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Die Türkei als künftiges Öl- und Gas-Transitland und ihr Engagement in der Region Kaspisches Meer/Zentralasien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Vorbemerkungen/Zielstellung: Die Türkei vor den Toren Europas

I: Einleitung: Zur politischen Ökonomie von Erdöl und Erdgas
1. Energie- und Geostrategie im kaspischen Raum – Akteure, Interessen, Konfliktpotentiale: eine Bestandsaufnahme des Rohstoffbedarfs der an der Region interessierten Länder
1.1 Die außerregionalen Hauptakteure
a) Amerikanische Konzeptionen
b) Europäische Energiepolitik

II: Zur Standortbestimmung der Türkei in der Region Kaspisches Meer/ Zentralasien und in der Welt: das Erbe des Osmanischen Reiches
1. Einleitung
2. Von der Staatsdoktrin des Kemalismus zum heutigen Mehrparteiensystem
Exkurs: Das türkische Spiel mit den Kurden geht weiter oder über die ungelöste „Kurdenfrage“ in der Türkei
3. Nationale Wirtschaftsinteressen und Grundprobleme der Außen- und Sicherheitspolitik
4. Die Türkei und ihre kaukasischen Nachbarn: Die außenpolitische Position der Türkei im Kontext internationaler Politik
5. Schlussfolgerungen und Rückwirkungen

III: Entwicklungsperspektiven für die Region Kaspisches Meer/ Zentralasien und das Engagement der Türkei in dieser Region

IV. Bibliographie

0. Vorbemerkungen/ Zielstellung: Die Türkei vor den Toren Europas

Einst war das Territorium der heutigen Türkei der Ausgangspunkt für die in die Geschichte eingegangene „Seidenstraße“, die die Reichtümer des inneren und östlichen Asiens an Europa vermittelte. Zu Anbeginn des neuen Jahrhunderts, insbesondere nach den brisanten Ereignissen des 11. September 2001 in New York und Washington, die ihre unmittelbaren, langfristigen sowohl politischen als auch militärisch- strategischen Auswirkungen für den Nahen Osten, den Persischen Golf sowie für die hier näher zu betrachtende Kaukasus- Region schnell gezeigt haben, hat die Türkei eine ganz neue Bedeutung gewonnen, da sie am Kreuzungspunkt der wichtigsten Exportrouten für Erdöl und Erdgas aus dem kaspisch - zentralasiatischen Raum nach Europa liegt[1] .

Im Kaukasus und in Mittelasien kommen Europa und die Türkei als neue Ordnungsfaktoren in Frage und beginnen auch langsam, diese Rolle auszufüllen. Doch wie weit ist die „Neue Weltordnung“ in Mittelasien und im Kaukasus nach rund zehn Jahren entwickelt? Welche konkreten Herausforderungen und Probleme ergeben sich hieraus für die Türkei und die EU?

Hierüber sollen die folgenden Ausführungen einer Hausarbeit im Fachbereich der Politikwissenschaft einen ersten Überblick geben, dem daher vor allen Dingen der Fokus auf dieser künftig neuen Rolle der Türkei als „Erben des Osmanischen Reichs“ in Zentralasien bzw. am Kaspischen Meer zugrunde liegen soll.

Jedenfalls halten wir an dieser Stelle schon eines fest: Die Türkei hat sich nachdrücklich für den Bau der Erdöl-Leitung Baku (Aserbaidschan)- Tiflis (Georgien)- Ceyhan (Türkei) eingesetzt. Bereits Staatspräsident Ahmet Sezer, ein Vorgänger des heute designierten Vorsitzenden der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), Recep Tayyip Erdogan, eröffnete die Bauarbeiten in Baku feierlich am 18.September 2002.

Am 10.Dezember 1999 haben die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) in Helsinki der Türkei zudem den Status eines Kandidaten auf Vollmitgliedschaft eingeräumt. Damit wurde ihr im Hinblick auf den Erweiterungsprozess der Union der gleiche Ausgangspunkt wie zwölf weiteren ost- und südosteuropäischen Staaten zugesprochen. Wie weit der Weg Ankaras bis zur Erreichung der Vollmitgliedschaft auch sein mag, so wurden doch damit alle Unsicherheiten und Zweideutigkeiten abgelegt, die das Verhältnis der Türkei und der EU über Jahre belastet haben. Es liegt nun an Ankara, seine „Hausaufgaben“ zu erledigen, von denen immer wieder gesprochen worden ist. Die EU ihrerseits hat sich verpflichtet, für diesen Fall am Ende jenen Schritt zu vollziehen, der bereits im Assoziierungsabkommen vom 12.September 1963 vorgesehen war[2] .

