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Der Traum des Pompeius am Vorabend der Schlacht – Eine Interpretation von Lucans "bellum civile" 7, 1 - 28

von Agnes Thiel (Autor)

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

I. TEIL: Hinführung 1. Einleitung
2. Text und Übersetzung Z. 1 – 8 und 19 – 24
3. Träume in der Antike 5
4. Hintergründe zum Bellum Civile

II. TEIL: Interpretation 1. Einleitende Bemerkungen
2. Die Interpretation von VII, 1 – 6
3. Der Traum des Pompeius und seine drei Deutungen durch Lucan

Schlussbemerkungen

Literatur

Der Traum des Pompeius am Vorabend der Schlacht

Eine Interpretation von Lucans bellum civile 7, 1 – 28

I. TEIL: Hinführung

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, die Stelle Buch VII, 1 – 28 aus Lucans bellum civile eingehend zu untersuchen, zu analysieren und zu interpretieren. Zu diesem Zweck stellen wir zunächst den Text im Original vor und übersetzen ihn selbständig. Im Anschluss daran werden wir darauf eingehen, welche Rolle Träume in der Antike hatten. Es wird sich zeigen, dass Träume trotz vieler Kritik vor allem von philosophischer und medizinischer Seite vor allem dazu dienten, - anders als in der Moderne - die Zukunft vorauszusagen. Darüber hinaus haben Träume beginnend bei Homer eine wichtige Funktion innerhalb von schriftlich fixierten Werken. Sie dienen der Leserlenkung und werden eingesetzt, um die Spannung zu erhöhen, reale Dinge, Geschehnisse vorwegzunehmen etc. Genau diese Funktionen hat auch der Traum in Lucans bellum civile VII 1 – 28. Es schließt sich eine eingehende Interpretation dieser Stelle an, die vor allem auf die drei Deutungen des Traums von Lucan selbst eingeht. Unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht zwischen Pompeius und seinem Schwiegersohn Cäsar träumt Pompeius, er sei im Theater in Rom und erhalte einen riesigen Applaus von den anwesenden Zuschauern. Lucan schlägt für diesen Traum drei Deutungen vor, die vor dem Hintergrund, dass die bevorstehende Schlacht der Anfang von Pompeius Ende ist, vorgestellt werden. Nie wieder wird Pompeius glorreich sein, nie wieder Rom, seine Heimat sehen. Lucan stellt diesen Krieg als einen mit kosmischer Dimension dar. Selbst die Sonne verzögert ihren Aufgang. Er sieht den Krieg als ein römisches Drama an, da es sich um einen Bruderkampf handelt, der Rom der Selbstzerfleischung aussetzt, anstatt es an Größe wachsen zu lassen. All dies wird in spannungsgeladener Dramatik in den Traum gelegt, so dass der Hörer bzw. Leser auf die tatsächlichen Ereignisse, die Niederlage des Pompeius und sein lebenslanges Exil, vorbereitet und zugleich voll Spannung auf das Kommende im Epos harren kann. Im Schlusskapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst und Lucan gewürdigt.

In der Forschung hat man sich noch nicht übermäßig mit dem Traum beschäftigt. H. J. Rose meinte noch, ihm sei „kein angemessener Kommentar bekannt“[1] . Dennoch gibt es in dem Band Wege der Forschung drei Aufsätze, die sich ausschließlich mit den Träumen bzw. mit dem Traum aus Buch VII beschäftigen. Darüber hinaus gibt es mittlerweile eine breite Forschung über die Traumdeutung in der Antike, in der sich insbesondere Chr. Walde hervorgetan ist. Diese Aufsätze und Bücher werden mit herangezogen.

2. Text und Übersetzung der Z. 1 – 8 und 19 - 24

Segnior, Oceano quam lex aeterna vocabat,

Luctificos Titan numquam magis aethera contra

Egit equos currumque polo rapiente retorsit,

Defectusque pati voluit raptaeque labores

Lucis, et attraxit nubes, non pabula flammis,

Sed ne Thessalico purus luceret in orbe

At nox felicis Magno pars ultima vitae

Sollicitos vana decepit imagine somnos.

