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Ich bin schön, also bin ich? Weibliche Körperideale und Subjektivitätsmuster im Nationalsozialismus und in der Gegenwart im Vergleich

Bachelorarbeit 2012 55 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Relevanz der Schönheit in den Sozialwissenschaften

3. Die Evolution der Schönheit

4. Die Subjektivitätstheorie nach Michel Foucault

5. Schönheit im Nationalsozialismus
5.1. Das arische Ideal
5.2. Körperfreude
5.3. Nackte Natürlichkeit
5.4. Zwischenfazit

6. Schönheit in der Gegenwart
6.1. Magere Zeiten
6.2. Jugendlichkeit
6.3. Fitness und Schönheits-OPs
6.4. Individualität und Authentizität
6.5. Zwischenfazit

7. Ich bin schön, also bin ich (gut)?

8. Fazit und Ausblick

9. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Venus von Willendorf

Abbildung 2 Nofretete

Abbildung 3 Die Rubensfrau

Abbildung 4 Der vitruvianische Mensch

Abbildung 5 Haarfärbemittel Roberts Nur-Blond

Abbildung 6 Mädchen der Hitlerjugend

Abbildung 7 Mode im NS

Abbildung 8 Marlene Dietrich

Abbildung 9 Junge Frauen bei der Gymnastik

Abbildung 10 Gymnastik im Freien

Abbildung 11 Tanzende Frauen

Abbildung 12 Keine Sportprofis, sondern normale Frauen

Abbildung 13 Frauen beim Marsch

Abbildung 14 Diskuswerferin Gisela Mauermayer

Abbildung 15 Nackt in der Natur

Abbildung 16 Der freie Geist in der Nacktheit

1. Einleitung

„Schönheit ist ein gar willkommener Gast.“ – so sinnierte vor ungefähr 300 Jahren schon Johann Wolfgang von Goethe. Seit jeher widmet sich der Mensch seinem Körper, seinem Aussehen, seiner Schönheit.

Selbstbewusstsein, beruflicher sowie privater Erfolg, ja sogar die Lebensqualität – das alles hängt für viele vom äußeren Erscheinungsbild eines Menschen ab. Dabei sind die meisten Personen der Ansicht, dass Attraktivität und Erfolg unmittelbar miteinander verbunden sind. Ich möchte daher herausfinden, welche Anforderungen die Gesellschaft an das Aussehen von Individuen stellt.

Der Fokus dieser Bachelorarbeit mit dem Thema „Ich bin schön, also bin ich? Weibliche Körperideale und Subjektivitätsmuster im Nationalsozialismus und der Gegenwart im Vergleich“ wird sich auf das Aussehen der Frau legen, da das weibliche Geschlecht zwar im Allgemeinen als das starke Geschlecht gilt, es trotzdem aber immer mit Vorurteilen zu kämpfen hat und sich gerade wegen und auch mit seiner Körperlichkeit gegen die Männerwelt behaupten muss. Dieses weibliche Bild möchte ich in zwei unterschiedlichen Zeiträumen untersuchen: Zum einen blicke ich näher auf den Nationalsozialismus als eine sehr außergewöhnliche Etappe in der deutschen Geschichte. In dieser Zeit konnte der Staat eine enorme Wirkung auf das weibliche Individuum und sein körperliches Aussehen ausüben, so dass immer ein bestimmtes Bild der Frau vermittelt wurde. Zum anderen blicke ich mich in der heutigen Zeit um. Das Aussehen von Frauen wird immer mehr von der Werbung und den darin abgebildeten Idealkörper von Supermodels beeinflusst und durch Mode, Diäten und Schönheitsoperationen verändert. Mit meiner Descartes-Abwandlung „Ich bin schön, also bin ich?“ ziele ich genau darauf ab, dass Aussehen immer wichtiger dafür wird, um sich im privaten sowie im beruflichen Leben zu entfalten. Das Fragezeichen dahinter verdeutlicht aber, dass Schönheit nicht gleichzeitig ein vollkommenes Leben bedeuten muss, sondern dass dazu noch mehr Faktoren berücksichtigt werden müssen. Das Original „Ich denke, also bin ich“ impliziert einen denkenden Menschen, der nur auf Grund seiner Fähigkeit zum Denken und Überlegen als Mensch konzipiert wird. Doch ist ein Mensch auch ein Mensch, nur weil er schön ist?

