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Die Summe der Eins ist Dreizehn

Eine Einführung in die Symbolik der Hebräischen Bibel

Fachbuch 2014 208 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort
Schema des hebräischen Alphabets
Aufbau der Bibel

Die Schöpfung : Kosmische Ordnung und menschliche Lebenswelt

Die Sintflut – in eine neue Weltzeit schwimmen

Archiv der Völker : Vom Menschen zur Menschheit

Abraham und Isaac oder Vom männlichen und weiblichen Prinzip

Jacob und Esau oder Von Leib und Seele

Joseph : Fall und Aufstieg eines Träumers

Auszug aus Ägypten : Weg zur Gemeinschaft

Am Sinai – wenn sich Himmel und Erde berühren

Der Tempel als Abbild der Raumzeit – die Welt steht Kopf

Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage

Wandern in der Wüste – ein Leben lang

An der Grenze zwischen den Welten

Statt eines Nachworts
Exkurs 1: Jacobs Segen und der Tierkreis
Exkurs 2: Der Dekalog
Exkurs 3: Von den dreizehn Eigenschaften Gottes
Exkurs 4: Schma‘ Jissrael – Vom Hören und Verstehen
Exkurs 5: Der Segen des Moses und das Land

Literaturhinweise

Vorwort

Die Bibel – unendliche Weiten, ein Kosmos, gewoben aus Zahlen, Zeichen und Bedeutung. Ein ganzes Universum lädt dazu ein, erforscht zu werden. Wer von uns hat das Buch der Bücher je mit solch einer Erwartung gelesen? Sind ihre Geschichten nicht schon oft genug erzählt und altbekannt? Gibt es dazu tatsächlich noch etwas Neues zu sagen? Sicher, nur dringen wir mit unserer Alltagsroutine zwischen Religionsunterricht und Gottesdienstbesuch in den biblischen Kosmos meist nur so weit vor, wie alle astronautischen Missionen der Menschheit ins Weltall bisher maximal gekommen sind: ein paar Mal bis zum Mond und wieder zurück. Dabei gibt es in den geistigen wie in den physischen Weiten des Universums noch viel mehr zu ent­decken. Die alten Geschichten können und wollen immer wieder neu mit Leben gefüllt werden, denn für das Leben sind sie geschrieben. Zudem ist in ihnen noch eine Menge mehr faszinierender Information hinter der Information verborgen. Wollen wir auf Entdeckungsreise gehen, um diese zu ergründen, dürfen zwei Dinge auch in der Ausrüstung unseres virtuellen Raumschiffes nicht fehlen: ein Observatorium und ein Navigator. Nur ist unser Observatorium das wache Auge unserer Aufmerksamkeit, und das „Navi“ ist die Bibel selbst. Anders als die Raumschiffcrews in Science-Fiction-Romanen und -Filmen werden wir also einen geistigen Kosmos bereisen, der ebenso echt ist wie der physische. Viele Bedeutungsschichten gibt es zu erkunden, die nicht so offen zutage liegen. Warum sie der Allgemeinheit noch nicht so bekannt sind, liegt zum Teil daran, daß dieses Wissen für lange Zeit nur in einem relativ kleinen Kreis von Gelehrten überliefert wurde, die es vor Mißbrauch schützen wollten. Denn je mehr einer in diese Tiefenschichten vordringt, um so mehr durchschaut er auch die Ordnung der Welt. Das konnte nach Überzeugung dieser Gelehrten ebenso gefährliche Kräfte entfesseln wie das Know-how der modernen Physik oder Biologie in den falschen Händen. Seine intensive Rezeption in mystischen und chassidischen Strömungen umgab dieses Wissen zusätzlich mit einer Aura des Geheimnisvollen. Über Talmud, Midrasch und weitere Kommentare transportiert, hat zumindest ein Teil davon auch die Hauptstränge der jüdischen Tradition durchlaufen und ist in einigen Gemeinden bekannt und präsent. Im Großen und Ganzen aber ist das alte Wissen heute vielmehr dadurch gefährdet, im Strudel des nachmodernen Nihilismus verloren zu gehen. Ähnlich wie die moderne Physik zeigt die Bibel Strukturen und Prozesse auf, die auch dann erhalten bleiben, wenn keiner sie durchdenkt. Die physikalische wie die geistige Grundordnung des Universums steht. Wenn aber die Menschen nicht mehr das ganze Wissen in ihre Lebensgestaltung einbeziehen, wird das ihr Leben ärmer machen.

Wie auch sonst auf Expeditionen ungeahnte Ereignisse und Unwägbarkeiten auf die Entdecker warten, gibt es auch hier durchaus Abenteuer zu bestehen. Was uns den Zugang zum unentdeckten Land und seinen Geheimnissen erschweren könnte, ist eine Sprachbarriere. Denn die Bibel ist im Original nicht auf Deutsch, Englisch, Spanisch oder Klingonisch erschienen, sondern auf Hebräisch – einer sehr alten Sprache, deren erste Anwender noch als Nomaden mit ihren Viehherden durch die Wildnis des Vorderen Orients zogen. Und bis in diese Zeit bezieht sich das zurück, was sie erzählt. Die Bibel ist prall gefüllt mit den spannenden Schicksalen einzelner Menschen und ganzer Völker. Und doch kratzten wir nur an der Oberfläche, würden wir die Texte allein beim Wort, nur wörtlich nehmen. Denn alle Buchstaben und somit alle Wörter haben auch Zahlenwerte, über die sich weitere Bedeutungen erschließen. Aus der hebräischen Sprachstruktur ergeben sich symbolische Bezüge und Sinnzusammenhänge, die somit erst im Original richtig sichtbar werden. Dennoch besteht guter Grund zur Überzeugung, einen großen Teil davon auch ohne ein jahrelanges Sprachstudium verstehen zu können. Zum Teil sind die Strukturen schon in der Übersetzung sichtbar; und zum Teil werden wir uns im Blick auf einzelne hebräische Wörter reichlich Sinngebung auch auf Basis der Entsprechungen zwischen Buchstabe und Zahl aneignen können. Um die Angaben überprüfbar zu machen, ist eine Übersicht des hebräischen Alphabets mit Lautung und Zahlenwerten am Ende dieses Vorworts zu finden.

Für eine sinnvolle Auswahl der zu besprechenden Texte bietet sich an, sich auf den Pentateuch, das heißt die fünf Bücher Moses zu konzentrieren. Sie gelten in der jüdischen Tradition als Kernbereich der gesamten Offenbarung und sind das, was dort im engeren Sinne Thora heißt, auf Deutsch Weisung. In diesen ersten fünf Büchern der Bibel ist das symbolische System bereits vollständig enthalten. Alle anderen Teile der Schrift wirken dem gegenüber wie weitere geschichtliche Ausgestaltungen und Reflexionen über das menschliche Geschick aus verschiedenen Perspektiven. Wo sie uns in Sachen Symbolik weiterführen, werden wir unser „Fernrohr“ auch auf Passagen aus anderen Teilen der Bibel richten. Da es in der Zusammenstellung ihrer einzelnen Schriftstücke signifikante Unterschiede zwischen jüdischem und christlichem Bibelkanon gibt, hat es am Ende des Vorworts auch dazu eine vergleichende Übersicht.

Analog zu den vier Grundkräften des Universums in der modernen Physik – von denen die Gravitation die Bekannteste, aber nicht die stärkste ist – gibt es auch im biblischen Weltbild Kräfte mit unterschiedlicher Reichweite und Intensität. Wie sie wirken, ist besser zu verstehen, wenn wir uns erst einmal klar machen, was Symbolik eigentlich bedeutet. Der Begriff geht auf das griechische Wort symbolon zurück und spricht von etwas Zusammengetanem. Symbalein, das Verb vom gleichen Stamm, bedeutet ursprünglich zusammenwerfen oder zusammentun. Der Symbolik-Begriff wird speziell für Zusammenhänge benutzt, in denen sinnliche Zeichen zu Trägern geistiger Inhalte werden, die sonst in unserer von materiellen Formen dominierten Welt nur schwer erfaßbar sind. Ein Symbol ist ein Sinnbild. Dieser Technik bedienen sich übrigens auch die Naturwissenschaften. Auch da werden Formalismen und Modelle verwendet, um die Strukturen bestimmter Wirklichkeitsausschnitte symbolisch zu repräsentieren. Nicht zuletzt ist jede Sprache ein System aus Symbolen, das auf die Wirklichkeit verweist, von der sie spricht. Die Sprachstruktur des hebräischen Bibeltextes tut dies in besonderer Intensität und Dichte. Und auch hier sind die symbolischen Formen als Verweise auf die Wirklichkeit, nicht nur als Gleichnisse und freie Assoziationen zu verstehen. Die Struktur des Textes eröffnet einen für uns heute durchaus ungewöhnlichen Blick auf die Welt und ihre Ordnung. Neu ist er aber nicht. Für uns heute ist es zum Beispiel nur noch schwer vorstellbar, daß es Orte und Zeiten verschiedener Qualität gibt, lernen wir doch vor allem, Quantitäten zu messen und zu wägen. Der Chronometer tickt unaufhaltsam, aber sagt uns nichts über die Qualität der Zeit. Früher war es den Menschen noch selbstverständlich, daß Orte und Zeiten mit Bedeutungen gefüllt sind, die man meidet oder sucht. Im Wissen um diese Strukturen ordnet sich das Leben in Seins- aber auch in Sinnzusammenhänge ein. Das ist es, was das biblische Weltbild wie auch die Weltbilder anderer Religionen so sehr von allen sonstigen Systemen unterscheidet, die wir uns schaffen, um uns in der Welt zurechtzufinden: sie geben dem Leben auch Sinn. Nach wie vor. Unter der Patina einer Jahrtausende alten Religionsgeschichte leuchten die Farben einer Bildersprache noch immer unvermindert, in der die Menschen ihre Erfahrungen aufgezeichnet haben, die sie über die Zeit als Geschichte Gottes mit dem Menschen verstehen lernten. Wie sich im Einklang von Zählen und Erzählen die Struktur der Wirklichkeit entfaltet, werden wir uns an vielen Beispielen veranschaulichen. Dabei wird sich auch das Rätsel lösen, warum die Summe der Eins Dreizehn ist. Die Aussagekraft dieser Bilder und Strukturen ist unabhängig von allen auch in der Bibel sichtbaren Geschichtsverläufen. Auf diese Inhalte, die jeder in seiner Zeit und seinem Umfeld neu entdecken kann, konzentriert sich hier alles. Darum wird auf das Einflechten möglicher aktueller Bezüge weitgehend verzichtet; die wären ohnehin so schnell veraltet wie die Zeitung von gestern.

Die symbolischen Strukturen in den Tiefenschichten der Bibel sind also keineswegs geheim; sie brauchen nur wiederentdeckt zu werden. Die Kommentare zur Hebräischen Bibel füllen ganze Bibliotheken und sind für jedermann zugänglich. Erschwert wird der Zugang allenfalls dadurch, daß entsprechende Aussagen weit verstreut in Büchern zu finden sind, die es zum Teil auch heute nur auf Hebräisch gibt. Wie gesagt, ist die Sprache das mögliche Haupthindernis beim Erschließen der Quellen. Friedrich Weinreb (1910-1988), ein Mathematiker und profunder Kenner der jüdischen Überlieferung, hatte vor einigen Jahrzehnten bereits versucht, ein deutsches und niederländisches Publikum mit ihnen vertraut zu machen. Die vorliegende Darstellung korreliert mit seiner Arbeit an den Stellen, wo sie sich auf gleiche Aspekte der Tradition bezieht. Ihre Interpretation orientiert sich aber mehr an zeitgenössischen Bemühungen um eine Erneuerung des Zugangs zur jüdischen Tradition, die vom nordamerikanischen Raum ausgingen, aber inzwischen auch Europa erreichen. Unter den Gelehrten, die das Alte neu zu erschließen suchten und dies immer noch tun, seien hier stellvertretend Aryeh Kaplan, Marcia Prager, Shefa Gold und Arthur Green genannt. Die Erneuerung sucht sich ihren Weg nicht durch bloßes Erfinden neuer Formen der Spiritualität. Es werden vor allem Aspekte der Tradition für die Praxis aktiviert bzw. reaktiviert, die dort längst angelegt sind. Zum Beispiel wird eine Balance zwischen kosmischem männlichen und weiblichen Prinzip dann nicht mehr nur theoretisch angenommen, sondern ausgelebt mit direkten Konsequenzen im Lebensalltag der Männer und Frauen von heute. Für diejenigen, die mit der Tradition leben, ist auch das Nachsinnen über die Schöpfungsordnung – über ihre Herkunft und das sie selbst überschreitende Ziel – nicht nur reines Gedankenspiel. Es resultiert bspw. in einer Ausdehnung der Speiseregeln auf eine auch ökologisch gerechte Gewinnung der Lebensmittel. Die Thora lädt eben nicht nur zum munteren Philosophieren ein, sondern vor allem dazu, die Lebenspraxis nach ihr auszurichten.

Wenn die symbolischen Formen aber Verweise auf die Wirklichkeit sind, welche Folgen hat dann eine Beschränkung der Bibellektüre auf die an der Oberfläche liegenden wörtlichen Textinhalte? Diese eindimensionale Herangehensweise, welche leider weit verbreitet ist, ermöglicht in der Tat nur eine äußerst magere Auslegung und zerstört sogar einen Teil der biblischen Botschaft. Sie ist es auch, die das dann nur noch vermeintlich biblische Weltbild gegen das moderne, wissenschaftlich fundierte Weltbild in Stellung bringt – eine Konfrontation, die nicht sein muß. Wir können vielmehr von der wissenschaftlichen wie von der biblischen Sicht auf die Welt gleichermaßen profitieren, da beide mit je eigener Kompetenz die Welt beschreiben und das Wissen an die Hand geben, sie schöpferisch weiter mit zu gestalten. Sie tun dies nur jeweils mit ihren eigenen Methoden. Schon allein, wenn wir das Wort Welt aussprechen, ist damit in beiden Denkschemata etwas anderes gemeint. Die Welt, wissenschaftlich betrachtet, ist das physische Universum, das in seinen größeren Zusammenhängen ebenso erforscht werden kann wie im Aufbau seiner kleinsten Bausteine. Hier wird der Mensch auch selbst zum Forschungsgegenstand, aber nur im Allgemeinen. Individuelle Züge müssen methodisch bedingt ausgeblendet werden. Aus dieser Per­spektive erscheint die Erde als ein kleiner, blaugrüner Planet, der um eine unbedeutende, gelbliche Sonne kreist, die sich an einem relativ ereignisarmen Ausläufer eines Spiralarms der Milchstraße in einer lokalen Gruppe von Galaxien befindet. Beste Bedingungen übrigens, um abseits von kosmischen Turbulenzen und innergalaktischen Kollisionen Leben entstehen zu lassen. So gesehen sind wir alle Staub der Sterne. Denn nur nachdem frühere Sterne starben, konnten neue mit Planetensy­stemen aus den von ihnen hinterlassenen schwereren Elementen und deren Zusammensetzungen entstehen. Was die wissenschaftlichen Erkenntnisse betrifft, ist die gemeinsame Schnittmenge des Verstehens kulturübergreifend sehr groß, weil hier personengebundene Erfahrungen in den Hintergrund treten. Dem gegenüber steht im Kosmos der Bibel der Mensch als konkrete Person jeweils im Mittelpunkt seiner Lebenswelt und aller organisatorischen Sorge. Aus dieser Perspektive gesehen, bleibt die Erde als Lebensort des Menschen im Mittelpunkt und das Weltbild gewissermaßen ein geozentrisches – jedenfalls solange die Expeditionen zu anderen Welten auf sich warten lassen. Auf unserer Entdeckungsreise soll mit dem Weltbild der Bibel eine solche, auf das persönliche Erleben hin angelegte Konzeption im Focus stehen. Auf dem gleichen Terrain tummeln sich viele Religionen. In diesem „Universum“ sind wir definitiv nicht allein. Wir müssen es mit anderen teilen und werden uns zugleich mit ihnen immer nur auf der Basis einer relativ kleinen gemeinsamen Schnittmenge an Erfahrungen verständigen können. Zur gleichen Kultur gehören heißt, mit einer begrenzten Zahl von Menschen mehr Erfahrungen, Vorstellungen und Werte gemeinsam zu haben als mit anderen. Also müssen die Konzeptionen eines biblischen Verstehenshorizonts und der wissenschaftlichen Systematik schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Zielsetzungen nicht miteinander konkurrieren. Im Gegenteil; so sie einander in komplementärer Weise ergänzen, können wir beide gut brauchen, nachdem wir an die Grenzen der Expansion unseres modernen Lebensstils gestoßen sind und einen Weg zurück suchen, zurück zum Ursprung und auch zu mehr Innerlichkeit.

