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Die Darstellung des Todes von Dido

von Tom Bauer (Autor)

Facharbeit (Schule) 2010 18 Seiten

Latein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Erschließung der Didoepisode
2.1 Das Liebesverhältnis zwischen Dido und Aeneas
2.2 Analyse der Todesdarstellung
2.3. Die Begegnung in der Unterwelt

3. Interpretationen von Didos Tod
3.1 Die Gestaltung der Dido und deren Tod als Hommage Vergils an seine Vorbilder und Epoche
3.2 Didos Tod als dramaturgische Konsequenz
3.3 Die Verkörperung des römischen Frauenbildes durch Didos Tod
3.4 Der Tod der Dido als historische Personifikation
3.5 Der Selbstmord der Dido auf Grund des Waltens der Götter

4. Der Tod der Dido in der Oper „Dido and Aeneas“
4.1 Dido bei Henry Purcell/Nahum Tate im Vergleich zu Vergil
4.2 Die Gestaltung der Todesszene der Dido in „Dido and Aeneas“

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einführung

[1] „Weicht römische Schriftsteller, weicht griechische Schriftsteller! / Irgendetwas Bedeutenderes als die Ilias entsteht.“[2] . Mit diesem Distichon weist der Dichter Properz in einem seiner Gedichte auf die Entstehung der „Aeneis“ des Vergil hin und gelangt dabei auch zu einer treffenden Bewertung der literarischen Größe des Werkes, das die Grundlage der folgenden Ausführungen bilden wird. Die „Aeneis“ wurde zwischen den Jahren 29 v. Chr. bis 19 v. Chr. von Publius Vergilius Maro (70-19 v. Chr.) verfasst. Literaturwissenschaftlich lässt sich der Autor zur Epoche der „Augusteischen Klassik“ rechnen, was sich in seinen drei Hauptwerken „Bucolica“, „Georgica“ und der „Aeneis“ widerspiegelt. Die „Aeneis“ besteht aus zwölf Büchern zu je circa 800 Versen, welche sich in zwei große thematische Einheiten untergliedern lassen. Inhaltlich berichtet das Werk über die Gründung Roms durch Aeneas, der von den Göttern zu dieser Aufgabe berufen wurde. In den Büchern eins bis sechs wird die Flucht aus Troja und die Schifffahrt nach Italien geschildert. Diese wird öfters unterbrochen, wie zum Beispiel durch einen Aufenthalt in Karthago bei Dido. Anschließend folgt noch der Gang des Aeneas in die Unterwelt. Daran schließt sich die zweite Werkhälfte mit den Berichten über die Kämpfe des Aeneas in Italien, die schließlich zur Gründung Roms führen, an.

Der Tod nimmt in der „Aeneis“ eine zentrale Stellung ein, was zum einen sowohl dadurch verdeutlicht wird, dass die Todesdarstellungen an exponierten Stellen des Epos auftauchen, als auch dadurch, dass Vergil das Sterben seiner Helden breit schildert[3] und sich dabei wie in seinem gesamten Epos durch verschiedene Entwicklungen und Themen beeinflussen lässt, wie J. P. Sullivan betont: „Yet the forces, conscious and unconscious, philosophical, social, literary and political, that guide Vergil's pen in writing the Aeneid are unexpectedly complex.“[4] Im Folgenden soll nun die Todesdarstellung der karthagischen Königin Dido im Epos des Vergil näher untersucht werden und dabei nach den verschiedenen - wie beispielsweise die von Sullivan angesprochenen - Gesichtspunkten ausführlicher interpretiert werden.

2. Erschließung der Didoepisode

2.1 Das Liebesverhältnis zwischen Dido und Aeneas

Die Liebe zwischen Dido und Aeneas entsteht im Grunde durch die Ankunft des Aeneas und der Trojaner an der Küste Nordafrikas während ihrer Fahrt nach Italien. Die Unterbrechung kommt durch einen Seesturm zu Stande, der von Aeolus, dem Gott der Winde, und von Juno entfacht worden ist. Dieses Unwetter wird allerdings durch Neptun beendet. Bevor Aeneas Dido, die Königin von Karthago, zum ersten Mal sieht, ist diese schon durch den von Jupiter entsandten Merkur über die Ankunft des Trojaners und seiner Gefährten unterrichtet worden. Die Befehle dieses Boten an Dido stellen auch den Grund für die großzügige Gastfreundschaft und die Einladung an Aeneas zu einem Festmahl bei der Königin dar. Bei diesem Mahl wird Ascanius, der Sohn des Aeneas, mit dem Liebesgott Amor durch Venus vertauscht. Diese will genau wie ihre Rivalin Juno erreichen, dass sich Aeneas länger in Karthago aufhält, wobei allerdings jede Göttin eigene Ziele verfolgt. Jene Ereignisse schildert Vergil im ersten Buch der „Aeneis“. In den zwei darauf folgenden Büchern zeigt der Dichter durch einen Rückblick die Erlebnisse des Aeneas im Trojanischen Krieg, die sich vor dem ersten Buch ereignet haben. Diese werden von dem Trojaner in direkter Rede ohne Unterbrechung wiedergegeben. Durch den Bericht wird Dido vollständig über die Identität des Trojaners und dessen Sendung, die Gründung Roms, aufgeklärt.