Sedit adhuc Romanus eques: seu fine bonorum

Anxia mens curis ad tempora laeta refugit,

Sive per ambages solitas contraria visis

Vaticinata quies magni tulit omina planctus

Seu vetito patrias ultra tibi cernere sedes

Sic Roman Fortuna dedit.

„Die Trauer tragende Sonne erhob sich langsamer aus dem Ozean als das ewige Gesetz sie rief, [2] sie lenkte niemals stärker ihre Pferde gegen den Himmel und ihre Laufbahn, sie kehrte um, aber der Himmel ergriff sie. Sie wollte leiden an der Verfinsterung und an dem Raub des Lichts und zog Wolken zu sich her, nicht als Nahrung für ihr Feuer, sondern um über thessalischem Gebiet nicht heiter zu leuchten. Aber für Pompeius war diese Nacht der letzte Abschnitt seines glücklichen Lebens. Sie täuschte mit leeren Traumbildern seinen unruhigen Schlaf.“ (Z. 1 – 8)

„Vielleicht brachte der bedeutungsschwere Traum, der auf gewohntem Umweg das Gegenteil der Bilder prophezeit, die Vorahnung des lauten Wehklagens, mit sich. Vielleicht schenkt dir das Schicksal, da es dir versagt blieb, deine Heimat noch einmal zu sehen, Rom auf diese Weise.“ (Z. 19 – 24)

3. Träume in der Antike

In der Antike galten Träume ganz allgemein als Botschaften aus dem Reich der Götter.[3] Man nahm sie als Orakel an die Seele, durch die man die Zukunft erkennen könne. Bei Homer erscheinen die Götter oft im Traum, bei anderen hingegen wie Pindar oder bei verschiedenen Vorsokratikerrn geht die göttliche Seele im Traum aktiv ihren eigenen Weg. Auch von den Philosophenschulen beschäftigte sich vor allem die Stoa mit Traumdeutungen. Nach stoischer Auffassung hat die Seele kraft ihrer Verwandtschaft mit dem Göttlichen Anteil an der sympátheai, der Mitempfindung. Wichtig für die Praxis ist aber, dass die Stoiker jede Art von Vorzeichendeutung und Weissagung, wozu auch die Traumdeutung gehört, bejahten und ihm damit einen Stellenwert im philosophischen Diskurs zuwiesen.

Es gab aber auch skeptische Stimmen, z. B. seitens der hippokratischen Mediziner. Danach gehen die Träume nicht auf den Einfluss von Göttern zurück, sondern vielmehr auf einen vollen Magen. Interessant ist, dass schon die Freudsche Theorie der Tagesreste[4] mit anklingt: in der Nacht verarbeite man Dinge, die am Tag passiert sind. Träume werden bei ihnen als etwas Positives betrachtet und dienen der Diagnose für diverse tatsächliche Krankheiten. Auch die Atomisten Demokrit und Epikur waren vor dem Hintergrund ihrer eigenen Theorie skeptisch gegenüber den Traumdeutungen. Sie erklärten Träume materialistisch-mechanistisch; Träume seien weder göttlicher Natur noch hätten sie prophetische Kraft. In eine andere Richtung zielt Ciceros Untersuchung de divinatione.[5] Im 2. Buch vertritt er die skeptische Position der Akademiker. Er stellt sich Fragen wie, warum Träume nicht im Wachzustand erscheinen, ob sich die Götter nicht auch irren könnten oder warum es überhaupt konträre Auslegungen gäbe? Aufs Ganze gesehen muss man aber feststellen, dass die skeptischen Positionen sich nicht durchsetzen konnten. Wie E. Dodds in seinem Buch zeigen konnte[6] , sind in einem Zeitalter der Angst die Menschen nicht dazu angetan, auf Träume und deren Deutung zu verzichten. Die Unsicherheiten, Nöte, Ängste der Menschen bedurften einer magischen Einflussnahme der Zukunft - und dazu behalf man sich insbesondere der Traumdeutungen.

