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Banksy - A genius in the gift shop?

Wie die Transformation von Genievorstellungen im Film “Exit through the gift shop“ (USA, 2010) hilft, die Wahrheit zu verbergen

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Exit through the gift shop

2. Banksy & Mr. Brainwash

3. A Banksy Film

4. A genius in the gift shop?

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Film Exit through the gift shop und soll zeigen, dass er vom Regisseur des Filmes dazu genutzt wurde, eine umfassende Kritik an den Mechanismen des Kunstmarktes zu üben und dabei gleichzeitig den_die Zuschauer_Innen von der Echtheit der erzählten Geschichte zu überzeugen. Inhaltlich möchte ich zunächst eine längere Zusammenfassung des Filmes wiedergeben, bei der sich bereits Anmerkungen zu den dargestellten Geniesymboliken befinden. Danach werde ich auf den Regisseur eingehen, um darzulegen, wie schwierig es ist, eine Person biografisch zu erfassen, die anonym bleiben möchte. Die biografische Darstellung des Hauptdarstellers, die sich im Wesentlichen auf einen Zeitungsartikel stützt, führt zu einer Durchdringung des Filmes, die zeigen wird, welche Intentionen der Regisseur hatte und wie diese in der Handlung umgesetzt wurden. Den Schluss bildet eine Interpretation des Filmes nach den Genievorstellungen, wie sie um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert vorherrschten, wo das künstlerische Genie der Sturm & Drang Zeit mit religiöser Verehrung und Wahnsinn in Verbindung gebracht wurde. Dieser Teil bietet auch die Erklärung, wie der Film durch die Transformation von Genievorstellungen die Zuschauer_Innen von seiner Glaubwürdigkeit als Dokumentation überzeugen konnte.

1. Exit through the gift shop

Exit through the gift shop ist ein als Dokumentation aufgebauter Film aus dem Jahr 2010 unter der Regie eines britischen Künstlers, der nur unter seinem Pseudonym Banksy bekannt ist. Die Handlung des Films wird mittels Interviews der beteiligten Personen und Videoaufzeichnungen verschiedener Videokameras erzählt. Dies unterstützt die Intention des Regisseurs, den Film als Dokumentation über die Geschichte des Aufstiegs des Street Art Künstlers Mr. Brainwash, mit bürgerlichen Namen Thierry Guetta, zu zeigen.

Der Film beginnt mit einem Interview des Regisseurs. Er erklärt, dass er den Film deswegen macht, weil ein Mann eine Dokumentation über Street Art machen wollte, aber an seiner Vollendung nicht so interessiert war wie er selbst, daher habe er die Aufgabe übernommen. Dabei wird Banksy im Gegenlicht als schwarze Silhouette gezeigt, allein in einem Raum auf einen Stuhl, mit einer verzerrten Stimme sprechend. Zur Identifikation seiner Person steht neben ihm ein Behälter, wie er zur Konservierung von Körperteilen benutzt wird, in dem sich die Maske eines Comic - Affenkopfes befindet. Der Affe ist ein immer wiederkehrendes Thema in Banksys künstlerischer Arbeit.

Der Mann, über den Banksy spricht, ist Thierry Guetta. Die einleitende Handlung des Films zeigt Guetta, wie er mit einer Videokamera sein komplettes Leben filmt. Der Grund, wie man später erfährt, ist der Tod seiner Mutter, den er nicht miterlebt hat. Seit er eine eigene Familie hat, erzählt er, habe er das Bedürfnis alles zu filmen, um diese Ereignisse und seine Familie für immer am Leben zu halten. Bei einem Urlaub in seiner ursprünglichen Heimat Frankreich filmt er dadurch seinen Cousin, den Street Artist Spaceinvader. Durch die nächtlichen Streifzüge mit Spaceinvader inspiriert, macht er es sich zur Aufgabe, alle Street Artists der Welt zu filmen. Dies bringt ihn auch zu Shepard Fairey, der seit den 1990er Jahren durch seine „OBEY“ Kampagne bekannt ist. Aus der Frage Faireys heraus, was Guetta mit dem Filmen bezwecke, antwortet er, dass er eine Street Art Dokumentation machen wolle. Aus Interviews mit Guetta erfahren wir jedoch, dass seine eigentliche Intention das Filmen allein ist. Es geht ihm nur darum, etwas auf Film festzuhalten, ohne das Material im Nachhinein verwerten zu wollen. Damit wird das Filmmaterial Guettas zur Dokumentation über die wichtigsten Street Artists der Welt. Mit einer Ausnahme. Banksy.

