Lade Inhalt...

Behavioral Finance – Der Einfluss psychologischer Effekte auf das Anlegerverhalten

Bachelorarbeit 2012 48 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Fragestellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Traditionelle Kapitalmarkttheorie
2.1 Markteffizienzhypothese
2.2 Das Modell des „Homo Oeconomicus“

3 Behavioral Finance
3.1 Anomalien menschlichen Verhaltens
3.1.1 Informationswahrnehmungsanomalien
3.1.2 Informationsverarbeitungsanomalien
3.1.3 Entscheidungsanomalien
3.2 Erkenntnisse aus der Hirnforschung
3.3 Einfluss von Stimmungen
3.4 Einfluss von Stress
3.5 Einstellung und Erwartungen
3.6 Motivation

4 Psychologische Effekte im Börsenhandel
4.1 Anomalien im Entscheidungsverhalten
4.1.1 Theorie der kognitiven Dissonanz
4.1.2 Der Status Quo Bias
4.1.3 Vermeidung von Enttäuschung (Regret Aversion)
4.1.4 Kontrollillusion
4.1.5 Erlernte Sorglosigkeit und Erlernte Hilflosigkeit
4.2 Wahrnehmung von Gewinn und Verlust
4.2.1 Prospect Theorie
4.2.1.1 Bezugspunkt (Reference Point)
4.2.1.2 Mentale Kontenführung (Mental Accounting)
4.2.1.3 Verlustaversion (Loss Aversion)
4.2.1.4 Dispositionseffekt (Disposition Effect)
4.2.1.5 Versunkene Kosten (Sunk Cost Effect)
4.3 Risikoverhalten der Anleger
4.3.1 Gewichtung von Wahrscheinlichkeiten
4.3.2 Risikokontrolle
4.3.3 Illusionary Correlations
4.3.3.1 Gambler´s fallacy
4.3.4 Risiko-Rendite Paradoxon (Risk Return Paradox)
4.3.5 Reflection und Framing Effekte
4.4 Überreaktionen
4.4.1 Überhöhte Selbstsicherheit (Over Confidence)
4.4.2 Herdenverhalten (Herding)
4.4.3 Angst und Gier

5 Resümee und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Abbildungsverzeichnis

8 Tabellenverzeichnis

Gender Hinweis:

Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird in allen Teilen der Bachelorarbeit auf eine geschlechterspezifische Differenzierung wie z.B. MarktakteurInnen, AnlegerInnen, InvestorInnen udgl. verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne einer gendergerechten Sprache grundsätzlich für beide Geschlechter.

Abstract

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

In Zeiten von Finanzmarkt- Schuldenkrisen & Co., gewaltiger Volatilität von Börsenkursen, Indizes, Rohstoffwerten, etc. und damit verbundener Verlustrisiken aber auch Gewinnchancen an den Finanzmärkten, stellt sich die Frage, was Auslöser für solche extreme Kursbewegungen sein können. Sehen wir in den Kursen das Spiegelbild fundamentaler Wirtschaftsdaten der globalen Wirtschaft? Handelt es sich um rationale Reaktionen auf Ergebnisse technischer Analysen oder spielt auch die Psychologie des einzelnen Akteurs und der Masse an Anlegern am Finanzmarkt eine Rolle? Immer wieder kam es in der Geschichte der Börse zu dramatischen Kursverlusten, darauf folgenden Gegenbewegungen, bis hin zu Boom Phasen mit stark steigenden Kursen.

1.1 Problemstellung und Fragestellung

Veränderungen an den Finanzmärkten dieser Art haben sowohl ökonomische, soziale als auch psychologische Auswirkungen. Wirtschaftliche Entwicklungen werden durch die Kurse bereits im Vorfeld antizipiert. Realwirtschaftliche Veränderungen zeigen ihre Wirkung auf Angebot und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in den betroffenen Volkswirtschaften. Besonders stark sind diese Effekte in Phasen des Booms und der Rezession, mit Auswirkung auf die Nachfrageintensität am Arbeitsmarkt und all den damit verbundenen Folgewirkungen auf die Gesellschaft.

