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Wie viel Maslow steckt in unserer heutigen Auffassung von Nachhaltigkeit?

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Essenz der Maslowschen Bedürfnispyramide

3 Vergleich von Versuchen der Wohlstandsmessung
3.1 Dievolkswirtschaftliche Gesamtrechnung
3.2 DasBruttonationalglückimunabhängigen Königreich Bhutan
3.3 DieStiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission

4 Zusammenfassungund Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

Einleitung

Versteht man Nachhaltigkeit in ihrem vollem Umfang als Dreiklang aus ökologischen, öko­nomischen und sozialen Fragen, ist einer ihrer Bestandteile der Begriff Lebensqualität. Es klingt logisch und vernünftig gute Lebensbedingungen für alle Individuen einer Gesellschaft zur Maxime menschlichen Handels zu erheben. Dazu ist es jedoch notwendig diesen abstrakten Wert mess- und vergleichbar zu machen. Müssen Politiker oder Wirtschafts­experten heute eine Aussage über den Zustand einer Nation machen, verweisen sie regelmäßig auf das Bruttoinlandsprodukt. Doch inwieweit gibt diese Messzahl tatsächlich Auskunft über den materiellen Wohlstand, das Bildungsniveau, den sozialen Status, Gesundheit und Umwelt, kurz die Bedürfnisse einer Gesellschaft, die erfüllt werden müssen, um die empfundene Lebensqualität zu maximieren? Gibt es alternative Möglichkeiten der Darstellung der Lebens­qualität?

In seiner Kulturgeschichte eines Begriffs bringt Ulrich Grober einen interessanten Tertium comparationis ins Spiel:

„Maslows Theorie der Bedürfnisse verband sich in den frühen siebziger Jahren mit dem aufkeimenden Umweltbewusstsein. Aus dieser Kombination ging ein neues politisches und kulturelles Konzept hervor, das seitdem zum festen Bestandteil des Nachhaltigkeitsdenkens gehört: Quality oflife - Lebensqualität.“1

Also die Messung von Lebensqualität am Grad der Erfüllung der Grundbedürfnisse. Im Folgenden werden so Versuche einer Wohlstandsmessung verglichen.

Hierzu wird in dieser Arbeit zu Beginn die Idee der Maslowschen Bedürfnispyramide erklärt. Anschließend findet ein Vergleich von drei Möglichkeiten einer Wohlstandsmessung statt. Zuerst das für alle Länder der Erde berechnete Bruttoinlandsprodukt sowie das Bruttonationaleinkommen als Teile der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Danach das Bruttonationalglück aus dem unabhängigen Königreich Bhutan und zuletzt das Ergebnis der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission aus dem Jahr 2009. Drei verschiedene Ansätze zur Messung von Lebensqualität, die zur Frage führen, wie viel Maslow in unserer heutigen Auffassung von Nachhaltigkeit steckt.

2 Die Essenz der Maslowschen Bedürfnispyramide

Abraham Harold Maslow gilt als Vordenker und Mitbegründer der humanistischen Psycho­logie2. Diese steht als dritte Kraft zwischen der krankheitsorientierten Psychoanalyse und der behavioristischen Verhaltenstheorie. Maslow stellt sich dabei gegen eine Psychologie, die sich durch die negativen Eigenschaften des Menschen begrenzen lässt, sondern erforscht in der Tradition Kurt Goldsteins die guten Merkmale des Menschen mit dem Ziel der individuellen Selbstverwirklichung, wie folgendes Zitat zeigt:

„Man wird das menschliche Leben nie verstehen können, ohne seine höchsten Ambitionen in Rechnung zu stellen. Wachstum, Selbstverwirklichung, das Streben nach Gesundheit, nach Identität und Autonomie, das Verlangen nach Vortrefflichkeit [...] müssen jetzt ohne Frage als eine verbreitete und vielleicht universelle menschliche Tendenz akzeptiert werden.“3