Wie damals auch, wurde die Entscheidung nicht in Betrachtung der inneren Qualität der Türkei gefällt. Schon 1963 war es in erster Linie die besondere strategische Qualität des Landes, die den Wunsch bestimmte, es so eng wie möglich an Europa zu binden. Auch 36 Jahre später war es nicht der europäische Charakter der Türkei, von dem sich die in Helsinki Versammelten hätten leiten lassen. Mit Blick darauf gab es vielmehr zahlreiche Kritikpunkte, Zweifel und Fragezeichen[3] . Gewürdigt wurde vielmehr der politische Stellenwert der Türkei im Rahmen eines komplexen regionalen und internationalen Umfeldes von hohem politischen, sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen für die EU und den Westen - einschließlich der USA - insgesamt.

Mit der Entscheidung in Helsinki soll die Türkei der EU angenähert werden. Damit verbindet sich die Hoffnung auf umfassende innere Reformen im Geiste europäischer Wertvorstellungen, die das Land im Inneren stabil und in seiner Außenpolitik berechenbar erhalten sollen. Damit ist jedoch keinesfalls gesagt, dass das EU – Mitgliedschaftsversprechen an die Türkei tatsächlich auch zum nächst möglichen Termin im Jahre 2004 eingelöst werden, wie es etwa die baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen sowie im Zuge der EU- Osterweiterung Länder wie Polen, Rumänien, Bulgarien, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Slowakei oder die Inseln Malta und Zypern zum 1.Mai 2004 betreffen dürfte. Vielmehr sollen erst im Anschluss die Beitrittsverhandlungen ohne Verzug aufgenommen werden, wenn der Europäische Rat im Dezember desselben Jahres auf der Grundlage eines Berichts der Kommission entscheiden sollte, dass die Türkei die politischen Kriterien für einen Beitritt erfüllt.

Tatsächlich beginnt man sich also vor allem unter den europäischen Partnern mit der Türkei nur langsam darüber klar zu werden, welch tiefgreifender Wandel sich in und mit dem Land vollzieht. Nur wenige Länder sind von dem weltpolitischen Umbruch der beginnenden neunziger Jahre so nachhaltig betroffen worden wie die Türkei. Das trifft sowohl die innere Verfasstheit (über die nicht an dieser Stelle, sondern unter Kapitel II.2 näher zu sprechen sein wird) als auch für die außenpolitischen Beziehungen zu Russland und den sog. „Turkrepubliken“, die ehemals unter sowjetischer Herrschaft standen. Ankara sucht einen neuen Platz in der Region wie in der internationalen Politik insgesamt einzunehmen.

Die weltpolitischen Entwicklungen seit 1989/90 - insbesondere der Fall der Berliner Mauer in Verbindung mit dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung und der sich beschleunigenden Desintegration der Sowjetunion (SU)- ,d.h. das definitive Ende des Kalten Krieges haben zu einer grundlegend veränderten Situation geführt, auf die vor allen anderen die türkische Außenpolitik nahezu umgehend reagierte. Damit ist das Land außenpolitisch gleichzeitig herausgefordert, um das ihr zugewachsene Umfeld von äußerster Komplexität zu bewältigen. Ankara kann sich weder auf die spendid isolation („vollständige Ungebundenheit“) des Staatsgründers zurückziehen noch bieten internationale Bündnis- und Sicherheitsstrukturen einen Rahmen, innerhalb dessen die außen-, wirtschafts-, und sicherheitspolitischen Belange und Interessen des Landes hinreichend wahrgenommen werden können. Die Türkei ist zunehmend ein regionaler Akteur geworden, der diese Interessen gerade auch eigenständig zu vertreten sucht und zunehmend auch von diesem Recht Gebrauch macht.