Ökonomen weltweit beschäftigen sich daher mit der Entwicklung an den Finanzmärkten. Ziel ist es, dem Entscheidungsverhalten, das den Menschen zum Kauf oder Verkauf veranlasst, auf die Spur zu kommen. Dabei wird, für die Erklärung von Phänomenen, auch heute noch auf die traditionelle Kapitalmarkttheorie, die von Rationalität ausgeht, zurückgegriffen. Dem gegenüber steht die „Behavioral Finance“ Theorie, die in den 90er Jahren in den USA entstanden ist. Die Theorie bedient sich psychologischer Erkenntnisse und versucht, diese auf ökonomische Fragen zu übertragen.

Der Börsenhandel hat durch die Globalisierung der Wirtschaft weiter an Bedeutung gewonnen. Online Trading Plattformen im Internet haben auch dem „kleinen Anleger“ den leichten Zugang zu Transaktionen im Finanzmarkt ermöglicht. Allerdings ist der Handel zunehmend durch Unüberschaubarkeit und Unsicherheit geprägt, was sich in volatilen Kursen widerspiegelt und für Verunsicherung bei den Anlegern sorgt.

Es zeigt sich, dass Anleger in ihrem Entscheidungsverhalten keineswegs, wie es die traditionelle Kapitalmarkttheorie postuliert, rational, sondern viel eher beschränkt rational, teils sogar irrational und den ökonomischen Grundannahmen entgegengesetzt agieren. Die vorliegende Arbeit wird sich mit den Erkenntnissen der „Behavioral Finance“ Theorie, ihren Modellen und psychologischen Effekten auseinandersetzen, um Anlegerverhalten zu erklären. Dafür soll der aktuelle Stand der Forschung in diesem Gebiet herangezogen werden.

Einleitend wird auf die Anomalien des menschlichen Verhaltens eingegangen, um jene Prozesse zu beschreiben, die in der Natur des Menschen liegen, und rationales Verhalten im Zusammenhang mit Entscheidungen am Finanzmarkt verhindern.

Forschungsfrage:

Konkret soll die Arbeit die Frage beantworten, welche psychischen Effekte zu irrationalem Anlegerverhalten führen und besonders in den Phasen Boom und Crash einen starken Einfluss aufweisen.

Zur Beantwortung der Frage wird auf die Erkenntnisse der „Behavioral Finance“ Theorie zurückgegriffen.

Wenn Prognosen über Entscheidungsverhalten möglich werden, dann wird es auch ökonomisch nutzbar. Marktteilnehmer an den Finanzmärkten, die sich eigener und anderer Verhaltensweisen bewusst sind, können in Kenntnis dieser Zusammenhänge mit ihrem Handeln Fehler entdecken und vermeiden lernen. Die „Behavioral Finance“ Theorie leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie für das eigene Handeln nutzbar zu machen und als Ergänzung zur traditionellen Sichtweise zu verstehen, ist Ziel dieser Arbeit.

1.2 Aufbau der Arbeit

Zunächst soll im Rahmen der Beschäftigung mit diesen Fragen auf die Grundzüge der traditionellen Kapitalmarkttheorie eingegangen werden. Der Schwerpunkt in dieser Arbeit wird auf die Theorie der „Behavioral Finance“ gelegt.

Die Theorie greift dabei auf die Erkenntnisse der Psychologie zurück und überträgt sie auf ökonomische Fragestellungen. Sie beschäftigt sich dabei einerseits mit individuellen Verhaltensmustern, die im Anlageverhalten häufig beobachtet werden können, aber auch mit schwer erklärbaren Marktphänomenen wie die einer Aktienhausse oder –baisse (Götte, 2006, S. 63).

Im Kapital 3 wird der Begriff „Behavioral Finance“ definiert und auf die Anomalien am Finanzmarkt eingegangen. Anomalien kennzeichnen Unregelmäßigkeiten, Abweichungen von einer Norm, die in der Wahrnehmung, Verarbeitung von Informationen und in der Entscheidungsfindung auftreten. Im weiteren Verlauf wird auf Erkenntnisse der Hirnforschung, sowie den Einfluss von Stimmungen, Stress, Einstellungen, Erwartungen und Motivation auf das Anlegerverhalten eingegangen.

In Kapitel 4 werden schließlich bedeutende psychologische Effekte im Börsenhandel beschrieben. Effekte, die auf das Entscheidungsverhalten wirken, die Wahrnehmung von Gewinn und Verlust beeinflussen, das Risikoverhalten der Anleger bestimmen, und zu Überreaktionen führen, werden hier näher erläutert.

