Lade Inhalt...

Essstörungen aus systemischer Perspektive

Ein Vergleich der Ansätze der klassischen mit der neuen Psychologie

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Essstörungen
2.1 Anorexia nervosa
2.1.1 Anorexia nervosa in ICD-
2.1.2 Anorexia nervosa in DSM-IV
2.2 Bulimia nervosa
2.2.1 Bulimia nervosa in ICD-
2.2.2 Bulimia nervosa in DSM-IV

3. Klassische Therapieansätze
3.1 Psychoanalyse
3.2 Humanistische Therapie
3.3 Verhaltenstherapie
3.4 Kognitive Therapie

4. Einführung in die Systemtheorie und systemische Psychologie
4.1 Zum Systembegriff
4.2 Merkmale sozialer Systeme
4.2.1 Übersummativität
4.2.2 Komplexität
4.2.3 Selbstorganisation

5. Essstörungen aus systemischer Sicht
5.1 Idealtypische Rollen
5.2. Beziehungsmuster
5.3 Die Funktionalität des Hungerns
5.3.1 Hungern als Ausdruck von Autonomie
5.3.2 Hungern als Möglichkeit zur Verhinderung von Trennung
5.3.3 Hungern als Schutz vor sexuellem Missbrauch

6. Fazit und Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

Sie stehen immer draußen, immer abseits, immer am Rande, am weißen Papierrand, wo NICHTS geschrieben steht, in der menschenleeren Wüste, wo Leben und Tod ineinanderfließen. Die sogenannten Magersüchtigen sind entwurzelte Menschen, Fremde im eigenen Lande, Heimatlose im eigenen Ort, und sie hungern nach den grundsätzlichen Dingen, nach Liebe und Anerkennung. [Magersucht & Androgynie | Patricia Bourcillier]

1. Einleitung

Die folgende Arbeit soll Ursachen und Therapie von Essstörungen, im Besonderen Anorexia nervosa, aus systemischer Perspektive betrachten und diese im Vergleich zu anderen psychologischen Ansätzen darstellen. Die systempsychologische Theorie soll in den Mittelpunkt gestellt werden, weil sie als „neue Psychologie“ gegenüber den klassischen Schulen sich erst noch beweisen und durchsetzen muss.

Zum Zwecke der Gegenüberstellung werden die systemischen Axiome erläutert, ihre theoretischen und praktischen Vor- und Nachteile aufgezeigt und anschließend an den bisherigen Theorien gemessen. Hierbei werden die Psychoanalyse, Humanistische Therapien, Verhaltenstherapie und kognitive Therapie in Bezug auf Essstörungen betrachtet.

Essstörungen sollen als Beispiel für die Anwendung systemtheoretischer Grundsätze dienen, weil sie ein deutliches Bild auf familiäre und gesellschaftliche Veränderungen und Verhaltensweisen bieten und außerdem bei ca. 700.000 Betroffenen und einer Mortalitätsrate von bis zu 15% weiterhin eine diskussionswürdige Brisanz innehaben.

Dies wird auch durch wiederholte Berichte beispielsweise über ein Laufstegverbot für Magermodels oder Reportagen über Einzelschicksale deutlich. Immer wieder erfahren Essstörungen, insbesondere Magersucht eine erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien. Unzählige private Publikationen kursieren im Internet; Blogs und Foren bieten eine Plattform zum Austausch und Informationen für Betroffene und Angehörige.

Betrachtet wird in dieser Arbeit deshalb auch hauptsächlich die Anorexia nervosa, Bulimia nervosa wird der Vollständigkeit halber und zum Vergleich oder zur Ergänzung Erwähnung finden.

Die Arbeit wird also zu Beginn Essstörungen mit Hilfe der Kriterien des ICD-10 und DSM IV erläutern. Weiter wird ein Überblick über die bisherigen klassischen Therapieformen gegeben, um später einen Vergleich zu ermöglichen. Der 4. Abschnitt führt in die allgemeine Systemtheorie und die systempsychologische Perspektive ein, welche dann auf die Anorexia nervosa angewendet wird. Der letzte Teil der Arbeit beinhaltet dann den eigentlichen Vergleich der Ansätze und soll eine abschließende Beurteilung erlauben.

