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Darstellung und Funktion von Gewalt in der Literatur des Mittelalters

Das Rolandslied des Pfaffen Konrad

Seminararbeit 2010 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Deckblatt.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad
1.2 Erläuterung des Themenschwerpunktes Gewalt

2. Männer und Gewalt in der Literatur des Mittelalters
2.1 Helden und Gewalt - Die heroische Männlichkeit
2.2 Heilsame Gewalt - Gewalt in der Kreuzzugsliteratur
2.3 Zwischenfazit

3. Darstellung und Funktion von Gewalt im Rolandslied
3.1 Gewalt als zentrales Element der Heldenkonstruktion
3.2 Der gottesgerichtliche Zweikampf
3.3 Zwischenfazit

4. Gesamtfazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

1.1 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad

Das deutsche Rolandslied wurde um das Jahr 1170 von einem deutschen Hofkleriker namens Konrad aus dem Gefolge Herzog Heinrichs des Löwen verfasst. Diese erste deutsche Adaption des berühmten Stoffes der französischen Chanson de Roland erfuhr durch Konrad eine grundlegende Überarbeitung und erhält in der deutschen Übersetzung eine komplett neue Schwerpunktsetzung (vgl. Schulze, 7). Während das französische Rolandslied gleichermaßen von nationalen und heidenfeindlichen Elementen geprägt ist, beschränkt sich Konrad lediglich auf die Darstellung christlich-religiöser Inhalte und verzichtet auf französisch-nationale Elemente, denen in der altfranzösischen Version eine tragende Rolle beikommt.

In Konrads Dichtung stehen sich zwei scharf getrennte Gruppen von Menschen gegenüber: Die Christen auf der einen Seite, die tugendhaften und wahrhaftigen Helden der Tapferkeit, und auf der anderen Seite die Heiden, die hochmütigen Betrüger. Konrads Dichtung ist eingebettet in die spanischen Missionskriege Kaiser Karls, der unter göttlicher Führung Heiden in ganz Spanien bekehrt. Trotz vieler Siege, scheitert Karl an der spanischen Stadt Saragossa, die, angeführt von ihrem Heiden König Marsilie, Widerstand leistet. Da Marsilie jedoch weiß, dass sein Heer dem des Kaisers weit unterlegen ist, unterbreitet er ihm ein fingiertes Unterwerfungsangebot: Er will sich taufen lassen und Karl mit dem Großteil seiner Männer abziehen lassen. Danach, so der Plan, will Marsilie Karls Nachhut überfallen und mit den Geiseln, die seinigen auslösen. An dieser Stelle beginnt auch die Geschichte von Roland. Der junge Krieger des Kaisers misstraut dem Angebot und plädiert dafür, den Krieg gegen Marsilie fortzusetzen. Sein Stiefvater Genelun jedoch widerspricht seinem Stiefsohn und rät Karl das Friedensangebot anzunehmen. Der Kaiser befiehlt schließlich, einen Boten nach Saragossa zu schicken, um die Wahrhaftigkeit des Angebotes zu prüfen. Als Roland seinen Stiefvater Genelun für die Aufgabe vorschlägt, übernimmt dieser den Auftrag in Todesangst, da er ahnt, dass er dabei sein Leben riskiert. Um sich an seinem Stiefsohn zu rächen, verbündet sich Genelun mit den Heiden und beruft Roland in die Nachhut. Marsilies Plan geht auf: Karl zieht sich zurück und die Heiden nutzen die Gelegenheit zum Überfall. Obwohl die Krieger der Nachhut tapfer kämpfen und auf Gott vertrauen, werden sie schließlich blutig vom Heidenheer hingerichtet. Roland stirbt ebenfalls an der Seite seiner Männer, kann jedoch im letzen Augenblick sein Signalhorn blasen, um den Kaiser und sein Heer zurückzurufen.

1.2 Erläuterung des Themenschwerpunktes Gewalt

Diese erste kurze inhaltliche Zusammenfassung zeigt bereits eindrucksvoll, dass das deutsche Rolandslied maßgeblich geprägt durch kriegerische Handlung ist. Das Thema Gewalt erscheint allgegenwärtig durch die gesamte Dichtung hindurch und manifestiert sich hauptsächlich in den Motiven Krieg, Rache und Tod.