Doch zunächst möge sich die Einleitung dieser Ausarbeitung noch mit einigen allgemeinen bzw. politisch- ökonomischen Worten zum Erdöl als strategisches Gut, damit also als Gegenstand der Preis- und Außenpolitik in den entsprechenden „Verbraucherländern“ einerseits, und als ökonomisches Lebensmittel für die „Lieferstaaten“ andererseits, beschäftigen Denn: Um einen wirklichen Einblick in die wirtschaftlichen und außenpolitischen Verhandlungsstrategien und den alltagspolitischen Einfluss der weltweit vorhandenen Erdöl- und Erdgasressourcen und den mit ihnen auf zwischenstaatlicher Basis vereinbarten Preis zu gewinnen, um diese markt-wirtschaftlichen sowie sicherheitspolitischen Auswirkungen - in einem nächsten Schritt- insbesondere im Hinblick auf die Rolle der Türkei als Nato-Partner der USA und EU- Mitgliedskandidat zu untersuchen, können die folgenden Äußerungen nicht umgegangen werden. Denn von der Beantwortung der im Laufe dieses Abschnittes entstehenden Fragen und Schwierigkeiten hängt zuviel für alle Beteiligten in der Region des Kaukasus bzw. Zentralasien ab, wie jüngst auch die schrecklichen Entwicklungen in Istanbul und im Falle Georgiens[4] die gewaltfreie Absegnung eines Präsidenten - beide November 2003 - auf eine schier penetrante Art und Weise wieder unter Beweis gestellt haben. Dabei konnte man eine Zeitlang glauben, dass die Türkei vom Internationalen Terrorismus verschont bleiben werde. Doch gerade die Bombenanschläge vom Wochenende des 21./22. November 2003 in Istanbul – der europäischsten Stadt in der Türkei - haben gezeigt, dass auch dieses Land vor solchen Angriffen auf unschuldige Zivilisten nicht gefeit ist. Aus dem Blickwinkel fanatischer Prediger des Glaubenskrieges gehört eben auch und gerade dieses Land durch Gewalt „abgestraft“, da es als Nato-Mitglied besonders eng mit Amerika und dem Westen zusammenarbeitet, und auch mit Israel eine ständige militärische Kooperation unterhält. Zudem pocht Ankara immer lauter an die europäische Tür[5] .

I. Einleitung: Zur politischen Ökonomie von Erdöl und Erdgas

Die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Staaten werden häufig unter dem Terminus „Internationale Beziehungen“ subsumiert. „Internationale Politik“ kann danach in idealtypischer Betrachtungsweise zum einen als Politik angesehen werden, deren Aktionsbereich im Zwischenraum der Staaten liegt, zum anderen, als Politik, deren Akteure u.a. auch Nationalstaaten sein können. Die traditionelle zwischenstaatliche Politik befindet sich aber stets in Austauschprozessen mit anderen Politikfeldern. So lässt sich die Politik zwischen Staaten heute nur verstehen, wenn zugleich der weite Bereich der innerstaatlichen Einflussgrößen mit einbezogen wird. Gerade in den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein dafür geschärft, dass es nicht immer die Regierungen sind, die entscheidende Regelungen für das Leben der Bürger treffen: Große Unternehmen, nationale wie multinationale, beeinflussen das wirtschaftliche Geschehen ebenso wie die Wirtschaftspolitik einer Regierung oder die Geldpolitik einer Zentralbank. Am Beispiel steigender Ölpreise lässt sich daher vielmehr sagen, dass „für das System der westlichen Industriestaaten das traditionelle Modell der Welt als einer Welt von Staaten... hinfällig geworden [ist]“.[7] Manche Autoren gehen sogar so weit, dass sie eine Zunahme transnationaler Beziehungen auf der nichtstaatlichen Ebene sehen: Wirtschafts-, Finanz-, Sozial-, Entwicklungs- und Wissenschaftspolitik seien in einen sich verstärkenden, „von außen“ durchdrungenen Verflechtungsprozess einbezogen. Durch eine sogenannte Entzugsmacht international agierender Konzerne etwa, die immer häufiger zu diesem Druckmittel greifen, wird die Forderung verbunden, die jeweilige heimische Steuer und/oder Energiepolitik zu Gunsten einer unternehmerischen Standortpolitik zu gestalten. So wird zum einen die staatliche Souveränität unterlaufen, das wiederum zieht - als langfristige Folge- nach sich, dass die traditionelle Untersuchungseinheit Staat in den internationalen Beziehungen an Bedeutung immer mehr verliert.[6]

