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Feuchtwangers „Der Teufel in Frankreich“, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“. Migrations-, Erinnerungs-, Gedächtnis- und Gedenkorte

von Katharina Berlind (Autor)

Hausarbeit 2008 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1) Die Verbindung zwischen der politischen Situation in Frankreich 1933 – 1942 und dem Lager Des Milles

2) Lion Feuchtwanger im französischen Exil

3) Vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis: Feuchtwangers „Der Teufel in Frankreich“

4) Exil als Inspiration – der zweite und dritte Teil der „Wartesaal“-Trilogie

5) Schlusswort

6) Literaturverzeichnis

7) Endnoten

Einleitung

Am 23. August 1933 begann Lion Feuchtwangers Odyssee: Man erkannte ihm die deutsche Staatsbürgerschaft ab und er emigrierte nach Frankreich. Eine Odyssee, die schließlich 1940 fern von Berlin in New York endete. Dort schrieb Feuchtwanger auch seinen bekannten Erlebnisbericht „Der Teufel in Frankreich“. Das Buch ist in Kapitel eingeteilt, die die Namen der unterschiedlichen – freiwilligen wie unfreiwilligen – Migrationsorte tragen: Les Milles, Bayonne, Nîmes, Marseille. Dass Les Milles vom Gedächtnisort zum bikulturellen Gedenkort geworden ist – dazu hat der Roman beigetragen. Er ist ein Zeugnis dieser Zeit.

Meine Hausarbeit untersucht Feuchtwangers drei Werke „Der Teufel in Frankreich“, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“ unter der Thematik Migrations-, Erinnerungs-, Gedächtnis- und Gedenkorte. Der ersten Teil der „Wartesaal“-Trilogie „Erfolg“ (1930 erschienen) passt nicht in dieses Schema, da er in München spielt und von der Exilthematik noch nicht touchiert ist. Er wird deshalb nicht untersucht.

Im ersten Kapitel möchte ich die Geschichte des Lagers Les Milles aufarbeiten und seine Entwicklung vom unfreiwilligen Migrationsort zum Gedenkort nachzeichnen. Auch ist dieser Hintergrund wichtig, um Lion Feuchtwangers Erlebnisse im französischen Exil verstehen zu können (Kapitel 2). Im dritten und vierten Kapitel ist es mein Ziel, Feuchtwangers Exilliteratur unter anderem unter folgenden Fragestellungen zu untersuchen: Welche Migrationsorte kommen vor? Wo gibt es Schnittstellen zwischen Fiktion und Biographie? Aus welchen Gedächtnisorten wurden Gedenkorte? Welche Gedächtnisorte haben die letzte Etappe nicht durchlaufen? Welche Orte sind traumatische Orte? Alle drei Werke wurden im Exil geschrieben oder beendet. Sie sind eng mit Feuchtwangers Odyssee verknüpft. „Der Teufel in Frankreich“ stützt sich ganz auf seine Autobiographie.

Sekundärliteratur zu Lion Feuchtwanger ist in großem Maße vorhanden. Sehr informativ ist das von Daniel Azuélos herausgegebene Jahrbuch für internationale Germanistik (Band 76)[i] . Ein Standardwerk zum Lager Les Milles ist Doris Obschernitzki Buch „Letzte Hoffnung ­– Ausreise. Die Ziegelei von Les Milles Aix-en-Provence 1939-1942“[ii] .

Anmerkung: Zitate aus Feuchtwangers Romanen, denen nur eine Seitenzahl, aber keine Endnoten beigefügt sind, stammen jeweils aus dem Buch, auf das sich das Kapitel bezieht, oder das in der vorangehenden Passage erwähnt ist. Bitte beachten Sie auch weiterführende Hinweise in den Fußnoten auf Biographien anderer Schriftsteller, deren Schicksal Parallelen zu Feuchtwangers Biographie und seinen Romangestalten aufweist.

1) Die Verbindung zwischen der politischen Situation in Frankreich 1933 – 1942 und dem Lager Des Milles

Der politische Flüchtling Lion Feuchtwanger schreibt in seinem Buch „Der Teufel in Frankreich“ über die Situation der Exilanten in Sanary-sur-Mer im Mai 1940:

Wir standen und warteten. Wir hatten es uns alle anders vorgestellt, als wir nach Frankreich gekommen waren. Liberté, Egalité, Fraternité stand riesig über dem Portal des Bürgermeisteramtes, man hatte uns gefeiert, als wir, vor Jahren, gekommen waren […]. […] Jetzt sperrte man uns ein.[iii]

Wie kam es zu einem solchen Gesinnungswechsel in Frankreich? Was bedingte die Metamorphose von einem „freundlichen“, d.h. aufnahmewilligen Frankreich, zu einem Land, das diejenigen, die dort Schutz gesucht hatten, internierte und teilweise an die Nationalsozialisten auslieferte? Warum wurde für viele Immigranten das französische Exil zu einem traumatischen Ort?

