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Über die Bedeutung von Alkohol im Münsteraner Studentenleben

Empirische Untersuchung studentischer Trinkgewohnheiten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die verschiedenen Facetten des Alkoholkonsums in unserer Gesellschaft
Jugendlicher Alkoholkonsum
Feierlicher Alkoholgenuss
Routiniertes Feiern
Das Feierabendbier
Sportliches Trinken

3. Die historische Bedeutung von Bier
Deutsches Reinheitsgebot
Unterschiedliche Trinkgewohnheiten in Bürgertum und Proletariat
Die Alkoholfrage

4. Die Bedeutung von Alkohol im Studentenleben
Orientierungswoche

5. Stand der Forschung
Konflikt zwischen Studium und Alkohol11

6. Methoden

7. Ergebnisse
7.1 Auswertung der Fragebögen
Studiengang-spezifische Trinkgewohnheiten
Das Image muss gepflegt werden: Das Stereotyp des viel trinkenden Studenten
Vom Alkohol beflügelte Kontakte
Die Freiheit nach dem Verlassen des Elternhauses
Gute Vereinbarkeit von Studium und Alkoholkonsum
Konflikt
7.2 Fallbeispiel aus einem Online-Forum: „Ich habe mir immer gewünscht zu studieren und jetzt hat der verdammte Alkohol alles zerstört..“
7.3 Interview mit einem ehemaligen alkoholabhängigen Studenten18
Der Eintritt ins Münsteraner Studentenleben
„Es sind intelligente Leute gewesen – man hat dann ja nicht den Eindruck, dass man irgendetwas Verkehrtes tut“
Trinken in der Anonymität der Großstadt
Die fatalen Auswirkungen auf das Studium
Der Ausweg aus der Alkoholsucht

8. Fazit

9. Quellen

Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Bedeutung, die dem Bier und anderen alkoholischen Getränken in unserer Gesellschaft zukommt. Insbesondere wird hier die These überprüft, dass Alkohol eine herausragend wichtige Rolle im Münsteraner Studentenleben spielt.

Zunächst wird Bier den Lebensmitteln, die eine berauschende Wirkung haben oder dem Genuss dienen, zugeordnet. Des weiteren wird die Rolle des Biers in Deutschland und ferner in der gesamten westlichen Kultur betrachtet. Speziell wird hierbei auf den Alkoholkonsum Jugendlicher eingegangen. Auch wird Alkohol als Kennzeichen von Feierlichkeiten und Freizeit behandelt. Schließlich wird eine konzise Darstellung der Geschichte des Biers gegeben.

Auf die Bedeutung, die alkoholischen Getränken im Studentenleben zukommt, geht der empirische Teil dieser Arbeit ein. Hierfür wurden Münsteraner Studenten dazu befragt, welche Bedeutung Alkohol ihrer Meinung nach für das Studentenleben hat.

Des weiteren wurde gefragt, inwiefern sich das Studium mit Alkoholkonsum vereinbaren lässt und wo die Studenten die Grenzen dieser Vereinbarkeit sehen.

Die Grenze der Vereinbarkeit von Studium und Alkohol wird exemplarisch an einem Eintrag aus einem Online-Forum sowie in einem Interview mit einem ehemaligen Studenten verdeutlicht, dessen Studium durch seinen übermäßigen Alkoholkonsum gefährdet wurde.

Die verwendeten Methoden werden in einem den Ergebnissen vorangestellten Methodenteil erläutert.

Abschließend wird ein zusammenfassender Überblick über die Ergebnisse dieser Arbeit gegeben und herausgearbeitet, inwiefern die These, Alkohol spiele eine zentrale Rolle im Studentenleben, zutrifft.

Eine Erläuterung der technischen und mikrobiellen Feinheiten des Brauprozesses würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Auch erhebt die Arbeit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit hinsichtlich der verschiedenen Bedeutungen, die Alkohol im Leben von Studenten in Deutschland oder gar weltweit haben kann.

Wenn in dieser Arbeit im generischen Maskulinum von „Studenten“ oder Kommilitonen“ die Rede ist, sind weibliche Studentinnen und Kommilitoninnen in gleichem Maße gemeint. Sämtliche Rechtschreib- und Grammatikfehler in Zitaten wurden unverändert aus dem Original übernommen.