Dieser kleine Reiseführer durchs biblische Universum ist für alle interessierten Menschen geschrieben – unabhängig von ihrer Konfession, das heißt auch für Menschen ohne eine solche. Er richtet sich an alle, die einen neuen Zugang zu den alten Schriften suchen oder ihren ersten Annäherungsversuch wagen. Entstanden und gewachsen ist all das in der jüdischen Tradition, die ihrerseits in dem noch um Jahrtausende älteren Kulturraum des Vorderen Orients wurzelt. Jeder Inhalt braucht einen Startpunkt, auch wenn er sich einen Weg in die breitere Öffentlichkeit sucht. Im Hintergrund aber steht ein altes Menschheitswissen, das auch in vielen anderen Kulturen präsent war und ist und das selbst unsere moderne Welt über unterirdische Kanäle noch immer nährt.

Schema des hebräischen Alphabets

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die hier verwendete Umschrift der hebräischen Wörter soll eine weitgehende Unterscheidbarkeit der Buchstaben sicherstellen. Zugunsten einer flüssigen Lesbarkeit wurde auf die Übernahme wissenschaftlicher Transkriptionsregeln verzichtet. Denn dieses Buch soll, wie gesagt, nicht nur Experten der Theologie oder andere Fachkräfte erreichen. Zugleich ist die hier genutzte Umschrift nicht einfach aus der amerikanisch-englischen Literatur übernommen. Es gibt lediglich vereinzelte Ähnlichkeiten, vor allem, wo es darum geht, das Cheth vom Khaph sowie das hebräische Zajin vom deutschen Zet-Laut zu unterscheiden, der seinerseits viel mehr dem hebräischen Tzade entspricht. Letzteres ermöglicht zugleich, die scharfen S-Laute Samech und Ssin abzugrenzen vom weichen S-Laut Zajin, für den das Deutsche kein eigenes Zeichen hat. Alle anderen Transkriptionen folgen im Wesentlichen dem deutschen Lautsystem. Die zur genaueren Betrachtung und Analyse eingeführten hebräischen Ausdrücke und Namen werden jeweils kursiv gesetzt. Sonst aber werden im laufenden Text für weithin bekannte Personen und Orte – wie Abraham oder Jerusalem – in der Regel die aus deutschen Bibelübersetzungen eher vertrauen Namen gebraucht. Das Hebräische kennt keine Groß- und Kleinschreibung; deshalb werden hier allein die Namen groß geschrieben und Substantive nur dann, wenn sie als eigene Begriffe weiter verwendet werden, wie etwa die Thevah als alternativer Name für die Arche Noahs. Auch die Auswahl der benutzten und empfohlenen Literatur richtet sich danach, daß dies zwar eine Expedition mit Anspruch ist, aber keine vornehmlich wissenschaftliche Mission. Deshalb sind selbst die Quellen möglichst nur so angegeben, daß sie auf Deutsch oder zumindest auf Englisch nachvollzogen werden können.

Aufbau der Bibel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schöpfung : Kosmische Ordnung und menschliche Lebenswelt

Am Anfang war der große Knall, der Urknall. So lautet die heute noch immer am weitesten verbreitete Theorie über den Beginn des physischen Universums. Ob das zugleich der Endpunkt der Kontraktion eines früheren Universums war oder ein absoluter Anfang, wissen wir bislang nicht. Das ist übrigens auch in der Bibel nicht klar geregelt. Geregelt ist, daß die Schöpfung den Rahmen setzt für alles, was in unserer Lebenswelt passieren kann und wird. Die Schöpfung verleiht auch dem gesamten ersten Buch des Pentateuchs seinen Namen: Genesis. Eine stille, ungeschriebene Voraussetzung gibt es aber doch, ohne die die Dynamik des gesamten Prozesses nicht verstanden werden kann. Nennen wir sie einmal so: die Geschichte der Welt und des Menschen nimmt ihren Ausgang in der Einheit bei Gott. Vielleicht können wir uns das als eine unvorstellbar große Konzentration von Energie vorstellen. Aus diesem Zustand, noch vor der Existenz von Raum und Zeit, kanalisiert sich die erste Schöpfungstat: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“; das ist der „Ur­knall“ des biblischen Kosmos. Dabei entsteht nicht einfach eine Welt. Mit Himmel und Erde wird eine grundlegende Dualität geschaffen. Am Anfang war die Zwei. Zeitangaben werden hier noch nicht gemacht. Erst danach wird der weitere Verlauf der Schöpfung in einer Folge von Tagen erzählt. Sechs Tage dauert sie, und am siebten ist sie vollendet. Es ist allerdings fraglich, wie weit es sich bei den Tagen tatsächlich um Zeitangaben handelt. Sie enthalten wohl vielmehr die Information über eine Struktur; und die ist auch in jeder Bibelübersetzung sichtbar (Genesis 1:1-2:4):

Einheit bei Gott

Am Anfang schuf Gott eine Zweiheit: den Himmel und die Erde

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tag 7/ Schabbat: Vorwegnahme der Rückkehr in die Einheit bei Gott

Tag 8: Einheit bei Gott

An sechs Tagen werden acht Teilaspekte der Natur geschaffen, die dual aufeinander bezogen sind. Genauer gesagt werden in zwei Zyklen zu je drei Tagen jeweils vier Schöpfungstaten genannt (vgl. F. Weinreb, Schöpfung im Wort, 34-40). Die zwei Schöpfungszyklen bilden folgerichtig auch in sich eine Dualität. Wie Gott seine Energie zum Einsatz bringt, umschreibt die Bibel als Schöpfung durch das Wort: „er sprach“… und „es ward“. Auf diese Weise entsteht eine ganze Hierarchie von Dualitäten: Licht und Finsternis – erster Tag, die Wolken oben und ein Urmeer unten – zweiter Tag; und am dritten Tag gibt es eine zweifache Dualität mit Land und Meer sowie zwei Grundarten von Pflanzen. Der zweite Zyklus wirkt wie die Konkretisierung des ersten. Das Entstehen von Sonne, Mond und Sternen am vierten Tag korre­spondiert mit der Scheidung von Licht und Finsternis am ersten. Die Funktion der Himmelslichter besteht nun darin, Tag und Nacht zu regieren, also die helle und die dunkle Zeit zu unterscheiden, was Voraussetzung ist für die Einteilung der Tage, Monate und Jahre und damit für jeden Kalender. Die Bildung der Vögel und Meerestiere am fünften Tag bezieht sich auf die Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments vom zweiten Tag zurück. Am sechsten Tag gibt es keine direkte inhaltliche Parallele, aber die verdoppelte Dualität des dritten Tages kehrt wieder. Tiere und Pflanzen entstehen in einer Unterscheidung, die für das Überleben des Menschen wichtig sein wird: Wild und Herdentier sowie Pflanzen allgemein und Pflanzen mit für den Menschen eßbaren Früchten. Und schließlich wird der Mensch geschaffen in männlichem und weiblichem Geschlecht.

Nun haben ja nicht nur die Menschen unterschiedliche Geschlechter, sondern viele Tier- und Pflanzenarten auch. Beim Menschen aber hebt die Bibel diesen Umstand so stark hervor, als handele es sich um zwei eigene Spezies. Dies hat weniger damit zu tun, daß Männer und Frauen auf bestimmte Rollen festgelegt werden sollen, sondern vielmehr mit einem alten Symbolismus. Auch andere Kulturen jenseits des biblischen Kontextes integrierten schon früh die biologischen Geschlechter in die umfassendere Konzeption eines kosmischen männlichen und weiblichen Prinzips. Der Mensch ist danach als Mann und Frau in Teilhabe am männlichen und weiblichen Urprinzip gestaltet. Diese Urprinzipien sind ihrerseits in der Einheit bei Gott aufgehoben und gliedern sich erst in der dualen Welt auseinander. Seit der Neuzeit hat sich das, was als Realität wahrgenommen wird, stark auf mechanische und kausal begründbare Vorgänge verengt. Im Zuge dieses Prozesses wurde das Bewußtsein um eher synthetisch und intuitiv erschlossene Qualitäten von Lebewesen und Dingen, von Orten und Zeiten in die Randzonen unserer Kultur verdrängt. Männlich und weiblich im kosmischen Maßstab – das kennt immerhin noch die Astrologie. Zu ihren Grundsymbolen gehören die Tierkreiszeichen, die sich in sechs männliche (Widder, Zwillinge, Löwe, Waage, Schütze, Wassermann) und sechs weibliche Zeichen (Stier, Krebs, Jungfrau, Skorpion, Steinbock, Fische) aufgliedern. Diese bilden erst zusammen das gesamte Spektrum der Zeitqualitäten im kosmischen Spiel der Kräfte ab.

Die Welt entsteht und entwickelt sich also ausgehend von einer immensen Konzen­tration an Energie, die traditionell begrifflich in Worte wie „Einheit bei Gott“ gefaßt werden kann. Daß alle Lebewesen und Dinge der Welt auch wieder in diese Einheit eingesammelt werden, ist symbolisch mit dem siebten Tag verbunden. Am siebten Tag wird nichts mehr erschaffen. Von ihm heißt es nur, daß er gesegnet sei als der Tag, an dem Gott von seinem Schöpfungswerk ausruhte. Das klingt scheinbar passiv; tatsächlich aber wirkt er unmittelbar auf die weitere Entwicklung der Schöpfung ein. Der siebte Tag gliedert die Zeit und gibt ihrem Lauf Richtung und Dynamik. Der Rhythmus wird sichtbar in der langfristigen Beobachtung von Sonne und Mond. Die Jahre werden bekanntlich am Lauf der Erde um die Sonne bestimmt, die Monate aber am Lauf des Mondes um die Erde. Die Zusammenfassung der Tage in Wochen ergibt sich da aus zwei Faktoren: Zum einen können die etwas mehr als 29 Tage dauernden Mondmonate ungefähr in vier mal sieben Tage unterteilt werden. Im Mittel sind es ja 28 Tage, sofern die reine (syderische) Umlaufzeit des Mondes 27,3 Tage, sein (synodischer) Umlauf bis zur Wiederholung der gleichen Mondphase aber 29,5 Tage beträgt, weil die Erde dann inzwischen auch ein Stück weiter um die Sonne gewandert ist. Zum anderen lassen sich die Monate in den Rhythmus der von der Sonne vorgegebenen Jahreszeiten einordnen. Die astronomischen vier Jahreszeiten beginnen mit den Tagundnachtgleichen im Frühjahr und Herbst und den Sonnenwenden in Sommer und Winter. Die Jahreszeiten selbst dauern dann jeweils drei Monate mit circa vier Wochen zu je sieben Tagen. Das alles zusammen führt zu einer natürlichen Einteilung der Tage in Siebenereinheiten. Auf Basis dieser kosmologischen Rhythmen begründet die Bibel den steten Wechsel von Arbeiten und Ruhen auch im menschlichen Leben und Streben. Dieser Wechsel ist nicht gleichzusetzen mit einem bloßen Hin- und Herschwingen zwischen Aktivität und Passivität. Qualitativ kann der siebte Tag eine sehr aktive Zeit sein, aber auf keinen Fall eine schöpferische. Etwas Neues zu generieren, ob geistig oder materiell, ist dem Arbeitsalltag der anderen sechs Tage vorbehalten. Der Sinn des siebten Tages besteht für den Menschen darin, sich gerade mit seinen Fähigkeiten, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheiden und immer auch von der Natur zu entfremden drohen, bewußt in ihre Rhythmen einzufügen. In der Struktur der Natur zeigt sich die Sieben auch an anderen Stellen als eine Grundzahl. Das können wir zum Beispiel in der Harmonielehre erkennen. Sieben Töne hat die Tonleiter. Das ist immer so, egal in welcher Tonart wir uns bewegen. Erst beim achten Ton beginnt die Tonfolge mit verdoppelter Frequenz (oder nach unten mit halbierter Frequenz) von vorn. Der achte Ton ist immer wieder ein erster. Wenn für uns ein siebter Tag vorbei ist, beginnt auch alles wieder von vorn, wieder mit einem ersten Tag. Ein echter achter Tag müßte eine ganz neue Qualität haben und in eine andere Existenzform führen, von der uns der siebte Tag nur eine Ahnung geben kann.

Es ist bemerkenswert, was Gott am ersten siebten Tag der Weltgeschichte tut: er ruhte aus von all seinen Werken (Genesis 2:2-3; vgl. Exodus 20:10f.). Ob Gott wirklich eine Siesta nötig hat? Viele Theologengenerationen haben solche Vergleiche mit menschlichen Eigenheiten bereits kontrovers unter dem Fachbegriff des Anthropomorphismus diskutiert – der Menschenförmigkeit. Die Antwort darauf, ob Gott wohl Nase, Ohren und Arme habe, um die Opfergaben zu riechen, die Gebete zu hören und in die Geschichte einzugreifen, liegt beim Menschen allein. Gott läßt das alles unberührt. Der Mensch allein braucht die Anschaulichkeit, um sich selber besser zu verstehen. Um sich selbst besser verstehen zu können, zeigt die Bibel ihm, woran er sich messen kann: als Geschöpf „im Bild und Gleichnis“ Gottes (Genesis 1:26) – das ist Gleichnis nur im Handeln, nicht im Aussehen. Daran wird er testen können, wie weit es ihm gelingt, das Vorbild Gottes tatsächlich nachzuahmen. Am siebten Tag ruhen idealerweise auch menschliches Tagewerk und mensch­liche Schöpferkraft. Der siebte ist der einzige Tag, der im Hebräischen auch einen Namen hat: Schabath. Das dazu gehörige Verb schavath bedeutet aufhören und ruhen. Die anderen sechs Tage werden einfach nur durchgezählt: der Sonntag ist der erste Tag, Montag der zweite Tag u.s.w. Ist wieder einmal eine Woche um, können wir am Schabbat zurückschauen auf das große ganze Schöpfungswerk wie auf die gerade vergangene Woche: Was haben wir erreicht, was ist nicht so gut gelaufen? Und wir schauen nach vorn in eine Zukunft, die weit über die nächste Wochenplanung hinausweist. Denn der siebte Tag bringt auch eine Dynamik der Erwartung in den Zeitlauf, Erwartung einer individuellen und globalen Vollendung. Ansatzweise ist Vollendung in jedem gelungenen Moment des Lebens schon da; zugleich ist sie für immer am Kommen. Zu den gelungensten Momenten zählen wohl die, welche wir mit anderen teilen können.