In der Zeit nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 emigrierten rund 500 000 Menschen aus dem deutschsprachigen Raum nach Frankreich. „Die Zahl der Emigranten, deren Fluchtmotiv in den Jahren 1933-1939 wesentlich in ihrer aktiven Regimegegnerschaft begründet lag, wird auf rund 30 000 geschätzt – also etwa sechs Prozent der Gesamtzahl der Emigranten.“[iv]

Weshalb wählten so viele Deutsche das Nachbarland als Refugium und französische Orte als Migrationsorte ?« Tous les émigrés ont choisi, disent-ils, la France parce que c’est le pays des droits de l’homme, de la Révolution et de la liberté. »[v]

Im Jahre 1938 erfasste jedoch eine immer aggressiver werdende Welle an Fremdenfeindlichkeit Frankreich – was sich auch in Sanary bemerkbar machte. Die Weltkrise warf ihren Schatten voraus und das Klima verschärfte sich. Die französische Öffentlichkeit begann, die Anwesenheit der Exilanten bewusst wahrzunehmen. Man betrachtete sie als Feinde, die eine Gefahr darstellten.[vi] Der Tenor lautete: Es ist besser, die Denunziation und Internierung eines Unschuldigen in Kauf zu nehmen, als einen Schuldigen laufen zu lassen.[vii] Die Lokalpresse in Sanary untermauerte diese gefühlte Bedrohung durch die Emigranten.

Am 23. Mai 1940 veröffentlichte „Le Petit Var“ auf der ersten Seite einen Artikel unter der Überschrift: „Les exigences de notre sécurité intérieure“:

Depuis le début de la guerre, des mesures furent prises en France a l’égard de certains réfugiés. Les devoirs de l’hospitalité ne pouvaient pas empêcher le gouvernement d’envisager des mesures de sécurité. Des camps de concentration où les réfugiés d’origine allemande étaient astreints à résider, furent organisés … ils ne furent pas remplis. […] Les évènements […] imposèrent plus de sévérité dans l´application des règlements de sécurité. […][viii]

Die ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen – d.h. die Konzentrationslager – wurden durch folgende Behauptung legitimiert:

Cette guerre aura été pour le Reich l´occasion d´organiser une bataille secrète sur une échelle jusqu’ici inconnue. Les audaces de l’espionnage allemand sont extraordinaires et exigent une contre-offensive de mener sur une vaste échelle.[ix]

Es lassen sich zwei Haupt-Internierungswellen ausmachen: Die erste wenige Wochen nach Kriegsanfang 1939, die zweite zu Beginn der Invasion der Wehrmacht in Frankreich am 10. Mai 1940.[x]

Am 3. September 1939 brach der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland aus. Noch am selben Tag veröffentlichte die französische Regierung einen Erlass, alle männlichen Fremden zu internieren, die deutschen Ursprungs waren. Der offizielle Grund: Es sollte zwischen Reichstreuen und Flüchtlingen unterschieden werden. Pierre Laval – späterer Außenminister des Vichy-Regimes – sprach von „prophylaktischen Maßnahmen“[xi] . Die Basis dieser Entscheidung war ein Erlass der demokratisch gewählten Daladier-Regierung vom 12. November 1938. Die Aushänge hatten folgenden Wortlaut:

a) Männliche Staatsangehörige des Deutschen Reiches über 17 und unter 50 Jahren müssen unverzüglich die durch Plakatierung bekanntgegebenen Sammelstellen aufsuchen.
b) Staatsangehörige des Deutschen Reiches beiderlei Geschlechts müssen sich unverzüglich auf dem Rathaus oder der Polizeidienststelle ihres Wohnortes zur Überprüfung ihrer Situation melden um, falls möglich, die nötigen Ausweispapiere zu bekommen; sie dürfen bis auf weiteres ihren Wohnort nicht ohne Sondergenehmigung verlassen. Im Falle von Zuwiderhandlung sind sie unverzüglich festzunehmen.