2. Essstörungen

2.1 Anorexia nervosa

Anorexia nervosa ist an sich ein irreführender Begriff. Übersetzt bedeutet er Appetitlosigkeit mit emotionalen Ursachen. Es ist jedoch nicht so, dass Anorektiker keinen Appetit hätten, im Gegenteil, sie haben brüllenden Hunger, verweigern die Nahrungsaufnahme jedoch aus Angst vor Gewichtszunahme. Die überwertige Idee eines schlanken Körperideals ist eines der Hauptkriterien für die Diagnose der Anorexia nervosa, wobei der Gewichtsverlust absichtlich selbst herbeigeführt oder aufrechterhalten werden muss.

Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen; heranwachsende Jungen und junge Männer, Kinder vor der Pubertät und Frauen bis zur Menopause können aber ebenfalls betroffen sein. Meistens liegt Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades vor, die sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen und zu körperlichen Funktionsstörungen führt. Zu den Symptomen gehören eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen und der Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika.

Mit einer geschätzten Prävalenz von unter einem Prozent (Walters & Kendler, 1994) kommt Magersucht zwar deutlich seltener vor als Bulimie, kann aber einen ungleich schwereren Verlauf nehmen. Körperliche Folgen der Anorexie können unter vielen weiteren Schädigungen Herzrhythmusstörungen, Unfruchtbarkeit, Niereninsuffizienz und Osteoporose sein. Zahlreiche komorbide Störungen wie Depressionen, Zwangs- und Panikstörungen sowie verschiedene Persönlichkeitsstörungen können mit der Anorexia nervosa einhergehen (Walters & Kendler, 1994).

Bei etwa 10 % der Erkrankten kommt es zu einer Chronifizierung trotz langjähriger Therapieversuche. Bis zu 15 % der Anorektiker (die Zahlen variieren stark je nach Studie) sterben an den Folgen ihrer Krankheit oder durch Suizid.

2.1.1 Anorexia nervosa in ICD-10

Das ICD-10 ist ein Instrument zur Reproduzierbarkeit von Diagnosen der World Health Organisation (WHO). Es ist international anwendbar, bemüht sich auch um Relevanz für Länder der dritten Welt und berücksichtigt interkulturelle Unterschiede. Deshalb sind die Diagnosekriterien insgesamt allgemeiner formuliert, sind aber in Deutschland entscheidend.

Zur Diagnose von Anorexia nervosa verlangt das ICD-10 ein um mindestens 15% reduziertes tatsächliches Körpergewicht gegenüber dem zu erwartenden Gewicht bzw. einen Body-Mass-Index von 17, 5 oder weniger, wobei der Gewichtsverlust durch Vermeidung von hochkalorischer Nahrung selbst herbeigeführt ist.

Zusätzlich muss mindestens eines der folgenden Kriterien zutreffen: selbstinduziertes Erbrechen oder Abführen, übertriebene körperliche Aktivität, Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika, Körperschemastörung in Form einer spezifischen psychischen Störung oder endokrine Störungen, bei Frauen manifest als Amenorrhö (vgl. Dilling, 1992).

2.1.2 Anorexia nervosa in DSM IV

Das DSM IV ist ein nationaler Diagnoseschlüssel der American Psychiatric Association (APA) und beinhaltet meist speziellere Diagnosekriterien. Außerdem berücksichtigt das Manual geschlechtsspezifische Unterschiede.

Auch das DSM IV legt ein Körpergewicht von weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichts fest. Hier wird auch der großen Angst der Betroffenen vor Gewichtszunahme eine diagnostische Bedeutung beigemessen. Neben einer Körperschemastörung, die es Anorektikern unmöglich macht, ihren unterernährten Zustand zu erkennen, muss eine strikte Kontrolle der Nahrungsaufnahme vorliegen. Dies geschieht durch die Vermeidung hochkalorischer Speisen oder die starke Selektion von Nahrungsmitteln.

Krankheitsverleugnung und die übertriebene Abhängigkeit des Selbstbewusstseins vom Gewicht sind weitere Kriterien. In Übereinstimmung mit dem ICD-10 ist das Ausbleiben der Periode bei Frauen, die Amenorrhö, von Bedeutung.

Schließlich unterscheidet das Manual zwei Unterkategorien der Anorexia nervosa:

Anorexia nervosa vom restriktiven Typus zeichnet sich durch bloßen Verzicht auf Nahrung bzw. besonders hochkalorische Nahrung aus.

