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„Der Kameramörder“ von Thomas Glavinic - ein Kriminalroman?

Eine gattungstheoretische Untersuchung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kriminalroman
2.1. Der Detektivroman
2.1.1. Allgemeines
2.1.2. Form
2.1.3. Inhaltliche Elemente
2.1.4. Die Figuren des Detektivromans
2.2. Der Thriller
2.2.1. Allgemeines
2.2.2. Form
2.2.2. Inhaltliche Elemente
2.2.3. Die Figuren des Thrillers

3. Übertragung der Kriterien des Kriminalromans auf das Werk „Der Kameramörder“
3.1. Allgemeines
3.2. Form
3.3. Inhaltliche Elemente
3.4. Figuren

4. Fazit

5. Literaturverzeichnisverzeichnis

1. Einleitung

Der Journalist und Satiriker Gabriel Laub sagte einmal: „Ich bin Krimileser und denke mit nostalgischer Sehnsucht an jene Zeiten zurück, als Krimis noch keine Literatur sein wollten [...] Ein Krimi muss immer ein Rätsel bieten, eine logische Aufgabe zum Mitdenken, und jemanden der dieses lösen will. Alles was von dieser Aufgabe ablenkt, ist Ballast, abgesehen von falschen Spuren, die das Problem komplizieren. Es ärgert mich, wenn ich mit 20 Seiten einer dünnen Krimigeschichte 180 Seiten unwichtiger Details, [...] Sozialprobleme schwedischer Bauern, Gesellschaftskritik oder deutscher Schulmisere mitlesen muss [...] Auch die Tatsache, dass die Helden eines Buches Verbrecher oder Polizisten sind, macht das Werk nicht zum Krimi. Selbst eine Mordgeschichte tut dies nicht.“[1]

Laubs Etikett passt nur noch auf wenige Kriminalromane, die heute erscheinen. Aber sind sie deswegen keine Krimis? Dies soll am Beispiel von Glavinics „Der Kameramörder“ geklärt werden. Dieses Buch wurde 2001 zwar als Kriminalroman veröffentlich und 2002 sogar mit dem Friedrich – Glauser – Preis ausgezeichnet, welcher neben dem Deutschen Krimi Preis der wohl wichtigste Krimipreis im deutschsprachigen Raum ist, entspricht jedoch nicht allen Kriterien eines „idealen“ Kriminalromans.

Ziel dieser Arbeit ist es also, herauszufinden, ob Glavinics „Der Kameramörder“ der Gattung des Kriminalromans zuzurechnen ist oder ob dies nicht der Fall ist. Hierfür soll zunächst geklärt werden, wie die Gattung „Kriminalroman“ überhaupt definiert ist. Anschließend werden die Kriterien der jeweiligen Untergattungen dieses Genres, nämlich des Detektivromans und des Thrillers gegenübergestellt, um diese danach auf Glavinic’ Werk zu übertragen. Hierbei sollen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Untergattungen und dem Roman „Der Kameramörder“ herausgestellt werden, die ihn entweder zur Gattung des Kriminalromans gehören lassen oder eben nicht.

2. Der Kriminalroman

Der Kriminalroman beschäftigt sich mit einem Verbrecher und der Strafe, die den Verbrecher ereilt.[2] Hauptaugenmerk liegt hier auf den Anstrengungen, die getätigt werden, um das Verbrechen aufzudecken und die zur Überführung und Bestrafung des Täters notwendig sind.[3] Erst die Frage, wer diese Anstrengungen übernimmt und wie diese dann unternommen und erzählt werden, führt zu einer weiteren Untergliederung: in Detektivgeschichte und Thriller.[4] Diese Einteilung wurde erstmals von Nusser durchgeführt und erschien mir von allen Einteilungen bezüglich des Kriminalromans am sinnvollsten. Deswegen werde ich mich im Folgenden größtenteils auf seine Untersuchungen stützen.

2.1. Der Detektivroman

2.1.1. Allgemeines

Im Detektivroman werden die näheren Umstände eines Verbrechens – meistens ist es ein Mord – im Dunkeln gelassen und die intellektuellen Bemühungen eines Detektivs, dieses Dunkel zu erhellen, in den Vordergrund gestellt.