Indes, im Jahre 2000: Die höchsten Instanzen der marktwirtschaftlich geordneten Staatenwelt persönlich machen sich allerdings Sorgen und beschließen, als G7 in Prag versammelt, gemeinschaftliche „Maßnahmen“ zur Senkung der Ölpreise“ (Handelsblatt, 25.09.00). Dabei sind sie selber gar keine Ölhändler, stattdessen die machtvollsten Anwälte der Freiheit der Märkte, der Deregulierung und des ungehinderten Wettbewerbs als Prinzipien jeder ökonomisch sinnvollen und sozial gerechten Preisbildung auf dem Globus. Die „Maßnahmen“, mit denen die G7 ihr Scherflein zur Preissenkung bei Mineralöl und Erdgas beitragen wollen, bestehen in Ermahnungen an die Adresse der Lieferstaaten; Mahnungen, die öffentlich die nicht weiter öffentlich gemachten Erpressungsmanöver gegen jeden einzelnen dieser Staaten sowie gegen deren löchriges Verkaufskartell, die OPEC, begleiten.

Mit ihrer Außenhandelspolitik also, und hier in immer intensiverer Form, verfolgt die Staatsmacht der großen „Verbraucherländer“ daher das Ziel, die Zufuhr des Energie- Rohstoffs, von dem sie ihre nationale Ökonomie abhängig gemacht hat, unter ihre Kontrolle zu bringen und den zu bezahlenden Preis so niedrig wie nur möglich zu halten. Sie betreut den Geschäftszweig nachdrücklich, lenkt die auswärtigen Unternehmungen der Multinationalen Ölkonzerne im Sinne größtmöglicher nationaler Versorgungssicherheit, fördert dazu unter Umständen eigene Konzerne, wirkt im gleichen Sinn auf viele verschiedene Lieferländer ein, sucht deren Staatsapparat und Wirtschaft von den Zahlungen sowie von Krediten und Warenlieferungen aus dem eigenen Land abhängig zu machen. Mit dieser Politik geraten die ölimportierenden Mächte sich wechselseitig ins Gehege. Und noch eine Konkurrenzfrage wirft der staatlich betreute Mineralölimport auf: Die nationale Ölrechnung berührt das Verhältnis zwischen den Währungen und der Weltwirtschafts-mächte in evident erheblicher Weise. Am Ölpreis hängt anscheinend also weit mehr: Sein Anstieg bekommt umstandslos das Etikett „Krise“, stellt einen Belastungstest für die Wirtschaft des gesamten Euro- Raums dar, „belastet den Aufschwung“ (FAZ, 10.11.00), bedroht „nicht nur die Weltkonjunktur, sondern (wirft) auch die geplante Entschuldung der Dritten Welt“, „aus dem Gleis“ (Handelsblatt, 25.9.00)- ziemlich viel Effekt für genau einen Warenpreis.

Um ein x-beliebiges Geschäft, um eine Ware wie jede andere geht es beim Erdöl oder Erdgas also nicht. An seinem Preis – wo auch sonst, in der Weltmarktwirtschaft! - wird das offenbar: an dem enormen Einfluss, den er hat; an der Wichtigkeit der ökonomischen Subjekte, die unter ihm leiden; an der Prominenz der Instanzen, die sich um ihn sorgen; an seinem Zustandekommen, bei dem dieselben politischen Instanzen und Wirtschaftssubjekte schon wieder eine maßgebliche Rolle spielen; am Umgang mit ihm, den Händler und Verbraucher, Öl- Multis und „Ölstaaten“ sowie, die großen kapitalistischen Weltwirtschaftsmächte pflegen. Offensichtlich ist dieser Preis etwas weit Wichtigeres als bloß die Geldsumme, bei der sich Angebot und Nachfrage zufällig über den Weg laufen. Und auf dem Markt, auf dem er sich bildet, geht es um ganz andere Dinge als ein wenig Ein- und Verkauf – eher schon um eine ganze Abteilung Imperialismus heute.[8]

Deshalb gibt uns im folgenden eine Bestandsaufnahme des Rohstoffbedarfs und der damit einhergehenden geostrategischen Überlegungen der an den Welterdöl- und erdgasressourcen am kaspischen Meer interessierten Länder den entsprechend überleitenden Einstieg in die hiesige Thematik und das Erkenntnisinteresse, das dieser Hausarbeit zugrunde liegt.

