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Transformationsprozesse in Simbabwe

Auswirkungen des Power-sharing Agreements auf den Demokratisierungsprozess in Simbabwe

Bachelorarbeit 2011 32 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Relevanz und Fragestellung
1.2 Begriffe und Definitionen

2 Entwicklung demokratischer Systeme im nachkolonialen Afrika
2.1 Postkoloniale Demokratisierungsanstrengungen
2.2 Demokratiemerkmale in Afrika
2.3 Defekte Demokratie

3 Forschungsstand: Transformationsforschung & Power-sharing Agreements
3.1 Transformationsforschung
3.1.1 Der akteurstheoretische Ansatz
3.1.2 The Transition Paradigm
3.2 Power-sharing Agreements
3.2.1 Kritik und Gefahren von Power-sharing Agreements

4 Fallbeispiel Simbabwe
4.1 Chronik der Krise
4.2 Power-sharing Agreements & Global Political Agreement (GPA) in Simbabwe
4.2.1 Politische Verhältnisse in Simbabwe vor dem GPA
4.2.2 Inhalte und Umsetzung des GPA
4.2.3 Politische Verhältnisse in Simbabwe nach dem GPA
4.2.3.1 Wirtschafts-, Schul- und Gesundheitssystem, Medienlandschaft
4.2.3.2 Menschenrechtslage

5 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Relevanz und Fragestellung

Als Simbabwe nach einer langen Zeit der Unterdrückung, Ausbeutung und eines hartnäckigen Bürgerkriegs gegen das weiße Minderheitenregime von Ian Smith im April 1980 in die Unabhängigkeit entlassen wird, scheinen die Aussichten des Landes gut. Eine passable Infrastruktur sowie eine relativ hoch entwickelte und diversifizierte Wirtschaft kennzeichnen die ökonomischen Ausgangsbedingungen des simbabwischen Staates (vgl. Pfarl 2008).

Du hast das Juwel Afrikas in deinen Händen, gib gut darauf Acht“ (zit. n. Lessing 2009:29). Jene Worte gibt der damalige und erste Präsident Tansanias Julius Nyerere dem gerade ernannten Ministerpräsidenten Robert Gabriel Mugabe mit auf den Weg. Dieser zeigt sich vorerst staatsmännisch, betont immerzu das Prinzip der Versöhnung[1] und sorgt mit Investitionen im Bildungs- und Gesundheitssystem zu Beginn seines Amtsantritts für eine positive Stimmung im Land (vgl. Pfarl 2008 sowie Zimmermann 2004). Diese Einvernehmlichkeit ist jedoch nicht von Dauer. Schon im ersten Jahr nach der Unabhängigkeit entledigt sich Mugabe unliebsamen Konkurrenten und macht Gebrauch von Gewalt, um seine Macht zu sichern und zu festigen[2] . In den kommenden Jahren übertreffen sich Mugabe und seine Partei, die Zimbabwe African National Unity – Patriotic Front (ZANU-PF) von Jahr zu Jahr in jeglichen Vergehen menschen- und verfassungsrechtwidriger Natur, deren Details im Rahmen dieser Arbeit nicht umfassend erörtert werden können[3] . Zweifellos hält Robert Mugabe in stetigen Abständen seit seiner Ernennung zum Präsidenten 1987 Wahlen ab – doch ebenso regelmäßig macht er Gebrauch von Einschüchterung und Gewalt, manipuliert und missbraucht seine Macht. Zu einer einschneidenden und für die vorliegende Arbeit relevanten Wende kommt es im Jahr 2008. Im Frühjahr diesen Jahres verlieren Mugabe und die ZANU-PF erstmals seit der Unabhängigkeit sowohl die Parlaments- als auch die erste Runde der Präsidentschaftswahl gegen Morgan Tsvangirai, Führer der Oppositionspartei „Movement for Democratic Change“ (MDC) (vgl. Lessing 2009).

