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Der Einfluss der deutschen Sprache auf die Pidginsprache Tok Pisin in Papua-Neuguinea

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die deutschen Kolonien in der Südsee
1.2 Tok Pisin – Entstehung, Entwicklung, Bedeutung

2. Der Einfluss des Deutschen auf Tok Pisin
2.1 Problematik der Durchsetzung des Deutschen als Verständigungssprache
2.2 Einfluss des Deutschen im Bereich Lexik
2.2.1 Einteilung der Lehnwörter in semantische Felder
2.2.2 Einteilung der Lehnwörter nach strukturellen Kriterien
2.3 Einfluss des Deutschen in den Bereichen Orthographie und Phonologie

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

Diese Hausarbeit befasst sich mit dem Einfluss des Deutschen auf Tok Pisin, eine Pidginsprache, die vor allem in Papua Neuguinea gesprochen wird. Dafür sind zunächst die Voraussetzungen für den Sprachkontakt, die kolonialen Bestrebungen Deutschlands, zu klären. Außerdem erläutere ich, wie Tok Pisin entstanden ist und sich entwickelte. Schließlich zeige ich, warum sich Deutsch als Verständigungssprache in der Südsee nicht durchsetzen konnte, jedoch bis heute Spuren in dem Sprachgebiet hinterlassen konnte: in der Pidginsprache Tok Pisin, die zur Kommunikation als lingua franca notwendig wurde und heute eine der meist verbreiteten Sprachen in dem Gebiet um Papua Neuguinea ist. Schließlich werde ich die einzelnen Felder des Einflusses beleuchten und erläutern. Besonders im Bereich der Lexik ist dieser deutlich sichtbar, weshalb darauf mein Schwerpunkt liegt. Abschließend werde ich zusammenfassen, wie weitgreifend der Einfluss des Deutschen zu Kolonialzeiten war und inwieweit dieser bis in die heutige Zeit andauert.

Die Forschungsliteratur über dieses Thema ist überschaubar. „Arbeiten zum Sprachkontakt des Deutschen im Pazifik sind nach wie vor ein Forschungsdesiderat“ (Engelberg 2006: 9). Besonders Mühlhäusler (1980, 1984, 1987, 2004) hat sich mit dieser Thematik befasst, ebenso Heitfeld (1977). Die Positionen bezüglich des deutschen Einflusses sind nahezu deckungsgleich bzw. ergänzen sich gegenseitig. Lediglich bezüglich des deutschen Einflusses im Bereich Phonologie legt Mühlhäusler eine abweichende Meinung dar. Die sprachlichen Beispiele entnehme ich Mühlhäusler (1987: 68-69; 1980: 177-184), Heitfeld (1977: 74-80) sowie Hiery (1995: 153-155).

1.1 Die deutschen Kolonien in der Südsee

Im späten 18. Jahrhundert kam es infolge von Forschungsexpeditionen vermehrt zu Reisen deutscher Muttersprachler in den Südpazifik, wodurch erste Kontakte mit den einheimischen Völkern hergestellt wurden. Diese Forschungsreisen steigerten das wissenschaftliche sowie wirtschaftliche Interesse an den südpazifischen Inseln und lockten norddeutsche Handelshäuser zur Expansion in die Südsee. Gehandelt wurde insbesondere mit Kopra, getrocknetem Kokosnussfleisch. Ergänzt wurde der Handel durch „die Bewirtschaftung eigener Plantagen, die neben Kokosnüssen auch Kakao, Kaffee, Baumwolle und andere Güter produzieren“ (Engelberg 2006: 3). So waren deutsche Handelshäuser 1860-1880 die dominierenden Kräfte im Handel im Pazifik und übten wirtschaftlichen Einfluss aus. Aus wirtschaftlichen Interessen stellte Deutschland schließlich im Zuge des Kolonialismus „1884 Kaiser-Wilhelms-Land (Nordost-Neuguinea), de[n] Bismarckarchipel und die Nördlichen Salomonen“ (Engelberg 2006: 3) als Schutzgebiete unter die deutsche Verwaltung. Bis 1900 wuchsen die deutschen Kolonien in der Südsee um die Marshallinseln, Nauru, die Marianen und Karolinen mit den Palau-Inseln und Samoa. Somit unterlagen Verwaltung, Gericht, Polizei und Erziehungswesen deutschen Gesetzen und Bestimmungen.