[...]


[1] „Nichts wird mehr so sein, wie es war“ heißt es dann sechs Monate nach dem 11. September auch in der „Tageszeitung“ vom 9./10. März 2002, in der auf den Anfangsseiten ein Schaubild für eine bessere Transparenz auf der Weltkarte sorgen soll. Dabei wird der politische, strategische und wirtschaftliche Stellenwert der Türkei durch ihre Lage an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien bestimmt. Nach dem Zerfall des Ostblocks ist ihre Bedeutung noch gewachsen, reichen doch ihre Einflussmöglichkeiten inzwischen auch in den Kaukasus und nach Zentralasien hinein. Mit Israel ist die Türkei eine Sicherheitspartnerschaft eingegangen. Für die USA ist die Türkei seit langem ein wichtiger Partner, auch im Hinblick auf den Iran und die Sicherung der Transportwege für Erdöl und Erdgas. Im Interesse der EU - Staaten liegt es, die Türkei langfristig und dauerhaft an Europa zu binden. Die Beschlüsse der EU von Helsinki des Jahres 1999 haben die Weichen gestellt, ohne dabei die Menschenrechtsfrage und das Kurdenproblem zu ignorieren, für die die Türkei Lösungen finden muss, die auch und vor allem europäischen Standards genügen müssen. Deshalb wird ein entsprechender Exkurs zu zentralen Fragen der Menschenrechtslage und den heutigen Lebensbedingungen der in den Grenzen der laizistischen Republik Türkei lebenden Minderheiten unausweichlich sein. (vgl. weiter unten Kapitel II)

[2] Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) hat 1963 mit der Türkei das sog. "Abkommen von Ankara" zur Gründung einer Assoziation geschlossen (vgl. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften , kurz: ABI.EG 1963 Nr. L 217, S.3687). Das Abkommen enthält in Art.28 bereits eine Beitrittsperspektive: "Sobald das Funktionieren des Abkommens es in Aussicht zu nehmen gestattet, dass die Türkei die Verpflichtungen aus dem Vertrag zur Gründung der Gemeinschaft vollständig übernimmt, werden die Vertragsparteien die Möglichkeit eines Beitritts der Türkei zur Gemeinschaft prüfen." Mit Beschluss des Assoziationsrates EG- Türkei vom Dezember 1995 wurde auf der Grundlage des Assoziationsabkommens mit der Türkei eine Zollunion begründet. Der Europäische Rat Luxemburg hatte im Dezember 1997 die Beitrittsperspektive des Assoziierungsabkommens bekräftigt und ausdrücklich festgestellt, dass die Türkei für einen Beitritt zur Europäischen Union in Frage kommt. Dies beinhaltet den Abschluss einer Beitrittspartnerschaft (ABI.EG 2001 Nr. L 85, S.13), die der Vorbereitung auf den Beitrittsprozess dient (vgl. auch das Rahmenabkommen zwischen der EG und der Türkei, ABI.EG 2002 Nr. L 61, S.27).

[3] Politisch erweckt die Türkei gegenwärtig eher einen zwiespältigen Eindruck. Sie ist ein säkularer Staat, der seit Kemal Atatürk gewaltige Anstrengungen in Richtung Moderne unternommen hat, mit beachtlichem Erfolg. Eine zentrale Rolle jedoch spielte dabei das Militär, das sich als Hüter de Kemalismus und Avantgarde versteht, inzwischen aber doch in eine eher reaktionäre Rolle abgedriftet ist. Der Kurden- Konflikt spielt (e) dabei eine unrühmliche Rolle, mit militärischen Aktionen und Menschenrechtsverletzungen im ganzen Land. Auch wenn die Militärs das letzte Wort für sich beanspruchen und gegebenenfalls mit einem Putsch intervenieren können, ist die moderne Türkei die meiste Zeit doch aber von zivilen Parteienregierungen bestimmt worden, die aus freien Wahlen hervorgegangen sind.

