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Gott erfahren - heute?

Theologie als Erfahrung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 15 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.. Einleitung: Wohin ist Gott?

2 Was ein Christ glaubt

3... Von der menschlichen Erfahrung zur Gotteserfahrung
3.1. Begriffsbestimmung: Menschliche Erfahrung
3.2. Gott erahnen - ermöglicht in den Grunderfahrungen des Menschenö
3.3. Gott erfahren - ermöglicht im Glauben an Jesus Christus
3.3.1. Was bedeutet glauben?
3.3.2. Begriffsbestimmung: Gotteserfahrung

4. Ein Beispiel für eine zeitgemäße Verkündigung: Katechese als Neuevangelisierung
4.1. Die Notwendigkeit einer neuen Form derGlaubensverkündigung
4.2. Die Wiederbelebung des altkirchlichen Katechumenats
4.3. Evangelii nuntiandi- Apostolisches Schreiben von Paul VI
4.3.1. Das gelebte Zeugnis
4.3.2. Die ausdrückliche Verkündigung
4.3.3. Die Zustimmung des Herzens
4.3.4. Der Eintritt in die Gemeinschaft
4.3.5. Der Empfang der Zeichen
4.3.6. Der Einsatz im Apostolat

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Wohin ist Gott?

„Die tiefste Erfahrung des Menschen ist nicht der Mensch, sondern Gott!“1 Dieser Satz des Philo­sophen und Physikers Carl Friedrich von Weizsäckers (1912-2007) trifft in den Tagen der Moderne auf eine Welt, die genau diese Aussage zu widerlegen scheint. „Das Geschehen in der Welt ist nur durch weltliche Faktoren erklärbar, so denken wir. [...] Gott ist kein handelndes Subjekt in der Ge­schichte mehr, bestenfalls eine Hypothese am Rand.“2 Die christliche Religion, das Glaubenswis­sen, sowie die dazugehörige Glaubenspraxis befinden sich in Europa immer mehr auf dem Rück­zug. Gott selbst scheint nicht nur kirchenfernen Menschen, sondern auch den Gläubigen immer fragwürdiger, da Er nicht erfahrbar in ihrem Leben auftaucht.3 Die rein immanente Deutung der Welt scheint Gott mehr und mehr überflüssig zu machen. Zudem lassen Naturkatastrophen wie etwa Tsunamis, Erdbeben und menschliche Tragödien wie Atomkraftunglücke und Kriege, Gott selbst als ohnmächtig, gleichgültig oder nicht existent erscheinen. Die Frage des Menschen ruft in diese Zeit hinein: Wenn es ihn wirklich gibt - wohin ist Gott? In diesen kurzen Gedanken wird be­reits deutlich, dass sich die Frage nach der Erfahrbarkeit Gottes in unserer Zeit mehr denn je stellt. Der christliche Glaube sagt, der lebendige Gott Israels, JAHWE, habe sich als Christus, in der Per­son Jesus von Nazaret ein für alle mal biographisch gezeigt. Gott habe sich der Welt erfahrbar, dem Menschen begreifbar gemacht. Wenn das wirklich wahr ist, so muss diese Wahrheit dem Menschen auch existentiell zugänglich sein, damit sie als solche bejaht und geglaubt werden kann. In meiner Arbeit werde ich diesen Gedanken nachgehen.

2. Was ein Christ glaubt

„Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens aus­drücken. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Ho­rizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“4 In diesen Worten Papst Benedikts XVI. ist die zentrale Glaubenswahrheit des Christentums ausgedrückt. Christ ist, wer der Liebe Gottes in der Person Jesus Christ begegnet und diesem sein Vertrauen schenkt. Der christliche Glaube spricht von der einzigartigen Offenbarung Gottes, der Möglichkeit einer Begegnung mit einer Per­son und feiert an seinen Hochfesten genau das: die Erfahrbarkeit Gottes. An Weihnachten kommt Gott in diese Welt und wird selbst Mensch. An Ostern erfahren die Jünger den Auferstandenen als lebendig. An Pfingsten erfahren die Jünger den Geist Jesu als Person gegenwärtig, dersie tiefer in die Wahrheit führt. (Joh 16, 7:13) „Das Evangelium verkündet nicht einen Gedanken, sondern eine Erfahrung. Eine Erfahrung, die sich nicht vorher ausdenken lässt, sondern erst - ohne Ende - be­dacht werden kann, nachdem das Unausdenkbare Ereignis wurde.“5 Demnach ist der tiefste Kern der christlichen Botschaft, dass Gott selbst sich dem Menschen erfahrbar gemacht hat, auch das tragende Argument, warum es sinnvoll ist, mit der Glaubensverkündigung bei der menschlichen Erfahrung anzusetzen. Gott selbst hat bei seiner Offenbarung, seiner Selbstmitteilung den Weg über die menschliche Erfahrung gewählt. Der Weg der Kirche durch die Zeit beweist, dass dieser Erfahrungsansatz sich bewährt hat und so gilt es, diesen altbewährten Weg wieder neu zu entde­cken und für die Glaubensverkündigung fruchtbar zu machen.