Anorexia nervosa vom Purging Typus ist charakterisiert durch kompensatorische Verhaltensweisen, wie selbstinduziertes Erbrechen, Abführmittel oder Entwässerungsmittel, die der Kalorienaufnahme entgegenwirken. Dabei ist ein deutlicher Gewichtsverlust zu beobachten (vgl. Saß, 2003).

2.2 Bulimia nervosa

Bulimia nervosa bedeutet wörtlich Ochsenhunger, wird aber auch als Ess-Brechsucht bezeichnet, weil die Krankheit durch wiederholte Anfälle von Heißhunger, oft gefolgt von Erbrechen, gekennzeichnet ist. Betroffen sind wiederum hauptsächlich junge Frauen und Mädchen (bis zu 95 % der Erkrankten), die Prävalenz liegt bei bis zu 3 %.

Viele psychische Merkmale dieser Störung ähneln denen der Anorexia nervosa, so die übertriebene Sorge um Körperform und Gewicht. Die Betroffenen leiden meistens unter einer gestörten Selbstwahrnehmung und/oder einer Körperschemastörung (Dysmorphophobie).

Wie auch die Magersüchtigen empfinden sie sich immer als zu dick, doch sind sie häufig, im Gegensatz zu den Magersüchtigen, normalgewichtig. Die Ursachen der Bulimie ähneln denen der Magersucht. Nicht selten geht der Bulimie eine anorektische Phase voraus oder wechselt sich mit Phasen der Magersucht ab.

Während der bulimischen Phasen können mehrmals täglich geplante oder spontane Essanfälle auftreten, bei denen die Betroffenen die Kontrolle über ihr Essverhalten verlieren und in kürzester Zeit mehrere Tausend Kalorien zu sich nehmen. Allein durch die großen Mengen im Magen, aber auch aus Scham über ihren Kontrollverlust und die Angst vor der Gewichtszunahme, wird anschließend die aufgenommene Nahrung wieder erbrochen. Auch durch übertriebene körperliche Aktivität oder Laxantienmissbrauch werden die Fressanfälle kompensiert.

Folgeschaden der Bulimie kann die Entzündung der Speiseröhre durch ständiges Erbrechen sein. Das erhöhte Magensäureangebot im Mund schädigt bei lang anhaltender Symptomatik die Zähne. Die massive Störung des Elektrolyt-Haushaltes (Kalium-, Eisen-, sowie Calciummangel) kann zu Herzrhythmusstörungen führen und somit lebensbedrohlich werden.

Bulimiker versuchen meist, ihre Krankheit zu verbergen. Dadurch wird sie oft erst mehrere Jahre, nachdem sie begonnen hat, erkannt, eingestanden und behandelt. Eine frühzeitige Behandlung ist besonders wichtig, da die Aussichten auf vollständige Genesung mit jedem weiteren Jahr der Erkrankung sinken.

2.2.1 Bulimia nervosa in ICD-10

Die Diagnosekriterien der WHO beinhalten die andauernde Beschäftigung mit Essen und eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln.

Essattacken, bei denen in kurzer Zeit sehr große Mengen an Nahrung konsumiert werden und der Versuch, dem dickmachenden Effekt von Nahrungsmitteln durch verschiedene ausgleichende Verhaltensweisen entgegenzusteuern werden ebenfalls berücksichtigt. Zu diesen kompensatorischen Maßnahmen gehören selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, zeitweilige Hungerperioden, Einnahme von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika.

Desweiteren muss bei den Betroffenen eine krankhafte Furcht vor dem Dickwerden vorliegen (vgl. Dilling, 1992).

2.2.2 Bulimia nervosa in DSM IV

Auch das DSM IV berücksichtigt wiederkehrende Episoden von Essanfällen, wobei eine Episode durch Aufnahme einer Nahrungsmenge, die größer ist, als die meisten Menschen sie in einer kurzen Zeitspanne (bis zu 2 Stunden) essen würden oder könnten, gekennzeichnet ist. Außerdem muss bei den Essanfällen ein Gefühl des Kontrollverlusts empfunden werden, die Erkrankten also nicht in der Lage sein, das Essen willentlich zu stoppen.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656285137
ISBN (Buch)
9783656285625
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202317
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
esstörungen perspektive vergleich ansätze psychologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Essstörungen aus systemischer Perspektive