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Von START zu NEW START: Das Dilemma und die Zukunft der Nuklearen Abrüstung

Bachelorarbeit 2011 47 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

1 Fragestellung

2. Definition des Begriffes Abrüstung

3. Die vier Verträge
3.1 START I
3.1.1 Geschichte
3.1.2 Bestimmungen
3.1.3 Abrüstung
3.2 START II
3.2.1 Geschichte
3.2.2 Bestimm ungen
3.2.3 Abrüstung
3.3 SORT
3.3.1 Geschichte
3.3.2 Bestimmungen
3.3.3 Abrüstung
3.4 NEW START
3.4.1 Geschichte
3.4.2 Bestimmungen
3.4.3 Erforderliche Abrüstung

4. Dependenz zwischen Nuklearer Abrüstung und Strategischer Stabilität
4.1 Mutual Assured Destruction
4.1.1 Rationalität
4.1.2 Glaubwürdigkeit
4.1.3 Die „overkill capacity“
4.2 Die Rolle der Nuklearwaffen in den Doktrinen
4.2.1 Die USA und die NATO
4.2.2 Russland
4.2.3 Großbritannien
4.2.4 Frankreich
4.2.5 China
4.2.4 Die anderen Atommächte
4.3 Ausweg aus MAD
4.3.1 Abrüstung
4.3.2 De-Alerting
4.3.3 Mutual assured Protection
4.3.3.1 Die Grunprinzipien von „MAP stability“

5. Fazit

6. Glossar

7 Literatur

8. Anhang

1 Fragestellung

„[…]both sides overburdened by the cost of modern weapons, both rightly alarmed by the steady spread of the deadly atom, yet both racing to alter that uncertain balance of terror that stays the hand of mankind's final war.“1

US-Präsident John F. Kennedy sagte diesen Satz in seiner Amtseinführungsrede am 20. Januar 1961. Die Kernaussage dieses Satzes hat bis heute wenig von ihrer Gültigkeit verloren. 48 Jahre später hält der neue US-Präsident Barack Obama in Prag eine Rede, die für Aufsehen sorgt, weil sie die Hoffnung auf eine atomwaffenfreie Welt, ein Global Zero, zum langfristigen Ziel der amerikanischen Außenpolitik erhebt:

„Today, the Cold War has disappeared but thousands of those weapons have not. In a strange turn of history, the threat of global nuclear war has gone down, but the risk of a nuclear attack has gone up. More nations have acquired these weapons.”2

Obwohl zwischen diesen beiden Reden beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen ist, in dem elementare Veränderungen des weltpolitischen Systems stattgefunden haben, ver- bindet die beiden Aussagen mehr als dass es sie trennt. Die Existenz einer Vielzahl der erwähnten Waffen und das „Gleichgewicht des Schreckens“ sind auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht aus der Weltpolitik wegzudenken.

Zum Zeitpunkt der Rede von US-Präsident Obama in Prag sind die Verhandlungen der beiden größten Atommächte Russland und USA über einen neuen umfangreichen Ab- rüstungsvertrag in vollem Gange. Der NEW START-Vertrag wird schließlich im April 2010 von den Präsidenten Russlands und den Vereinigten Staaten von Amerika unter- schrieben. Der Vertrag wird von einer Vielzahl Politikern und Organisationen über- schwänglich begrüßt. So nennt ihn beispielsweise die deutsche Bundeskanzlerin Dr. Merkel „einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung einer strategischen Partner- schaft mit Russland“3, und der deutsche Außenminister Dr. Westerwelle wird in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom 23.12.2010 mit dem Satz zitiert, er erwarte ein „Jahr- zehnt der Abrüstung“4.

Die Fragen, die im ersten Schwerpunkt dieser Arbeit zu beantworten sind, sind folgen- de: Welche Wirkung hatten und haben die vier großen Abrüstungsverträge für strategische Nuklearwaffen auf die Waffenarsenale der Atommächte, bzw. welche Auswirkungen wird der NEW START-Vertrag auf die Art und die Anzahl der Waffensysteme haben?

