Lade Inhalt...

Wassernutzung in Vorder- und Mittelasien

Geschichte, Entwicklung und Probleme des Nahen Ostens und des Industieflandes

Examensarbeit 2011 89 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Geologie, Mineralogie, Bodenkunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wassernutzung im Jordanbecken
2.1. Aktuelle Wassersituation im Jordanbecken und Jordanien
2.2. Projekte zur Erschließung weiterer Wasserreserven
2.2.1. Disi Projekt
2.2.2. Dead Sea Water Conveyance Project
2.3. Prognose über die Wassersituation in Jordanien
2.4. Nabatäische Geschichte, Kultur und Bewässerungswirtschaft

3. Wassernutzung am Indus
3.1. Ausgangslage und Wassersituation im Indus-Tiefland heute
3.2. Geschichtliche Entwicklung der Wassernutzung im Indus-Tiefland
3.2.1. Bewässerung zwischen 1500 vor Christus und 1819 nach Christus
3.2.2. Ausbau des Bewässerungssystems unter britischer Herrschaft von 1843 bis
3.2.3. Teilung des indischen Subkontinents
3.2.4. Grüne Revolution und ihre Folgen
3.3. Probleme auf Grund der Wassernutzung
3.3.1. Vernässung
3.3.2. Versalzung
3.3.3. Sedimentierung der Kanäle und Staubecken und Wasserverschmutzung im Indus-Tiefland
3.3.4. Soziale Probleme des Pachtsystems
3.4. Maßnahmen zur Behebung der entstandenen Probleme
3.4.1. Maßnahmen gegen Versalzung und Vernässung
3.4.2. Maßnahmen gegen die Sedimentierung der Kanäle und Dammbecken
3.4.3. Maßnahmen gegen die Verschmutzung des Wassers
3.4.4. Vorschläge zur Verbesserung der sozialen Ungerechtigkeiten des Pachtsystems

4. Wasserkonflikte
4.1. Naher Osten
4.1.1. Streitigkeiten am Euphrat
4.1.2. Jordanwasserkonflikt
4.1.3. Konflikt am westlichen Bergaquifer
4.2. Induswasserkonflikt
4.3. Bewertung der Konflikte

5. Fazit

6. Abbildungsverzeichnis

7. Bibliographie

1. Einleitung

Wasser ist die Grundlage allen Lebens auf der Erde. Da die Erde zu 71% von Wasser bedeckt ist, wird sie auch immer wieder als „Blauer Planet“ bezeichnet. Obwohl mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt sind muss man sich aber im Klaren darüber sein, dass ca. 97% dieser Wasservorräte aus Salzwasser bestehen. Außerdem sind von den verbleibenden 3% weitere zwei Drittel in den Polkappen und Gletschern gebunden und somit nicht unmittelbar nutzbar. Es bleibt von der Gesamtmenge des auf der Erde befindlichen Wassers also nur rund 1% flüssiges Süßwasser für den Menschen. Davon wiederum sind lediglich 2% flüssiges Oberflächenwasser. Die restlichen 98% sind in für den Menschen nur unter enormen Aufwand zugänglichen Grundwasserbeständen gebunden. Abbildung 1 stellt diese dreistufige Verteilung graphisch dar und lässt erkennen, dass circa 99% des Wassers der Erde dem Menschen zur Nutzung nicht zur Verfügung stehen (Wallacher, 2001, 89).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wasserverteilung der Erde

(www.arte.tv/de Stand 13.06.2011)