Im Anhang finden sich die beiden Stiche „Beer Street“ und „Gin Lane“ des britischen Künstlers William Hogarth, die beantworteten Fragebögen, sowie eine Audio-CD mit der Aufzeichnung des Interviews.

Im Aufbau orientiert sich die vorliegende Arbeit lose an der empirischen Arbeit „Schatten über Galtür“ des Ethnologen Prof. Dr. Bernd Rieken (Rieken 2010).

2. Die verschiedenen Facetten des Alkoholkonsums in unserer Gesellschaft

Bier ist in unserem Kulturkreis ein alltägliches Genussmittel. Genussmittel sind den Brüdern Grimm zufolge „Lebensmittel, deren Verzehr dem Genuss dient“ (Grimm , Sp. 3524), während Hengartner und Merki zu Bedenken geben, dass die Definition eines Lebensmittels als Genussmittel immer der „subjektiven Bewertung“ unterliegt und vom „soziokulturellen Kontext“ abhängt (Hengartner & Merki 1999, S. 11).

Insbesondere in Deutschland ist es für viele Menschen selbstverständlich, Bier zu trinken. Nicht mit Sicherheit lässt sich sagen, ob die Tatsache, dass Deutschland der weltweit größte Bierproduzent ist, Ursache oder Folge dieses Phänomens ist. In der Außenwahrnehmung sind deutsche Ernährungsgewohnheiten jedenfalls eng mit Bier assoziiert, wie der Kommentar „Some acted as if Brussels were demanding that Germany outlaw beer and bratwurst“, der New York Times zur Debatte zur Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen suggeriert (http://www.nytimes.com/2007/03/16/world/europe/16iht-journal.4929661.html).

Jugendlicher Alkoholkonsum

Wegen des geringen Alkoholgehalts von 4,5 % bis 6 % ist es für viele Jugendliche das erste alkoholische Getränk, mit dem sie in Kontakt kommen. Anders als höherprozentige branntweinhaltige Getränke und Zigaretten, dürfen Bier, Wein und Sekt laut Jugendschutzgesetz schon an Jugendliche im Alter von 16 Jahre verkauft werden. Somit ist Bier eines der am einfachsten erhältlichen Genussmittel. Während unserer Sozialisation werden wir auf Feierlichkeiten in der Familie oder auf Parties mit Altersgenossen an einen gewissen Alkoholkonsum gewöhnt. Gerade männliche Jugendliche, für die der Alkoholkonsum etwas Neues und Aufregendes darstellt, brüsten sich oft mit der Menge an konsumiertem Alkohol und erlernen den gemäßigten Alkoholkonsum erst nach unschönen Erfahrungen mit Alkohol. Um Jugendliche vor derartigen Alkoholeskapaden zu bewahren, wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Kampagnen wie die „Kenn-dein-Limit“- und die „Bist du stärker als Alkohol“-Aufklärungskampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geführt. Laut einer aktuellen Studie der BZgA mit 5001 Teilnehmern konsumierten 42,0% der befragten 12- bis 17-Jährigen in den letzten 30 Tagen vor der Erhebung Alkohol. Regelmäßiger Alkoholkonsum – also mindestens einmal pro Woche - wurde bei 14,2 % der Jugendlichen festgestellt (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2012).

Feierlicher Alkoholgenuss

Doch nicht nur in unserer Jugend spielt Alkohol eine wichtige Rolle. Zu festlichen Anlässen wie dem Anfang und Ende eines Lebensabschnitts prosten wir uns in aller Regel mit Alkohol zu. Geburtstage, Konfirmationen, das Erlangen des Abiturs, Hochzeiten, Hochschulabschluss und Promotion seien hier nur beispielhaft erwähnt. Je nach Region und Milieu gibt es im Jahr unzählige Anlässe, die mit Alkohol begossen werden. In vielen Ländern ist es Brauch, das neue Jahr mit Sekt zu begrüßen und viele Münsteraner trinken traditionell einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt.