Bevor ich nun explizit auf Aufbau und Ziel dieser Hausarbeit eingehe, möchte ich kurz erläutern, was mich motiviert hat, die Darstellung und Funktion von Gewalt im Rolandslied zu untersuchen und in ihrem historischen Kontext zu begründen. Eine Behandlung der oben genannten Gestaltungsmerkmale erscheint mir aus diversen Gründen als sinnvoll. Zunächst einmal stellt die Arbeit an diesem Thema für mich eine Art Verarbeitungstherapie dar. Zugegebenermaßen war ich absolut schockiert über die blutige, brutale und teilweise sogar widerwärtige Ausgestaltung der Kriegsszenen im Rolandslied. Abgetrennte Gliedmaßen, gespaltene Köpfe und hervortretende Gedärme sind wahrlich keine Seltenheit in Konrads Kampfesschilderungen. Welchem Zweck jedoch dient diese Darstellungsform? Fakt ist, dass die dargestellte Brutalität der Kampfszenen im Rolandslied nicht zufällig oder willkürlich erfolgte. Vielmehr erfüllt sie einen konkreten Zweck in der mittelalterlichen Dichtung. Gerade in der Heldenepik übernimmt die Darstellung von Gewalt eine tragende Funktion. Gemäß dem Motto Helden müssen töten, spiegeln sich Stärke und Tapferkeit eines Helden fast ausschließlich in seiner Gewaltbereitschaft bzw. seinem Gewaltpotenzial wieder (vgl. Lienert, 4). Ziel dieser Arbeit ist es daher, das Bild des tapferen, gewaltbereiten Helden im Rolandslied wiederzufinden, dieses zu begründen und in seiner Funktion zu erläutern. Es geht mit dabei nicht darum, moderne Klischees vom blutrünstigen Mittelalter unreflektiert zu bedienen. Vielmehr soll diese Arbeit Verständnisbrücken bauen, die historischen Gegebenheiten und religiösen Ansichten der dichterischen Entstehungszeit berücksichtigen und so die Darstellung von extremer Gewalt in mittelalterlicher Literatur verständlich machen.

Nachfolgend an diese Einführung soll ein theoretischer Schwerpunkt stehen, der das Thema Gewalt in zwei unterschiedlichen Kontexten erläutert. Zunächst werde ich dabei Gewaltbereitschaft als zentrales Charaktermerkmal des mittelalterlichen Helden definieren und erläutern inwieweit das gesamte Konzept des Heldentums sogar von der literarischen Gewaltdarstellung abhängt. Anschließend werde ich auf Darstellung und Begründung von Gewalt in der Kreuzzugsliteratur eingehen und dabei auch das Konzept der Heilsamen Gewalt erläutern. Dem Theorieteil folg dann ein Literaturteil, der die erläuterten theoretischen Schwerpunkte auf das Rolandslied beziehen und ihre Darstellung mit Blick auf den Text analysieren wird. Im abschließenden Gesamtfazit werde ich dann meine Ergebnisse zusammenfassen und kommentieren.