Der Hauptteil des Filmes beginnt mit einer der Aktionen, die Banksy berühmt gemacht haben - das Aufhängen von gefälschten Bildern in der Tate Gallery in London. Dies wird mit der Einblendung einer Nachrichtensendung mit Videomaterial, dass dem Sender zugespielt wurde, visualisiert. Der Regisseur Banksy zeigt im Folgenden, wie der Dokumentarfilmer Guetta den Street Artist Banksy sucht, dessen größtes Markenzeichen und Kapital seine Anonymität ist und schließlich „findet“. Besser gesagt, Banksy findet Guetta, nachdem er von ihm als optimalen Begleiter zum Auffinden der besten Plätze für Street Art in Los Angeles gehört hat und von Shepard Fairey vermittelt wird. Banksy zeigt sich begeistert davon, dass Guetta die Arbeit der Künstler filmt, da die Arbeiten oft am nächsten Tag verschwinden und er außerdem die Reaktion der Menschen auf seine Aktionen sehen möchte. Guetta wird danach selbst ins Allerheiligste Banksys, seiner Werkstatt in London mitgenommen, wo alle Mitarbeiter Banksys kritisch gegenüber Guetta sind, nur Banksy selbst nicht. Durch gegengeschnittene Interviews Banksys und Guettas sowie den Streifzug durch die Werkstatt wird der Eindruck erweckt, dass sich beide gegenseitig helfen. Guetta hilft Banksy dabei, seine Arbeit und die Reaktion darauf festzuhalten und Banksy hilft Guetta dabei, einen Film über die Geschichte und Akteure der Street Art zu machen - wenn auch nur vermeintlich. Während dieser Phase beginnt durch Interviewaussagen, Handlung und Musik die Verehrung Banksys als künstlerisches Genie. Ein besonderer Moment ist dabei die Visualisierung der Bedeutungslosigkeit von Geld für Banksy, der Millionen von Pfund gefälschter Banknoten in seiner Werkstatt für eine kommende Aktion hortet. Nach der Rückkehr Guettas in seine Heimatstadt LA zeigt er sich plötzlich inspiriert von der Arbeit Banksys. Er beginnt, Banksy und Shepard Fairey durch das Aufbringen von Aufklebern und Plakaten seines eigenen Abbildes mit einer Videokamera in der Hand zu imitieren und in Los Angeles zu verbreiten. Dies endet darin, dass er ein „OBEY“ - Plakat von Shepard Fairey überklebt. Dies widerspricht der Hauptregel des Graffiti[1], die ja als Vorläufer der Street Art gilt. Banksy wird in Folge seiner ersten großen Ausstellung in den USA, Barely Legal im Jahr 2006, zum gefeierten Star der Street Art und gleichzeitig wird diese dadurch von der Straße in die Auktionshäuser transformiert. Street Art wird zu einem großen Geschäft am Kunstmarkt, Banksys Arbeiten werden um mehrere 100.000 Dollar versteigert. Banksy meint im Interview dazu, dass es ihm eigentlich nie um Geld ging, dass Street Art nicht wegen des Geldes gemacht wurde und drängt Guetta, dies mit der Zusammenstellung seines Filmmaterials zu einer Dokumentation über Street Art zu beweisen. In diesem Moment versagt Thierry Guetta, indem er seine Dokumentation aus wirr ausgewählten Szenen seiner nicht beschrifteten Videokassetten zusammenstellt, die in einer Schnittorgie in der Art eines MTV Werbejingles endet. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass es Guetta nie um die Darstellung der Street Art bei seinen Aufnahmen ging (wobei er später im Film gegenteiliges behauptet - „Because I love arts“), sondern um das Filmen selbst. Aus dem Zwang heraus, etwas zu produzieren, stellte er eine massenkompatible Ware ohne künstlerischen Anspruch her, die sich später auch in seinen Werken zeigt. Banksy beschreibt im Interview den enttäuschenden Moment der Sichtung des Films Life.Remote.Control als den Zeitpunkt, wo er sich nicht mehr sicher war, ob Guetta ein Filmmacher oder ein Typ mit psychischen Problemen sei. Er erklärt, dass man das Material aber unbedingt zeigen müsste, und leitet so den großen Wendepunkt des Films ein: Banksy wird mit ihm zu Regisseur, der den für uns sichtbaren Film gestaltet hat und Guetta wird zum Street Art Künstler, der den Ruhm und die geniale Arbeit Banksys noch in den Schatten stellt. Damit wird aber auch zunehmend klar, dass es in diesem Film Ungereimtheiten gibt, die besonders den noch ausstehenden Film Plot betreffen und genauer betrachtet werden müssen.

Folgen wir aber zunächst dem Turn - Over des Regisseurs. Der bisherige Videofilmer und Kleidungsverkäufer Thierry Guetta wird zum Street Artist „Mr. Brainwash“ aka MBW. Einige Monate später wird Guetta als Herr über eine Factory, wie sie Andy Warhol ersann, gezeigt. Diesem diente sein Atelier zur Serialisierung von Bildmotiven, die durch die anonyme Herstellung durch Freunde und Mitarbeiter in der Factory die Vorstellung der Einzigartigkeit der individuellen Künstlerfigur zerstörte. Die persönliche Handschrift fehlt und der Schriftzug dient Warhol als Firmenlogo (Wie im Film MBW).[2] Ohne Erklärung woher er das Geld für die Räume und seine für ihn produzierenden Künstler hat, wird die Methode seiner Arbeit dargestellt. Diese zeichnet sich vor allem durch die Reproduktion von Bildern aus, die aus Kunstlexika genommen werden, und mit Photoshop nachbearbeitet werden. Da er den anderen, mittlerweile durch Ausstellungen etablierten Street Art Künstlern nicht nachstehen will, plant er seine eigene Show in den Räumen der ehemaligen CBS - Studios. Es wird ersichtlich, dass Guettas Interesse nicht in der Verbreitung von Street Art im öffentlichen Raum liegt, sondern an der möglichst öffentlichkeitswirksamen Vermarktung seiner Imitation von Kunst. Damit schreitet die Transformation der Kommerzialisierung der Street Art weiter fort, mit Guetta an ihrer Spitze stehend. Gleichzeitig findet eine Transformation Guettas zum eigentlichen Genie durch den vorgeschalteten Ruhm, der durch den Hype um seine Person entsteht, statt. Dieser Ruhm wird im Vorfeld der Ausstellung noch durch seine einstigen Filmobjekte - Banksy und Shepard Fairey verstärkt, die für seine Show Werbung machen. Mit der Eröffnung der Show sind Publikum, Kritiker und schließlich auch Banksy von Mr. Brainwash begeistert, er bezeichnet ihn als Einzigartig. Zunehmend rückt der Focus von der Arbeit des Künstlers auf den Künstler und seine (nicht vorhandene) Intention selbst .

Am Ende des Films reflektieren Mr. Brainwash, Shepard Fairey und Banksy über den überraschenden, rasanten, aber auch substanzlosen Aufstieg Thierry Guettas als Mr. Brainwash. Guetta als verkanntes Genie verteidigt sich damit, dass die Zeit zeigen werde, ob er ein Künstler ist oder nicht. Fairey meint, aus dem schnellen Aufstieg Guettas könnte man etwas lernen und Banksy sagt abschließend, obwohl er der Überzeugung war, dass jeder Kunst machen sollte der will, er dies nie wieder jemand raten werde. Mit dem Einbruch der mit Life is Beautiful, dem Titel Guettas Ausstellung, besprühten Mauer bricht auch das Lügenkonstrukt des Filmes, dass uns der Regisseur hier unbemerkt untergejubelt hat, zusammen.

2. Banksy & Mr. Brainwash

Um die These zu festigen, dass der Film als Teil einer lange geplanten Aktion Banksys und Faireys zu sehen ist, müssen wir zunächst einen Blick auf die Biografien der beiden Protagonisten Banksy und Thierry Guetta werfen - und stehen vor 2 Problemen. Das erste lautet; wie findet man die biografischen Daten einer Person, die in der Öffentlichkeit nicht erkannt und bekannt werden will?