Das Kapitel soll die Frage beantworten, welche psychologischen Effekte zu irrationalem Anlegerverhalten führen und besonders in den Phasen des Boom und Crash einen starken Einfluss aufweisen.

2 Traditionelle Kapitalmarkttheorie

Nach der klassischen Finanzmarkttheorie geht man von rational denkenden und agierenden Marktteilnehmern aus. Rationalität steht in Zusammenhang mit der Maximierung des erwarteten Nutzens. Das Bild vom Akteur Mensch scheint dem eines Computers vergleichbar.

2.1 Markteffizienzhypothese

Eugene F. Fama, postulierte 1970 erstmals die Hypothese des effizienten Marktes. Auf einem effizienten Kapitalmarkt werden nach Fama sämtliche Informationen in effizienter Weise verarbeitet. Die Preise spiegeln demnach zu jedem Zeitpunkt alle relevanten Informationen wider.[1]

Informationseffizienz ist also Bedingung für die Effizienz am Kapitalmarkt. Handeln Akteure an den Finanzmärkten rational, dann gehen sämtliche relevanten Informationen ohne Zeitverzögerung in die Kurse ein. Dadurch werden systematische Informationsvorsprünge und Überrenditen über jenen des Marktdurchschnitts unmöglich. Prognosen zukünftiger Kurse können aufgrund täglich neu auftretender kursbestimmender Informationen nicht getätigt werden. Fama unterscheidet nach Abhängigkeit der betreffenden Informationsart und deren Eingang in die Preisbildung zwischen schwacher, mittelstarker und starker Informationseffizienz (Kiehling, 2001, S.3).

Kritik an der Markteffizienz Hypothese

Die Rationalität der Marktteilnehmer, die in dieser Hypothese postuliert wird, darf bezweifelt werden. Die Bedingung für rationales Verhalten wäre eine unbeschränkte Verarbeitungskapazität neu eintreffender Informationen. Selbst wenn die Ressourcen dafür gegeben wären, um die Flut an Informationen zu verarbeiten, müssten diese eindeutig hinsichtlich ihrer Einflüsse auf die Finanzmärkte bewertet werden können.[2]

2.2 Das Modell des „Homo Oeconomicus“

Dem Modell nach geht man von einem vollständig rational denkenden und eigennützig handelnden Menschen aus. Zur Rationalität gehört die Maximierung des Erwartungsnutzens. Bei jeder Entscheidung wird jene Alternative gewählt, die den höchsten Vorteil bringt. Die Wahrscheinlichkeit mit der ein Nutzen eintritt, spielt dabei eine große Rolle. Ein allgemein anerkanntes Prinzip der Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeiten bietet die Berechnung des Erwartungswertes. Multipliziert man alle möglichen Konsequenzen einer Alternative mit ihren Eintrittswahrscheinlichkeiten, führt dies zum Erwartungswert einer Alternative. Gewählt wird vom „Homo Oeconomicus“ jene Alternative, die den höchsten Erwartungswert aufweist (Goldberg & Nitzsch, 2004, S. 38-41).

Um die Bedingungen absoluter Rationalität zu erfüllen, zählen neben der Maximierung des Erwartungsnutzens noch drei weitere Bedingungen: Die vollständige Aufnahme und Verarbeitung von Information, das rationale Bewerten und Entscheiden sowie zeitstabile Präferenzen in der Nutzenfunktion (Goldberg & Nitzsch, 2004, S. 43-44).

Kritik am Modell des „Homo Oeconomicus“

Eine vollständige Sammlung sämtlicher relevanter Informationen mit anschließender Informationsverarbeitung würde jeden Menschen überfordern. In der Praxis entstehen im Zuge des Prozesses der Entscheidungsbildung Kosten bei der Verwendung von Zeit und Ressourcen. Infolgedessen ist es in der Regel nicht möglich, alle relevanten Informationen aufzunehmen und für die optimale Entscheidung zu berücksichtigen (Manzeschke, 2010, S.33-34).

„Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben“ (Bauer, 2008, S. 36). Diese Bedürfnisse stehen im Gegensatz zur Egoismus Annahme. Ohne soziale Kontakte zu knüpfen und aufrecht zu erhalten hätte der Mensch im Laufe der Evolution nicht überlebt (Diener & Diener, 2008, S. 50).

