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Wissenssoziologische Diskursanalyse: Hochschulrankings bei SPIEGEL im Zeitraum 1990 bis 2009 im Diskurs

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissen als soziale Konstruktion nach Berger und Luckmann

3. Was ist ein Diskurs?
3.1. Zur Bedeutung von Diskursen für die Sozialwissenschaft heute
3.2. Die Diskurstheorie nach Foucault

4. Methodisches Vorgehen bei der wissenssoziologischen Diskursanalyse
4.1. Festlegung der zu untersuchenden Wissens-bzw. Diskursfelder
4.2. Zusammenstellen des Datenkorpus
4.3. Datenanalyse
4.4. Interpretation und Aufbereitung der Ergebnisse

5. Beispiel: Uni-Rankings im Diskurs
5.1. Hochschulrankings
5.1.1 Indirekte Kritik: Die zehn Thesen des Hochschulrankings
5.2. Der Diskurs um Hochschulrankings
5.2.1. Zeitungsartikel 1: Ein Thema mit Zukunft
5.2.2. Zeitungsartikel 2: Hausmitteilung, Betr.: Titel, Uni-Rangliste
5.2.3. Zeitungsartikel 3: Was Professoren empfehlen, gefällt Studenten Noch lange nicht
5.2.4. Zeitungsartikel 4: Neue Standards für die Top-Liga
5.3. Ergebnisse der Auswertung

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In unserer heutigen Gesellschaft nehmen Rankings einen großen Bestandteil ein. Egal ob im Sport, bei der äußeren Erscheinungsform oder in der Hochschullandschaft – alles wird mittlerweile in Ranglisten eingeteilt. Diese Hausarbeit beschäftigt sich primär mit letzterem – den Hochschulrankings. Der Frage nach dem Studienort wird eine immer größere Bedeutung beigemessen. In diesem Kontext erfahren Ranglisten für Universitäten etc. ein großes mediales und öffentliches Interesse. In einer kurzen Diskursanalyse werde ich mich daher mit der Resonanz von solchen Rankings seit 1990 beschäftigen.

Davor gilt es aber, die Grundlagen eines Diskurses zu klären. Fragen wie „Was ist ein Diskurs?“, „Woraus entsteht ein Diskurs?“ und „Für was braucht man Diskurse überhaupt?“ etc. will ich auf den nächsten Seiten klären. Dafür beleuchte ich die Theorien der Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann sowie des Philosophen und Soziologen Michel Foucault näher.

Die vorliegende Hausarbeit im Rahmen des Seminars „Kultur, Lebenswelt und sozialer Wandel: Rankinggesellschaft“ ist in fünf große Kapitel untergliedert. Das nachfolgende Kapitel 2 beschäftigt sich mit der sozialen Konstruktion des Wissens durch Berger und Luckmann. Deren Theorie gilt quasi als Grundlage für den Diskurs, der in Kapitel 3 nun explizit erklärt werden soll. Nach einem Ausflug in die Welt von Foucault sollen anschließend die Arbeitsschritte einer Diskursanalyse einzeln erklärt werden. Danach werden die Positionen anhand des Beispiels des Diskurses um Hochschulrankings verdeutlicht, bevor ich mit einem Resümee meine Arbeit noch einmal zusammenfassen und damit beenden werde.

2. Wissen als soziale Konstruktion nach Berger und Luckmann

Mit der 1966 erschienenen Erstausgabe ihres Werks „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ verhalfen Berger und Luckmann der Wissenssoziologie – und damit in gewisser Weise auch der wissenssoziologischen Diskursanalyse – zu neuem Schwung. Die Arbeit gilt sozusagen als Bezugsrahmen dessen, was die moderne Wissenssoziologie hergibt und welche Prozesse sie zu untersuchen hat[1] , weswegen die Theorie an dieser Stelle vorgestellt werden muss, wenn auch aus Platzgründen nur knapp und bündig.

Die beiden Soziologen vertreten die Meinung, dass die Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert wird. Dabei stehen vor allem zwei Begriffe im Vordergrund: Zum einen die Wirklichkeit, welche als Qualität von Phänomenen definiert wird, zum anderen das Wissen, welches die Gewissheit um die Existenz dieser Phänomene beschreibt.[2]

Die Wirklichkeit der uns allen bekannten Alltagswelt existiert für uns als wirklich vorhandene Wissensordnung. Sie ist total objektiviert und sozial konstruiert, was für die Phänomene bedeutet, dass diese bereits vorarrangiert existent waren bzw. sind.[3] Menschen handeln beständig, arbeitsteilig und interaktiv, verändern andauernd ihre Alltagswelt und wissen doch nicht um die Tatsache, dass sie es selbst sind, die alles konstruieren und konstituieren. Wir Menschen externalisieren, stabilisieren, objektivieren und eignen uns also fortwährend symbolische Ordnungen an.[4]