2. Männer und Gewalt in der Literatur des Mittelalters

2.1 Helden und Gewalt - Die heroische Männlichkeit

Bevor ich nun näher auf die Verknüpfung von Heldentum und Gewalt im Mittelalter eingehe, möchte ich einige Anmerkungen zum Thema mittelalterliche Gewalt an sich machen. Aufgefallen bei meiner Vorbereitung für diese Arbeit ist mir, dass man als Schreiber-/in bei der fachlichen Recherche sehr schnell in die Versuchung gerät, extrem stereotyp an die Thematik heranzugehen und dazu neigt, die Epoche des Mittelalters vorab als eines der blutrünstigsten Kapitel unserer Zeit zu verurteilen. Das Thema Gewalt im Mittelalter wird dabei vornehmlich von einem sehr subjektiven Standpunkt aus betrachtet, der zunächst wenig Objektivität zulässt. Nur selten stellt man sich dabei die Frage, woher diese „zum Teil unreflektierten Vorstellungen eines solchen gewalttätigen Mittelalters ursprünglich stammen“ (Scharf, 65). Fakt ist jedoch, dass sich das blutrünstige Bild einer gesamten Epoche nicht völlig zufällig herausgebildet hat. Thomas Scharf, Historiker und Philosoph, merkt an, dass die mittelalterlichen Autoren selbst verantwortlich für das finstere Image ihrer Epoche seien (vgl. Scharf, 65). Scharf kritisiert in seinen Ausführungen vor allem die mittelalterlichen Historiographen, die mit ungemeiner Passion hauptsächlich von blutigen Schlachten und düsteren Kriegsjahren berichten würden (vgl. Scharf, 66). Ich möchte Scharf an dieser Stelle zustimmen, aber gleichwohl darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur die überlieferten Texte der Wissenschaft und Historie sind, die stereotype Annahmen zum Mittelalter begünstigen. Meine persönliche Meinung ist, dass eine viel stärkerer Beeinflussung späterer Generationen von der Rezeption epischer Texte wie Geschichten, Sagen, Märchen, Fabeln und Romanen ausgeht. Schon immer haben große literarische Werke die Menschheit fasziniert und Anteil an ihrer Meinungsbildung genommen. Anders verhält es sich da auch nicht mit der Literatur des Mittelalters. Besonders die Werke der Heldenepik sind hier zu erwähnen, da sie einen enormen Bestandteil der überlieferten epischen Mittelalterliteratur ausmachen.

Mit der konkreten Annahme, dass mittelalterliche Autoren ihre literarischen Gestaltungsmerkmale ganz bewusst auswählten, unterstelle ich ihnen implizit eine bestimmte Intension. In der Tat führt die Beschäftigung mit Gewalt in der deutschen Heldendichtung zu Erklärungsversuchen, die darauf abzielen, die Funktion von Gewalt gezielt herauszuarbeiten. Es genügt dabei jedoch nicht, stereotype Annahmen zu typisieren und ihnen Bedeutungen beizumessen, die rein hypothetisch sind. Will man Gewalt in der Literatur des Mittelalters erklären, so muss man zunächst das historische Verständnis von Männlichkeit, Krieg und Gewalt erläutern. In ihrem Aufsatz ‚Geschlecht und Gewalt im Nibelungenlied’ setzt sich Elisabeth Lienert intensiv mit der Darstellung von Gender und Gewalt im Nibelungenlied auseinander und behandelt Gewalt in ihren Ausführungen als „integrativen Bestandteil“ von Männlichkeit (vgl. Lienert, 4). Anhand verschiedener Beispiele portraitiert und analysiert sie Gewalttaten im Nibelungenlied unter genderperspektivischen Gesichtspunkten und kommt zu dem einfachen Schluss, dass „Rang, Macht und Ehre der Männer stereotyp mit Heldentaten und Gewalt korreliert sind“ (Lienert, 6). Lienerts Erkenntnisse über die Korrelation von Gewalt und Männlichkeit beschränken sich jedoch nicht nur auf das Nibelungenlied, sondern lassen sich auf fast alle höfische Dichtungen des hohen Mittelalters übertragen. Im Folgenden werden wir feststellen, dass die heroische Männlichkeit, d.h. die überhöhte, die übersteigerte Form von Männlichkeit auch im Rolandslied durch ein extremes Gewaltpotential, die ständige Gewaltbereitschaft und stetig wiederkehrende, grausame Kampfeshandlungen gekennzeichnet ist.

Ich möchte an dieser Stelle als erstes Zwischenfazit festhalten, dass das literarische Verständnis und der historische Kontext, in dem eine Dichtung entstanden ist, bei einer literarischen Analyse keinesfalls außer Acht gelassen werden darf, da wichtige Zusammenhänge und gestalterische Konstruktionsmerkmale erst im Licht eben dieser historischen Gegebenheiten verständlich erscheinen. Gewalt erhält demnach erst dann eine konkrete Funktion als literarische Stilmittel, wenn wir sie zusammenhängend mit den mittelalterlichen Konzepten für Männlichkeit und Heldentum betrachten.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656279976
ISBN (Buch)
9783656282259
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201761
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Schlagworte
darstellung funktion gewalt literatur mittelalters rolandslied pfaffen konrad

Autor

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Titel: Darstellung und Funktion von Gewalt in der Literatur des Mittelalters