3 Behavioral Finance

Der Begriff „Behavioral Finance“ umfasst eine verhaltenswissenschaftlich orientierte Finanzmarkttheorie. Diese Lehre geht von einem beschränkt rationalen Verhalten des Menschen aus. Im Gegensatz zur traditionellen Lehre, die Gewinnmaximierung als einziges Motiv unterstellt, können diesem Ansatz nach Anleger auch andere Beweggründe haben. In einem Auswahlprozess können auch Fehler passieren, Informationen je nach Situation unterschiedlich bewertet werden und zu divergierenden Schlussfolgerungen führen. Die Aufnahme, Auswahl und Verarbeitung von Informationen steht im Zentrum des Interesses der „Behavioral Finance“. Essentiell ist das darauf folgende Entscheidungsverhalten eines Anlegers. Die Theorie beschäftigt sich auch mit den Anomalien menschlichen Verhaltens. Die Erkenntnisse der Theorie sollen zur Optimierung des eigenen Entscheidungsverhalten beitragen und das Verständnis des tatsächlichen Verhaltens von Akteuren im Finanzmarkt schärfen (Goldberg & Nitzsch, 2004, S. 25-28).

3.1 Anomalien menschlichen Verhaltens

Entgegen der Annahme der traditionellen Kapitalmarkttheorie, die Anlegern rationales Verhalten und effiziente Informationswahrnehmung unterstellt, werden gemäß dem verhaltensökonomischen Ansatz Schwächen bei der Wahrnehmung und Bewertung von Informationen unterstellt. Untersuchungen kommen zum Ergebnis, dass die Art der Auswahl, Aufnahme und Verarbeitung von Informationen einen wesentlichen Einfluss auf die Anleger im Zusammenhang mit der Erwartungsbildung und Entscheidungsfindung haben. Diese Prozesse führen zu systematischen Verhaltensmustern, die als Anomalien des menschlichen Verhaltens beschrieben werden können und von den Annahmen der traditionellen Kapitalmarkttheorie erheblich abweichen. Diese Anomalien treten bei der Informationswahrnehmung, bei der Informationsverarbeitung und letztendlich bei der Entscheidungsfindung auf (Götte, 2006, S.59-61).

Abbildung 1: Kategorisierung der Anomalien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bies (2011, S.35)

In Anlehnung an Roßbach (2001), S.13-14 und Heidorn/Siragusano (2004), S. 4-9

3.1.1 Informationswahrnehmungsanomalien

Das menschliche Gehirn verfügt über begrenzte Kapazitäten. Sämtliche Sinneswahrnehmungen treffen im Ultrakurzzeitgedächtnis ein, und werden nach ihrer Relevanz bewertet, bevor diese an das Arbeitsgedächtnis weitergegeben werden. Sich selbst etwas bewusst zu machen ist wesentlich langsamer und verbraucht mehr Energie als unbewusstes Denken, abgesehen von der Tatsache dass nur ein Bruchteil an Informationen, die wir über unsere Sinne wahrnehmen, überhaupt ins Bewusstsein gelangen. Alltägliche Funktionen werden deshalb oft an das Unbewusste delegiert. Eine Folge davon ist, dass oftmals Entscheidungen nach einfachen Regeln erfolgen. Diese sind dann zwar energieeffizient, manchmal aber auch leider falsch (Schwarz, 2010, S. 22-23, S. 61).

Neben der beschränkten Aufnahmefähigkeit neigen Menschen dazu, Informationen zu vernachlässigen wenn diese nicht ihren Erwartungen entsprechen (Goldberg & Nitzsch, 2004, S.59).

Die Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic) , die selektive Wahrnehmung (selective perception) und die Art der Präsentation (framing) sind unter anderem der Informationswahrnehmung zuzuordnen (Bies, 2011, S. 35).

Nach Kahneman & Twersky kennzeichnet die Verfügbarkeitsheuristik den Grad der Leichtigkeit mit der Informationen aus dem Gedächtnis zugänglich werden. Anleger messen dem Eintritt eines Ereignisses eine höhere Wahrscheinlichkeit bei, je mehr Beispiele Ihnen dazu einfallen und je leichter Sie sich an diese erinnern können. Es geht also um die Abrufbarkeit von Informationen, wenn keine objektiven Quellen zur Verfügung stehen oder nicht ausreichend Zeit für deren Verarbeitung gegeben ist (Raab, Unger, Unger, 2010, S.121).