2.1.2. Form

Formal trägt der Detektivroman die Kennzeichen einer analytischen Erzählung

Indem der Detektivroman in seinem weit ausladenden Mittelteil und in seinem Schlussteil durch Fahndung und Aufklärung ein „geronnenes Geschehen wieder verflüssigt, ist er analytisch“.[5] Das wichtigste Merkmal der analytischen Erzählung ist das Frage- und Antwort- Spiel (Verhör oder Beratung), bis die Hauptfrage nach dem Täter erledigt ist.

Ein streng gebauter Detektivroman ist so angelegt, dass er keine Aussage enthält, die noch nicht die Antwort auf eine vorausgegangene Frage wäre, denn „aus Frage und Antwort besteht die Anatomie des Detektivromans“.[6] Diese Art des Erzählens betrifft meist den Mittelteil des Detektivromans. Hier wird erzählt was die Betrachterfigur erfährt in der Folge wie sie es erfährt.[7] Das heißt, dass immer Früheres immer später erzählt wird, so dass sich das Bild des Mordes zusammenfügt. Das Ziel des Erzählens ist also rückwärts auf die Rekonstruktion des verbrecherischen Tathergangs, also einer bereits abgelaufenen Handlung, gerichtet, die dann am Schluss (nach der Überführung des Täters) für den Leser meist in chronologischer Reihenfolge zusammengeführt wird. Diese Chronologie gepaart mit der analytischen Erzählweise erzeugt zwei Arten von Spannung: die „Zukunftsspannung“[8] (mehr noch beim Thriller), die auf den Fortgang und Ausgang einer Ereigniskette gerichtet ist, und die „Geheimnis- oder Rätselspannung“, die sich auf bereits geschehene, aber dem Leser in ihren wichtigsten Umständen noch nicht bekannte Ereignisse bezieht.[9]

Der Erzähler im Detektivroman ist demzufolge immer allwissend.[10] Er bestimmt, was und in welcher Reihenfolge er etwas erzählt, das heißt, was der Leser zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen sollte und was noch nicht. Meistens nutzt der Erzähler die Ich-Perspektive, verbleibt jedoch innerhalb des erzählten Geschehens in einer Randstellung.[11]

2.1.3. Inhaltliche Elemente

Die unverzichtbaren inhaltlichen Elemente eines Detektivromans sind:

das rätselhafte Verbrechen, die Fahndung nach dem Verbrecher/in, die Rekonstruktion des Tathergangs inklusive der Klärung der Motive für die Tat und die Lösung des Falles samt der Überführung des Täters. Diese Reihenfolge entspricht der Abfolge der Geschehnisse. Zwangsweise stellt sich für den Leser die Frage nach dem Täter, („Who’s done it?“ welche auch verballhornt als „Whodunit“, bezeichnet wird) dem Tathergang und dem Motiv.

Das Verbrechen (meistens ist es ein Mord) wirkt im Detektivroman als Rätsel und gleichzeitig als auslösender Faktor. Es ist nicht als Verbrechen von Bedeutung, sondern nur Anlass der Detektivarbeit.

Die Vorgänge der Fahndung nach dem Verbrecher/in, die Rekonstruktion des Tathergangs und die Klärung der Motive für die Tat bestehen aus Beobachtungen, Verhören, Beratungen, und der Verfolgung des Täters samt seiner Überführung. Beim Verhör stellt der Detektiv eine Arbeitshypothese für die Ermittlung des Täters auf. Diese wird so lange den neu ermittelten Tatsachen angepasst bis sie sich als stimmig erweist, so dass sie verifiziert werden kann.

Beobachtet werden sowohl Personen als auch Gegenstände, denn alles kann ein „Clue“ sein. Ein „Clue“ ist „ein Gegenstand, ein Sachverhalt, ein Vorkommnis, eine Geste, die eine Frage provoziert und zugleich eine Antwort verbirgt.“[12] Die Kunst der Detektion besteht eben darin, diese versteckten Hinweise sehen und deuten zu können.

Die Inszenierung der Überführungsszene mündet in den Schlussteil des Detektivromans, in dem der Täter öffentlich identifiziert wird. Der Tathergang wird zusammenfassend rekonstruiert und der Detektiv rekapituliert dessen Entwicklungen aus seiner Sicht.