Des Weiteren muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die zugänglichen Süßwasservorräte der Erde sowohl regional wie auch zeitlich äußerst ungleichmäßig verteilt sind. Etwa 80% des Abflusses entfallen auf die nördliche Halbkugel und die Äquatorialbereiche, während sich große Teile der Erde mit den restlichen 20% zu Recht finden müssen (van Edig, 2002, 1). Laut Vorhersagen des International Water Management Institutes (IWMI) wird bereits 2025 in weiten Teilen der Erde nicht mehr genügend Wasser zur Verfügung stehen. Diese physikalische Wasserknappheit ist laut IMWI zum Einen dem weltweit raschen Bevölkerungsanstieg und zum Anderen den verschiedenen Szenarien der Klimaänderung geschuldet (Schulte et. al. 2007, 451). Als weitere Einflussfaktoren nennt das International Hydrological Programme (IHP) der UNESCO die zunehmende Verstädterung, den fortschreitenden Ausbau von Infrastruktur, die zunehmende Migration in die Ballungsgebiete, Landumnutzung und Umweltverschmutzung (IHP, 2011, 3). Laut Schätzungen der UNESCO werden im Jahr 2015 etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in Regionen leben, die unter Wasserarmut leiden (IHP, 2011, 3). Da Wasser nicht vor Landesgrenzen halt macht, bedingt diese angespannte Situation des Wassermangels schon heute diverse Konflikte um die Nutzung, die Quantität und die Qualität von Wasser sowie der genutzten Böden. Dies kann an den Beispielen des Jordans und des Indus in Pakistan gezeigt werden. Ebenso interessant wie die Situation der betroffenen Menschen und Regionen heute, ist jedoch auch ein Blick in die Vergangenheit der Länder. Es soll gezeigt werden, wie frühere Generationen mit dem Gut Wasser umgegangen sind und inwiefern sich die Situation im Laufe der Zeit bis heute geändert hat.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Wassernutzung in den genannten Bereichen. Der Fokus richtet sich hierbei auf das Jordanbecken und das Indus-Tiefland. Des Weiteren wird die Art und Weise aufgezeigt, wie sich Mensch und Natur über die Jahrhunderte an die Gegebenheiten der Regionen angepasst und welche Auswirkungen sich ergeben haben. Ebenso werden aktuelle Lösungswege zur Bewältigung der entstandenen Probleme und Konflikte besprochen, welche die betroffenen Staaten und verschiedene Institutionen im Zuge eines zukunftsorientierten Handelns umsetzen wollen oder es bereits getan haben.

2. Wassernutzung im Jordanbecken

Unter den 261 grenzüberschreitenden Gewässersystemen der Erde ist das Jordanbecken eines, welches zwei oder mehr Anrainerstaaten haben (Fröhlich, 2008, 77). Neben Jordanien, auf welchem das Hauptaugenmerk liegen soll, grenzen auch Israel, der Libanon, das Westjordanland und Syrien direkt an das Jordanbecken an. Um einen Überblick über die Wassersituation zu geben, werden drei Bereiche herausgearbeitet.

1. Wie stellt sich die Situation im Jordanbecken und speziell in Jordanien heute dar?
2. Welche Handlungen und Projekte sind notwendig und eventuell bereits geplant oder umgesetzt, um der angespannten Situation Herr zu werden?
3. Auf welche Art und Weise wussten die Menschen vor unserer modernen, industrialisierten Zeit das knappe Wasserangebot zu nutzen.

2.1. Aktuelle Wassersituation im Jordanbecken und Jordanien

Jordanien befindet sich mit seiner Fläche von rund 90.000km2 und einer Bevölkerung von etwas weniger als 6,4 Millionen[1] Einwohnern an der Schnittstelle zwischen der kategorischen Abgrenzung von ariden und semi-ariden Regionen (al-Kurdi, 2008, 11). Laut der Klimaklassifikation nach Köppen und Geiger liegt es größtenteils in einer Gegend mit trockenheißem Wüstenklima BWh (Diercke, 2002, 222-223). Die Bergländer allerdings, die sich auf beiden Seiten des Jordan über den Höhenzug östlich des Toten Meeres durch das Wadi Araba bis etwa Shobak befinden, charakterisieren sich durch mediterranes Klima. Die Höchsttemperaturen liegen hier bei gemittelt +38,8 ºC zwischen April und Oktober. Die durchschnittlichen Tiefsttemperaturen zwischen November und März bei etwa +0,5 ºC. Östlich und südlich des Berglandes ist eine Übergangszone zu den Wüstengebieten. Die gemittelte Jahreshöchsttemperatur in diesem semiariden Bereich liegen bei etwa +40 ºC, die gemittelte Jahrestiefsttemperatur bei -1,6 ºC. In den vollariden Wüstengegenden, die Flächenmäßig den größten Teil des Landes ausmachen, ist diese Differenz noch bedeutend größer. Der Durchschnittliche Jahresniederschlag liegt für gesamt Jordanien zwischen 50 und 200mm (Bender, 1968, 12). Das Land gehört zu den zehn am stärksten von Trockenstress betroffenen Ländern der Erde. Jährlich können pro Kopf nur etwa 150m3 Trinkwasser im Schnitt auf die Bevölkerung verteilt werden. Ein Minimum von 1.000m3 stellt allerdings bereits die Demarkationslinie für unter chronischer Wasserknappheit leidende Länder dar. Dieser Wasserknappheits-Index wurde von der schwedischen Hydrologin Prof. Malin Falkenmark vom Stockholm International Water Institute eingeführt. Sie beschreibt die Mindestmenge an Wasser die zu einer gewissen Lebensqualität benötigt wird (al-Kurdi, 2008, 11). Jordanien unterschreitet diesen Wert, 1.000 m3, also um fast das siebenfache.