„Wenn man eine Gruppe von Arbeitslosen danach fragt, wie hoch sie die Arbeitslosenquote in ihrem Wohnort einschätzen, so wird man eine erheblich höhere Durchschnittsschätzung erhalten, als wenn man eine Gruppe von Beschäftigten in diesem Ort befragt“ (Raab, Unger, Unger, 2010, S.121). Arbeitslose werden aufgrund ihrer Lage leichter Schicksale in Erinnerung rufen, die ihrem persönlichen gleichen (Raab, Unger, Unger, 2010, S. 121).

Die selektive Wahrnehmung führt dazu, dass Anleger Informationen vernachlässigen, die nicht ihren eigenen Überzeugungen und Erwartungen entsprechen. Neu eintreffenden Informationen wird oftmals zu geringes Gewicht, in anderen Situationen hingegen zu hohe Bedeutung beigemessen. Erwarten Akteure am Finanzmarkt fallende Kurse, dann nehmen sie negative Nachrichten viel stärker auf, als jene Marktteilnehmer, die optimistisch sind und eher positive Nachrichten wahrnehmen, hingegen den negativen Nachrichten geringere Bedeutung beimessen (Eller, Heinrich, Perrot, 2010, S. 177).

3.1.2 Informationsverarbeitungsanomalien

In der Phase der Informationsverarbeitung ist der Anleger gefordert, die richtigen Schlüsse für ein gewinnbringendes Engagement zu ziehen. Für eine effiziente Bewältigung einer Vielzahl eintreffender Informationen wird auf Faustregeln, sogenannte Heuristiken, bewusst oder unbewusst, zurückgegriffen. Heuristiken helfen also, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen. Eine Urteilsfällung erfolgt im Finanzmarktgeschehen oftmals unter hohem Zeitdruck. Ist der Sachverhalt erst einmal auf ein erträgliches Maß reduziert, geht es darum, Regeln anzuwenden, die ein rasches Handeln ermöglichen. Auch hier wird wieder auf Heuristiken zurückgegriffen, die einerseits die weitere Verarbeitung erleichtern, aber auch zu fehlerhaften Schlüssen führen können (Goldberg & Nitzsch, 2004, S. 49-50, S.66).

Individuen tendieren bei der Verarbeitung von Informationen in vielen Fällen dazu, sich an einem Ausgangs- oder Richtwert zu orientieren (Anchoring). Dieser Ankerwert wird dann in Folge unter Beachtung zusätzlicher Informationen in Richtung eines wahren Wertes angepasst (Adjustment). Studienergebnisse belegen, dass der Ankerwert überschätzt wird und die Anpassung durch diesen beeinflusst wird (Nitzsch, 2006, S.22-23).

Das Mentale Kontieren (Mental accounting), der Referenzpunkt Effekt (Reference point effect) und die Verlustaversion (Loss aversion) sind der Informationsverarbeitung zuzuschreiben (Götte, 2006, S. 61).

3.1.3 Entscheidungsanomalien

Entscheidungsanomalien erklären irrationale Verhaltensmuster, die im Zuge der Entscheidungsfindung, nach den Phasen der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen, auftreten (Bies, 2011, S. 37).

Die Repräsentativitätsheuristik (representativeness heuristic), die Selbstüberschätzung (over confidence), Kognitive Dissonanz (cognitive dissonance) und die Regretaversion (regret aversion) können zu den Entscheidungsanomalien gezählt werden. (Götte, 2006, S. 61)

Anleger, die Entscheidungen nach der Repräsentativitätsheuristik treffen, neigen dazu, in ihrem Denken über Personen, Objekte oder Phänomen zu verallgemeinern. Dieser Effekt tritt vor allem bei der Prognose zukünftiger unsicherer Ereignisse ein. Stereotypes Denken, Fehleinschätzung kausaler Zusammenhänge und Überschätzen der Wahrscheinlichkeit repräsentativer Ereignisse sind Phänomene dieser Heuristik (Jordan, 2004, S. 64).