2.1.4. Die Figuren des Detektivromans

Die Figuren des Detektivromans sind stark typisiert. Das gehört mit zur Verrätselung, die um der spezifischen Unterhaltungseffekte willen ständig angestrebt wird. Abgeschliffene Seelenkonstellationen und seelische Gründe von Schuld und Misstrauen bleiben hier außer Betracht. Das Opfer hat den geringsten personalen Stellenwert. Es ist zwar Bezugspunkt der Fahndungstätigkeit und zentriert alle Fragen um sich, jedoch ist es nichts anderes als ein „Requisit“, das den folgenden Mechanismus in Gang setzt.[13] Der Leser vermag also keine emotionale Verbindung zum Opfer aufbauen, weil das schon auf den ersten Seiten tot ist. Auch alle nachträglichen Informationen können keine Anteilnahme erzeugen, da diese immer ans Lebendige gebunden ist.

Die Figuren des Detektivromans gehören entweder zu der Gruppe der Ermittelnden oder der Nicht – Ermittelnden. Die Gruppe der Nicht – Ermittelnden, deren Figurenanzahl begrenzt, überschaubar und konstant ist, bildet einen geschlossenen Kreis und ist sowohl für die Ermittelnden als auch für den Leser frühzeitig bekannt. In dieser Gruppe ist die Zahl der Verdächtigen am höchsten vertreten. Unter ihnen befindet sich auch der Mörder. Hinzukommende Personen scheiden als Mörder aus, da sie nicht von Anfang an dabei gewesen sind. Würde dies nicht so sein, wären sämtliche Bemühungen des Detektivs und des Lesers aufgrund von Verhören und der am Tatort versammelten Indizien, auf den Mörder zu schließen, umsonst gewesen. Der Detektiv kann mit seinen Kombinationen nur erfolgreich sein, wenn er mit festen und bekannten Größen rechnen kann, ansonsten überschreitet die Geschichte die Grenze zum Thriller. Um diesen geschlossenen Personenkreis zu bilden, greifen die Autoren auf verschiedene Möglichkeiten zurück. Zum Beispiel lassen sie sich eine Gruppe aus einem bestimmten Anlass an einem bestimmten Ort versammeln.

[...]


[1] Zitiert nach: Kamberger, Klaus: Hausmannskost? Weltniveau? Vorläufige Stichworte aus dem Zettelkasten „Deutscher Krimi“. In: Der Neue Deutsche Kriminalroman. Beiträge zur Darstellung, Interpretation und Kritik eines populären Genres. Ermert, Karl/Gast, Wolfgang (Hrsg.). Evangelische Akademie Loccum 1985, S. 125 und nach: Laub, Gabriel: Krimis, Literatur und Literaturkrimis (Zeit online). http://www.zeit.de/1977/30/krimis-literatur-und-literaturkrimis.

[2] Vgl. Nusser, Peter: Der Kriminalroman. Stuttgart 2003, S. 1f.

[3] Vgl. ebd..

[4] Vgl. ebd., S. 2.

[5] Naumann, Dietrich: Der Kriminalroman. Ein Literaturbericht. In: Der Deutschunterricht 1. O. O. 1967, S. 3.

[6] Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen (Hrsg.): Der Kriminalroman. Poetik, Theorie, Geschichte. München 1998, S. 58.

[7] Vgl. Weber, Dietrich: Theorie der analytischen Erzählung. München 1975, S. 28.

[8] Begriff nach Suerbaum, Ulrich: Der gefesselte Detektivroman. Ein gattungstheoretischer Versuch. In: Poetica 1. München 1967, S. 360f.

[9] Vgl. ebd..

[10] Vgl. Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen (Hrsg.): Der Kriminalroman Teil 2. Zur Theorie und Geschichte einer Gattung. München 1971, S. 376.

[11] Vgl. Vogt 1998, S. 75.

[12] Alewyn in: Vogt 1971, S. 338.

[13] Zmegac, Victor: Der wohltemperierte Mord. Zur Theorie und Geschichte des Detektivromans. Frankfurt a.M. 1971, S. 20.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656286509
ISBN (Buch)
9783656287582
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202454
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
kameramörder thomas glavinic kriminalroman eine untersuchung

Autor

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