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Die Grabanlage von Jelling als Symbol für die Integration des wikingerzeitlichen Dänemarks in das christliche Europa

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 45 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Grabanlage von Jelling

1.1 Der Königsitz Jelling in schriftlichen Quellen
1.2 Der archäologische Befund
1.2.1 Überblick über die Anlage von Jelling
1.2.2 Die Runensteine
1.2.3 Nordhügel und Grabkammer
1.2.4 Südhügel und Steinsetzung
1.2.5 Kirche und Kirchengrab

2. Interpretation des archäologischen Befundes
2.1 Die Translatio-Hypothese
2.2 Jelling - ein Einzelfall?
2.3 Offene Fragen und Alternativtheorien

3. Dänemark am Übergang vom Heiden- zum Christentum
3.1 Die Dänen und das Christentum
3.2 Verbindungen zwischen Harald Blauzahn und Otto dem Großen
3.3 Jelling als National- und Integrationssymbol

4. Schluss

5. Bildanhang zur Hausarbeit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Der kleine Ort Jelling im Herzen Jütlands zählt heute etwa 3000 Einwohner. Jährlich zieht er aber 150 000 Besucher an. Verantwortlich für dieses große Interesse ist ein einmaliges Monument aus der Wikingerzeit, welches seit 1994 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist.[1] Es kündet davon, dass es eine Zeit gab, in der Jelling Königsitz einer gleichnamigen Dynastie war und die Geschichte Dänemarks genau an dieser Stelle eine maßgebliche Wendung erfuhr. Die Protagonisten dieser Veränderung, König Gorm[2] und sein Sohn Harald Blauzahn,[3] werden in schriftlichen Quellen[4] über das 10. Jahrhundert fassbar und in Kombination mit deren archäologischem Vermächtnis entsteht ein Bild, welches eine Vorstellung von der Zeit vermittelt, als das Land den Schritt vom Heiden- zum Christentum und damit in das christliche Europa hinein vollzog.

Die vorliegende Arbeit wird zeigen, dass die spärlichen schriftlichen Überlieferungen über den Ort Jelling als Königsitz um den archäologischen Befund erweitert werden müssen, um sich ein aussagekräftiges Bild machen zu können. Nachdem ausführlich auf die einzelnen Elemente eingegangen wurde, die dem Komplex in Jelling erst in der Gesamtbetrachtung zu seiner Bedeutung verhelfen, soll der Befund interpretiert werden. Dabei wird sich zeigen, dass die Wissenschaft zwar eine wahrscheinliche Erklärung für das einmalige Ensemble aus Runensteinen, Grabhügeln und Kirche gefunden hat, sie aber gut beraten wäre dieser Erklärung keinen Alleingültigkeitsanspruch zuzusichern. Dafür sind noch zu viele Fragen ungeklärt, die einen fruchtbaren Diskurs mit sich bringen könnten, wenn nicht von den meisten Historikern und Archäologen schon ein Schlussstrich gezogen worden wäre, wo noch keiner gezogen werden sollte.[5]

Abschließend soll vor Augen geführt werden, dass der Übertritt Dänemarks zum Christentum, versinnbildlicht durch die Taufe Harald Blauzahns um 965[6] , nicht zufällig im 10. Jahrhundert stattfindet. Er ist das Resultat einer langen Entwicklung und christlichen Durchdringung des Landes, an deren Ende ein einmaliges Symbol gleichsam für nationale Identität und europäische Integration steht - die Anlage von Jelling.

1. Die Grabanlage von Jelling

1.1 Der Königsitz Jelling in schriftlichen Quellen

Wenn Adam von Bremen berichtet, dass der Missionar Unni um 935 Gorm und Harald in Dänemark antraf[7] , dann kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass sich diese Begegnung im Ort Jelling ereignete. Dort befindet sich ein einmaliger archäologischer Komplex, der mit konkreten Personen der dänischen Königsfamilie des zehnten Jahrhunderts in Zusammenhang gebracht werden kann. Bevor jedoch die Fundsituation vor Ort vorgestellt und interpretiert wird, sollen die spärlichen schriftlichen Quellen zum Königssitz Jelling befragt werden.