Zusammenfassend will ich also auf den folgenden Seiten darstellen, anhand welcher Merkmale sich heute und im Nationalsozialismus weibliche Körperideale festmachen lassen und welche Erwartungen damit verbunden werden.

Um meine Forschungsfrage zu klären, gehe ich qualitativ vor. Dazu bediene ich mich vieler Texte und Materialien sowohl aus dem Nationalsozialismus als auch von heute. Ich möchte Übereinstimmungen und Unterschiede beider Epochen herausarbeiten und Zusammenhänge interpretieren.

Diese Bachelorarbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Im nachfolgenden Kapitel werde ich das Thema „Schönheit“ als sozialwissenschaftliches Forschungsgebiet vorstellen und damit erklären, welche Relevanz mein Thema für die Sozialwissenschaften darstellt. Anschließend gebe ich einen kurzen Abriss über verschiedenste Körperideale im historischen Wandel. Von der Venus von Wallenstein über Kleopatra bis hin zur Rubensfigur werden weibliche Merkmale festgehalten, um der Thematik sich ändernder Erscheinungsformen näher zu kommen. Bevor es zum Kern meiner Arbeit kommt, stelle ich die Subjektivitätstheorie von Michel Foucault vor, der sich lange Zeit seines Lebens damit beschäftigte, aus welchen gesellschaftlichen Elementen sich Menschen konstituieren. Seine Thesen gelten als theoretische Basis meiner Überlegungen zu Körperlichkeit im Nationalsozialismus und in der Gegenwart. Diese beiden Gebiete werden im Hauptteil gesondert untersucht und anschließend ausgewertet. Zum Schluss werde ich nochmal alles in einem Fazit zusammenfassen und einen Ausblick darauf geben, in wie weit unser Leben vom Streben nach Schönheit beeinflusst wird.

2. Zur Relevanz der Schönheit in den Sozialwissenschaften

Die Schönheit als ein eigenständiges Thema in den Sozialwissenschaften lässt sich in der Literatur größtenteils erst ab den 1970er Jahren finden. Vorher war das Interesse für den Charakter und die Natur der Schönheit zumindest unter Soziologen und Psychologen eher gering.[1] Amerikanische Sozialwissenschaftler haben zu dieser Zeit begonnen, Schönheit und deren Auswirkung auf das menschliche Zusammenleben zu erforschen. Das damalige Standardmodell beschrieb menschliches Verhalten als formbar und historisch kontingent, daher auch die Aussage „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“. Je mehr Untersuchungen durchgeführt wurden, merkte man aber, dass Forschungspersonen von unterschiedlichen Beobachtern in ihrer Attraktivität ähnlich beurteilt wurden, weshalb evolutionsbiologische Ansätze, die nach dem Sinn von Äußerlichkeiten fragen, immer mehr in den Vordergrund rückten. Mit den modernen Forschungsgeräten der Neurobiologie lassen sich nun heutzutage Hirnströme messen, die auf eine besondere Reaktion auf menschliche Schönheit schließen lassen. Schon immer reagierten Menschen positiv auf ein schönes Äußeres, es faszinierte sie und rief neben Erstaunen und Bewunderung auch Charaktereigenschaften wie Neid hervor, welche aber nicht unbedingt negativ zu werten sind. Was die Menschheit also schon seit jeher beschäftigte und worauf sie reagierte, das ist heutzutage messbar geworden. Die Entstehung derjenigen Bücher, die ich zur Erstellung der vorliegenden Arbeit benutzt habe, liegt meistens sogar weniger als zehn Jahre zurück, was darauf hindeutet, dass das Thema Schönheit laufend sehr aktuell ist. Zu Waltraud Posch, eine im deutschsprachigen Raum sehr bekannte Erforscherin von Körperlichkeit und Attraktivität, gesellen sich mittlerweile unzählige andere Akademiker, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte gleich mehrere Bücher auf diesem Gebiet veröffentlichten. Von diesen zeitlichen Punkten (1970er) ausgenommen, gelten natürlich diejenigen Werke, die bereits im Nationalsozialismus erschienen sind. Diese Epoche war im Gegensatz zu anderen Zeiten besonders stark geprägt von körperlichem Aussehen und der Attraktivität eines Menschen, weswegen sich ein Vergleich mit den Jahren 1933 bis 1945 für dieses Thema sehr anbietet.

