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Ist Terrorismus ein Produkt der Armut? Verschwindet mit der Armut auch Terrorismus?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Was wir über Terrorismus wissen
2.1 Kennzeichen des modernen Terrorismus
2.2 Ein Terrorist ist nicht Partisan, ist aber auch nicht Krimineller

3. Armut ist die Ursache für Terrorismus
3.1 Unendlich großes Rekrutierungspotential
3.2 Soziales Engagement von Terrororganisationen
3.3 Relative Armut
3.4 Empathie durch Armut

4. Terrorismus, das ist ein Produkt der Moderne
4.1 La terreur
4.2 Evolution des Terrorismus
4.2.1 Auslöser
4.2.2 Anpassung der Strategie
4.3 Soziale Struktur von Terrororganisationen
4.4 Radikalisierung des Islam

5. Fazit

6. Verschwindet mit der Armut auch der Terrorismus
6.1 Den Sumpf des Terrors austrocknen
6.2 Minderheiten in Demokratien

1. Einleitung

Unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 machte man sich daran Strategien zu entwickeln, um dem Problem der Bedrohung der westlichen Welt durch den Terrorismus Herr zu werden. Eine im Nachhinein verhängnisvolle war die des Präventivkriegs, wie sie die Bush-Administration ummittelbar nach dem Kollaps der Zwillingstürme aus dem Hut zauberte.1Verhängnisvoll deswegen, weil sich zeigte, dass mit einem Krieg gegen einen sogenannten Schurkenstaat dem Terror nicht beizukommen ist. Die USA entsprachen damit eher den Erwartungen der Terroristen, nämlich der einer heftigen Reaktion.

Die friedlichere Gegenposition dazu forderte vor allem Engagement in der Entwicklungshilfe. Die Werkzeuge sind eigenständige Demokratisierung und faire Bildungs- und Wirtschaftsförderung. Die Überwindung von Armut, Analphabetentum und politischer Unselbständigkeit sollte die Menschen davon abhalten sich dem Terrorismus zuzuwenden.2Die Meinung, dass Armut die Ursache von Terrorismus sei, ist weit verbreitet3und spielt auch heute noch eine wesentliche Rolle in der deutschen Entwicklungshilfepolitik.4

Ist Armut aber tatsächliche die Ursache von Terrorismus? Wenn dem so wäre, müsste dann nicht auch mit dem Verschwinden der Armut der Terrorismus der Vergangenheit angehören? Diese Fragen gilt es mit dieser Arbeit zu klären. Zuerst aber Grundsätzliches über das Phänomen Terrorismus.

2. Was wir über Terrorismus wissen.

2.1 Kennzeichen des modernen Terrorismus

Terrorakte entstehen aus politischer Motivation 5heraus. Es geht den Terroristen darum, eine staatliche Ordnung aus den Angeln zu heben.

Es handelt sich um geplante, für die getroffene Gesellschaft schockierende Gewaltakte, die Angst, Schrecken und Unsicherheit verbreiten sollen. Terrorakte werden von nichtstaatlichen Gruppen begangen, die sich eine offene Konfrontation mit dem angegriffenen Staat, sei es im Inland oder im Ausland, aus Gründen der Schwäche nicht leisten können. Man spricht im Bezug auf das Macht- oder Kräfteverhältnis auch von Asymmetrie.

Die Opfer des Gewaltakts sind nicht diejenigen, um die es den Terroristen geht. Die Identitäten der Opfer sind austauschbar. Wenn man von einer Auswahl sprechen möchte, dann in der Hinsicht, dass die getöteten Menschen zu einer angefeindeten Gruppe gehören.

Terroristen haben es nicht auf die Zerstörung von Infrastruktur abgesehen, sondern meist auf Zivilisten. Dementsprechend brechen sie im westlichen Verständnis jegliche moralischen und humanitären Vorstellungen. Anschläge sind vor allem symbolische Akte.

Letztendlich handelt es sich beim Terrorismus um eine Kommunikationsstrategie. Die Botschaft richtet sich zum einen an die auf der Seite der Opfer stehende, entsetzte Gesellschaft. Aber auch an das schadenfrohe Publikum, welches die Terroristen glauben zu repräsentieren.6

2.2 Ein Terrorist ist nicht Partisan, ist aber auch nicht Krimineller

Die Unterscheidung zwischen Terroristen7 und Kriminellen ist recht offensichtlich und einleuchtend. Dennoch kommt es vor, dass Terroristen im täglichen Sprachgebrauch Verbrecher oder Kriminelle genannt werden. Das sind sie aber nicht.

Der Kriminelle akzeptiert die bestehende politische Ordnung. Er ist nicht politisch motiviert, sondern denkt an seinen materiellen Besitz und verübt seine Taten im Verborgenen. Im Gegensatz zu Terroristen besteht überhaupt kein Interesse daran, dass diese in irgendeiner Weise öffentlich gemacht, geschweige denn in der Presse ausführlich behandelt werden.8 Carl Schmitt hat in seiner Schrift Theorie des Partisanen die Merkmale des Partisanen definiert.

Der Partisan ist ein Revolutionär, ein Freiheitskämpfer. Er kämpft irregulär und ist dementsprechend das Gegenstück zum uniformierten Soldaten. Sein Kampf bezieht sich auf ein politisches Motiv, meist den Sturz einer bestehenden politischen Ordnung. Mobilität kennzeichnet den Partisanen ebenfalls. Kleine Gruppen wollen den in der Regel übermächtigen Gegner mit überraschenden Angriffen, man könnte sagen mit einer Nadelstichtaktik schwächen. Schließlich kennzeichnet ihn noch sein „tellurischer Charakter“. Das heißt, der Partisan kämpft und verteidigt ein Stück Erde, seine Heimat gegen einen Eindringling oder eine Regierung, die ihm nicht legitim erscheint. Diese Erdverbundenheit stellt den defensiven Charakter des Partisanen dar.9Bis hierher verschwimmen die Linien zwischen Terroristen und Partisanen.