Tsvangirai verpasst im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl zwar die absolute Mehrheit, gilt jedoch für die angesetzte Stichwahl im Sommer 2008 als potenzieller Gewinner (vgl. www.suedeutsche.de/politik/praesidentenwahl-in-simbabwe-tsvangirai-tritt-zur-stichwahl-an-1.205329, Zugriff:19.05.2011). Im Vorfeld der entscheidenden Wahl starten Mugabe und die ZANU-PF eine Einschüchterungskampagne, in Folge dessen mehr als 100 Oppositionelle getötet, weitaus mehr schwer verletzt werden und Tsvangirai seiner eigenen Sicherheit und die seiner Anhänger wegen auf die Stichwahl verzichtet (vgl. Matyszak 2010a). Das hält Mugabe und die von ihm unter Druck gesetzte Wahlkommission nicht davon ab die Stichwahl trotzdem abzuhalten, aus der Mugabe offiziell mit einem Stimmanteil von etwa 90% als Sieger hervorgeht. „Brutale Schläge, Vergewaltigungen(…) und die massive Verdrängung von Wählern aus ihren Wahlkreisen machte diesen Wahlgang zu einer einzigen Farce“, fasst Derek Matyszak die Ereignisse zusammen (Matyszak 2010a: 337). Nach Protesten der internationalen Gemeinschaft sowie der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (Southern African Development Community) kommt es unter der Vermittlung von Thabo Mbeki noch im selben Jahr (2008) zu Verhandlungen zwischen Mugabe und Tsvangirai, die ein Machtteilungs-Abkommen – ein Power-sharing Agreement – besiegeln sollen[4] . Im September 2008 unterzeichnen beide das sogenannte „Global Political Agreement“, welches die Machtteilung zwischen ZANU-PF und MDC beschließt (vgl. Matyszak 2010a). Die Einigung zur Machtteilung, die vertraglich geregelte Integration der demokratisch ausgerichteten Oppositionspartei in die neue „Einheitsregierung“, schürt die Hoffnungen auf einen Demokratisierungsprozess in Simbabwe.

Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Frage beschäftigen, wie sich das Power-sharing Agreement auf den Transformationsprozess in Simbabwe ausgewirkt hat. Welchen Effekt hat das Power-sharing tatsächlich auf die politischen Verhältnisse im Land; wie nachhaltig, wie stabilisierend wirkt das Abkommen auf die Demokratie in Simbabwe? Um sich dieser Frage zu nähern, wird sich die Arbeit vorerst mit der Entwicklung demokratischer Systeme im nachkolonialen Afrika befassen, um die Grundlagen der Forschungsfrage zu erarbeiten. Es folgt eine Auswahl an theoretischen Herangehensweisen zu Demokratisierungsanstrengungen im afrikanischen Kontext, bevor sich die Arbeit explizit dem Fallbeispiel Simbabwe widmet.

1.2 Begriffe und Definitionen

Wird im Folgenden von „Afrika“ gesprochen, so meint diese Arbeit grundsätzlich nicht alle Staaten des afrikanischen Kontinents, jedoch jene Länder, die südlich der Sahara liegen und somit aus vielerlei Gründen von den nordafrikanischen Staaten gelöst betrachtet werden müssen[5] . Des Weiteren ist die Bedeutung von Transformation anzuführen: Sie dient den Begriffen „Systemwechsel“, „Systemwandel“ sowie „Transition“ als Oberbegriff. Der Begriff „Transition“ – oder im englischen „transition“ – wird seit Mitte der 1980er Jahre im Zusammenhang mit der Forschung nach Demokratisierungsprozessen[6] benutzt (vgl. Merkel 2006). Das englische „transition“ bedeutet wörtlich übersetzt „Übergang“.

Bei der expliziten Begriffsverwendung in der Politikwissenschaft meint es mehrheitlich den Übergang von autokratischen zu demokratischen Systemen; Transition wird demnach semantisch mit „Übergang zur Demokratie“ gleichgesetzt (Merkel 2006:66). Die Transformationsforschung untersucht folglich vorrangig Voraussetzungen, Ursachen und Verlaufsmuster der Demokratisierung politischer Systeme (vgl. Merkel 2006).

Der im Folgenden verwendetet Begriff der „Demokratie“ lehnt sich weitgehend an das Polyarchie-Konzept von Robert Dahl an, welches Mindestanforderungen formuliert, um als System demokratisch zu gelten. Darunter fallen einerseits der politische Wettbewerb zwischen Parteien und Individuen sowie ein hoher Grad an politischer Partizipation (insbesondere in freien und fairen Wahlen), andererseits als Erweiterung des Konzepts, die Einhaltung rechtlicher Standards, wie die Kontrolle der Politik durch eine unabhängige Justiz sowie die Anerkennung unveräußerlicher Menschen- und Bürgerrechte (vgl. Dahl 1971, Birch 1993, Mabe 2002).

