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Warum sind manche Länder korrupter als andere?

Wie sich die Einflussfaktoren messen lassen und was die Politik daraus lernen kann

Bachelorarbeit 2012 43 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung
1.1 Volkswirtschaftlicher Kontext
1.1.1 Aktualität und gesellschaftliche Auswirkungen
1.1.2 Einfluss auf die Wirtschaft
1.1.3 Geschichte
1.1.4 Globale Verbreitung
1.2 Nähere Betrachtung ausgewählter Determinanten
1.2.1 These zur freien Presse
1.2.2 These zum Wahlsystem
1.2.3 These zur Dezentralisation
1.2.4 These zum Wettbewerb
1.2.5 Weitere Determinanten nach Treisman (2000)

2 Datenquellen zur Korruptionsmessung
2.1 Die Korruptions-Indizes im Überblick
2.2 Kritische Auseinandersetzung mit der Datenerhebung

3 Empirische Determinanten
3.1 Freie Presse
3.1.1 Empirische Strategie
3.1.2 Ergebnisse der Querschnittstudie
3.1.3 Ergebnisse der Panelforschung
3.2 Wahlsystem
3.2.1 Empirische Strategie
3.2.2 Ergebnisse der OLS Schätzungen
3.2.3 Ergebnisse der Panelschätzung
3.3 Dezentralisation
3.3.1 Empirische Strategie
3.3.2 Ergebnisse der OLS-Regression
3.3.3 Differenzen zur Abhandlung von Fan et al. (2009)
3.4 Wettbewerb
3.4.1 Empirische Strategie
3.4.2 Ergebnisse der OLS-Regression
3.5 Weitere mögliche Einflüsse auf die Korruption
3.5.1 Ethnische Struktur
3.5.2 Koloniale Vergangenheit
3.5.3 Natürliche Ressourcen
3.5.4 Religion
3.5.5 Wirtschaftliche Entwicklung

4 Schlussfolgerungen
4.1 Zusammenfassung und praktische Anwendung
4.2 Kritik und externe Validität
4.3 Politikempfehlung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Volkswirtschaftlicher Kontext

Die in den tagesaktuellen Nachrichten behandelten Situationen in arabischen oder südeuropäischen Ländern thematisieren, trotz ihrer grundlegenden Verschiedenheit, oftmals auch die Bestechlichkeit und Ineffizienz der politischen und organisatorischen Systeme. Dabei üben diese häufig korrumpierten Strukturen starke Einflüsse auf die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft aus. Um Korruption[1] im Gesamten verstehen und einordnen zu können, werden nachfolgend deren Aktualität, Folgen, Geschichte und Internationalität näher erklärt. Anschließend zeigt ein Ausblick die ökonometrischen Lösungsansätze, in denen aufgezeigt wird, warum manche Länder korrupter sind als andere.

1.1.1 Aktualität und gesellschaftliche Auswirkungen

In einem Interview der WirtschaftsWoche (2012) mit dem amerikanischen Nobelpreis-Anwärter Daron Acemoglu verdeutlicht sich die Aktualität der Thematik. Acemoglu bezeichnet den Machtmissbrauch korrupter Politiker als den wichtigsten Grund für Armut und Unterentwicklung. Die arabische Revolution könne bei anhaltend unverlässlichen Eigentumsrechten, Ungleichheit vor dem Gesetz und einer schwachen Bindung des politischen Handelns an Regeln scheitern. Vor allem der Ölreichtum kann sich hier negativ auf den Verlauf des arabischen Frühlings auswirken. Acemoglu zufolge hängt es von den Institutionen ab, ob der Reichtum an natürlichen Ressourcen Fluch oder Segen ist. Eine korrumpierte Politik, Verwaltung und Justiz erleichtert es den Regimen das Geld aus dem Ölreichtum für den Kampf gegen das eigene Volk einzusetzen, um damit eigene Interessen zu implementieren. Auch Tanzi (1998) hat eine Verlangsamung der Bewegung zu mehr Demokratie und Marktwirtschaft als mögliche Folge von Korruption nachgewiesen. In seiner Veröffentlichung über die internationale Korruption zeigte er außerdem, dass durch Bestechungen die grundlegende Rolle der Regierung reduziert wird. Dabei stellte er Defizite beim Schutz von Eigentumsrechten oder bei der Durchsetzung von Verträgen dar. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die aktuellste Studie[2] der nichtstaatlichen Organisation Transparency International. In dieser schreibt Mulahy, dass vor allem Griechenland, Italien, Portugal und Spanien tief verwurzelte Probleme in ihrer öffentlichen Verwaltung haben. Diese Korruption droht die Länder in Südeuropa in der anhaltenden Schuldenkrise auszubremsen und die Umsetzung wichtiger Strukturreformen zu behindern.