König Abdullah II bin Al-Hussein verbalisierte die Wassersituation Jordaniens in seiner Key Note folgendermaßen:

„Our water situation is a strategic challenge which cannot be ignored, and we have to make balance between the domestic, industrial and agricultural needs, while keeping the domestic water issue the fundamental and most important.”

(Othman al-Kurdi, 2008, 11)

Obwohl, wie in der Aussage von König Abdullah II bin Al-Hussein zu erkennen ist, das Problem der Wasserknappheit erkannt wurde, haben jordanische Haushalte im Schnitt lediglich zwischen 61 und 87 Liter Wasser pro Kopf und Tag zur Verfügung (Iskandarani, 2001, 12). Vergleichsweise dazu werden in Deutschland pro Bundesbürger pro Tag etwa 130l Brauch- und Trinkwasser verbraucht. Jährlich sind das immerhin schon 47,45m3. Die zur Verfügung stehende Menge überschreitet diesen Wert allerdings noch um ein vielfaches (www.planet-wissen.de Stand 28.06.2011). Allein der tatsächliche Verbrauch an virtuellem Wasser, „die Wassermenge […] die während der gesamten Produktionskette eines bestimmten Produktes verbraucht, verdunstet oder verschmutzt wird“ ( www.wwf.de Stand 28.06.2011), liegt pro Bundesbürger in Deutschland bei rund 4m3 täglich. Umgerechnet auf ein Jahr sind das etwa 1.460m3 die sich auch in Fleisch, Salat oder Schokolade befinden. Allerdings ist hierbei zu beachten, dass diese insgesamt rund 1.500 m3 nur die Menge an tatsächlich genutztem Wasser darstellt. Die zur potentiell zur Verfügung stehende Menge, anders als bei den genannten Mengenangaben für Jordanien, ist hierbei bei Weitem noch nicht erreicht ( www.wwf.de Stand 28.06.2011). Ebenfalls nicht berücksichtigt sind dabei die durch Industrie und Importe verbrauchten Wassermengen. Abbildung 2 zeigt den deutschen Wasser-Fußabdruck und somit das komplette Ausmaß des Wasserverbrauchs der Bundesrepublik.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Deutschlands Wasser-Fußabdruck

(www.geo.de Stand 07.07.11)

Während private Haushalte, deutsche und ausländische Industrieprodukte nur etwas mehr als 25% des Wasserverbrauchs ausmachen, teilen sich deutsche und importierte Agrarprodukte die restlichen 75%. In Deutschland wird also alleine für die privaten Haushalte mit 5,5 Milliarden[2] m2 Wasser das viereinhalbfache an Wasser verbraucht, als die Menge des in Jordanien zur Verfügung stehenden Wassers.

Ausschlaggebend für die niedrigen Zahlen in Jordanien sind sowohl die geringen Niederschläge als auch das damit verbundene, eingeschränkte Grundwasservorkommen der Region. Auf Niederschlagsebene kann Jordanien ebenfalls in drei große Gebiete untergliedert werden: die Wüstengebiete, das Jordan Tal und das Hochland. Die östliche Wüstengegend, welche circa 91% der jordanischen Landesfläche ausmacht, verfügt pro Jahr durchschnittlich über zwischen 50 und 200mm Niederschlag. Im Vergleich dazu fällt im Jordan Tal, das 5,7% der Landesfläche ausmacht, mit 50 bis 300mm mittleren Jahresniederschlag nur unwesentlich mehr Regen. Das jordanische Hochland weist mit Werten zwischen 400 und 600mm pro Jahr deutlich mehr Niederschlag auf, wobei sich dieser auf lediglich 2,9% der Landefläche begrenzt.

Die Niederschläge sind jährlich an Intensität und Menge stark unterschiedlich. So fallen in feuchten Jahren etwa 11.000 Mio. m3 Niederschlag, in trockenen Jahren allerdings nur etwa 5.800 Mio. m3. Dadurch wird im Mittel ein Wert von 8.300 Mio. m3 erreicht. Abbildung 3 zeigt ebendiese regionale Verteilung des Niederschlags im Nahen Osten wobei die zeitliche Verteilung, ein weiterer wichtiger Faktor, in der Graphik nicht berücksichtigt ist (al-Kurdi, 2008, 11).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Jahresdurchschnittsniederschlag im Nahen Osten

(www.jewishvirtuallibary.com Stand 20.06.2011)

Die Wassersituation Jordaniens allerdings nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr muss das gesamte Jordanbecken, mit seinen rund 18.300 km2 Fläche, und alle seine Anrainer berücksichtigt werden (Dombrowsky, 2008, 64). Dies ist zum Einen notwendig um einen ganzheitlichen Eindruck über die Wassersituation der Länder zu bekommen. Zum Anderen um zu verstehen, welche Spannungen zwischen den Ländern warum über die letzten Jahtzehnte entstanden sind.

