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Die Aufklärung - Kampagne zur Gängelung der bürgerlichen Frau?

Über die Rolle der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert

Essay 2011 31 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Die Aufklärung der Frau – Fortführung der „Querelle des Femmes“?

2 Begriffe und Verständnis von Aufklärung

3 Bürgerliche gesellschaftliche Verhältnisse und Rollenzuweisungen

4 Fazit und Stellungnahme

5 Literaturverzeichnis
Internetquellen

6 Anhang
Anhang 1: Beantwortung der Frage: Dürfen Weiber gelehrte Kenntnisse haben? oder: Sind Weiblichkeit und wissenschaftliche Geistesbildung zu vereinigen? In: Journal für deutsche Frauen. 1805-1806. 1805 , 1.Jg.,1.Bd.,4.H. , S. 21 – 35 in: UB Bielefeld (2002-2008).

Eidesstattliche Versicherung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Um 1815, Historisches Museum Frankfurt/Main, in: Westhoff-Krummacher (1996)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Die Aufklärung der Frau – Fortführung der „Querelle des Femmes“?

Die Geschlechterfrage ist seit mindestens 200 Jahren mit der Frage der Gleichberechtigung eng verknüpft. Im 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, finden sich Stellungnahmen bezüglich der Rechte der Frau in der Gesellschaft und ihrer politischen Stellung in der sich neu formierenden bürgerlichen Gesellschaft. Die in der Renaissance als sogenannte „Querelle des Femmes“ begonnene Diskussion über die Fähigkeiten der Frau wird zunächst fortgeführt, in der Spätaufklärung aber verändert bzw. zurückgenommen. Es sind ohnehin nur wenige Adlige und gebildete, eher männliche Bürger der Oberschicht, die sich mit Fragen der Aufklärung und insbesondere mit denen der ‚Gleichberechtigung‘ der Frau auseinandersetzen, wenn davon zu dieser Zeit überhaupt gesprochen werden kann.

Mit J.J. Rousseau und seinem pädagogischen Werk „Émile ou de l‘Éducation“, das 1762 erscheint und ein breites Publikum findet, wird die Gegenbewegung eingeleitet. Er konzipiert ein binäres Geschlechtersystem, normiert unterschiedliche Rollen für die bürgerlichen Männer und Frauen. Mit dem Jahr 1793 und der schrecklichen Blutherrschaft der Jakobiner in Paris, schließt sich zudem die Debatte der Gleichheit und Frauenrechte in Frankreich und ganz Europa für einige Jahrzehnte, bis sie 1848 wieder neu aufgenommen wird.

Was nach 1750 bis zum Ende des 18. Jahrhundert geschieht, könnte, zumindest für Deutschland, ohne weiteres als breit angelegte Kampagne der Gängelung, Beschneidung und rechtlosen Unterordnung der Frauen unter eine patriarchalisch geführte bürgerliche Gesellschaft bezeichnet werden. Fraglich ist allerdings, ob die damals in diese Gesellchaft sozialisierten Frauen das auch so sehen wollen oder können. Dazu werde ich diverse Quellen heranziehen. Doch möchte ich jetzt nicht vorgreifen und zu Beginn meines Essays zunächst wichtige Definitionen und Begrifflichkeiten klären und dann einen Überblick über die gesellschaftlichen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts gewinnen, bevor ich eine Stellungnahme zur

