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Die Evolution der Roten Armee Fraktion: Von der Stadtguerilla zur antiimperialistischen Front

Bachelorarbeit 2012 36 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Vorgeschichte der Rote Armee Fraktion
2.1.1 Die Entstehung der RAF
2.1.2 Der Gang in den Untergrund
2.1.3 Die Rückkehr nach Deutschland
2.1.4 Die „Baader-Befreiung“

3 Die Rote Armee Fraktion
3.1 Die erste Generation
3.1.1 Die Gründung der RAF
3.1.2 Die Vorbereitungen und das „Konzept Stadtguerilla“
3.1.3 Die „Offensive 72“
3.1.4 Zwischenfazit:
3.2 Die zweite Generation der RAF
3.2.1 Die Reorganisation
3.2.2 Die Botschaftsbesetzung in Stockholm
3.2.3 Die „Haag-Mayer Bande“
3.2.4 Die „Offensive 77“
3.2.5 Das Ende der zweiten Generation
3.2.6 Zwischenfazit:
3.3 Die dritte Generation der RAF
3.3.1 Die Struktur
3.3.2 Die Strategie
3.3.3 Die Ausführung
3.3.4 Die Auflösung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Thema Terrorismus wird in der heutigen Zeit hauptsächlich mit dem Islamismus verbunden. Aber auch die laut Straßner „bedeutendste terroristische Organisation in der Bundesrepublik Deutschland“[1] , welche sich im Jahr 1998 auflöste, ist noch immer vielen Menschen ein Begriff.

Die Anschläge der „Roten Armee Fraktion“ waren Ereignisse, die die Bundesrepublik Deutschland (BRD) über drei Jahrzehnte lang beschäftigten. Sie erzeugten ein Klima der Angst innerhalb der Bevölkerung, welches bis heute in den Köpfen der Menschen präsent geblieben ist. Auch wenn heute niemand mehr Angst hat, dass er das Opfer eines Anschlages der RAF werden könnte, so sind die Namen der Ereignisse wie beispielsweise die „Bader-Meinhof-Bande“ oder „Der Deutsche Herbst“ fest im Sprachgebrauch verankert.[2]

Ein Grund dafür ist mit Sicherheit, dass die RAF innerhalb der BRD operierte. Damit hatte der Terrorismus im eigenen Land, wie Kraushaar schreibt „ein Gesicht bekommen“[3] .

Hinzukommt, dass diese Gruppierung aus dem Bürgertum und somit der Gesellschaft selbst entsprang. Ebenso relevant ist hier, dass das Kapitel RAF bis heute nicht vollständig abgeschlossen ist, da immer noch nicht alle Fragen zu diesem Thema beantwortet sind.[4]

Die Anfänge der RAF gehen auf die militanten Teile der Studentenbewegung zurück. Die Studenten sahen sich aufgrund einer fehlenden parlamentarischen Opposition dazu auserkoren als „Außerparlamentarische Opposition“ ein Gegengewicht zur „Großen Koalition“ im Bundestag zu bilden. Die RAF griff diese Idee auf, erweiterte sie jedoch dahingehend, dass der Protest mittels Waffengewalt durchgesetzt werden sollte.[5] Das Ziel dieser Organisation war es in ihren Anfängen, durch die Ausübung von Anschlägen, sowohl die staatliche Ordnung als auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in der BRD zu vernichten. Ein weiteres Feindbild für die RAF stellte die NATO dar. Gründe sowohl NATO als auch die BRD als Feind zu sehen waren die aus RAF-Sicht nicht hinnehmbaren Napalm-Bombardierungen in Vietnam, die Gewalt gegenüber Demonstranten ausgehend vom Staat und die westliche Überflussgesellschaft der sie die Schuld an der Armut der dritten Welt gab.[6]