Saxo Grammaticus schreibt in seiner „Gesta Danorum“ die Geschichte der Dänen in 16 Büchern auf und vermischt dabei Phantasie, Mythologie, geschichtliche Personen und Ereignisse zu einem Gesamtwerk, dessen historischer Kern aber von der Wissenschaft akzeptiert und daher als Quelle herangezogen wird.[8] Er berichtet ausführlich über Gorm, dessen Frau Thyra und den gemeinsamen Sohn Harald. Saxo erwähnt im Zusammenhang mit dem Tod Thyras, dass Harald einen Grabhügel für seine Mutter errichten lässt „unweit vom Hügel des Vaters, in Jelling, wo man nun auch eine Kirche sehen kann, die zwischen den Gräbern der Eheleute liegt“.[9] Auch wenn der Autor (wie noch gezeigt werden wird) Thyra fälschlicherweise nach Gorm sterben lässt, so erwähnt er doch die Grabhügel und die Kirche, welche charakteristisch für die Grabanlage von Jelling sind.

Eine weitere Stelle bei Saxo Grammaticus, die aus unbekannten Gründen in der Literatur nirgends angeführt wird, nennt (vielleicht) den Ort Jelling. Im vierten Buch der „Gesta Danorum“ wird von einem Athislus erzählt, der mit einer schwedischen Streitmacht in Dänemark einfällt. Die Nachricht dieser Bedrohung wird einem gewissen Wermundus mitgeteilt „der sich damals gerade auf seinem Landgute Jalunga aufhielt. Dieser [Wermundus] fand den König mit seinen Freunden beim Mahle, [und] richtete seinen Auftrag aus […]“. Der Übersetzer setzt Jalunga dem Dorf Jelling in Jütland gleich.[10]

Sollte mit Jalunga wirklich Jelling gemeint sein, lassen sich hier wertvolle Informationen finden. Saxo erzählt von einem „Landgute“ – also einem herrschaftlichen Gebäude bzw. Gebäudekomplex. Vielleicht ein Hinweis auf den noch nicht nachgewiesenen Königshof von Jelling. Gestützt wird diese These auch dadurch, dass Wermundus den König in Jalunga anzutreffen scheint.

Die wichtigste literarische Quelle, welche sowohl von den Monumenten in Jelling als auch vom dortigen Königsitz berichtet, ist bei Sven Aggesen[11] zu finden:

”Ut autem praecluis illa regina cum Rege marito, omnes aetatis suae annos complesset, Haraldus Blaatand, filius superstes qvi et regni exstitit haeres, iuxta ritum gentilium in tumulis gemellis et paribus, qvasi illustribus mausolaeis, secus Regis curiam in Jelling utrumqve parentem fecit humari”[12]

Sowohl bei Saxo Grammaticus als auch bei Sven Aggesen muss die zeitliche Distanz zu den Ereignissen des zehnten Jahrhunderts von etwa zweihundert Jahren und der Einfluss von Mythologie und Phantasie beachtet werden. Obwohl der Königssitz in Jelling zur Zeit von Saxo und Aggesen schon lange nicht mehr existierte, weil sich das Machzentrum nach oder mit Harald Blauzahn von Jütland aus nach Osten verlagerte[13] , ist dessen frühere Bedeutung nicht in Vergessenheit geraten und bleibt durch die Werke der Autoren schriftlich fixiert, auch wenn sie deren zeitgenössische Sicht widerspiegeln.

1.2 Der archäologische Befund

1.2.1 Überblick über die Anlage von Jelling

Da die historische Forschung im Wesentlichen auf der Analyse schriftlicher Quellen beruht, diese im Fall von Jelling aber überschaubar und aus quellenkritischer Sicht bedenklich sind, sollen im Folgenden die archäologischen Funde und deren Interpretation für ein tieferes Verständnis des Übergangs Dänemarks zum Christentum im zehnten Jahrhundert sorgen.

In der Forschung dominiert die Ansicht, dass es sich bei Jelling um eine bewusst geplante, mehr oder weniger ganzheitliche Anlage handelt.[14] Sie besteht aus heute sichtbaren Elementen und aus Teilen, die dem Blick des Besuchers verborgen bleiben. Zur ersten Gruppe gehören zwei große Grabhügel, eine Steinkirche und zwei Runensteine, die sich direkt zwischen den beiden Hügeln befinden.