Le Populaire, 7. September 1939[xii]

Die ersten Opfer des Internierungsbefehls waren Spanier, die in Frankreich nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs Schutz gesucht hatten.[xiii] Der Migrationsort, eigentlich ein Zufluchtsort, wurde für sie zur Falle. Doris Obschernitzki schreibt: „Potentielle Kämpfer an der Seite Frankreichs gegen die faschistische Bedrohung Europas, wurden die Flüchtlinge behandelt wie seine Feinde. Hier zeigt sich einer der Widersprüche der französischen Republik von 1939.“[xiv]

Jedes Departement in Frankreich musste ein solches Zentrallager einrichten, das im Verwaltungsjargon „camp de concentration“ genannt wurde. „Vom 7. September 1939 bis zum 15. März 1943 diente die Ziegelei in Les Milles als ein solches Lager und spielte eine zentrale Rolle für die Departements von Bouches-du-Rhône. Das Lager war nur ein „camp de regroupement“ unter Hunderten anderer, die Frankreich seit dem September 1939 für „im Ausland lebende Staatsangehörige feindlicher Kräfte“ eingerichtet hatte.“[xv]

Die Internierung lief wie folgt ab: Die Aufgerufenen meldeten sich bei der zuständigen Polizeidienststelle oder im Rathaus, dann brachte man sie zu einem Sammelpunkt und ab einer gewissen Anzahl nach Les Milles.[xvi] Am 7. September 1939 trafen erste „Staatsangehörige feindlicher Staaten“ in der Ziegelei von Les Milles ein.

Unter denjenigen, die interniert wurden, befanden sich sowohl Anhänger des Dritten Reichs als auch Männer, die gerade vor dem Hitler-Deutschland geflohen waren – weder die Bevölkerung noch die Behörden machten einen Unterschied.[xvii]

Auch Feuchtwanger, der seit 1933 in Sanary-sur-Mer lebte, wurde 1939 interniert.

In „Der Teufel in Frankreich“ schreibt er:

Nicht nur wollten die Franzosen von einer Mitarbeit von uns deutschen Antifaschisten nichts wissen, sie sperrten uns vielmehr schon damals alle ein.[xviii]

Man entließ ihn zwar kurze Zeit später – Feuchtwanger musste sich jedoch im Mai 1940 erneut nach Les Milles begeben, bevor er in die USA flüchten konnte (siehe Kapitel 2).

Die zweite Internierungswelle erfolgte kurz nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien am 10. Mai 1940. Dieses Mal wurden Deutsche und Österreicher, Männer und Frauen zwischen 17 und 65 Jahren interniert. In Les Milles trafen auch Züge aus Belgien und Nordfrankreich ein, die die Bezeichnung „5ème colonne“ trugen.[xix]

Viele Internierte – vor allem Nicht-Prominente – hatten nicht soviel Glück wie Feuchtwanger. Sie konnten nicht ins Ausland fliehen. „Nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommens vom 22. Juni 1940 befanden sich die deutschen Emigranten ohne jeglichen Rechtsschutz“[xx] und waren dem Vichy-Regime sowie der deutschen Besatzungsmacht ausgeliefert.

Vor diesem politischen Hintergrund lassen sich für das Lager Des Milles drei Haupt-Phasen feststellen:

Sammel-, dann Sichtungs- und Internierungslager (September 1939 – November 1940)

Transitlager/Durchgangslager (November 1940 – Juli 1942, unter der Verwaltung des Innenministeriums in Vichy)

Deportationszentrum (August/September 1942 – Dezember 1942)[xxi]

Les Milles war zeitweise ein Durchgangslager, da Internierte nach Mexiko, Mittel- oder Nordamerika oder Asien emigrierten („Übersee-Transit“[xxii] ).

Am 21. Januar 1942 fand in Berlin die Wannseekonferenz in Berlin statt, um die „Endlösung“ der Judenfrage im Detail zu planen. Diese Konferenz hatte Auswirkungen auf das Schicksal der im Ausland lebenden Juden. Ab Mitte Juli 1942 fanden auch in der unbesetzten Zone Lagerbesichtigungen statt. Die Deportationen in die Konzentrationslager der Deutschen begannen.[xxiii] Das Lager Des Milles – 1939 bis Mitte 1942 noch unfreiwilliger Migrationsort – wurde für viele Emigranten zum traumatischen Ort, da es kein Transit-Ort mehr war. Sie saßen in der Falle. Am 15. März 1943 schloss man das Lager offiziell.[xxiv] Heute ist die Ziegelei von Les Milles ein Gedenkort mit Schautafeln, Broschüren, Homepage und einer Ausstellung. Ein einzelner Zugwagon ist das Symbol für die dritte Phase, die der Deportationen.