Nach der Verhaftung der ersten RAF-Generation veränderte sich die Zielsetzung. Nun stand nicht mehr der „Kampf für eine bessere Welt“, den man anfänglich führen wollte, im Vordergrund. Zum primären Ziel wurde nun die Befreiung der eigenen Gefangenen. Dieses Unternehmen, dessen Höhepunkt als „Deutscher Herbst“ bezeichnet wurde scheiterte. Ulrike Meinhof nahm sich bereits vor dem Beginn der „Offensive 77“ das Leben. Baader, Ensslin und Raspe nahmen es sich als sie erfuhren, dass die zwecks ihrer Befreiung von palästinensischen Verbündeten durchgeführte Flugzeug-Entführung gescheitert war. Die schon seit längerem erfolglose Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer wurde nach dieser Selbstmordserie von den Terroristen daraufhin ebenfalls beendet. Der Arbeitgeberpräsident wurde nach 43 Tagen in Gefangenschaft erschossen. Diese Fehlschläge hätten beinahe das Ende der RAF bedeutet, da die Art und Weise wie diese Befreiungsversuche durchgeführt wurden selbst vom eigenen Umfeld teils schwer kritisiert und verurteilt wurden. Diese Arbeit soll nun die Frage beantworten: „Warum es trotz zweimaligem Scheitern dazu kam, dass eine dritte Generation den bewaffneten Kampf fortsetzte?“

Um diese Frage zu beantworten wird zuerst die Entwicklung der RAF bis zum Ende der zweiten Generation analysiert. Dies geschieht auf Basis der reichhaltig vorhandenen Literatur. Straßner spricht hier sogar von „einer Flut an Veröffentlichungen“[7] . Für die Rekonstruierung der Geschichte der RAF in dieser Arbeit besonders hervorzuheben sind: RAF-Terrorismus in Deutschland[8] und Tödlicher Irrtum-Die Geschichte der RAF[9] von Peters, sowie Die Rote Armee Fraktion-RAF-14.5.1970-20.4.1998[10] von Pflieger.

Für die Beantwortung der Forschungsfrage selbst und auch die Gesamtanalyse der dritten Generation gibt es hingegen keine derartige Fülle an Publikationen. Dies liegt einerseits daran, dass sich die meisten Werke auf die Beschreibung der Anschläge konzentrieren, wie auch daran, dass aufgrund der immer noch nicht beendeten Ermittlungen nicht alle vorhandenen Informationen für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Somit stützt sich die Analyse der dritten Generation hauptsächlich auf Erkenntnisse aus dem Werk von Straßner: „Die dritte Generation der Roten Armee Fraktion“[11] und der Analyse von Originaltexten der RAF selbst.

2 Die Vorgeschichte der Rote Armee Fraktion

2.1.1 Die Entstehung der RAF

Der Ursprung der RAF steht in direktem Zusammenhang mit der Radikalisierung des „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (SDS). Aus den anfänglich friedlichen Protestgruppen, welche in Form von Demonstrationen und Kundgebungen versuchten Änderungen herbeizuführen, entstanden nach Abspaltungen sowohl pazifistische als auch gewaltbereite Gruppierungen. Gründe für diese Entwicklung waren der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, er wurde von einem Polizisten während einer Demonstration erschossen und das Attentat auf den Studenten Rudi Dutschke. Das erste Mal, dass terroristische Handlungen gesetzt wurden war am 2. April 1968 in Form von Brandsätzen welche in zwei Frankfurter Kaufhäusern detonierten. Verantwortlich dafür waren vier Personen die nach dem Attentat verhaftet wurden. Diese waren Thorwald Proll, Horst Söhnlein, die Studentin Gudrun Ensslin und ihr Freund Andreas Baader.[12]

Die Verteidigung übernahmen die Anwälte Otto Schily, Horst Mahler, Klaus Eschen und Ernst Heinitz. Ulrike Meinhof war im Rahmen ihrer Arbeit, als Kolumnistin der Zeitschrift Konkret ebenfalls während des Prozesses anwesend. Die Angeklagten wurden am 31.Oktober 1968 zu 3 Jahren Haft im Zuchthaus verurteilt. Dieser Prozess war die erste Begegnung sämtlicher späterer Gründer der Roten Armee Fraktion. Die Revision wurde vom Bundesgerichtshof im November des Jahres 1968 abgelehnt.[13]

2.1.2 Der Gang in den Untergrund

Da das Urteil dadurch rechtskräftig war entschieden sich die vier Verurteilten Proll, Söhnlein, Ensslin und Baader dazu unterzutauchen. Die Gruppe setzte sich zuerst nach Frankreich ab. Später reisten sie weiter nach Italien, von wo es in den Nahen Osten gehen sollte. Söhnlein und Proll trennten sich im weiteren Verlauf von der Gruppe und traten ihre Strafe in Deutschland an.[14]

Horst Mahler schloss sich der Gruppe in Italien an. Mahler informierte die Gruppe über die Entstehung einer militanten außerparlamentarischen Opposition und überzeugte Baader und Ensslin von einer Rückkehr nach Deutschland.