1.1.2 Einfluss auf die Wirtschaft

Anhand der angesprochenen Folgen aus Korruption für südeuropäische Länder lässt sich bereits ein wirtschaftlicher Belang erahnen. Denn Wirtschaftskriminalität, wie sie beispielsweise die Korruption darstellt, erzeugt immense materielle und immaterielle Schäden. Zum einen, weil sie die Abläufe der Bürokratie in einen ineffizienten Bereich[3] verzerrt. Zum anderen deshalb, weil das allgemeine Systemvertrauen in effiziente marktwirtschaftliche Strukturen untergraben wird. Im aktuellen Fall, in dem der griechische Bürokratieapparat durch die Troika[4] genauer untersucht und spezifiziert wird, zeigen sich unmissverständlich die negativen Auswirkungen von ineffizienten Strukturen auf die Realwirtschaft. Die gehemmte Eintreibung von Steuern sorgt laut Süddeutsche Zeitung dafür, dass in Griechenland schätzungsweise jährlich 15 bis 20 Milliarden Euro an Steuern hinterzogen werden. Das unterstreicht nicht nur erneut die Aktualität der Korruptionsforschung, sondern zeigt auch die fortschreitenden wirtschaftlichen Auswirkungen auf, die mit ineffizient arbeitenden Behörden einhergehen. Den weltweiten Umfang von Bestechung schätzt Kaufmann (2005) auf über eine Billion US-Dollar pro Jahr[5] . Dies entsprach zu dieser Zeit in etwa der Wirtschaftsleistung der Länder Belgien, den Niederlanden und Luxemburg zusammen[6] .

1.1.3 Geschichte

Die Beschäftigung mit der Korruptions-Thematik ist hierbei jedoch keine Erscheinung der Neuzeit. Tanzi (1998) zeigt mit Bezug auf das zweitausend Jahre alte Buch Arthashastra von Kautilya, einem Premiers eines indischen Königreiches, dass Formen von Korruption auch bereits vor der Thematisierung durch Shakespeare[7] eine gesellschaftliche Rolle gespielt haben. Bei der Korruptionsforschung ist die Form der Auseinandersetzung mit der Korruption besonders wichtig. Denn erst wenn Korruption vorhanden ist, kann diese eingeschätzt und empirisch erforscht werden. Die frühe Diskussion zu dieser Thematik zeigt auch die historische Relevanz korrumpierter Strukturen.

1.1.4 Globale Verbreitung

Korruption ist trotz der aktuellen Beispiele in den Medien global zu finden und weder auf südeuropäische Staaten, noch auf Dritte-Welt-Länder zu reduzieren. Das verdeutlicht sich bei der näheren Betrachtung des Korruptionswahrnehmungsindex[8] (CPI), wonach die USA korrupter sind als Katar. Der neue EU-Beitrittskandidat Serbien befindet sich demnach in diesem internationalen Vergleich auf Rang 86 von 182 und weist damit eine höhere Korruption auf als Kolumbien. Korruption scheint demzufolge zwar international, aber inhomogen über Kulturen, Regierungssystemen und Erdregionen hinweg verbreitet zu sein. Auch eine neue Studie[9] von Transparency International spricht davon, dass grundsätzlich das Korruptionsproblem ebenfalls in west- und nordeuropäischen Ländern mangels Behörden zur Korruptionsbekämpfung nicht so stark eingedämmt wird, wie es sinnvoll und machbar wäre.