Neben den genannten Niederschlägen über Jordanien direkt sind für das Jordanbecken auch Niederschläge außerhalb der Staatsgrenzen, perennierende Flusssysteme, wie das des Jordan und Yarmuk, sowie, teilweise grenzüberschreitende, Aquifere von Bedeutung. Das Jordan-Yarmuk Flusssystem weist einen mittleren Durchfluss von etwa 1.200 Mio. m3 Wasser pro Jahr auf. Dies entspricht etwa der Menge Wasser der Spree an ihrer Mündung in die Havel. Der Durchfluss des Yarmuks wird durch die Entnahme der Anrainer Jordanien, Israel, Syrien, Libanon und das Westjordanland, allerdings auf lediglich 200 Mio. m3/Jahr reduziert. Dies entspricht etwa zweimal dem mittleren Durchfluss der Würm bei Obermenzing. Die Quellflüsse des Jordan, der Hasbani, der Dan und der Banias entspringen im Libanon, in Israel und in Syrien. Sie haben durchschnittliche Abflüsse von 140 Mio. m3/Jahr, 250 Mio. m3/Jahr und 120 Mio. 3/Jahr. Sie vereinigen sich kurz hinter der israelischen Grenze bei Sede Nehemija zum Jordan und bringen somit etwa 510 Mio. m3 Wasser pro Jahr in den Tiberiasee (See Genezareth). Etwa 10 km südlich des See Genezareth, aus dem seit Mitte der sechziger Jahre von Israel etwa 490 Mio. m3/Jahr durch den National Water Carrier (NWC) in die Negev Wüste abgeleitet werden, mündet dann schließlich der Yarmuk in den Jordan. Dieser bringt wiederum zwischen 400 und 500 Mio. m3/Jahr mit sich und füllt somit das durch Israel entnommene Wasser wieder auf. Von dort aus fließt der Jordan unter dem Zufluss von etwa 240 Mio. m3/Jahr aus dem Zarqua und diverser Wadis, welche allerdings nur saisonal Wasser führen, ins Tote Meer (Dombrowsky et.al., 1996, 64-66). Dieses bezieht zwei Drittel seines Wassers aus dem Jordan-Yarmuk-System und hatte 2002, auf Grund der massiven Entnahme Israels und der anderen Anrainer, bereits ein Absinken des Meeresspiegels um 10 Meter und daraus resultierende zunehmende Versalzung zu verzeichnen (van Edig, 2002, 6). Neben Israel nutzen, wie erwähnt, auch andere Nationen das Wasser des Jordanbeckens und haben dafür verschieden Projekte verwirklicht: So entnimmt Jordanien beispielsweise zwischen der Yarmukmündung und dem Toten Meer etwa 120 Mio. m3 jährlich, hauptsächlich zur Bewässerung der Felder.

Zusätzlich zu den 1.200 Mio. m3 Wasser pro Jahr des Jordan stellt das erneubare Grundwasseraufkommen im Jordanbecken mit insgesamt etwa 1.600 Mio. m3/Jahr einen weiteren bedeutenden Teil des in der Region benötigten Wassers. Diese werden durch die Niederschläge im Nahen Osten gespeist und ebenso schnell wieder gefördert. Hinzu kommen noch die etwa 22 grenzüberschreitenden und nationalen Aquifere, welche einen weiteren großen Teil der benötigten Wassermenge stellen. Nationale Grundwasserressourcen werden von den verschiedenen Ländern unterschiedlich stark genutzt. So bezieht Israel jährlich ca. 360 Mio. m3 und Jordanien mit 750 Mio. m3 pro Jahr sogar mehr als doppelt so viel Wasser aus nationalen Wasserbeständen. Von diesen 750 Mio. m3/Jahr fördert Jordanien etwa 275 Mio. m3 erneuerbares Grundwasser bei einer Gesamtförderung von circa 575 Mio. m3/Jahr. Eine deutliche Übernutzung des Grundwasserspeichers kann also hier nicht von der Hand gewiesen werden. Ebenso interessant, jedoch von größerem Stellenwert, ist die Nutzung der grenzüberschreitenden Grundwasserleiter. Diese durchfließen, welche ungehindert von politischen Grenzen, das Jordanbecken. Besonders wichtig sind hierbei die drei Berg-Aquifere, welche jährlich ein erneuerbares Wasseraufkommen von rund 680 Mio. m3/Jahr liefern. Weiterhin liefert der Küsten-Aquifer etwas weniger als 300 Mio. m3/Jahr für Israel und Palästina. Diese übernützen den Aquifer allerdings mit einer jährlichen Entnahme von 280 Mio. m3/Jahr von Israel respektive 100 Mio. m3/Jahr von Palästina deutlich. Als Folge dessen muss nichtrezentes Grundwasser gefördert werden, was ein absinken des Grundwasserspiegels zur Folge hat. Zusammengefasst werden im Jordanbecken von den fünf Anrainern jährlich etwa 3.130 Mio. m3 Wasser aus den Gewässern entnommen, womit die erneuerbaren Ressourcen von etwa 2.800 Mio. m3/Jahr deutlich übernutzt werden. Dr. Ines Dombrowsky vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung spricht in ihrem Artikel „Recht auf Wasser“ sogar von Quellen die bis zu 150% übernützt werden, wie beispielsweise der angesprochene Küsten-Aquifer oder weitere der jordanischen Aquifere (Dombrowsky et.al., 1996, 64-66).

