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Wie entsteht eine soziale Wirklichkeit? Einstieg in die Sozialontologie von John Searle

Zusammenfassung 2011 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale der Wirklichkeit
2.1 Notwendige Unterscheidungen

3. Sozial-institutionelle Wirklichkeit
3.1 Kollektive Intentionalität
3.2 Funktionszuschreibung
3.3 Konstitutive Regeln und Prozeduren
3.4 Funktionen der Sprache

4. Institutionen
4.1 Institutionelle Tatsachen

5. Kritik

6. Fazit

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit werde ich die Sozialontologie John Searles genauer betrachten. Das Ziel seiner Ausarbeitungen besteht darin, das Problem der Sozialontologie zu klären, das heißt herauszufinden, wie Menschen „eine ‚soziale’ Wirklichkeit kreieren“ (Searle 2009, S. 505). Unser Hauptaugenmerk wird hierbei auf den Gegenstand der Sozialontologie, also auf soziale Prozesse und Tatsachen, soziale Objekte und Ereignisse, gelenkt sein. Generell versucht Searle durch seine Ausführungen zu klären, inwiefern institutionelle soziale Phänomene „über die Sozialontologie hinausgehen, die bei sozialen Tieren vorliegt“ (Searle 2009, S. 512). Seine Arbeit ist demnach ein Versuch zu erklären, durch welche Merkmale die menschliche Sozialontologie der tierischen überlegen ist.

Searle nimmt die soziale Wirklichkeit als menschliches Konstrukt an, die nur dadurch existiert, weil wir glauben und akzeptieren, dass sie existiert. Was macht etwa ein bedrucktes Stück Papier zu einem Geldschein mit einem bestimmten Wert? Wieso kann ein Tier dieselbe physische Beschaffenheit eines Geldscheins betrachten wie ein Mensch, aber doch nicht den Geldschein, sondern nur das bedruckte Papier sehen? In diesem Zusammenhang werden wir auf die drei Grundformeln Searles zur Beschreibung der Grundstruktur der sozial-institutionellen Wirklichkeit stoßen, und hierzu die kollektive Intentionalität, Statuszuschreibung und konstitutive Regeln und Prozeduren näher betrachten. Es soll beschrieben werden, wie zum Beispiel ein bedrucktes Stück Papier durch Statuszuweisung eine gewisse Macht erzeugt. Wie können auf Menschen durch die Zuschreibung eines Status deontische Kräfte[1] wirken?

Bevor wir uns diesen Fragen widmen können muss zunächst geklärt werden, wie soziale Tatsachen eigentlich möglich sind. Wodurch wird die Existenz der Ehe etwa bedingt?

2. Merkmale der Wirklichkeit

Searle beschreibt soziale Tatsachen wie Geld, die Ehe oder Eigentum als objektiv existent. Ob ich als Einzelperson das Geld als solches anerkenne oder nicht beeinflusst demnach nicht die Existenz desselben; verneinte ich das Sein des Geldes, so läge ich objektiv falsch. Dennoch ist die Existenz sozialer Tatsachen wie der des Geldes von der Einstellung der Menschen abhängig. Erst die allgemeine Anerkennung und Akzeptanz des Geldes ermöglicht, dass das bedruckte Papierstück ein Geldschein ist. Der Wert des Geldes entsteht also nur durch die Anerkennung durch die Gesellschaft, wodurch etwa die Aussage ‚Dies ist ein 20-Euro-Schein’ eine Tatsache beschreibt und objektiv richtig ist. Die Wahrheit von sozialen Tatsachenaussagen basiert demnach auf der allgemeinen menschlichen Anerkennung der betreffenden Tatsachen (vgl. Searle 2009, S. 505).

An dieser Stelle unterscheidet Searle zwischen zwei Merkmalen der Wirklichkeit: er beschreibt beobachterrelative Phänomene auf der einen und beobachterunabhängige Phänomene auf der anderen Seite. Als beobachterrelativ gelten Phänomene, deren Existenz von der Einstellung der Menschen abhängig sind, das heißt durch die Anerkennung vom Menschen bedingt sind. Hierzu gehören Aussagen wie ‚Dies ist ein 20-Euro-Schein’, ‚Angela Merkel ist Bundeskanzlerin’ oder ‚Bei einem Fußballspiel spielen elf gegen elf Spieler’. Beobachterunabhängige Phänomene hingegen sind gänzlich von der Einstellung des Menschen unabhängige Tatsachen wie chemische Reaktionen, das Wachstum von Pflanzen oder die physischen Beschaffenheit der Dinge.