3. Die Evolution der Schönheit

Mehr oder weniger unbewusst kategorisieren wir Menschen nach ihrem Aussehen und urteilen fortwährend darüber, ob unser Gegenüber schön ist oder nicht. Dieser Prozess dauert meistens nicht länger als Sekundenbruchteile an. Es sind Millisekunden, die darüber entscheiden, wie wir dem Menschen gegenübertreten und welche Fähigkeiten wir ihm zutrauen. Auch wenn Mitteilungen schon nach kurzer Zeit vergessen sind, an das Aussehen einer Person erinnern wir uns im Normalfall viel länger. Was also macht ein schönes Aussehen aus, worauf reagieren wir positiv? Seit der Antike nehmen Menschen die Einteilung zwischen äußerer und innerer Schönheit vor,[2] wobei der Fokus im Rahmen dieser Bachelorarbeit eindeutig auf der körperlichen, äußeren Schönheit liegt. Gleich zu Beginn lässt sich hier sagen, dass sich das, was wir als schön wahrnehmen, mit den Idealen der jeweiligen historischen Epoche ändert. Solche Schönheitsideale wurden über Jahrtausende hinweg durch die Kunst und in den letzten Jahrzehnten insbesondere durch die Medien propagiert, so dass man sagen kann, dass sich bei dem Großteil der Mitglieder innerhalb einer sozio-kulturellen Gemeinschaft ein übereinstimmendes Leitbild finden lässt. Gleichzeitig ist es notwendig zu erwähnen, dass Ideale lediglich in unseren Köpfen existieren.[3] Sie bilden ein reines Gedankenkonstrukt, das sich im historischen Kontext verändert. De facto hat das Ideal eines Frauenkörpers nie existiert. Es gibt bzw. es gab nie „die schönste Frau der Welt“. Das „People Magazine“ kürt sie zwar jährlich, aber welchen Wahrheitsgehalt hat schon ein Ideal, das sich alle zwölf Monate ändert?

Im Laufe der Geschichte gab es viele weibliche Körperideale, weshalb hier nur die auffallendsten und einprägsamsten vorgestellt werden sollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Venus von Willendorf[4]

Die Venus von Willendorf kann beispielsweise als die Idealfrau in der Steinzeit betitelt werden.[5] Mit ihren äußerst rundlichen Formen, dem ausgewölbten Bauch, hängenden Brüsten und dicken Oberschenkeln verkörperte sie vor ungefähr 27.000 Jahren das damalige Schönheitsideal: Die Venus signalisierte mit ihren Fettreserven ihre Fähigkeit zum Überleben und eine ausgeprägte Fruchtbarkeit, was ihr große Popularität einbrachte.

Im alten Ägypten dann waren Kleopatra oder Nofretete wegweisend in Sachen Schönheit.[6] Mit ihnen begann die Popularität des Schminkens, denn die Frauen haben damals begonnen, besonders ihre Augen mit zerriebenem Malachit oder Tonerde zu betonen. Insgesamt pflegten sie ihren Körper sehr intensiv, um sich vor Krankheiten und der sengenden Sonne zu schützen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Nofretete[7]

Diese intensiven Körperbehandlungen, die sich mit der Zeit auch auf die Gestaltung verschiedener Haarprachten ausweiteten, zogen sich bis in die Antike zu den Griechinnen und Römerinnen fort, so dass dies auch dem Satiriker Juvenal nicht entgehen konnte: „bemalt, daß [sic!] sie wie Email aussehen, mit falschen Zähnen aus Elfenbein, mit falschen Haaren, dunkel aus Indien und blond aus Germanien.“[8] Im Gegensatz zu heute aber waren kleine Fettpölsterchen trotz einer kleinen Brust erlaubt, da sie für Gesundheit standen.[9]

