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Intertextualität und Individualität in Fray Luis de Leóns "vida retirada"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fray Luis de León und seine Zeit
2.1 Siglo(s) de Oro
2.2 Fray Luis de León
2.3 Lyrik im frühen 16. Jahrhundert
2.4 Escuela sevillana und Escuela salmantina (zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts)

3 Imitatio in la vida retirada
3.1 Horaz
3.2 Epikur

4 Individualität
4.1 Interpretationsmöglichkeiten und anhaltende Beliebtheit
4.2 Struktur und Form der Antithese: Gegenüberstellung zweier Lebensarten

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der Literatur findet man zu Fray Luis de Leóns Vida retirada viele Artikel, Aufsätze etc., die sich vorwiegend mit dem Aufzeigen diverser Fälle von Intertextualität – insbesondere zu klassischen lateinischen und griechi­schen Werken – befassen. Dies ist zweifelsohne ein interessantes Thema, je­doch vermittelt diese vorwiegend auf Intertextualität abzielende Befassung mit der Ode auch zeitweise den Eindruck, dass die imitierten Autoren hier das ein­zig Erwähnenswerte wären. Daher werden in dieser Arbeit zunächst die wohl bekanntesten Fälle von Intertextualität in vida retirada – nämlich Horaz und Epikur – aufgezeigt. Danach allerdings soll verdeutlicht werden, dass dieses Werk des Fray Luis de León keineswegs eine bloße Aneinanderreihung antiker Topoi und imitierter Werke ist, sondern durchaus ein individuelles poetisches Kunstwerk. Die Arbeit dient also nicht dem Zweck, jeden Einzelfall von Imi­tatio ausfindig zu machen und zu erklären. Aus diesem Grund und um die Arbeit übersichtlich zu halten, werden hier beispielhaft nur die zwei bekann­testen Fälle beschrieben. Dazu werden Horaz‘ Epoden II und Carmina (2,10) und die Lehren des Epikur zum Vergleich herangezogen. Es wird dabei auch darauf hingewiesen, wie geschickt diese umgesetzt sind und so zu etwas Eigenem werden. Daraufhin soll geklärt werden, dass es sich bei dieser Ode des Luis de León trotz Imitatio um eine kunstvolle individuelle Dichtung han­delt. Insbesondere werden hier – in Anlehnung an Walters und Uría Maqua – einige formale Aspekte der Ode beschrieben, die dies zeigen werden.[1] Vorher soll aber einleitend noch kurz die Epoche, in der Luis de León lebte, beschrie­ben werden.

2 Fray Luis de León und seine Zeit

In diesem Abschnitt wird eine kurze Einordnung Luis de Leóns in seine Zeit und in die Siglos de Oro generell vorgenommen, die zu einem besseren Verständnis der weiteren Arbeit beitragen soll.

2.1 Siglo(s) de Oro

Die Epoche des Siglo de Oro erstreckte sich von 1492, dem Jahr in dem die Reconquista abgeschlossen und Amerika entdeckt wurde, bis zum Tod Karls II., also bis ca. 1700 und wird deshalb auch zum Teil als Siglos de Oro bezeichnet, da es sich um mehr als zwei Jahrhunderte handelt. Innerhalb dieses Zeitraumes steigert sich Spaniens politische Macht zunächst, um dann im 17. Jahrhundert wieder zu zerfallen. Dementsprechend erblüht auch die Literatur, die sich zum politischen Abstieg hin und den Veränderungen, die dieser für die Spanier mit sich bringt, dann zunehmend kritischer entwickelt. (vgl. Wittschier 1993: 56)

Die Gesellschaft im Goldenen Zeitalter ist abgestuft strukturiert (Adel, Mittelschicht inkl. Akademiker und Klerus, Volk und Unterprivilegierte), wo­bei innerhalb der Gruppen teilweise starke soziale Gefälle vorzufinden sind. Der Klerus genießt Privilegien wie eine eigene Gerichtsbarkeit und Steuerfrei­heit. Angesehen und kulturell sowie auch politisch und organisatorisch ein­flussreich sind zu dieser Zeit die Orden, wie z.B. der Augustiner-Orden, dem auch Luis de León angehörte.