Wie kann nun festgestellt werden, ob ein Phänomen als beobachterrelativ oder beobachterunabhängig anzusehen ist? Searle schlägt hierzu einen provisorischen Text vor, um dies prüfen zu können. Es müsse hierbei gefragt werden, ob das Phänomen hätte „existieren können, wenn es nie Akteure mit Bewusstsein gegeben hätte?“ (Searle 2009, S. 505). Phänomene, die von solchen Wesen nicht beeinflusst würde, sind klarerweise beobachterunabhängig, andernfalls sind sie als beobachterrelativ zu bezeichnen.

Wieso nun ist dieser Test lediglich provisorisch und unzureichend? Diese Frage ist schnell geklärt. Die Existenz von beobachterrelativen Phänomenen wie Geld basiert auf dem Bewusstsein und der Anerkennung des Menschen. Ohne das menschliche Bewusstsein könnte Geld also nicht existieren. Das Bewusstsein und die menschlichen Einstellungen selbst sind hingegen beobachterunabhängig, da etwa die Existenz des menschlichen Bewusstseins nicht davon abhängig ist, ob die Menschen diese Existenz anerkennen. Die Tatsache, dass dies ein 20-Euro-Schein ist, hängt vom menschlichen Bewusstsein und seiner Einstellung ab, aber das Bewusstsein, das die Geldexistenz bedingt, ist selbst beobachterunabhängig. Wendet man nun das Prüfprinzip an und fragt, ob das Bewusstsein und die Einstellungen des Menschen hätten existieren können, wenn es niemals Wesen mit Bewusstsein gegeben hätte, so lautet die Antwort klarerweise nein. Das Bewusstsein würde diesem Test zufolge fälschlicherweise als beobachterrelativ eingeordnet. Das Prinzip ist daher mit Vorsicht anzuwenden (vgl. Searle 2009, S. 506).

Was also macht einen Geldschein zu demselben? Es ist sicher, dass es nicht die physische Beschaffenheit des Gegenstandes sein kann. Als die Deutsche Mark vom Euro abgelöst wurde, verloren die Geldscheine trotz Konsistenz der Beschaffenheit ihren Wert. Die notwendige Bedingung, die etwa dem Geld seinen Wert verleiht, liegt in der allgemeinen Akzeptanz der Gesellschaft. Der Mensch muss das Geld akzeptieren, anerkennen und glauben, dass es Geld ist, um es zum solchen zu machen. Die „beobachterrelative Existenz sozialer Phänomene [wird] durch eine Menge beobachterunabhängiger mentaler Phänomene kreiert“ (Searle 2009, S. 506). Betrachten wir dies noch einmal verdeutlicht, so bedeutet dies, dass der Glaube der Menschen an das Geld selbst beobachterunabhängig ist, und dieser das beobachterrelative Phänomen der Geldexistenz bedingt.

Als besonderes beobachterrelatives Phänomen stellt Searle die Sprache heraus. Er ist der Ansicht, die gemeinsame Nutzung der Sprache bilde bereits einen Kontrakt der Menschen durch die Einigung auf dieselbe, wobei der Glaube an die Verständigungsmöglichkeit durch sie beobachterunabhängig sei. Searle nennt die Sprache als Voraussetzung für „die Existenz anderer sozialer Institutionen“ (Searle 2009, S. 507). Die Ehe, Eigentum oder Geld sind ohne die Sprache überhaupt nicht denkbar. Die Sprache hat demnach für andere soziale Institutionen eine „ konstitutive Rolle“ (Searle 2009, S. 508).