Ich habe zu Banksys Leben verschiedene Quellen gefunden, die Widersprüchliches aussagen: Julia Reinecke schreibt in ihrem Buch Street Art aus 2007; „Banksy ist 1974 in Bristol (England) geboren. Zeitungsartikel zufolge könnte er Robin oder Robert Banks heißen. Auf Grund der Illegalität seiner Kunst bleibt Banksy jedoch anonym. Mit 14 Jahren, zur Zeit des Writing-Booms der späten 80er, begann Banksy mit Graffiti. Er machte gerade eine Ausbildung zum Metzger. Über den Fotokopierladen seines Vaters bekam er durch die aushilfsweise Gestaltung von Flyern den ersten Kontakt zu Druck und Design. Schlecht im freihändigen Umgang mit Dosen und Vorteile in Schablonen sehend, stieg Banksy bald um. In Schablonen fand Banksy sein perfektes Medium. [...] Ihm gefällt darüber hinaus vor allem die politische Wirkung der Schablonen. Laut Banksy wurden Schablonen in der Geschichte dazu verwendet, Revolutionen zu beginnen und Kriege zu beenden..[3]

Diverse Internetquellen schreiben ihm bezugnehmend auf eine Daily Mail Recherche vom Juli 2008 den Namen Robin Gunningham, geboren am 28.07.1973 zu. Dieser sei etwa 2000 in London untergetaucht, und hatte auch zu Leuten Kontakt, die Banksy kannten. Außerdem soll die Verbindung des Namenteils Gun zur Ähnlichkeit des produzierenden Geräusches - Reinecke, Street Art, 57f.

„Banksy“ ein Beweis sein. [4] [5] Im Artikel der Daily Mail tauchte auch ein vermeintliches Foto Banksys bei seiner Arbeit in Jamaica aus 2004 von Robin Gunningham auf, mit dem er von ehemaligen Schulkollegen identifiziert wurde. Hier wird weiter erwähnt, dass Gunningham aus einer gutbürgerlichen Gegend Bristols kommt und dieser zeitgleich mit dem Auftauchen von Banksys Arbeiten im Londoner Stadtteil Hackney 2000 nach London zog. Laut einem Daily Mail Artikel vom Mai 2009 sind seine Eltern Peter Gordon Gunningham und Pamela Ann Dawkins-Jones. Er ging auf eine Privatschule, war ein schlechter Schüler, aber laut Aussagen ehemaliger Schulkollegen ein begabter Künstler.[6] Dies widerspricht also der Darstellung des Buches von Reinecke und auch einer der ersten biografischen Angaben in Tristan Mancos Buch Stencil Graffiti aus dem Jahr 2002.

Thierry Guettas Biografie lässt sich auf den ersten Blick problemlos mittels Zeitungsartikeln aus dem Internet nachstellen. Online - Lexika wie die deutsche oder englische Wikipedia geben als Geburtsdatum jedoch entweder das „20. Jahrhundert“ oder gar nichts an, beide schreiben ihm aber die französische Herkunft, die Arbeit als Dokumentarfilmer, Street Artist und Hauptdarsteller im Film Exit through the gift shop zu.[7] [8] Ein Interview, dass Guetta im Februar 2011 der Los Angeles Times gegeben hat, enthüllt Details über sein Leben, die den Aussagen des Films entsprechen: Er wurde 1966 in Garges-lès-Gonessem, einer Vorstadt nördlich von Paris, als jüngstes von 5 Kindern tunesischer Juden, die vor der Verfolgung nach Frankreich geflohen sind, geboren. Seine Mutter starb, als er 15 war und er zog mit seiner Familie nach Los Angeles. Amtliche Aufzeichnungen zeigen die Anmeldung der Sozialversicherungsnummer in den frühen 80er Jahren. Nachdem sie in ein Appartement gezogen waren, verließ der Vater die Kinder und starb bald darauf in Frankreich. Nachdem er nach einem Jahr von der High School geflogen ist, begann er Partys in Hollywood zu organisieren und kam so schon in Kontakt mit den Stars. Daneben begann er als Kaufhausdetektiv in einem Second Hand Kleidungsladen zu arbeiten und wurde auf Grund seines Fleißes bald zum Manager befördert. Er eröffnete laut amtlichen Aufzeichnungen eine

Reihe von Läden, wo er durch den überteuerten Verkauf von importierten Second Hand Kleidungstücken aus Frankreich reich wurde. Die Produktionsfirma Warner Bros. bestätigte laut Artikel das Engagement von Guettas Firma als Designer von Verkaufsartikel für Warner. Laut Interview machte er damit so viel Geld, dass er sich eine Videokamera kaufte und ab diesem Zeitpunkt (1999) nur mehr filmte, was nicht ganz mit den Aussagen im Film zusammen passt. 2001 eröffnete er mit dem Schweizer Filmemacher Joachim Levy seine eigene Filmfirma - 3E Entertainment, mit der er auch den Film Life.Remote.Control produzierte, der im Film gezeigt wird. Levy gibt an, dass er entgegen der Aussagen im Film, Guetta beim Ordnen, Sichten und Markieren seiner Videobänder geholfen habe und droht damit, Banksys zu klagen, wenn er ihn nicht in die Credits des Filmes aufnimmt. Laut dem Zeitungsbericht traf Guetta 2006 Banksy, um seine Arbeit rund um Banksys Ausstellung Barely Legal zu filmen. Schließlich registrierte er im Frühjahr 2008 Internetwebseiten für die Werbung seiner eigenen Show Life is beautiful.[9]

Dieses Interview mit Thierry Guetta scheint eine lückenlose Biografie zu ergeben. Es besteht auch kein Zweifel, dass die darin enthaltenen Personen tatsächlich existieren, wie eine kurze Recherche ergibt. Die Homepage von Joachim Levy gibt als seine Kunden sowohl Banksy, Shepard Fairey als auch Mr. Brainwash an, den Film Life.Remote.Control kann man sich auf seiner Homepage ansehen.

Damit sind wir beim zweiten Problem - kann es sein, dass man mit dem Verkauf von Second Hand Kleidung Kredite über mehrere 10.000$ für die Eröffnung einer Produktionsfirma und Herstellung eines Filmes als auch für die Abhaltung einer Street Art Ausstellung bekommt, wie Guetta im Interview angibt? Wird ein Künstler nur durch das Glück, Banksy zu kennen, zum von Kritikern und selbst Banksy umjubelten Star der Szene? Oder ist die Figur Mr. Brainwash, gespielt von Thierry Guetta eine Erfindung von Banksy und Shepard Fairey, um auf ihre Weise zu zeigen, was sie von der Kommerzialisierung der Street Art halten? Stellt die Geschichte des Filmes eine Aktion dar, die über Jahre hinweg mit einem real existierenden Menschen geplant war?