Welche tatsächliche Abrüstung verbirgt sich in den veröffentlichten Zahlen? Um dies zu untersuchen, konzentriert sich die Arbeit auf die Analyse der relevanten Artikel der Verträge und auf die Analyse der Nachweisdokumente.

Von diesen Ergebnissen ausgehend, folgt eine Analyse der spezifischen Stellung der Nuklearwaffen in den Sicherheitsdoktrinen derjenigen Staaten, die Nuklearwaffen be- sitzen. Ziel ist dabei herauszufinden, auf welche Art und Weise die Gewichtung der eigenen Rolle in den Doktrinen Einfluss auf die fortwährende nukleare Abrüstung ha- ben kann.

Der zweite Schwerpunkt dieser Arbeit ist, die Verbindung von Strategischer Stabilität und nuklearer Abrüstung darzustellen und dabei mögliche Auswege aus dem „Gleichgewicht des Schreckens“ aufzuzeigen.

2. Definition des Begriffes Abrüstung

Unter Abrüstung im militärischen Sinne versteht man die quantitative und qualitative Verringerung der Waffenarsenale und des militärischen Personals5. Auch Nuklearwaffen nehmen in Bezug auf diese Definition erst einmal keine Sonderstellung ein. Dennoch ergeben sich aufgrund der sensiblen Komponenten von Nuklearwaffen Konfliktpotentiale, die im Rahmen von völkerrechtlich wirksamen Abrüstungsverträgen eine genauere Definition für den Begriff Abrüstung erforderlich machen.

Das Abrüsten, vor allem das quantitative Reduzieren von konventionellen Waffen, ist im Vergleich zum Abrüsten von Nuklearwaffen ein recht einfacher - in manchen Fällen sogar ein einträglicher - Vorgang. Das Abrüsten von großen konventionellen Kriegsschiffen, von Flugzeugen bis hin zu Panzern, liefert in der Regel eine beachtliche Menge an wieder verwertbaren Materialien. Als Beispiel sei hier das „Abrüsten“ der Deutschen Hochseeflotte, die sich 1919 in Scapa Flow auf den Orkney Inseln selbst versenkt hatte, genannt. Ein wesentlicher Teil der Inselwirtschaft beruhte in den nachfolgenden Jahren auf der Bergung und dem Abbau dieser künstlichen Ressource.

Die Problematik der Nuklearwaffen liegt in großen Teilen darin, dass es sich hierbei um Waffen handelt, deren Aufbau von komplexer Technologie und im Umgang hochsen- siblen Materialien geprägt ist. Die Abrüstung von Nuklearwaffen ist ein Prozess, der mit einem gleich hohen technischen Aufwand verbunden ist wie die Herstellung der Waffen selbst. Eine der großen Herausforderungen ist der Verbleib der uranhaltigen, bzw., plutoniumhaltigen Komponenten der Waffen. Hierbei geht es nicht nur darum sicherzustellen, dass solches Material wirksam unter Verschluss gehalten wird und Drit- ten nicht zugänglich gemacht wird, sondern es geht auch darum, ob Plutonium oder Uran, welches aus Waffen stammt, die abgerüstet wurden, erneut in den militärischen Kreislauf gelangen darf.

Die Geschwindigkeit, mit der Nuklearwaffen tatsächlich abgerüstet werden, erschließt sich also nicht nur aus der Realisierung des eigentlichen technischen Prozesses, sondern auch aus den erforderlichen und verfügbaren finanziellen Ressourcen der Staaten.