Ab dem Mittelalter dann wurde die Frequenz sich verändernder Körperideale immer schneller. Zeigte sich die weibliche Schönheit in der Renaissance in Rundungen des Bauches, während die Gliedmaßen im Gegensatz dazu eher dünn blieben,[10] ging das Ideal des Barocks noch einen Schritt weiter: „ […] die Kirchen sind überfüllt von allegorischen Gestalten, drall wie Wachteln, kräftig und massig, überquellend im Fleisch. Volle Brüste und fette Schenkel, prächtige Hüften und breite Flanken zeugten jetzt von Mutterschaft.“[11] Bis heute spricht man im Zusammenhang mit diesen körperlichen Eigenschaften von einer „Rubensfigur“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Die Rubensfrau[12]

Auch im Zeitalter des Rokkoko und des Klassizismus wandelten sich Schönheitsideale. Die Haare wurden auf geradezu groteske Art und Weise in die Höhe gedreht, bis es auf dem natürlichen Weg nicht mehr ging und man auf Perücken ausweichen musste. Die Haut wurde stets gepudert und der Körper einparfümiert, um unangenehme Gerüche auf Grund der fehlenden Hygiene zu überdecken.[13]

Wie sich weibliche Körperideale nach dem zweiten Weltkrieg bis heute entwickelten, wird in den nachfolgenden Kapiteln detaillierter beschrieben, da sie den Kern dieser Arbeit bilden.

Auch wenn hier eben sehr verschiedene Bilder weiblichen Aussehens gezeigt wurden, gibt es dennoch den „roten Faden“ in der Geschichte der Schönheit – äußerliche Eigenschaften, die sich durch die Jahrhunderte hindurch bewährt haben. Es handelt sich hier stets um Komponenten wie Symmetrie, Klarheit, Harmonie und Farbgebung.[14] Schon für Platon setzte sich die Schönheit einer Person aus mehreren Teilen zusammen, die das richtige Maß und die passende Größe, also gute Proportionen zueinander, haben mussten. Ähnlich sah Augustinus die Schönheit des Körpers in der Harmonie seiner Teile und in einer angenehmen Farbe. Und auch Cicero sprach von „einer gewissen symmetrischen Gestalt der Gliedmaßen, verbunden mit einem gewissen Reiz der Färbung“[15] . Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci verkörpert exakt die Vorstellungen der Symmetrie und perfekter Proportionen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 Der vitruvianische Mensch[16]

Während der Renaissance bestimmte Agostino Nifo strenge Kriterien zur Bestimmung von Körpermaßen: „die Länge der Nase muß der der Lippen entsprechen, beide Ohren dürfen nicht mehr Fläche beanspruchen als der geöffnete Mund, und der Körper muß achtmal die Länge des Kopfes haben.“[17] Und auch heute noch gelten Menschen, deren Gesichtszüge als besonders spiegelgleich gelten, als attraktiv.[18]

Natürlich können solche Messanleitungen keine universale Schönheitsformel hervorbringen, doch es zeigt, dass Menschen trotz sich wandelnder Leitbilder sich immer wieder auf dieselben Elemente berufen, wenn sie sowohl Subjekte als auch Objekte als schön betiteln.

4. Die Subjektivitätstheorie nach Michel Foucault

Um Körperlichkeit und vor allem das Bewusstsein um Körperlichkeit durch die Individuen verstehen zu können, soll es im Folgenden um die Subjektivitätstheorie von Michel Foucault gehen. Der Philosoph, Psychologe, Historiker und Soziologe beschäftigte sich einen Großteil seines Lebens damit, wie sich Subjekte historisch konstituieren. So befasste er sich während seiner Zeit am Collège de France in Paris fortwährend mit Phänomenen wie Geisteskrankheiten und Strafprozeduren und entwickelte im Bereich moderner Subjektvorstellungen neue Fragestellungen und Herangehensweisen indem er sich der Entstehung der Psychologie sowie den Rechts- und Medizinwissenschaften widmete.[19] In seinen Werken, die großenteils auf seine Vorlesungen am Collège de France basieren, nimmt er eine wissenssoziologisch-konstruktivistische Perspektive ein und sieht damit seine untersuchten Phänomene nicht als ahistorische Gegebenheiten an, sondern versteht sie als „kontingente Erscheinungen, die ihre Existenz unterschiedliche[n] Wissens- und Praxisformationen verdanken.“[20]

