentanten in einem Individualisierungspro- zess die Meinung einer ganzen Bewegung vertreten und publizieren (vgl. Flicker, 2008, S. 135), was die anfänglich aufgeführte Definition von Frauenbewegung veraltet erscheinen lässt und eine Distanzierung bezüglich alter Ansichtsweisen erkennbar macht.

Die Globalisierung ermöglicht der Frauenbewegung grenzenlose Kommunikation sowie die Thematisierung internationaler Menschenrechtsverletzungen, gerade in den Bereichen Sexualität und Körper (vgl. Lenz, 2010, S. 875). Es soll auf die in vielen modernen Län- dern noch immer allgegenwärtig patriarchalen Gesellschaftsstrukturen aufmerksam gemacht werden, welche hierarchische Gesellschaftsverhältnisse verursachen, in denen Männer über direkte, beziehungsweise indirekte Gewaltausübung die Herrschaft über Frauen haben (vgl. Cordes, 1996, S. 15ff.). Im europäischen Vergleich sticht besonders die Türkei durch eine tief verwurzelte hegemoniale Männlichkeit hervor (vgl. Somersan, 2011, S. 124), was in einem kurzen Exkurs erläutert werden soll.

3. Der Exkurs Türkei

Da sich der methodische Teil dieser Arbeit - die Bildinterpretation - auf einen Protest in Istanbul bezieht, wird kurz auf die Frauenbewegung in der Türkei eingegangen, wobei das Augenmerk speziell auf die Themen der häuslichen Gewalt und Gleichberechtigung von Frauen gelenkt wird. Anschließend erfolgt eine knappe Erläuterung hinsichtlich charakte- ristischer Merkmale der türkischen Gesellschaft. Dabei steht die Stellung der Frau im Mit- telpunkt, um die Bedeutung der Protestaktion besser verstehen zu können und eine spätere Einordnung des Bildes in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu ermöglichen.

3.1 Die türkische Frauenbewegung

Auch in der Türkei lassen sich drei verschiedene Wellen der Frauenbewegung unterschei- den. Ihr historischer Ursprung geht zurück auf das osmanische Reich in der Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Koç, 2009). Verglichen mit den Frauenbewegungen der westlichen He- misphäre besteht der einzige nennenswerte Unterschied der ersten Welle darin, dass die Türkei die wichtigsten Schritte mit einigen Jahren Verspätung vollzog. Auch die zweite Welle der türkischen Frauenbewegung trat im Vergleich zu europäisch-westlichen Frauen- bewegungen mit etwa fünf bis zehn Jahren Verspätung auf und durchlief auch hier ähnli- che Phasen (vgl. Tekeli, 1997, S. 79f.). Die Gründerinnen waren intellektuelle Frauen aus urbanen Gebieten, die sich in privaten Wohnungen trafen, um ein neues feministischen Bewusstsein zu entwickeln und vorherrschende Ansichten kritisch zu hinterfragen (vgl. Koç, 2009). Dass häusliche Gewalt bereits früh als immenses gesellschaftliches Problem erkannt wurde, beweist die erste legale feministische Straßendemonstration gegen häusli- che Gewalt vom 17.05.1987, aus der sich eine ausgedehnte Kampagne entwickelte (vgl. Tekeli, 1997, S. 78). Da der Ursprung der zweiten Welle auf urbane Gebiete zurückzufüh- ren ist, lässt sich ein Gefälle hinsichtlich ländlicher und städtischer Bevölkerung erkennen, welches bis heute Auswirkungen hat und im weiteren Verlauf Beachtung findet. Feministinnen der ersten und zweiten Welle standen mit Akteuren der westlichen Frauenbewegungen in Verbindung und wurden von deren Ideologie beeinflusst. Allerdings differenzierten sie sich in ihrer Vorgehensweise bewusst durch einen reservierten und damenhaften Kampfstil (vgl. ebd., S. 85).

Seit 1990 versucht die dritte Welle der türkischen Frauenbewegung verstärkt auf die pat- riarchal-hegemonialen Herrschaftsverhältnisse in ihrem Land aufmerksam zu machen und sieht die Familie noch immer als primären Ort des Zwangs und der Unterdrückung für die Frau (vgl. Somersan, 2011, S. 86f.). Ein charakteristisches Merkmal der Türkei ist die He- terogenität der Gesellschaft, die unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppierun- gen und Sichtweisen, welche sich maßgeblich auch auf die Frauenbewegungen auswirken.