3. Die vier Verträge

In der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und dem damit verbundenen Ende des Ost-West-Konfliktes, bis zu der Unterzeichnung des „NEW START“ Vertrages am 08. April 2010 in Prag durch US-Präsident Barack Obama und den Präsidenten der Russischen Föderation Dmitry Medwedew, ist der Prozess der nuklearen Abrüstung der beiden Großmächte USA und Russland, vormals Sowjetunion, geprägt durch die vier großen Abrüstungsverträge für strategische Nuklearwaffen, welche zwischen den beiden Staaten verhandelt und abgeschlossen wurden.

Die vier Abrüstungsverträge sind:

- START I-Vertrag
- START II -Vertrag SORT-Vertrag
- NEW START-Vertrag
- Die erste Phase nach der Unterzeichnung des START I-Vertrages ist ein Beispiel für die Effektivität eines Schneeballprinzips für weitere unilaterale Abrüstungsankündigungen, welche beide beteiligten Staaten vornahmen.6

Dies lies Zweifel aufkommen, ob der fortlaufende Prozess der Abrüstung weiterhin in Form großer Konferenzen und Verträge ablaufen soll, oder ob die Dynamik der unilateralen Ankündigungen dafür nicht besser geeignet wäre. Die Geschichte zeigt jedoch, dass der Abrüstungsprozess in den 90er und 2000er Jahren nicht die rasante Entwicklung nahm, die man 1991 prognostiziert hatte.

3.1 START I

3.1.1 Geschichte

Der „Strategic Arms Reduction Treaty“ kurz START, später START I genannt, ist das Ergebnis von Verhandlungen, die bereits 1982, also mitten im Ost-West Konflikt, von den USA und der Sowjetunion begonnen wurden. Zum Abschluss kam der Vertrag am 31. Juli 1991. Nach Auflösung der Sowjetunion trat der Vertrag mit dem Zusatz des Lissabon-Protokolls7, und nach der Ratifizierung des NPT durch die Nuklearwaffen besitzenden Nachfolgestaaten der Sowjetunion (Belarus, Ukraine und Kasachstan) erst am 5. Dezember 1994 in Kraft. Im START I-Vertrag war eine Laufzeit von 15 Jahren vorgesehen, mit einer Option zur Verlängerung des Vertrages um 5 Jahre.8

Die Option zur Verlängerung wurde von den USA und von Russland nicht gezogen, und der START I-Vertrag lief mit Ablauf der 15 Jahre im Dezember 2009 aus.

3.1.2 Bestimmungen

Der START I-Vertrag folgt im Prinzip einer einfachen Struktur.

Einer vorher definierten nuklearen Waffengattung werden wirksame Obergrenzen für Waffe und Trägersystem gesetzt. Waffensysteme, die oberhalb dieser Grenze liegen, müssen nach den Regularien des START I-Vertrages abgerüstet werden. Die Abrüstung selbst erfolgt dabei nach den im Zusatzprotokoll festgelegten Bestimmungen9und geht mit einer anschließenden Verifikation durch das im Vertrag eingerichtete Verifikations- regime einher. Die Besonderheit des START I-Vertrages ist ein Abrechnungsverfahren, welches sich je nach Waffensystem und Staat unterschiedlich auf die festgelegte Ober- grenze auswirkt. Zu diesen Obergrenzen kommt eine Begrenzung für das maximale „Throw Weight“ der Arsenale.

Der START I-Vertrag legt dabei folgende Grenzen fest:

In Artikel II a wird die Obergrenze an eingesetzten Trägersystemen10auf 1.600 für jede Seite festgelegt.

In Artikel II b wird die Zahl der „deployed warheads“ auf 6.000 je Seite, davon maximal 1100 Gefechtsköpfe auf mobilen ICBMs. Eine Sonderrolle nehmen im Vertrag die sog. „Heavy ICBMs“ ein, deren Zahl auf 154 mit maximal 1.540 Gefechtsköpfen beschränkt wird.11

In Artikel IV sieht der START I-Vertrag ausführliche Beschränkungen für die sog. „non deployed“ ICBMs, SLBMs, Heavy Bombers und deren zugehörige Trägersysteme vor. So darf zum Beispiel die Zahl der „non deployed“ ICBMs für mobile Systeme 250 nicht überschreiten.12Eine genaue Beschreibung der dort festgelegten Zahlen ist für die Beantwortung der Fragestellung an dieser Stelle jedoch nicht relevant.