Eine wirtschaftliche Verschlechterung ist bereits im 16. Jahrhundert zu erkennen. Die Einwohnerzahl – und somit die Arbeiterzahl – nimmt im Laufe des Jahrhunderts drastisch ab, teils durch Krankheiten und Kriege, teils durch Vertreibungen der Juden und Morisken. Bauern verschulden sich bei Wucherern. Wälder werden abgeholzt, um Material für den Schiffsbau zu er­halten. Zudem gibt es eine Organisation von Viehzüchtern (Mesta), die nachts durch ihre Schafe weitgehend die Felder abgrasen ließen und so der Getreide­wirtschaft schädigt. Als Spanien 1588 die Armada verliert, ist dies neben dem politischen Rückschlag natürlich außerdem das Aus für den Handel und führt zu Warenverknappung und Preissteigerungen.

Dieser im 16. Jahrhundert beginnende zunächst politische und infolge­dessen wirtschaftliche Verfall, der auf die glorreiche Zeit folgt, in der Spanien in Europa zu großer Macht gekommen und somit reich und bedeutend gewor­den war, führt in der Literatur dazu, „dass die Literaten kaum Grund haben, ihr Land zu preisen“ (Wittschier 1993: 60). Vielmehr geht es nun stattdessen häufig um Frustration und die Abwendung von der Welt, so wie sie ist.

Kulturell ist das Spanien des Siglo de Oro von den Universitäten und vom Katholizismus geprägt. Die Universitäten übernehmen und verbreiten den aus Italien kommenden Humanismus und damit zusammenhängende antike Vorstellungen und Normen. Auch mittelalterliches Denken wird allerdings an den Hochschulen beibehalten, vor allem in Salamanca. Dadurch, dass das ka­tholische Christentum ungebrochen in die Neuzeit übernommen wird, findet in Spanien keine Reform und Gegenreform statt, sodass mittelalterliche Prinzipien auch im Humanismus und in der Renaissance noch dominieren (vgl. Wittschier 1993: 57-60).

2.2 Fray Luis de León

1527 als Kind eines einflussreichen und erfolgreichen Anwalts (und später Richters) am königlichen Hof geboren, ist Luis de León der älteste Sohn einer angesehenen Familie. Er entscheidet sich allerdings bewusst dagegen, nach dem Vorbild seines Vaters weltlichen Idealen zu folgen, indem er schon mit 16 Jahren dem Augustinerorden beitritt. Er studiert an der Universität Salamanca Theologie und damit auch Latein und Griechisch. Ende 1561 erhält Luis de León einen Lehrstuhl an der Universität. In dieser Zeit – der des Tridentiner Konzils – kommt es häufig zu Anschuldigungen und Streitigkeiten in Glaubensfragen. Luis de León ist bei seinen Studenten und auch den Rekto­ren, unter denen er arbeitet, sehr beliebt. Dies und die Tatsache, dass er sich gegen die Dominikaner bei der Vergabe des Lehrstuhls durchgesetzt hatte, führen natürlich zu Neid und Ressentiment. So geschieht es, dass er zusammen mit seinen Kollegen Gaspar de Grajal und Martín Martínez verhaftet und ins Gefängnis der Inquisition nach Vallabolid gebracht wird. Vorgeworfen wird ihm, dass er den hebräischen Originaltext der Bibel statt der lateinischen Vul­gata verwendet habe, dem Judentum zugeneigt und kein „reiner“ Christ sei und außerdem, dass er eine spanische Übersetzung des Hohen Liedes angefertigt und verbreitet haben soll – trotz Verbot der Kirche. Aus heutiger Sicht kann man wohl sagen, dass er den hebräischen Bibeltext aufgrund wissenschaftlicher Korrektheit verwendet haben wird.[2] Die Übersetzung des Hohen Liedes hatte er auf Bitten einer Nonne für diese angefertigt und nichts davon gewusst, dass seine Übersetzung daraufhin veröffentlicht und verbreitet wurde. 1576 wird er dann – nach einem langen Prozess – letzten Endes freigesprochen, jedoch ver­warnt, in Zukunft vorsichtiger mit solch brenzligen Themen wie denen seines Prozesses umzugehen. Dennoch hält diese Warnung ihn nicht davon ab, sich auch nach seiner Freilassung für Verfolgte oder falsch Beschuldigte einzuset­zen, auch wenn dies bedeuten konnte, dass er sich damit wiederum den Unmut des Königs und der Kirche einhandelte. Inzwischen scheint aber sein Interesse für die Lehrtätigkeit hingegen abzunehmen (vgl. Vossler 1946:11-17). Vossler schreibt hierzu: „Er hatte allmählich zu Genüge erfahren, wie leicht Beifall, Missbilligung und träge Gleichgültigkeit in einem Hörsaal beieinander wohnen“ (1946: 17). Kurz vor seinem Tod 1591 wird Luis de León vom Ordenskapitel der Augustiner noch zum Ordensprovinzial für Kastilien gewählt. Bis zuletzt wurde er also zum einen von seinen Gleichgesinnten bewundert und verehrt und konnte sich zum anderen nicht zurückhalten (oder positiver formuliert: Er konnte es nicht zulassen), wenn er bemerkte, dass jemand ungerecht behandelt wurde. (vgl. Vossler 1946: 17)