Träume werden vor allem in den literarischen Quellen diskutiert. Hier dienen sie insbesondere der Lesersteuerung. Aber natürlich greifen die Träume in der Literatur auf reale Träume zurück. Es musste zunächst vom Traumdeuter untersucht werden, ob der Traum bedeutsam ist oder nicht; dann galt es die Form, ob offen oder verschlossen, zu untersuchen; erst im Anschluss daran wurde er ausgelegt, wobei man sich an der Person und deren gegenwärtigen Zustand orientierte. Der Traumdeuter (oneiopolos), an den man sich wendete, konnte aus seiner Erfahrung und aus literarischen Quellen und Sammlungen schöpfen. Träume gehörten zum täglichen Leben. Ihre Mitteilung bildete eine Art von Kommunikation, die das Traumgeschehen zu einem sehr beliebten Mittel literarischer Darstellung machte. Das Standardwerk von Artemidor fasst die antiken Auffassungen zusammen und gibt einen Überblick. Er definiert den Traum wie folgt: es ist „eine Bewegung oder ein vielgestaltiges Bild der Seele, welche das Gute oder Schlechte der Zukunft anzeigt“ (I, II). Er unterscheidet außerdem zwischen verschiedenen Arten von Träumen. Auch in Lucans Werk finden sich drei einige.

In der Antike geht es anders als in der Moderne vor allem um Zukunftsdeutung, um Warnungen und Verheißungen. Diese wurden – wie bei Lucan – mystischen oder historisch bedeutsamen Persönlichkeiten zuteil. Natürlich sind auch Rückschlüsse auf das Befinden des Träumers möglich. Oft treten Träume deshalb an signifikanten Stellen im Epos oder Drama auf. In der biographischen Darstellung und der Geschichtsschreibung nehmen sie oft den schicksalhaften Verlauf des Geschehens voraus. Dass es sich bei Lucan auch so verhält, soll die folgende Analyse beweisen.

4. Hintergründe zum Bellum Civile

Das von Lucan BC geschilderte Geschehen liegt ca. 100 Jahre zurück. Es ist eine bereits mit Mythen verklärte Zeit für die Zeitgenossen. Lucan sieht im damaligen Bürgerkrieg ein Drama, das wie folgt gekennzeichnet ist:

- Das glorreiche Rom hätte weiterhin an Ausdehnung gewinnen können, wenn es nicht zum Bruderkampf, Römer gegen Römer und innerfamiliär zwischen Schwiegervater gegen -sohn gekommen wäre;
- Damit gereicht paradoxerweise jede Großtat zum Schaden Roms und hier ist es gleichgültig, ob Pompeius Cäsar schlägt oder umgekehrt;
- Lucan steigert diese Paradoxie noch weiter: der Gewinner dieses Bürgerkrieges ist der eigentliche Verlierer. Alle Siege gereichen Rom zur eigenen Vernichtung[7]
- Außerdem sieht er in Pompeius und Cäsar zwei typische Vertreter der römischen Habgier und Ruhmsucht, aber Cäsar schneidet besonders schlecht ab.

[...]


[1] H. J. Rose, Der Traum des Pompeius, S. 478.

[2] Parallelstellen zum verzögerten Sonnenaufgang finden sich etwa bei Seneca, Oed., 1 – 5 mit Ch. Walde, Die Traumdarstellungen in der griechisch-römischen Dichtung, S. 404.

[3] Vgl. zum Folgenden M. Giebel (Hrsg.), Träume in der Antike, S. 9 ff.

[4] So auch P. Schrijvers, The ‘Two Cultures’ in Lucan, S. 35.

[5] Vgl. dazu Ch. Walde, Antike Traumdeutung und moderne Traumforschung, S. 30.

[6] E. Dodds, Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst. Aspekte religiöser Erfahrung von Mark Aurel bis Konstantin, Frankfurt a. M. 1985.

[7] Die Paradoxie ist damit „in einzigartiger Weise bezeichnend und konstitutiv für Lucans Werk“, so A. Thierfelder, Der Dichter Lucan, S. 56. Dort auch folgende Ausführungen und Zitate.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656288725
ISBN (Buch)
9783656289531
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202571
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
Schlagworte
Lucan Traum Träume in der Antike

Autor

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    Agnes Thiel (Autor)

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