Das Gebiet von Nordost-Neuguinea und dem Bismarckarchipel umfasst beinahe 90 000 Quadratmeilen (über 230 000 km²) und wurde von fast einer Million Einheimischen bewohnt (vgl. Heitfeld 1977: 71). Die deutsche Kontrolle in den Kolonien im Pazifik ging kurz nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges zu Ende (vgl. Mühlhäusler 1980: 163).

1.2 Tok Pisin – Entstehung, Entwicklung, Bedeutung

„Considered from the point of view of their vocabularies, all pidgin and creole Englishes are closely related to each other and, through English, to the Indo-European family of languages” (Todd 1990: 11). „[T]rue Pidgins are socially sanctioned linguistic systems“ (Mühlhäusler 1984: 439). Die verschiedenen englisch-basierten Pidginsprachen[1] lassen sich in 2 große Familien einteilen: Pidgins und Kreolsprachen des Atlantiks und die des Pazifiks (vgl. Todd 1990: 12). Tok Pisin ist eine Pidginsprache, die v.a. in Papua Neuguinea gesprochen wird und gehört somit zu den Pazifik-Pidgins. Der Name dieser Sprache etablierte sich erst im Jahr 1981 und entspringt dem englischen Ausdruck talk pidgin (vgl. Mühlhäusler 1987: 57). Mühlhäusler (1984: 441) führt außerdem die früheren Namen der Sprache auf: Neuguinea-Pidgin, Neomelanesisch und Tok Boi. Der heutige Name Tok Pisin reflektiere die linguistische Unabhängigkeit der Sprecher.

„Die Entwicklung des Tok Pisin von den ersten Anfängen bis heute umfaßt [sic!] wenig mehr als hundert Jahre“ (Mühlhäusler 1987: 59). Mühlhäusler (2004: 1755) bemerkt, dass die Geschichte des Tok Pisin außerhalb der heutigen Sprachregion begann. Zwischen 1879 und 1914 seien mehrere tausend Neuguineer rekrutiert worden, um auf den Plantagen auf Samoa der Deutschen Plantagen- und Handelsgesellschaft zu arbeiten (vgl. auch Mühlhäusler 1984: 444). Dort sei der instabile Plantagen-Jargon[2] von den Arbeitern - viele mit verschiedenem ethnischen und linguistischen Hintergrund - aufgegriffen, mit beeinflusst und zu dem recht stabilen Plantagen-Pidginenglisch von Samoa weiterentwickelt worden. Dies sei ebenfalls auf den Plantagen verschiedener deutscher Firmen im Bismarck-Archipel und Neuguinea mit den dort gesprochenen Pidginsprachen geschehen. Stabilisiertes Tok Pisin lässt sich ab etwa 1890 finden (vgl. Mühlhäusler 1987: 64). „Von den Plantagen wurde das Tok Pisin zurück in die Dörfer verbreitet“ (Mühlhäusler 1987: 60), die Zahl der Sprecher wuchs rapide (vgl. Mühlhäusler 2004: 1755). Ein entscheidender Faktor bei der sich fortsetzenden Stabilisierung von Tok Pisin war laut Mühlhäusler (1984: 444) die von 1984 bis 1914 andauernde deutsche Kontrolle über Neuguinea und das Bismarck-Archipel. „The German presence provided stimuli not only for the stabilization but also for the linguistic growth and geographic expansion of the language” (Mühlhäusler 1984: 445). So war 1880 Tok Pisin auf die Bereiche Rekrutierung, Handel und Plantagenarbeit begrenzt, während bis 1914 der Kontext auf Polizei, Haushalt, die Schiffsbauindustrie und das Gericht ausgeweitet wurde (vgl. Mühlhäusler 1984: 445). Der deutsche Einfluss wurde besonders stark im Bereich der Lexik dieser Themenfelder beobachtet (Beispiele siehe unten).