2 Begriffe und Verständnis von Aufklärung

‚Aufklärung‘ als Begriff verdient eine genaue Betrachtung, da sich hierin sehr unterschiedliche Verstehensweisen verbergen können. Zunächst sprechen wir hier vom „Zeitalter der Aufklärung“, also von einem historischen Zeitraum, der eine große Zeitspanne zwischen 1600 und 1790 bezeichnen kann. Frühaufklärung in Deutschland meint dabei einen zeitlichen Radius, der sich auf das Ende des 17. und die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts bezieht. Der Begriff Spätaufklärung meint die Zeit nach 1750 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Darüber hinaus kann der Begriff auch spezifisch als literarischer, philosophischer oder auch pädagogischer Begriff genutzt, die Zeit der ‚Aufklärung‘ auch als ‚das pädagogische Zeitaltalter‘ (siehe Rousseau und die folgende pädagogische Debatte zur Kindererziehung und Schulbildung) oder als das ‚Zeitalter der Vernunft‘ bezeichnet werden. Was darunter zu verstehen ist, zeichnet u.a. die Beschreibung des Juristen Christian Thomasius (1655-1728), einem der einflussreichsten Frühaufklärer, im Jahr 1691 nach. Er spricht von Logik, einer „Lehre, wie man seine Vernunft recht gebrauchen solle“[1] und meint den richtigen „Gebrauch der Vernunft“ in der Vorrede seiner „Vernunftlehre“, als Gebrauch des allen Menschen eigenen, gottgegebenen Verstandes. Für ihn bedeutet Aufklärung im weitesten Sinne, dass allen Menschen dieser Gebrauch des Verstandes möglich sein müsse, egal welchen Standes er oder auch „eine Weibes-Person sei“[2] . Sein zentraler Gedanke ist also die Gleichheit aller Menschen in Bezug auf den Verstand. Weder der soziale Stand noch das Geschlecht spielen demnach in der Frühaufklärung und für Thomasius eine ausschlaggebende Rolle. Gerade weil er dies explizit erwähnt, verteidigt er die Gleichheit.

Ähnliches spricht aus dem Programm der Zeitschrift „Spectator“, das Joseph Addison(1672 -1719) im Jahre 1711 formuliert. Der „Spectator“ erkennt Frauen als wichtige Zielgruppe und soll ihnen dienen, sich ihres Verstandes zu bedienen, zu bilden und sich sinnvoll zu beschäftigen. Doch klingt hier schon leicht eine funktionale Bindung der ‚Frauenbildung‘ an.[3]

Immanuel Kant (1724 – 1804) äußert in einem Artikel der „Berlinischen Monatsschrift“ 1784 als „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ folgende Definition: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“[4] Er unterstellt Menschen, die nicht ihren Verstand gebrauchen, Faulheit und Feigheit. Gleichzeitig ist er davon überzeugt, dass „Selbstdenkende“[5] sich selbst aufklären können, sieht es sogar als notwendige Folge der Freiheit, von seiner Vernunft „öffentlichen Gebrauch zu machen.“[6] In seinem Artikel wird die weibliche Hälfte der Gesellschaft abqualifiziert. Im späten 18. Jahrhundert gilt bereits die Geschlechterdifferenz qua Anatomie als wissenschaftlich bewiesen und deshalb naturgegebener Grund für unterschiedliche Bildung und Ausbildung von Mädchen und Jungen.

Wenn also von „Aufklärung“ in der Spätaufklärung die Rede ist, gilt diese in Form der uneingeschränkten Ausbildung der Vernunft und des Verstandes vorrangig zunächst für die männliche Hälfte der (bürgerlichen Oberschicht der) Menschheit. Denn es werden im pädagogischen Bereich ebenfalls Einschränkungen gemacht, die sich auf die soziale Hierarchie (Herrscher und deren Staatsdiener sollen größtmögliche Bildung erhalten, die Untergebenen und die übrige Bevölkerung weniger) und letztlich auch auf die Ethnie (Völker in afrikanischen, südamerikanischen oder neu entdeckten Erdteilen brauchen keine Bildung, da sie nicht als gleichwertig begriffen werden) beziehen. Die naturwissenschaftliche ‚Entdeckung‘ der biologischen Unterschiedlichkeit wird genutzt, um eine anatomisch-begründete, daraus resultierende, angeblich naturgegebene duale und unterschiedliche Charakter- und Rollenzuweisung (weiblich/männlich) zu konstruieren. Dies bedeutet eine völlig andere Sichtweise gegenüber dem seit Jahrhunderten verstandenen Ein-Geschlechter-Modell. Frausein bedeutet nun Zurückgezogenheit, Schwachheit, Passivität, Emotionalität, Naturverbundenheit. Der Mann ist dagegen ein nach außen orientiertes, denaturiertes, aktives und rationales Wesen. Vernunft und Verstandesgebrauch gelten für Frauen nun eher als abträglich, da sie sich ihre Natürlichkeit erhalten sollen und sie von der Ausübung der ihnen nun nicht mehr von Gott her begründeten, sondern naturgemäßen, physisch angelegten Bestimmung ihrer zugedachten Rolle abhalten.