Im vierten Buch stellt Vergil die Liebesbeziehung der Dido und des Aeneas dar. Nach anfänglichen Vorbehalten der karthagischen Königin gegenüber der Liebe, die von ihrer Schwester Anna zerstreut werden, akzeptiert sie die Sehnsucht nach ihrem Gast. Nach dem Anwachsen der Gefühle kommt es schließlich während einer Jagd zur Liebesvereinigung. Dadurch, dass das Verhältnis nicht mehr verheimlicht wird, erfährt auch Jupiter davon. Als Folge davon erhält nun Aeneas durch Merkur den Befehl zum Aufbruch nach Italien und somit auch zur Beendigung der Bindung zu Dido. Obwohl der Trojaner versucht, die Abreise zu verheimlichen, erfährt seine Geliebte davon und stellt ihn zur Rede. Doch es gelingt keine Annäherung mehr, da beide auf ihren Positionen beharren - Dido auf ihrer Liebe und Aeneas auf seiner Sendung, einer „aus Pflichtgefühl und pietas herbeigeführte[n] Entscheidung“[5] . Auch der Versuch der Anna, den Aufbruch des Aeneas zu verzögern, scheitert.

2.2 Analyse der Todesdarstellung

Vergil verdeutlicht durch den Vers „Tum vero infelix fatis exterrita Dido / mortem orat“[6] dem Leser den Seelenzustand der Dido: Die verzweifelte Frau hat sich für den Selbstmord entschlossen. Davon bleibt sogar ihre Schwester und engste Vertraute Anna unkundig. Als Grund für die Errichtung eines Scheiterhaufens gibt die karthagische Königin deshalb einen Opferzauber an, um Aeneas von der Abfahrt abzuhalten. Tatsächlich will sie sich aber auf jenem selbst töten. In einem nächtlichen Monolog[7] kommt die innere Zerrissenheit der Dido wiederholt zum Ausdruck, wobei sie ihr Verhältnis zu Aeneas deutlich negativ bewertet. Nachdem mitten in der Nacht Aeneas noch einmal von Merkur den Befehl zum Aufbruch erhält, entschließt er sich Karthago mit seinen Gefährten sofort zu verlassen. Als die Königin die Abfahrt bemerkt, hält sie einen Monolog[8] , in dem sie den Aeneas, die Trojaner und schließlich deren Nachkommen dauerhaft verflucht. Daraufhin befiehlt sie der Amme Barce, sich und Anna für die Opferungen vorzubereiten.

Allein zurückgeblieben, hat Vergil ihr einen letzten Monolog in den Mund gelegt, währenddessen sie den Scheiterhaufen auf ihrer Festung mit dem Schwert des Aeneas besteigt. Nachdem Dido sich Rachegedanken und Verwünschungen gegenüber Aeneas und den Trojanern hingegeben hat, gelangt sie nun vor ihrem Selbstmord zu einer erstaunlichen Ruhe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch[9] diesen[10] Abschiedsmonolog[11] erfolgt zudem auch eine Selbstcharakterisierung und Beschreibung ihres Lebens. Sie hebt an, indem die Kleider im Vokativ angesprochen werden, welche Zeichen des irdischen Lebens darstellen, da sie nur einen Wert hatten, solange die Götter sie leben ließen. Sie will nun ihr Leben mit den irdischen Gütern, wie den Gewändern, aufgeben. Dies bedeutet für Dido gleichzeitig auch die Loslösung von den Gefühlen zu Aeneas. Dabei fügt sie sich in den Lauf des Schicksals ein und legt dar, dass ein Abbild (imago) von ihr unter die Erde gehen wird. In den folgenden vier Versen blickt sie auf ihr Leben zurück, indem sie der Erbauung Karthagos, der Ermordung ihres Gatten Sychaeus durch ihren Bruder Pygmalion und der Ankunft der Trojaner gedenkt. Die exponierte Erwähnung dieser drei Ereignisse ist vor allem dadurch begründet, da diese einschneidende Bedeutung für das Leben und den Tod der Dido hatten. Auch wenn die karthagische Königin die Ankunft des Aeneas im Vers davor noch verfluchte, klingen ihre Hassgefühle deutlich ab und sie akzeptiert nun das Ende ihres Lebens. Die Verstärkung der Todessehnsucht gegenüber dem Rachewunsch kommt vor allem in der Wendung „moriemur inultae, sed moriamur"[12] zum Ausdruck. Dennoch bleibt die Bitte Didos um Schuldgefühle bei Aeneas.