„ Gruppen wie Radikalfeministinnen, Anarchafeministinnen, sozialistische Feministinnen, muslimische, kemalistische, kurdische oder armenische Feministinnen oder Frauenbewe- gungen beziehen sich auf unterschiedliche Identit ä ten und Differenzen, die aus den Polari- sierungen um ethnische Fragestellungen sowie um religi ö se und sozio ö konomische Frage- stellungen entstanden sind “ (Bora & Günal, 2002 zit. in Koç, 2009). Zwei wichtige Polari- sierungen zeigen die Diskrepanzen unter den Feministinnen auf. Die kemalistischen Frau- en, zusammengesetzt aus Frauen der oberen Mittelschicht mit meist westlicher Ausbil- dung, fordern unter anderem eine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung unter kemalistischer Reform nach westlichem Vorbild. Dem stehen die autonomen Feministin- nen gegenüber, die sich gegen staatliche Sphären richten und sich aus sozialistischen, radi- kalen und kurdischen Feministinnen zusammensetzen (vgl. Somersan, 2011, S. 100).

Nicht selten verhindern dabei unterschiedliche Ansichten ein angepasstes Leben an westli- che Standards, sowohl im politischen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Der traditio- nelle Islam sieht die Frau primär als Ablenkungsgefahr für die Männerwelt. Verursacht durch ihre sexuellen Reize lenkt sie den Mann von seinen Pflichten gegenüber Gott und der Gemeinschaft ab, was gesellschaftliche Konflikte fördert. Demnach müssen die weibli- chen Reize durch Separierung und Verhüllung kontrolliert werden, was unter anderem durch die Zuordnung der Frau in die private Sphäre geschieht. Die Staatsideologie des Kemalismus hingegen hat einen Großteil zur Beseitigung rechtlicher Ungleichheiten beige- tragen, indem die Bildung von Frauen vorangetrieben und Wege aus der häuslichen Sphäre geschaffen wurden. Separierung und Verschleierung werden als partizipatorische Hinder- nisse definiert und zurückgedrängt (vgl. Braun, 2000, S. 84ff.). Wichtig ist, dass eine Zer- splitterung innerhalb der Frauenbewegung zunächst ein gemeinsames Vorgehen stark ein- schränkt, vor allem wenn es um religiöse und die damit verbundene weibliche Identitäts- frage geht (vgl. Koç, 2009). Seit 2000 ist eine vermehrte Kooperationsbereitschaft und Solidarität der verschiedenen Gruppierungen zu erkennen mit dem Wunsch nach einer neuen gesamtfeministischen Solidaritätsbewegung (vgl. Somersan, 2011, S. 118f.). Auch die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU sowie die Ernennung zum Beitrittskan- didat haben in den letzten Jahren eine nicht zu vernachlässigende Demokratisierungswelle veranlasst (vgl. ebd., S. 91). Allerdings dominiert in manchen Gebieten noch immer eine antifeministische Überzeugung, die von traditionalistisch orientierten Männern wie Frauen vertreten wird (vgl. Tekeli, 1997, S. 90). Problematisch bleibt zudem der Rückstand ländli- cher Gebiete, die bis heute kaum von modernen Erneuerungen profitieren konnten.

Der feministische Aktivismus und die feministische Politik haben bis heute viele Änderun- gen zur Gleichberechtigung in der türkischen Gesellschaft erkämpft. Noch bis vor einigen Jahren herrschte die weit verbreitete gesellschaftliche Überzeugung, dass der Körper der Frau Besitz des Mannes sei. Bedauerlicherweise hat das Fortbestehen solcher Normen bis ins 21. Jahrhundert hinein dazu beigetragen, dass manche Werte in der Gesellschaft auch heute noch tief verwurzelt sind. Bis zum Jahr 2007 wurden insgesamt 35 Artikel geändert, die die sexuelle Autonomie türkischer Bürgerinnen betreffen und das patriarchale Kon- strukt wie Keuschheit, Moral, Schande, öffentliche Sitten und Würde aufrecht erhalten hatten, was nicht zuletzt als große Errungenschaft der Frauenbewegung gesehen werden kann (vgl. ESI, 2007). Aktuelle Schlagzeilen wie „ Aus dem Kreis der 47 Europal ä nder sitzt wie im Vorjahr die T ü rkei an erster Stelle auf der Anklagebank des Europ ä ischen Ge- richtshofes f ü r Menschenrechte (EGMR) “ (vgl. dpa, 2011) unterstreichen allerdings die noch immer als problematisch einzustufende Stellung der Türkei.