Jetzt ist die rechte Zeit, schonmal ein wenig zu buchstabieren. Der duale Charakter der Schöpfung spiegelt sich auch in der Struktur der Sprache wider. Im Original lautet der erste Satz der Bibel: „Be-reschith bara’ Elohim eth ha-schamajim we-eth ha-aretz.Bereschith lautet auch der hebräische Name des Buches Genesis. Denn das erste markante Wort in einer traditionellen Schrift ist in der Regel auch ihr Namensgeber. Das „am“ (be-) des Anfangs (reschith) besteht aus einem einzigen Buchstaben: Beth. Da in einem Satz kein Buchstabe einzeln stehen darf, werden solche minimalistischen Bedeutungsträger an das nächste Wort angeklebt: be-reschith. Überhaupt ist das Hebräische ziemlich sparsam. Die Schrift besteht nur aus Konsonanten. Vokale hat es auch, aber keine eigenen Buchstaben dafür. Es gibt nur ein Set winziger Zeichen, mit dem sie an die Konsonanten geheftet werden können. Meist stehen sie darunter, manchmal dahinter oder darüber. Das nennt man dann „vokalisieren“ oder „punktieren“. Allein die Halbvokale Jud und Waw tauchen auch in unvokalisierten Texten auf, um die Erkennbarkeit bestimmter grammatikalischer Formen sicherzustellen. Eine Thorarolle ist wie die meisten israelischen Zeitungen nicht mit Vokalen ausgestattet. Vokalisiert wird nur für Anfänger, jedenfalls die Zeitung. Zu Studien­zwecken werden aber auch Bibeltexte punktiert gelesen, um den Sinn genau zu erfassen. Eben um den Sinn der Texte genau festzulegen, haben sich schon vor einigen hundert Jahren ein paar Experten, die so genannten Masoreten („Überlieferer“) einmal hingesetzt und die gesamte Bibel vollständig durchbuchstabiert und vokalisiert. Das Ergebnis liegt noch heute jeder buchförmigen Bibelausgabe zugrunde. Grammatikalisch mögliche Alternativen des Lesens und Deutens sind freilich nach wie vor erlaubt. Eine weitere Eigenart der he­bräischen Sprache besteht darin, daß die Grundbedeutung der Wörter stets auf einer Reihe von Wurzelkonsonanten ruht. Meist sind es drei, aus denen sich über verschiedene grammatikalische Formen weitere Bedeutungsnuancen ableiten lassen. Diese Wurzelbuchstaben werden in den kommenden Erklärungen in der Regel mit angegeben.

Hebräisch ist eine Konsonantenschrift. Das heißt, auch der erste Buchstabe ist kein A, kein Vokal wie etwa im deutschen Alphabet, sondern lediglich ein im oberen Halsbereich erzeugter Verschlußlaut. Ihm kann dann als Vokal ein A folgen, muß aber nicht. Das Aleph für sich allein ist fast unhörbar; und das hat bereits einen tiefen symbolischen Sinn. Als erster Buchstabe mit dem Wert eins ist es zugleich ein Zeichen des einen Gottes, von dem alle Formen und Bewegungen der Schöpfung ausgehen, der aber selbst in ihnen nicht aufgeht. Im Blick auf die Zahlenwerte der 22 hebräischen Buchstaben fällt auf, daß sie nicht einfach durchnumeriert sind, sondern erst alle Einer, dann alle Zehner und schließlich die Hunderter bis zur 400 gezählt werden. Jede Zahl, die größer als 400 ist, kann nur aus verschiedenen Buchstaben zusammengesetzt dargestellt werden. So wird auch bei allen Zahlen zwischen 11 und 399 verfahren, ausgenommen die glatten Zehner und Hunderter bis zur 400. In dieser Folge steht das Beth an zweiter Stelle und hat den Zahlenwert zwei. Der erste Buchstabe in der Bibel überhaupt ist also nicht das Aleph, sondern der mit dem Wert zwei. Das Beth hat wie alle anderen Buchstabenbezeichnungen auch eine eigene Bedeutung. Baith heißt Haus. Die Welt ist das Haus für den Menschen und alle Lebewesen. Die Position des Beth an dieser Stelle sagt bereits aus, daß die gesamte Schöpfung von Rhythmen durchzogen ist, denen Dualitäten zugrunde liegen wie Tag und Nacht, einschlafen und aufwachen, einatmen und ausatmen, sehen und gesehen werden, geboren werden und sterben und vieles mehr. Erst das Zusammenspiel dieser Dualitäten ermöglicht das Leben auf unserem Planeten. Und sie wirken kom­plementär, sind Gegensätze, die ohne einander nicht auskommen. Die Struktur, die auf ihnen aufbaut, sollten wir uns aber nicht zu statisch vorstellen. Die Welt befindet sich in einem Prozeß, unterliegt also auch nach biblischem Verständnis einer Evolution. Diese kann symbolisch als eine Bewegung dargestellt werden, die von der Eins über die Zwei zurück zur Eins führt. Der zweite Teil dieser Bewegung, der das Ziel der Schöpfung angibt, ist in dem Wort bereits abgebildet, das die Bibel ausschließlich für die Schöpfungstaten Gottes benutzt. Schaffen heißt bara’ und besteht aus der Wurzel Beth (2), Resch (200), Aleph (1). Von der Zwei, von der Grunddualität aus läuft das Leben durch viele Stufen der Entzweiung – angedeutet durch die Zwei auf der Hunderterebene – und wird schließlich wieder eingesammelt in der vereinheitlichenden Energie Gottes. Auch die Verdopplung der Zwei, die Vier, ist eine Grundzahl der Schöpfung. Die gesamte Vielfalt der Lebewesen und Dinge verästelt sich in eine räumlich ausgedehnte Welt hinein, für die traditionell die vier Himmelsrichtungen stehen. Vierheiten finden sich auch abgebildet in astronomisch bedingten Grundgegebenheiten. Da sind die schon erwähnten Jahreszeiten, die sich aus den wechselnden Sonnenständen mit ihren vier Eckpunkten zwischen den Tagundnachtgleichen im Frühjahr und Herbst sowie dem längsten und kürzesten Tag zur Sommer- bzw. Wintersonnenwende ergeben. Und da gibt es die vier Phasen des Mondlaufes, Neumond, zunehmender Mond, Vollmond und abnehmender Mond, die ebenfalls starken Einfluß auf das irdische Leben ausüben. Über die moderne, relativistische Physik haben wir mit der vierdimensionalen Raumzeit inzwischen eine weitere Vorstellung von der Struktur der Welt gewonnen, die mindestens genauso gut mit dem Symbol der Vier korreliert. Es ist kein Zufall, daß die Zählung des Alphabets bei der Vier auf der Hunderter-Ebene endet. Während die Vier die ausgedehnte, physische Welt selbst symbolisiert, drückt die 400 das Maximum an Entwicklungsmöglichkeit von allem aus, was sich in ihr befindet und ereignet. Alle Entwicklung spielt sich in diesem Rahmen ab. Ihn überschreiten hieße, die naturgesetzlichen Vorgaben zu sprengen. Übrigens hat das hebräische Wort für Welt, ‘olam (Ajin, Lamed, Mem), auch eine räumliche und eine zeitliche Dimension. Ha-‘olamdie Welt (ha- ist der bestimmte Artikel) ist der Raum der Welt, in dem wir uns bewegen. Le-‘olam aber (die Partikel le- bedeutet „für“ oder drückt eine Bewegung auf etwas zu aus) wird benutzt für immense Zeiträume; le-‘olam heißt „für immer“ und le-‘olam wa-‘ed – wörtlich übersetzt „für Welt und Zeit“ – wird dann zum Ausdruck für solche Äonen überschreitenden Vorstellungen wie „für immer und ewig“. Gab es da vielleicht schon eine intuitive Vorstellung der raum-zeitlichen Zusammenhänge, wie sie die Physik seit Einstein so genau beschreibt? Wenn die Ur-Hebräer hier auch nur ein vages Verständnis von dem hatten, was später wissenschaftlich erwiesen und technisch anwendbar geworden ist, dann ist das schon echte Science Fiction.

Eine Welt aus Zweiheiten wird geschaffen. Die Erzählung der Schöpfung bildet auch in sich eine Dualität, sofern es eigentlich zwei Schöpfungsgeschichten sind. In der ersten läuft alles auf die Erschaffung des Menschen zu (Genesis 1:1-2:4). Die zweite nimmt den Menschen als Ausgangspunkt und erzählt in mythischen Bildern, wie er seine Lebensbedingungen selbst mitbestimmt (Genesis 2:4-3:24). Auf den ersten Blick scheint sich die erste Geschichte auf die kosmische Ordnung zu konzentrieren und die zweite auf den Menschen. Letztlich aber geht es in beiden um die Welt als menschliche Lebenswelt. Die Verwendung unterschiedlicher Gottesnamen war ein entscheidender Anhaltspunkt für die akademische Bibelforschung, um den beiden Schöpfungsgeschichten eine jeweils andere Herkunft nachzuweisen. Die jüdische Tradition ist sich dieser Unterschiede auch längst bewußt, sieht darin aber keinen Grund, die Texteinheiten in gleicher Weise auseinanderzudividieren. Sie sieht sie vielmehr in einem tieferen Sinn verbunden. Dementsprechend repräsentieren die beiden Namen verschiedene Eigenschaften oder Handlungsattribute Gottes. So tritt Gott in der ersten Schöpfungsgeschichte als Begründer der Weltordnung und der Naturgesetze auf, welche auch dem Leben unabänderliche Rahmenbedingungen vorgeben. Dort heißt er Elohim, was ins Deutsche mit Gott übersetzt wird. Nach der hebräischen Grammatik ist Elohim ein Pluralwort. Auf - im enden die meisten männlichen Wörter in der Mehrzahl. Historiker mögen den Ur­sprung des Begriffes in einer polytheistischen Kultur sehen. In der Tradition hat er sich zu einem Ausdruck für die Einheit Gottes entwickelt, der die Vielfalt aller geistigen und materiellen Gestalten in der Welt ihre Existenz verdankt. Unter dem Namen Elohim wird Gott auch als gerechter und strenger Richter verstanden. Die zweite Schöpfungsgeschichte handelt schon speziell von den existentiellen Bedingungen des menschlichen Lebens. In ihr kommt zum Gottesnamen Elohim das Tetragramm, JHWH, hinzu, eine an sich unaussprechbare Form von Sein. In anderen Geschichten, zum Beispiel denen vom Volk Israel in der Wüste, tritt das Tetragramm dann auch allein auf. Sein heißt in der Ursprache hajah (Heh, Jud, Heh) – da gibt es noch keine Sprachschwierigkeiten. Aber jeder Versuch, es in der Form des Tetragramms auszusprechen, kann nur scheitern. Denn wir Menschen, auf der Zeitlinie lebend, können sein einfach nicht gleichzeitig in den Formen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft sagen: war, ist und wird sein. Es geht beim besten Willen immer nur nacheinander (vgl. M. Prager, Path of Blessing, 84-88). Da die jüdische Gemeinde auch nur aus Menschen besteht, versucht sie es gar nicht erst und umschreibt das Tetragramm, wo immer es auftaucht, mit Ersatznamen wie Adonaj – dem Wort Herr in einer seltsamen Pluralform, in der sich die Vielheit der Zeiten zu spiegeln scheint –, oder ha-Schem, was nichts weiter heißt als der Name. In Übersetzungen steht an Stelle des Tetragramms meist „Herr“, mitunter aber auch „der Ewige“. Vokalisiert wird JHWH entweder gar nicht oder nur so, als stünde da bereits der Ersatzname Adonaj. Wer trotzdem probiert, das zu lesen, kommt dann auf so etwas wie „Jehowah“ – klingt gut, ist aber falsch. Als Attribut gilt JHWH oder ha-Schem dem mitseienden und mitleidenden Gott, der uns an die virtuelle Hand nimmt und durchs Leben begleitet. Hier ist er ganz Person. Als Person ist er ansprechbar für den einzelnen Menschen und die gesamte Gemeinschaft. JHWH wird so zum Begriff für den Gott des Erbarmens. Zwischen diesen Polen, dem Gott der Gerechtigkeit (Elohim) und dem Gott des Erbarmens (JHWH, ha-Schem), entwickelt sich seine Wirkung in der Welt. Und nur mit beiden Eigenschaften zusammen können wir uns von ihm eine Vorstellung machen, sofern wir das überhaupt können. Auch diese Namen verhalten sich zueinander komplementär: ihre Bedeutungen ergänzen einander, ohne ineinander aufzugehen. Übrigens, wer sich die beiden Gottesnamen JHWH und Elohim so einträchtig beieinander stehend in der Übersetzung vorstellt, versteht jetzt auch, wie der „Herrgott“ in den deutschen Sprachgebrauch kam.

Das Verhältnis des Menschen zu seiner Welt und zum einen Gott, der in der Welt präsent ist, aber nie in ihr aufgeht, ist das Leitthema der zweiten Schöpfungsgeschichte – der Geschichte vom Paradies (Genesis 2:4-3:24). Es spiegelt sich symbolisch im Verhältnis von eins zu vier, das dort mehrfach abgebildet ist:

Erstens werden vier Ströme erwähnt, die sich aus einem Fluß aufgliedern. Sie heißen Pischon (der um das Land Chawila fließt), Gichon (der das Land Kusch umschließt), Chidekel oder Tigris (der sich laut Text östlich von Assyrien befindet) und der Prath oder Euphrat (der südwestlich vom Tigris das Zweistromland umfaßt). Das „Paradies“ erstreckte sich demnach von Vorderasien bis nach Nubien (Kusch) südlich von Ägypten (Genesis 2:10-14). Einer anderen Theorie zufolge könnte sich hinter dem Paradiesgarten aber auch die Erinnerung an ein ehemals üppiges, fruchbares Tal im heutigen Norden des Iran verbergen. Auch hier gab es ein Kusch, wie der „Berg von Kusch“, Kuscha Dagh, heute noch verrät. Das Wort Paradies kommt übrigens im hebräischen Text gar nicht vor. Dies ist eine persische Bezeichnung (orig. Pardes) und kam erst mit der griechischen Übersetzung in die Bibel hinein. Der hebräische Begriff des legendären Ortes ist Gan be-Eden, das heißt „ein Garten in Eden“. Im Deutschen bleibt davon meist nur der „Garten Eden“ – wie es in der Bibel selbst ja auch vorkommt (z.B. Genesis 3:23f.). Im Ursprung aber fällt das längst nicht in eins. Denn es wird erwähnt, daß der eine Fluß, der sich in vier aufgliedert‚ „von Eden ausgeht, um den Garten zu bewässern“ (Genesis 2:10). Das Wort Eden hat wahrscheinlich seinen Ursprung im Sumerischen, wo edin erstmal nichts weiter meinte als eine unbebaute Ebene, also das platte Land. Die hebräische Wurzel von ‘EdenAjin, Daleth, Nun – nahm dann bereits die Bedeutungen jener Wonne und Fülle an, die sich mit der Vorstellung des paradiesischen Ortes verbanden, wo in einem Raum der ungebrochenen Harmonie das menschliche Leben seinen Ursprung nahm. Sollte sich das Vorbild der fruchbaren Ebene tatsächlich im Nordiran befunden haben, ist von Fülle und Wonne jedenfalls nicht mehr viel zu sehen. Denn die in Frage kommende Senke beherbergt heute die Millionenstadt Tebris. Wer dahin fahren wollte, um ins Paradies zu kommen, findet eventuell das gleiche vor wie an dem Ort, wo er losgefahren ist: ein Häusermeer. Wie es sich anfühlt, „jenseits von Eden“ zu sein, haben uns Filmemacher und Schlagersänger bereits anschaulich zu machen versucht. Im biblischen Denken heißt das grundsätzlich, fern zu sein vom Ursprung. Fern vom Ursprung ist zunächst jeder von uns; und die Paradiesgeschichte erfaßt bildhaft, warum das so ist. Wir kommen gleich darauf zurück.

Zweitens wird berichtet, daß, bevor es Regen auf der Erde gab, alle Pflanzen durch einen Dunst belebt wurden, der sich wie Tau über dem Land ausbreitete und Feuchtigkeit spendete (Genesis 2:6). Der Dunst heißt auf Hebräisch ed – ein Wörtchen, bestehend aus Aleph und Daleth, also aus Eins und Vier. In dieser Kombination auseinandergelegt erscheint die Fünf immer wieder in der vierdimensionalen Welt. Immer wieder so getrennt, denn die Fünf entspricht symbolisch bereits dem achten Tag und verweist wie er auf eine neue, ganz andere Exi­stenzform. Die Lebensaufgabe in dieser Welt, deren Rahmenbedingungen sich hier vorbereiten, scheint darin zu bestehen, in unserem Denken, Sprechen und Handeln die Eins Gottes mit der Vierheit der Welt in Beziehung zu bringen. Die Thora wird diese Aufgabe später Heiligung nennen. Die Heiligung des Lebens wird Gott vom Menschen fordern. Zuerst werden dazu Einzelne berufen und später ein ganzes Volk, denn es ist eine individuelle und eine gemeinschaftliche Aufgabe.