Die zweite Gruppe, die nur aufgrund archäologischer Arbeit erschlossen werden konnte, wird vertreten durch einen bronzezeitlichen Grabhügel, eine große Grabkammer, eine monumentale Steinsetzung, eine Grablegung im Kirchenboden und drei hölzerne Vorgängerbauten, die der heute sichtbaren Kirche vorangingen.[15]

1.2.2 Die Runensteine

Wichtigstes[16] Zeugnis der Ereignisse in Dänemark zur Herrschaftszeit Harald Blauzahns ist der große Jellingstein. Dabei handelt es sich um einen fast zehn Tonnen schweren Granitblock, dessen Grundform an eine Pyramide mit dreiseitiger Grundfläche erinnert. Seine Position auf der Achse zwischen beiden Grabhügeln entspricht im Wesentlichen dem Originalstandort.[17] Alle drei Seiten tragen ein kunstvolles, im Original farbiges Relief mit einer exakt gearbeiteten Runeninschrift. Nacheinander gelesen ergibt sich für den Stein folgender Text:

„König Harald ließ diese Denkmäler[18] machen nach Gorm, seinem Vater, und nach Thyra, seiner Mutter, jener Harald, der für sich gewann ganz Dänemark und Norwegen und der die Dänen zu Christen machte“.[19]

Das als A-Seite bezeichnete Drittel des Steins trägt den unterstrichenen Teil der obigen Gesamtinschrift. Hier dominiert eindeutig der zu vermittelnde Text.

Außer den Runen findet sich hier, wie auf den anderen beiden Seiten auch, eine charakteristische Flechtband- und Rankenornamentik. Auf dieser Textseite teilt Harald öffentlich mit, dass er als König Dänemark geeint und „diese Denkmäler“ (die Grabhügel) für seine Eltern errichtet habe.

Die B-Seite ist der umstrittenste Teil des Steins. Hier findet sich neben den oben dunkel markierten Worten das Bild eines Tierkampfes. Zweifelsfrei lässt sich eine Schlange identifizieren, die sich um den Hals eines Vierfüßlers windet. Dieses Tier wurde in der Literatur oft als stark stilisierter Löwe identifiziert. Vielleicht Symbol für den Kampf Haralds mit weltlichen Gegnern in Dänemark und Norwegen (der Text würde dann zum Bild passen).

Wamers hat jedoch mit Verweisen auf Psalm 41,2[20] und antike Überlieferungen gezeigt, dass es sich wohl um den Kampf eines Hirsches mit der Schlange handelt. Die Darstellung dieses Themas bzw. eines Hirsches in christlichem Zusammenhang ist mehrfach im Norden der Wikingerzeit nachweisbar, nicht aber ein Kampf von Löwe und Schlange.[21]

Die dritte oder C-Seite trägt die Worte „und der die Dänen zu Christen machte“ unter einer Christusdarstellung. Dabei ist auffällig, dass es sich nicht um einen gekreuzigten, sondern um einen in einem Rankengeflecht hängenden Jesus mit ausgebreiteten Armen und Nimbus handelt. Düwel[22] sieht in dieser Darstellungsart eine mögliche Vermischung heidnischer und christlicher Glaubensinhalte, da hier die pagane Vorstellung vom im Weltenbaum Yggdrasill hängenden Gott Odin anzuklingen scheint. Die markanten rankenartigen Flechtbänder aller drei Seiten haben Vorbilder in der ottonischen Buchmalerei.[23] Aufgrund der Passgenauigkeit von Bild- und Textprogramm kommt Wamers zu dem Schluss, dass das Kunstwerk in einem Schritt angefertigt wurde.[24]

Dem kleinen Jellingstein, der heute dem großen benachbart steht, kommt Bedeutung zu, da er mit seiner Inschrift ebenfalls die Existenz von Gorm und Thyra belegt und hier das erste Mal überhaupt der Begriff „Dänemark“ auf dänischem Boden zu finden ist.[25] Seine Inschrift lautet:

„König Gorm machte dieses Denkmal nach Thyre, seiner Frau, Dänemarks Zierde“.[26]

Die Runenschrift verläuft hier traditionell vertikal auf zwei Seiten des quaderförmigen Steines. Eine reiche Bebilderung wie beim großen Jellingstein fehlt. Der Originalstandort ist nicht mehr rekonstruierbar. Der Gedenkstein widerspricht der mittelalterlichen Tradition, von der auch Saxo Grammaticus ausging, dass Gorm vor Thyra gestorben sei.[27]