Jungermann, Pfister und Fischer beschrieben Ende der neunziger Jahre folgenden Sachverhalt (1998, S. 166f, zitiert nach Jordan, 2004, S. 65-66) „Beispielsweise schätzen Probanden in einem Experiment die Wahrscheinlichkeit höher ein, dass es sich bei einem Studenten, der einen Anzug und Aktenkoffer trägt, um einen BWL Studenten handelt, als um einen Germanistik-Studenten und vernachlässigen bei ihrer Einschätzung den Anteil der BWL Studenten an der Gesamtzahl der Studenten“

Die einzelnen Anomalien des menschlichen Verhaltens in den drei Phasen sind nicht getrennt voneinander zu betrachten. Vielmehr bedingen oder ergänzen diese einander. Die getroffene Zuordnung kann daher lediglich als Tendenz mit entsprechender Effektstärke aufgefasst werden. Bestimmte Anomalien treten zwar in bestimmten Phasen verstärkt auf, können aber auch Auswirkungen auf vor- oder nachgelagerte Phasen nach sich ziehen (Heun, Roßbach, 2007, S. 152).

3.2 Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Vier Systeme des Gehirns sind für das Verhalten und Entscheiden relevant. Das Belohnungssystem, das emotionale System, das Gedächtnissystem und das Entscheidungssystem sind von Bedeutung in diesem Prozess (Schwarz, 2010, S. 41).

Die neuesten Erkenntnisse aus der Hirnforschung zeigen, dass das Entscheidungsverhalten rund um Finanzanlagen eine sehr emotionale Angelegenheit ist. Das reflexive Gehirn umfasst den emotionalen Teil, in dem Erwartungen verarbeitet werden. Im reflektiven Gehirn, dem analytischen Teil des Gehirns, werden Wahrscheinlichkeiten verarbeitet. Die Vorstellung eines hohen Gewinns wird also emotional ausgelöst und erst später wird das reflektive System ausrechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, diesen zu realisieren. Im Alltag des Anlegers besteht die Herausforderung darin, Vor- und Nachteile beider Systeme abzuwägen und optimal einzusetzen. Finanzanlagen sind von einem Auf und Ab der Gefühle gekennzeichnet. Grundsätzlich streben Anleger nach Gewinnen und können von diesen nicht genug bekommen. Die emotionale Vorstellung hoher Gewinne, verdrängt in der Regel die Fähigkeit des Anlegers nach objektiven Kriterien zu analysieren, wie hoch die Wahrscheinlichkeit des Gewinneintritts tatsächlich ist (Holtfort, 2010, S. 32f, Zweig, 2007, S. 52f)

Erwartete Verluste werden als potenzielle Gefahr eingestuft. Die Amygdala als Teil des reflexiven Gehirns erzeugt intensive Emotionen wie Furcht und Wut. Die Aufmerksamkeit wird auf alles gerichtet was neu, ungewohnt oder bedrohend ist. Der tatsächliche oder der drohende Verlust von Geld löst die gleiche Angstreaktion aus, wie sie zum Beispiel beim Anblick einer Schlange blitzartig eintritt. Angst und Panik sind Effekte die zu einer unreflektierten Überreaktion des Anlegers führen (Zweig, 2007, S.177).

Psychologische Effekte, die zu Überreaktionen im Verhalten von Finanzmarktteilnehmern führen, werden im Verlauf der Arbeit noch beschrieben.

[...]


[1] Stifterverband. Magazin Stiftungen (04/2005). Der Kurs irrt nie. Online:http://stiftung.stifterverband.info/t012/pdf/deutsche_bank_prize_wuw_4_2005.pdf [Abruf am14.10.2011]

[2] Dr. Thomas Ankenbrand (2000).Blick in die Kristallkugel. Online: http://www.privatebankingmagazine.ch/de/artikelanzeige/artikelanzeige.asp?pkBerichtNr=25030 [Abruf am 14.10.2011]

Details

Seiten
48
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656982784
ISBN (Buch)
9783656982791
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201366
Institution / Hochschule
Ferdinand Porsche FernFH
Note
1,0
Schlagworte
Behavioral Finance Finanzmarkt Börse Anleger Anlegerverhalten psychologische Effekte Anomalien Boom Crash Gewinn Verlust

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Behavioral Finance – Der Einfluss psychologischer Effekte auf das Anlegerverhalten