1.2 Nähere Betrachtung ausgewählter Determinanten

Die Folgen von korrupten Strukturen können wie gezeigt vielschichtig und tiefgreifend sein. Diese Arbeit wendet sich jedoch der umgekehrten Kausalität anderer Faktoren zu. Aufgezeigt wird, wie verschiedene Determinanten die Korruption beeinflussen könnten. Dieser Ansatzpunkt ist nicht minder interessant, da sich daraus zahlreiche Politikempfehlungen zur Minimierung von Korruption ableiten lassen. Wenn Entscheider wissen, welche Faktoren die Korruption in einem System negativ bzw. positiv beeinflussen, können diese korruptionsvermeidende Entscheidungen treffen. Aber auch eine nachträgliche Bewertung einer Entscheidung bezüglich ihrer Korruptionsfolgen ist möglich. So zeigte Tanzi (1994), dass eine Intervention der Regierung in freie Märkte einen starken Anstieg an korrupten Zahlungen zur Folge hat. Darüber hinaus fand er auch eine systematische Determinante. Ein „learning-by-doing“[10] Aspekt würde fast garantieren, dass in einem Land mit Regulierungen und Eingriffen des Staates die Bestechungen im Laufe der Zeit anwachsen werden. Dieser These widerspricht hingegen Treisman (2000). Er fand mit Daten von 1997 bzw. 1998 keinen signifikanten Regulierungseffekt auf Korruption. Andere denkbare Zusammenhänge können dabei allerdings unter anderem kulturelle, regionale und politische Aspekte sein. Je nach dem beispielsweise vorherrschenden Wahlsystem, der föderalen Struktur und den natürlichen Ressourcen bieten sich zur Korruptionssenkung andere politische Implikationen an. Einige der möglichen Einflussfaktoren auf Korruption wird in dieser Arbeit näher analysiert.

Ein selbst in geringen Maßen korruptes System wird von vielen Einflüssen geprägt. Alle diese Faktoren detailliert zu betrachten, würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Aus diesem Grund werden in Kapitel 3 vornehmlich vier Thesen in einem internationalen Vergleich vieler Länder ökonometrisch überprüft. Der folgende Überblick stellt diese vier Annahmen vor und skizziert die ökonomische Interpretation dahinter.

1.2.1 These zur freien Presse

Fasse und Keuchel thematisierten aktuell im Handelsblatt (2012) die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen geschmierte Daimler-Mitarbeiter. Diese Berichterstattung verdeutlicht die möglichen Anreize von Journalisten, Korruption aufzudecken. Die Bericht-erstattung einer freien Presse bezieht sich allerdings auch auf Bestechungen in Regierungen oder staatlich-geführten Organisationen. Die Pressefreiheit ist demzufolge im Grundsatz eine der effizientesten externen Kontrollmechanismen von Korruption und bietet sich daher besonders als zu untersuchende Determinante an. Kapitel 3.1 zeigt, ob eine höhere Pressefreiheit zu einer geringeren Bestechlichkeit führt.

1.2.2 These zum Wahlsystem

Unterschiede in der Ausgestaltung von Wahlen, beispielsweise in Form von Mehrheits- oder Verhältniswahlen, könnten Handlungen von Politikern vor und nach der Wahl beeinflussen. Die Verantwortlichkeit für die Handlungen und Entscheidungen eines Politikers ist im Wahlsystem nicht immer erzwungen. Ob unter anderem flexible Kandidatenlisten und niedrige Eintrittsbarrieren für neue Politiker den Druck auf bestehende Politiker ausreichend erhöhen, um Korruption zu minimieren, wird in Kapitel 3.2 erläutert. Dabei wird besonders auf die Auswirkung unterschiedlicher Gestaltungen des Wahlzettels, der Größe des Wahlkreises und der Wahlformel eingegangen.