Ein weiteres Mal findet sich das Verhältnis von eins zu vier im Begriff des Menschen selbst. Ha-Adam lebt zunächst allein inmitten der Pflanzenwelt. Ha-Adam ist da noch der Mensch schlechthin, noch kein Individuum mit eigenem Namen und eigenem Willen. Die Individualität wird sich im Lauf der Geschichte erst nach und nach ent­wickeln. Adam (ohne den bestimmten Artikel ha-) wird mit Aleph (1), Daleth (4), Mem (40) geschrieben. Die Vier gibt es hier zweimal, auf der Einer- und der Zehnerebene. Diesen beiden Vieren ist die Eins wie ein Lebensziel vorangestellt. Ohne das Ziel, angezeigt im Aleph, bleiben nur Daleth (4) und Mem (40) übrig. Auch das ergibt ein Wort; dam bedeutet Blut. Ohne Rückbindung an die Eins bleibt nur der nackte körperliche Lebenserhalt übrig; ein Überlebenskampf, der auch im Blutvergießen enden kann. In nur ein paar Zahlen steckt die Informa­tion, was Un-Menschlichkeit letztlich bedeutet und was übrigbleibt vom Adam, wenn er nicht mehr bereit ist, mit seinem Leben die Vielheit der Welt der Einheit Gottes näher zu bringen. Eine Einheit in sich ist zunächst auch der Mensch selbst. Erst in einem nächsten Schritt kommt er als männliche und weibliche Gestalt in den Blick. In der ersten Schöpfungsgeschichte heißt es knapp: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie.“ (Genesis 1:27) Und die Paradiesgeschichte ist dazu gewissermaßen der Kommentar.

Denn die Sinngebung des Wortes Adam reicht noch weiter. Es hat dieselbe Wurzel wie das Wort des Erdbodens, adamah, geschrieben: Aleph (1), Daleth (4), Mem (40), Heh (5). Es besteht also eine enge Verwandtschaft zwischen den Wörtern für Mensch und Erdboden. Sie unterscheiden sich nur durch einen einzigen Buchstaben: das Heh, die weibliche Endung mit dem Auslaut - ah im Wort der Erde. In dieser sprachtechnischen Verwandtschaft spiegelt sich die mythische Aussage der Bibel wider, daß der Mensch aus Erde gebildet sei. Der Mensch ist ein Erdling. Als Gott JHWH dann feststellt: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm gegen­über eine Hilfe machen“, formte er – ebenfalls aus Erde – zunächst die Tiere auf dem Felde und die Vögel am Himmel und umgab den Menschen mit ihnen… (Genesis 2:18f.). Warum wird dieser Zwischenschritt eingelegt, bevor Adams weibliches Pendant entsteht? Sollte er mit den Tieren spielen? Nein, der Adam macht etwas, das ihn wesentlich von allen anderen Lebewesen unterscheiden wird. Der Mensch beginnt, den Tieren und Pflanzen Namen zu geben. Er bildet Begriffe und Ideen, baut sich Gedankengebäude daraus und richtet sich darin ein. Er systematisiert seine Welt, um sie zu verstehen. Und je mehr er versteht, um so mehr wagt er auch, in ihre Abläufe einzugreifen. Er wird diese Aktivitäten kultivieren und hoch entwickeln bis hin zu den Wissenschaften und ihren technischen Anwendungen. Diese Übergangsphase zeigt aber auch, daß zum Menschsein immer noch etwas Entscheidendes fehlte: die zwischenmenschliche Beziehung. Dafür brauchte der Adam ein menschliches Gegenüber, das seine Vermehrung ermöglicht, aber auch zur Begegnung herausfordert. So baute Gott die Frau aus einem Teil vom Adam selbst. Nicht aus Erde formte er sie, denn der Mensch ist ja schon geschaffen. Eine eigene Spezies soll das weibliche Gegenüber nicht werden, im Gegenteil. Wie sehr beide zusammengehören, zeigt das Hebräische, indem es für Mann und Frau das gleichen Wort verwendet, nur eben einmal in männlicher und einmal in weiblicher Form: isch (Aleph, Schin) und ischah (Aleph, Schin + die weibliche Endung Heh). Bereits Martin Luther hat in seiner bahnbrechenden Bibelübersetzung gezeigt, wie das auf Deutsch klingen würde, nämlich wie Mann und Männin. Wie der Urmann hat auch die Urfrau noch einen eigenen Begriff, den ihr übrigens Adam selbst verleiht. Er lautet Eva, in der Ursprache Chawah. Auch Eva ist hier noch nicht als Vorname gemeint. Wie Adam mit der Erde, so ist Chawah inhaltlich mit den aus der gleichen Wurzel (Cheth, Jud, Heh) gebildeten Begriffen chaj (lebendig sein) und chajah (Lebewesen) verbunden. Sie wird als die Mutter aller Lebewesen vorgestellt (Genesis 3:20), natürlich nicht aller Pflanzen und Tiere, aller Sträucher und Kühe. Um das einzuschränken, ergänzt die Tradition den Ausdruck „em kol chaj“ – „Mutter alles Lebendigen“ durch „medaber“ – „sprechenden“, also vernunftbegabten Lebens.

Diese inneren Verbindungen zwischen Adam und der Erde, zwischen Eva und dem Leben werden dann durch die folgende Passage vom Essen der verbotenen Frucht erst erklärt und verständlich gemacht. Den Apfel, der auf vielen Darstellungen zusammen mit Adam und Eva verewigt ist, wird der Leser in der Bibel allerdings vergebens suchen. Er entstammt einer Phantasie der christlichen Tradition, die allein von der Ähnlichkeit der lateinischen Wörter für den Apfel und das Böse lebt. Beides heißt im Latein malum. Und schlecht ist nach ihrer Interpretation auch, was hier geschieht. Ursprünglich wird die Frucht nicht näher benannt. Und ursprünglich muß von vornherein eingeplant gewesen sein, daß sich die beiden davon etwas nehmen. Sonst hätten sich die Menschen nie vermehrt, hätte es eine Menschheitsgeschichte nie gegeben und die ganze Bibel hätte nicht geschrieben werden brauchen. Herr und Frau Mensch entdecken nach dem Genuß der Früchte vom Baum der Erkenntnis einander zunächst einmal sexuell. Dieser Sinn ist im Verb erkennen, jada‘ (Jud, Daleth, Ajin), tatsächlich auch enthalten. Wenn er sie erkennt und umgekehrt, dann machen sie miteinander genau das. Sexualität und Scham sind aber längst nicht alles, was die beiden lernen. Das Gewächs, an dem die Frucht hängt, heißt ja vollständig „Baum der Erkenntnis des guten und Bösen“, ‘etz da‘ath tov wa-ra‘. Sie lernen zu unterscheiden, was logisch und was ethisch-moralisch richtig und falsch ist. Erst nachdem sie das wissen, können sie sich übrigens schuldig machen. Von einer Sünde oder gar Ur-Sünde kann keine Rede sein, so lange einer nicht weiß, was das überhaupt ist. Mit dem Leben als einfältigem, naivem Naturwesen war es jetzt aber ein für alle mal vorbei. Wichtige Grundtriebe im Menschen sind nun festgelegt: sein Forscherdrang und sein Kulturbedürfnis und sein freier Wille, mit dem er sich auch gegen das Gute entscheiden kann. Mit der Verbannung der Menschen aus dem Garten in Eden wird die menschliche Existenz dann noch einmal in eine andere Richtung hin ausdefiniert. War es zuvor die Unterscheidung vom Tierreich, geschieht nun eine Abgrenzung des Menschenwesens von Gott. Dies zeigt sich an dem Grund, warum die beiden den Garten verlassen müssen: Sie sollen nicht auch noch versuchen, vom Baum des Lebens, ‘etz ha-chajim, zu naschen. Nach seinen Früchten soll der Mensch zumindest nicht sofort greifen können. Das ist existentielle Bedingung für ein Leben in der Welt, wo Eins und Vier nur nebeneinander bestehen. Dort gibt es kein ewiges Leben. Die Abkürzung zur anderen Welt mit dem Baum des Lebens soll der Mensch nicht nehmen. Deshalb postiert Gott sogar die Cherubim, eine Art Engel, mit ihren „Laserschwertern“ am Eingang des Gartens im Osten (Genesis 3:24). Das Heh am Ende des Wortes für Erdboden, adamah, mit dem Wert fünf deutet darauf hin, wie und wann der Erdling zum Baum des Lebens kommt: wenn er seine körperliche Exi­stenz aufgibt, zur Erde zurückkehrt und diese Welt wieder verläßt. Daß Menschen wieder gehen, ist auch Voraussetzung dafür, daß andere in die Welt kommen können. Die Begegnung mit der Schlange, dem nachasch (Nun, Cheth, Schin) bereitet die Bedingungen dafür vor. Im Hebräischen ist die Schlange tatsächlich ein Er und die Verführung nicht automatisch weiblich. Zwiespältig ist das Wesen der Schlange. Zu Recht denken wir an Verrat und Hinterhalt. Zugleich ist sie das Werkzeug, mit dessen Hilfe die Geschichte erst in Gang kommt – mit allem, was dazugehört: daß Menschen geboren werden und sterben; daß die Frau unter Schmerzen Kinder gebiert, daß der Schmerz vergeht und etwas Neues entsteht. Die Verwandtschaft von Adam und adamah teilt Eva mit ihrem männlichen Gegenüber, denn aus ihm ist sie hervorgegangen. Aber nur ihr, Chawah, ist es vorbehalten, das Leben in die Welt zu bringen; allein die Frauen sind Mütter des Lebens. Die Kinder, die sie gebären, sind dann wieder weiblich und männlich. Das Leben des Menschen ist mühevoll. „Im Schweiße seines Angesichts“ muß er seinen Unterhalt verdienen (Genesis 3:16-19). Und erst, wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, kann das Leben beginnen, mehr als bloßes Überleben zu sein. Am Ende jagt Gott JHWH die beiden nicht einfach aus dem Garten und überläßt sie nicht sich selbst. Er selber macht für den Adam und seine Frau ein Art Kleidung aus Leder oder Fell und zieht sie ihnen an, damit sie die noch frisch entdeckte Scham bedecken und sich schützen können, wo auch immer sie unterwegs sein werden (Genesis 3:21).

„Seid fruchtbar und vermehrt euch“, hat es in der ersten Schöpfungsgeschichte (Genesis 1:28) geheißen; und die zweite buchstabiert weiter aus, was das eigentlich bedeutet. So gehören die kosmische Schöpfungsgeschichte und die Paradiesgeschichte eng zusammen, auch wenn sie – wie die historische Textkritik ermittelt hat – wahrscheinlich an unterschiedlichen Orten von verschiedenen Personen aufgeschrieben wurden. So läuft es oft in der Geschichte; erst die Inspiration und die Innovation vieler wachsen zu einem größeren Ganzen zusammen. In der Tradition kommt auch der Endredaktion große Bedeutung zu. Diese wird ihrerseits wieder gewürdigt durch weitere Interpretation. Denn die Tradition ist wie das Leben selbst, das sie begleitet – in Bewegung.

Die Sintflut – in eine neue Weltzeit schwimmen

Der erste Mann und die erste Frau sind wie alle Figuren in der Thora Beispielgestalten, die uns immer auch etwas vom Menschsein überhaupt erzählen, egal wie eigen sie sich bereits zeigen. Anders als spätere Vertreter etwa aus der Väterzeit oder der Gründungsära des Volkes Israel tragen Adam und Eva noch keine individuellen Züge; es sind reine Prototypen. Die Bibel nutzt andere Mittel, als wir es von den Naturwissenschaften her kennen, um das menschliche Wesen zu beschreiben. Sie geht nicht von einem Stammbaum der Arten aus, in dessen Verzweigungen irgendwann unter den Primaten auch der Mensch auftaucht. Sie zeigt den Menschen zunächst als eine noch konturlose Urgestalt, die sich in einem mythischen Bedeutungsraum bewegt. Wenn man hier einen Vergleich mit den modernen Wissenschaften versuchen wollte, dann läßt das erste Menschenpaar am ehesten an den menschlichen Gattungsbegriff denken. In der Erzählfolge der Geschichten durchschreiten die späteren biblischen Protagonisten weitere solcher Räume, die in ihrer Ausgestaltung unserer Erfahrungswelt immer ähnlicher werden. So wird vom er­sten Menschenpaar ausgehend über eine bestimmte Anzahl von Generationen das Menschliche weiter ausdefiniert und bekommen die beteiligten Figuren auch individuellere Züge. Die Abfolge der Geschichten ist also nicht allein chronologisch zu verstehen. Es werden vielmehr verschiedene Schichten der Wirklichkeit durchlaufen, die auch im „wahren Leben“ immer präsent sind – in der Außenwelt wie in unserem inneren Erleben. Dieser Weg führt nicht allein von der Gattung zum Individuum, sondern auch von der Menschheit zur Menschlichkeit.

Kurze Zeit nachdem Adam und Eva den Garten verlassen hatten, bekamen sie ihre ersten Kinder – zuerst den Kain, dann den Abel. Mit diesen Sprößlingen kommt zugleich der Konflikt in die Welt, und das weitere Geschehen schlittert geradewegs hinein in die erste Kriminalgeschichte der Menschheit. Den Mörder müssen wir nicht lange suchen; daß Kain den Abel tötet, wird schließlich gleich miterzählt. Aber seinem Motiv auf die Spur zu gehen, ist noch eine lohnende Aufgabe für den Detektiv. Was würde ein professioneller Ermittler zuerst tun? Sich das Umfeld der beiden Männer näher ansehen. Und da ist vor allem eines wichtig für das Verständnis des Konflikts zwischen den Brüdern: Er setzt voraus, daß tatsächlich schon mehr als vier Menschen auf der Welt existieren. Für eine vierköpfige Familie hätten ein Schrebergarten und ein Kaninchenstall zur Selbstversorgung gereicht. Kain und Abel aber sorgten für pflanzliche und tierische Nahrung in größerem Stil. Abel wurde Viehzüchter und sein älterer Bruder Bauer. Mit ihnen stehen sich nicht nur zwei Berufsgruppen gegenüber, sondern zwei Lebensweisen: die des nomadisch lebenden Viehhirten und die des seßhaften Ackerbauern. Und ganz nebenbei erfahren wir, daß es schon Usus in jener Zeit war, Tiere und Pflanzen rituell zu opfern. So brachten auch Kain und Abel ganz selbstverständlich ihrem Gott etwas vom Ertrag ihrer Hände Arbeit dar (Genesis 4:3-16). Dabei stellte sich heraus, daß Gott das Tieropfer Abels offenbar mehr gefiel als das pflanzliche Opfer Kains. Vielleicht ist dies bereits ein Hinweis auf die zukünftige zen­trale Stellung der Tieropfer im Tempelkult. Im Hinblick auf die beiden Lebensweisen bedeutet das aber, das Nomadenleben wäre eigentlich freier gewesen von der Versuchung, mehr Dinge anzuhäufen, als man tatsächlich zum Leben braucht. Mit der Seßhaftigkeit erst kamen der Besitz von Grund und Boden und damit der Zwist zwischen Besitzenden und Besitzlosen in die Welt. Dennoch haben Ackerbau und Viehzucht letztlich die Lebensweise der umherziehenden Viehhirten verdrängt. Aus der Perspektive von Geschichte und Archäologie gesehen, bewegen wir uns hier in der Jungsteinzeit (Neolithikum), als die Menschen erstmals dazu übergingen, sich in Dorfgemeinschaften niederzulassen und Landwirtschaft zu betreiben. Das Neolithikum setzte im Gebiet des fruchtbaren Halbmonds schon vor ca. 12.000 Jahren ein und in Europa zeitversetzt um ca. 6000 Jahre später. Aber kehren wir zurück zur Erzählweise der Bibel. Auch Kain gibt vom Besten, was er hat, nur bekommt er dafür nichts. Versagte Anerkennung tut weh. Sie weckt das Unrechtsempfinden ebenso wie ein vorenthaltener materieller Lohn. Dieser Herausforderung hält Kain nicht stand. Er lockt seinen Bruder aufs Feld und bringt ihn um. So kehrt ein Erdling (Adam) allzu schnell zur Erde (adamah) zurück und kann sein Lebenspotential nicht mehr ausschöpfen. Damit überschreitet Kain eine Grenze, die er bei allem Verständnis für seine Enttäuschung niemals auch nur hätte streifen dürfen. Kein materielles oder ideelles Gut wiegt ein Leben auf.