Im Gegensatz zum Terroristen ist der Partisan als Kämpfer völkerrechtlich anerkannt. Das heißt er genießt beispielsweise bei Gefangennahme den Status eines Kombattanten. Seit der Genfer Konvention von 1977 gilt der Partisan als völkerrechtlich legitimiert, auch wenn er sich nicht an die ersten drei der vier klassischen Bedingungen hält. Diese sind: Verantwortlicher Vorgesetzter, feste sichtbare Abzeichen, offenes Tragen der Waffen und Einhaltung des Kriegsrechts. Außerdem gilt die Anerkennung generell, wenn Partisanen gegen eine rassistische oder koloniale Herrschaft kämpfen.10 Die Genfer Konvention wird im „Krieg gegen den Terror“ den Terroristen nicht zugestanden. Allerdings ist schon sehr fraglich, ob die Vorgehensweise der USA nicht nach hinten losgegangen ist. Also, ob Guantanamo und Folter nicht die Unterstützung für terroristische Organisationen erhöhte.

Da Partisanen das Kriegsrecht achten, haben sie es offiziell nicht auf Zivilisten als Angriffsziele abgesehen.

Beim Partisanenkampf handelt es sich um eine Strategie, die versucht den Gegner mit militärischen Mitteln zu besiegen. Wer auf die Strategie des Terrors zurückgreift ist sich der Lage bewusst, dass dem Gegner mit militärischen Mitteln nicht beizukommen ist. Es soll viel mehr ein psychologischer Effekt erzeugt werden.

Franz Wördemann drückte den Unterschied zwischen Terroristen und Guerilleros folgendermaßen aus: Der Guerillero ist an der „Besetzung des Raumes“, der Terrorist an der „Besetzung des Denkens“11interessiert. Letztendlich muss man aber sagen, dass die Grenzen wer Partisan, wer Terrorist ist, niemals eindeutig sein werden. Es kommt auf den Standpunkt der Betrachtung an.

3. Armut ist die Ursache für Terrorismus

Wie in der Einleitung bereits dargestellt, ist eine weit verbreitete Meinung: Die Ursache von Terrorismus ist Armut. Selbst Präsident Bush, der ja sonst eher eine kriegerische Rhetorik an den Tag legte, nahm sie auf und sagte in Monterrey Mexiko anlässlich der Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung, dass man gegen die Armut kämpfe, weil Hoffnung eine Antwort auf den Terror wäre.12Welche Argumente stützen die Armutsthese?

3.1 Unendlich großes Rekrutierungspotential

Man spricht von absoluter Armut, wenn Menschen für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Das sind derzeit etwa 1,2 Milliarden Menschen weltweit.13

Man kann in der Masse an Menschen, die in Armut leben, durchaus ein ungeheuer großes Rekrutierungspotenzial für terroristische Organisationen sehen. Viele von ihnen leben in Städten.

[...]


1 Vgl. Benjamin Barber: Imperium der Angst. Die USA und die Neuordnung der Welt, München 2007, S. 79

2 Vgl. Richard Sokolsky, Joseph McMillan: Foreign Aid in Our Own Defense, http://www.nytimes.com/2002/02/12/opinion/foreign-aid-in-our-own-defense.html, zuletzt aufgerufen am 08. März 2012

3 Vgl. Esther Saoub: Der Nährboden von Terror heißt Armut. Die Republik Jemen kämpft um ihr politisches Überleben, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1113426/, zuletzt aufgerufen am 13. März 2012 Vgl. John Dear: A Weekend with Nobel Peace Laureates, http://www.commondreams.org/views06/0924-20.htm, zuletzt aufgerufen am 12. März 2012

4 Vgl. Grundsätze: Warum brauchen wir Entwicklungspolitik?, http://www.bmz.de/de/was_wir_machen/ziele/hintergrund/grundsaetze/index.html, zuletzt aufgerufen am 06.03.2012

5 Vgl. hierzu Louise Richardson: Was Terroristen wollen. Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können, Frankfurt am Main 2007, S. 27 ff Vgl. Peter Waldmann: Terrorismus. Provokation der Macht, Hamburg 2011, S. 14 ff

6 Vgl. Louise Richardson: Was Terroristen wollen, S. 131. Die Autorin erwähnt das sogenannte Dinner Party Tape, das Osama bin Laden und seine Anhänger im Freudentaumel zeigt, als die Bilder des Attentats vom 11. September im Fernsehen gezeigt werden.

7 Partisan und Guerillero gilt in der Folge als gleichbedeutend.

8 Vgl. Peter Waldmann: Terrorismus, S. 24

9 Vgl. Carl Schmitt: Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen, Berlin 2010, S. 20 ff

10 Vgl. Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Der Totalitarismus und seine Überwindung, Stuttgart 2010, S. 261

11 Franz Wördemann: Terrorismus. Motive, Täter, Strategien, München 1977, S. 59

12 Vgl. Alan B. Krueger, Jitka Maleckova: Education, Poverty, Political Violence And Terrorism: Is there a casual connection, S. 1, http://www.nber.org/papers/w9074, zuletzt aufgerufen am 09. März 2012

13 Vgl. Absolute Armut: http://www.armut.de/definition-von-armut_absolute-armut.php, zuletzt aufgerufen am 09. März 2012

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656281610
ISBN (Buch)
9783656282518
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201796
Institution / Hochschule
Hochschule für Politik München
Note
1,0
Schlagworte
terrorismus produkt armut verschwindet

Autor

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