Daraufhin erscheint das Gefolge mit Anna, um den Opferzauber zu vollziehen. Die Königin hat sich allerdings schon vor deren Ankunft mit dem Schwert selbst erstochen. Inmitten der trauernden Dienerschaft erhebt sich die Selbstanklage der Anna wegen unterlassener Hilfeleistung. Es scheint, als ob diese auch wie vorhin ihre Schwester dem Wahnsinn verfallen würde. Vergil weist darauf hin, indem er das Verhalten jener mit dem Verb „bacchari“[13] näher charakterisiert. Im Schoß der Anna versucht Dido dreimal sich aufzurichten und die Augen zu öffnen, was ihr aber misslingt. Da Proserpina, die Herrin der Unterwelt, den vorzeitigen Tod nicht akzeptiert, schickt Juno die Götterbotin Iris um die Königin vom Tod zu erlösen.

2.3. Die Begegnung in der Unterwelt

Im fünften Buch gibt Vergil die Reise der Trojaner nach Italien wieder, wo sie im sechsten Teil der „Aeneis“ auch ankommen. Nachdem Aeneas mit Sibylle, einer Prophetin und Priesterin Apollos, die Unterwelt erreicht hat, gelangt er zu verschiedenen Orten mit den jeweiligen Toten. Werner Suerbaum verwendet hierfür den Klassenbegriff, um die Abgrenzungen unter den Toten zu verdeutlichen.[14] Aeneas sieht auch den Ort, an welchem sich die Seelen von Selbstmördern befinden. Dido trifft er allerdings erst bei den Seelen, die aus Liebe gestorben sind. Der wird durch den lateinischen Ausdruck „lugentes campi“[15] als Klagefeld bezeichnet. Der Tod wird in der Unterwelt also weniger als Freitod denn als Liebestod gedeutet.

Aeneas versucht Dido anzusprechen[16] , wobei er keine Schuld für deren Tod aufnimmt, sondern sie den Göttern und seiner Unwissenheit zuweist. Er stellt sich somit mit Dido als Opfer dar. Diese wendet sich nur wortlos von dem Trojaner ab und Sychaeus, ihrem früheren Gatten, wieder zu. Aeneas bleibt alleine und in Tränen zurück, setzt dann aber seinen Weg durch die Unterwelt fort. Der weitere Handlungsverlauf ist im Hinblick auf den Tod der Dido irrelevant.

[...]


[1] Vgl. Fuhrmann, M., Geschichte der römischen Literatur, S. 279-298.

[2] Prop. II., 34 B, 65f.

[3] Vgl. Götte, J., Aeneis. Lateinisch-deutsch, S. 576-578

[4] Sullivan, J. P., Dido and the Representation of Women in Vergil's Aeneid, in: Jones, H., Wilhelm, R. M., The Two worlds of the poet. New perspectives on Vergil, S. 64.

[5] Burck, E., Vergils „Aeneis“, in: Burck, E. (Hg.), Das römische Epos, S. 98.

[6] Verg. Aen. 4, 450 f.

[7] Vgl. ebd. 4, 533-552.

[8] Vgl. ebd. 4, 584-629.

[9] Verg. Aen. 4, 651-662.

[10] Götte, J. Aeneis, S. 171.

[11] Vgl. De Vries, S. F., Thom, S., Suicide of Dido. A commentary on Petrie's Virgil 276-305 (= Aeneid IV, 642-671*), in: University of Stellenbosch, Akroterion 24, S. 14 ff.

[12] Verg. Aen. 4, 659-660.

[13] Vgl. Verg. Aen. 4, 666.

[14] Suerbaum, W., Vergils Aeneis. Epos zwischen Geschichte und Gegenwart, S. 63: „Aeneas und Sybille sehen jetzt verschiedene Klassen von Seelen Verstorbener: die von Säuglingen [...], von unschuldig Verurteilten […], von Selbstmördern […], die Seelen solcher, die aus Liebe den Tod gefunden haben [...].“

[15] Verg. Aen. 6, 441.

[16] Vgl. ebd. 6, 456-466.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656374695
ISBN (Buch)
9783656377238
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201437
Note
1,0

Autor

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