Die im weiteren Verlauf auftretenden Demokratiebegriffe, wie z.B. „defekte Demokratie“ werden in ihrem jeweiligen Kontext erklärt und aufgegriffen.

2 Entwicklung demokratischer Systeme im nachkolonialen Afrika

2.1 Postkoloniale Demokratisierungsanstrengungen

Während die Demokratie auf dem europäischen Kontinent im Verhältnis zu ihrem afrikanischen Pendant eine ungleich ausgeprägte Geschichte hat[7] , lohnt es sich die Entwicklung demokratischer Verhältnisse in Afrika kurz aufzuzeigen, um die Unterschiede in Entstehung und Verständnis des Schlüsselbegriffes „Demokratie“ nachzuzeichnen.

Die erste „Welle der Demokratisierung“, angelehnt an den von Samuel Huntington geprägten Demokratiebegriff, trifft den afrikanischen Kontinent in Folge der Dekolonialisierung in den 1960er Jahren (vgl. Diamond 2010). Damit zieht ein recht neues politisches Element auf dem Kontinent ein; Franz Ansprenger erinnert diesbezüglich daran, dass es vor der Kolonialisierung „weniger demokratische Elemente in den althergebrachten politischen Systemen Afrikas [gab], als [es] die Mythologie der antikolonialen Befreiungsbewegung später behauptet hat“(Ansprenger 1990: 40)[8] . Dies wirkte sich auch während der Kolonialzeit zu Gunsten der westlichen Besetzer aus, da sie bei der Etablierung ihrer Machtstrukturen auf Systeme trafen, die bereits weitgehend auf dem Prinzip der „Über- und Unterordnung“ basierten (Zimmermann 2004: 45). Die Kräfte der Befreiungsbewegung gingen also zumeist von sozial und wirtschaftlich benachteiligten Schichten der Gesellschaft aus. Die traditionellen Eliten hingegen wählten zu Gunsten einer zumindest geringen politischen Partizipation und der eigenen Wohlstandssteigerung die Kooperation mit den Kolonialisten (vgl. Zimmermann 2004). Zur Entlassung in die Unabhängigkeit wurden den Staaten nun einerseits „partizipatorische Errungenschaften wie Pluralismus, transparente Verwaltungs- und Machtstrukturen, Teilhabe an und Begrenzung der Staatsmacht vorenthalten“ und andererseits fanden sich plötzlich Kämpfer aus Befreiungsbewegungen in den neuen Regierungen, die weder vor, noch während der Kolonialzeit mit den Mechanismen der politischen Regelung und Konfliktregulierung, von demokratischen Praktiken ganz zu schweigen, vertraut waren (Zimmermann 2004: 47, vgl. Diamond 2010).

Die Versuche der neuen Regierungen, sich von einer rein antikolonialen Bewegung hin zu einer wirtschaftlich sozialen Bewegung zu entwickeln und den neuen Staat vor sezessionistischen Bestrebungen zu schützen, mündeten fast ausnahmslos in der Etablierung

von autoritären Regimen[9] (vgl. Zimmermann 2004). Stefan Mair betrachtet rückblickend, dass sich Afrika bis zum Ende der 1980er Jahre „im festen Griff von Diktatoren“ befand; mit einem großen Mangel an Menschenrechten und Rechtssicherheit (vgl. Mair 2006; Information zur politischen Bildung, Nr. 264, online unter: http://www.bpb.de/die_bpb/072923565.html, 21.05.2011). Dieses Phänomen nennt Tetzlaff „Dekolonisationsparadox“, also die erneute Abhängigkeitsbeziehung in autoritären Einparteiensystemen kurz nach der Unabhängigkeit der europäischen Fremdherrschaft (Tetzlaff 2004: 157).