Routiniertes Feiern

Für viele Jugendliche und junge Erwachsene gehört das sogenannte „Feiern gehen“ ganz selbstverständlich zum Wochenende oder auch zu einem bestimmten Tag unter der Woche dazu. Welcher Wochentag das ist, kann von Stadt zu Stadt verschieden sein; kann sich mit dem Angebot in aktuell angesagten Diskotheken aber auch verändern. In Münster ist der Mittwoch der übliche „Feiertag“, an dem Studenten unter der Woche ausgehen. Üblicherweise wird vor dem Diskobesuch schon zu Hause mit Freunden oder Mitbewohnern der Alkoholkonsum in Form des „Vortrinkens“ zelebriert. Die Gründe für dieses Ritual sind vielschichtig. Zum einen bietet die private Wohnung die Möglichkeit, sich in Ruhe zu unterhalten. Bestehender Gesprächsbedarf kann aufgeholt werden, bevor der Lärmpegel in der Disko oder Kneipe das verhindert. Zum anderen dient das Vortrinken zum Bilden einer festen Gruppe, die in der Disko Anschluss bietet, Zusammenhalt demonstriert und im Notfall auf ein Gruppenmitglied achtet. Außerdem stellt der Alkoholkonsum im Privaten die kostengünstige Alternative zur Disko oder Kneipe dar, sich einen gewissen Alkoholpegel anzutrinken. Bereits angeheitert auszugehen, empfinden viele Studenten als angenehmer, als nüchtern in eine Umgebung mit Betrunkenen zu kommen, deren kognitive und motorische Fähigkeiten schon vom Alkohol beeinträchtigt sind. Der Alkoholpegel gehört für viele Menschen zum Feiern dazu, weil Alkohol zur Geselligkeit beiträgt und viele Hemmschwellen senkt. Angetrunkene Menschen sind demnach kontaktfreudiger und kommunikativer (Klein 2010) . Wenn man bedenkt, dass die Hauptmotivation für viele Diskogänger das Treffen von Freunden, Kennenlernen neuer Menschen und das Tanzen ist, scheint die enge Verknüpfung von Disko und Alkohol nur logisch.

Das Feierabendbier

Bier ist für viele Menschen so eng mit Freizeit verbunden, dass wir auch in unseren Alltag einen Hauch von Freizeit einfließen lassen können, indem wir uns ein Bier gönnen. Das Feierabendbier ist zu einer festen von Film und Fernsehen propagierten Institution geworden (So etwa in der WDR-Komiksendung „Dittsche – Das wirklich wahre Leben“, in der Franz Jarnach den Bier trinkenden Malocher spielt, der sein Feierabendbier in der „Eppendorfer Grillstation“ einnimmt). Das klassische Feierabendbier kann sowohl die gesellige Unterhaltung mit Kollegen begleiten, als auch einen entspannten Fernsehabend im Privaten untermalen.

Sportliches Trinken

Eine zentrale Rolle spielt Bier im Sport. Nicht nur im Profisport hat Alkohol in Form von Bier trinkenden Fußballfans und Bierwerbung[1] seinen festen Platz. Auch im Breitensport konsumieren viele Mannschaften im Anschluss ans Training und insbesondere nach Spielen Bier. So führen zum Beispiel in der „Wilden Liga Bielefeld“, einer Hobby-Fußball-Liga aus Bielefeld, derzeit (27.3.2012) drei Mannschaften die Tabelle an, deren Namen mehr oder weniger unmissverständlich suggerieren, dass die Amateurspieler den Erfolg auf ihren intensiven Alkoholkonsum zurückführen: „Lok Glücksbier“, „Partisan Ekstase“ und „VFL Vollstuaz' 08“

(http://www.nw-news.de/sport/wilde_liga/tabellen/tabelle_um_die_wurst/).