Mit diesem gedanklichen Grundgerüst fasst Maslow in seinem Hauptwerk Motivation und Persönlichkeit, das 1954 in den USA erschienen ist, menschliche Grundbedürfnisse in Stufen zusammen. Diese Stufen lassen sich grafisch in einer Pyramide4darstellen. Der Aufbau ist eindimensional hierarchisch angelegt und muss von unten nach oben gelesen werden. Das Fundament bilden die grundlegenden Bedürfnisse, wie Nahrung, Schlaf, Bewegung, die in jedem menschlichen Organismus aufkommen. Sind Bedürfnisse dieser ersten Ebene relativ befriedigt, werden sofort neue, höhere Wünsche geweckt. Auf der zweiten Ebene bündelt Maslow die Sicherheitsbedürfnisse. Beispiele hierfür sind persönliche Sicherheit, Stabilität, Angstfreiheit und das Bedürfnis nach Struktur. Auch hier und auf den beiden weiteren Stufen gilt, dass Bedürfnisse der nächsten Ebene erst auftreten, wenn die Bedürfnisse der darunter­liegenden Ebene relativ befriedigt sind. Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe werden auf der dritten Stufe subsumiert. Der Platz in einer Familie oder Gruppe, sowie der Wunsch nach liebevollen Beziehungen sind Beispiele dieser Stufe. Als vierte Gruppe zählt Maslow die Bedürfnisse nach Achtung, also der Wunsch nach einem guten Ruf oder nach Prestige, bevor schließlich als Spitze der Pyramide die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung zu nennen sind.5

In seinem 1968 erschienenen Buch Towards a Psychology of Being komplettiert Maslow seine Theorie durch die Unterscheidung der Bedürfnisse in Mangelbedürfnisse und Wachstums­bedürfnisse. Die ersten vier Stufen können als Mangel- oder Defizitbedürfnisse zusammen­gefasst werden. Ist ein Bedürfnis dieser Stufen einmal gedeckt, tritt es zurück. So wird ein Mensch, der seinen Hunger durch Nahrung stillen konnte, aufhören zu essen und das Hunger­bedürfnis ist gedeckt. Das heißtjedoch nicht, dass es nie wieder aufkommen wird. Nach einer gewissen Zeit wird der Mensch wieder Hunger verspüren, aber für den Moment der Sättigung, tritt das Bedürfnis vollkommen zurück.

Anders verhält es sich bei Bedürfnissen der fünften Ebene. Bedürfnisse nach Vollkommen­heit, Gerechtigkeit, Schönheit, etc. sind Wachstums- oder unstillbare Bedürfnisse. Hat ein Mensch einmal die Erfahrung gemacht, eines dieser Bedürfnisse zu erfüllen, wird dieses nicht verschwinden, sondern viel mehr vermehrt und stärker auftreten als zuvor.6Weiter bleibt Maslow nicht auf der Individualebene, sondern überträgt dieses Verständnis auf die Definition einer guten Gesellschaft. Hierbei spricht er von einer Gesellschaft, „die ihre eigenen institutionellen Anordnungen so aufgebaut hat, daß ein Maximum guter und ein Minimum schlechter menschlicher Beziehungen gepflegt, ermuntert, belohnt und hervorgebracht werden.“

Daraus wiederum kann „eine Art von Durchschnittswert“ aufgestellt werden, für den „die krankheitsfördernden und die gesundheitsfördernden Kräfte gegeneinander abzuwägen“ sind7. In dem Kapitel Die Kulturabhängigkeit der Bedürfnisse behauptet Maslow nach seiner Darlegung der Messbarkeit, auch die interkulturelle Vergleichbarkeit von Bedürfnissen. Auch wenn sie noch nicht allgemein für alle Kulturen gültig seien, so seien die Grundbedürfnisse doch allgemeiner menschlich, als die oberflächlichen Wünsche oder Verhaltensweisen8. Durch die Schritte der Erweiterung auf eine gesellschaftliche Ebene und die Feststellung der Inter- kulturalität der Grundbedürfnisse gibt Maslow eine Steilvorlage, die Messung von Lebensqualität anhand des Grades der Erfüllung der Grundbedürfnisse vorzunehmen.

