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Einflussfaktoren auf die Beziehungszufriedenheit auf Basis von Austausch- und Equitytheorie

Eine quantitative Analyse mit dem pairfam-Datensatz

Bachelorarbeit 2012 55 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Austauschtheorie
2.2 Equitytheorie
2.3 Ableitung der Hypothesen

3 Forschungsstand

4 Daten und Methoden
4.1 Stichprobenbeschreibung
4.2 Operationalisierung der Variablen

5 Ergebnisse
5.1 Deskriptive Statistik
5.2 Multivariate Auswertung

6 Fazit

7 Diskussion und Ausblick

Anhang
A.1 Faktorenanalyse
A.2 Relevante Ausschnitte aus dem Fragebogen
A.3 Ausführliche Regressionstabellen

A.4 Residuenstatistik

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Investmentmodell nach Rusbult

Abb. 2: Gebildete Indizes

Abb. 3: Operationalisierung des Gerechtigkeitsempfindens

Abb. 4: Deskriptive Statistik der Variablen zur Austauschtheorie

Abb. 5: Deskriptive Statistik zur empfundenen Gerechtigkeit der Arbeitsteilung Allgemein

Abb. 6: Deskriptive Statistik zur empfundenen Gerechtigkeit der Arbeitsteilung Geschlechtsspezifisch