Diese Obergrenzen sollen innerhalb der Laufzeit des Vertrages stufenweise erreicht werden. In Artikel II 2 a heißt es dazu: „Each Party shall implement the reductions pursuant to paragraph 1 of this Article in three phases […].“13

Die erste Stufe des Vertrages sieht vor, dass beide Staaten innerhalb von 36 Monaten nach Inkrafttreten des Vertrages eine Grenze von 2.100 eingesetzten ICBMs, SLBMs und schweren Bombern erreicht haben. Weiterhin sollen die eingesetzten Gefechtsköpfe auf 9.150, davon wiederum 8.050 Gefechtsköpfe auf ICBMs und SLBMs, beschränkt werden.14

Die zweite Stufe sieht vor, dass beide Mächte innerhalb von 60 Monaten nach Inkrafttreten des Vertrages die eingesetzten ICBMs, SLBMs und Heavy Bombers weiter auf 1.900 reduzieren. Die Zahl der Gefechtsköpfe soll nunmehr maximal 7.950 betragen, davon maximal 6.750 auf eingesetzten ICBMs und SLBMs.15

Die letzte Stufe sieht vor, dass 84 Monate nach Inkrafttreten des Vertrages die Obergrenzen nach Artikel II 1 von beiden Seiten erreicht sind. 16

Die bereits erwähnte Besonderheit des START I-Vertrages besteht darin, dass es sich bei den festgelegten Obergrenzen um solche für anrechenbare Systeme handelt. Dies bedeutet in der Realität, dass bei einer Obergrenze von 6.000 anrechenbaren Gefechtsköpfen es durchaus möglich ist, mehr Gefechtsköpfe einzusetzen und dennoch die Grenze von 6.000 anrechenbaren einzuhalten.

Für die vom Vertrag betroffenen Waffensysteme werden in Artikel III nachfolgende Regeln festgelegt: In Bezug auf die Zählung von ICBMs, SLBMs und deren „Launch Canister“ zählt jedes System als eines. In Bezug auf die Zählung der „deployed warheads“ zählt jedes „reentry vehicle“ als ein Gefechtskopf. Jeder deployed Heavy Bomber, fähig zum Abschuss von „Long range ALCMs“, zählt als ein Trägersystem. Jedoch gilt für die ersten 150 dieser Bomber für die USA die Zahl der Gefechtsköpfe als 10, obwohl die Bomber vom Typ B52 H bis zu 20 Gefechtsköpfe tragen können. Für die Sowjetunion gilt für die ersten 180 dieser Bomber die Zahl der Gefechtsköpfe als 8, obwohl die Bomber 16 Gefechtsköpfe tragen können.

Bomber, die nicht „long range ALCM“ fähig sind, gelten als ein Trägersystem mit ei- nem Gefechtskopf.17Diese Anrechnungsregeln belohnen die langsamen Systeme, wie die Heavy Bomber, und bestrafen die besonders destabilisierenden Systeme, wie die MIRV-fähigen ICBMs.