Diese zentralistischen Strukturen hielten jedoch erneut nicht lange; eine zweite „Demokratisierungswelle“ erreicht den Kontinent – analog zum Zusammenbruch der UdSSR und des Ostblocks[10] . Den Beginn dieser neuen Phase markiert die Unabhängigkeit Namibias 1990 sowie die Ablösung der autoritären Systeme in Benin im gleichen- und in Sambia im darauf folgenden Jahr. Ein weiteres Indiz für die zweite „Demokratisierungswelle“ ist die Anzahl der abgehaltenen Wahlen zwischen 1990 und 1997 – insgesamt fanden mehr als 40 Wahlen in dem angegebenen Zeitraum statt. Entscheidend war insbesondere die Tatsache, dass es sich dabei fast ausnahmslos um Mehrparteienwahlen handelte (vgl. Mair 2006, Information zur politischen Bildung, Nr. 264).

Vor dem Hintergrund neuer Demokratisierungsbemühungen und -erfolge sowie wirtschaftlichen und sozialen Fortschritten hat der ehemalige südafrikanischen Präsident Thabo Mebeki den Begriff „African Renaissance“ erdacht (vgl. Mair 2006).

Heute existieren in Afrika tatsächlich nur noch wenige Staaten, die durch ein autokratisches Einparteiensystem regiert werden, „dennoch ist die Euphorie der Anfänge der zweiten Demokratisierung längst einer Ernüchterung gewichen, die in vielen Ländern hinter der Fassade formaler demokratischer Institutionen neue oder fortdauernde autokratische Herrschaftspraktiken erkennt“ (Meyns 2006: http://www.bpb.de/publikationen/B42M84.html, 24.03.2011).

Exemplarisch für diese Einschätzung ist besonders das Beispiel Simbabwe, auf das im späteren Verlauf noch genauer eingegangen wird.

2.2 Demokratiemerkmale in Afrika

Die von Peter Meyns festgestellte Ernüchterung über die Demokratie in Afrika fußt vor allem auf einem qualitativen Mangel; so haben sich zwar Mehrparteiensysteme gebildet, doch gelten die abgehaltenen Wahlen im Nachhinein betrachtet zu großen Teilen „als gefälscht oder zumindest als in ihrem demokratischen Charakter ernsthaft beeinträchtigt“ (Meyns 2006: http://www.bpb.de/publikationen/B42M84.html, 24.03.2011). So ließe sich auch die geringe Anzahl an Regimewechseln erklären (vgl. Meyns 2006).

Gero Erdmann stellt außerdem fest, dass die Beurteilung, ob es in Afrika überhaupt Demokratie gibt, stark von den angesetzten Maßstäben abhänge: „Wird ein hoch anspruchsvoller Begriff einer

‚sozialen’ oder ‚partizipativen’ Demokratie zugrunde gelegt, wird es schwierig, Demokratien in Afrika zu finden. Wird hingegen ein schlichteres Konzept einer liberalen Demokratie verwendet, sieht das Ergebnis gleich anders aus“ (Erdmann 2007:2; GIGA Focus #10 2007).

Ohne im Weiteren das Für und Wider dieser Einteilung abzuwägen, müssen jedoch die Gründe für diesen Mangel an demokratisch nachhaltiger Substanz genannt werden. Roland Zimmermann setzt bei seiner Analyse diesbezüglich bei dem politischen Personal an, das sich nach der Dekolonialisierung etabliert hat. Er weist darauf hin, dass viele der ersten selbstständigen Regierungen aus ehemaligen Befreiungsbewegungen stammten, die ihrem strukturellen Charakter eher militärischen Organisationen als politischen Parteien glichen. Die unerfahrenen Parteien wurden somit „(...) leicht zum Werkzeug kleiner Elitengruppen“ (Zimmermann 2004: 49). Sich außerdem einer möglichen Opposition zu stellen und sich damit in einem demokratischen Diskurs behaupten zu müssen, passte nur schwer in das Selbstverständnis des „Befreiers“ oder des „Retters der Nation“. Die Befreiungsbewegungen wurden so zu einem blockierenden Element des Transformationsprozesses (ebd.).

Für die neuen Machthaber rückte der Machterhalt um jeden Preis, anstelle der Etablierung freiheitlicher Strukturen ins Zentrum ihres Interesses[11] . Zimmermann weist zwar darauf hin, dass das Verlangen von Regimeführern nach persönlicher Macht und die daraus folgenden Handlungen, um diese zu erhalten, nicht ein genuin afrikanisches Problem seien. Doch das zerstörerische Ausmaß an Korruption und Selbstbereicherung sei in diesem Maße nur auf dem afrikanischen Kontinent zu finden (vgl. Zimmermann 2004).