Abb. 7: Deskriptive Statistik der Beziehungszufriedenheit

Abb. 8: Regressionstabellen

Abb. 9: Scree-Test zur Faktorenanalyse

Abb. 10: Rotierte Komponentenmatrix zur Faktorenanalyse

Abb. 11: Ausführliche Regressionstabellen

Abb. 12: Residuenstatistik

1 Einleitung

Betrachtet man aktuelle Zahlen, ließe sich leicht ein Bedeutungsverlust von Partnerschaften annehmen. Die Zahl der Einpersonenhaushalte und Alleinerziehenden nimmt zu (Egeler / Reimann 2011: 990, 996). Die Zahl der Ehepaare sinkt: Während die Scheidungsraten seit 1950 nahezu kontinuierlich stiegen und seit wenigen Jahren auf einem hohen Niveau stabil bleiben, sind die Eheschließungen seit Anfang der 1960er Jahre fast durchgehend rückläufig (Bundesamt für Statistik 2011). So zeigen sich statistisch vor allem Tendenzen, die auf eine Auflösung von Paarbeziehungen hindeuten. Doch kann man allein aus der objektiv gegebenen Instabilität von Partnerschaften auf ihren gesunkenen Stellenwert schließen? Eine Untersuchung von Nave-Herz zeigt das Gegenteil. So gibt nicht der Bedeutungsverlust der Ehe Anlass für die vermehrte Entscheidung zur Beziehungsauflösung, sondern vielmehr der Anstieg an Erwartungen . Gerade die hohe psychische Bedeutung und Wichtigkeit einer Partnerschaft führt heutzutage zu höheren Ansprüchen an die Beziehungsqualität und zu einer verminderten Akzeptanz von unharmonischen Beziehungen - wodurch sich die eigene Partnerschaft zunehmend gegenüber Alternativen beweisen muss (Nave-Herz 2007: 122). Die gesteigerten Ansprüche haben somit auch häufigere Partnerwechsel und vermehrte Perioden des Alleinlebens zwischen Paarbeziehungen zur Folge (Kaufmann 2005: 7f.). Was also auf den ersten Blick wirkt wie ein genereller Bedeutungsverlust von Paarbeziehungen, ist scheinbar lediglich Ausdruck veränderter Bedürfnisse und Ansprüche: Anders als in der vorindustriellen Gesellschaft hat die Paarbeziehung heutzutage weniger den Charakter einer Wirtschaftsgemeinschaft mit klar vorgegebenen Rollenverteilungen, sondern ist vielmehr das Ergebnis gemeinsamer Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse. Die früher vorherrschenden, äußeren Vorgaben setzten einen Rahmen für das, was Beziehungspartner heutzutage individuell entscheiden müssen: Die Partnerschaft und ihre Regeln müssen gemeinsam definiert werden (Beck-Gernsheim 1992: 118 ff.). Die Zweierbeziehung ist in diesem Sinne komplizierter geworden, hat aber nicht an Relevanz verloren. Ganz im Gegenteil erfüllt sie vor allem hinsichtlich zweier Dimensionen eine wesentliche Funktion: Die Partnerschaft verleiht dem Leben Stabilität und Verankerung. Deutlich wird diese Relevanz, wenn man einen kurzen Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen wirft. So kann vor allem der Wegfall von Vertrautheit, Halt und Schutz, der sich im Zuge des Übergangs von der vormodernen zur modernen Gesellschaft durch die wachsende Herauslösung der Menschen aus traditionellen Bindungen ergibt, gewissermaßen durch die Paarbeziehung aufgefangen werden. Durch den steigenden, ökonomischen Wohlstand und die Bildungsexpansion ist außerdem die unmittelbare Existenzsicherung für die meisten Menschen in den Hintergrund gerückt und für das eigene Leben entsteht eine solche Vielzahl an Gestaltungs- und Wahlmöglichkeiten, dass vor allem Ängste und Unsicherheiten bezüglich der Lebensführung und des Sinns dominieren. In Anbetracht dieser Mechanismen kann die Zweierbeziehung als sinn- und stabilitätsstiftender Anker einen zentralen Ort der Geborgenheit und Orientierung darstellen (Beck-Gernsheim 1992: 68 ff.). Da der Partnerschaft also eine hohe Bedeutung zukommt und sie gleichzeitig mitsamt ihren Regeln selbst definiert werden muss, bleibt die Frage: Was führt letztendlich zu einer zufriedenen Beziehung? So wird der Suche nach dem richtigen Partner in der Regel viel Aufmerksamkeit gewidmet. Junge Menschen lassen sich mehr Zeit als früher eine dauerhafte Beziehung einzugehen (Kaufmann 2005: 7). Der „Jagd nach der Glücksformel“ für eine Beziehung wird nicht nur regelmäßig in Zeitschriften nachgegangen; auch die Wissenschaft sucht nach Einflussfaktoren auf den Partnerschaftserfolg, der meist in Zufriedenheit und Stabilität aufgeschlüsselt wird. Da das komplexe Konstrukt der Beziehungszufriedenheit jedoch mit einer schier unendlichen Vielzahl von Faktoren zusammenhängt, ist es wohl nahezu unmöglich gleichzeitig alle Wechselwirkungen und Determinanten zu erfassen, die das partnerschaftliche Glück beeinflussen. Die unterschiedlichen psychologischen, soziologischen und ökonomischen Aspekte der Beziehungszufriedenheit werden zwar in den verschiedenen, wissenschaftlichen Disziplinen untersucht und vermehrt in integrative Modelle zusammengefügt, welche vorpartnerschaftliche und sozialstrukturelle Einflüsse sowie Interaktions- und Konfliktlösungsverhalten mit weiteren Determinanten kombinieren und so einer differenzierten Vorhersage der Beziehungszufriedenheit näher kommen (z.B. Becker 2008: 175; Grau / Bierhoff 2003: 67) - für eine allumfassende Erklärung, die jegliche Wechselwirkungen und Einflussfaktoren berücksichtigt, ist die Beziehungszufriedenheit jedoch vermutlich ein zu individuelles Phänomen, das mit einem komplexen Geflecht an Umständen, Erwartungen und sozialen Umgebungen einhergeht. Im Rahmen dieser Arbeit soll deshalb nicht versucht werden alle denkbaren Faktoren ausfindig zu machen, die einen potentiellen Einfluss auf die Beziehungszufriedenheit haben könnten. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Prüfung einzelner Hypothesen auf Basis austausch- und equitytheoretischer Überlegungen. Konkret soll diese Arbeit die Frage beantworten, welche Einflussfaktoren - auf Grundlage der Austausch- sowie Equitytheorie - die Partnerschaftszufriedenheit von Paaren beeinflussen, die gemeinsam in einem Haushalt leben. Die Zielsetzung umfasst somit die theoriegeleitete Überprüfung bestimmter Einflussfaktoren auf die Partnerschafts zufriedenheit und beschränkt sich somit auf nur einen Aspekt des Partnerschaftserfolges. Im theoretischen Teil wird jedoch teilweise auch auf Einflussfaktoren auf die Partnerschaftstabilität eingegangen werden, da die meisten Modelle Aussagen zu beiden Aspekten treffen und durch die vollständige Beschreibung der Ansätze die Bedeutung der Zufriedenheit veranschaulicht werden kann. Im Folgenden werden also zunächst Austausch- und Equitytheorie erläutert um anschließend konkrete Hypothesen abzuleiten. Ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand soll dazu dienen die Hypothesen im Wissenschaftskontext einzuordnen. Im darauffolgenden methodischen Teil wird der verwendete Datensatz beschrieben sowie die Operationalisierung der Variablen erläutert. Der Ergebnisteil wird zunächst in einem deskriptiven Überblick die Merkmalsverteilungen der Stichprobe aufzeigen, bevor die multivariate Auswertung zur Prüfung der Hypothesen erfolgt. Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen, bevor abschließend auf Schwächen und Stärken der Studie hingewiesen wird.