1.2.3 These zur Dezentralisation

Dezentralisierung von Regierungsaufgaben könnte zu einer geringeren Korruption führen. So lässt sich vermuten, dass Politiker unter einem föderalen System stärker für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden können. Außerdem wären diese Aktivitäten auch leichter nachprüfbar. Diese möglicherweise negativ auf Korruption wirkenden Folgen von Dezentralisation steht die erschwerte Kommunikation zwischen Bürokraten gegenüber. In letzterem Falle wäre es den involvierten Bürokraten eventuell einfacher möglich, höhere Renten[11] zu extrahieren, ohne dafür belangt zu werden. Inwiefern sich eine ausgeprägte Dezentralisierung senkend auf die Korruption auswirkt, wird in Kapitel 3.3 besprochen.

1.2.4 These zum Wettbewerb

Eine geringere Korruption durch Wettbewerb ist denkbar, da Bestechungen in einem System mit vollständigem Wettbewerb schwieriger aufrechtzuerhalten sind. Dabei fokussiert Kapitel 3.4 die industrielle Organisation des „Bestechungsmarktes“ und zeigt, wie diese das Korruptionsgleichgewicht beeinflusst. Ein geringeres Maß an Wettbewerb lässt die Rente der Unternehmen steigen. Organe der Bürokratie, wie beispielsweise Steuerfahnder, werden einen höheren Anreiz haben korrupte Entscheidungen zu treffen, da sie selbst einen Teil der unternehmerischen Renten extrahieren können. Dem steht gegenüber, dass die Öffentlichkeit durch die angewachsenen Unternehmer-Renten ein gesteigertes Interesse an der korrekten Umsetzung der Gesetze und Vorschriften besitzt. In dem Kapitel zu Renten und Wettbewerb wird demnach näher erläutert, ob eine Senkung des Wettbewerbs eine positive oder eine negative Auswirkung auf die Korruption mit sich bringt.

1.2.5 Weitere Determinanten nach Treisman (2000)

Um die Frage, wieso manche Länder korrupter sind als andere, umfassend beantworten zu können, werden in Kapitel 3.5 weitere Determinanten vorgestellt. Die fünf zusätzlichen Faktoren verdeutlichen den großen Umfang unterschiedlichster Einflüsse auf korrupte Strukturen.

2 Datenquellen zur Korruptionsmessung

In der empirischen Forschung ist die Qualität der erhobenen Daten ausschlaggebend für die Aussagefähigkeit der späteren Ergebnisse. Um die Einflüsse auf Korruption bewerten zu können, muss daher ein geeigneter Index für Bestechlichkeit gefunden werden. Da jedoch korrumpierte Entscheidungsträger in einer Umfrage kaum zugeben würden, dass sie korrupt sind, ist eine solche Messung nicht einfach. Mitglieder korrupter Strukturen könnten zudem auch aktiv versuchen, die Messung externer Organisationen zu verhindern oder zumindest zu verfälschen. Wegen drohender Strafen besteht dementsprechend ein systematisches Interesse, die eigene Korruption gegenüber solchen Messungen zu verschleiern. Neben den abweichenden Definitionen von Korruption haben Brunetti und Weder (2003) außerdem die unterschiedlichen Ausprägungen von Korruption als Schwierigkeit bei ihrer Messung angesprochen. Den Autoren zur Folge gibt es von schlichten „Trinkgeldern“ bis hin zu komplexen Bevorteilungs-Abmachungen viele Arten von Korruption.

2.1 Die Korruptions-Indizes im Überblick

Die Datenquelle ist bei der Analyse von Determinanten auf Korruption also ganz besonders wichtig. Die Autoren der in diesem Aufsatz behandelten Schwerpunkte haben dabei acht unterschiedliche Erhebungen und Indizes ausgewertet.