3. Von der menschlichen Erfahrung zur Gotteserfahrung

3.1. Begriffsbestimmung: Menschliche Erfahrung

Menschliche Erfahrung setzt stets Wirklichkeit voraus.6 Ganz im Gegensatz zu einer gedanklichen Konstruktion: der Mensch kann sich vieles ausdenken, wie zum Beispiel einen Vampir. Solange er ihm aber nicht begegnet, hat dieser noch keine Realität. Ich kann somit nur etwas erfahren, was auch wirklich existiert. Fahre ich durch ein Land, erfahre und begegne ich einer Wirklichkeit. Fahre ich häufig in dieses Land, werde ich zu einem besonderen Kenner und mir wird auf Dauer von an­deren eine Autorität, kraft meiner Erfahrung, zugesprochen. Erfahrung ist also zunächst Wahrneh­mung von Wirklichkeit. Diese Wahrnehmung der Wirklichkeit kann jedoch ganz unterschiedliche Ausdrucksformen annehmen. Es gibt die Wahrnehmung von Welt im Außen (Natur, Mensch, Tier, etc.), sowie die innere Erfahrung, die innere Wahrnehmung. „Innere Erfahrung ist Gefühlserfah­rung in der Wahrnehmung von Freude oder Angst; sie ist ästhetische Freude in der Wahrnehmung von Harmonie; sie ist ethische Erfahrung in der Wahrnehmung eines Gewissensanspruchs; sie ist religiöse Erfahrung in der Wahrnehmung einer Beziehung zu jenem letzten Grund, den wir Gott nennen.“7 Entscheidend hierbei ist der Umstand, dass wir das, was wir in unserem Leben erfahren, äußerlich wie innerlich stets subjektiv beurteilen oder deuten. „Erfahrung ist eine kritisch wertende Beurteilung dessen, wodurch wir betroffen sind.“8 Jemand, der die Welt als Schöpfung Gottes wahrnimmt, beurteilt jenes, was ihn betrifft stets anders, also immer von Gott her kommend, als je­mand, der die Welt aus einem Zufall entstanden sieht. Wenn der einleitende Satz Weizsäckers wahr ist, dass die tiefste menschliche Erfahrung nicht der Mensch, sondern Gott selbst ist, dann stellt sich die Frage: Lässt sich Gott tatsächlich, als eine konkrete Wirklichkeit, erfahren oder zu­mindest erahnen?

3.2. Gott erahnen - ermöglicht in den Grunderfahrungen des Menschen

Der Mensch der Moderne ist kein anderer wie der Mensch der Antike. Die äußeren Bedingungen mögen sich stark verändert haben, dennoch sind letztlich alle Menschen im Innersten ihres We­sens gleich. Jeder Mensch erfährt sich in dieser Welt als Fragender, Suchender, Begrenzter, als Staunender und als Unvollkommener. Jeder trägt im Grunde seines Herzens die gleichen Fragen in sich: Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Was hat das Leben für einen Sinn? Was bedeuten Al­ter, Krankheit, Schmerz und Verlust? Wie gehe ich mit der Unausweichlichkeit des Todes um?