2 Theoretischer Hintergrund

Den theoretischen Hintergrund für diese Arbeit bilden die Austausch- sowie die Equitytheorie. Innerhalb der mikrosoziologischen Familiensoziologie und Sozialpsychologie spielen beide Ansätze eine entscheidende Rolle zur Erklärung sozialer Phänomene. Die Theorien zeigen inhaltlich teilweise große Überschneidungen, da sie sich auf eine ähnliche Annahmebasis stützen. So basieren beide Ansätze auf der Rational-Choice-Theorie, die subjektiv rational handelnde Akteure in den Mittelpunkt stellt. Das der Rational-Choice- Theorie zugrundeliegende Menschenbild lässt sich knapp mit dem RREEMM1 -Modell zusammenfassen: Menschen sind mit bestimmten Ressourcen ausgestattet - die sie intelligent und kreativ nutzen können (resourceful) - und gleichzeitig in ihren Handlungen materiellen, zeitlichen und sozialen Einschränkungen unterworfen, zu denen zum Beispiel auch gesellschaftliche Normen zählen (restricted). Da menschliches Handeln zielorientiert ist, wird unter den verschiedenen Alternativen zur Zielerreichung stets diejenige ausgewählt (evaluating), die das beste Ergebnis liefert. Handlungsentscheidungen stehen dabei mit bestimmten Erwartungen bezüglich der Handlungsfolgen und zukünftigen Ereignissen in Verbindung (expecting), da die dem Individuum zur Verfügung stehenden Informationen nie ganz vollständig sind. Das Streben nach Nutzenmaximierung (maximizing man) ist dabei eine zentrale Grundannahme (Esser 1996: 238; Hartmut et al. 2007: 243). Da die nutzenmaximierenden Handlungen mit der subjektiven Interpretation der Handlungssituation und dem eigenen Erfahrungshorizont des Akteurs in Zusammenhang stehen, können die Kosten-Nutzen-Abwägungen in einer bestimmten Situation theoretisch für unterschiedliche Akteure, mit jeweils eigenen Bewertungskriterien, zu unterschiedlichen Entscheidungen führen. Die subjektive Rationalität eines Akteurs muss für Außenstehende somit nicht zwangsweise nachvollziehbar sein (Hill / Kopp 2004: 126).

2.1 Austauschtheorie

Die Brücke zwischen Rational-Choice- und Austauschtheorie ergibt sich durch die Annahme, dass Akteure ihre materiell und immateriell beschränkte Ressourcenausstattung durch Tauschhandlungen überwinden können. Da jedem Einzelnen jeweils nur bestimmte Ressourcen zur Verfügung stehen, sind Akteure auf den Ressourcenaustausch mit anderen Akteuren angewiesen um eine Steigerung des Nutzenniveaus zu erreichen. Innerhalb der verschiedenen, austauschtheoretischen Ansätze stehen somit vor allem soziale Interaktionen im Mittelpunkt, welche als Tauschhandlungen interpretiert und aus einem ökonomischen Blickwinkel betrachtet werden: Jede Handlung verursacht Kosten und schafft gleichzeitig einen Nutzen2 ; der Netto-Nutzen ergibt sich aus der Differenz dieser beiden Größen und kann sowohl positiv als auch negativ sein. Da Menschen danach streben ihren Gewinn zu maximieren, werden Interaktionen nach Kosten und Nutzen bewertet und vor allem solche Beziehungen eingegangen und verdichtet, von denen erwartet werden kann, dass sie belohnend sind (Mikula 1992: 69 f.; Hill / Kopp 2004: 107). Auf mikrosoziologischer und sozialpsychologischer Ebene geht die Austauschtheorie primär auf Arbeiten von Homans, Blau sowie Thibaut und Kelley zurück (Hill / Kopp 2004: 103). Bevor in den folgenden Abschnitten genauer auf die für die Hypothesenableitung relevante Version von Thibaut und Kelley und das darauf aufbauende Investmentmodell von Rusbult eingegangen wird, soll zunächst geklärt werden, was unter Tauschbeziehungen zu verstehen ist und wie diese mit Partnerschaften in Verbindung stehen:

Blau differenziert Tauschbeziehungen in den ökonomischen und den sozialen Tausch. Beim ökonomischen Tausch sind die Tauschgüter und der Tauschzeitraum fest definiert: Bei der festgelegten Leistung und Gegenleistung handelt es sich meist um den Tausch von Ware gegen Ware oder Ware gegen Geld. Dieser erfolgt zeitgleich beziehungsweise innerhalb eines vorab definierten Zeitraumes. Für Partnerschaften dürfte er eine wesentlich geringere Rolle spielen als der soziale Tausch, mit dem weit weniger Handlungssicherheit einhergeht, da weder Gegenleistung noch Zeitpunkt und Quantität dieser Gegenleistung näher spezifiziert sind. Trotz dieser Unbestimmtheit gilt für soziale Tauschhandlungen das Reziprozitätsprinzip, welches den Tausch mit bestimmten Erwartungen verknüpft: Der Geber erwartet eine angemessene Gegenleistung und der Nehmer fühlt sich zu dieser verpflichtet (ebd: 103 f.). Bleibt die Gegenleistung aus, wird sich auf Seiten des Gebers Verärgerung und Enttäuschung einstellen (ebd: 110). Zwar können im Laufe längerer Partnerschaften Gefühle der Verpflichtung entstehen, die Individuen gegenüber zeitweiligen Ungleichheiten toleranter werden lassen (Ahrens et al. 1991: 76), ein gerechter Tausch ist - laut Homans (1972: 64) - jedoch nur dann gegeben, wenn sich das Verhältnis von Kosten und Nutzen beider Tauschpartner entspricht. In diesem Fall entsteht ein profitabler Austausch, der zu Zufriedenheit und somit zur Stabilisierung und Vertiefung einer sozialen Beziehung führt. So finden sich hier bereits Parallelen zu den Annahmen der Equitytheorie (Hill / Kopp 2004: 110).

Prinzipiell kann der soziale Tausch sowohl materielle als auch immaterielle Güter umfassen3 (Glowsky 2011: 32). Kennzeichnend für soziale Tauschakte in affektiven Sozialbeziehungen wie Partnerschaften sind jedoch vor allem immaterielle Güter wie beispielsweise Zuneigung, Liebe und Verständnis (Hill / Kopp 1990: 216). Anders als bei materiellen Gütern, auf die das Prinzip des abnehmenden Grenznutzens angewendet werden kann, welches mit zunehmendem Konsum eines Gutes ein absinkendes Interesse an diesem Gut voraussagt, ist davon auszugehen, dass bei sozialen Grundbedürfnissen wie Zuneigung und Liebe ein dauerhafter Bedarf besteht (Becker 2008: 25 f.). Der wechselseitig belohnende Tausch dieser affektiven Ressourcen spielt deshalb eine entscheidende Rolle für die nutzenstiftende Interaktion in Partnerschaften.

Zusammengefasst sind Partnerschaften im Sinne der Austauschtheorie also vor allem durch soziale Tauschbeziehungen und den Austausch immaterieller Güter geprägt. Das Zustandekommen und Bestehen von Beziehungen ergibt sich gemäß der Austauschtheorie durch die Wiederholung und Verdichtung belohnender Interaktionen zur reziproken Nutzensteigerung. In dauerhaften Beziehungen profitieren somit beide Partner von den Interaktionen, während schon bestehende Beziehungen dann gelockert beziehungsweise beendet werden, wenn unbefriedigende Interaktionen auftreten. Werden Tauschbeziehungen als unzufriedenstellend wahrgenommen, kommt es zur schrittweisen Auflösung des Interaktionsgefüges, da „Rückzahlungen“ mit zunehmendem Widerwillen verbunden sind und Tauschalternativen gesucht werden (Hill / Kopp 2004: 104). Die Aufnahme und das Bestehen von engen, persönlichen Beziehungen ist also von den gegenseitig belohnenden Erträgen innerhalb der Beziehung abhängig (Ahrens et al. 1991: 76). Neben der Stabilität ist somit auch das Ausmaß der Zufriedenheit in Partnerschaften davon abhängig, inwieweit die Partner in der Lage sind ihre jeweiligen Bedürfnisse zu befriedigen und sich gegenseitig zu belohnen. Je mehr die Belohnungen gegenüber den Kosten überwiegen, desto zufriedener ist die Beziehung (Grau / Bierhoff 2003: 51). Belohnungen können im Allgemeinen als Freuden, Befriedigungen und Annehmlichkeiten definiert werden, die aus der Beziehung resultieren (ebd.). Kosten umfassen dagegen den physischen und psychischen Aufwand wie zum Beispiel investierte Zeit und Opportunitätskosten, also den durch die Festlegung auf eine Handlung entstandenen Verzicht auf Alternativen. Die Qualität und Quantität der Alternativen ist dabei rein subjektiv, weshalb die Entscheidung eines Akteurs für oder gegen eine Handlung beziehungsweise einen Tausch für einen Außenstehenden nicht rational erscheinen muss - wie bereits in den Grundzügen der Rational-Choice-Theorie beschrieben (Hill / Kopp 2004 : 108).