3. A Banksy Film

Im Grunde genommen handelt es sich bei „Exit through the gift shop“ um das Genre des Künstlerfilms. Allgemein spielt diese Art Film mit vielen klischeehaften Vorstellungen von Künstlerexistenzen, die seit der Sturm und Drang Zeit auch eng mit dem Geniebegriff verbunden sind. Dabei manifestiert sich diese als Gegenentwurf zum Bürgerlichen als begnadeter Schöpfer, einsamer Visionär, naturverbundener Sinnenmensch, Bohemien, Dandy, Lebemann, aber auch als zwiespältige Doppelexistenz.[10] Die bevorzugten 3 Typen der Darstellung im Film sind zunächst „das verkannte Genie, der nur für seine Kunst lebt und weder den Erfolg noch die Anerkennung verlangt. Eine weitere große Gruppe bildet der extrovertierte, bisweilen verrückte Künstler und Bohemien. Unter die dritte Gruppe fällt der pragmatische Künstler, der ganz gezielt auf den Zeitgeschmack und die Nachfrage hin produziert und meist in gesicherten Verhältnisse lebt.“[11] Zur dritten Gruppe meint Schönenbach weiter: „Anhand dieses Typus wird häufig im Film mit einem kritischen oder amüsanten Unterton der Kunstmarkt, der rein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktioniert, erklärt.“[12] Wenn wir uns vor Augen führen, in welchem Spannungsverhältnis Banksy und der Kunstmarkt agieren und uns die Arbeiten von Banksy und seinen Umgang mit der Öffentlichkeit und Institutionen ansehen, findet man viele Gründe, warum sein Film den Aufstieg des nicht gerade hoch inspirierten Künstler Thierry Guetta zum Superstar der Kunstmarktes zeigt und damit eine Parodie auf die Mechanismen des globalen Kunstmarktes darstellt. Diese These möchte ich nun weiter ausbauen und belegen.

Der Zeitpunkt, um diese Parodie zu planen würde ungefähr der Zeit im Film entsprechen, da er Guettas Life.Remote. Control ablehnt und Guetta im Film langsam zu Mr. Brainwash wird. Street Art erlebte seit Banksys Ausstellung Barely Legal 2006 einen immer größeren Hype und erzielte immer wahnwitzigere Preise auf dem Kunstmarkt. Banksy selbst ist also am Sprung zur Kommerzialisierung - ob gewollt oder ungewollt. Im Film äußert er sich in dieser Weise, dass es ihm eigentlich nur um die Street Art ging, was Guettas Film zeigen sollte.

Schönenbach schreibt dazu, dass „eine Verspottung künstlerisch Tätiger und ihrer Werke erst von dem Zeitpunkt an geben kann, als die Bildner ins gesellschaftliche Interesse rücken“. Und weiter; „Aus diesem Grund ist es nicht überraschend, dass es ebenso im Medium Film beliebt ist, Kunst, Kunstproduktion und Klischees über Künstler in Komödien zu verarbeiten, wenn auch nicht immer notwendigerweise in Verbindung mit einer fiktiven Künstlerexistenz.“[13]

Viele Hinweise auf eine Parodie finden sich, wie ich schon im Kapitel 1 angedeutet habe, im Film selbst: Ab dem Zeitpunkt, wo Banksy im Interview die Regie übernimmt, wäre der Film über Street Art ja eigentlich abgeschlossen. Woher kommt das Material, und welches Interesse hätte Banksy den Aufstieg Guettas zu Mr. Brainwash zu verfolgen? Von den Videoaufnahmen der Aktion des Guantanamo - Häftlings in Disneyworld erzählt Guetta im Interview, wie er während des Verhörs das gesamte Material auf der Kamera gelöscht hat - und doch sehen wir es im Film!? Zudem, welches Interesse hätte Banksy, einen wildfremden Mann seine Aktionen, seine Werkstatt und vor allem seine Person filmen zu lassen, wo er doch die Aktionen von seinen eigenen Leuten filmen lässt (West Bank, ...)?

Am offensichtlichsten sind jedoch die Referenzen Banksys an die Person und die Arbeit Andy Warhols. Zunächst ist Guetta ständig mit einer Videokamera bewaffnet. Auch Andy Warhol hatte ständig eine Polaroid Kamera und einen Kassettenrekorder bei sich. Eine weitere Verbindung zwischen Warhol, Banksy und Guetta ist die Reproduktion der Campbell Soup Can Installation von Warhol. Während Warhol alle 32 Sorten der Suppe 1962 als Siebdruck auf ein Regal stellte[14], hängte Banksy eine Persiflage in Form der billigen Hausmarke einer britischen Supermarktkette ins MoMA New York[15]. Im Film lässt Guetta durch seine Helfer eine riesige Spraydose(!) mit der Campbell Soup Aufschrift bauen, produziert Siebdrucke, die eine exakte Reproduktion der Arbeit Warhols sind und verkauft diese schon vor der Show um mehrere 10.000$. Wohl gemerkt, ohne dass jemand seine Arbeit kennt! Auf die Frage einer Journalistin, warum er gerade die Campbell Soup so oft reproduziert hat, antwortet er damit, dass sie Teil der Pop - Kultur ist, aber alle in der Pop Kultur Tod sind, er lebe noch.

Die berühmteste und beste Kreation Andy Warhols war jedoch die Figur „Andy Warhol“ selbst, eine kunsterzeugende, reproduzierende Maschine, die in einer Fabrik (The Factory) arbeitete. So wie Andy Warhol sich selbst kreierte, so meine ich, dass auch Banksy im Film eine Figur kreiert hat. Banksy treibt es dabei jedoch noch weiter, und erfindet sich nicht selbst als reproduzierende Kunstmaschine, sondern einen nicht existierenden Künstler Thierry Guetta aka Mr. Brainwash. Da das Kino die Biographie eines Künstler braucht, um sich seinen Werk zu nähern[16], Banksy aber weiterhin anonym bleiben will, schafft er eine Figur, die den dahinter stehenden Künstler verschwinden lässt.

„Andy Warhol made a statement by repeating famous icons until they became meaningless. But he was extremely iconic in the way, that he did it. And Thierry made them really meaningless.” sagt Banksy im Film.

Mit dieser Aussage spricht er einerseits die eigene Erfindung an, gleichzeitig geht Banksy auch über in die Kritik des Kunstmarktes, die er mit dem Film äußern will. Diese kann aber nicht von der Art der klassischen Künstlerparodie im Film sein, welche ihre Kritik oft auf Kunstwerke bezieht, die zufällig entstehen, und somit keine künstlerische Leistung und einen Wert darstellen[17], denn diese hat bereits seit den 70er Jahren ein Ende gefunden.