Vielschichtig ist das Geschehen; und auf einer der vielen Ebenen wird uns noch etwas ganz anderes mitgeteilt über das Verhältnis von Kain und Abel. Nicht nur an dem, was mit den beiden passiert, sondern auch an ihren Namen ablesbar wird von einer weiteren Grunddualität erzählt. Kains Name wird eigentlich Qajin geschrieben und trägt bereits das Thema erwerben, um zu besitzen in sich. Das Verb aus der gleichen Wurzel qanah (Qoph, Nun, Heh) heißt erwerben, sich aneignen. Erworben werden in erster Linie handfeste materielle Dinge, die den körperlichen Bedürfnissen dienen. Auch die Seele braucht Nahrung und hat letztlich keine Chance in der Welt, wenn sie nicht in einem gut versorgten Körper wohnt. Das Unsichtbare, nicht Greifbare der Seele aber ist der Sinn im Namen Abels. Abel wird auf Hebräisch Hevel ausgesprochen und bedeutet Windhauch. Mit dem gleichen Ausdruck wird noch der Prediger Salomo über den Sinn und Unsinn des Weltgetriebes nachgrübeln: „ha-kol hevel u-re‘uth ruach“ – „alles ist eitel und Haschen nach Wind“. Martin Luthers Übersetzung trifft die Intention genau. Im Original klingt noch fragiler und zweifelhafter, was wir erreichen und behalten können: „alles ist ein flüchtiger Windhauch, ein Streben nach Wind“ (Koheleth 1:14; 2:17 u.a.). Pustekuchen – am Ende bleibt nichts? Von der Seele des Menschen bleibt in der Tat nichts in dieser Welt, sobald ein Anschlag sie aus dem Körper vertreibt. Umgekehrt ist der Körper ohne sie nichts als leblose Materie. Das Verhältnis der Brüder erzählt also auch etwas über das Verhältnis von Leib und Seele im Menschen. So gesehen kann der Mord von Kain an Abel auch als Hinweis auf die mögliche Unterdrückung der seelischen Seite unter einer Vormacht des Leiblich-Materiellen verstanden werden – symbolisch erfaßbar auch im dam (Blut), dem Adam ohne Aleph. Die innere Verbindung zum Aleph, zur Eins des einen Gottes ist unentbehrlich für die Herausbildung der Menschlichkeit; und allein die Geist-Seele (neschamah) im Menschen ist dazu in der Lage, sie herzustellen. Das Hebräische unterscheidet zwischen zwei Seelenanteilen. Neschamah ist der Anteil, der den Menschen zur Person macht und auch noch dann erhalten bleibt, wenn sich die Konfiguration von Körper und Leibseele längst wieder aufgelöst hat. Die Leibseele (nephesch) hat der Mensch dagegen mit allen anderen Lebewesen gemeinsam. Sie ist das, was seinen Körper belebt und den Menschen in die Zusammenhänge der Natur integriert. Verbindung aber zu Gott JHWH und zu allen geistigen Dimensionen der Welt schafft im Menschen allein die Energie der Neschamah. Die Tendenz zur Verdrängung des Seelischen durch das Körperliche ist Ausdruck einer Fehlentwicklung, aufgrund derer der Mensch seine Kapazitäten allein auf Zusammenhänge der Physik und der Biologie beschränkt, und damit auf Qualitäten der Nephesch. Mit Kain und Abel führt die Bibel dieses Thema in den Geschichtsverlauf ein. Nach dem Mord irrte Kain in einer Welt umher, deren Formen und Gestalten er nicht durchschauen konnte. Ihm fehlte eine Verankerung in der Ordnung, die allen Seins- und Sinnzusammenhängen unterliegt, ihm fehlte die Orientierung. Orientierung ist ja nichts anderes als das Bewußtsein, eingebunden zu sein in einen Gesamtsinn. Ein immer Mehr an materiellen Gütern, ein immer Mehr an Zerstreuung allein befestigt dagegen gar nichts. Haltlos und sinnentleert ist Kains Existenz ohne Hevel. „Na‘ wa-nad thihijeh ba-aretz“ – „unstet und flüchtig wirst du im Lande sein“ (Genesis 4:12), hatte Gott ihm selbst prophezeit. Darauf wandte sich Kain von JHWH ab und verzog sich nach Nod. Der Name des imaginären Ortes Nod wie das Wörtchen nad gehören von der Sprachstruktur her zusammen und sind Ausdruck rastloser Bewegung. So lebte er nun abgeschnitten vom Ursprung „im Lande Nod östlich von Eden“ (Genesis 4:16).

Das Verhältnis von Leib und Seele wird in anderen biblischen Figuren wiederkehren und weiter ausdefiniert. Die nächsten Kandidaten werden die Söhne des Erzvaters Isaac sein, Jacob und Esau. Der weitere Werdegang von Kain setzt wieder voraus, daß es schon weit mehr Menschen gab, als die biblische Geschichte bisher sehen ließ. Kain hatte plötzlich eine Frau. Sie bleibt namenlos, wie viele Frauen in der Bibel, und bekam von ihm ein Kind namens Henoch (hebr. Chanokh). Dann baute Kain eine Stadt, die er nach eben diesem Sohn benannte: Henoch (Genesis 4:17). Es waren also schon so viele Menschen da, daß sie eine ganze Stadt füllten, und wahrscheinlich nicht nur eine. Nur einen Vers lang hat es gedauert, und schon sind wir in der Bronzezeit angelangt (3200-1200 v.d.Z., Beginn in Europa ca. 1000 Jahre später), der in der Hochkultur Mesopotamiens bereits eine Epoche großer Städtegründungen vorausging (ab 3500 v.d.Z.). Lemech, der Ururenkel von Henoch, nahm sich schon zwei Frauen: Ada und Zilla. Von Ada bekam er zwei Söhne: Jabal wird als Vater der in Zelten wohnenden, also nomadisch lebenden Viehzüchter vorgestellt. Und mit Jubal erschienen die Zither- und Flötenspieler, also die ersten Musiker und Kulturschaffenden auf der Weltbühne. Auch Zilla bekam zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn Tubal Kain wird zum Vater aller Erz- und Eisenschmiede erklärt; mit ihm beginnt also die Eisenzeit (1200-600 v.d.Z.). Das heißt, wenn wir uns das für einen Moment wieder historisch und archäologisch vorstellen, liegen zwischen Henoch und Tubal Kain wenigstens 2000 Jahre Menschheitsgeschichte. Von Tubal Kains Schwester erfahren wir den Beruf nicht, aber immerhin kennen wir ihren Namen: Na’amah bedeutet die Anmutige. Und das ist ja genau, was von Frauen in einer von Männerphantasien geprägten Welt am meisten erwartet wird: Schönheit. Nach diesem rasanten Ritt durch die frühe Menschheitsgeschichte kehrt der Text noch einmal zu Lemech zurück und berichtet, wie er vor seinen Frauen ein seltsames Lied zum Besten gibt (Genesis 4:23f.). Gott hatte Kain nach seiner Untat versprochen, er werde siebenfach gerächt, falls ihm jemand auf seinem schutzlosen, unsteten Lebenspfad etwas antun würde (Genesis 4:15). Das Kainsmal, das ihn schützen soll, tragen wir alle. In jedem Menschen steckt das Herdentier, in jedem der reißende Wolf, in jedem das Potential zur Großmut und zur Niedertracht. Deshalb bekommt Kain überhaupt noch seine Chance. Inzwischen hatte auch Lemech ein Leben auf dem Gewissen, mindestens eins, und brüstet sich damit: er selbst werde 77-mal gerächt. So wirkt das Prinzip von Gewalt und Gegengewalt, nachdem es das Eisen gibt. Von nun an kann noch effektiver gewerkelt und getötet werden.

Die große Flut konnte da keine entscheidende Neuorientierung gebracht haben, obwohl sie dafür auf die Menschheit losgelassen wurde: weil die Erde „verdorben war“ durch alles „Fleisch“, genauer gesagt durch alles menschliche (Un-)Wesen. Aber bekanntlich unterscheidet die entfesselte Naturgewalt weder zwischen Gutmenschen und Übeltätern noch zwischen den Menschen und sonstigen Lebewesen. Also verkündete Gott dem Noah (hebr. Noach) „das Ende allen Fleisches“ (Genesis 6:12f.). Gott agiert hier in seiner Eigenschaft als Elohim, ganz passend zum Weltenrichter. Eingeleitet wird die Sintflut-Geschichte so: „eleh tholedoth Noach“ (Genesis 6:9). Das wird oft mit „dies ist die Geschichte Noahs“ übersetzt, was auch stimmt. Wir haben es hier aber auch mit einer festen Formel zu tun, die als Zäsuranzeiger im Buch Genesis immer wiederkehrt. Wo „eleh tholedoth“ – „dies sind die Generationen“ oder „dies ist die Genese von…“ – auftaucht, tritt der Geschichtsverlauf meist in eine neue Phase ein. Tholedoth hat die Wurzel Jud, Lamed, Daleth. Aus ihr werden all die Worte gebildet, mit denen auf die Welt gebracht, gezeugt, geboren und sonst wie generiert wird. Tholedoth, so heißen auch die Generationen. Noah steht an einem Übergang zwischen zwei Weltordnungen. Er erfüllt eine Bindegliedfunktion zwischen der Welt vor der Flut und der Welt danach. Noah und seine Söhne Schem, Cham und Jepheth samt ihren Frauen sollen eine neue Menschheit begründen – nach der Vernichtung der alten. Warum eigentlich gerade Noah? Weil er ein vollkommen Gerechter gewesen sei, der „mit Gott wandelte“: „eth-ha-Elohim hithhalekh Noach“ (Genesis 6:9). Er war wohl der Einzige, der dem Gerechtigkeitsmaßstab Gottes standhielt. Der Plan mit Noah aber ging nicht auf. Der Keim der Entzweiung steckte auch in ihm; in seinen Söhnen wird er wieder offenbar.

Die Idee, daß nur die wenigen Insassen eines Schiffes eine große Wasser-Katastro­phe überleben und ihr Gefährt schließlich an einem Berg strandet, ist älter als ihre biblische Aufzeichnung. Sie hat ein mesopotamisches Vorbild, das uns am besten in einer Version aus babylonischer Zeit (um 1700 v.d.Z.) überliefert ist. Dort ist sie eingebettet in eine selbst inzwischen berühmt gewordene Sage, das Gilgamesch-Epos (22./21.Jh. v.d.Z.), hatte mit ihr aber ursprünglich nichts zu tun. Die Bestandteile dieses Epos’ haben ihrerseits ältere, voneinander unabhängige Vorläufer, deren Entstehung bis in die Zeit der Sumerer zurückreicht (28./27.Jh. v.d.Z.). Die sumerische Ära ging ab ungefähr 2000 v.d.Z. ihrem Ende entgegen, als sich die Akkader und weitere semitische Stämme in ganz Mesopotamien durchsetzten. Kulturell bildeten sie zusammen mit den Sumerern ein Konglomerat, aus dem schließlich die Babylonier hervorgingen (vgl. Gilgamesch-Epos, ed. Schott, 5-7). Tief reichen die Wurzeln der Bibel in die Geschichte. Sie entstand nicht im luftleeren Raum, sondern je nach Situation, in Auseinandersetzung oder im Dialog mit den Kulturen der nahen und ferneren Umgebung. Durch den Glücksumstand von Keilschriftfunden des Gilgamesch-Epos’ haben wir die seltene Gelegenheit eines direkten Vergleichs. Was passierte mit Utnapischtim, dem babylonischen Noah? Er geriet in den Plänen der Götter zunächst zwischen die Fronten. Als man sich im mesopotamischen Pantheon unter der Leitung des Himmelsgottes Anu schwor, eine Sintflut über die Menschen kommen zu lassen, war man sich offenbar nicht einig über deren Ausmaß. Um den Windgott Enlil, einem Sohn des Anu, scharten sich diejenigen, die der Menschheit ganz den Gar­aus machen wollten. Der Wassergott Ea aber wollte wenigstens einen Teil der Menschen und Tiere am Leben lassen und gab Utnapischtim den Befehl, sein Haus abzureißen und aus dem Material ein Schiff, das heißt einen eher würfelförmigen Behälter zu bauen. In sieben Tagen mußte er damit fertig sein. Die Menschen in seiner Umgebung sollte er täuschen, damit sie von der kommenden Katastrophe nichts ahnen. Also erzählte Utnapischtim ihnen, daß er bei Enlil in Ungnade gefallen sei und daher nicht mehr bei ihnen in der Stadt Schuruppak bleiben könne. Außerdem gaukelte er ihnen mit der Ankündigung eines Regens von jungen Vögeln am Morgen und von Weizenkörnern am Abend ein Füllhorn reichen Wohlstandes vor. Utnapischtim ließ sich sogar von den an der Nase herumgeführten Anwohnern beim Bau des Schiffes helfen. Dann befüllte er es mit Gold, Silber und allerlei Arten von Lebewesen, mit Wildtieren und Haustieren und bestieg es nach sieben Tagen zusammen mit seiner Familie und seinen Hausgenossen. Als alle drin waren, verschloß er das Boot selbst hinter sich. An jenem Tage regnete es dann tatsächlich morgens Vögel und abends Weizen, aber davon sollten die Menschen nicht mehr viel haben. Denn am nächsten Morgen öffneten die Götter des Himmels, der Unterwelt und des Krieges sämtliche Schleusen, so daß Wasser von allen Seiten über die Erde strömte und quoll, sechs Tage lang. Die Götter erschraken und klagten und flohen in den Himmel, wo Anu thront; und die große, weise Ischtar schrie wie eine Frau in den Wehen. Am siebten Tag aber war die Flut vorbei. Das Schiff landete am Berg Nissir an, wo es zunächst für weitere sieben Tage blieb, ohne daß sich jemand rührte. Im Siebentagetakt rollen die Ereignisse ab. Denn die Völker Mesopotamiens hatten als Experten der Himmelsbeobachtung längst erkannt, in welchen Rhythmen das Weltgeschehen pulsiert. Am siebten Tag öffnete Utnapischtim schließlich die Luke, schaute hinaus und sah Wasser, Wasser, nichts als Wasser. Er sandte eine Taube zur Erkundung der Umgebung aus, die aber nichts fand, wo sie sich hätte niederlassen können. Der Schwalbe, die folgte, ging es genauso. Erst der Rabe fand einen Platz zum Aufsetzen und kam nicht zurück. Jetzt konnten die Insassen ihr Boot verlassen. Utnapischtim opferte den Göttern in Dankbarkeit für die überstandene Irrfahrt Spezereien auf sieben und noch mal sieben, also 14 Räuchergefäßen. Angelockt vom wohligen Geruch des Räucherwerks, surrten diese ihm wie ein Fliegenschwarm um die Ohren. Enlil war zunächst nicht darüber erbaut, die Überlebenden zu sehen. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit den anderen Göttern zeigt sich, daß auch in dieser Version die Katastrophe auf das üble Tun der Menschen zurückgeführt wird. Und auch hier wird beschlossen, daß ihre mißlichen Taten in Zukunft kein Grund mehr für solch eine verheerende Flut sein sollten. Was Ea zu Enlil schließlich sagt, kommt bereits einer Forderung nach persönlicher Verantwortlichkeit sehr nahe. Die Sünde solle nur auf dem Sünder selbst liegen und der Frevel nur auf dem Frevler. Sonst sollte die Zahl der Menschen allenfalls noch durch Löwe, Wolf, Hunger und Pest gemindert werden. Außerdem passiere ein jegliches Unglück möglichst nur noch mit begrenzten Folgen. Am Ende ist es Enlil selbst, der Utnapischtim und seine Frau in den Stand der Götter erhebt (vgl. Gilgamesch-Epos, ed. Schott 93-101). In der Bibel geht die Geschichte noch weiter. Hier wird Gott einen Bund mit den Menschen und allen Lebewesen schließen. Dies ist nur ein Detail, in dem das babylonische Vorbild seine weitere Ausdeutung findet.