Für Jordanien alleine stellt sich die Situation nochmal etwas anders dar.

„Das Land bezieht sein Wasser zu rund 38% aus Oberflächenwasser und den übrigen (größeren) Teil aus Grundwasserressourcen. […] Die Landwirtschaft ist der größte Wassernutzer (68% Wasserentnahme). Rund 27% des Wassers wird vom häuslichen Wassersektor verbraucht.“ (Iskandarani, 2001, 12)

Jährlich verfügt Jordanien also über etwa 275 Mio. m3 erneuerbaren Grundwassers und fördert weitere rund 300 Mio. m3/Jahr an nichterneuerbarem Wasser (Dombrowsky et.al., 1996, 65). An Oberflächenwasser verfügt Jordanien insgesamt über 713 Mio. m3 jährlich, wovon im Jahr 2005 etwa 534 Mio. m3 genutzt wurden. Hinzu kamen im selben Jahr weitere 79 Mio. m3 Non-Conventional Water. Dies ist wiedergewonnenes, gefiltertes Abwasser aus den 22 Wasseraufbereitungsanlagen. Zusätzlich wurden weitere 31 Mio. m3 entsalztes Wasser aus den beiden Anlagen bei Abu Zeghan und Zara gewonnen. So ergab sich für das Jahr 2005 eine nutzbare Wassermenge von 1.219 Mio. m3 (al-Kurdi, 2008, 14). Pro Einwohner und Jahr ergab dies rechnerisch eine Menge von etwa 189m3 Wasser. Diese Wassermenge lag allerdings 26% über dem langjährigen Jahresdurchschnittswert. Zusätzlich mussten allerdings viele Bürger Ammans, etwa 30% der Haushalte, Wasser bei privaten Händlern beziehen. Im Schnitt zahlten sie dafür aber das Zehnfache des Normalpreises (Iskandarani, 2001, 12). Bei einem erneuten Vergleich mit der Bundesrepublik erkennt man, dass die nutzbare Menge Jordaniens deutlich unter der verbrauchten Menge der Bundesbürger liegt. Auch hierbei ist zu beachten, dass in Deutschland, anders als in Jordanien, ohne Weiteres wesentlich mehr Wasser zur Verfügung stünde. Aus der Wasserknappheit ergeben sich für Jordanien verschiedene Folgen. Zu den sozialen Auswirkungen gehört unter anderem die Verbreitung von Seuchen. Diese entstehen durch schlechte hygienische Bedingungen, die durch den Wassermangel oder die schlechte Wasserqualität entstehen. Um diese Seuchen zu bekämpfen, wird wiederum die jordanische Haushaltkasse belastet. Somit steht weniger Geld für die Neugewinnung oder Aufbereitung von Wasser zur Verfügung. Es entsteht ein negativer Kreislauf der nur durch ausländische Investitionen durchbrochen werden kann. Neben den genannten sozialen Problemen treten auch ökologische Probleme, wie Versalzung und Bodendegradation auf. Diese sollen aber im Kontext des Indus-Tieflandes unter Kapitel 3.3.2. noch genauer betrachtet werden. Zusätzlich können auch Auswirkungen auf der Investment-Ebene erkannt werden, denn die schlechte Wassersituation hat ebenfalls Folgen für den Tourismus, die Industrie und den kompletten Agrarsektor. Investoren werden dadurch abgeschreckt ihr Geld in Jordanien anzulegen. Um diese Situation und deren Auswirkungen zu verbessern hat die jordanische Regierung verschieden Lösungswege verfolgt.