1.2.3 Nordhügel und Grabkammer

Nördlich [28] von der heutigen Steinkirche befindet sich ein Hügel, der mit einem Durchmesser von fast 11 m und einer Höhe von 8 m der größte Grabhügel Dänemarks ist. Archäologen konnten feststellen, dass an gleicher Stelle ein bronzezeitlicher Hügel stand. In diesen wurde eine Grabkammer aus Eichenholz hineingebaut, die mit 6,75 m Länge, 2,6 m Breite und 1,45 m Tiefe gewaltige Ausmaße aufwies. Nachdem diese Arbeiten abgeschlossen waren, wurde die kleine bronzezeitliche Anhöhe mit Feldsteinen verkleidet und mit Rasenstücken überdeckt, bis die heute sichtbaren Proportionen entstanden.[29] Die Analyse der Eichenstämme der Kammer ergab, dass die Bäume im Winter 958/959 gefällt wurden.[30]

Als 1820 ansässige Bauern im Nordhügel nach Wasser gruben, stießen sie dabei auf die Decke der Grabkammer aus Eichenbalken. Auf der äußeren Balkenschicht wurde eine Wachskerze gefunden. Die weiteren Untersuchungen ergaben, dass in die Decke zwei Löcher geschlagen wurden.[31] Nach Auswertung der Fundstücke im Grab ergab sich folgendes Bild: Die Kammer wurde durch Längs- und Querdielung und durch eine hochkant eingepasste Bohle in einen westlichen (4,2 x 2,6m) und einen östlichen (2,6 x 2,6m) Abschnitt unterteilt.

Als Grabbeigaben konnten gesichert werden: fragmentarische Stoffreste, diverse verzierte Möbelbruchstücke, silberne Geschirrfragmente, Überbleibsel eines Wagenkastens, eine Gürtelschnalle, ein Zaumzeugbeschlag, ein Pferdezahn, zwei Vogelfiguren und ein bemaltes Holzstück in Form eines Kriegers.[32] Spektakulärstes Fundstück war aber ein 4,3 cm hoher, innen vergoldeter Silberbecher.[33]

Nach Abschluss der Untersuchungen kam man zu dem Schluss, dass das Fehlen menschlicher Überreste, die Löcher in der Kammerdecke und die versprengten Funde für eine Öffnung und Leerung des Grabes vor 1820 sprechen.

Bei nochmaligen Grabungen im Jahr 1861 konnte als auffälligster Fund noch ein Kreuzanhänger lokalisiert werden. Dieser wurde jedoch im Aushub aufgelesen, seine ursprüngliche Position (in oder auf dem Grab) ist damit nicht mehr nachvollziehbar.[34]

1.2.4 Südhügel und Steinsetzung

Die[35] mittelalterliche Überlieferung verband den Nordhügel mit Thyra und den Südhügel mit Gorm, daher wurden 1861 auf königliches Geheiß hin erstmals Grabungen im anderen der beiden Zwillingshügel durchgeführt. Die Hoffnungen auf eine weitere Grabkammer erfüllten sich hier jedoch nicht. Man kam daher zu dem Schluss, dass es sich um einen Kenotaph[36] handelte. Bei den Ausgrabungen stellte man weiterhin fest, dass der Südhügel in zwei Bauphasen entstand. Ein Holzpfosten im inneren des Hügels wurde später dendrochronologisch auf 963-970 datiert – der Südhügel ist also der jüngere von beiden. Bei einer weiteren Grabung 1941 konnte festgestellt werden, dass die großen, in zwei Reihen angeordneten Steine, die unter dem Hügel gefunden wurden, eine regelmäßige Form bildeten. Diese interpretierte Ejnar Dyggve als ein nach Norden ausgerichtetes „Vi“- also einen heidnischen, V-förmigen Kultplatz.[37] Die vorherrschende Forschungsmeinung sieht in der Steinsetzung jedoch eine monumentale Schiffsetzung. Solche sind charakterisiert durch ihren auffallend spitzovalen Grundriss, der durch aufrechte, symmetrisch zueinander stehende Steine realisiert wird, die im Gelände weithin sichtbar sind. Sie repräsentieren eine besonders in der Wikingerzeit aber auch schon vorher auftretende Gruppe von Grabmonumenten oder Kenotaphen. Sie werden zum Teil als wirkliche Schiffe, die für die Fahrt ins Jenseits benötigt werden, interpretiert. Schiffsetzungen sind in ganz Skandinavien mit Schwerpunkt Südschweden zu finden. Die dänischen Vertreter sind weniger zahlreich, dafür oft sehr groß.[38]

Im Fall von Jelling wurde lange Zeit angenommen, dass die nördliche Spitze der Schiffsetzung an dem bronzezeitlichen Grabhügel endete und die südliche Spitze unter dem heutigen Südhügel lag. Beim Bau der Zwillingshügel wurde diese dann zerstört.[39]