Hier findet auch die Verehrung Warhols durch Banksy ein Ende. Sicher ist Banksys Schablonenarbeit von der Siebdruckvorlagentechnik Warhols inspiriert, aber doch kritisiert er die Art wie dieser in seiner Factory Kunst als Produktionsprozess herstellte. Dabei stellt er aber nicht die Reproduktion als solche in Frage, die in der Street Art weit verbreitet ist (Siehe die „OBEY“ - Kampagne von Shepard Fairey[18] ), sondern die anonyme Massenfertigung, wie sie insbesondere Guetta betreiben lässt und Warhol betrieben ließ. Weiter zielt seine Kritik auf den Kunstmarkt und die Zuschauer_Innen, die ohne den Künstler und seine künstlerischen Intentionen zu hinterfragen, viel Geld ausgeben, weil dieser durch geschickte Medienarbeit zu einem Star gemacht wird. Dies geschieht im Film durch Banksy und auch Shepard Fairey selbst, die zum „Apostel“ für Mr. Brainwash werden, den jeder Künstler zur Verbreitung seines Ruhmes benötigt,[19] über die Bereitschaft der beiden, Werbung für Mr. Brainwashs Ausstellung zu machen. Ohne dass die Zuschauer_Innen der Show und wir es merken, warnt uns Banksy sogar vor Guetta, indem er schreibt „Mr. Brainwash is a force of nature, he "s a phenomenon. And I don't mean that in a good way“. Mit ihrer Promotion bringen er und Fairey einen Stein ins Rollen, der einerseits dazu führt, dass die Zeitungen dazu die Show ankündigen[20], und dass der Kunstmarkt schon vor der Ausstellungseröffnung sehr hohe Summen für die Bilder des zuvor nur durch seine MBW-Schablonendrucke in Los Angeles bekannten Guetta bezahlt.

Journalisten, Künstler, Kritiker und Händler nehmen hier die Position der „Spezialisten des Zuschauens“ ein, die schließlich „auch ein Bild von Spezialisten im Produzieren“ hervorbringen: das Genie.[21] - Guetta! Dieser Erkenntnis werden wir uns am Ende der Ausführungen noch mal widmen.

Ein weiteres Indiz der Kritik am Kunstmarkt ist der Titel des Films. Zusammen mit dem Inhalt prangert Banksy mit Exit through the gift shop die Kommerzialisierung der Street Art als Massenware, die nur mehr in Museen und Ausstellungen stattfindet, an. Definitiv steht Street Art spätestens seit dem Hype um Banksy in einem Spannungsfeld zwischen Straße, Kunst und Kommerz[22], jedoch bleibt die Straße als öffentlicher Interventionsraum ihr wichtigster Teil. Wenn dieser durch Ausstellungen verdrängt wird, kommt es zum Ausverkauf der Werke durch Massenreproduktionen, die man im „Gift Shop“ erwerben kann. Das Werk des Künstlers wird dadurch zur beliebigen Massenware eines anonymen Produzenten, was der ursprünglichen Intention der Street Art widerspricht. Aus dem Graffiti kommend, war das Ziel sein Logo oder später Character im öffentlichen Raum anzubringen, um so Respekt innerhalb der Szene zu erlangen.[23]

4. A genius in the gift shop?

Meine Interpretation von Genievorstellungen möchte ich in verschiedene Teilgebiete gliedern. Zunächst möchte ich einführend mit allgemeinen Geniebegriffen und Interpretationen der Figuren im Film beginnen. Dann möchte ich die Komplexe Genie und Talent sowie Genie und Wahnsinn auf die Personen umlegen, wobei ich mich grob an Lombrosos Werk Entartung und Genie und an Lange-Eichbaums Genie, Irrsinn und Ruhm halten werde. Den Abschluss bildet die Umlegung Edgar Zilses Die Geniereligion auf die Handlung des Filmes.

Genievorstellungen

Der Begriff des Künstlers ist mit dem des Genies spätestens seit der Sturm & Drang Zeit am Ende des 18. Jahrhundert verbunden. Dabei wird die Andersartigkeit des Künstlers von den breiten Massen oft als „egozentrisch, temperamentvoll, neurotisch, rebellisch, unzuverlässig, ausschweifend, extravagant, von ihrer Arbeit besessen, der bürgerlichen Gesellschaft entfremdet und alles in allem als schwierige Lebensgefährten“ wahrgenommen.[24] Die Entwicklung des modernen Geniebegriffs ist zunächst entscheidend von Scaliger 1561 durch seine Unterscheidung in 2 Genien - einen guten und einen bösen - geprägt. Sie bereitet den Weg für die spätere Vorstellung von einer dunklen Seite, dem Irrsinn und Wahn, den Weg.[25] Mit dem Höhepunkt des Sturm & Drangs sind die Vorstellungen des Künstlergenies weitgehend abgeschlossen. „Das Genie verdankt alles sich selbst, es braucht kein Studium, keine Regel, keine Nachahmung und kein Vorbild mehr. Quellen seines Schöpfertums sind seine Subjektivität, und diese ist individuell und einzigartig, mit einem Wort: originell. Tradition und Konvention verlieren jeden Geltungsdrang.“[26] Daraus bilden sich wiederum 3 Stereotypen des modernen Künstlergenies, die das Bild seit 1800 prägen: das Schöpfen aus dem Inneren, das gesellschaftliche Außenseitertum, und das Leiden des Künstlers.[27] Weitere Zuschreibungen des Genies wären Einsamkeit, Weltfremdheit, materielle Askese, Männlichkeit und Hang zur Psychopathie. Dabei werden zugleich der Weiblichkeit zugeschriebene Charakterprägungen wie Sterblichkeit, Zeitlichkeit, Geschichtlichkeit, Familie und Versehrbarkeit ausgeblendet.[28]

Wenn wir die gesammelten Genie- und Künstlerzuschreibungen nun auf den Film umlegen, können wir sowohl Banksy als auch Thierry Guetta damit charakterisieren. Der erwähnte Stereotyp des Schöpfens aus dem Inneren lässt sich bei Banksy mit der Originalität seiner Arbeit belegen - die ihn ja grundlegend von Guetta unterscheidet. Der Begriff der Subjektivität kann mit der eigenen Interpretation und des darauf folgenden Ausdrucks von Politik und Gesellschaft durch Banksy übersetzt werden. Guetta hingegen kopiert und reproduziert Kunst, die er von Warhol, Banksy oder Fairey kennengelernt hat, ihm haftet nichts Originelles an. Das gesellschaftliche Außenseitertum wird durch Banksys unberechenbare Aktionen wie in der Tate oder in Disneyworld unterstrichen. Weiter zeigt sich die Verweigerung der gesellschaftlichen Normen durch die Überschreitung von Gesetzen, die bei den Interventionen im öffentlichen Raum stattfinden. Weltfremdheit, Einsamkeit und materielle Askese wird im Film durch die Darstellung von Banksy als schwarze Silhouette, bei der gerade noch ein Casual - Kleidungsstil erkennbar ist, und vor allem durch die verzerrte Stimme vermittelt. Während diese Zuschreibungen bei Guetta zunächst nicht der