Auch in der biblischen Version der Flutgeschichte wurde Noah die Katastrophe sieben Tage vor ihrem Ausbruch angekündigt und ihm angewiesen, einen wasserdichten Behälter zu bauen, der in den Übersetzungen oft Arche genannt wird. Das ist griechisch und bedeutet Anfang, verweisend auf den Neuanfang für das Leben nach der Flut. Das hebräische Wort für das Gefährt ist thevah (Thav, Beth, Heh) und kann mit Kasten übersetzt werden. Ein Schiff ist es auch hier nicht, dafür fehlen ihm entscheidende Teile wie ein Segel oder eine andere Antriebshilfe und nicht zuletzt ein Steuer. Das ist entscheidend; wenn wir diesen Kasten dennoch Schiff oder Boot nennen wollen, dann immer im Bewußtsein, daß Noah es nicht selbst lenken kann. Er muß sich ganz von Gott leiten lassen. Das Wort thevah wird in der Bibel nur an einer Stelle nochmals verwendet: am Beginn der Lebensgeschichte von Moses. Kurz nach seiner Geburt wird er in ein Kästlein, in eine kleine Thevah gelegt und auf dem Nil ausgesetzt. Seine Eltern hofften, daß er in die Hände einer wohlwollenden Person treibt und so dem Befehl des Pharao entgeht, alle männlichen Neugeborenen der Hebräer zu töten (Exodus 2:1-4). Die Thevah steht symbolisch in einer engen Verbindung zum Wort für Sprache oder Zunge, das auf Hebräisch laschon (Lamed, Schin, Nun) heißt. Wie entsteht der Zusammenhang? Die Maße, in denen die Arche gebaut werden sollte (Genesis 6:15), betragen 30 Ellen Höhe (30= Lamed), 300 Ellen Länge (300= Schin) und 50 Ellen Breite (50= Nun). Sie entsprechen damit den Zahlenwerten der Buchstaben, aus denen sich das Wort laschon zusammensetzt. Das Leben auf der Erde hier und das Baby dort, das als reifer Mann sein Volk in die Freiheit führen wird, beide werden gerettet durch das Wort. Gerettet nicht durch Proklamation oder Befehl. Die Information ist – über die Entsprechungen von Buchstabe und Zahl – ins Geschehen selbst eingewoben.

Nach sieben Tagen bestieg Noah schließlich mit seiner Frau und seinen Söhnen samt ihren Frauen die Thevah. Auch er nahm Proben von allem Leben mit, Paare von – siehe da – reinen und unreinen Tieren. Diese Unterscheidung gab es also schon vor der Offenbarung. Und wie Utnapischtim besorgte auch Noah reichlich Proviant für die Passagiere. Er brauchte aber mehr als sein babylonischer Kollege, denn seine Fahrt sollte länger dauern. Dann heißt es: „und JHWH schloß hinter ihm zu“ (Genesis 7:16); Adonaj, nicht Elohim – da blitzt seine mitfühlende Seite auf, wie überhaupt an allen Stellen, wo das Überleben der Menschen und Tiere um Noah vorbereitet wird. Gott selbst machte das Boot dicht, und dann begann es zu regnen. 40 Tage lang standen alle Schleusen offen: vom 17. Tag des 2. Monats im 600. Lebensjahr Noahs an bis zum 28. des 3. Monats. Vierzig Tage lang stieg das Wasser an (Genesis 7:11f.). Die Symbolik der Vierzig und die des Wassers gehören inhaltlich eng zusammen. Das ist ablesbar am Buchstaben der 40, dem Mem, und dem Wort für Wasser, majim. Das Mem wird – in der Lautung nur geringfügig verschoben – im Nu zu majim, wenn man es in die Dualform bringt. Alle Endungen auf - ajim lassen auf eine Zweiheit schließen. Viele alte Kulturen kannten den symbolischen Zusammenhang zwischen dem Wasser und der Zeit in der Welt der Dualitäten. Und wie die Vier ein Symbol der Ausdehnung ist, so auch die Vierzig. Die Vierzig aber impliziert mehr die zeitliche Dimension und unterstützt zusammen mit der räumlichen Symbolik der Vier einmal mehr die Vorstellung einer vierdimensionalen Raumzeit. Ein Dauerregen in der frühen Menschheitsgeschichte und eine gigantische Hochwasserkata­strophe sind vielleicht auch historisch nachweisbar. Symbolisch umschrieben gingen die Menschen der Generation Noahs in den Wassermassen einer in sich abgeschlossenen Welt unter. Die Rückbindung an die Eins hat ihnen gefehlt. Ein mensch­liches Leben aber ohne Eins – ist keins.

Nach 40 Tagen stand das Wasser 150 Tage lang über der Erde (Genesis 7:24). Den maxi­malen Stand erreichte die Flut mit einem Pegel von 15 Ellen oberhalb der höchsten Gebirgszüge. Dann begann das Wasser wieder zu sinken (Genesis 7:20; 8:3). Am 17. des 7. Monats (von Noahs 600. Lebensjahr) lief das Schiff am Berg Ararat auf Grund, und am 1. des 10. Monats wurden alle Bergkuppen sichtbar (Genesis 8:4f.). Bis die Gebirge wieder ganz zu sehen waren, dauerte es nochmal 60 Tage. Dann war der Wasserstand um weitere 15 Ellen gefallen: 15 Ellen in 60 Tagen, das bedeutet, der Pegel sank um eine Elle in vier Tagen. Eins zu vier – dieses Verhältnis wird die Schöpfung auch nach der Flut prägen. Die Maße und Proportionen des Schiffes sind ebenso symbolisch, wie die des israelitischen Wüstenheiligtums oder des Jerusalemer Tempels. Symbolische Maße aber können wir nicht ohne weiteres in unser Metermaß übertragen. Die biblische Elle heißt auf Hebräisch amah (Aleph, Mem, Heh). Das Heh (5) am Schluß ist wieder die weibliche Endung; der restliche Wortstamm besteht aus Aleph (1) und Mem (40). Unter dem Zeichen einer an die Eins zurückgebundenen Vierzig rettet das Gefährt das Leben vor dem völligen Versinken im Zeitfluß. Das Heh am Ende des Wörtchens Elle hat eine ähnliche Funktion wie das am Ende des Wortes für Erdboden, adamah. Das Heh mit dem Wert Fünf weist immer über die im Geviert der Welt gesetzten Begrenzungen hinaus. Im Grunde ist das bei jeder weiblichen Endung auf „- ah" so. Von dem Moment an, als die Kuppen der höchsten Berge aus dem Wasser ragten, wartete Noah noch weitere 40 symbolische Tage, ehe er das Fenster der Thevah öffnete (Genesis 8:6). Als er zum ersten Mal hinausschaute, sah auch er nichts als Wasser und sandte Vögel zur Erkundung der Umgebung aus. Er schickte zuerst den Raben los, dann dreimal eine Taube; eine Schwalbe ist nicht dabei. Die Erkundungsflüge dauerten 21 Tage. Denn nach dem Raben schickte er gleich eine Taube los, die nächsten aber jeweils in einem Abstand von sieben Tagen. Am 21. Tag – das ist der 1. des 1. Monats vom Folgejahr – kehrte die dritte Taube nicht zurück. Es dauerte insgesamt noch einmal 40+20=60 Tage, bis der Wasserpegel um weitere 15 Ellen – also wieder im Verhältnis von vier zu eins – bis zum Boden sank und die Erde wieder freigab.

Es ist möglich, daß sich der Rabe bis zu diesem Überlieferungsstadium der Flutgeschichte auch zu einem Symbol für den Leib entwickelt hat und die Taube zu einem für die Seele. Auf diese Idee kann man jedenfalls kommen, wenn man sich nach weiteren Raben in der Bibel umsieht. Ein Rabe wurde von Gott geschickt, um für das leibliche Wohl des Propheten Elia in der Wüste zu sorgen, als er sich beim Bach Krit vor dem König verstecken mußte. Der Prophet trank aus dem Bach, und der Rabe versorgte ihn mit Essen und rettete ihm so das Leben (I. Könige 17:1-6). In der Geschichte Noahs steht wiederum die Taube in besonderem Maße mit der geistigen Seite in Verbindung. Dreimal sandte Noah eine Taube aus: einmal kehrte auch sie zurück, einmal kam sie wieder mit einer Pflanzenprobe im Schnabel, beim dritten Mal blieb sie fort. Der Rabe dagegen flog, als er noch nichts zum Aufsetzen fand, so lange umher, bis sich das Wasser zurückzog (Genesis 8:7-9). Beim zweiten Versuch brachte die Taube nicht ein Lindenblatt oder einen Grashalm, sondern einen Olivenzweig mit. Die Olive, aus deren Früchten die Menschen köstliches Öl herstellen lernen, ist symbolisch mit der Acht, also mit jener Zahl verbunden, die nicht nur auf eine andere Welt verweist, sondern auf eine Seite der Wirklichkeit, die immer schon die Begrenzungen dieser, unserer Welt übersteigt. Beide Worte haben in der Ursprache die gleiche Wurzel: Öl heißt schemen (Schin, Mem, Nun), und Acht schemoneh (Schin, Mem, Nun + Endung Heh). Die in dieser Symbolik angesprochene transzendierende Funktion rührt an das Unendliche selbst. Nicht umsonst sind die Mathematiker auf die Idee gekommen, auch in ihren Formalismen das Unendliche mit dem Symbol einer liegenden Acht zu umschreiben. Mit Öl wurden im Orient die Könige bei ihrer Inauguration gesalbt. Der gesalbte König bildete dann den Ausgangspunkt für die Vorstellung jenes Hoffnungsträgers, der nach der jüdischen Tradition einst das zukünftige Friedensreich anführen wird. Maschiach heißt er auf Hebräisch; auf Latein kennt ihn die halbe Menschheit – als Messias. Nicht alle geistigen Strömungen des Judentums verbinden mit dem Messianismus auch eine personale, konkrete Gestalt. Aber auf einen thikun ‘olam, eine Heilung der Welt hoffen sie alle auf ihre Weise. Beim dritten Mal blieb die Taube fort, weil sie ihren Platz in der neuen Welt gefunden hatte. Am 1. Tag des 1. Monats in seinem 601. Lebensjahr sah Noah durchs Dach, daß sich die Wassermassen zurückgezogen hatten. Aber erst am 27. des 2. Monats stieg er mit seiner Familie aus dem Boot und ließ auch die Tiere heraus. Auch Noah opfert Gott – keine Räucheropfer, sondern Tiere. Und JHWH riecht wohlig den Geruch und denkt: „Ich will die Erde nicht weiter um des Erdlings willen verfluchen. Denn der Herzenstrieb des Menschen ist böse von klein auf. Ich werde nicht nochmal alles Leben so zerschlagen, wie ich es getan habe“ (Genesis 8:21; vgl. ebd. 3:17).

Vom 17. des 2. Monats in Noahs 600. Lebensjahr an bis zum 27. des 2. Monats im Folgejahr waren sie in der Thevah unterwegs. Das sind insgesamt 365 Tage, genau ein Sonnenjahr. Ein Sonnenjahr dauert im Schnitt zehn Tage länger als ein Mondjahr. Ein Mondjahr setzt sich aus 12 Mondmonaten mit je 29,5 Tagen zu insgesamt 354 Tagen zusammen. So könnte die Aufenthaltsdauer von Noah und seiner Crew an Bord darauf hinweisen, daß auch die Sintflutgeschichte mit der großen Umbruchsphase in der Epoche des Neolithikums zu tun hat. Der Übergang von der nomadischen zur seßhaften und Ackerbau treibenden Lebensweise ging auch mit einer Verschiebung der Orientierung am Mond zur Orientierung am Lauf der Sonne einher. Die Wechselhaftigkeit der Mondphasen korre­spondiert mit dem Wanderleben der Nomaden und ihren wechselnden Aufenthaltsorten. Der Mond bestimmt auch die Zyklen der Frau und steht symbolisch in Zusammenhang mit dem Wasser. Das Wasser ist nach der Flut weggetrocknet. Tatsächlich gab es einst eine viel üppigere Vegetation im Bereich des Mittleren Ostens. Erst gravierende klimatische Veränderungen verwandelten das Gebiet des fruchtbaren Halbmonds in eine karge Landschaft. Danach konnte man nicht mehr ohne weiteres die Früchte des Landes pflücken, Tiere jagen und für seine Nutztiere reichlich Nahrung finden. Danach blieben den Menschen zwei Möglichkeiten: entweder nachzuhelfen und den Ertrag durch Ackerbau zu steigern oder ganz fortzuziehen. Mit der Ausrichtung des Lebens an der Sonne traten die von den Phasen des Mondes bestimmten Rhythmen in den Hintergrund. In Folge dieser Umorientierung ging auch die Bedeutung der Frauen als geistige und gesellschaftlich mitbestimmende Größe zurück zugunsten einer Vorherrschaft des Männlichen. Den Männern kam nun die harte Aufgabe zu, den Acker zu beackern. Auf der seelischen und geistigen Ebene findet der Bedeutungsverlust des Weiblichen seinen Ausdruck in einer Verdrängung des Intuitiven und des Unbewußten zugunsten von intellektuellem Scharfsinn und analytischem Verstand. Das Denken wird zu einem Herrschaftsinstrument. Das Pendel dessen, was gerade im Vordergrund steht, schwingt hin und her im Laufe der Epochen. Es ist also auch eine Rückkehr von Qualitäten des Mondes zu erwarten, in welcher Form auch immer. Zu einem völligen Ausgleich der Prinzipien aber wird es wohl kaum kommen. Denn das wäre nichts als ein totes Gleichgewicht, das keine Entwicklung mehr zuließe. Der jüdische Jahreslauf schafft zumindest insofern eine Balance im Wechselspiel der Energien von Sonne und Mond, als er ein Mondkalender ist, der auf das Sonnenjahr abgestimmt wird.

Nach der Flut beschloß Gott also, nie wieder eine Katastrophe solchen Ausmaßes über die Erde kommen zu lassen (Genesis 8:21; 9:11). Die Weltordnung, wie sie nun eingerichtet wird, ist unseren Lebensbedingungen wieder ein Stück weit ähnlicher. Von nun an sollten der Wechsel der Jahreszeiten, von Wärme und Kälte, von Sommer und Winter, Ernte und Saat, Tag und Nacht nicht mehr aufhören (Genesis 8:22). Dazu werden auch erste Grundsätze für ein gemeinsames Leben aufgestellt, die für alle Menschen gelten, unabhängig von Volk, Kultur und Religion. Gott segnete Noah und seine Kinder als Vertreter aller Menschen. Benej Noach, Kinder Noahs sind sie alle – wie schon Adam und Eva zum Inbegriff der Menschheit wurden, ganz gleich, von wie vielen Menschen sie bereits umgeben waren. Alle Menschen heißen Benej Adam, Kinder Adams, damit sich niemand rühmen kann, eher da gewesen und privilegierter zu sein als irgendein anderer. Noch im modernen Hebräisch ist Ben Adam der Begriff des Menschen. Auch den Menschen nach der Flut, den Benej Noach werden, wie zuvor schon dem Adam, sämtliche Lebewesen zu Lande, zu Wasser und in der Luft in die Obhut gegeben (Genesis 1:28; 9:2). Sie sollen sich die Erde unterwerfen, auf daß sich die Tiere und Pflanzen vor ihnen fürchten. Das hatte, als es niedergeschrieben wurde, freilich noch einen anderen Klang als heute, da es kaum noch einen von Menschen unberührten Flecken Erde gibt. Damals bedeutete es noch große Anstrengung, sich gegen die Gefahren einer weitgehend ungebändigten, übermächtigen Natur zu behaupten. Gelungen ist es dem Menschen schließlich dank seiner Intelligenz, aber das auch nie ganz. Stürme, Vulkanausbrüche, Erdbeben erinnern ihn immer wieder daran, daß er niemals alles beherrschen kann. Die Menschen vor der Flut waren Vegetarier (Genesis 1:29; 9:3). Der Leser möge es nicht zu logisch ernst nehmen und sich fragen, warum Abel dann Vieh gezüchtet hatte. Wir werden noch viel mehr Stellen vorfinden, an denen sich zeigt, wie sehr sich die Erzählweise der Bibel von heute üblichen Abhandlungen unterscheidet. An dieser Stelle kommt es darauf an, daß den Benej Noach nun Regeln gegeben werden, die ihnen den Verzehr von tierischem Fleisch unter bestimmten Bedingungen erlauben. Die Tiere sind so zu schlachten, daß das Blut aus ihrem Körper abfließen kann, da es als Träger des Lebens nicht mitgegessen werden darf (Genesis 9:4). Das ist der Grund für die Praxis des Schächtens von Tieren, die unter den Völkern im Mittleren Osten bis heute weit verbreitet ist. Erst so ist das Fleisch dem Juden koscher und dem Muslim halal. Menschliches Blut dagegen darf überhaupt nicht vergossen werden, das heißt: kein Mord, kein Totschlag, keine Opfer. Rächen wolle Gott selber jedes getötete Menschenleben (Genesis 9:5). So schließt Gott, Elohim seinen Bund mit den Nachkommen des Noah und mit allen Tieren, die er aus der Thevah mit­brachte. Ungestört sollen die Naturgesetze ab jetzt walten. Besiegelt wird der Bundesschluß im Zeichen des Regenbogens. Nichts war dafür besser geeignet als dieses faszinierende Schimmern des Sonnenlichts in allen Spektralfarben. Die bunte Brücke zwischen Himmel und Erde beginnt und endet im Niemandsland, ist niemandes Besitz und doch von allen zu bewundern. Ein Bund auch mit den Tieren – das kann durchaus als ein zusätzliches Gebot an die Menschen interpretiert werden: keine Massenschlachtungen, keine Jagd zum Spaß, keine Tierversuche; noch eins zu den sieben, auf die das Judentum schon gekommen ist. Ein achtes Gebot wäre das – Erlösung auch für die nichtmenschlichen Lebensgenossen unserer Welt.