[4] Der georgische Präsident Eduard Schewardnadse hat nach einem wochenlangen Machtkampf mit der Opposition am Sonntag, den 23.November 2003 seinen Rücktritt erklärt – nachdem Schewardnadse von Zehntausenden aus dem Parlament vertrieben wurde als zuvor noch das Gebäude gestürmt wurde, vorneweg ein Mann mit einer Rose als Zeichen der Gewaltfreiheit, sagte der qua Staatstreich von seinem Amt Enthobene dann am Abend des 23.Novembers im georgischen Fernseher: „Ich gehe nach Hause“. Er habe eingesehen, dass ein Festhalten an der Macht „nicht ohne Blutvergießen“ möglich gewesen wäre, sagte der 75 Jahre alte Politiker und ehemalige Außenminister der Sowjetunion, während Oppositionsführer Saakaschwili eine „samtene Revolution in Georgien“ proklamiert hatte und die Demonstranten in der Nacht zum Sonntag schon ihren Sieg feierten. (vgl. auch FAZ vom 24.11.2003,S.1-3)

[5] Gerade der aus der islamischen Bewegung hervorgegangene Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unternimmt seit einem Jahr mit seiner Partei gewaltige Anstrengungen, um diesen, wie es in Ankara heißt, „letzten Schritt“ der historischen Westorientierung der Türkei die rückhaltslose Eingliederung des Landes in die Gemeinschaft der europäische Völker- zu vollziehen (vgl. u.a. auch FAZ vom 24.11.2003ff.)

[6] „ Der Euro- Raum ist dank seiner Stabilitätspolitik und der robuster gewordenen Wirtschaft für die Bewältigung der neuen Ölpreis- Krise gerüstet. Bedingung sei aber, dass Lohnforderungen moderat und die Finanzpolitik solide bleiben“, mahnt die europäische Zentralbank. (Vgl. „Handelsblatt“ vom 10.November 2000).

[7] Vgl. etwa Czempiel, Ernst- Otto: Friedensstrategien, Paderborn 1986, S. 30; hier zit. aus: Dr. Hiltrud Nassmacher: Politikwissenschaft, 3., völlig neubearb. und erw. Aufl., Oldenbourg Verlag München - Wien 1998, hierin: Kap. XVI, S.342ff.

[8] Moderner Imperialismus findet heute über den Kampf um die Rohstoffquellen statt. Es geht um fast unendlich viel Geld. Als Bespiel: Der Präsident von Kasachstan, Nursultun Nasarbajew, schätzt, dass „allein zur Erschließung der kasachischen Erdölreserven im Kaspischen Meer ungefähr 150 Milliarden Dollar erforderlich wären. Die geprüften off- shore- Reserven in der zweitgrößten GUS- Republik werden auf ungefähr zehn Milliarden Tonnen Erdöl und zwei Billionen Kubikmeter Erdgas geschätzt“ (vgl. Erich Horn: „Die Presse“ vom 4. August 1997).Alle Strategen gestehen es ein, der Traum von der Weltherrschaft, vom günstigsten Zugriff auf die Rohstoffressourcen ist nicht ausgeträumt, die Konstrukteure üben die Durchsetzung, auch wenn sie ihr Ansinnen nobel als „globale Führungsstellung“ titulieren. Das Gebiet um das Kaspische Meer bietet Konfliktstoff bis hin zu einem „Dritten Weltkrieg“, den der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin bereits anlässlich der ersten ernsthaften Drohung der USA gegen den Irak im Januar 1998 in Aussicht gestellt und dessen Ankündigung er nur halbherzig zurückgezogen hat. Zu dicht sind die weltweiten Interessen an dem Gebiet, zuviel Geld fließt hinein. Mit einem eventuellen Verlust dieser Investitionen werden sich die Weltmächte nicht abfinden. Zu klar hat die letzte verbliebene Supermacht am Golf bewiesen, dass sie jederzeit bereit ist, ihre wirtschaftlichen Interessen notfalls auch militärisch durchzusetzen. Das haben sie wahrhaftigen auch bis zum heutigen Tag der Besatzung des Irak durch Alliierte Streitkräfte tatkräftig umgesetzt, wenn ich mir an dieser Stelle ein wenig Zynismus erlauben darf.

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783656280422
ISBN (Buch)
9783656280828
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202132
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Gesellschaftswissenschaften und Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Türkei Kaspisches Meer Erdöl Erdgas geostrategische Rolle EU-Beitritt der Türkei Kurdenfrage Zentralasien Hausarbeit Politik

Autor

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Titel: Die Türkei als künftiges Öl- und Gas-Transitland und ihr Engagement in der Region Kaspisches Meer/Zentralasien