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Materialismus vs. Postmaterialismus – ein neues Wertecleavage?

Ein Versuch die Wertewandeltheorie Ingleharts ins heutige Konfliktlinienmodell des deutschen Parteiensystems zu integrieren.

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Entwicklung des deutschen Parteiensystems und der Konfliktlinien
2.1 Das historische Konfliktlinienmodell nach Lipset/Rokkan
2.2 Konfliktlinien im deutschen Parteiensystem nach 1945

3. Die „Stille Revolution“?
3.1 Ingleharts Theorie
3.2 Empirische Überprüfung der These
3.3 Kritik an der Theorie Ingleharts

4. Fazit und Ausblick

1. Einleitung

Einen wichtigen Beitrag zur Genese und Etablierung der Parteiensysteme Westeuropas leisteten die beiden Sozialwissenschaftler Seymour M. Lipset und Stein Rokkan mit ihrer Cleavage-Theorie (Lipset/Rokkan 1967), wonach cleavages soziale und politische Trennlinien der Gesellschaft darstellen, die sich im Parteiensystem widerspiegeln und dort institutionalisiert werden. Dabei sind Parteien das Produkt dieser sozialstrukturellen Konflikt- und Spannungslinien, die die Gesellschaft entlang der cleavages in verschiedene Gruppen teilt (vgl. Decker 2011: 39).

Lipset und Rokkan stellen dabei die viel zitierte These der eingefrorenen Parteiensysteme auf: „The party systems of the 1960’s reflect, with few but significant exceptions, the cleavage structure of the 1920’s” (Lipset/Rokkan 1967: 50). Betrachtet man nun die Entwicklung des deutschen Parteiensystems, so kann man Deutschland gewiss zu den besagten wenigen, doch signifikanten Ausnahmen zählen (vgl. von Alemann 2003: 101). Doch wie ist es dann um die Erklärungskraft des Cleavage-Modells für das moderne deutsche Parteiensystem bestellt?

Eine mögliche Erklärung für den Wandel des Parteiensystems gibt dabei die Theorie des amerikanischen Politologen Roland Inglehart. In Folge eines tiefgreifenden Wertewandels sei ein dauerhafter Gegensatz zwischen ‚alter‘ und ‚neuer‘ Politik entstanden. Inglehart bezeichnet die Anhänger der neuen Politik als Postmaterialisten, die sich nun für Partizipation und Selbstverwirklichung einsetzen und nach und nach die Materialisten als Anhänger der alten Werte und Normen, allen voran materielle und physische Sicherheit, ersetzen.

Genau mit dieser offenen Frage, die auch in der gegenwärtigen Literatur kontrovers diskutiert wird, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit: Ist der von Inglehart postulierte Gegensatz zwischen Materialismus und Postmaterialismus ein neues cleavage, also ein dauerhafter, eigenständiger und institutionalisierter Konflikt, welches den auftretenden Wertewandel und den Wandel des Parteiensystems erklärt (vgl. Mielke 2001: 87-88)?

Im zweiten Kapitel der Arbeit wird zunächst das historische Konfliktlinienmodell von Lipset/Rokkan erläutert, insbesondere deren Verständnis von cleavages. Danach wird die Entwicklung der Konfliktlinien im deutschen Parteiensystem der Nachkriegszeit nachgezeichnet bis zum einsetzenden Wertewandel und dem daraus resultierenden Aufkommen der Grünen Anfang der 80er Jahre.

In Kapitel drei wird Ingleharts Theorie der „Stillen Revolution“ (vgl. Inglehart 1971, 1977, 1979) vorgestellt und seine These des Wertewandels vom Materialismus hin zum Postmaterialismus mit Hilfe des ebenfalls von ihm entwickelten Inglehart-Index in Bezug auf das deutsche Parteiensystem empirisch überprüft, wozu Daten aus den EUROBAROMETER-Umfragen herangezogen werden.

Abschließend wird versucht, die Theorie Ingleharts in das heutige Konfliktlinienmodell des deutschen Parteiensystems zu integrieren und aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich künftig für das deutsche Parteiensystem und die Parteien ergeben.

2. Entwicklung des deutschen Parteiensystems und der Konfliktlinien

2.1 Das historische Konfliktlinienmodell nach Lipset/Rokkan

Das Cleavage-Modell nach Lipset/Rokkan geht „von der Transformation von vier zentralen Konfliktlinien im Verlauf der nationalen und industriellen Revolutionen in Europa in die jeweiligen nationalen Parteiensysteme aus“ (Mielke 2001: 78).

Im Zuge der „Nationalen Revolution“, bildeten sich zwischen den neuen nationalen Zentren sowie deren Eliten und der dazu in Distanz verharrenden Peripherie eines Landes ethnische, sprachliche und religiöse Spannungen heraus, die den Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie begründeten (vgl. Lipset/Rokkan 1967: 14). Als weitere Folge der Nationenbildung sollte sich der Konflikt zwischen dem säkularisierten Nationalstaat und der – zumeist katholischen– Kirche herausbilden.

Aus der „Industriellen Revolution“ und dem damit einhergehenden technischen Fortschritt sowie einem Modernisierungsprozess der gesamten Gesellschaft, resultierten zwei weitere cleavages: Zum einen trat der Gegensatz zwischen traditioneller ländlich-agrarischer und moderner industriell-städtischer Produktion und Lebensart immer weiter hervor, was zum Entstehen der Konfliktlinie zwischen Stadt und Land führte. Auch manifestierte sich der Gegensatz zwischen den (lohn-)abhängigen proletarischen Arbeitern einerseits und Eigentümern und Arbeitgebern andererseits. Damit war ein Klassenkonflikt entstanden, den Lipset und Rokkan als Arbeit – Kapital cleavage bezeichnen.

Abb. 1 Historisches Konfliktlinienmodell nach Lipset/Rokkan

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Rokkan 1980: 121)

Dabei ordnet das historische Konfliktlinienmodell den im Verlauf der nationalen Revolutionen entstandenen cleavages der territorialen Dimension zu, während die Konflikte der „Industriellen Revolution“ zwischen primärem und sekundärem Sektor sowie zwischen Kapital und Arbeit auf der funktionalen Dimension die ökonomischen Verteilungskonflikte repräsentieren (vgl. Mielke 2001: 78).

Lipset und Rokkan sprechen bereits von cleavages, bevor diese parteipolitisch organisiert werden, denn „cleavages do not translate themselves into party oppositions as a matter of course“(Lipset/Rokkan 1967: 26), viel mehr müssen sie durch vorhandene politische Eliten aufgeladen werden. „Somit weicht temporär die gesellschaftliche von der parteipolitischen Konfliktstruktur ab“ (Niedermayer 2009: 32). Für die Parteipolitisierung eines cleavage ist eine Reihe von Schwellen zu überwinden[1] , womit es für eine politische Elite sinnvoller sein kann, sich mit einer bereits bestehenden Partei zu verbünden statt eine eigene Partei zu gründen. Lipset und Rokkan gehen davon aus, dass die Parteiensysteme als Ganzes nach Abschluss ihrer Entstehungsphase die gesellschaftliche Cleavage-Struktur widerspiegeln.

[...]


[1] Lipset und Rokkan sprechen in diesem Zusammenhang von vier Schwellen (thresholds), die es zu überwinden gilt, ehe die Forderungen in das politische System eingehen können: legitimation, incorporation, representation und majority power (Lipset/Rokkan 1967: 27)

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656279723
ISBN (Buch)
9783656281191
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202054
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
Schlagworte
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