Interdependenztheorie von Thibaut und Kelley

Thibaut und Kelley entwerfen mit ihrer Interdependenztheorie einen austauschtheoretischen Ansatz, der den Vergleich von Alternativen besonders in den Fokus nimmt. Neben der Analyse komplexer Beziehungsgefüge in Gruppen mit mehreren Akteuren, treffen Thibaut und Kelley auch Aussagen zur Interaktion in Zweierbeziehungen. Die Interdependenztheorie setzt die der Austauschtheorie zugrundliegende Kosten-Nutzen-Kalkulation mit zwei weiteren Aspekten in Verbindung. Es wird zwischen zwei Vergleichsniveaus unterschieden, die als eine Art Bewertungsmaßstab Einfluss auf die Evaluation von Belohnungen und Kosten aus der Interaktion nehmen. So steht die Zufriedenheit mit der Beziehung4 in Relation zum comparison level - dem Vergleichsniveau, das den Erwartungen des Individuums entspricht und das repräsentiert, was das Individuum meint verdient zu haben. Die Entscheidung darüber, ob die Beziehung aufrecht erhalten werden soll, orientiert sich dagegen am comparison level for alternatives - dem Vergleichsniveau für Alternativen.

Zufriedenheit und Stabilität einer Beziehung orientieren sich somit an unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben. Die Zufriedenheit resultiert aus der Bewertung von Belohnungen und Kosten, die sich vor dem Hintergrund eigener Erwartungen durch die Beziehung ergeben: Liegt das eigene Ergebnis über dem Vergleichsniveau, ist die Beziehung befriedigend und attraktiv; liegt das eigene Ergebnis unter dem Vergleichsniveau ist die Beziehung unbefriedigend und unattraktiv. Das Vergleichsniveau ergibt sich aus den Erfahrungen, die man bereits gemacht hat sowie aus den Beobachtungen von Erfahrungen anderer Personen (Thibaut / Kelley 1959: 21).

Die Stabilität beziehungsweise Aufrechterhaltung einer Beziehung hängt dagegen vom Vergleichsniveau für Alternativen ab, welches als das geringste Nutzenlevel der Beziehung definiert werden kann, das gegenüber anderen verfügbaren Alternativen noch akzeptiert wird. Sobald der Nutzen aus der Beziehung unter dem Vergleichsniveau der Alternativen liegt, wird die Beziehung verlassen. Das Vergleichsniveau der Alternativen entspricht somit der Qualität der besten verfügbaren Alternative, die der momentanen Beziehung gegenübersteht. Unter Alternativen, mit denen die aktuelle Beziehung verglichen wird, fallen dabei sowohl andere Beziehungen als auch das Alleine leben. Auch der Nutzen der Alternativen ergibt sich wiederum aus der Bewertung erlebter oder vermuteter Belohnungen und Kosten (ebd.: 21 f.). Eine Bedingung für die Existenz von Zweierbeziehungen ist deshalb die gegenseitige Abhängigkeit vom Verhalten des Anderen, welches zur Erzielung von Belohnungen notwendig ist. Da in der Zweierbeziehung der Nettonutzen einer Person durch das Verhalten der anderen Person beeinflusst wird und somit beide Akteure die Belohnungen und Kosten des jeweils Anderen kontrollieren, kann der Gewinn aus der Beziehung gegenüber einer Alternative nur dann für beide Partner höher sein, wenn das Verhalten des einen Akteurs jeweils zur Belohnung des anderen Akteurs beiträgt - ohne gleichzeitig hohe Kosten zu verursachen (ebd.). Das Ausmaß, zu dem der Nettonutzen der Beziehung das Vergleichsniveau verfügbarer Alternativen übersteigt, bestimmt somit auch die Abhängigkeit von der Beziehung. Je höher diese Abhängigkeit ist, desto höher ist der Nettonutzen gegenüber Alternativbeziehungen und dementsprechend die Stabilität der Beziehung.

Da die Abhängigkeit von der Beziehung sich an einem anderen Vergleichsmaß orientiert als die Zufriedenheit, ist es nicht zwingend notwendig, dass mit hoher Abhängigkeit auch hohe Anziehung beziehungsweise Zufriedenheit gegenüber der Beziehung verspürt wird. So ist das Vergleichsniveau verfügbarer Alternativen relevant, wenn es um die Stabilität beziehungsweise Abhängigkeit von der Beziehung geht und das Vergleichsniveau der Bewertungsmaßstab, welcher die Anziehung gegenüber der Beziehung bestimmt und die Zufriedenheit beeinflusst (ebd.: 23).