2.1.3 Die Rückkehr nach Deutschland

Eine Wohngelegenheit fanden sie bei der Journalistin Ulrike Meinhof. Meinhof selbst begann in dieser Phase immer mehr daran zu zweifeln, dass Journalisten durch ihre Tätigkeit etwas erreichen können.[15]

Im März des Jahres 1970 trafen sich Ensslin, Baader, Meinhof und Mahler mit Dieter Kunzelmann, Georg von Rauch und Thomas Weisbecker. Diese Personen waren wichtige Protagonisten der damaligen gewaltbereiten linken Szene. Der Grund dieses Treffens waren Beratungen darüber, wie der richtige Einstieg in den bewaffneten Kampf durchzuführen sei. Die Runde konnte sich jedoch nicht einigen, da die Ziele der Beteiligten zu weit auseinander lagen.[16]

Wenige Monate später wurde Baader bei einer Verkehrskontrolle festgenommen.

2.1.4 Die „Baader-Befreiung“

Gemeinsam mit Mahler und Ensslin schmiedete Meinhof einen Plan zur Befreiung Baders. Sie überzeugten den Verleger Klaus Wagenbach ein Interview mit Ulrike Meinhof und Andreas Baader zu arrangieren. Begründet wurde dies damit, dass Meinhof und Baader an einem Buch arbeiteten und man den Co–Autor Baader für wesentliche Recherchearbeiten benötigte. Dieses fand am 14. Mai des Jahres 1970 im deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen statt.[17] Irene Goergens und das spätere RAF-Gründungsmitglied Ingrid Schubert verschafften Gudrun Ensslin und einer bis heute unbekannten weiteren Person Zutritt zum Gebäude. Als Fluchtwagenfahrerin fungierte Astrid Proll, die bereits im Fahrzeug wartete. Während einer Auseinandersetzung, bei der ein Institutsangestellter durch einen Schuss verletzt wurde konnte Baader die dadurch entstandene Gelegenheit nutzen und durch ein geöffnetes Fenster entkommen. Abweichend vom ursprünglichen Plan entschied sich Ulrike Meinhof dazu ebenfalls aus dem Fenster zu springen und damit für den Gang in die Illegalität. Dies war auch das Ende ihres bisherigen Daseins als Journalistin.

3 Die Rote Armee Fraktion

3.1 Die erste Generation

3.1.1 Die Gründung der RAF

Dieses Ereignis, als Andreas Baader von den späteren Mitgliedern der RAF befreit wurde, ging als die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion in die Geschichte ein.[18]

Annähernd eine Woche später folgte in der linksextremen Zeitung Agit 883 das erste öffentliche Statement der RAF mit dem Titel: „ Die Rote Armee aufbauen “.

Der Artikel pries die Befreiung Andreas Baaders als Akt, welcher vom revolutionären Teil des Volkes ausging und keine Aktion von intellektuellen Schwätzern oder Besserwissern war.[19] Selbst die im weiteren Verlauf der Revolution zu befreienden Charaktere, also die sozialen Außenseiter als auch das „Proletariat“ waren bereits definiert. Die Baader-Befreiung sollte nur als Auftakt einer Revolution gesehen werden. Bereits in diesem ersten Schriftstück wurde die „Eskalation der Lage“ im Zuge der Provokation angekündigt um dadurch das Feuer der Revolution in Brand zu setzen.[20] Hier ist bereits klar ersichtlich, dass die RAF der Meinung war, auch außerhalb der radikalen linken Szene Unterstützung zu finden. Diese Hoffnung war jedoch spätestens durch die Art und Weise wie die RAF den Kampf später führte vollkommen unbegründet. Die breite Öffentlichkeit sah die Bombenanschläge der RAF natürlich nicht als Motivation zu einer Revolution an.