3.1.3 Abrüstung

Die Abrüstung der Waffensysteme im Rahmen des START I-Vertrages erfolgt nach den Regeln, welche im „Protocol on Procedures Governing the Conversion or Elimination of the Items Subject to the Treaty between the United States of America and the Union of Soviet Republics on the Reduction and Limitation of Strategic offensive Arms“ fest- gelegt wurden. Das Protokoll unterscheidet dabei Aktionen, welche der ausführende Staat vor Ankunft eines Inspektionsteams ausführen darf und soll und Aktionen, welche nur unter der im Verifikationsregime vorgesehenen Kontrolle stattfinden dürfen. Be- deutsam dabei ist, dass bereits im erstgenannten Teil der Aktionen, die Pflicht, die Ge- fechtsköpfe zu entfernen18sowie das Recht, die Rakete aus dem „Launch Canister“ zu entfernen und in die einzelnen Stufen zu zerlegen, enthalten ist.19Die im Vertragswerk festgelegte Zerstörung derjenigen Systeme, die über den erlaubten Grenzen liegen, wird in dem Protokoll ebenfalls genau festgelegt. So wird z.B. festgelegt, dass der Treibstoff von Feststoffraketen entfernt werden muss oder die einzelnen Stufen abgebrannt werden oder durch Sprengung zerstört werden müssen.20Es wird des Weiteren sichergestellt, dass elementare Teile, wie die Front Sektion, Teile des Antriebs und der Hülle durch mechanische Zerstörung oder durch Sprengung vernichtet werden.21. Das Protokoll sieht jedoch die Möglichkeit vor, die „Launch Canister“ für die Benutzung von nach dem Vertrag erlaubten Raketen umzuwandeln.

Diese detaillierte Beschreibung der Maßnahmen, welche erforderlich sind, um die Vertragsbestimmungen einzuhalten, ist bei einem Vertrag vom Umfang des START I- Vertrags dringend geboten.

Die Unterzeichnermächte des START I-Vertrages geben sich gegenseitig alle 6 Monate in einem sog. „Memorandum of Understanding“, kurz „MOU“, Aufschluss über die erfolgten Maßnahmen und erreichten Zahlen. Die „MOU-Data“ der beteiligten Staaten ist daher die erste Quelle, um zu überprüfen, welche Abrüstung tatsächlich stattgefun- den hat. Kerndaten sind dabei die als Ziel genannten Zahlen zu den im Vertrag festge- legten Stufen.

Zu Beginn der Laufzeit des START I-Vertrages besitzen die Vereinigten Staaten nach ihrer „MOU-Data“ ein Arsenal von 2.264 Trägersystemen mit 10.563 darauf stationierten Gefechtsköpfen. Die Sowjetunion besitzt dagegen ein Arsenal von 2.500 Trägersystemen mit 10.271 darauf stationierten Gefechtsköpfen. Das bedeutet, beide Staaten müssen im Bereich der Trägersysteme 29 %, bzw. 36 % abrüsten. Bei den Gefechtsköpfen müssen beide Staaten ca. 42% ihrer Arsenale abrüsten.

Hier tritt jedoch eine Besonderheit des START I-Vertrages auf. Das Verfahren des „Downloading“ erlaubt den beiden Staaten, die Anzahl der Gefechtsköpfe einer MIRV- fähigen Raketen zu verringern. Die Menge der nach diesem Verfahren reduzierten Ge- fechtsköpfe darf nach Artikel III 5 des START I-Vertrages die Zahl von 1.250 nicht überschreiten.

In den Tabellen22wird erkennbar, dass die beiden Staaten die einzelnen Stufengrenzen jeweils erreicht haben, jedoch sind diese Zahlen unter dem Einfluss der speziellen Zähl- regeln des START I-Vertrages zu sehen. Die Zahl der Gefechtsköpfe, welche auf den „long range ALCM-fähigen Bombern“ stationiert sind, ist höher als in der „MOU- Da- ta“ angegeben.