2.1 Notwendige Unterscheidungen

Um den weiteren Verlauf von Searles Ausarbeitungen zu beschreiben ist es notwendig, einige von ihm eingeführten Unterscheidungen an dieser Stelle anzuführen. Searle spricht von epistemischer Objektivität und Subjektivität, was etwas über den Wahrheitswert von Sätzen aussagt. Epistemisch objektiv sind Aussagen, die einen Wahrheitswert besitzen, wie zum Beispiel ‚Angela Merkel ist Bundeskanzlerin’ oder ‚Eine Fußballmannschaft agiert mit elf Spielern auf dem Platz’. Ein epistemisch subjektiver Satz hingegen besitzt keinen objektiv feststellbaren Wahrheitswert. Es handelt sich hier sozusagen um Ansichtssachen, wie in den Aussagen ‚Diese Kette ist schöner als jene’ oder ‚Genesis macht bessere Musik als Rammstein’ (vgl. Searle 2009, S. 508).

Grundlegend für dies ist laut Searle noch die Unterscheidung zwischen ontologischer Objektivität und Subjektivität. Hierunter werden grob gesagt Einzeldinge verstanden. Ontologisch objektiv sind jene Dinge wie Berge, Masse oder die Erde, die beobachterunabhängig sind, also nicht von den Einstellungen des Menschen abhängen. Ontologisch subjektiv hingegen sind Dinge wie Schmerz, Gedanken, Trauer und so weiter, also das, was von einem Bewusstseinsträger empfunden werden muss, um zu existieren. Ontologisch subjektive Dinge sind demzufolge also beobachterrelativ (vgl. Searle 2009, S. 508).

Diese Unterscheidungen zugrunde legend erklärt Searle, das Beobachterrelativität ontologische Subjektivität impliziert, „aber ontologische Subjektivität schließt epistemische Objektivität nicht aus“ (Searle 2009, S. 508f). Verdeutlichen wir dies am Beispiel eines Geldscheins. Ein Geldschein ist ontologisch subjektiv, da er ohne menschliche Einstellungen und Bewusstseine nicht existieren würde, ist demnach beobachterrelativ. Ich kann jedoch eine wahrheitswertfähige Aussage über einen Geldschein wie ‚Dies ist ein 20-Euro-Schein’ machen. Aufgrund der Tatsache, dass dieser Satz wahr sein kann, wenn man ihn im Bezug auf einen echten Geldschein macht, ist epistemische Objektivität hier möglich.

Weiterhin betont Searle, dass „epistemische Objektivität [...] keine ontologische Subjektivität“ (Searle 2009, S. 509) erfordert. Hiermit ist gemeint, dass wahrheitswertfähige Aussagen nicht nur über beobachterunabhängige, sondern auch über beobachterrelative Dinge gemacht werden können. Der Satz ‚Dies ist ein Kupferbrocken’ ist genauso wahr oder falsch wie etwa der Satz ‚Ich habe Schmerzen’, denn obwohl das Schmerzempfinden des Menschen beobachterrelativ ist, kann eine Aussage darüber wahr sein. Der Satz ‚Ich habe Schmerzen’ also wäre beispielsweise ontologisch subjektiv, aber epistemisch objektiv.

3. Sozial-institutionelle Wirklichkeit

Searle zufolge ermöglichen und erzeugen erst die menschlichen Einstellungen die soziale Wirklichkeit. Er betont, dass alle sozialen Phänomene „in der Zuschreibung von Statusfunktionen mittels kollektiver Intentionalität“ (Searle 2009, S. 510) bestehen. Statusfunktionen werden also durch die kollektive Intentionalität einem Gegenstand oder einer Person zugeschrieben, was die sozialen Phänomene erzeugt. Im Folgenden betrachten wir die drei Grundformeln Searles zur Beschreibung der „Grundstruktur der sozial-institutionellen Wirklichkeit“ (Searle 2009, S. 510), welche durch die Schlagworte der kollektiven Intentionalität, der Funktionszuschreibung und den konstitutiven Regeln und Prozeduren abgedeckt werden (vgl. Searle 2009, S. 510).

[...]


[1] Der Begriff der Deontologie wird im Verlauf der Arbeit geklärt werden.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668231467
ISBN (Buch)
9783668231474
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201580
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Philosophisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Ontologie Sozialontologie Searle kollektive Intentionalität

Autor

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