Doch nicht nur Leiderfahrungen sind uns allen gleich aufgetragen. Es gibt auch das Große, das Schöne in dieser Welt. Wir erfahren Liebe, Vertrauen und Freundschaft. Wie kann es gelingen, dass diese Erfahrungen von Bestand sind? Gibt es überhaupt etwas oder jemanden, der die Sehn­sucht nach ewig gültigen Dingen stillen kann? Wir können demnach sagen, dass alle Menschen, in unterschiedlicher Weise und divergierender Intensität, dieselben Erfahrungen machen. Die Grunderfahrungen des Menschen sind also Momente, in denen der Mensch sich schon immer und zu allen Zeiten befand. Wenn auch Gott nicht eindeutig in dieser Welt anzutreffen ist, so offenbart sich uns im Innern ein letzter und uns alle verbindender Grund. Gott zeigt sich gerade in den Grunderfahrungen des Menschen, als eine Wirklichkeit, die uns alle unbedingt angeht (Paul Tillich).9 Zu den Grunderfahrungen des Menschen gehört neben der äußeren Wahrnehmung der Welt auch die geistige Wirklichkeit, die sich nicht immer sofort und als solche zeigt. Sie ist gleich­sam verborgen und doch alles entscheidend für unser Leben. Viele Gründe sprechen daher in der Vermittlung von Glaubenswahrheiten für einen Ansatz bei den menschlichen Grunderfahrungen. So kann der Mensch auf der Spurensuche nach dem lebendigen Gott bereits in seinem eigenen Leben fündig werden. Um diese These einsichtig zu machen, stellen wir folgende Überlegungen an: Nehmen wir, zum Beispiel, die innere Stimme im Menschen, die mir die Anwesenheit eines An­deren anzeigt, einer richtenden Instanz, welche von mir Verantwortung für mein Tun fordert. Diese Stimme, das Gewissen, das in mir spricht, ist keine unpersönliche Größe, geformt etwa allein durch Erziehung oder die Geschichte, sondern etwas Lebendiges, etwas, was von mir Wahrheit einfordert: das Gewissen ist etwas, was mich, besonders bei existentiellen Fragen, anruft und an­fragt. „Das Gewissen ist der Wahrheitsort. [...] Es liegt im tiefsten Kern des Menschen- Mensch­sein heißt Gewissen haben.“10 Der, der mich dort anruft, kann nur ein Gegenüber, mir ähnlich, eine Person sein. „Der lebendige Gott spricht in der Stimme unseres Gewissens.“11 Diese Wirklichkeit ist jedem Menschen zugänglich und kann als Anwesenheit Gottes in meinem Leben erfahren und bejaht werden. Eine weitere Grunderfahrung des Mensch ist die Natur selbst, in der er lebt. Im Grunde spürt jeder in seinem Leben, dass es in der Welt, und all dem Großen in diesem Univer­sum einfach mehr geben muss; dass es Größeres als den Menschen gibt. Wer im Blick auf die Na­tur wach schaut, kann schon von der Majestät eines Schöpfers ausgehen, der alles wunderbar ge­schaffen hat. So ist sich schon der Apostel Paulus sicher: „Was man von Gott erkennen kann, ist ihnen (den Menschen) offenbar. Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit aus den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, ange­schaut, seine ewige Macht und Gottheit.“ (Röm 1,18f). Die Frage also, nach der Schönheit und un­ermesslichen Größe dieser Schöpfung kann einen Hinweis geben auf den, der da hinter steht. Je­mand muss die Gesetze der Natur, des Universums in einer wunderbaren Ordnung begründet ha­ben. Viele Wissenschaftler halten es für vernünftig, diese These anzunehmen, aber dennoch ist das noch kein Beweis für die Existenz Gottes. Auch hier ist ein Akt des Glaubens vonnöten, der diese Indizien für eine Möglichkeit der Offenbarung Gottes annimmt und als Wirklichkeit in der Schöpfung anerkennt. Auch in den negativen Erfahrungen des Menschen können wir Spuren Got­tes ausmachen, insbesondere im Hinblick auf leidvolle Erfahrungen, an den Grenzen des Le­bens. Gerade die Erfahrungen von Schmerz, Krankheit, Unheil und Tod werfen Fragen auf. Zu al­lererst sucht der Mensch nach einem Sinn, der in diesen Erfahrungen steckt. Warum gibt es all das Schlimme und Schmerzvolle in dieser Welt? Hat das Leid einen Sinn? Der Tod ist die letzte, end­gültige Grenze des Lebens, die jeder Mensch erfahren muss. Doch was kommt danach? Gibt es ir­gendetwas, das bleibt? All diese Fragen nach dem Letzten, dem Bleibenden und dem Warum des Lebens überhaupt, die scheinbar innerweltlich nicht erklärbar sind, lassen einen außerweltlichen, transzendenten Grund, einen Hinweis auf Gott zu, der auf eben diese offenen Fragen Antwort ge­ben kann. Ein Mensch ohne diese „Antwort des Himmels“ bleibt sich sonst ein ungelöstes Rätsel. Dennoch kann auch das alles nur Einbildung oder der verzweifelte Versuch sein, der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins zu entfliehen. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage seiner Exis­tenz kann der Mensch Gott entdecken, kann er Gott erahnen. Er kann bis zu einer gewissen Gren­zen diese Indizien in den eigenen Lebenserfahrungen als Anwesenheit Gottes deuten. Dennoch ist das ganze noch unvollständig, ist die Gotteserkenntnis begrenzt. Wie kann er über die Grenzen seines Daseins hinaus Gott wirklich erfahren, dieser letzten Antworten inne werden? Im Grunde ist der Mensch selbst, als endliches Wesen, die Grenze zum lebendigen Gott. Soll Gott also über die Grenzen des Menschseins hinaus erfahrbar sein, so muss dieser sich dem Menschen offenbaren. Gott muss selbst Mensch werden, in die menschliche Geschichte eintreten und sich in den Geset­zen und den Grenzen menschlicherWahrnehmung mitteilen.