1. BI: Der Business International Korruptionsindex wurde auch bereits in dem Papier von Mauro (1995) über den Zusammenhang zwischen niedrigerem Wachstum und Korruption verwendet. Die BI-Ratings für 68 Länder wurden unter Auswertung der Befragung eines differenzierten Netzwerkes in den erfassten Ländern gesammelt.
2. CPI: Der Corruption Perceptions Index stammt von der Organisation Transparency International. Dabei bezieht sich der Index auf den öffentlichen Sektor, oder auf Geschäfte, in denen Staatsbedienstete oder Politiker involviert sind. Ermittelt werden die Daten mit Hilfe von Auswertungen von Risikoagenturen, sowie der Befragung von ortsansässigen oder auswärtigen Geschäftspersonen. Hierzu gehören Fragen im Zusammenhang mit dem Missbrauch öffentlicher Macht. Dabei konzentrieren sich die Fragen auf die Bestechung von Amtsträgern, auf die behördlichen Anstrengungen, Korruption zu bekämpfen und auf mögliche Schmiergelder im öffentlichen Beschaffungswesen. Mit unterschiedlicher Gewichtung werden die verteilten Bewertungen der Staaten anschließend zur ausschlaggebenden Punktezahl aggregiert.
3. FWI: Die Ideenfabrik Freedom House stellt jährlich seinen Freedom in the World Index, oder auch Gastil-Index[12] , zur Verfügung. Dabei werden von der Experten-kommission Staaten in den beiden Kategorien bürgerliche Freiheit und politische Rechte bewertet.
4. GCI: Beim German Exporter Corruption Index wird der Anteil der deutschen Exporte mit Schmiergeldern mit denen ohne Bestechung verglichen. Auch dieser Proxy basiert auf einer Umfrage: Es werden im Durchschnitt 10 Personen je Im- bzw. Exportland befragt.
5. GCS: Der Global Competitiveness Survey ist das Ergebnis von Meinungsforschungen von etwa 3000 Top-Managern über ihre Einschätzungen zu Business-Lizenzen, Devisenkontrollen, Polizeischutz, Kreditanträgen oder Steuereinschätzungen betreffend des eigenen Landes. Die Umfrage wird vom World Economic Forum durchgeführt.
6. ICRG: Der International Country Risk Guide analysiert und fasst 22 Variablen bezüglich politischem, finanziellem und wirtschaftlichem Risiko zusammen. Er wird von Political Risk Services (The PRS Group) veröffentlicht. Das Ziel des politischen Risiko-Ratings ist es, die politische Stabilität der untersuchten Länder zu beurteilen. Das Wirtschafts-Risiko-Rating ordnet das ökonomische Risiko hoch ein, wenn die wirtschaftlichen Schwächen eines Staates die Stärken überwiegen. Das finanzielle Risiko-Rating ist ein Mittel zur Bewertung der Fähigkeit eines Landes, seinen Schuldverpflichtungen nachzukommen. Der Index basiert auf den Beurteilungen eines Pools von Länderanalysten. Er bietet auch Zeitreihen an, wodurch die Identifikation von kausalen Effekten möglich ist. Die dadurch ermöglichte Panelforschung kann unabhängig von der Querschnittsanalyse dynamische Zusammenhänge herausfinden.
7. WCR: Im World Competitiveness Report wird vom Institute for Management Development mittels einer Umfrage gemessen, inwieweit Bestechung und andere missbräuchliche Praktiken im öffentlichen Sektor auftauchen.
8. WGI: Für die Worldwide Governance Indicators wird von der Weltbank eine große Zahl von Bürgern, Unternehmen und Experten unter anderem zur Effektivität des Staates, zur politischen Stabilität und zur Korruptionskontrolle befragt.

Folgende Tabelle soll als Übersicht über die verwendeten Korruptionsmessungen dienen:

Tabelle 1: Die von den jeweiligen Autoren verwendeten Datenquellen für Korruption

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nicht alle hier angegebenen Indizes wurden auch in der von dieser Arbeit behandelten Ergebnisse verwendet. Die Autoren haben aber bei alternativen Regressionen oder der Überprüfung der Robustheit häufig die zuvor nicht verwendeten Indizes genutzt. *Weitere mögliche Einflüsse auf Korruption (Kapitel 3.5).

Die Übersicht zeigt, dass der Corruption Perceptions Index, sowie der International Country Risk Guide besonders häufig ausgewertet wurden. Dies liegt vornehmlich an der umfangreichen Datendichte und der Verfügbarkeit von Informationen über einen breiten Zeitraum. Der GCI sowie der GCS werden lediglich von Fisman und Gatti (2002) genutzt.