„Auf welche Weise entsteht gesellschaftliche Ordnung überhaupt? Die allgemeinste Antwort wäre, daß Gesellschaftsordnung ein Produkt des Menschen ist, oder genauer: eine ständige menschliche Produktion. Der Mensch produziert sie im Verlauf seiner unaufhörlichen Externalisierung.“[5]

Berger und Luckmann sprechen von einer stetigen „Nihilierung“[6] des Wissens bzw. von einer Art Selbstheilungsmechanismus, der dazu führt, dass das alltagsweltliche Wissen sich ständig erneuert und das mit Hilfe der Sozialisation das Individuum nicht erkennen lässt, dass es als Konstrukteur fungiert. Die gesellschaftliche Konstruktion unterliegt folgenderweise einem permanenten Wandel, einem Prozess, der Historisches aufgreift und weiterverwertet. So ist auch unser Wissen sozial konstruiert, wobei darunter alles das verstanden wird, was in unserer Alltagswelt als Wissen gilt.[7] Das kann Experten- bzw. Spezialwissen über einen bestimmten Sachverhalt sein, aber auch die Kenntnis darüber, wie wir Nahrung aufnehmen oder uns auf einer Treppe fortbewegen können. Quasi all jenes Wissen, welches unser Verhalten in der Alltagswelt reguliert. Keller beschreibt diesen wichtigen Terminus als

„alles, was Bedeutung trägt, Sinn macht oder doch sinnvoll interpretiert werden kann, etwa Handlungsmuster, Deutungsmuster, Normen und Regeln, Sprache, Klassifikationen, Institutionen, Berufe, Gefühle und Empfindungen, Routine- und Referenzwissen.“[8]

Natürlich muss dabei beachtet werden, dass nicht jeder über denselben Wissensvorrat verfügen kann und dass Individuum A unter Umständen in der Wissenshierarchie unter Individuum B steht, doch sollen die Gründe hierfür an dieser Stelle nicht näher erläutert werden. Berger und Luckmann entwickelten nun nach der genaueren Bestimmung von Wissen und Wirklichkeit eine Art Gerüst, um soziale Phänomene in der Gesellschaft zu analysieren. Dabei unterscheiden sie zwischen der Gesellschaft in der objektiven und in der subjektiven Wirklichkeit. Erstere konstituiert sich, wie bereits beschrieben, aus dem historisch angeeigneten Wissensvorrat aller Menschen und wird dadurch zum Objekt. Die subjektive Wirklichkeit bedeutet demnach den Umstand, wie jeder einzelne sich auf unterschiedlichste Weise dieses Wissen angesammelt hat. Zur Verdeutlichung könnte man ein einfaches Beispiel heranziehen: In seiner subjektiv empfundenen Alltagswelt führte der Neandertaler vor tausenden von Jahren als erster eine Art Löffel mit Essen darauf zu seinem Mund, um die Nahrung aufzunehmen. In der objektiven Welt machten ihm das schließlich alle nach und heute ist es in den meisten Regionen völlig üblich, zum Essen ein bestimmtes „Werkzeug“ zu benutzen.

Für was also brauchen wir dieses Vorwissen, um die Diskursanalyse näher zu beschreiben? Um den Diskurs, der sich mit dem Wissen von verschiedenen Akteuren zu unterschiedlichen Zeitpunkten befasst, näher greifen zu können, braucht es eine sozialwissenschaftliche Analyse von Wissen.

„Unser Weltwissen ist nicht auf ein angeborenes, kognitives Kategoriensystem rückführbar, sondern auf gesellschaftlich hergestellte symbolische Systeme und Ordnungen, die in und durch Diskurse produziert werden.“[9] Es gilt den Ursprung zu verstehen, aus dem alles hervorging. Eine der vielen wissen schaftlichen Konsequenzen dieses Ursprungs stellt der Diskurs dar, auf die in den nächsten Kapiteln das Augenmerk gelegt werden soll.

3. Was ist ein Diskurs?

Um nun mit diesem Vorwissen eine Diskursanalyse durchzuführen, sollte zunächst einmal geklärt werden, was genau ein Diskurs ist. In den Sozialwissenschaften kann der Diskurs als Diskussionsprozess verstanden werden, innerhalb dessen sich gesellschaftliche Akteure mit „(durch thematische Bezüge oder institutionell) abgrenzbare[n], situierte[n], bedeutungskonstituierende [n] Ereignisse [n] bzw . Praktiken des Sprach- und Zeichengebrauchs“[10] beschäftigen. Verständlicher ausgedrückt ist ein Diskurs also in gewisser Weise eine Diskussion von Akteuren um ein bestimmtes Ereignis oder Thema. Dabei müssen aber bestimmte Regeln eingehalten werden. So muss vorher klar festgelegt werden, wer legitimer Weise wo sprechen darf und was wie zu welchem Zeitpunkt gesagt werden darf bzw. kann.[11] Die Akteure eines Diskurses sind in der Regel die (Für- oder Gegen-) Sprecher eines Themas, welche über unterschiedliche Ressourcen von Wissen und Artikulationsmöglichkeiten verfügen und daher unterschiedliche Positionen (in einer Hierarchie) besetzen.