3. Die historische Bedeutung von Bier

Neben Brot diente Bier schon den alten Ägyptern als Grundnahrungsmittel. Das damalige „Bier“ war allerdings dickflüssiger als unser heutiges Bier. Wegen der unhygienischen Zustände im Mittelalter herrschte ein Mangel an sauberem Trinkwasser. Da viele Krankheitserreger durch das Erhitzen während des Brauprozesses abgetötet wurden, galt Bier als keimfreiere Alternative zum Wasser. Zudem diente es den Mönchen in mittelalterlichen Klöstern frei nach dem Motto „Flüssiges bricht Fasten nicht“ als nahrhafte Mahlzeit zur Fastenzeit. Eine der prominentesten Verfechterinnen von Bier als Medizin war die Nonne und Mystikerin Hildegard von Bingen, die in ihrem Buch „Causae et curae“ (Bingen 1992, S. 113) die heilende Wirkung des Biers beschreibt. Die medizinische Wirksamkeit wurde in unserem Jahrtausend von amerikanischen und Heidelberger Forschern bestätigt, die im Bier einen krebshemmenden Stoff fanden. (Bartsch et al 2002/2003, S. 44).

Zu Hildegard von Bingens Zeiten war das Bier allerdings nicht immer gesundheitsfördernd. Zur schädlichen Wirkung von Alkohol kam oft die Wirkung von dubiosen Zusatzstoffen hinzu, die Geschmack und Haltbarkeit verbessern sollten oder den Alkoholgehalt steigern sollten (Speckle 2001, S. 179).

Deutsches Reinheitsgebot

Um eine hohe Qualität des Biers sicherzustellen, wurde 1516 das Deutsche Reinheitsgebot eingeführt, demzufolge Bier nur aus Gerste, Hopfen und Wasser bestehen darf. Da die Menschen im Mittelalter noch keine Kenntnisse von der existenziellen Bedeutung der Hefebakterien für den Gärprozess hatten, wurde ihr Vorhandensein im Bier erst im Nachhinein explizit gestattet. Bis heute darf nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier nur Gerste, Hopfen, Wasser und Hefe enthalten.

Unterschiedliche Trinkgewohnheiten in Bürgertum und Proletariat

Wenn man nach Peter Berger zur Zeit der Industriellen Revolution von einer Industriellen Klassengesellschaft spricht, so lässt sich sagen, dass die Wahl der konsumierten Genussmittel ein Ausdruck der Klassenzugehörigkeit war (Berger 2005, S. 69).

Nach Bourdieu'scher Lesart fungierten Genussmittel während der industriellen Revolution als Mittel zur sozialen Distinktion. Frei nach Pierre Bourdieu lässt sich im Bürgertum ein „Luxusgeschmack“ verorten, der kostspieligen exklusiven Genussmittel den Vorzug gab. Gleichzeitig bestimmte der im Proletariat vorherrschende „Notwendigkeitsgeschmack“ die Praktik günstigere Alkoholika zu konsumieren (Bourdieu 1979, S. 285).

So wurde der Bierkonsum im Bürgertum domestiziert, das heißt, Bier wurde nur noch in Maßen getrunken[2] . Zudem war der öffentliche Bierkonsum ein Kennzeichen für Mittellosigkeit, weshalb die Bourgeoisie es bevorzugte, im heimischen Salon, im Club oder beim Stammtisch Bier zu trinken. Generell war Bier aber kein favorisiertes Getränk des Bürgertums. Vielmehr präferierten die wohlhabenden Industriellen und Intellektuellen Tee, Schokolade und insbesondere Kaffee, der Rationalität, Nüchternheit und Individualismus stimulieren sollte.

[...]


[1] Weitere im Seminar „Coffee to go“ (Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie, WS 2011/2012, Prof. Dr. Uwe Meiners) ermittelte Assoziationen, die die Bier-Werbung im deutschsprachigen Raum hervorrufen will, sind Naturbelassenheit, Männlichkeit, Geselligkeit, Abenteuer, Regionalität und physische Attraktivität.

[2] Im Telefonischen Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts hingegen gaben deutlich mehr Menschen aus der Unterschicht an, gar keinen Alkohol zu trinken (18,3 % in der Unterschicht gegenüber 6,9 % in der Oberschicht), während signifikant mehr zur Oberschicht gehörende Personen angaben, mäßig bis sehr viel Alkohol zu trinken (39,1 % in der Oberschicht gegenüber 31,7 % in der Unterschicht) (Ellert et al 2006, S. 12)

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656273868
ISBN (Buch)
9783656274735
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201327
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Seminar für Volkskunde/ Europäische Ethnologie
Note
Schlagworte
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