Fall sind, ändert sich die Darstellung im Laufe des Films, worauf später noch eingegangen wird. Der leidende Künstler ist bei Banksy höchstens in diesem Sinne zu finden, als dass er daran leidet, was er mit seiner Anweisung an Guetta, ein Künstler zu werden, angerichtet hat. Wie Krieger jedoch meint, ist der Topos des leidenden Künstlers eher ein Mythos, der seinen wahren Kern in den ungesicherten Existenzen des Berufskünstlers im 18. Jahrhundert hatte.[29]

Nach Luhmann gehört es auch zum Genie, sich nicht sofort kommunizieren zu können, sondern auf Entdeckung warten zu müssen.[30] Dies können wir im Leben Banksys so interpretieren, als dass er einerseits bis heute anonym ist, und nicht entdeckt werden will - auch wenn das einen großen Teil seines Marktwertes ausmacht - und andererseits ist Graffiti und Street Art eine Kunst, die sich erst von der visuellen Überflutung durch Marken, Graffitis und Zeichen im öffentlichen Raum hervorheben muss, um überhaupt entdeckt zu werden. Guetta hingegen macht sich selbst zum vermeintlichen Genie, indem er durch Werbung und fremde Hilfe zum Künstler wird.

Die Visualisierung Banksys Geniewerdung beginnt im Film mit der Darstellung der Aktion an der Mauer der West Bank, die als besonders politisch, gefährlich und heiß diskutiert gilt. Ab diesem Zeitpunkt wollen alle wissen, wer er ist, das Publikum wird durch die internationalen Nachrichtensendungen aufmerksam, dass seine Arbeit bereits über die ganze Welt verteilt ist. Bei sphärischer Musik erklärt uns Guetta, dass er nicht weiß, welcher Engel ihm Banksy bringen sollte. Als Höhepunkt der Visualisierung des Genies Banksys wird die Aufzeichnung Banksys Arbeit durch Guetta mit engelsgleichen Chorälen untermalt, wobei Guetta seine ganze Genialität gar nicht beschreiben kann, Banksy wird unvergleichlich.

Moderne Kunstkonzeptionen, die mit dem Künstler als Gesamtkunstwerk eine enorme Ausstrahlung auf das Publikum haben und ihn so zum Genie erheben, hat bereits Richard Wagner zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorweggenommen.[31] Die darin enthaltene Aufhebung der Trennung zwischen künstlerischen Akteuren und dem Publikum erfolgt bei Banksy über den geteilten öffentlichen Raum, in dem sich Publikum und der arbeitende Künstler befinden. Dieser wird teilweise durch Werkstätten, aber insbesondere durch vorbereitete Ausstellungen, wie sie Guetta macht, wieder abgetrennt. Der Punkt der politischen Aufladung der Kunst ist bei Banksy durch Ort und Inhalt seiner Werke offensichtlich (Westbank, Polizisten, Guantanamo, ...). Die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben erfolgt einerseits über die Anonymität. Im Falle der im Kapitel 3 erläuterten Erfindung der Figur Guettas äußert sie sich als Verschmelzung der beiden Personen, wobei wir die beiden Welten nicht mehr unterscheiden können.

Genie und Talent

Wenn wir die unter Anmerkung 28 auf Seite 12 erwähnten Merkmale wieder aufnehmen, so können wir die dortigen weiblichen Charakterzuschreibungen problemlos auf die Person des Thierry Guetta umsetzen. Die Zeitlichkeit seiner Person wird durch die verschiedenen Videoaufnahmen und Fotos seines Lebens gezeigt, ebenso symbolisieren sie die Geschichtlichkeit. Die Familie Guettas ist sogar erst der Grund für seinen manischen Umgang mit der Kamera. Schließlich wird die Versehrbarkeit durch den Beinbruch und die Traurigkeit über den Tod seiner Mutter gezeigt. Lombroso behauptet nun in seinem Werk, dass Frauen im Unterschied zu Männern höchstens Talent besitzen. Wenn dem Genie das Topos der Originalität und des Schaffens aus der Subjektivität anhängt, so hängt dem des Talents das der Reproduktion und des Glücks an. Auf den Film und Thierry Guetta übertragen sehen wir, dass es bei Guetta durch das Glück, die richtigen Leute zu treffen und der Reproduktion von Kunstwerken höchstens zum Talent reicht. Man könnte also die Darstellung Guettas dahingehend interpretieren, dass sie die weibliche Seite Banksys zeigt, die es ihm zudem ermöglicht, die Kommerzialisierung und Reproduktion seiner eigenen Arbeit zu rechtfertigen. Dies begründet sich in Lombrosos Ausführungen über „das Talent des Weibes“, das „sich immer selbst zu Gute kommt“[32] und der Zuschreibung des Materiellen an die Weiblichkeit. Diese Dichotomie führt uns zum nächsten Punkt.

Genie, Irrsinn und Ruhm

Wenn Lombroso davon schreibt, „dass die Genialität des Weibes in seinem Mitgefühl besteht, das häufig auch nur Spott erntet und unerwidert bleibt, impulsiv und spontan und mit degenerativen Neurosen, besonders Hysterie verknüpft ist“[33], sehen wir im Film gleich mehrere Zuschreibungen auf die Figur Guettas, aber auch gleichzeitig die Vorstellungen der oben erwähnten guten und bösen Genien gefestigt. Schopenhauers Formulierung „Genialität und Wahnsinn haben eine Seite, wo sie aneinandergrenzen, ja ineinander übergehen“[34] prägte die Publikationen von ua. Lombroso und Lange-Eichbaum und drang so als Allgemeinplatz in das Publikumsbewusstsein ein.[35] Lange-Eichbaum versucht dabei, zunächst das „Genie von seinen ideologischen Zuschreibungen des Ruhms und der Geniereligion zu entkleiden und nur im Hinblick auf biologische und soziologische Gesetzmäßigkeiten in seiner Beziehung Genie und Irrsinn zu betrachten.“[36] Guetta zeigt zum Teil die in Lange-Eichbaums Werk beschriebenen Zustände der Neurosen und Psychosen, bzw. werden sie ihm von Banksy (,,...I don't mean that in a good way“, “..maybe just someone with mental problems“) und Mitarbeitern der Ausstellung („.he's just kind of retarded“) zugeschrieben. Unterstützt werden diese durch die Darstellung Guettas als wild herumfuchtelnden, trampolinspringenden, wirr arbeitenden Menschen, dessen Neurose durch ein traumatisches Erlebnis wie dem Tod seiner Mutter ausgelöst sein könnte.