2.2. Projekte zur Erschließung weiterer Wasserreserven

Der jordanische Staat verfolgt sowohl politische Lösungsansätze, wie auch unterschiedliche Projekte, um weitere Wasserquellen zu erschließen oder Wasser einzusparen. Es wurden außerdem verschiedene Institutionen ins Leben gerufen um die Situation zu evaluieren und verbessern: Die Water Authority of Jordan und die Jordan Valley Authority sind hierbei zu nennen. Beide unterstehen dem Ministry of Water and Irrigation. Beispielhaft für deren Arbeit können hier der Jordanwasserkonflikt, das Disi Projekt und das Dead Sea Water Conveyance Project aufgelistet werden (www.mwi.gov.jo Stand 08.07.2011). Die Beilegung des Jordanwasserkonflikts und eine damit einhergehende Neuverteilung des Wassers im Nahen Osten werden jedoch in Kapitel 4 genauer betrachtet.

2.2.1. Disi Projekt

Das Disi Projekt ist eines von vielen, die der Neuerschließung von Wasserressourcen dienen. Es wurde von der jordanischen Regierung 2004 ausgeschrieben und 2007 an das türkische Bauunternehmen GAMA vergeben. Durch die Verwirklichung des Projektes soll ab 2011 Wasser aus dem Disi-Aquifer, den sich Jordanien mit Saudi Arabien teilt, über eine Strecke von rund 325km durch Pipelines mit einem Durchmesser von 160cm in die jordanische Hauptstadt Amman transportiert werden. 65 Bohrlöcher sollen eine Menge von durchschnittlich circa 100 Mio. m3 Wasser pro Jahr fördern. Diese Zahl variiert allerdings je nach Bedarf und Jahreszeit: In den Wintermonaten werden lediglich 80 Mio. m3 Wasser weitergeleitet, während in den Sommermonaten durchschnittlich etwa 120 Mio. m3 abgepumpt und verteilt werden (www.globalwaterintel.com Stand 27.06.2011). In Amman angekommen, sollen die Wassermassen aus dem Disi-Aquifer hauptsächlich als Trinkwasser im Ballungsgebiet um Amman zum Einsatz kommen (al-Kurdi, 2008, 16). Das um die 856 Mio. US Dollar teure Projekt wird allerdings nur mit 200 Mio. Dollar vom jordanischen Staat getragen. Der Verschuldungsgrad des Projektes liegt Angaben von GAMA und dem Ministerium für Wasser und Bewässerung bei etwa 80:20. Das entspricht 80% Fremdkapital und 20% Eigenkapital. Die restliche Summe übernimmt Fipki Serifeken zufolge, dem Assistant Managing Technical Director von GAMA, nicht wie vorgesehen die Weltbank alleine. Stattdessen finanzieren die Overseas Private Investment Corporation der Vereinigten Staaten, die International Finance Corporation, eine Tochterfirma der Weltbank, und weitere nicht genauer spezifizierte Investoren die restlichen 656 Mio. $. Trotz der kritischen Wassersituation in Jordanien und den mit der Verwirklichung verbundenen Verbesserungen stößt das Projekt dennoch auf starke Gegenwehr. Gegner des Projektes monieren einerseits den immens hohen Kostenaufwand und andererseits die nicht vorhandene Nachhaltigkeit des Projektes sowie die Nutzung von wenig rezentem Grundwasser generell. Obwohl die Regierung äußerte, dass das Wasser des Aquifers bei derzeitiger Nutzung für über 100 Jahre ausreichen würde, ist dies doch mehr als fraglich. Diese Zahl hängt nämlich einzig von der Fördermenge der beiden Anrainer ab (www.globalwaterintel.com Stand 27.06.2011). Da auch Saudi Arabien schon über mehrere Jahrzehnte größtenteils fossiles Grundwasser aus dem 18 Mrd. m3 großen Disi-Aquifer pumpt, könnte, wie die Gegner des Projektes befürchten, ein Wettkampf um die geförderte Wassermengen entstehen und in ungezügelte Förderung ausarten. Ebenso wird auf saudischer Seite die Art der Nutzung des Disi-Wassers bemängelt. Dieses wurde in den späten 80er Jahren in Kreiselregenanlagen zur Bewässerung der hyperariden saudischen Wüste zum Weizenanbau genutzt. In dieser Zeit stieg Saudi Arabien weltweit zum fünft größten Weizenexporteur auf. Diese Verschwendung der Ressource stieß bei Jordanien, welches sich das Wasser bisher als Reserve aufgespart hatte, zwar auf Missfallen, jedoch hatte die jordanische Regierung auf Grund der „ausgeprägten und wirtschaftlichen Abhängigkeit von seinem großen Nachbarland nur eingeschränkte Möglichkeiten seine Interessen in der Wasserpolitik durchzusetzen.“(Müller-Mahn, 2006, 43)