Nach diesen Formationen handeln Individuen im zeitlichen Verlauf sinnorientiert und agieren erst dadurch als Subjekte: „das empirisch vielfältige ,Subjekt‘ ist eine ,Form‘, die im historischen Prozess nicht mit sich identisch bleibt.“[21] Er bezeichnet das Subjekt als „Quasi-Objekt“[22] , zu dessen Konstitution verschiedenste Prozesse wie zum Beispiel Diskurse der Humanwissenschaften beitragen. Aus Foucaults diskurstheoretischen Arbeiten „Ordnung des Diskurses“ und „Archäologie des Wissens“ lassen sich wichtige Muster für eine Analyse gesellschaftlicher Wissensproduktion ableiten. Für den Soziologen geht es dabei insbesondere um Wissen als Form von Macht, wobei letztere in Gestalt des Bewusstseins um sich und die Umwelt auftritt.[23] Die Wissensstrukturen und die daraus resultierenden Sinnstrukturen sozialen Handelns werden durch Diskurse organisiert, deren Theorie Foucault maßgeblich mitbestimmt hat. Zur Untersuchung sozialer Phänomene ging er folgendermaßen vor: Zuerst interessierte sich Foucault für die Konstruktion der Normalität bzw. Wahrheit, weshalb er häufig auch zusammen mit Peter Bergers und Thomas Luckmanns „gesellschaftlicher Konstruktion der Wirklichkeit“ genannt wird, auch wenn er nicht dieselben Thesen vertreten hat. Anschließend widmete er sich der Generierung eines modernen Subjekts in den Humanwissenschaften, also der Entstehungsgeschichte und den Konstituierungsprozessen von Subjekten, um anschließend die Formierung solcher Individuen über Praktiken und Wissensformen zu untersuchen. Dabei schrieb er seine Ergebnisse immer wieder nach langen Analysen von Diskursen auf oder trug sie in seinen Vorlesungen am Collège de France vor. Schließlich feilte er am Konzept seiner „Gouvernementalität“, d.h. er untersuchte Formen politischer Regierung sowie der Selbstregierung, worauf ich weiter unten noch näher eingehen werde.

Subjekte konstituieren sich in der Foucaultschen Denkweise durch historisch situierte Typisierungsprozesse. Das heißt mit anderen Worten, dass das Subjekt im zeitlichen Wandel immer wieder verschiedensten Umwelteinflüssen und Praktiken der jeweiligen historischen Epoche „ausgeliefert“ ist und als Produkt der Umstände dieses Zeitraums deutungs- und handlungsfähig gemacht wird.[24] Nur scheinbar ist es eine a-priori Instanz, denn erst durch die Unterwerfung bestimmter machtvoller kultureller Kriterien wird das Subjekt zu einer Instanz: „Es sind Schemata, die es [Anm. das Subjekt] in seiner Kultur vorfindet und die ihm vorgeben, von seiner Kultur, seiner Gesellschaft, seiner Gruppe aufgezwungen sind.“[25] Solche äußerlichen Subjektkonstitutionen sind aber keinesfalls negativ als zwingende Mechanismen zu bewerten, sondern eher als Voraussetzung für ein freies menschliches Handeln. Denn nur, wenn Subjekte als „frei“ gelten, können Machtbeziehungen entstehen.

Für Foucault ist das Subjekt keinesfalls allein souverän, sondern von verschiedenen soziokulturellen Konstellationen abhängig. Er verfolgte ein produktivistisches Machtkonzept, wonach Macht etwas Produktives darstellt, das neue Wirklichkeiten darstellt.[26]