Die bisherigen Ergebnisse der Genieinterpretation zusammenfassend, kann man sagen, dass durch die Figur Thierry Guettas Banksys weibliche Seite, Genie und Wahnsinn dargestellt wird. Als Projektion stellt sie die wahnsinnige oder weibliche Seite dar, als Person im Film wird die zum Genie gegensätzliche Form des Talents herausgearbeitet, welche das Genie Banksys noch erhöht. Das Talent bringt uns wieder zum weiblichen Teil, das dem Genie nacheifert, aber es nicht erreichen kann. Die Hysterie als Ausdrucksform des Wahnsinns ist wiederum eine Eigenschaft, die im 19. Jahrhundert den Frauen zugeschrieben wird. Ohne seine eigene Identität preis zu geben, zeigt uns Banksy als Regisseur des Films seine eigene Persönlichkeit.

Was Banksy selbst von Genies hält, hat er der Welt schon 2004 gezeigt, als er die Figur von Auguste Rodins Denker von 1880, der als Reflexionsfigur für den Künstler als Schöpfer steht und in der Darstellung über das menschliche Schicksal reflektiert und Symbol des Geniekults gilt[37], karikierte. Banksy nannte seine Figur Der Dummkopf und setzte ihr ein Straßenhütchen auf, was auf der Figur wie ein Party- oder Faschingshütchen wirkte.

Die Geniereligion

Am Ende meiner Ausführungen möchte ich auf der Grundlage von Zilsels Geniereligion und den Ausführungen von Nemeth darlegen, wie es im Film zu einer Transformation des Genies und der Genieverehrung von Banksy zu Thierry Guetta kommt. Voraussetzung ist die Annahme Zilsels, dass sich die Anhänger der Genies im Gegensatz zu einer Religion sich nicht auf ein ganz bestimmtes Individuum und Werk beziehen. Nemeth schreibt über die Unparteilichkeit, die die Geniereligion zu einer Pseudoreligion macht, da sich die Verehrung auf mehrere Individuen, deren Leistung keineswegs in Eintracht erbracht wird, sondern im Streben gegen bereits bestehende, anerkannte Leistungen bezieht.[38] Nemeth schreibt weiterhin; „Im zweiten, zentralen Teil des Buchs unternimmt es Zilsel, zu klären, was in diesen gegensätzlichen genialen Individuen als das Gemeinsame verehrt wird.[39] Zilsel macht dies am Suggestionserlebnis, die dem Ich die Stärke einer übergroßen Person geben können und an der Reflexion fest, die er mit der „merkwürdigen Fähigkeit, auf unser Streben zu achten statt auf unser Ziel“[40] definiert. Mit den 3 daraus gewonnen Prinzipien der Reflexion[41] will ich nun den Film und die Person Guettas, dem die Stärke durch die Suggestion der übergroßen Erscheinung Banksys gegeben wurde, durchleuchten:

1. „Die Reflexion wendet unsere Aufmerksamkeit vom Objekt ab und richtet sich auf das Subjekt.“ Dies erfolgt im Film dadurch, dass sich aus der Dokumentation der Street Art und Guettas Gefallen daran, in der Nacht die Arbeit der Künstler zu filmen zunehmend das Interesse und Verehrung der Künstler an sich, insbesondere Banksy, entwickelt. Verstärkt noch durch die Einsichten in die Werkstatt, wo also nicht mehr das Ergebnis der Arbeit, das Objekt zählt, sondern der schaffende Künstler.

2. „In der Reflexion wenden wir uns vom Streben zum Betrachten.“ Die Anwendung in Zilsels Untersuchungen der Geniereligion führt zu einer gesellschaftlichen Trennung. Diese erfolgt auf der einen Seite durch die produktiven Individuen, welche zuerst durch Banksy, danach aber durch Guetta repräsentiert werden. Auf der anderen Seite steht die Gruppe der Verehrer, die zunächst durch Guettas Videokamera bei der Arbeit Banksys dargestellt wird. Aber auch hier wendet sich die Sichtweise, indem in der 2. Hälfte des Films Banksy (oder jemand anderer) Guetta bei der Arbeit beobachtet. Erst durch den Wechsel der beiden Protagonisten ist es den Zuschauern am Bildschirm wie auch den wartenden Massen vor Guettas Ausstellung möglich, das Bild des Genies in Guetta zu erkennen. Aus dem modernen Bedürfnis der Suggestion entsteht die ritualisierte Verehrung der produktiven Individuen, die den Verehrern die Teilhabe an der Begeisterung des produktiven Individuums bietet. Die Begeisterung für die Begeisterung befreit die Zuschauer_Innen von der Bedrohung, nichts Wesentliches mehr wirklich zu erleben und durch das Erkennen des Genialen kann er sich von der Masse abzuheben.[42] Verstärkt wird diese durch die oben erwähnten Spezialisten des Beobachtens.

3. „Die Reflexion führt vom Inhalt zur Form“ erfolgt im Film über die Transformation der inhaltlich beladenen Kunst Banksys zur formalisierten, reproduzierenden Kunst Guettas.

Die Transformation wird im Film über die zunehmende Übertragung von Eigenschaften des Genies, wie sie oben beschrieben sind, auf Guettas Person im 2. Teil des Filmes ermöglicht. Sie beginnt nach der Heimkehr Guettas von Banksys Werkstatt. Während seine Frau sich um die Familie und die Finanzen sorgt erzählt uns Thierry Guetta, dass er frei wie ein Vogel sein will und man sieht symbolisch wie er seine Familie, wenn auch nur temporär, verlässt. Nach der Verhaftung in Disneyworld wird er schließlich für Banksy und damit auch für uns zum Helden, als er gegenüber dem FBI alles leugnet und Banksy vor der Offenlegung seiner Person bewahrt. Während der Arbeit in seiner neu gegründeten Werkstatt und bei der Vorbereitung seiner Show wird Guetta als zunehmend Besessener gezeigt, wobei es den Zuschauer_Innen schon nicht mehr auffällt, dass seine Arbeit wenig mit Kunst zu tun hat. Die mit dem Genie verbundene Melancholie wird durch das verzweifelte Gesicht Guettas nach dem Beinbruch visualisiert. Schließlich sind auch Banksy und Fairey von seiner Genialität begeistert, wobei der Focus auf der Persönlichkeit, und nicht am Werk liegt.

Auf Grundlage dieser Punkte kann uns Banksy im Film eine fiktive Persönlichkeit vorsetzen, die es uns durch die inhaltliche Anreicherung seiner (Guettas) Biografie mit Leben erleichtert, die Transformation des Genies von Banksy selbst zu Thierry Guetta mitzumachen. Dies ermöglicht den Regisseur Banksy wiederum, dass der_die Zuschauer_In durch die Transformation geblendet wird und so die im Film erzählte Geschichte als tatsächlich so geschehen annimmt. Verstärkt durch das Stilmittel der Videokamera erweckt dies bei den Zuschauer_Innen den Eindruck einer Dokumentation. Gleichzeitig steht die Transformation des Genies und der Verehrung von Banksy auf Guetta auch für die Transformation der Street Art von einer unabhängigen Kunstrichtung zu einer Massenware, die in Geschenkläden verkauft wird.