Desweiteren legen Diskurse in dem Sinne unsere Welt fest, als dass sie Wissen als vorgegeben begreifen und immer Konsequenzen mit sich ziehen:

„Diskurse stellen nicht nur die Bedeutungsstrukturen unserer Wirklichkeit her und damit in gewissem Sinne diese selbst, sondern sie haben auch andere reale Folgen.“[12] Diese Folgen werden Dispositive genannt und können zum Beispiel institutionelle Vorgehensweisen, Objekte oder auch Technologien etc. bezeichnen, führen aber auch dazu, dass Diskurse reproduziert, also wie in einem Kreislauf neu aufgenommen und weiterentwickelt werden.

3.1. Zur Bedeutung von Diskursen für die Sozialwissenschaft heute

In den Sozial- und Geisteswissenschaften nun nimmt der Begriff des Diskurses seit Mitte der 1970er Jahren einen immer größeren Stellenwert ein.[13] Ein Indikator dafür ist die immer mächtiger werdende Anzahl von Büchern und Aufsätzen in einschlägigen Zeitschriften oder die Erfassung des Begriffs in einschlägigen Lexika. Man kann fast sagen, dass die Diskursanalyse populär geworden ist. Woran liegt das also? Keller et al. können drei Gründe für das zunehmende Interesse aufzählen:[14]

Erstens ist die Analyse der sozialen Produktion, darunter auch die Transformation von Wissensverhältnissen wie in Kapitel 2 beschrieben, ein zentraler Bestandteil sozialwissenschaftlicher Betrachtungen. Gerade weil die Sozialwissenschaft sich ständig verändert und von neuen Einflüssen anderer Wissenschaften (Philosophie, Linguistik, Anthropologie etc.) lebt, sind Wissenshierarchien und gesellschaftliche Verhältnisse sehr interessant zu beobachten.

Zum anderen kann die heutige Gesellschaft als Wissensgesellschaft verstanden werden, die durch eine bewusste Gestaltung von Kommunikationsprozessen von Sprache und Symbolen lebt. Expertenwissen reicht dabei immer weiter in die persönliche Alltagswelt hinein und zwingt die Akteure zur Reflexion.

Außerdem kann festgehalten werden, dass in der jetzigen Zeit Macht immer häufiger über Kommunikation – also Sprache und auch Schrift – definiert wird. Politische Souveränität hängt in immer stärkerem Maße von den Deutungen von Texten durch die Gesellschaft ab.

Auch wenn es seit Mitte der 1960er Jahren den Begriff des Diskurses gibt, so hat es doch einige Zeit gedauert, bis seine Wirkung entfaltet und der Diskurs selbst als Denkperspektive etabliert werden konnte, worüber heute zahlreiche Seminare und Tagungen abgehalten werden. Die hier vorliegende kurze Einführung darf nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Diskurs und seine Analyse eine überaus komplizierte und komplexe Forschungspraktik darstellt.

3.2. Die Diskurstheorie nach Foucault

Im vorangegangenen Abschnitt also wurde die Bedeutung des Diskurses erklärt. Noch nicht erwähnt wurde, dass allen voran Foucault für die Popularität des Begriffes sorgte. Auf dessen Grundgedanken zur Diskurstheorie und –analyse soll hier nun näher eingegangen werden.

„Was ich wollte, war, eine bestimmte Zahl von Elementen nebeneinander zu zeigen – das Wissen von den Lebewesen, das Wissen von den Gesetzen der Sprache und das Wissen der ökonomischen Fakten – und sie mit dem philosophischen Diskurs ihrer Zeit in Verbindung setzen (…).“[15]

[...]


[1] Vgl. Maasen, Sabine: Wissenssoziologie, 2009, S.34

[2] Vgl. Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, 1980, S.1

[3] Ebd., S.24

[4] Vgl. Keller, Reiner: Wissenssoziologische Diskursanalyse – Grundlegung eines Forschungsprogramms, 2011, S.40

[5] Anm. 2, S.55

[6] Ebd., S.121

[7] Vgl. ebd., S.16

[8] Anm. 4, S.40

[9] Keller, Reiner: Diskursforschung – Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen, 2011. S.59

[10] Ebd., S.66

[11] Vgl. ebd., S.67

[12] Ebd.

[13] Link, Jürgen / Link-Heer, Ursula: Diskurs/Interdiskurs und Literaturanalyse; in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 20:77, 1990, S.88

[14] Keller, Reiner/Hirseland, Andreas/Schneider, Werner/Viehöver, Willy: Zur Aktualität sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse – Eine Einführung, 2006, S.8f

[15] Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge, 1974, S.10

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656279716
ISBN (Buch)
9783656281399
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202084
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
wissenssoziologische diskursanalyse hochschulrankings spiegel zeitraum diskurs

Autor

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