2.2.2. Dead Sea Water Conveyance Project

Ein weiteres Projekt, das Dead Sea Water Conveyance Project, wird derzeit zwischen dem Roten Meer und dem Toten Meer verwirklicht. Um dies zu verstehen, ist ein Überblick bezüglich der Gesamtsituation der Region notwendig: Das Tote Meer ist ein extrem salzhaltiger See ohne natürlichen Abfluss und wird durch den Jordan gespeist. Es liegt etwa 35 km von Jerusalem entfernt im Jordangraben, welcher der nördliche Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs ist und weist einen Salzgehalt von etwa 30% auf. Da das Tote Meer außer dem Jordan keinen nennenswerten Zufluss hat, ist dieser ein sehr wichtiger Faktor für den See. Heute fließen allerdings nur noch 250 Mio. m3/Jahr anstatt wie früher 1.200 Mio. m3/Jahr vom Jordan ins Tote Meer. Dies geht auf die starke Entnahme der Anrainer, besonders durch Israel mit dem National Water Carrier, zurück. Das entnommene Wasser wird meist zur landwirtschaftlichen Bewässerung von weit entfernten Feldern genutzt und somit dem Jordan-System entzogen. Der zusätzliche Eintrag an Wasser durch Regenfälle von 90mm im Jahr ist bei einer durchschnittlichen Verdunstung von rund 1.500mm im Toten Meer zu vernachlässigen. Durch diesen verminderten Zufluss bedingt, entstand Wassermangel und dadurch diverse Probleme für das gesamte Ökosystem am Toten Meer. So sank auf Grund des immer geringer werdenden Zuflusses aus dem Jordan der Pegel des Sees von 1960 bis 2000 um 24 Meter von -393m auf -417m ab. Seine Fläche reduzierte sich um 33% über die letzten 55 Jahre. Abbildung 4 zeigt diese Entwicklung von 1960 bis 2000 mit einer Prognose bis 2050 bei unveränderten Bedingungen. Die flächenmäßige Abnahme ist hier deutlich zu erkennen (al-Kurdi, 2008, 16-20).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Veränderung des Toten Meeres von 1960 bis 2000 mit Ausblick auf 2050

(al-Kurdi, 2008, 18)

Etwa 80% der angesprochenen Probleme sind seit den 1970er Jahren aufgetreten. Heute fällt der Meeresspiegel um etwa 1m pro Jahr, wenn die Behörden der Anrainer nicht eingreifen. Ein Eingreifen der Behörden der angrenzenden Länder ist somit notwendig.Deswegen wurde im Mai 2008 das Dead Sea Water Conveyance Project von den Regierungen Jordaniens, Israels und der palästinensischen Autonomiebehörde gemeinsam beschlossen. Hauptziel des Projektes ist das weitere Absinken des Meeresspiegels zu verhindern. Diesem ist ein starkes Versalzen der Böden geschuldet, sowie der allmähliche Verlust des kulturellen Gutes. Das internationale Erbe der Region soll erhalten bleiben sowie das einzigartige Ökosystem und das Potential der Region als Touristenattraktion (al-Kurdi, 2008, 16-20). Bereits heute sind über 1.000 Dolinen entstanden, sowie Süßwasserquellen versiegt und Flussbetten erodiert (McPhail, 2010, 1). Um das Voranschreiten dieser Probleme zu verhindern, wird seit 2008 ein 180km langer Kanal zwischen dem Toten und dem Roten Meer gebaut. Dieser soll jährlich etwa 1.900 Mio. m3 Wasser transportieren und auf seinem Weg einen Höhenunterschied von insgesamt etwa 600m Differenz überwinden. Abbildung 5 zeigt den Verlauf des Kanals und eine Karte des eben genannten Höhenprofils (al-Kurdi, 2008, 16-20).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Das Red Sea Dead Sea Project mit Höhenprofil

(al Kurdi, 2008, 20)

Der Ort der Wasserentnahme soll in der Nähe von Akaba liegen und das Wasser zunächst auf eine Höhe von rund 220m befördern. Von dort aus soll es durch das Arava-Tal über 600m auf die Höhe des Toten Meeres fallen.