Zu seinen Lebzeiten wurden lediglich zwei seiner Prosawerke unter seinem Namen veröffentlicht. Es war Luis de León nie wichtig, seine Werke drucken zu lassen und er ließ sich ungern „mit dem Lorbeer des Dichters auf der Tonsur des Mönches sehen“ (Vossler 1946: 24). Vossler schreibt außerdem:

So viel ihm an der Gediegenheit seines Werkes, an der Reinheit sei­nes Ausdrucks, den er zu überfeilen nicht müde wurde, immer lag: der persönliche Erfolg machte ihm keine Sorgen. Wenn aus einer Dichtung der Geist Gottes sprach, so fand sie auch – dies war sein fester Glaube – Gehör und Widerhall. War sie nur Spiel: nun wohl, so mochte sie verklingen und vergessen werden. (1946: 29)

Zudem sei Luis de Leon „kein Skrupulant und kein Schwächling“ (1946: 36) gewesen. Es ist also erkennbar, dass er zeitlebens stets versucht hat, Extreme zu meiden, was die Behandlung des Topos aurea mediocritas in vida retirada, worauf hier später noch eingegangen werden wird, besonders interessant macht.

Bei seinen Übersetzungsarbeiten beschäftigte sich Luis de León mit Euripides, Horaz, Pindar, Vergil, Tibull, Seneca, Petrarca, Bembo und Teilen der Bibel. (vgl. Wittschier 1993: 146) Seine kunstvollen Übersetzungen halfen ihm zweifelsohne auch dabei, seinen eigenen Stil zu entwickeln. Zum Einfluss seiner Übersetzungen schreibt Gallardo:

Porque traducción, imitación y poesía original son fases de un proceso de nutrición, en el que en la traducción se ingieren los alimentos que, tras una meditación digestiva, generan algo nuevo: la poesía Luisiana. (85)

2.3 Lyrik im frühen 16. Jahrhundert

Die Siglos de Oro sind ein Höhepunkt für die spanische Lyrik, die in dieser Zeit „quantitativ wie qualitativ ihren Zenit“ erreicht. (Wittschier 1993: 141) Insgesamt lässt sich die Lyrik der Siglos de Oro grob aufteilen in autochthone Dichtung, die sich weiterhin an spanischen Traditionen orientiert (ohne Einflüsse aus anderen Ländern) und in die humanistische Lyrik, die von Imitatio italienischer und antiker Vorbilder geprägt ist. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstehen vor allem Werke, die italienische Werke imitieren. Der Elfsilber wird nun häufig verwendet. „Man wählt italienische Formen, wie Sonett, Oktave (ottava rima), Terzine (terza rima), Cazone, aber – im Zuge des Humanismus – auch römische Formen wie Ode, Elegie, Epistel“. (Wittschier 1993: 142) Es entstehen beispielsweise viele petrarkistische Werke, die von der unerwiderten Liebe zu einer idealisierten Dame handeln. Garcilaso ist einer der wenigen Petrarkisten, die trotz Imitatio Originalität beweisen. „Er überrascht durch metrische Perfektion, strukturell technisches Vermögen, lyrische Musikalität, thematische Expressivität, wird so zum Klassiker“. (Wittschier 1993: 143-144) Selbstverständlich gab es auch eine entsprechende Gegen­bewegung von Schriftstellern, wie z.B. Cristoóbal de Castillejo, die sich ausdrücklich gegen eine italienisierte Immitatio-Lyrik aussprechen und mittel­alterliche Denkweisen transportieren. (vgl. Wittschier 1993: 141-145)

[...]


[1] Für eine ausführlichere Analyse von vida retirada siehe Macrí (1970).

[2] Vgl. hierzu auch Ford (1899: 270).

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656283867
ISBN (Buch)
9783656284062
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202225
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Imitatio Form Luis de León Siglo de Oro Siglos de Oro vida retirada descansada vida Intertextualität Fray Luis

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