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Gerhard Vollmer und die Evolutionäre Erkenntnistheorie

Essay 2012 6 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

1. Einleitung

Das1 biologische Wissen hat im letzten Jahrhundert grosse Fortschritte gemacht, dass über die Stellung des Menschen innerhalb der Natur keine Meinungsverschiedenheiten zu bestehen scheinen. So ist der Mensch wie jedes andere Lebewesen in die Natur eingeordnet und durch natürliche Evolution aus dieser hervorgegangen. Die Komplexität der Organismen erreicht im Menschen ihren Höhepunkt. Jahrhundertelang haben die Menschen geglaubt, aus der Natur auf besondere Weise herausgehoben zu sein und sich wesensmässig von den Tieren zu unterscheiden. Die alten Griechen waren davon überzeugt, dass sie neben den Göttern als einzige Lebewesen mit der Gabe der Vernunft ausgezeichnet seien. Dieser „Logos“ befähige sie, mit Hilfe einer hochentwickelten Sprache das Wesen der Welt zu erkennen. Denn glaubten sie, dass die Vernunft auch den Kosmos durchwalte und sich als harmonische Gesetzmässigkeit einer ewig gleichen Ordnung innerhalb der Arten von Lebewesen zeige.

In weitaus radikalerem Masse waren die christlichen Denker im Mittelalter von der Sonderstellung des Menschen überzeugt. Sie betrachteten den Menschen als Ebenbild Gottes, erschaffen in einem besonderen Schöpfungsakt und in besonderer Absicht. Der Mensch als Individuum könne sich selbst bestimmen, im positiven Sinne wie im negativen. Er habe den Auftrag, die Natur zu beherrschen und seinem Heil dienstbar zu machen, da der Mensch die von Gott nach dessen Ideen geschaffene Natur erkenne. Denn der Mensch versteht sich als Gegenüber eines persönlichen Gottes, der alle menschliche Geschicke lenke.

Jedoch mit Kopernikus, der die Welt nicht mehr als Mittelpunkt des Universums ansah, sondern erkannte, dass die Erde nur ein winziges Teilchen in einem kaum vorstellbaren Weltsystem sei, zerbrach allmählich der Glaube an die Sonderstellung des Menschen. Und als Charles Darwin den Menschen auf seine Abstammung aus dem Tierreich hinwies, wurde das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte gemacht.

Mit dieser „neuen“ Stellung des Menschen entstanden neue Fragen und neue Diskussionen. Die Ideen von Spencers und Darwins und die vielfältigen Ergebnisse der Verhaltensforschung, insbesondere die der modernen Molekularbiologie, bilden die Grundlage einer evolutionären Erkenntnistheorie, zu dessen Hauptvertreter Donald T. Campbell, Konrad Lorenz, Gerhard Vollmer, und Karl Popper zählen. Die Biologie übernimmt in der evolutionären Erkenntnistheorie die damalige Rolle der Physik, die einst den Anspruch erhob, die Wirklichkeit in ihren wesentlichen Zügen erklären zu können. Der innerhalb einer Systemtheorie entwickelte biologische

Schlüsselbegriff der Evolution tritt an die Stelle der mechanischen Erklärung. Die evolutionäre

Erkenntnistheorie lehrt die Evolution sämtlicher Erkenntnisvorgänge und Erkenntnisinhalte; so wird auch das moralische Verhalten in die biologische Deutung integriert. Ihre wichtigsten Thesen lauten:

- Der Mensch ist in körperlicher wie in geistiger Hinsicht ein Ergebnis der biologischen Evolution.
- Die Ursachen-Erwartungen oder die Dreidimensionalität der Raumanschauung ist fest in unseren Genen verankert.
- Die Erkenntnis stellt einen Existenzvorteil dar, daher hat der homo sapiens überlebt.
– Durch die Konstitution von moralischen Systemen hat sich der Individualselektion eine

Gruppenselektion überlagert. Die durch Reflexion gefundenen Regeln der Gemeinschaft stimmen mit der Praxis der nach Erkenntnis strebenden Regeln überein.

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit Gerhard Vollmer und dessen Darlegung „Wieso können wir die Welt erkennen? - Neue Argumente zur Evolutionären Erkenntnistheorie“. Jedoch werde ich auf Grund des engen Rahmens dieser Arbeit seine Argumente, aber auch die Plausibilität für oder gegen die Evolutionäre Erkenntnistheorie nur punktuell darstellen können.

2. „Wieso können wir die Welt erkennen?“

2.1. Voraussetzung der Frage

Damit diese Frage beantwortet2 werden kann, setzt sie, so Vollmer, voraus, dass es die Welt tatsächlich gibt. Und durch den bestimmten Artikel die Welt, liegt es zudem nahe, dass es auch nur eine solche Welt geben kann, die einmalig und eindeutig zu bestimmen sei.

Weiter setzt die Frage voraus, so Vollmer, dass wir diese Welt erkennen können. Vielleicht sei die Welt nicht in ihrer Vollständigkeit zu erkennen, vielleicht nicht beliebig, nicht irrtumsfrei. Aber würde es die Welt nicht geben, oder selbst wenn es sie gäbe, und der Mensch sie nicht erkennen könnte, wäre es sinnlos nach dem Warum? und Wieso? solchen Erkennens zu fragen.

[...]


1 Wuchterl, Karl, Lehrbuch der Philosophie: Problme - Grundbegriffe - Einsichten, Stuttgart 1998. 1

2 Vollmer, Gerhard, Wieso können wir die Welt erkennen?: Neue Beiträge zur Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2003. 2

Details

Seiten
6
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656279693
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202094
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
gerhard vollmer evolutionäre erkenntnistheorie

Autor

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Titel: Gerhard Vollmer und die Evolutionäre Erkenntnistheorie