„Das sogenannte Küstenmelanesisch oder ,Tok Pisin‘ setzte sich nach anfänglichen deutschen Gegenbestrebungen […] als allgemeine Verkehrssprache in Deutsch-Neuguinea und den angrenzenden Inseln durch. Als universale Gerichtssprache in allen Verhandlungen, die die einheimische Bevölkerung betrafen, war das Pisin von der deutschen Verwaltung spätestens seit 1902 anerkannt“, sagt Hiery (1995: 152).

Er begründet die Verbreitung von Tok Pisin in Deutsch-Neuguinea folgendermaßen: „[E]inerseits [war sie] Resultat zwangsläufiger, dynamischer Entwicklungsprozesse, andererseits aber auch das Ergebnis deutscher Aktivitäten“. Denn nachdem bereits etablierte Sprachen als Universalsprache der Kolonie für ungeeignet erklärt worden seien, habe die Verwaltung „das Pisin stillschweigend […] gefördert“. Die Existenz als ,Kunstsprache‘ habe die breite Akzeptanz in der Bevölkerung nicht gemindert, und habe dadurch außerdem die Verwaltungsarbeit erleichtert. Sie schaffte Abhilfe bei der Schwierigkeit und gleichzeitigen Notwendigkeit der mündlichen Kommunikation mit allen Völkern im Schutzgebiet, was durch eine große linguistische Komplexität gekennzeichnet war (vgl. Heitfeld 1977: 72). Mühlhäusler (1984: 439) nennt als Vorteile der Pidginsprache die Reduktion sprachlicher Barrieren, die Möglichkeit der Kommunikation von Menschen verschiedener Herkunft und das Entstehen neuer Gemeinschaften.

Es folgte die Phase der Expansion:

„The development of Tok Pisin from a stable but simple pidgin in the 1910s into the complex language of the 1960s and 1970s illustrates the principle that expansion of the social functions of a language results in its structural expansion” (Mühlhäusler 1984: 446).

Die verschiedenen Missionsgruppen entschlossen sich, Tok Pisin als Missions-lingua-franca zu benutzen, - die katholischen in den 1920ern, die evangelischen erst 1960 (vgl. Mühlhäusler 1984: 447; auch Tryon 2004: 10). „Mission involvement with Tok Pisin at the same time resulted in a fair amount of standardization and vocabulary planning” (ebenda). Nach dem Krieg kam es zu zwei wichtigen Entwicklungen: „first, the opening up of the New Guinea Highlands and the spread of Tok Pisin into this most populated part of New Guinea; and, second, the gradual breaking down of social barriers between expatriates and indigenes” (Mühlhäusler 1984: 448).

„Einige wichtige Trends in den Jahren bis zur Unabhängigkeit des Landes waren:

i) die geographische und demographische Ausbreitung der Sprache,
ii) ihr Gebrauch in neuen Medien wie Rundfunk und Cartoons,
iii) zunehmende Standardisierung, vor allem von kirchlicher Seite betrieben,
iv) das Entstehen neuer Soziolekte und Register infolge der neuen sozialen Mobilität im Lande und der funktionellen Ausweitung der Sprache,
v) zunehmend positive Einstellung sowohl bei Einheimischen als auch bei den ‘expatriates‘
vi) die Entwicklung einer Literatur (vgl. Kloss 1978),
vii) allmähliche Verringerung des Alters, in dem Tok Pisin gelernt wird, und Diversifizierung des Lernkontexts“ (Mühlhäusler 1987: 61)
viii) „change in status from a colonial working language to one of political debate and national identity” (Tryon 2004: 10-11).