Damit grenzte er sich eindeutig von Machiavellis „Il Principe“ ab. Vorherrschendes Leitbild war hier der Fürst, der als singuläre Person in der Rolle einer äußeren Transzendenz[27] in seinem Fürstentum auftrat. Neu hinzu kam nun ab Mitte des 16. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts das Prinzip eines „Gesellschaftskörpers“, der durch habitualisierte Praktiken und eigenes Wissen den Umfang des Monarchenkörpers erweiterte. Der Bürger selbst war nun in der Lage zu regieren. Sei es der Vater, der auf seine Familie Acht gibt oder das geistige Oberhaupt eines Klosters, der seine Mönche gewissenhaft durch ihr Leben im Kloster leitet. Sogar einzelne Personen, so Foucault, üben Macht auf sich selber aus und praktizieren eine Art von Regierung. Es drehte sich alles um die Frage „Wie regiere ich mich selbst?“ Die Regierung des Staates durch den Fürsten war lediglich eine Unterart des Regierens, was innerhalb der Gesellschaft tausendfach praktiziert wurde. Ein solcher moderner Staat war nun das Resultat neuer Regierungsformen, die sich aus dem mittelalterlichen Staat heraus entwickelt haben. Alle solchen Entwicklungen und Prozesse der Souveränität fasste Foucault unter dem Begriff „Gouvernementalität“[28] zusammen. Dabei wurde die veraltete Idee von einer Herrschaft durch den Souverän von der Idee eines anonymen Staates abgelöst, wonach sich der Staat auf die Kontrolle der Bevölkerung stützte, um sein Wohlergehen zu fördern.[29] Im Modus dieser „Gouvernementalität“ wird das Individuum gleichzeitig zum Subjekt und Objekt einer Regierung.

[...]


[1] Vgl. Etcoff, Nancy: Nur die Schönsten überleben. Die Ästhetik des Menschen, 2001, S.28.

[2] Vgl. Bauer, Lydia: Vom Schönsein. Ideal und Perversion im zeitgenössischen französischen Roman, 2010, S.19.

[3] Vgl. Etcoff, 2001, S.17.

[4] http://www.bilderges.at/VenusWillendorf.jpg.

[5] Vgl. http://www.g-o.de/dossier-detail-240-8.html.

[6] Vgl. Rousso, Fabienne: Die Schönheit und ihre Geschichte. Die Antike. In: Faux, Dorothy Schefer / Chahine, Nathalie: Schönheit. Eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts = Beauty, 2000, S.26ff.

[7] http://www.wissenschaft.de/sixcms/media.php/1441/nofretete.jpg.

[8] Rousso. In: Faux/Chahine, 2000, S.33.

[9] Vgl. http://www.rpi-ekhn.de/cms/fileadmin/rpz/download/schoenberger_hefte/2007/Heft_3/18_M06_Schoenheitsideale.pdf.

[10] Vgl. ebd.

[11] Rousso. In: Faux/Schefer, 2000, S.51f.

[12] http://www.g-o.de/redaktion/focus/bild2/schoen14m.jpg.

[13] Vgl. http://www.g-o.de/dossier-detail-240-8.html.

[14] Vgl. Etcoff, 2001, S.22.

[15] Ebd. S.23.

[16] http://www.uni-mainz.de/FB/Biologie/Anthropologie/Illustrationen/leonardo.jpg.

[17] Rousso. In: Faux/Schefer, 2000, S.46.

[18] http://www.sueddeutsche.de/wissen/schoenheit-symmetrie-macht-attraktiv-1.577672.

[19] Vgl. Keller, Reiner: Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen, 2011, S.43f.

[20] Vgl. ebd., S.44.

[21] Foucault, Michel: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit, 2005, S.888. Zit. nach: Keller, Reiner: Michel Foucault, 2008, S.96.

[22] Foucault, Michel: Die Hermeneutik des Subjekts, 2005, S.434. Zit. nach: Keller, 2008, S.96.

[23] Vgl. Keller, Rainer et al.: Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, Bd. 1: Theorien und Methoden, 2010, S.135.

[24] Vgl. ebd., S.139.

[25] Foucault, Michel: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit, 2005, S.889. Zit. nach: Keller, 2008, S.96.

[26] Reckwitz, Andreas: Subjekt, 2008, S.31.

[27] Transzendenz meint hier eine Person, die alle Macht in sich vereinigt trägt und somit als Alleinherrscher über die Bevölkerung regiert.

[28] Vgl. Foucault, Michel: Die »Gouvernementalität« (Vortrag) 1978. In: ders.: Analytik der Macht, 2005, S.148-174.

[29] Vgl. Keller, 2008, S.119.

Details

Seiten
55
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656650324
ISBN (Buch)
9783656650300
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202081
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
weibliche körperideale subjektivitätsmuster nationalsozialismus gegenwart vergleich

Autor

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Titel: Ich bin schön, also bin ich? Weibliche Körperideale und Subjektivitätsmuster im Nationalsozialismus und in der Gegenwart im Vergleich