Investmentmodell von Rusbult

Auch das Investmentmodell von Rusbult unterscheidet zwischen Beziehungszufriedenheit und Beziehungsstabilität. Es basiert größtenteils auf schon bestehenden psychologischen und soziologischen Ansätzen und beinhaltet Konzepte, die in ähnlicher Form bereits von Becker, Schelling, Rubin und Blau vorgestellt wurden (Rusbult 1980: 175). Als eine Erweiterung der Interdependenztheorie bewertet das Investmentmodell die Zufriedenheit einer Beziehung ebenfalls anhand des Ausmaßes von Belohnungen, Kosten und Ansprüchen. Die Prädiktoren für eine glückliche Partnerschaft sind hohe Belohnungen, niedrige Kosten und geringe Erwartungen (ebd: 173 f.):

„ Thus, if individuals share many common interests with their romantic partner (i.e., derive numerous rewards) with whom they seldom argue (i.e., incur few costs), and expect little from their romantic involvements more generally (i.e., have a low comparison level), then they should be relatively satisfied with their involvement ” (Rusbult 1983: 102)

So bilden gemeinsame Interessen eine wichtige Grundlage für belohnende Interaktionen, die bestenfalls mit möglichst geringen Meinungsverschiedenheiten einhergehen und sich an einem niedrigen Vergleichsniveau messen5. Die Einflussfaktoren auf die Beziehungs zufriedenheit sind somit identisch zur Interdependenztheorie von Thibaut und Kelley. Zur Vorhersage der Beziehungs stabilität werden die bereits bekannten Annahmen der Interdependenztheorie um zwei zusätzliche Faktoren erweitert: Innerhalb des Investmentmodells wird die Stabilität der Partnerschaft direkt durch das so genannte „Commitment“ bestimmt. Dieses wird als Tendenz verstanden die Beziehung aufrecht zu erhalten und psychologisch an diese gebunden zu sein. Das Commitment sinkt mit abnehmender Beziehungszufriedenheit sowie hoher Qualität verfügbarer Alternativen zur bestehenden Beziehung6 (ebd: 102):

„ For example, if individuals are relatively dissatisfied with their relationship (i.e. experience low satisfaction) and really enjoy spending time on their own (i.e. have a good alternative), they should be less committed to maintaining their relationship ” (ebd: 102)

Zusätzlich wirken als dritter Faktor die Investitionen in die Beziehung auf das Commitment. Unter Investitionen werden Faktoren verstanden, die als eine Art Trennungsbarriere fungieren, da sie beim Verlassen der Partnerschaft verloren gehen. Diese Investitionen können intrinsischer und extrinsischer Art sein. Während erstere direkt in die Beziehung investiert werden - wie beispielsweise Zeit, emotionale Bemühungen und die Offenlegung von persönlichen Gedanken - umfassen letztere materielle und symbolische Werte in Form von Besitztümern, gemeinsamen Freunden, Aktivitäten, Erinnerungen und Ähnlichem, die unauflösbar an die Beziehung geknüpft sind. Dass Investitionen gleichzeitig als Belohnungen oder Kosten empfunden werden können, schließt Rusbult nicht aus. So können beispielsweise gemeinsame Freunde als Belohnung und finanzielle Investitionen als Kosten angesehen werden - der vage Unterschied der Konstrukte besteht darin, dass Investitionen beim Verlassen der Beziehung stärker an Wert verlieren und nicht ohne Weiteres aus der Beziehung entfernt werden können (ebd: 102 f.).

Das Ausmaß des Commitments wird also von drei verschiedenen Faktoren bestimmt. Neben der Beziehungszufriedenheit ist es sowohl von den Investitionen, als auch der Qualität verfügbarer Alternativen abhängig. So reicht eine hohe Beziehungszufriedenheit allein nicht aus um eine Partnerschaft zu stabilisieren. Eine Beziehung, die mit großen Investitionen oder wenig anderen Alternativen verbunden ist, kann von einem hohen Commitment und somit hoher Stabilität geprägt sein, obwohl Unzufriedenheit vorherrscht. Genauso kann eine relativ zufriedenstellende Beziehung zu Gunsten einer attraktiveren Alternative verlassen werden, wenn zusätzlich wenig Investitionen mit der aktuellen Beziehung in Verbindung stehen (Rusbult 1980: 175; 1983: 102 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Investmentmodell nach Rusbult (Quelle: Eigene Darstellung)

Sowohl die Inderdependenztheorie von Thibaut und Kelley als auch das Investmentmodell von Rusbult liefern also Erklärungen dafür, dass die Beziehungszufriedenheit nicht zwingend hoch mit der Beziehungsstabilität korrelieren muss, da die beiden zu unterscheidenden Konstrukte von verschiedenen Vergleichsniveaus abhängig sind (Interdependenztheorie) beziehungsweise von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden (Investmentmodell). Da sich diese Arbeit nur mit der Beziehungszufriedenheit beschäftigt, sind die im Ergebnisteil dargestellten Einflussfaktoren auf diese somit nicht ohne weiteres auf die Beziehungsstabilität übertragbar.