Der zentrale Begriff in Maslows Überlegungen ist Bedürfnis. Auch in der heute am häufigsten zitierten Definition von Nachhaltigkeit, der Definition des Brundtland-Reports, steht dieser Ausdruck im Mittelpunkt:

„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

In der Erläuterung des Schlüsselbegriffes Bedürfnis wird weiter deutlich, dass die Kommission das Verständnis von Grundbedürfnissen mit Maslow teilt. Es ist der „Begriff [...] ,Bedürfnisse', insbesondere der Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt, die die über­wiegende Priorität haben sollten;“9Auch wenn Maslow im Brundtland-Report nicht explizit genannt wird, stellen dennoch beide Definitionen eine gemeinsame Idee dar.

Schließlich lässt sich sagen, dass Maslow die menschlichen Grundbedürfnisse definiert, hier­archisch ordnet und vom sich selbst verwirklichenden Individuum auf eine gute Gesellschaft überträgt. Außerdem behauptet er eine Messbarkeit der guten Gesellschaft, sowie eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Kulturen. Mit Hilfe dieser Definitionen von Maslow werden nun verschiedene Versuche der Wohlstandsmessung genauer betrachtet. Den Anfang macht dabei die etablierte Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR), inklusive Brutto­inlandsprodukt (BIP) und Bruttonationaleinkommen (BNE).

3 Der Vergleich von Versuchen der Wohlstandsmessung Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) soll ein quantitatives Gesamtbild des wirtschaftlichen Geschehens in einer Volkswirtschaft liefern und damit Auskunft über die Wirtschaftsleistung eines Landes geben.10Bestandteile dieser Rechnung sind das Inlands­produkt und das Nationaleinkommen. Angaben, die Politiker und Ökonomen aus Gewohnheit aufführen, wenn sie nach der Lage ihres Landes gefragt werden. Doch inwieweit eignen sich diese Zahlen, um auch die Lebensqualität der Bewohner eines Landes widerzuspiegeln? Interessant ist hier der Blick in die Geschichte. Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ent­stand während des zweiten Weltkriegs und diente dem Beobachten der Wirtschaft bei der Umstellung auf Kriegsproduktion. Nach Kriegsende bot sie dann eine Messzahl, um den Fort­schritt des Wiederaufbaus der Wirtschaft zu verfolgen.11Auf diese Weise hat sich das Messverfahren auf politischer Ebene in kurzer Zeit etabliert und dient bis heute als Wert, um eine Aussage über die Gesamtlage eines Landes zu machen, obwohl bekannt ist, dass soziale und ökologische Faktoren bei der Berechnung ausgeklammert werden.

[...]


1Grober, Ulrich, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit, S. 39.

2 Schaubild Konzepte humanistischer Psychologie im Anhang, Abb. 1.

3 Quitmann, Helmut, Humanistische Psychologie, S. 225.

4 Siehe Anhang, Abb. 2.

5 Maslow, Abraham H., Motivation und Persönlichkeit, S. 62 ff.

6 Quitmann, Helmut, Humanistische Psychologie, S. 226 f.; grafische Darstellung siehe Anhang Abb. 3.

7 Maslow,Motivation,S.291.

8 Ebd. S. 82.

9 Hauff, Volker, Unsere gemeinsame Zukunft, S. 46.

10May, Hermann, Lexikon der ökonomischen Bildung, S. 585.

11Geisendorf, Sylvie, Die Umweltökonomische Gesamtrechnung als Grundlage einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik, in Vornholz, Günter, Nachhaltigkeit in der ökonomischen Theorie, S. 54 f.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656282761
ISBN (Buch)
9783656283430
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201776
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Lebensqualität Maslow Nachhaltigkeit Bedürfnispyramide Bruttoinlandsprodukt Bhutan Wohlstandsmessung Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission

Autor

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Titel: Wie viel Maslow steckt in unserer heutigen Auffassung von Nachhaltigkeit?