Die kleine französische Ortschaft ist jedoch keine Chiffre für Schrecken und Gewalt – immerhin gibt es dort Ferienhäuser zu mieten. Es würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, einige Ferientage in der Nähe von Auschwitz zu verbringen.

[...]


[i] Azuélos, Daniel (Hrsg.): Jahrbuch für internationale Germanistik (Reihe A, Kongressberichte Band 76), Bern 2006.

[ii] Obschernitzki, Doris: Letzte Hoffnung ­– Ausreise. Die Ziegelei von Les Milles Aix-en-Provence 1939-1942. Vom Lager für unerwünschte Ausländer zum Deportationszentrum, Teetz 1999.

[iii] Feuchtwanger, Lion: Der Teufel in Frankreich, Frankfurt am Main 1986, Seite 23.

[iv] Mehringer, Hartmut: Der deutsche Widerstand im Ausland. Vom antifaschistischen zum autoritären Konsens, in: Jahrbuch für internationale Germanistik (Reihe A, Kongressberichte Band 76) / Hrsg. Daniel Azuélos, Bern 2006, Seite 23-32, hier Seite 23-24.

[v] Fontaine, André: Le Camp d’étrangers des Milles 1939-1943 (Aix-en-Provence), Aix-en-Provence 1989, Seite 17.

[vi] Vgl. Flügge, Manfred: Exil en paradis. Artistes et écrivains sur la Riviera (1933–1945), Paris 1996, Seite 59, 62.

[vii] Vgl. Flügge, Manfred, Seite 64.

[viii] Flügge, Manfred, Seite 65.

[ix] Flügge, Manfred, Seite 65.

[x] Vgl. Flügge, Manfred, Seite 66.

[xi] Obschernitzki, Doris: Letzte Hoffnung ­– Ausreise. Die Ziegelei von Les Milles Aix-en-Provence 1939-1942. Vom Lager für unerwünschte Ausländer zum Deportationszentrum, Teetz 1999, Seite 11.

[xii] Obschernitzki, Doris, Seite 73.

[xiii] Vgl. Capèle, Jean-Claude: Nachwort in: Lion Feuchtwanger: Le diable en France, Paris 1996, Seite 219-226, hier Seite 224.

[xiv] Obschernitzki, Doris, Seite 15.

[xv] Flügge, Manfred, Seite 65.

[xvi] Vgl. Obschernitzki, Doris, Seite 77.

[xvii] Vgl. Flügge, Manfred, Seite 65.

[xviii] Feuchtwanger, Lion, Seite 18.

[xix] Vgl. Fontaine, André: Internierung in Les Milles. September 1939 - März 1943, in: Zone der Ungewissheit. Exil und Internierung in Südfrankreich 1933-44 / Hrsg. von Jacques Grandjonc / Theresia Grundtner, Hamburg 1993, Seite 249-292, hier Seite 273.

[xx] Vormeier, Barbara: Die Lage der deutschen Flüchtlinge in Frankreich. September 1939 - Juli 1942, in: Zone der Ungewissheit. Exil und Internierung in Südfrankreich 1933-44 / Hrsg. von Jacques Grandjonc / Theresia Grundtner, Hamburg 1993, Seite 210-234, hier Seite 210.

[xxi] Vgl. Obschernitzki, Doris, Seite 19.

[xxii] Fontaine, André: Internierung in Les Milles. September 1939-März 1943, in: Zone der Ungewissheit. Exil und Internierung in Südfrankreich 1933-44 / Hrsg. von Jacques Grandjonc / Theresia Grundtner, Hamburg 1993, Seite 249-292, hier Seite 251.

[xxiii] Vgl. Fontaine, André: Le Camp d’étrangers des Milles 1939-1943 (Aix-en-Provence), Aix-en-Provence 1989, Seite 223.

[xxiv] Vgl. Fontaine, André: Le Camp d’étrangers des Milles 1939-1943 (Aix-en-Provence), Aix-en-Provence 1989, Seite 14.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656286516
ISBN (Buch)
9783656287452
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202416
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
lion feuchtwangers werke teufel frankreich geschwister oppermann exil migrations- erinnerungs- gedächtnis- gedenkorte

Autor

  • Katharina Berlind (Autor)

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Titel: Feuchtwangers „Der Teufel in Frankreich“, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“. Migrations-, Erinnerungs-, Gedächtnis- und Gedenkorte