Die aktuellsten Grabungsergebnisse der Jahre 2008 und 2009 kommen hingegen zu dem Schluss, dass die Schiffsetzung noch viel größer war und sich der Nordhügel mittig in ihr befand. Demnach wies das Monument eine Länge von 375m auf und wurde erst mit Errichtung des Südhügels zerstört.[40]

Eine Theorie lautet, dass der kleine Jellingstein als Vordersteven am Bug des Schiffes gestanden und es als Grab- oder Erinnerungsmal von Gorm für Thyra ausgewiesen haben könnte.[41]

1.2.5 Kirche und Kirchengrab

Die[42] archäologischen Untersuchungen in der Kirche begannen mit Ejnar Dyggve in den Jahren 1947-1951. Er untersuchte vornehmlich einen kleinen Bodenbereich des Kirchenschiffes nahe der Kanzel. Dabei konnte er Spuren von mindestens einem Vorgängerbau finden. Der Ausgräber rekonstruierte aus seinen Erkenntnissen die Theorie, dass an der Stelle der heutigen Kirche einst „König Gorms heidnischer Tempel“ stand, der dann nach der Taufe seines Sohnes zu Gunsten von „Haralds Stabkirche“ aufgegeben wurde.[43]

Da Dyggve nur einen kleinen Bereich der Kirche untersuchen konnte, wurde Krogh in den 1970er Jahren mit einer genauen Untersuchung des Kirchenbodens und des ältesten der dort gefundenen Gräber beauftragt. Er kommt zu dem Schluss, dass der heutigen Kirche nicht weniger als drei hölzerne Vorgängerbauten vorausgingen, die allesamt Kirchen waren. Die erste Kirche war dabei größer als ihre Nachfolger, die heutige Kirche eingeschlossen.

Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass das Grab (3,40 m x 2,0 m) zeitgleich mit dem ersten Gebäude entstand. Die gefundenen menschlichen Überreste waren unvollständig und im Kirchengrab verteilt aufgefunden worden.[44]

Anthropologische Untersuchungen ergaben, dass sie von nur einem männlichen Individuum mit einer Größe von 1,73 m stammen, dessen Alter auf 35 bis 50 Jahre geschätzt wird.

Um das Knochenmaterial herum fand man etwa fünfhundert kleine Goldfragmente, deren spiralige Drehung daraufhin deuten, dass sie Verzierungen eines Kleidungsstückes waren. Weiterhin wurden zwei prächtige vergoldete Ornamente gefunden. Das kleinere Stück (2,5cm) stellt einen einzelnen Tierkopf mit weit aufgerissenem Maul dar. Die beiden Enden des größeren Ornaments (7,5cm) stellen ebenfalls Tierköpfe (Löwe und Adler)[45] mit markanten Augenbrauen und überproportional großen Augen dar, die durch einen lang gestreckten Körper verbunden sind. Dabei sei auf die große Ähnlichkeit zwischen diesen Kunstwerken und dem Relief auf dem im Nordhügel gefundenen Becher hingewiesen. Beide Stücke des Kirchengrabes dienten gemeinsam als Gürtelschnalle, was Lederreste in dem kleineren Ornament belegen.[46]

2. Interpretation des archäologischen Befundes

2.1 Die Translatio-Hypothese

Auf die Frage, wie der archäologische Befund zu interpretieren ist, herrscht in der Wissenschaft keine Einigkeit. Favorisiert wird das vom Archäologen Krogh formulierte Translatio-Modell. Dieses besagt, dass im Grab des Nordhügels der heidnische König Gorm bestattet wurde. Dazu passt die Datierung der Kammer auf das Jahr 959[47] , deren königliche Größe und die prachtvolle Ausstattung, die aus den gefundenen Fragmenten rekonstruiert werden konnte. Laut Krogh lies Harald Blauzahn kurz nach seiner Taufe den Vater, aus Sorge um dessen Seelenheil, aus dem heidnischen Grabhügel in die neu errichtete Königsgrabkirche[48] umbetten. Indiz dafür war der Fund eines männlichen Individuums im Kirchengrab, welches seiner Meinung nach vorher an anderer Stelle bestattet worden war.

Dabei war die Unordnung der Skelettteile dadurch zu erklären, dass die Überreste im ersten Grab bereits weitgehend zerfallen waren und der Tote damit nicht mehr anatomisch korrekt im Kirchengrab abgelegt werden konnte.[49]

Die leere Grabkammer im Nordhügel passte sich dann gut in dieses Gedankengerüst ein. Die gefundene Kerze auf der Kammer und der Kelch in ihrem Inneren dienten demzufolge der nachträglichen „Weihe“ des heidnischen Grabes.