2.2 Kritische Auseinandersetzung mit der Datenerhebung

Auffallend ist, dass unter den verwendeten Indizes lediglich für den FWI und ICRG ausschließlich Experten um eine Länderanalyse gebeten werden. Die anderen Messungen beruhen auf allgemeineren Umfragen. Hierbei ist jedoch fraglich, ob befragte Personen das Niveau an Korruption immer korrekt einschätzen können oder dies auch wollen. Der Zweifel tritt vor allem vor dem von Brunetti und Weder (2003) angesprochenen Hintergrund der oftmals sehr komplexen Korruptions-Vereinbarungen auf.

Auch die Resultate der Umfrage bei Geschäftsleuten und Top-Managern müssen nicht immer der Wahrheit entsprechen. Schließlich sprach Rose-Ackerman (2003) ihre Bedenken aus, dass Unternehmensmanager mit ganz ähnlichen Anreizen konfrontiert werden wie etwa die Mitarbeiter im öffentlichen Sektor. Korrumpierte Mitarbeiter sind demzufolge nicht immer zwingend Staatsangestellte. Außerdem können, der Autorin zufolge, durch die Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen einige Formen von Korruption in den privaten Sektor verlagert werden.

Vor allem weil alle Autoren der im Folgenden behandelten wissenschaftlichen Aufsätze bei der Verwendung verschiedener Indizes stets gleichwertige Ergebnisse erhalten haben, werden die Bedenken weitestgehend entkräftet. Beispielsweise für den hier mehrfach genutzten CPI von Transparency International hat eine zusätzliche Untersuchung von Wilhelm (2002) eine sehr starke signifikante Korrelation zwischen dem CPI und zwei weiteren Proxys festgestellt. Als Proxys für Korruption wurden dabei Aktivitäten auf dem Schwarzmarkt und der Umfang von Regulationen verwendet. Trotz der genannten Zweifel stellen die verwendeten Indizes also valide Messungen bereit und scheinen sich damit gut als Datengrundlage für die Analyse von Determinanten auf Korruption zu eignen.

3 Empirische Determinanten

3.1 Freie Presse

Wie bereits beschrieben, haben Brunetti und Weder (2003) auf die Schwierigkeit durch die unterschiedlichen Ausprägungen von Korruption hingewiesen. Um diese unterschiedlichen Formen differenzieren zu können, haben die Autoren drei Arten von Mechanismen zur Beeinflussung von Korruption definiert:

1. Interne Mechanismen stellen die Korruptionskontrolle aus dem System heraus dar, wie beispielsweise effiziente Kontrollorgane. In diesem Zusammenhang wird auch davon ausgegangen, dass die Neigung von Bürokraten, Bestechungen anzunehmen, nicht zuletzt auch davon abhängig ist, wie sich das Gehalts-Niveau der Staatsdiener gegenüber dem Niveau im privaten Sektor darstellt.
2. Als externe Mechanismen verstehen die Autoren eine unabhängige Justiz, alternative Beschwerdestellen für Bürger oder einen investigativen Journalismus.
3. Indirekte Faktoren, wie kulturelle Gegebenheiten oder elitäre Bürokraten bilden die dritte Kategorie.

Da sich Brunetti und Weder in ihrem wissenschaftlichen Aufsatz auf die Pressefreiheit fokussiert haben, wird im folgenden Kapitel also ein externer Faktor, die freie Presse, analysiert. Eine freie Presse scheint ein besonders effektiver externer Faktor zur Verhinderung und Aufdeckung von Korruptionsvorgängen zu sein. Denn er könnte aufdeckend gegen erpressende und verabredende Korruption wirken.

Von erpressender Korruption spricht man, wenn der Entscheider die Möglichkeit hat (und diese auch nutzt), die Bearbeitungszeit eines Auftrages anzutreiben oder zu verzögern. Ein korrumpierter Mitarbeiter könnte gegen Schmiergeld einen Antrag beschleunigen, oder eine höhere Gebühr propagieren, diese aber gegen eine Bestechung dann wieder verringern. Dieses erpresserische System lässt sich aber nur dann aufrechterhalten, wenn die Kosten für die Korruptionsbekämpfung höher sind als der Bestechungsbetrag. Mediale Berichte über Korruption können Unternehmen und die Regierung veranlassen, interne Kontroll-mechanismen auf / auszubauen. Ein investigativer Journalismus könnte bei der Bekämpfung dieser Bestechlichkeit helfen, da er durch Enthüllungen von Bestechungsskandalen und Offenlegung von kriminellen Strukturen die Kosten dieses Kampfes senken kann.