„Tok Pisin is the Melanesian Pidgin with by far the greatest number of speakers today“ (Tryon 2004: 9). 1880 lag die Zahl der Tok-Pisin-Sprecher bei wenigen Hundert und wuchs bis 1914 auf 15.000 (vgl. Mühlhäusler 2004: 1755). 1966 sprachen 36%, das entspricht ≈530.000, der Bevölkerung Tok Pisin, 1971 beläuft sich die Zahl auf 44%, das entspricht ≈700.000 Menschen (vgl. Tryon 2004: 11). Heute ist es „die zweite Sprache für über 50% [≈2,5 Millionen] der Bevölkerung und die erste oder Hauptsprache für eine ständig wachsende Zahl von Städtern“ (Mühlhäusler 1987: 57, vgl. ders. 2004: 1755). Das heißt, in manchen Gebieten kommt es zu einer Kreolisierung[3] der Sprache, die die linguistische Weiterentwicklung der Sprache, wenn auch langsam, vorantreibt. Die Sprache ist weit verbreitet und dient in der Komplexität der fast 750 lokalen Sprachen in Papua Neuguinea als lingua franca[4] (vgl. Tryon 2004: 9), in dieser Funktion kommt ihr auch eine dominierende Stellung zu: Überregional ist Tok Pisin die wichtigste Sprache zur interkulturellen Kommunikation (vgl. Tryon 2004: 10). Die Pidgin-Sprache wird in vielen Bereichen des Alltags eingesetzt. So findet sie Verwendung in Radio, Fernsehen, der wöchentlichen Zeitung, dem Parlament und der Regierung. Außerdem ist sie neben Englisch und Hiri Motu Amtssprache Papua Neuguineas und hat im Vergleich zu den anderen beiden Sprachen mehr Sprecher. (vgl. Mühlhäusler 1984: 440). „Unlike the other pidgins, it has an accepted written form, based on the Tok Pisin dictionary of Father Mihalic, which appeared in 1957“ (Tryon 2004: 10). Tok Pisin hat außerdem Einzug in das Erziehungssystem gehalten, auch wenn Englisch die Position als erste Sprache innehält.

2. Der Einfluss des Deutschen auf Tok Pisin

2.1 Die Problematik der Durchsetzung des Deutschen als Verständigungssprache

Obwohl die Kolonialmacht Deutschland ihr Bestreben äußerte, dass in den Südseekolonien die deutsche Sprache zur Verständigung benutzt wird, konnte dies nicht in die Tat umgesetzt werden. Gründe dafür findet man zahlreich in der Forschungsliteratur.

So bemerkt Hiery (1995: 151-153), dass die Bestrebungen in der Sprachpolitik des deutschen Reiches nur oberflächlich gewesen seien und kaum Anwendung gefunden haben. Im Gegensatz zu Frankreich beispielsweise habe die deutsche Verwaltung die Sprachpolitik nicht radikal verfolgt. Weiterhin erwähnt er, dass die deutsche Regierung jährliche Zuschüsse für die Verbreitung der deutschen Sprache gezahlt habe, eine Überprüfung der Resultate oder gar der Realisierung habe jedoch „selten oder nie“ stattgefunden.

[...]


[1] „Pidginsprachen […] sind charakterisiert durch eine im Vergleich zur jeweiligen Muttersprache der Sprecher deutl[ich] reduzierte grammat[ische] Struktur (Flexionsverlust, syntaktische Vereinfachungen, Reduktion des Tempus- und Modussystems), ein stark eingeschränktes Lexikon, eingeschränkten Stilumfang (Tendenz zu Umschreibungen und Metaphern) und ein verändertes, i.d.R. vereinfachtes phonolog[isches] System. […] P[idginsprachen] sind per definitionem Handels- und Verkehrssprachen, Zweitsprachen und nicht Muttersprache.“ (Glück 2010: 514)

[2] Jargons dienen zur kurzfristigen Kommunikation zwischen Europäern und Südseeinsulanern (vgl. Mühlhäusler 1984: 439). „Mit dieser Sprachform lassen sich komplexe Gedankengänge nur sehr schwer wiedergeben“ (ders. 1987: 64).

[3] Die Pidginsprache wird von der neuen Generation als L1 gelernt.

[4] lingua franca: „Bezeichung für eine Spr[ache], die dann verwendet wird, wenn die Kommunikationspartner unterschiedl[iche ] S1 haben […]. Die UNESCO (1953) definierte L[ingua] f[ranca] als eine Sprache, die gewohnheitsmäßig von Menschen benutzt wird, deren Muttersprachen verschieden sind, um die Kommunikation zu erleichtern.“ (Glück 2010: 400)

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656286943
ISBN (Buch)
9783656287841
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202521
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Tok Pisin Kolonie Südsee Deutsch Einfluss

Autor

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