Aber Moment, was hat es mit den sieben Geboten auf sich? Die Rabbinen, also einige jüdische Gelehrte mit großer Autorität haben bereits vor einigen hundert Jahren auf der Grundlage vom 9. Kapitel des Genesis-Buches sieben allgemeine Regeln für die Menschheit formuliert, die so genannten Noachidischen Gebote – nachzulesen im Talmud. Meist kennen die Menschen solche Regeln schon aus ihren eigenen Kulturen, sie müssen nicht im Talmud nachsehen. In dieser Weise aufgeschrieben wurden sie ja vor allem für die Juden selbst – mit dem Effekt, daß diese schon lange entspannt auf ihre Nachbarn schauen können, frei von jedem Drang, ihnen ihre Ideen und ihre Lebensweise beibringen zu wollen. Die Noachidischen Gebote sind für das Judentum so etwas wie der allgemeine Grund des Humanen; sozusagen das, was alle Menschen gemeinsam haben. Darüber hinaus können und sollen alle Völker ihren eigenen Weg durch die Weltzeit finden. Die – natürlich – sieben Noachidischen Gebote lauten (Babylon. Talmud, Sanhedrin 56 a/b, vgl. Talmud, ed. Mayer, 108f.):

1 Gebot gerechter Gerichtbarkeit
2 Verbot der Gotteslästerung
3 Verbot des Götzendienstes
4 Verbot von Inzest
5 Verbot des Blutvergießens
6 Verbot von Raub und Diebstahl
7 Verbot, das Fleisch eines lebenden Tieres zu verzehren

Es sind also ein positives und sechs negative Gebote. Die meisten von ihnen dürften aus sich selbst heraus verständlich sein. Der Inzest, die Fortpflanzung im zu engen Familienumkreis ist auch in anderen Kulturen Tabu, da die Gefahr genetischer Schäden am Nachwuchs schon früh erkannt wurde. Dieses Verbot wird später in den Lebensregeln für die Israeliten weiter präzisiert (Leviticus 18:6-18). Lebendes Tier nicht essen zu dürfen, ist identisch mit dem Gebot, nur das Fleisch von geschächteten Tieren zu verspeisen. In der jüdischen Praxis heißt nicht geschächtetes Fleisch auch trephah – Zerrissenes. Der Grund ist, daß auch ein vom Raubtier gerissenes oder sonstwie verunglücktes Tier unbrauchbar ist, weil es – schon tot aufgefunden – nicht mehr sachgerecht geschlachtet werden kann. Damit verbietet sich von nun an auch, auf die Jagd zu gehen. Denn auch beim Erschießen bleibt der Kreislauf des Tieres stehen, und das Blut kann nicht mehr abgeführt werden. Wir werden noch sehen, daß Jäger in der Bibel überhaupt keine gute Presse haben. Heikel für die allgemeine Nachvollziehbarkeit wird es bei den Verboten, Gott zu lästern und Götzendienst zu betreiben. Denn oft ist es ja so, daß, was dem einen sein Gottesdienst ist, dem andern als Götzendienst gilt. Die unterschiedlichen Wege, sich mit der großen vereinigenden Energie zu verbinden, sind mit Gott verehren versus lästern gerade nicht gemeint. Denn diese haben vielmehr mit den verschiedenen Erfahrungsweisen einzelner Menschen und ihrer Gemeinschaften zu tun. Persönliche Erfahrung aber ist kaum übertragbar bzw. kann immer höchstens zum Teil nachempfunden werden – geschuldet der je eigenen Perspektive. So, wie das schon beim Erleben von Wald, Wiese und Heide, in der Zuneigung zu bestimmten Menschen, in der Liebe zur Heimat oder zur Ferne ist, so ist das auch in der Religion. Die Erfahrungsgemeinschaft hat ihre Grenzen. In diesem Licht gesehen, ist so mancher dem anderen unterstellte Götzendienst eher Ausdruck des – gewollten oder ungewollten – Unverstands ge­genüber seiner Spiritualität. Und die als Gotteslästerung empfundene Ablehnung des zum „einzig wahren Weg“ hochstilisierten eigenen Zugangs erweist sich immer wieder auch als bloße Abwehr von Machtambitionen.

Die Aufzeichnung des Babylonischen Talmuds wurde ungefähr im 5. Jh.n.d.Z. abgeschlossen. Wie die meisten Informationen und Diskussionen, die er enthält, sind auch die Noachidischen Gebote älter. Denn die verschriftlichten Gedanken haben alle eine mehr oder weniger lange mündliche Vorgeschichte. Die Überlieferung der Noachidischen Gebote hat wahrscheinlich schon vor mindestens 2000 Jahren begonnen. Dafür gibt es jedenfalls selten klare Hinweise. Wir finden sie in der für das Christentum zentralen Schriftensammlung des Neuen Testaments. Bereits im Zeitrahmen, den das Neue Testament abdeckt (ca. 10 v.d.Z.-ca.110 n.d.Z.), entwickelte sich die frühchristliche Bewegung über die Grenzen ihrer jüdischen Mutterkultur hinaus. Schon bald nach dem Tod des Jesus von Nazareth verbreitete sie sich auch in der nichtjüdischen Bevölkerung des östlichen Römischen Reiches jenseits des kleinen Gebietes von Palästina/ Israel. Einträchtig beteten nun Juden und Nichtjuden miteinander. Aber durften sie auch zusammen essen, wohnen, einander heiraten? Fraglich war insbesondere, wie weit die nichtjüdischen Gemeindemitglieder die jüdischen Lebensregeln einhalten müßten. Hätte man das den christlichen Konvertiten seiner Zeit aufgetragen, wären sie aus ihrem ursprünglichen sozialen Umfeld herausgefallen und liefen Gefahr, die von ihren Herkunftsgemeinschaften verliehenen Rechte zu verlieren. Diese heikle Entscheidung drohte die noch junge Bewegung zu zerreißen. Sie hat es geschafft, das nicht zuzulassen. Die Aufzeichnungen des Neuen Testaments spiegeln den Konflikt und seine Lösung wider (vgl. Galater-Brief 2:11-21; Apostelgeschichte 15:22-31). Die frühen Gemeindevorsteher handelten einen Kompromiß aus (Apostelgeschichte 15:29), nach dem die Nichtjuden voll und ganz am Gemeindeleben teilnehmen konnten, wenn sie sich enthielten:

a) von Götzenopferfleisch,
b) von Blutgenuß,
c) von Ersticktem,
d) von Inzucht.

Die dem Kompromiß zugrundeliegenden Regeln ähneln einem Teil der Noachidischen Gebote sehr. Es ist daher anzunehmen, daß diese schon im 1. Jh.n.d.Z. geläufig waren. Sie ermöglichten es, eine Tischgemeinschaft zwischen den Juden und Nichtjuden zu bilden und die Jesus-Anhänger wirklich zu einer Gemeinschaft zu formen. So durfte kein Fleisch verwendet werden, das in nichtjüdischen, nun auch nichtchristlichen religiösen Ritualen verwendet wurde (a), und das nicht koscher geschlachtet war (c); auch das Blut von Tieren pur zu genießen, war verboten (b). Damit wären eigentlich auch die christlichen Gemeinden verpflichtet, nur Fleisch vom geschächteten Tier zu essen: keine Blutwurst, keine „Schlachteplatte“ … die Auslegungshoheit haben hier natürlich die Christen selbst. Zuletzt wird auch auf das Verbot der Inzucht zur Abwehr genetisch bedingter Erkrankungen (d) gedrungen. Die ungenannten Noachidischen Gebote, wie das Gebot, gerecht zu richten, und die Verbote von Mord und Diebstahl werden wohl deshalb nicht erwähnt, weil sie unter den Urchristen außer Frage standen und im Streit um die gemischten Gemeinden keine Rolle spielten. So fanden die Noachidischen Gebote wohl einmal sogar ihre Anwendung in der Geschichte als konkretes Schlichtungsangebot. Sonst haben sie vor allem die Funktion, allgemeine Menschenrechte und -pflichten im Gedächtnis zu verankern, während die Beschäftigung mit der Vollversion der Thora allein dem Volk Israel aufgegeben bleibt.

Archiv der Völker : Vom Menschen zur Menschheit

Wie schon erwähnt, erklärt die Bibel das, was das Menschenwesen und die Mensch­lichkeit ausmacht über eine bestimmte Folge von Generationen – ausgehend vom Adam und seiner Frau. Um in die Gefilde ihrer symbolischen Sprache weiter vorzu­dringen und uns diesen Verlauf genauer ansehen zu können, kehren wir noch einmal zum ersten Menschenpaar zurück. Nach Abels Tod bekamen Adam und Eva einen weiteren Sohn; der hieß Set (hebr. Scheth). Sein Name impliziert, daß etwas gesetzt bzw. ein Fundament gelegt wird. Denn mit ihm wird jetzt die Genealogie der Menschheit weitergeführt. Der nächste in der Reihe ist Sets Sohn Enosch (Genesis 4:25). Auch der Name Enosch ist im Hebräischen zu einem Begriff des Menschen geworden, wirkt aber etwas abstrakter als Adam oder Ben Adam. Aus ihm werden die Worte für Menschheit – enoschuth – und Menschlichkeit – enoschijuth – abgeleitet. Mit Set und Enosch wird das Fundament der Menschheit gelegt, nicht mit Kain. Um zu veranschaulichen, wie sich die Menschheit entwickelt und immer weiter verä­stelt, verläßt die Bibel mehrmals den Pfad der Erzählung und nutzt mit Namen- und Datenlisten gewissermaßen auch Mittel der Bürokratie. Bevor sie aber damit beginnt, bringt sie noch ein kleines, interessantes Detail zu Enosch an, das lautet: „In Enoschs Zeit begann man, den Namen JHWH anzurufen“ (Genesis 4:26). Was kann das bedeuten? Haben die Menschen schon seinerzeit Gott, die gewaltige Energiequelle auch als ein personales Wesen kennengelernt? Das wird in der Tradition als eine Möglichkeit bejaht; später hätten sie dann den Sinn dafür wieder verloren. Andere wollten nichts weiter als den Hang der Menschen zum Götzendienst darin erkennen (vgl. Etz Hayim, 29f.). Es kann aber auch heißen, daß eine Beziehung zu dem emphatischen Gott in der gesamten Menschheit möglich ist und nicht nur einem ausgesuchten Volk vorbehalten bleibt. Unmittelbar danach beginnt die erste von vier Genealogiereihen, die einen großen Teil der im Altertum bekannten Völkerfamilien enthalten. Alle Genealogiefolgen beginnen mit der Einleitungsformel: „e leh tholedoth“– „dies ist die Geschichte“ bzw. „die Genealogie…“; oder mit „zeh sepher tholedoth“ – „dies ist das Buch der Genese von …“. Wie bereits bekannt, leitet sich tholedoth von der Wurzel Jud, Lamed, Daleth ab, die im weite­sten Sinne Bedeutungsträger des Generierens ist.

Die erste Genealogiekette setzt mit Adam ein und rekapituliert noch einmal seine Erschaffung im Gleichnis Gottes und in Gestalt von Mann und Frau. Es wird betont, daß Gott, der beide segnet, auch beide Adam nennt (Genesis 5:1f.; vgl. ebd. 1:27). Dieser Textabschnitt ist mit der ersten Schöpfungsgeschichte verwandt bis in den Wortlaut hinein. Hier heißt es nun weiter über Adams Sohn Set: Adam zeugte ihn „in seinem Gleichnis gemäß seinem Bild“ (Genesis 5:3). Fast genauso wurde im ersten Kapitel der Genesis die Schöpfung des Menschen eingeleitet, indem Gott sich feierlich vornahm: „Laßt uns einen Adam machen in unserem Bild, gemäß unserem Gleichnis“ (Genesis 1:26). Die Betonung liegt auf „fast“; denn wenn man genau hinschaut, sind hier Bild (tzelem) und Gleichnis (d'muth) vertauscht. Gott schuf das Urbild des Menschen mit einem Potential an Eigenschaften, das weit über seine biologischen Funktionen hinausweist. Wir erinnern uns an die Gottesebenbildlichkeit im Handeln, nicht in der Gestalt. In der Fortpflanzung von Mensch zu Mensch aber wird eine Art Blaupause weiter übertragen, immer nach dem gleichen genetischen Pro­gramm. Das ist eben der entscheidende Unterschied zwischen Gott und Mensch. Die erste Liste der vier enthält insgesamt zehn Namen und reicht bis Noah. Sie benennt die Jahre, die die Männer jeweils bis zur Zeugung des nächsten entscheidenden Nachkommen lebten, die Jahre, die ihnen von da an noch bis zum Tod verblieben, und schließlich die Summe aller Lebensjahre. Zusammengefaßt sieht sie so aus (Genesis 5:1-31):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erste Genealogiereihe: Nachkommen Adams (Genesis 5)

All diese Männer – einschließlich Adam – zeugten noch eine Menge weiterer Söhne und Töchter. Auch daran ist zu erkennen, daß die biblische Erzählung nicht behauptet, es habe seinerzeit nur die wenigen, namentlich erwähnten Menschen auf der Erde gegeben. Diese dienen ihr nur als Repräsentanten der Menschheit, welche sie auf ihre so eigene Weise zu charakterisieren sucht. Allein über Noah steht am Ende dieser Liste, er habe in seinem 500. Lebensjahr drei Söhne gezeugt: Sem, Cham und Jefet. Aus ihnen wird sich schließlich das gesamte Völkergemisch nach der Flut entwickeln (Genesis 5:32). Die angegebenen Lebensdaten sind mit Sicherheit nicht biologisch zu verstehen, sondern stammen aus den mythologischen Tiefenschichten der Bibel. Daß dem so ist, zeigt sich zum Beispiel in der Passage, die von der Entscheidung Gottes berichtet, die Lebenszeit des Menschen auf maximal 120 Jahre zu begrenzen. Ihr ging eine seltsame Interaktion zwischen Göttersöhnen und Menschentöchtern voraus, in deren Folge die Riesen geboren wurden. In dieser Passage wurde ein Mythos weiterverarbeitet, den es wahrscheinlich schon lange vor seiner biblischen Ausdeutung gab (Genesis 6:1-4). Sobald die Göttersöhne in die biblische Interpretation eingingen, verloren sie ihr eigenständiges Wesen, um als Angehörige der himmlischen Heerscharen eine dem einen Gott gegenüber untergeordnete Position einzunehmen. Zudem wurden von nun an ihr Bereich und der Bereich der menschlichen Lebenswelt stärker voneinander abgegrenzt. Die Vorstellung, daß Menschen – wie in der babylonischen und griechischen Sagenwelt – in den Stand der Götter erhoben werden oder göttliche und menschliche Wesen Halbgötter zeugen können, wird so verdrängt. Solche Interferenzen zwischen Himmel und Erde sollte es in Zukunft nicht mehr geben.