[...]


[1] Julia Reinecke, Street Art: eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz (Bielefeld 2007) 24

[2]

[3] Verena Krieger, Was ist ein Künstler? Genie - Heilsbringer - Antikünstler. Eine Ideen- und Kunstgeschichte des Schöpferischen (Köln 2007) 164

[4] Banksy. In wikipedia.de, Version: WikitanvirBot, 21:54, 1.12.2011,, online unter <http://de.wikipedia.org/wiki/Banksy> (19. Dezember 2011, 15:09)

[5] Claudia Joseph, Graffiti artist Banksy unmasked ... as a former public schoolboy from middle-class suburbia. In: Dailymail, 12.07.2008, online unter: <http://www.dailymail.co.uk/femail/article- 1034538/Graffiti-artist-Banksy-unmasked---public-schoolboy-middle-class-suburbia.html> (19.12.2011)

[6] Daily mail reporter, Banksy revealed? Graffiti artist paints first ever 'self-portrait' on London office block. In: MailOnline, 11.05.2009, online unter <http://www.dailymail.co.uk/news/article-1180361 /Banksy-revealed-Graffiti-artist-paints-self-portrait-London-office-block.html> (19.Dezember 2011)

[7] Mr. Brainwash. In: Wikipedia.org, SkyMachine, 22:42, 18.12.2011, online unter <http://en.wikipedia. org/wiki/Mr._Brainwash> (19. Dezember 2011)

[8] Thierry Guetta. In: Wikipedia.de, 178.4.184.108, 15:05, 13.12.2011, online unter <http://de.wikipedia.org/wiki/Thierry_Guetta> (19. Dezember 2011)

[9] Jason Felch, Getting at the truth of “Exit through the gift shop”. In: LATimes, 22.02.2011, online unter: <http://articles.latimes.com/2011/feb/22/entertainment/la-et-oscar-exit-20110222>(19. Dezember 2011)

[10] Jürgen Felix, Künstlerleben im Film. Zur Einführung. In: Jürgen Felix (Hg.), Genie und Leidenschaft. Künstlerleben im Film, Bd. 6 (Filmstudien, hg. von Thomas Koebner, St. Augustin, 2000) 9

[11] Richard Schönenbach, Bildende Kunst im Spielfilm. Zur Präsentation von Kunst ein einem Massenmedium des 20. Jahrhunderts, Bd. 78 (Beiträge zur Kunstwissenschaft, hg. von Matthias Klein, München, 2000) 119

[12] Schönenbach, Bildende Kunst im Spielfilm, Bd.78, 132

[13] Schönenbach, Bildende Kunst im Spielfilm, Bd.78, 136

[14] Gallery Label Text, Campbell's Soup Cans. In: Musem of Modern Art New York, online unter: <http://www.moma.org/collection/object.php7object_kL79809> (20. Dezember 2011 )

[15] Reinecke, Street Art, 60

[16] Georg Seeßlen, BASQUIAT (Julian Schnabl, USA). In: epd film, Nr.12 (Dezember 1996) 11

[17] Schönenbach, Bildende Kunst im Spielfilm, Bd. 78, 145

[18] Reinecke, Street Art, 50ff.

[19] Wilhelm Lange-Eichbaum, Wolfram Kurth, Genie, Irrsinn und Ruhm. Genie-Mythus und Patho­graphie des Genies (München/Basel 1967) 151f.

[20] Shelley Leopold, Mr. Brainwash bombs L.A. In: LA Weekly, 11.06.2008, online unter <http://www.laweekly.com/2008-06-12/art-books/mr-brainwash-bombs-l-a/> (20. Dezember 2011)

[21] Elisabeth Nemeth, „Wir Zuschauer“ und das „Ideal der Sache“. Bemerkungen zu Edgar Zilsels „Geniereligion. In: Friedrich Stadler (Hg.), Bausteine wissenschaftlicher Weltauffassung, Bd. 3 (Vorträge des Instituts Wiener Kreis 1992 - 1995, Wien/ New York 1997) 168f.

[22] Reinecke, Street Art, 169ff

[23] Reinecke, Street Art, 19

[24] Rudolf und Margot Wittkower, Künstler, Außenseiter der Gesellschaft (Stuttgart/ Berlin/ Köln/ Mainz 1965) VII

[25] Krieger, Was ist ein Künstler?, 35

[26] Krieger, Was ist ein Künstler?, 38

[27] Krieger, Was ist ein Künstler?, 44

[28] Julia Köhne, Ein Genie auf Diät. Wissenschaftliche Theorien zu Genie und Wahnsinn im Film A beautiful Mind (2001). In: Torsten Junge, Dörthe, Ohlhoff (Hg.), Wahnsinnig genial. Der Mad Scientist- Reader (Aschaffenburg 2004) 228

[29] Krieger, Was ist ein Künstler? 50f.

[30] Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd.3 (Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1998) 183

[31] Krieger, Was ist ein Künstler? 71

[32] Cesare Lombroso, Entartung und Genie. Neue Studien (Dt. hg. von Hans Kurella , Leipzig 1894) 84

[33] Lombroso, Entartung und Genie, 83

[34] Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd 1(Frankfurt am Main 1986) 272

[35] Krieger, Was ist ein Künstler? 107

[36] Lange-Eichbaum, Genie, Irrsinn und Ruhm, 189

[37] Krieger, Was ist ein Künstler? 107

[38] Nemeth, „Wir Zuschauer“ und „Das Ideal der Sache“, 162

[39] Nemeth, „Wir Zuschauer“ und „Das Ideal der Sache“, 163

[40] Edgar Zilsel, Die Geniereligion. Ein kritischer Versuch über das moderne Persönlichkeitsideal, mit einer historischen Begründung (Neudruck, hg. von Johann Dvoràk, Frankfurt 1990) 110

[41] Nemeth, „Wir Zuschauer“ und „Das Ideal der Sache“, 164ff.

[42] Nemeth, „Wir Zuschauer“ und „Das Ideal der Sache“, 171f.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202895
Institution / Hochschule
Universität Wien – Geschichte
Note
1
Schlagworte
Banksy Genievorstellung Genie Street Art Lombroso Lange-Ehrbaum Film Exit through the gift shop

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Titel: Banksy - A genius in the gift shop?