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'Moskwa Citi' und Gentrification im postsowjetischen Moskau

von Frank Schmidt (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 12 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Moskau
2.1. Moskau Heute
2.2. Moskau als sozialistische Stadt
2.3. Moskau als „Global City“

3. Gentrification
3.1. Begriffserläuterung
3.2. Moskauer Gentrification

4. „Moskwa-Siti“

5. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Stadt mit dem Beispiel Moskaus als Forschungsgegenstand zur Untersuchung soziologischer Phänomene ist deshalb besonders interessant, weil sich hier die Strukturen der Gesellschaft am deutlichsten in räumlichen Anordnungen manifestieren [Löw/Steets/Stötzer 2008: 9]. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem Vergleich mit der sozialistischen Zeit und die wirtschaftliche Transformation bildet den kausalen Mittelpunkt. Nichtsdestotrotz wird sich zeigen, dass Merkmale lokaler Urbanisierungsprozesse wie der Gentrification auch als globales Phänomen im globalen Kontext, dass heißt in Relation zu Städten in anderen Teilen der Welt untersucht werden müssen [Gdaniec 2005: 55f]. Für diese Arbeit bedeutet das im Besonderen, dass bei der Betrachtung der Prozesse in Moskau auch der Blick dafür bewahrt werden soll inwiefern sich die Moskauer Prozesse von ähnlichen Vorgängen in den letzten Jahren in Westeuropa und dem Anglo-amerikanischen Raum unterscheiden. Am Fallbeispiel von „Moskwa-Siti“ soll aufgezeigt werden, in wieweit sich diese Prozesse auf weltweiter Ebene in ihren Erscheinungsformen und Ursachen ähneln und selbstverständlich auch unterscheiden.

Um die Basis für die Entwicklung der Gentrification hintergründig zu verstehen, ist es unerlässlich die verschiedensten Transformationsprozesse die in der Stadt in den letzten Jahren seit dem Zusammenbruch der UdSSR stattgefunden haben zu begreifen. Deshalb wird diese Arbeit zunächst einen Überblick über Eckdaten der Stadt Moskau und einiger ihrer Facetten schaffen, mit dem Ziel ein Bild von Moskau heute und im historischen Kontext und Kontrast zu erhalten um die späteren Ausführungen vor diesem Hintergrund einordnen zu können. Eine tiefgründigere, zwar potentiell aufschlussreiche und sicherlich auch interessante Übersicht über die Moskauer Geschichte oder die verwaltungspolitische Gliederung würde leider den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Anschließend wird der Versuch einer Einführung zum Begriff Gentrification gewagt um die Konzepte dann mit der Vorstellung des Beispiels „Moskwa Siti“ zu illustrieren.

2. Moskau

2.1. Moskau Heute

Moskau, von Lew Tolstoi die „Heilige Mutter“ der Russen genannt, ist in vielerlei Hinsicht das Zentrum des heutigen Russlands. Als Hauptstadt mit rund 14,2 Millionen Einwohnern ist sie nicht nur die mit Abstand größte Stadt des Landes sondern eine der größten Städte Europas. Moskau ist das politische Zentrum des zentralistischen Russlands, Sitz des Parlaments und Verwaltungsapparats und der meisten international agierenden Unternehmen Russlands [Borowski/Grünewald 2005, 15]. Nicht zuletzt als Konsequenz dessen kann die Stadt auch besonders als wirtschaftlicher Mittelpunkt bezeichnet werden. Bei dem höchsten Lohnniveau des Landes und fast Vollbeschäftigung werden rund 20 Prozent des gesamten Russischen Bruttoinlandsproduktes und rund 17 Prozent des industriellen Produktion allein hier erwirtschaftet [Shaw 1999, 188]. Die Stadt ist der kulturelle, politische und wirtschaftliche Mittelpunkt des Staates und vereint in die Vielfältigkeit Russlands in sich. Heute wie auch historisch betrachtet, stellt Moskau eine Art Magnet für Menschen aus der ganzen Föderation und den umliegenden Ländern der ehemaligen Sowjetunion dar. Bereits 1939 wurden vom Kreml restriktive Zuzugsbedingungen eingeführt um dem Strom der zuwandernden auf der Suche nach höheren Löhnen und besseren Lebensstandards Herr zu werden. Bis heute ist es für viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen ein Privileg geblieben sich in Moskau legal niederlassen zu können.