Kontrovers zu betrachten sind die Maßnahmen, die aus Artikel IV 4 des START I- Vertrages resultieren. Hier ist es sowohl den USA als auch Russland erlaubt, ausge- musterte Raketen als Trägersysteme für den Transport ziviler Satelliten zu benutzen. Zwar ist die Zahl, der auf solche Art genutzten „Launch Systems“, auf 20 beschränkt, dazu noch verteilt auf maximal 5 Basen, wobei die Anzahl der dort gelagerten Raketen die Anzahl der „Launch Systems“ nicht überschreiten darf. Beide Staaten nutzten diese Möglichkeit für die MX Peacekeeper auf amerikanischer Seite und für die SS 18 und SS 25 auf russischer Seite. Die Problematik einer solchen Möglichkeit zeigte sich spätes- tens dann, als Aleksandr Yakovenko, ein Mitglied des russischen Außenministeriums, den USA am 4. Januar 2001 vorwarf, den Vertrag zu verletzten, indem sie nur die Frontplattform ihrer MX Peacekeeper zerstörten, nicht aber die ganze Rakete.23

Der Begriff „Abrüstung“ ist im START I-Vertrag mit umfangreichen Anweisungen versehen, auf welche Art und Weise die Abrüstung erfolgen soll. Darüberhinaus ist der Begriff „Abrüstung“ an die spezielle Zählweise gekoppelt, die dem Vertrag innewohnt. Das hat zur Folge, dass die nach START-Regeln veröffentlichten Zahlen nicht in vollem Umfang den realen Arsenalen der beiden Staaten entsprechen muss.

3.2 START II

3.2.1 Geschichte

Der START I-Vertrag mit seinem komplexen Regelwerk entstand in seit 1982 zwischen den USA und der Sowjetunion geführten, langwierigen Verhandlungen. Schon während der Endphase dieser Verhandlungen zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts zeigte sich, dass die festgelegte Obergrenze von 6.000 Gefechtsköpfen nicht der neu entstandenen weltpolitischen Situation entsprach. Begleitet von weiteren unilateralen Abrüstungen führte dies auf direktem Wege zur Aufnahme von Verhandlungen für einen Nachfolgevertrag des START I-Vertrages.

Am 3. Oktober 1993 unterzeichneten der Präsident der USA George H.W. Bush und der Präsident der Russischen Föderation Boris Jelzin den neuen START II genannten Ver- trag, also noch bevor der START I-Vertrag überhaupt in Kraft getreten war. Der Ver- trag sollte daher auch alle im START I-Vertrag beschlossenen Bestimmungen nicht beeinträchtigen, es sei denn. dass dies im START II-Vertrag so festgelegt wurde. Der START II-Vertrag wurde vom US-Senat am 26. Januar 1996 ratifiziert. Die russische Duma ratifizierte den Vertrag jedoch erst am 14. April 2000 mit der Kondition, dass die Vereinigten Staaten den ABM-Vertrag von 1972 achten. Die USA kündigten diesen jedoch endgültig im Juni 2002. Der START II-Vertrag ist somit völkerrechtlich nicht in Kraft getreten.

Obwohl der START II-Vertrag niemals in Kraft getreten ist, liefern seine Bestimmungen dennoch nicht nur ein Abbild der veränderten Rolle der Atomwaffen in den 90er Jahren des 20 Jahrhunderts, sondern bilden im gewissen Sinne auch den Hintergrund für eine Anzahl an Maßnahmen von Abrüstungen, welche von beiden Staaten gezwungenermaßen auf Basis des START I-Regimes durchgeführt wurden.

Gleichermaßen zeigt das Scheitern des START II-Vertrages im Zusammenhang mit dem ABM-Vertrag, dass die Suche nach einer neuen „Strategischen Stabilität“ und einer neuen Rolle der Atomwaffen darin nicht erfolgreich war.