3.2 Die türkische Gesellschaft und das Bild der Frau

Charakteristisch für die Türkei ist und bleibt eine hegemoniale Männlichkeit, welche so- wohl auf ein kulturelles Ideal als auch auf institutionelle Macht zurückzuführen ist. Weite Teile der Gesellschaft sind noch immer geprägt durch ein geschlechterhierarchisches Ge- waltverhältnis in der Familie und im Privaten, wodurch Frauen Demütigung und Unterdrü- ckung erleiden. Institutionen wie beispielsweise das Parlament, mit einem männlichen An- teil von über 90 Prozent, sowie der militärische Apparat und auch die Medien tragen ihren Teil dazu bei (vgl. Somersan, 2011, 124f.).

Besonders der Militarismus gilt als einer der Hauptgründe für türkische Männergewalt, das Patriarchat und die hegemoniale Männlichkeit. Bereits in der Grundschulausbildung werden Jungen zu einem Pflichtbewusstsein gegenüber ihrer Nation und auch Familie erzogen, die es um jeden Preis zu beschützen gilt. Durch die stetige Fortführung dieser Tradition fühlen sich Frauen nicht selten sicher und beschützt in den ihnen bekannten patriarchalen Gesellschaftsstrukturen (vgl. ebd., 140ff.). Eventuell lässt sich hier auch ein Grund für die immer noch existierende Befürwortung mancher Frauen finden, die sich offen als Verfechterinnen hegemonialer Männlichkeit aussprechen, diese beibehalten möchten und dem feministischen Aktivismus keinen Sinn aberkennen können.

Bezüglich der Geschlechtergleichheit in Schul- und Ausbildung zeichnet sich noch immer eine enorme Kluft ab, die zusammen mit dem wirtschaftlichen Status von Frauen einen mangelnden Entwicklungsstand unterstreichen. 2007 betrug der Anteil berufstätiger Frauen lediglich zwölf Prozent, was der Türkei trotz ansteigender Urbanisierung den niedrigsten Anteil erwerbstätiger Frauen europaweit einräumt. Migrantinnen, die aus den ländlichen Gebieten in die Stadt ziehen, haben aufgrund fehlender oder schlechter Ausbildung kaum Aussichten auf Erwerbstätigkeit. Studien aus dem Jahr 2007 belegen zudem, dass die Tür- kei noch immer den niedrigsten Frauenanteil unter Parlamentariern in Europa hat (vgl. ESI, 2007). Die Ursachen der geringen politischen Partizipation liegen in der gesellschaftlich zugewiesenen Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau, dem Bildungsmangel und der ge- ringen Erwerbstätigkeit, was das Vertrauen der männlichen Mitbürger gegenüber weibli- cher Politikfähigkeiten enorm begrenzt. Zurzeit können Frauen häufig nur politisch aktiv werden, wenn sie die männlichen Überzeugungen und deren Vorstellungen von hegemo- nialer Politik unterstützen (vgl. Somersan, 2011, S. 153ff.).

Seit Jahren erfährt die sexuelle Selbstbestimmung der Frau eine starke Einschränkung durch die türkische Gesellschaft. Sexuelle Reinheit von Frauen in der türkischen Kultur ist sowohl nach traditionell islamischer Auffassung als auch im kemalistischen Paradigma von äußerster Wichtigkeit (vgl. Braun, 2000, S. 107f.). Auch Nacktheit an sich ist in weiten Teilen der Türkei ein Tabuthema und steht in starkem Kontrast zur zunehmenden Ver- schleierung.

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Details

Seiten
46
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656301288
ISBN (Buch)
9783656302070
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202943
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Schlagworte
Feminismus Nacktprotest Nacktheit Kommunikation FEMEN Politik Bildinterpretation Erwin Panofsky

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Titel: Nacktprotest als politisches Kommunikationsinstrument. Zwischen grenzenloser Protestbereitschaft und sexueller Selbstinszenierung