Der enorme Höhenunterschied des Kanals, wie in Abbildung 5 zu sehen, ist ein weiterer positiver Effekt des Projektes. Durch sehr hohe Reliefenergie können Turbinen in den Pipelines Strom zu erzeugen. Nach Fertigstellung der Bauarbeiten sollen diese Turbinen dann etwa 550 Megawatt erzeugen. Mit dem so gewonnen Strom könnte zum Einen die Bevölkerung versorgt und zum Anderen Frischwasser gewonnen werden (www.focus.de Stand 05.07.2011). Dies soll durch die Entsalzung des Wassers mittels Umkehrosmose passieren und weitere 850 Mio. m3 Trinkwasser jährlich bringen. Weitere ideelle Vorteile des Projektes sind, dass durch die Zusammenarbeit der Länder ein Zeichen des Friedens geschaffen werden kann. Dies könnte weitere Zusammenarbeit im Nahen Osten bewirken und den in Kapitel 4. noch ausführlicher diskutierten Wasserkonflikt beeinflussen (al-Kurdi, 2008, 16). Die Verwirklichung dieses Projektes wird, ähnlich wie beim Disi-Aquifer, nicht von der Weltbank selber finanziert. Allerdings koordiniert diese die Vergabe von Investitionen und Spenden. 2009 haben sich Frankreich, Griechenland, Italien, Japan, Südkorea die Niederlande, Schweden und die Vereinigten Staaten bereit erklärt, die Kosten für die nötigen Studien für das Projekt zu tragen, die alleine schon etwa 17 Mio. $ betragen (McPhail, 2010, 3). Insgesamt werden für die Fertigstellung des Projektes geschätzte 37 Mrd. $ benötigt (www.jva.gov.jo Stand 08.07.2011). 2010 ging man davon aus, dass die Projekt Studien bis Ende Juni 2011 und die Bauarbeiten selbst bis 2022 fertig gestellt sein werden (al-Kurdi, 2008, 14-15).

2.3. Prognose über die Wassersituation in Jordanien

Auf Grundlage der Daten über zukünftige Projekte, Grund- und Oberflächenwasserressourcen, kann nun die verfügbare Menge an Wasser bis 2022 für Jordanien prognostiziert werden. Zusammen mit Daten wie Jahr, Bevölkerungszahlen und -zuwachs, Wasserbedarf auf häuslicher, landwirtschaftlicher und industrieller Ebene, können dann Vorhersagen über das zukünftig benötigte Wasser und ein eventuelles Defizit gemacht werden (al-Kurdi, 2008, 14). Abbildung 6 zeigt eine Tabelle mit ebendiesen Daten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Hochrechnung der Wasservorräte und des -verbrauchs von 2004 bis 2022

(al-Kurdi, 2008, 15)

Zu erkennen ist, dass von 2004 bis 2010 das Wasserdefizit trotz steigender Bevölkerungszahlen und somit steigendem Bedarf, auf allen Ebenen gefallen ist. Grund dafür sind die bereits angesprochenen Wiederaufbereitungs- und Wassergewinnungsanalgen. Dieser Trend setzt sich auch weiterhin fort und soll 2022 sogar einen Wasserüberschuss von 202 Mio. m3 bringen. Grund dafür sind die geplanten Verwirklichungen der oben genannten Projekte, dem mit * gekennzeichnetem Disi Projekt 2011 und dem mit ** gekennzeichnetem Red Sea Dead Sea Water Conveyance Project 2022. Othamn al-Kurdi, ein Sprecher beim Cura Aquarum in Jordanien, einer Kongress-Serie zur Geschichte des Wasserbaus der TU Braunschweig, geht davon aus, dass die Wasserversorgung Jordaniens bis 2040 gesichert ist (al-Kurdi, 2008, 14-15). Um die Versorgung mit der Bevölkerung Wasser zu sichern muss Jordanien heute also enorme Anstrengungen unternehmen. Prinzipiell war das im Nahen Osten immer so, allerdings auf wesentlich kleineren Skalen, wie es Ausgrabungen in Jordanien bei Petra belegen.

[...]


[1] Im weiteren Textverlauf mit Mio. abgekürzt.

[2] Im weiteren Textverlauf mit Mrd. abgekürzt.

Details

Seiten
89
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656273721
ISBN (Buch)
9783656303763
Dateigröße
5.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201477
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Department für Geographie
Note
1,0
Schlagworte
Naher Osten Israel Jordanien Pakistan Wasser Versalzung Vernässung Wassergewinnung Bodendegradation Desertifikation Konflikt Sechstagekrieg Palästina Krisenherd Grundwasser Wassernutzung Totes Meer Nabatäer Disi-Projekt Indus Wasserkonflikte Krieg um Wasser Krieg

Autor

Zurück

Titel: Wassernutzung in Vorder- und Mittelasien