2.3 Defekte Demokratie

Das Phänomen von Wahlen in einem Mehrparteiensystem und der dennoch miserablen demokratischen Qualität kann unter dem Begriff „defekte Demokratie“ subsumiert werden. Wolfgang Merkel definiert den Begriff folgendermaßen:

„Herrschaftssysteme, die sich durch das Vorhandensein eines weitgehend funktionierenden demokratischen Wahlregimes zur Regelung des Herrschaftszugangs auszeichnen, aber durch Störungen in der Funktionslogik eines oder mehrerer der übrigen Teilregime die komplementären Stützen verlieren, die einer funktionierenden Demokratie zur Sicherung von Freiheit, Gleichheit und Kontrolle unabdingbar sind“ (Merkel 2006: 37)[12] .

Die Gründe für das Entstehen von defekten Demokratien seien unterschiedliche „spezifische Komplexe von Ursachenbündeln [13] “, die Akteure dazu bewegen würden, Demokratie zu umgehen (Merkel 2006: 38).

Im afrikanischen Kontext spielt neben dem Konzept der „defekten Demokratie“ ein weiteres Konzept eine tragende Rolle; das des Neopatrimonialismus. Zentrale Merkmale sind die stark personalisierte Machtausübung, Patronage, Klientelismus, Nepotismus (Vetternwirtschaft) sowie die Privatisierung öffentlicher Ressourcen zur politischen Legitimation und Selbstbereicherung; auch „rent-seeking“ genannt (vgl. Meyns 2006, Thomson 2004).

Zur Organisation der Anhängerschaft sind Eliten auf die bewährten patrimonialen „Mechanismen zur Sicherheit“ der Macht angewiesen (vgl. Zimmermann 2004). Solange der engste Kreis von dem persönlichen Machterhalt profitiert, seien Korruption und Selbstbereicherung akzeptiert, so Zimmermann. Die jeweiligen Machthaber müssen also ständig auf der Suche nach Ressourcen sein, um die eigenen Bedürfnisse und die des auserwählten Kreises zu befriedigen. „Neben dem bekanntlich endlichen Ressourcenvorkommen, nutzen einige Staaten auch die Entwicklungshilfe internationaler Geber als Quelle der zu verteilenden Güter“, resümiert Zimmermann und verweist daraufhin auf die Voraussetzungen der Geldgeber für die Finanzspritzen, welche meist an Demokratiebekundungen geknüpft sind (Zimmermann 2004: 51).

Der Begriff der „defekten Demokratie“ wird hier um die Begriffe „Fassadendemokratie“, „illiberal democracy“ oder auch „virtuelle Demokratie“ erweitert. „Virtuell“, da z.B. das Abhalten von Wahlen lediglich als Vorwand für das Implementieren demokratischer Institutionen diene, in Folge derer sich finanzielle Unterstützung versprochen wird (vgl. Zimmermann 2004, Meyns 2006, Tetzlaff 2004).

Im Schatten dieser vorgegaukelten Transformation entsteht in den betroffenen Regionen ein äußerst hoher Grad an Informalisierung, der die verfassungsmäßigen demokratischen Institutionen praktisch aushebelt. Selbst wenn durch eine Wahl ein Regierungswechsel gelingen sollte, so würde das neue Regime für gewöhnlich schnell die Praktiken ihrer Vorgänger übernehmen, da sie „im System der Klientelpflege gefangen seien“ (Zimmermann 2004: 53, vgl. Thomson 2004).

[...]


[1] Beispielhaft ist ein oft zitiertes Statement von Mugabe direkt nach den ersten Wahlen 1980 (übersetzt): „Nur weil die Weißen, als sie an der Macht waren, die Schwarzen unterdrückten, ist das noch kein Grund, dass die Schwarzen sie heute unterdrücken sollten…“ (Mugabe zitiert nach Frankfurter Rundschau vom 22.04.2000).

[2] Mugabe ließ seinen Vorgänger, Bischof Muzorwa, der das Land während den Lancaster-House Verhandlungen sozusagen kommissarisch führte sowie seinen ehemaligen Mitstreiter Joshua Nkomo gewaltsam entfernen (vgl. Zimmermann 2004).