Die Ornamente, die bei den Knochen in der Kirche gefunden werden konnten, untermauern den hohen gesellschaftlichen Stand des Toten und ähneln in ihrem Stil den Verzierungen des in der Grabkammer gefundenen Bechers. Hier kann auf zeitliche Nähe geschlossen werden. Außerdem wurde die erste Kirche, und damit das Grab unter ihrem Schiff, auf die Mitte des zehnten Jahrhunderts datiert.

Die vermutliche Schiffsetzung für die Königin ist in diesem Modell von Harald geschleift worden und an ihre Stelle trat der Südhügel als Kenotaph für Thyra.[50]

[...]


[1] Vgl.: http://www.vejle.dk/page35429.aspx (10.09.2010, 14:28 Uhr).

[2] Gorm der Alte (um 908-958/959) dänischer König in Jütland, vgl.: Ehrhardt, H., Art. Gorm der Alte, in: LexMA 4 (1980), Sp.1561 (Lebensdaten bei Ehrhardt veraltet, obige aktueller, vgl. 2.3).

[3] Harald Blauzahn (vor 936-987) König und wahrscheinlich Vereiner Dänemarks nach Tod seines Vaters Gorm, wichtigster Beleg ist der große Jellingstein, vgl.: Skovgaard-Petersen, I., Art. Harald Blauzahn, in: LexMA 4 (1980), Sp. 1929 oder 1.2.2.

[4] Vgl 1.1 und 3.1.

[5] Vgl. 2.3.

[6] Vgl. von Liliencron, A-M., Beziehungen des Deutschen Reiches zu Dänemark im 10. Jahrhundert, in: ZSHG Bd. 44 (1914), Seite 29.

[7] Vgl. Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis Ecclesiae Pontificum, I, 59.

[8] Saxo Grammaticus: Dänischer Mönch und Schriftsteller (ca. 1150-1220) vgl. Hube, H.-J., Saxo Grammaticus. Der berühmte mittelalterliche Geschichtsschreiber berichtet in 9 Büchern von unseren nordischen Vorfahren. Erste vollständige, neu übersetzte und reichhaltig kommentierte Ausgabe, Wiesbaden, 2004, S. 13-29.

[9] Staecker, J., Jelling – Mythen und Realität. in: D. Kattinger, J.E. Olesen & H. Wernicke (Hrsg.), Der Ostseeraum und Kontinentaleuropa 1100-1600. Einflußnahme – Rezeption – Wandel. Symposium Greifswald/Weitenhagen 2000. Culture Clash or Compromise VIII. Greifswald 2004, S. 91.

[10] Grammaticus, Saxo, Die ersten neun Bücher der dänischen Geschichte, übersetzt und erläutert von Hermann Jantzen, Berlin 1900, S. 173.

[11] Sven Aggesen – dänischer Schriftsteller des 12. Jahrhunderts und wahrscheinlich Zeitgenosse von Saxo Grammaticus. Wichtigstes Werk Brevis Historia Regum Dacie.

[12] Auf Nachfrage hat Frau Dr. Anne Pedersen vom dänischen Nationalmuseum die genaue Stelle bei Aggesen angegeben (Script. Rer. Dan. 1, 51). Dafür soll ihr an dieser Stelle gedankt werden. Die Übersetzung der Quelle durch den Autor lautet: „Als aber jene verehrte Königin [Thyra] mit dem König [Gorm] als (ihrem) Gemahl alle Jahre ihres Alters vervollkommnet hatte, hat Harald Blauzahn der als der überlebende Sohn den Zweiflern des Königreiches fernblieb, nach dem Brauch der Heiden auf zwei gleich großen Zwillingshügeln, einer Art von prächtigen Mausoleen, die beiden Eltern in Jelling, bei dem Regierungssitz des Königs beerdigen lassen“.

[13] Callmer, J., Machtzentren des 10. Jahrhunderts und der Zeit um 1000 in Südskandinavien, in: Henning, J. [Hrsg.], Europa im 10. Jahrhundert. Archäologie einer Aufbruchszeit, S. 72.

[14] Krogh, K.J., The Royal Viking-Age Monuments at Jelling in the Light of Recent Archaeological Excavations. A Preliminary Report, in: Acta Archaeologica, Bd. 53 (1982), S. 184 ff.