3.2.2 Bestimmungen

Der START II-Vertrag unterscheidet sich im Grundprinzip zunächst einmal nicht vom START I-Vertrag. Vorher definierten Waffensystemen werden wirksame Obergrenzen gesetzt und überzählige Waffen abgerüstet. Bestimmungen des START I-Vertrages bleiben, wenn nicht explizit geändert, auch für den START II-Vertrag in Kraft. Der START II-Vertrag sieht dabei vor, bis zum Ende der ersten Phase, 7 Jahre nach In- krafttreten des START I-Vertrages, die Grenze von 3.800-4.250 Gefechtsköpfen auf beiden Seiten zu erreichen. Dabei gilt es zu beachten, dass der START II-Vertrag auf realen Zahlen beruht und auf das Anrechnungssystem des START I-Vertrages verzich- tet. Die Zahl der erlaubten Trägersysteme bleibt, wie im START I-Vertrag, bei 1.600. Der START II-Vertrag legt einen besonderen Fokus auf die Abrüstung von MIRV- fähigen Waffensystemen. Er beschränkt die Anzahl der Gefechtsköpfe auf diesen Sys- temen in der ersten Phase auf 1.200. Dazu wird in der ersten Phase die Zahl der Ge- fechtsköpfe auf SLBMs auf 2.160 und die Zahl der Gefechtsköpfe. die auf den Heavy ICBMs stationiert sind, ist auf 650 beschränkt.24

Das Ende der zweiten Phase war zunächst für den 1. Januar 2003 vorgesehen. Im New York Protocol25wurde die Zeitspanne bis zum 31. Dezember 2007 verlängert.

[...]


1Kennedy, John F.: Amtseinführungsrede, 20. Januar 1961, Quelle: http://www.americanrhetoric.com/speeches/jfkinaugural.htm, 30.08.2011. Quelle: http://prague.usembassy.gov/obama.html, 30.08.2011.

3 DIE ZEIT 23.12.2010, Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-12/start-abruestungsvertrag-usa, 30.08.2011.

4Ebd.

5 Vgl. Nohlen, Dieter: Kleines Lexikon der Politik, S.1. 5

6Vgl. Presidental Nucelar Initiatives (PNI) 27.9.1991. http://www.armscontrol.org/factsheets/pniglance, 30.08.2011.

7Belarus, Ukraine Kazachstan übergeben ihre Nuklearwaffen an Russland.

8 START Treaty Article XVII 2 Quelle: www.state.gov, 30.08.2011. 7

9 Vgl. Protocol on Conversion or Elimination of Items Subject to the Treaty. Quelle http://www.fas.org/nuke/control/start1/text/coretoc.htm#convpro/protocol, 30.08.2011.

10ICBM and ICBM Launchers SLBM and SLBM Launchers, Heavy Bombers ICBM and SLBM warheads and Bomber arnaments […].

11Vgl. Definitiond Annex 39 Heavy ICBM means an ICBM of a type, any one of which has a launch weight greater than 106,000 kilograms or a throw weight greater than 4350 kilograms.

12START Article IV 1a.

13START Article II 2.

14START Article II 2a I, II, III.

15START Article II 2b I, II, III.

16START Article II 2c.

17Vgl START I Article III 1-4.

18Vgl Protocol Article I 2a.

19Vgl Protocol Article I 2c.

20Vg. Protocoll I 4a.

21Vgl Ebd. I 4 ff.

22Siehe. Anhang Tabelle 1-3.

23 Radio Free Europe/Radio Liberty Newsline Vol. 5, No 3 Part I, 5 Januar 2001, Quelle: http://www.fas.org/nuke/control/start1/news/treaty-start1-010105.htm, 30.08.2011.

24START II Vertrag Article I 1, 2.

25Protocol to the Treaty between the United States of America and the Russian Federation on further reduction and limitation of Strategic offensive Arms of January 3 1993. Quelle: http://www.bits.de/NRANEU/START/documents/start2/97/New_York_Protocol.htm, 30.08.2011.

Details

Seiten
47
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656301356
ISBN (Buch)
9783656301813
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201968
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
nukleare abrüstung ende ost-west konfliktes quellenkritische überprüfung zukunftsaussichten

Autor

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Titel: Von START zu NEW START: Das Dilemma und die Zukunft der Nuklearen Abrüstung