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Der Begriff der Lebenswelt in Edmund Husserls „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Idee der Lebenswelt vor der „Krisisschrift“
a. Ideen I
b. Ideen II

2. Die Lebenswelt in der „Krisisschrift“
a. Die Konzeption der Lebenswelt
i. Die Krisis der europäischen Wissenschaften
ii. Die Besinnung zur Geschichte
iii.Die Mathematisierung der Natur
b. Die Lebenswelt als Ursprung der Wissenschaften
c. Unterscheidung zwischen Lebenswelt und idealisierter Welt
d. Vorwissenschaftliche Erfahrung versus wissenschaftliche Welt

3. Zugangsweisen der Lebenswelt
a. Die Epoché
b. Die transzendentale Reduktion

4. Probleme der Lebenswelt

5. Fazit/ Aussicht

Literaturverzeichnis

Einleitung

In seinem Spätwerk „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“ macht Edmund Husserl den Begriff der Lebenswelt zu einem zentralen Gegenstand seiner Phänomenologie. Für Husserl ist die Lebenswelt der „eigentliche, der ursprungsechte Sinn“1, der selbstverständliche , unbefragte Boden allen wissenschaftlichen und alltäglichen Handelns. Husserl machte mit der Thematisierung des „Lebenswelt“ Begriffs „zum ersten Mal in der Geschichte der Philosophie etwas zum Problem, was bis dahin gar nicht gesehen wurde.“2

Durch einen Versuch der Reduktion und der Einführung der Epoché gegenüber den positivistischen Wissenschaften, welche er durch ihre „Idealisierung“ für die Krisis in den Wissenschaften verantwortlich macht, weist er auf das radikale Problem hin, welches „ wie eine solche Naivit ä t tats ä chlich als lebendige historische Tatsache m ö glich wurde und immerfort wird, wie eine Methode, die wirklich auf ein Ziel, die systematische L ö sung einer unendlichen wissenschaftlichen Aufgabe, ausgerichtet ist und daf ü r immerfort zweifellos Ergebnisse zeitigt, je erwachsen konnte und dann durch die Jahrhunderte hindurch immerfort n ü tzlich zu fungieren vermag, ohne da ß irgendjemand ein wirkliches Verst ä ndnis des eigentlichen Sinnes und der inneren Notwendigkeit solcher Leistungen besa ß . “ 3

Die Lebenswelt und das damit inbegriffene Problem der Mathematisierung der Natur sowie die Analyse der Lebenswelt gehören zu den bekanntesten Untersuchungen Husserls und wurden auch außerhalb der Philosophie zum Beispiel in der Soziologie bekannt, unter anderen durch Niklas Luhmann und seine Kommunikation als Operation sozialer Systeme innerhalb der Systemtheorie.

Husserls Beschreibung der Krisis erhebt den Anspruch mit der „Geschichtlichkeit wissenschaftlicher Theorien und ihrem Verhältnis zum konkreten, historischen Leben“4 eine Beschäftigung zu betreiben, welche weit über eine rein empirische Analyse hinausgeht.

Bei einer Analyse der Lebenswelt geht es vor allem um die Verhältnismäßigkeit der objektiven Wissenschaften und der subjektiven, praktischen Erfahrung. Im Folgenden soll nun auf eine Analyse Husserls „Lebensweltbegriffe“ eingegangen werden.

1. Die Idee der Lebenswelt vor der „Krisisschrift“

Die Idee der Lebenswelt taucht bei Edmund Husserl in der Krisisschrift von 1936 nicht zum ersten Mal auf. Den Gedanken von der Entfremdung der Menschen und ihrer tatsächlichen Welt, anschaulich in den objektiven Wissenschaften und der Mathematisierung der Natur und der daraus folgenden Sinnentleerung, skizziert Husserl bereits in seinen „Ideen II“aus dem Jahre 1916/175

In grober Form war der Gedanke der Lebenswelt auch schon enthalten in den „Ideen I“ von 19136. Allerdings ist der dort benutzte Begriff der „natürlichen Welt“ nicht gleichzusetzen mit dem Lebensweltbegriff der „Krisisschrift“.

Ideen I

Eine Auseinandersetzung mit dem Problem der Lebenswelt findet man bereits in Husserls „ Ideen zu einer reinen Ph ä nomenologie und einer ph ä nomenologischen Philosophie I “ . In der frühen Phase der Entwicklung der Phänomenologie steht die Meditation zum natürlichen Leben und der natürlichen Einstellung als Zugang zu einer phänomenologischen Philosophie im Mittelpunkt. Das Wesen der natürlichen Welt wird von Husserl zunächst als „für mich einfach da, [...] im wörtlichen und bildlichen Sinne vorhanden“7 beschrieben. Dies gilt jedoch nur für die natürliche Welt. Die „arithmetische Welt“ ist immer nur dann da, „ wenn und solange ich arithmetisch eingestellt bin.“8 Nach Husserl ist somit eine Koexistenz einer natürlichen, vortheoretischen Welt und einer idealisierten Welt möglich. Wobei sich die wissenschaftliche Behandlung der idealisierten Welt immer auf die natürliche Welt, als Boden des natürlichen Lebens beziehen muss.