[15] Krogh, The Royal Viking-Age Monuments at J. in the Light of Recent Archaeological Excavations, S. 194 ff.

[16] Am aktuellsten dazu: Madsen, K., Trudsø, S., Det Haster, in: Skalk, Heft 1 (2010), S. 18-27. Bilder im Anhang.

[17] Wamers, E., ... ok Dani gærði kristna. Der große Jellingstein im Spiegel ottonischer Kunst. Frühmittelalterliche Studien Bd. 34, 2000, 132-158.

[18] In der Forschungsliteratur scheint keine Einigkeit darüber zu herrschen, ob das Wort „kumbl“ im Singular (Denkmal) oder im Plural (Denkmäler) zu übersetzen ist. Dieser Punkt ist wichtig, weil eine Pluralübersetzung einen Bezug zu den Grabhügeln herstellt. Im Singular könnte sich Denkmal auch nur auf den Stein als eigenständiges Monument beziehen.

[19] Wamers, E., ... ok Dani gærði kristna. Der große Jellingstein im Spiegel ottonischer Kunst. Frühmittelalterliche Studien Bd. 34, 2000, S. 133.

[20] Psalm 41,2: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“.

[21] Wamers, E., ... ok Dani gærði kristna. Der große Jellingstein im Spiegel ottonischer Kunst. Frühmittelalterliche Studien Bd. 34, 2000, 132 ff.

[22] Düwel, Klaus, Runenkunde, Stuttgart 1968, S. 60ff.

[23] Wamers, E., ... ok Dani gærði kristna. Der große Jellingstein im Spiegel ottonischer Kunst. Frühmittelalterliche Studien Bd. 34, 2000, S. 137ff.

[24] Andere Autoren vermuten eine Entstehung in mehreren Phasen: vgl. Moltke, E., Jelling problems a discussion, The Jelling Monuments in the Light of Runic Inscription, in: Medieval Scandinavia 7, 1974, S. 183-208.

[25] Matthiesen, H.-O., Jelling zur Wikingerzeit, Jelling, 2005, S. 5.

[26] Ingvorsen, L., Jelling in der Wikingerzeit, Jelling, 1992, S. 4 – Wendung am Satzende ist umstritten.

[27] Pedersen, A., The Jelling Monuments – Ancient royal memorial and modern world heritage site, in: Runes and their secrets. Studies in runology, Kopenhagen 2006, S. 286 ff.

[28] Ausführliches Bildmaterial mit Erläuterung findet sich im Bildanhang der vorliegenden Arbeit.

[29] Krogh, K.J., The Royal Viking-Age Monuments at Jelling in the Light of Recent Archaeological Excavations. A Preliminary Report, in: Acta Archaeologica, Bd. 53 (1982), S. 187 ff.

[30] Ament, H., Wie König Harald seine Eltern begraben hat, in: Wesse, A. [Hrsg.], Studien zur Archäologie des Ostseeraumes. Von der Eisenzeit zum Mittelalter, Festschrift für M. Müller-Wille, Neumünster 1998, S. 269.

[31] Staecker, J., Jelling – Mythen und Realität. in: D. Kattinger, J.E. Olesen & H. Wernicke (Hrsg.), Der Ostseeraum und Kontinentaleuropa 1100-1600. Einflußnahme – Rezeption – Wandel. Symposium Greifswald/Weitenhagen 2000. Culture Clash or Compromise VIII. Greifswald 2004. 77-102, S. 79ff.

[32] Vertiefend zu dieser Figur und deren umstrittener Deutung: Marxen, I., Moltke, E., The Jelling Man and other paintings from the Viking Age, in: Mediaeval Scandinavia, Bd. 12 (1988), S. 107-121.

[33] Vertiefend zu dessen umstrittener Deutung: Capelle, T., Zum Silberkelch von Jelling, in: Acta Archaeologica, Bd. 55 (1984), S.199-201.

[34] Staecker, J., Jelling – Mythen und Realität. in: D. Kattinger, J.E. Olesen & H. Wernicke (Hrsg.), Der Ostseeraum und Kontinentaleuropa 1100-1600. Einflußnahme – Rezeption – Wandel. Symposium Greifswald/Weitenhagen 2000. Culture Clash or Compromise VIII. Greifswald 2004. 77-102, S. 79.

[35] Ausführliches Bildmaterial mit Erläuterung findet sich im Bildanhang der vorliegenden Arbeit.