[3] für Details siehe u.a. Ansprenger 2010, Zimmermann 2004

[4] Thabo Mebki war 2008 noch Präsident Südafrikas und Vorsitzender der SADC. Die Süddeutsche Zeitung berichtet sowohl von externem Druck der internationalen Gemeinschaft („Simbabwes Staatschef Robert Mugabe gibt offenbar dem Druck der internationalen Gemeinschaft nach(…)“, als auch von einem Drängen von Seiten der Afrikanischen Union („Afrikanische Staatschefs haben Simbabwes Diktator Mugabe aufgefordert, eine Übergangsregierung mit der Opposition zu bilden“) www.suedeutsche.de/politik/nach-praesidentenwahlen-in-simbabwe-mugabe-gibt-internationalem-druck-nach-1.216764 & www.suedeutsche.de/politik/gipfel-der-afrikanischen-union-afrikaner-draengen-mugabe-die-macht-zu-teilen-1.185275; Zugriff: 19.05.2011

[5] Zur Diskussion über die Trennung von Subsahara-Afrika und dem nördlichen Afrika vgl. u.a. Ansprenger 1999

[6] Guillermo O´Donnell, Phillippe Schmitter und Laurence Whitehead benutzten den Begriff „transition“ erstmals Anfang der 70er Jahre in ihrem internationalen Forschungsprojekt „transition to democracy“. Diese und weitere Arbeiten konzentrierten sich insbesondere auf die Anwendung des Demokratisierungsprozesses u.a. in Lateinamerika und Südeuropa (vgl. z.B.: O´Donnell et al. 1986).

[7] Zur Frage der ungleichen historischen Bedingungen von Demokratie in Europa und Afrika vgl. Ansprenger 1999:40, Basedau 2003: 44f sowie Tetzlaff 2004: 155

[8] Stefan Mair plädiert in seinem Aufsatz „Weg zur Demokratie in den neunziger Jahren“ (Informationen zur politischen Bildung, Nr. 264) unter dem Stichwort „Umbuntu“ für eine differenzierte Betrachtung des Demokratiebegriffs im vorkolonialen Afrika.

[9] „Autoritäre Regime: Eine Herrschaftsform, die zwischen Demokratie und Totalitarismus liegt (…), die im Wesentlichen durch drei Merkmale gekennzeichnet sind: (1) begrenzter Pluralismus, (2) fehlende umfassende Ideologie, (3) geringer Grad von Mobilisierung“, einhergehend mit der Routinisierung illegaler Praktiken in Staat und Verwaltung (Lexikon der Politik, Bd. 4, München 1997, S. 67-75).

[10] Thomas Carothers beschreibt die näheren Zusammenhänge der Demokratisierungswelle bzw. die internationalen Auslöser: http://www.journalofdemocracy.org/articles/gratis/Carrothers-13-1.pdf, Zugang: 12.04.2011

[11] Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen, in denen sich relativ stabile demokratische Strukturen gebildet haben, wie z.B. in Südafrika, Malawi, Mali, Benin und Botswana (vgl. Mair 2006, Erdmann 2007).

[12] Merkel unterscheidet „defekte Demokratie“ in 4 Formen; der exklusiven, illiberalen, delegativen und Enklavendemokratie. Alle Formen zeichnen sich durch ein grundsätzlich funktionierendes Wahlsystem aus; unterschiedlich sind jedoch die jeweiligen Ausprägungen der weiteren demokratischen Funktionslogiken, z.B defekte Kontrollorganismen oder eingeschränkte bürgerliche Rechte (Merkel 2006: 37f).

[13] Die lt. Merkel wichtigsten Ursachenbündel seien Modernisierungspfad- und Niveau, Wirtschaftskonjunktur, Sozialkapital, Zivilgesellschaft, Nations- und Staatsbildung, Typ des autoritären Vorgängerregimes, Modus der Transition, politische Institutionen und regionale Einbindung. Detailliert: Merkel 2006: 39

Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656273783
ISBN (Buch)
9783656274940
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201438
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
1,3
Schlagworte
Demokratisierung Simbabwe Transformation Power-sharing Defekte Demokratie Transformationsforschung GPA

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Titel: Transformationsprozesse in Simbabwe