2.2 Equitytheorie

Ein weiterer theoretischer Ansatz, der Aussagen zur Beziehungszufriedenheit zulässt, ist die Equitytheorie. Bevor Gemeinsamkeiten mit der Austauschtheorie herausgestellt werden und insbesondere auf die Relevanz für die Partnerschaftszufriedenheit sowie den Gerechtigkeitsbegriff eingegangen wird, soll zunächst ein kurzer, allgemeiner Überblick über die wichtigsten Überlegungen gegeben werden: Die allgemeinen Annahmen der Equitytheorie von Walster, Berscheid und Walster lassen sich durch vier Thesen zusammenfassen. Die ersten beiden erklären wie es zur Durchsetzung des Equity-Prinzips kommt, während sich die darauffolgenden Annahmen auf die Konsequenzen nicht- realisierter Equity in Beziehungen beziehen.

Die erste Annahme impliziert den jedem Individuum unterstellten Egoismus: „ Equity theory, too, rests on the simple, but eminently safe, assumption that men is selfish “ (Walster et al. 1978: 7). Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch versucht seinen Nutzen zu maximieren, indem möglichst hohe Belohnungen erlangt und gleichzeitig Kosten minimiert werden (ebd.: 6).

Da Menschen jedoch nicht isoliert, sondern in einer sozialen Umgebung leben und jedes Individuum aufgrund der angestrebten Nutzenmaximierung alle Ressourcen für sich beanspruchen möchte, bedarf es Regeln zur Ressourcenverteilung. Gruppen und Gesellschaften können die kollektive Belohnung maximieren, indem sie Systeme zur gerechten Aufteilung der Ressourcen entwickeln, die von den Mitgliedern akzeptiert und aufrecht erhalten werden. Da der in jedem Individuum verwurzelte Egoismus der gerechten Ressourcenverteilung gegenüber steht, kann gerechtes Verhalten nur dann realisiert werden, wenn der Nutzen, der aus gerechtem Verhalten hervorgeht, größer ist als der, der mit ungerechtem Verhalten verbunden ist. Um gerechtes Verhalten mit einem Maximum an Nutzen zu verbinden und so die Attraktivität fairen Handelns für die Gruppenmitglieder zu erhöhen, werden Gruppen im Allgemeinen Mitglieder belohnen, die andere gerecht behandeln und Mitglieder bestrafen, die andere ungerecht behandeln. Durch die Bestrafung steigen die Kosten für ungerechtes Verhalten; gleichzeitig wird gerechtes Verhalten profitabler, indem es mit Belohnung und weniger Kosten einhergeht. Durch diese Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen innerhalb von Gruppen und Gesellschaften ist es möglich, dass durch faires Verhalten sowohl das Individuum als auch das Kollektiv ihren Nutzen maximieren können (ebd: 8 f.). Da die erste Annahme der Equitytheorie besagt, dass Individuen stets versuchen ihren eigenen Nutzen zu maximieren, schließen Walster et al. nicht aus, dass sich Menschen ungerecht verhalten, wenn damit eine Maximierung des eigenen Nutzens erreicht werden kann (ebd: 16). Kombiniert man jedoch das postulierte Streben nach Nutzenmaximierung mit der zweiten Annahme, welche die Notwendigkeit gerechter Verteilungssysteme und die damit einhergehende Bestrafung von ungerechtem Handeln betont, ergibt sich als Konsequenz, dass unausgewogenes Handeln mit negativen Gefühlen einhergeht:

Die dritte Behauptung der Equitytheorie prognostiziert Unbehagen bei unausgewogenen Beziehungen. Als Folge wiederholter Sozialisationserfahrungen, die ungerechtes und unausgewogenes Verhalten mit Bestrafung quittieren, ergibt sich bei der Wahrnehmung empfundener Ungleichheit in Beziehungen ein Gefühl des Unbehagens (ebd: 15 ff.):

„ When individuals find themselves participating in inequitable relationships, they become distressed. The more inequitable the relationship, the more distress individuals feel ” (ebd.: 17).