Die verabredende Korruption stellt eine Abmachung zwischen zwei Interessenspartnern dar. Denkbar ist dabei, dass ein Steuerbeamter gegen eine Schmiergeldzahlung die Abgaben des Unternehmens herabsenkt. Auch bei diesem System profitieren beide involvierten Parteien. Sie haben somit ein erhebliches gemeinsames Interesse, diese Abmachung zu verheimlichen. Auch nach der Aufdeckung einer Korruption behindert dieser beidseitige Wille zur Verschleierung eine tiefgreifende und umfassende Aufklärung der Vorgänge. Eine freie Presse wäre ein gewichtiger Garant dafür, diese Korruptionsform einzudämmen. Die Pressefreiheit bietet engagierten Journalisten monetäre bzw. prestigeträchtige Anreize, Bestechlichkeit aufzudecken. Das eingangs beschriebene Beispiel des Handelsblattes über die Schmiergeldzahlungen bei Daimler veranschaulicht auch die kostensenkende Wirkung dieser Berichterstattung. Denn eine vorangegangene mediale Thematisierung kann es der staatlichen wie privaten Unternehmung erleichtern, diese Machenschaften aufzudecken. Innerbetriebliche und behördliche Melde-Systeme[13] zur Korruptionsbekämpfung sind daher aus Gründen der Imagepflege und Effizienzsteigerung keine Seltenheit mehr.

Dabei wird die Freiheit der Presse dadurch gemessen, dass man die journalistische Verfolgung und andere Formen von Zensur betrachtet. Die Bewertung von vier Dimensionen, die das Nachrichtensystem als Ganzes einordnet, beruht auf folgendem Punktesystem:

[...]


[1] Treisman D. (2000) definiert Korruption als Missbrauch öffentlicher Macht um den privaten Nutzen zu steigern, Seite 399.

[2] Mulahy S. (2012), Transparency International

[3] Ineffizienter Bereich deshalb, da über Investitionen nicht mehr nach Effizienzfaktoren entschieden wird, sondern möglicherweise nur nach der Höhe des jeweiligen Bestechungsbetrages. Externe Effekte, die staatliche Institutionen bei ihrer Entscheidung mit einbeziehen sollten, werden in einem korrupten System womöglich ebenfalls nicht beachtet.

[4] Troika: Mit Vertretern aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds besetztes Kontrollgremium.

[5] Kaufmann (2005), Seite 98

[6] Aggregierte Bruttoinlandsprodukte (2005) zu aktuellen Preisen laut World Economic Outlook Database des International Monetary Funds.

[7] William Shakespeare problematisierte Korruption bspw. in seinem Stück „Measure for Measure“ (1604).

[8] Platzierungen laut Corruption Perceptions Index 2011 von Transparency International.

[9] Mulahy S., “Money, Politics, Power: Corruption Risks in Europe” (2012)

[10] Tanzi (1994), Seite 14

[11] Politische/Ökonomische Rente ist als zusätzlicher Vorteil der Person, bzw. des Systems, zu verstehen. Dieser Vorteil kann neben Bestechungsgeldern beispielsweise auch Diskriminierung von Wettbewerbern oder einen indirekten staatlichen Transfer umfassen.

[12] Die Index-Bezeichnung „Gastil“ verwendeten vor allem Persson, Tabellini und Trebbi (2003) sowie Ades und Tella (1999). Die erste Erhebung stammt von Raymond Gastil aus dem Jahr 1973.

[13] Bspw. über ein „Whistleblower System“ (wie bei Daimler) können Mitarbeitern anonyme Hinweise über Verfehlungen abgeben. Die Kosten der internen Aufdeckung werden durch journalistische Enthüllung gesenkt.

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Titel: Warum sind manche Länder korrupter als andere?