Die erste Generation der RAF betonte also von Anfang an, dass es sich bei der „Baader-Befreiung“ nicht um eine Einzelaktion handelte. Es war nur ein erster Schritt in Richtung eines bewaffneten Kampfes gegen die Bundesrepublik. Die Gruppe hatte jedoch bis dahin keine praktische Erfahrung im bewaffneten Kampf. Um das fehlende militärische Wissen zu erlangen, reisten die späteren „Stadtguerillas“ über Ost-Berlin nach Jordanien, wo sie eine paramilitärische Ausbildung in einem Lager der El-Fatah erhielten.[21]

Die deutschen „Azubis“ hatten sich das Leben im Ausbildungslager weit spannender und vor allem angenehmer erwartet.[22] Auch die heißen Tagestemperaturen und das anspruchsvolle Fitnesstraining waren überhaupt nicht nach dem Geschmack der Deutschen. Einzig die Ausbildung an der Waffe war für sie interessant und das Verschießen von Munition bereitete ihnen so viel Spaß, dass die Palästinenser begannen die Munition zu rationieren.[23]

Den Ausbildnern blieb ebenfalls nicht verborgen, dass die mangelhafte Einstellung der RAF-Leute eine Ausbildung unmöglich machte. Dieser Umstand und die für die Palästinenser völlig unangebrachte Freizügigkeit der RAF-Frauen waren der Grund, dass den „Gästen“ nahegelegt wurde das Camp wieder zu verlassen.[24]

3.1.2 Die Vorbereitungen und das „Konzept Stadtguerilla“

In der Zeit bis 1972 war das gesamte Hauptaugenmerk der ersten RAF-Generation auf den Aufbau der notwendigen Logistik gerichtet. Dies wurde innerhalb der linken Szene scharf kritisiert, da diese jedweden Aktionismus in dieser Zeit vermisste. Zusätzlich stellten sich in dieser Zeit bereits die ersten Rückschläge ein, welche sich in der Verhaftung Horst Mahlers und der Erschießung Petra Schelms niederschlugen.[25]

Nach Abschluss der Vorbereitungen wurde in Anlehnung an die von Freiheitskämpfern in Südamerika, wie beispielsweise den Tupamaros, praktizierte Guerilla-Taktik eine Abwandlung die sie als „Stadtguerilla“ bezeichneten angewandt. Wie in dieser Kampfform üblich, suchten sie sich einzelne Ziele des „Feindes“ welche sie danach gezielt attackierten. Als Leitfaden diente hier das „Mini-Handbuch der Stadtguerilla“, dass vom brasilianischen Guerillaanführer Carlos Marighella geschrieben worden war.[26] Es wurde jedoch nicht versucht, wie bei den südamerikanischen Vorbildern üblich, eigenes Territorium zu erlangen bzw. zu vergrößern.

Ulrike Meinhof erläuterte dies im Strategiepapier „Konzept Stadtguerilla“ folgendermaßen:

[...]


[1] Straßner (2008) S. 209.

[2] Vgl. Pflieger (2003) S. 13.

[3] Kraushaar (2007) online.

[4] Vgl. Straßner (2008) S.209.

[5] Vgl. Straßner (2007) S.104 ff.

[6] Vgl. Pflieger (2004) S. 15

[7] Straßner (2003) S. 19.

[8] Peters (1991)

[9] Peters (2007)

[10] Pflieger (2004)

[11] Straßner (2003)

[12] Vgl. Görtemaker (2002) S. 312.

[13] Vgl. Pflieger (2004) S. 19.

[14] Vgl. Pflieger (2004) S. 20.

[15] Vgl. Krebs (1989) S. 172 ff.

[16] Vgl. Winkler (2008) S. 154.

[17] Vgl. Pflieger (2004) S. 20.

[18] Vgl. Backes / Jesse (1993) S. 202.

[19] Vgl. ID-Verlag (1997) S. 24.

[20] Vgl. ID-Verlag (1997) S. 24 ff.

[21] Vgl. Zöller (2009) S. 39.

[22] Vgl. Peters (1991) S. 84 f.

[23] Vgl. Aust (1998) S. 106 ff.

[24] Vgl. Peters (2007) S. 199 ff.

[25] Vgl. Peters (1991) S. 109.

[26] Vgl. Pflieger (2004) S. 22.

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