Die negativen Auswirkungen auf das Empfinden steigen mit dem Ausmaß der Unausgewogenheit - unabhängig davon, ob man selbst weniger oder stärker profitiert als die Anderen. Sowohl das Erleben von Unausgewogenheit zum eigenen Vorteil als auch zum eigenen Nachteil steht mit unangenehmen Gefühlen und Unzufriedenheit in Verbindung. Vorteilhafte Unausgewogenheit sollte jedoch mit geringerem Unbehagen einhergehen als das Empfinden von nachteilhafter Unausgewogenheit (ebd: 17).

Die vierte Annahme der Equitytheorie bezieht sich auf die Handlungsfolgen, die sich aufgrund der durch Unausgewogenheit entstandenen Unzufriedenheit ergeben: Individuen, die sich in unausgewogenen Beziehungen befinden, werden versuchen, die unangenehmen Gefühle durch das Wiederherstellen von Ausgewogenheit zu beheben. Dabei steigt das Ausmaß des Stresses und der Bemühungen Ausgewogenheit wiederherzustellen mit dem Ausmaß der Unausgewogenheit:

„ Individuals who discover they are in an inequitable relationship attempt to eliminate their distress by restoring equity. The greater the inequity that exists, the more distress they feel, and the harder they try to restore equity ” (ebd: 18)

Um die Unzufriedenheit zu reduzieren, muss entweder tatsächliche Ausgewogenheit ( „ actual equity “) oder psychologische Ausgewogenheit ( „ psychological equity “) hergestellt werden. Tatsächliche Ausgewogenheit wird erreicht, indem der eigene relative Gewinn7 beziehungsweise der relative Gewinn des Partners verändert wird. Dies kann durch ausgleichende Handlungen geschehen, indem beispielsweise der eigene Beitrag reduziert wird. Psychologische Ausgewogenheit wird erreicht, indem das Individuum die Situation und somit die Beiträge und Erträge kognitiv neu bewertet. Beispielsweise durch eine Abwertung des eigenen Aufwands8 oder eine Aufwertung des Aufwands der anderen Person (ebd: 18 f.).

Das Konzept des gerechten Austausches, das sich bereits in den austauschtheoretischen Überlegungen von Homans findet (Homan 1972: 64), bildet somit den inhaltlichen Schwerpunkt der Equity-Theorie. Die Grundannahmen von Equity- und Austauschtheorie sind relativ ähnlich - so stellt das Streben nach Nutzenmaximierung von Individuen und die Auffassung von Interaktion als wechselseitige Austauschbeziehung den Ausgangspunkt beider Theorien dar. Die Equitytheorie enthält neben Inhalten der Austauschtheorie jedoch zusätzlich Elemente aus psychoanalytischen Theorien, Lerntheorien und kognitiven Konsistenztheorien (Fischer / Wiswede 2009: 501).

[...]


1 Akronym für „Resourceful, Restricted, Evaluating, Expecting, Maximizing Man”.

2 In der Literatur und im Folgenden werden die Begriffe Nutzen und Belohnung synonym verwendet.

3 Foa und Foa stellen mit ihrer Ressourcentheorie inhaltliche Regeln für den Austausch von Gütern auf, die sich damit beschäftigen, dass nicht alle Ressourcen gegeneinander tauschbar sind und eine falsche Gegengabe die Beziehung gefährden kann. Sie teilen Ressourcen in die Klassen „love, status, information, money, goods“ und „services“ ein und treffen Aussagen über die Akzeptanz und Häufigkeit des Austausches (Hill / Kopp 2004: 105 ff.). Da die Ressourcentheorie jedoch nicht zu den allgemein handlungstheoretisch orientierten Austauschtheorien zählt, wird im Rahmen dieser Arbeit auf die Darstellung verzichtet.

4 beziehungsweise die Attraktivität der Beziehung

5 Welches analog zu Thibaut und Kelley durch die Qualität früherer Beziehungen und den Vergleich mit den Beziehungen von anderen Personen bestimmt wird.

6 Diese entsprechen dem Vergleichsniveau für Alternativen von Thibaut und Kelley.

7 Im Sinne von relativem Nettonutzen

8 Im Sinne von Beitrag

Details

Seiten
55
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656296393
ISBN (Buch)
9783656296157
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202115
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Austauschtheorie Equitytheorie Beziehungszufriedenheit Partnerschaftszufriedenheit Partnerschaft Hausarbeit Zufriedenheit Partnerschaftskonflikte soziale Unterstützung Bodenmann empirische Analyse

Autor

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Titel: Einflussfaktoren auf die Beziehungszufriedenheit auf Basis von Austausch- und Equitytheorie