3 Bürgerliche gesellschaftliche Verhältnisse und Rollenzuweisungen

Für die sich allmählich verändernde Gesellschaft im Laufe des 18. Jahrhunderts, weg von der Stände- hin zur bürgerlichen Gesellschaft, brauchen die Menschen vor allem der bürgerlichen Oberschicht, die Staatsdiener, Intellektuellen bzw. Universitätsangestellten, eine klare Orientierung. Die Idee von der bürgerlichen Keimzelle des Staates, der bürgerlichen Familie, wird geboren. Der seit dem Mittelalter gemeinsam geführte Haus- und Erwerbsstand von Mann und Frau wird aufgelöst. Der bürgerliche Mann verlässt nun zu Erwerbszwecken das Haus. Da seine Rolle eine äußerst anstrengende und wichtige ist und er als einziger nun für den Erhalt der Familie sorgen muss, braucht er die Frau zu Rekreations- und Reproduktionszwecken im Hause. Sie muss dafür sorgen, dass er ‚seinen Job‘ machen kann.

Der Mann ist nun der offizielle Hausvorstand, die Ehefrau führt den Hausstand und die Erziehung der Kinder unter seiner Vorgabe. Gleichzeitig werden Frauen jede politischen und auch Erbrechte verwehrt. Frausein kann nun speziell zunächst für die Oberschicht des Bürgertums nur bedeuten, keinerlei beruflicher Tätigkeit mehr nachzugehen und heiraten zu müssen, um versorgt zu sein. Für diese totale Beschränkung wird in der Zeit der Spät-Aufklärung in jedem zur Verfügung stehenden Medium (vor allem in den moralischen Zeitschriften nach dem Beispiel des „Spectator“) geworben. Vor allem Frauen der oberen Bürgerschicht werden über ihre ‚Bestimmung‘, dem Mann zu gefallen, und die spezifischen Tätigkeiten im Rahmen ihrer triadischen Rolle (Ehefrau, Mutter, Hausfrau nach der Vorlage der „Sophie“ in Rousseau’s „Emile“) genauestens ‚aufgeklärt‘. Die sparsame und ökonomische Haushaltsführung, die Anleitung und Kontrolle der Dienstboten, die richtige Ernährung und das Verhalten der werdenden Mutter, die Pflege und Aufzucht der Säuglinge, die Erziehung der Kinder und die Pflichten als sorgende und liebevolle, sich unterordnende Ehefrau gehören nun zu den üblichen Themen der Literatur, die die bürgerliche Frau geboten bekommt – und auch liest! Es werden Idealnormen und Verhaltensmaximen verbreitet, die zur Ausbildung der bürgerlichen Frauen-Tugenden wie Sparsamkeit, Sittsamkeit u.a. beitragen sollen. Ziel ist immer wieder, die Frau auf ihre (untergeordnete) Position zu verweisen, um dem Mann zu gefallen und ihm zu dienen, damit er seine wichtige und anstrengende Familienernährerrolle ausfüllen kann. Ihre unterstützende Rolle im Hintergrund dient der Sicherung der sich neu formierenden bürgerlichen Gesellschaft, des modernen, aufgeklärten Staat und der Herrschaftsverhältnisse.

[...]


[1] Christian Thomasius (1691): In: Stollberg-Rilinger, B. (Hrsg.) (2000, 2010), S. 78.

[2] Christian Thomasius (1691): In: Stollberg-Rilinger, B. (Hrsg.) (2000, 2010), S. 79.

[3] Joseph Addison (1711): In: Stollberg-Rilinger (Hrsg.)(2000, 2010). S. 62-65.

[4] Kant, I. (1784): In: Stollberg-Rilinger, B. (Hrsg.) (2000, 2010): Stuttgart. S. 9.

[5] a.a.O., S. 11.

[6] ibid.

Details

Seiten
31
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656295495
ISBN (Buch)
9783656295815
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202258
Institution / Hochschule
Universität Trier – Fachbereich III, Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Aufklärung Geschlechterfrage 18. Jahrhundert Rolle der Frau Rolle der bürgerlichen Frau binäres Geschlechtersystem Campe Rousseau Zeitalter der Vernunft Spätaufklärung

Autor

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