4.3. Gott erfahren - ermöglicht im Glauben an Jesus Christus

Der christliche Glaube sagt: Gott hat sich gezeigt, Gott hat geantwortet. In der Offenbarung, im Le­ben von Jesus von Nazareth wird alles über Gott, die Schöpfung und den Menschen gesagt. Jesus selbst gibt keine Antworten, er selbst ist die Antwort Gottes auf die Fragen der Menschen. Wer die­se Offenbarung Gottes in Jesus Christus annimmt, wer so die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes macht, wird durch ihn seine existentiell wichtigen Fragen beantwortet bekommen und ist von die­sem Moment an selbst zur Antwort gerufen.

4.3.1. Was bedeutet glauben?

Wir sagen, Gott kann im Glauben an Jesus Christus erfahren werden. Doch was genau bedeutet das - glauben? Die Schwierigkeiten, welche sich mit dem Begriff glauben ergeben, sind offensicht­lich. Nicht immer ganz in seiner Aussage eindeutig, wird dem Glauben häufig nachgesagt, er sei noch nicht vollständiges Wissen, sondern ein Vermuten. Nicht wenige halten 'glauben' für etwas Altbackenes, ein Relikt aus alten Tagen. Dabei ist 'glauben' ein Wort, das uns alle täglich umgibt. Rein menschlich gesprochen ist der Glaube ein Geschehen zwischen zwei Personen. Nehmen wir beispielsweise den Satz: „Ich glaube Dir, dass du die Wahrheit sprichst, weil ich Dich kenne.“

[...]


1 In: Reiner Wimmer, Religionsphilosophische Studien in lebenspraktischer Absicht, Freiburg (Academic Press ) 2005, 94.

2 Joseph Cardinal Ratzinger, Gott ist uns nah. Eucharistie: Mitte des Lebens, Augsburg (St. Ulrich) 2005, 141.

3 Vgl. Raphael Schulte, Günter Koch, Der dreieine Gott - Gott unsres Heils (AK LB 6), Hg. von Theologie im Fernkurs, Würzburg 2008, 53.

4 Benedikt XVI., Enzyklika Deus Caritas est (25. Dezember 2005), 1: AAS 98.

5 Jörg Splett, Reden aus Glauben. Zum christlichen Sprechen von Gott, Frankfurt a.M. (Knecht) 1973, 144.

6 Im folgenden Abschnitt beziehe ich mich im Wesentlichen auf: Viktor Hahn, Gott erfahren-heute (AK LB 7) Hg. von Theologie im Fernkurs, Würzburg 2004, 6.

7 Ebd. 6.

8 Ebd. 7.

9 Vgl. Gerard Siegwalt: Die Begegnungen der Weltreligionen im Denken Paul Tillichs, http://www.premiumorange.com/theologie.protestante/gerardsiegwalt/pdf/1987%20Die%20Begegnung%20der %20Weltreligionen.pdf [18.07.2012]

10 Jörg Splett, Menschsein vor Gott. In: J.Schmidt/M.Splett/T.SplettP.-O.Ullrich Hg., Mitdenken über Gott und den Menschen. Dialogische Festschriftfür Jörg Splett, Münster 2001, 208.

11 Romano Guardini, Vom lebendigen Gott, Leipzig (St. Benno) 1955, 81.

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656284611
ISBN (Buch)
9783656285885
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202192
Institution / Hochschule
Katholische Akademie Domschule Würzburg
Note
2,3
Schlagworte
Theologie als Erfahrung Katechese Erfahrung Gotteserfahrung Glaube Neuevangelisierung Christsein Grunderfahrungen

Autor

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