[36] Erinnerungszeichen ohne Grabkammer. Einige Schiffsetzungen werden z.B. als Kenotaphe von auf See Verstorbenen gedeutet, vgl. Capelle, T., Schiffsetzungen, in: Prähistorische Zeitschrift, Bd. 61 (1986), S. 2.

[37] Dyggve, E., La fouille par le Musée National danois du tertre royal sud á Jelling en 1941, in: Acta Archaeologica, Bd. 13 (1942), Fig. 23. sowie Olsen, O., Vorgeschichtliche Heiligtümer in Nordeuropa, in: Vorgeschichtliche Heiligtümer und Opferplätze in Mittel- und Nordeuropa, H. Jankuhn (Hrsg.), Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Göttingen 1968, S. 261 ff.

[38] Capelle, T., Schiffsetzungen, in: Prähistorische Zeitschrift, Bd. 61 (1986), S. 1-63.

[39] Hvass, S., Jelling – Schon in der Wikingerzeit eine tausendjährige Siedlung, in: A. Wesse (Hrsg.), Studien zur Archäologie des Ostseeraumes. Von der Eisenzeit zum Mittelalter. Festschrift für Michael Müller-Wille, S. 164.

[40] Christensen, P.M., Andersen, S.W., Kongeligt?, in: Skalk, Heft 1 (2008), S. 3-10 sowie Andersen, S.W., Bautasten og Kaempehegn, in: Skalk, Heft 1 (2009), S. 11-17.

[41] Staecker, J., Jelling – Mythen und Realität. in: D. Kattinger, J.E. Olesen & H. Wernicke (Hrsg.), Der Ostseeraum und Kontinentaleuropa 1100-1600. Einflußnahme – Rezeption – Wandel. Symposium Greifswald/Weitenhagen 2000. Culture Clash or Compromise VIII. Greifswald 2004. 77-102, S. 86.

[42] Ausführliches Bildmaterial mit Erläuterung findet sich im Bildanhang der vorliegenden Arbeit.

[43] Dyggve, E., Gorm´s Temple and Harald´s stave-church at Jelling, in: Acta Archaeologica, Bd. 25 (1954), S. 226 ff.

[44] Krogh, K.J., The Royal Viking-Age Monuments at Jelling in the Light of Recent Archaeological Excavations. A Preliminary Report, in: Acta Archaeologica, Bd. 53 (1982), S. 193 ff.

[45] Gabriel, I., Ein Herrschergürtel mit Sphaera in Jelling, in: Paravicini, W. (Hrsg.), Mare Balticum, Beiträge zur Geschichte des Ostseeraums in Mittelalter und Neuzeit. Kieler Historische Studien, Bd. 36 (1992), S. 41ff.

[46] Krogh, K.J., The Royal Viking-Age Monuments at Jelling in the Light of Recent Archaeological Excavations. A Preliminary Report, in: Acta Archaeologica, Bd. 53 (1982), S. 202 ff.

[47] Vgl. 1.1 sowie 1.2.3.

[48] Vertiefend: Müller-Wille, M., Königsgrab und Königsgrabkirche. Funde und Befunde im frühgeschichtlichen und mittelalterlichen Nordeuropa. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission, Bd. 63 (1982), S. 361 ff.

[49] Krogh, K.J., The Royal Viking-Age Monuments at Jelling in the Light of Recent Archaeological Excavations. A Preliminary Report, in: Acta Archaeologica, Bd. 53 (1982), S. 202 ff.

[50] Krogh, K.J., The Royal Viking-Age Monuments at Jelling in the Light of Recent Archaeological Excavations. A Preliminary Report, in: Acta Archaeologica, Bd. 53 (1982), S. 183-216.

Details

Seiten
45
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656286189
ISBN (Buch)
9783656288213
Dateigröße
30.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202632
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Geschichte Mittelalter Dänemark Skandinavien Harald Blauzahn Jelling Archäologie Mittelalterarchäologie Jütland Nordeuropa Europa Christianisierung Heiden Heidentum Christentum Runensteine Runen Runenkunde Bestattung Gräber Grabhügel Saxo Grammaticus Adam von Bremen Otto der Große Bekehrung Religion Dänische Geschichte Integration Wikinger Thyra 10. Jahrhundert Kirche Stabkirche Schiffsetzung Steinsetzung Runenstein Grab Gorm Mission

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Titel: Die Grabanlage von Jelling als Symbol für die Integration des wikingerzeitlichen Dänemarks in das christliche Europa