Der Transformationsprozess den die Stadt in den letzten Jahren durchlaufen hat wird besonders deutlich wenn der oben geschilderten Status Quo vor dem Hintergrund der Situation Moskaus vor gut 17 Jahren betrachtet wird. Vor dem Dezember 1991 war Moskau die Hauptstadt der rund 70 Jahre lang bestehenden Sowjetunion, einer Supermacht und eines der Machtzentren der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges. Dementsprechend viel Aufmerksamkeit wurde der Stadt in diesem Zeitraum in jederlei Hinsicht zuteil. Nach der Auflösung der UdSSR änderte sich besonders für Moskau die Situation dramatisch. Mit der Sowjetunion brachen auch die Moskauer Wirtschaft und viele der ansässigen Unternehmen zusammen. Die hohe Verschuldung des Staates machte sich hier in einem besonders drastischen Kontrast bemerkbar. Für die Bewohner Moskaus war das alte sowjetische System jedoch offensichtlich noch in den meisten Sphären des Lebens spürbar [Gdaniec 2005: 188]. Auf dem Weg zu einer moderneren Großstadt etablierte sich das neue System nur langsam und die mit ihm verbundenen Vorteile waren nicht für alle gleich nutzbar. Nur wenige Unternehmer hatten sich schon in den vorhergehenden Jahren unter den Entwicklungen Michail Gorbatschows Politik der Perestroika auf die sich ändernden Handlungsbedingungen einzustellen gewusst [Borowski/Grünewald 2005, 20]. Aus ihren Reihen kamen diejenigen, die wenig später im russischen Volksmund „Swetskije ljudi“, „Menschen im Licht“, oder auch „Die Neuen Russen“ genannt wurden.

Auch heute besitzt, wie in den meisten Teilen der Welt, ein kleiner Teil der Moskauer Bevölkerung einen Großteil des Geldes. Diese Entwicklung macht den Zusammenbruch der verhältnismäßig homogenen Sozialstruktur der ehemaligen Sowjetunion deutlich [Borowski/Grünewald 2005, 18]. Obwohl sicher noch ein enormer Teil der Moskauer Einkommen in der Schattenwirtschaft verdient wird, liegt das Durchschnittseinkommen in Moskau mit ca. 400€ über dem Landesschnitt. Mittlerweile verdienen immerhin ca. 20 Prozent der Bevölkerung mehr als 900€ im Monat und bilden eine gehobene Mittelschicht ähnlich europäischer Maßstäbe heraus [Borowski/Grünewald 2005: 17, 19]. Solche politischen und ökonomischen Transformationsprozesse sind selbstverständlich nicht spezifisch für Moskau zu sehen, sondern bilden auch in Nordamerika und Westeuropa die Wurzel für Prozesse wie der Gentrification [Gdaniec 2005: 56].

2.2. Moskau als sozialistische Stadt

Die Darstellung Moskaus als sozialistische Stadt soll ein weiterer Schritt in Richtung einer differenzierteren Betrachtung der Stadt sein, besonders im Vergleich mit nordamerikanischen und westeuropäischen urbanen Räumen. Die städtebaulichen Visionen und Planungen sozialistischer Staaten wie der Sowjetunion haben die Stadtplanung und so die urbane Struktur sehr viel stärker beeinflusst als es in westeuropäischen Nationen der Fall war [Löw/Steets/Stötzer 2008: 102]. Diese Einflussnahme beginnt mit der Zielformulierung, der Mitformung, das heißt sozialer und räumlicher Organisation, einer kommunistischen Gesellschaft und der einhergehenden Lebensweisen durch die Stadtplanung und den urbanen Raum [Löw/Steets/Stötzer 2008: 102 und Gradow 1971]. Diese auf Karl Marx zurückgehende Vorstellung der Einbindung von Individuen in eine kollektive Gesellschaft hat unter anderem das Verschwinden der Familie als kleinste wirtschaftliche Einheit und damit einer andere Einstufung der Hauswirtschaft als gesellschaftlichem Zweig zur Folge [u.a. Löw/Steets/Stötzer 2008: 103]. Die resultierenden mehr oder weniger radikalen Utopien städtischen Raumes haben sich beispielsweise in Form von Gemeinschaftswohnungen, „Kommunalkas“ [Gdaniec 2005] in der Erscheinung Moskaus erhalten und die Gegensätze zu „westlichen“ Städten geprägt.

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Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656282600
ISBN (Buch)
9783656283416
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202174
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Schlagworte
moskwa citi gentrification moskau

Autor

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    Frank Schmidt (Autor)

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