Denn nur sie ist anschaulich real und bleibt „ungestört durch die neuen Einstellungen vorhanden.“9

Ideen II

Der Begriff der natürlichen Welt aus den Ideen I wird in den Ideen II als Umweltbegriff weitergeführt. Wie bereits erwähnt dürfen diese Begriffe trotz ähnlicher Merkmale und Charakteristika keineswegs identisch gesehen oder behandelt werden. Husserl verarbeitet den Begriff der natürlichen Welt in den Ideen II komplexer, wobei er die Gedanken aus den Ideen I weiter konkretisiert. So verweist er erneut auf die natürliche Welt als selbstverständlich vorhandenen Boden, welcher das Fundament aller personenbezogenen Handlungen oder Bewusstseinsakte darstellt. Neu an dieser Einsicht ist die Relativität der Person zur Umwelt. Husserl schreibt, dass die personalen seelischen Daten immer nur einen Teil seelischer oder überhaupt natürlicher Daten bilden. „ Vom Standpunkte der Natur ist alles pers ö nliche etwas untergeordnetes. “ 10

So wird deutlich, dass die Erfahrungen, bzw. die „ interphysischen Kausalbeziehungen wechselseitige, reale Seelenerlebnisse “ 11 ermöglichen. Solche Fakta sind immer spezifisch, dass heißt, sie treten immer mit dem Leibe individuell und mit dem zugehörigen Bewusstsein auf. Eine weitere Neuerung dieser relativen Behandlung des Weltbegriffs ist die zwangsweise aus der subjektiven Wahrnehmung folgende Multiplizität von Welten. „Da die Begriffe Person und Umwelt untrennbar auf einander bezogen sind“12 und wie oben bereits gezeigt eine Subjektivität von Erfahrung und Wahrnehmung möglich ist, so gibt es für jede Person auf Grund ihrer erinnerten oder gefassten Wahrnehmung auch eine eigene Welt. Weiterhin kann auch eine Gruppe von Menschen, welche miteinander kommunizieren, eine gemeinsame Umwelt haben13 und zwischen der gemeinsamen Umwelt und den einzelnen Umwelten kann es ebenfalls Schnittmengen geben. Durch diese Vervielfachung des Umweltbegriffs wird die nächste Neuerung Husserls deutlich welche er hier vollzieht. Durch die Subjektivität der Umwelten kommt es zu einer Erweiterung der bisher vermuteten Welt. Sie ist somit kein abgeschlossenes System, sondern durch eine Ausdehnung der Erfahrungen vergrößert sich die persönlich wahrgenommene Welt merklich. Bei diesem Novum handelt es sich also um eine Ausweitung nicht nur des Begriffes der Umwelt, sondern auch der Umwelt an sich, besonders ersichtlich da Husserl in seinen Ideen I noch von einem klaren Horizont sprach14.

2. Die Lebenswelt in der Krisisschrift

Zu klären ist zu allererst an dieser Stelle das Motiv für die erneute Behandlung der „Lebenswelt“ in der „Krisisschrift“. Wird hier nur eine erneute Bearbeitung des alten Begriffs der Lebenswelt angestrebt? Zuerst setzt sich Husserl in der „Krisisschrift“ ausführlicher und genauer mit dem Lebensweltbegriff auseinander. Waren die Überlegungen in den Ideen vielmehr Skizzen, so thematisiert er den Begriff innerhalb der „Krisisschrift“ immerhin auf 43 Seiten. Neu gegenüber der Überlegungen in den Ideen ist hierbei die Wendung zur Geschichte, sowie die Auseinandersetzung mit selbiger, als Bestandteil der Phänomenologie. Problematisch an diesem Punkt ist die bei Husserl nicht eindeutige Beziehung zwischen geschichtlichen Untersuchungen, in den zu seinen Lebzeiten ersten beiden veröffentlichten Teilen der „Krisisschrift“ (I) und dem erst posthum veröffentlichtem dritten Teil (V), welcher die Lebenswelt eigenständig thematisiert. Durch die nachträgliche Bearbeitung des Textes und das Anfügen des dritten Teils kann nur gemutmaßt werden, ob eine chronologisch-thematische Beziehung beabsichtigt war oder der Lebenswelt-Abschnitt unabhängig von den geschichtlichen Manuskripten gedacht war. Der herrschenden wissenschaftlichen Meinung folgend, werde ich in dieser Arbeit versuchen den erforderlichen Zusammenhang zu rekonstruieren.

[...]


1 I, S. 50

2 Köppel, S. 44 zit. nach Brand, S. 16

3 I, S. 56

4 Zahavi, S. 136

5 Kerckhoven, zit. nach Lee, S. 103

6 Schuhmann, zit nach Lee, S. 104

7 III, S. 48

8 III, S. 51

9 ebd.

10 IV, S. 185

11 IV, S. 184

12 IV, S. 185

13 ebd.

14 III, S. 49

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656284840
ISBN (Buch)
9783656285984
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v202048
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
begriff lebenswelt edmund husserls krisis wissenschaften phänomenologie eine einleitung philosophie

Autor

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