Durch Zusammenrechnen der Lebensjahre aller in den Genealogieketten genannten Personen und der Laufzeit aller Königtümer und sonstiger bemerkenswerter Ereignisse wurde immer wieder einmal versucht, aus der Bibel das Alter der Welt insgesamt abzuleiten. Die Zahlen aus dem Geflecht der Symbole werden dabei wie quantitative Angaben behandelt, als seien sie aus dem Kalender abgelesen. Da eine Summe aus Symbolzahlen selbst aber nur wieder Symbol sein kann, ist eine Information über die Empirie so kaum zu erwarten. Außerdem ist fraglich, wie weit eine Summe vornehmlich männlicher Aktivitäten sinnvollerweise die Gesamtheit des Weltenlaufes darstellen kann. Einen lohnenden Nebeneffekt hatte der Versuch zumindest, da er dem Judentum seine eigene Zeitrechnung bescherte und somit ein Stück weit eigene Identität in der Vielfalt der Kulturen. Das ist wichtig, denn nicht nur jeder einzelne Mensch hat seine eigene innere Uhr; auch die Kulturen ticken nach ihrem je eigenen Zeitmaß. In sich noch einmal symbolträchtig scheint da, daß die jüdische Zeitrechnung nicht mit einem Ereignis aus den eigenen Gründungslegenden beginnt wie in vielen anderen Religionen, sondern mit dem Beginn der Welt als der Heimat aller Völker- und Traditionsfamilien.

Wie sonst unter den Völkern des Mittleren Ostens sollte sich auch unter den Israeliten der Brauch durchsetzen, daß möglichst der älteste Sohn das Erbe des Vaters antritt. Mit dieser Tradition bricht die Bibel mehrfach. Zum ersten Mal ist das an dieser Stelle zu sehen, da Kain, der erstgeborene Sohn Adams, in der Liste überhaupt nicht mehr vorkommt. An seiner Statt übernimmt Set das Erbe. Somit können auch der Henoch und der Lemech dieser Liste nicht identisch mit den gleichnamigen Nachkommen Kains sein. Der hiesige Henoch baute keine Städte, sondern „wandelte mit Gott“ – „hithhalekh eth ha-Elohim“. Da wird der gleiche Ausdruck verwendet wie für die Rechtschaffenheit seines Urenkels, Noah (Genesis 5:22; vgl. ebd. 6:9). Auch Henoch suchte die Nähe Gottes. Dafür lebte er nicht beinahe 1000 Jahre wie die mei­sten seiner Vorgänger und Nachfolger, sondern „nur“ 365 Jahre lang – genau so viele Jahre, wie ein Sonnenjahr Tage hat. Hier ist wohl ein weiterer Hinweis auf die wachsende Bedeutung des Sonnenlaufes eingearbeitet. Dann wird über Henoch berichtet: „und er verschwand, weil Gott ihn weggenommen hatte“ (Genesis 5:24). Dies hat bereits in der Antike Spekulationen darüber ausgelöst, ob er je normal gestorben sei oder irgendwie irgendwo am Übergang zwischen den Welten noch existiere. Vielleicht konnte er ja den Menschen dort dabei helfen, von hier aus kaum zugängliche Dimensionen der Wirklichkeit zu erschließen. So wurde Henoch zur Inspirationsquelle mystischer Bewegungen ebenso wie der Prophet Elia, der sich ebenfalls auf ungewöhnliche Weise aus dem Leben verabschiedet hat. Von ihm berichtet die Bibel, er sei in einem feurigen Wagen hinauf in den Himmel gefahren (II. Könige 2:11f.). Wer so verschwindet, könnte ja auch so wieder auftauchen. Das hofft die jüdische Tradition bis auf den heutigen Tag, jedenfalls für Elia (Maleachi 3:23f.).

Wo immer die Formel eleh tholedoth steht, gibt es also eine Zäsur im Geschichtsverlauf. Für die Zeit von Noah, mit dem die erste Kette endet, bedeutete das, die große Flut zerstörte zwar viel, aber die Menschheitsgeschichte ging unter veränderten Bedingungen weiter. Die zweite Genealogiekette beginnt mit den Überlebenden der Katastrophe (Genesis 10:1-32). Erst aus den Nachkommen Noahs werden sich, wie gesagt, die Völkerfamilien entwickeln (vgl. Abb. Zweite Genealogiereihe). Wer unter den Wißbegierigen sich mit Vergnügen in Archiven tummelt, um Kataloge und Datenbanken zu durchpflügen, der kommt bei dieser komplexen Aufstellung voll und ganz auf seine Kosten. Die Namen einzelner Personen weichen schnell denen ganzer Stämme und Völker, die sich nahezu explosionsartig auf der Erde ausbreiten. Zunächst erscheinen alle drei Söhne Noahs, Schem, Cham und Jepheth, nahezu gleichberechtigt nebeneinander. Bald aber wird sich die weitere Erzählung immer mehr auf einen der drei und seine Nachkommen konzentrieren: auf Sem (hebr. Schem), den Stammvater der Semiten. Die anderen Söhne Noahs interessieren vor allem im Verhältnis zu ihm.

Unter ihnen wirkt Jepheth ziemlich neutral, ja geradezu farblos. Kein Wunder, stammen von ihm doch Völker ab, die weit entfernt und, wenn es geht, noch hinterm Meer wohnen. So heißt einer seiner Söhne Jawan; aus dessen Nachkommen sollen sich die Inselvölker mit ihren je eigenen Ländereien und Sprachen herausgebildet haben (Genesis 10:5). Heute ist Jawan die hebräische Bezeichnung für Griechenland. Ein Sohn Jawans wiederum heißt Tarschisch. Auch sein Name stand Pate als Bezeichnung für einen weit entfernten Ort. Weit weg, nach Tarschisch wollte der Prophet Jona fliehen, um dem Auftrag Gottes zu entgehen. Wer seine Story kennt, weiß, er erreichte es nie (Jona 1:3-15). Auch der Name von Aschkenas, einem anderen Enkelsohn Jepheths, hatte Langzeitwirkung. Er wurde zum Inbegriff für das spätere Judentum Mittel- und Osteuropas.

Neutral steht Jepheth da; aber schlecht ist der Leumund von Cham, dem Vater der Kanaaniter und Ägypter. Eine zugegebenermaßen nicht sehr logische Begründung dafür ist der zweiten Genealogiereihe vorangestellt (Genesis 9:18-27). Auch da werden die Namen der drei Söhne Noahs genannt, ohne daß eine Liste folgt. Stattdessen gibt es eine kurze Erzählung, in der Noah als der erste Weinbauer nach der Flut auftritt. Er bekam auch als erster die Wirkung des gegorenen Traubensaftes zu spüren. Völlig berauscht lag er eines Tages in seinem Zelt und ward in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen von Cham. Dies erzählte Cham seinen Brüdern und gab ihnen damit die Möglichkeit, ihren Vater zuzu­decken, ohne selber allzu genau hinzuschauen. Im Grunde war er nur der Dumme, der die Unpäßlichkeit zuerst bemerkte. Unlogisch ist auch, daß der wiedererwachte Vater nicht Cham, sondern dessen Sohn Kanaan für die Tat verflucht und ihn dazu verdammt, Diener seines Onkels Sem zu sein. Aus sich heraus ist diese Passage kaum zu verstehen. Erst in der geschichtlichen Rückschau zeigt sich, daß es sich um eine von Wunschdenken geprägte Verhältnisbestimmung zwischen den späteren Volksgruppen handelt. Von Cham werden nämlich all die Stämme abgeleitet, mit denen sich die Israeliten werden unmittelbar auseinandersetzen müssen.

Ein weiterer Einschub in der zweiten Liste ist dem legendären Jäger, Nimrod, gewidmet. Der Jäger ist symbolisch ein Gegenmodell zu den Schafe, Ziegen und Kühe züchtenden Nomaden, die sich selber eher wie Herdentiere durch die Welt bewegen denn wie die Mitglieder eines Rudels. Nimrod gehört zu jenem Typus Mensch, der sich auch mit Gewalt nimmt, was er meint zu brauchen. Dieser Natur verdankte er seine Macht. Sofern er der erste gewesen sein soll, der sich im Kampf als Herrscher über Babylon, Erech, Akkad und Kalneh im Land Schinar etablierte, wird er zugleich zum legendären Begründer der großen Machtzentren Mesopotamiens erklärt (Genesis 10:8-10). Nach dieser kurzen Begegnung mit Nimrod, dem Sohn des Kusch und Enkel des Cham, geht die Aufzählung weiter mit Völkern und Ländereien, deren Namen zum großen Teil heute noch allseits bekannt sind. Aschur und Bavel, das heißt Assyrien und Babylonien werden Schicksalsorte für die Israeliten sein. In die Städte dieser beiden, aufeinander folgenden Reiche werden die besiegten Israeliten und Judäer einst umziehen müssen – gegen ihren Willen. So etwas heißt dann Exil. Wann das geschieht und mit welchen Folgen, wird zu gegebener Zeit noch erzählt. Mesopotamien flankierte das gelobte Land der Israeliten im Osten; und Ägypten (hebr. Mitzrajim) drückt auf seiner südwestlichen Seite dagegen. Ägypten wird ein Hauptschauplatz der frühen Geschichte Israels sein. Ein Aufenthalt dort führte erst dazu, daß aus einigen wenigen Personen, die zunächst einen kleinen Stämmebund bildeten, ein Volk geformt wurde – in einem schmerzhaften Prozeß. Ein wenig erinnert das an Werkstücke, die entweder unter Druck oder Hitze oder beidem geformt werden. Druck und Hitze Ägyptens werden heißen: Gefangenschaft, Abhängigkeit, Sklaverei. Auf wieder einer anderen Zeitebene werden die Philister auf den Plan gerufen. Sie liegt zwischen dem Aufenthalt der Israeliten in Ägypten (13./14. Jh.v.d.Z.) und den gewaltsamen Eingriffen, mit denen erst die Assyrer (8. Jh. v.d.Z.) und dann die Babylonier (6. Jh.v.d.Z.) ihren Einfluß auf die durch das Gebiet von Israel führenden Handelswege geltend machten. Dort im früheren Kanaan seßhaft geworden, lebten die Israeliten in der Pufferzone zwischen Mesopotamien und Ägypten nicht gerade gemütlich. Als ob es nicht schon gereicht hätte, Spielball der Großmächte zu sein, lauerte noch mehr Gefahr in der näheren südwestlichen Umgebung, wo die Philister saßen, am Küstenstreifen zwischen den Städten Ghaza und Aschdod. Sie kamen einst übers Meer, keiner weiß woher, ließen sich dort nieder und machten den Israeliten regelmäßig das Leben schwer (vgl. Richter 10:7.8; I. Samuel 4:1-7:1; II. Samuel 5:17-25). So hat auch die Geschichte des bärenstarken Richters Simson den Konflikt mit den Philistern zum Hintergrund (vgl. Richter 13-16).

Und dann gab es da noch ein Problem: Das Gebiet, das die Ur-Israeliten nach ihrer Zeit in Ägypten und ihrer Passage durch die Wüste besiedelten (12./11. Jh.v.d.Z.), war nicht leer. Auch dort trafen sie auf Kinder Chams: die Kanaaniter. Diese bestanden aus einer ganzen Reihe von Stämmen. Möglicherweise hängt das Wort Kena‘an als Oberbegriff für die vielen kleinen Stämme inhaltlich mit der Lage ihrer Heimatgegend zusammen. Kanaan hat mit Handel zu tun und das bestimmt nicht, weil sie alle so fleißige Krämer waren, sondern weil sie eben an jenen Handelsrouten zwischen den drei Kontinenten Asien, Afrika und Europa wohnten. Die Jebusiter, Perisiter, Chiviter, Girgaschiter und Amoriter werden immer wieder im Zusammenhang mit Gottes Versprechen an die Erzeltern und an das Volk Israel aufgezählt, daß sie ihre Ländereien übernehmen werden. Übernehmen? Die Kanaaniter gaben diese natürlich nicht freiwillig her. Der erste Nahostkonflikt war vorprogrammiert. Gedanklich wird das fragliche Gebiet in der zweiten Genealogiereihe schon einmal abgesteckt. Die Rundreise mit dem Finger auf der Landkarte reicht von Sidon im heutigen Libanon über Gerar bis nach Ghaza an der Küste im Süden, geht von da weiter nach Sodom und Gomorra am Toten Meer, über Adma und Zevojim bis hin nach Lascha an seiner Ostseite (Genesis 10:19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zweite Genealogiereihe: Nachkommen Noahs (Genesis 10)

Danach werden weitere fünf Generationen von Sem bis Peleg genannt. Die Liste stellt auch die Kinder von Pelegs Bruder, Joktan, ausführlich vor (Genesis 10:26). Peleg selbst aber wird die Verbindung zur nächsten Namenreihe herstellen, die nur ein Kapitel weiter bereits auf den Leser wartet. Dazwischen gibt es einen Einschub, der erklärt, warum die zweite Genealogiereihe von einer Zersplitterung der Erde in der Zeit des Peleg spricht (Genesis 10:25). Natürlich zerspringt nicht die Welt selbst in tausend Stücke. Es geht vielmehr darum, daß sich die Menschen in ein immer größeres, unüberschaubares Völkergemisch aufgliedern. Woran aber lassen sich denn die Völker und Ethnien unterscheiden, wenn man mal von den biologischen Grundlagen absieht? Über Kultur und Sprache. Der Einschub gibt nun eine mythische Begründung für ihr Entstehen – in der Erzählung von der Haphlagah, der Zerteilung. Allgemeiner bekannt ist sie unter dem Titel „der Turmbau zu Babel“ (Genesis 11:1-9). Was sie berichtet, ist übrigens auch schon in der Bedeutung des Namens Peleg enthalten. Seine Wurzel Peh, Lamed, Gimel ist die gleiche wie die des Wortes Haphlagah. Daher haben beide Wörter inhaltlich mit Zerteilung, Zersplitterung, Uneinigkeit zu tun. Die Passage vom Turmbau zu Babel ist in einer besonderen Form gestaltet, die der Fachmann der Textarbeit Chiasmus nennt. Das ist ein Stilmittel orientalischer Erzählkunst, welches die Anschaulichkeit steigert und bei der mündlichen Überlieferung hilft, das Ganze im Gedächtnis zu behalten. Seine Besonderheit besteht in der spiegelbildlichen Anordnung der Verse. Darin bahnt sich eine Entwicklung zunächst an und steigert sich bis zu einem Scheitelpunkt, der eine Wende im Verlauf ankündigt. Von da aus wird dann absteigend Schritt für Schritt rückwärts, wieder an den gleichen Themen vorbeikommend, die neue Situation vorbereitet, mit deren Eintreten die Geschichte schließlich endet. Beim Turmbau zu Babel geht das so: Die Menschen, noch vereint in Sprache und Streben, wünschen sich, diesen Zustand zu verewigen durch den Bau eines Turmes, der bis an den Himmel reicht. Den Scheitelpunkt bildet der Moment, an dem die Menschen ihr Ziel beinahe erreichten, wenn da nur nicht Gott dazwischengekommen wäre. Am Ende der Gegenbewegung steht die Sprachverwirrung, welche die Menschen uneins macht und unfähig, jemals wieder gemeinsam ein so großes Projekt in Angriff zu nehmen. Aus dem Textfluß gelöst und in Übersicht gebracht, sieht der Chiasmus wie folgt aus; er liest sich am be­sten von links oben nach links unten, dann von rechts unten nach rechts oben:

[...]

Details

Seiten
208
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656288992
ISBN (Buch)
9783656289432
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202775
Note
Schlagworte
summe eins dreizehn eine einführung symbolik hebräischen bibel Lebensphilosphie Tradition aktuell Theologie Altes Testament

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Titel: Die Summe der Eins ist Dreizehn