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Alexander der Große und die antike Überlieferung seiner Person

Examensarbeit 2002 58 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die bedeutendsten Autoren der Primärtradition
2.1. Kallisthenes von Olynth
2.2. Anaximenes von Lampsakos
2.3. Onesikritos von Astypalaia
2.4. Chares von Mytilene
2.5. Nearchos von Kreta
2.6. Ephippos von Olynth
2.7. Kleitarchos von Alexandreia
2.8. Ptolemaios Lagu
2.9. Aristobulos von Kassandreia

3. Die philosophischen Schulen unter besonderer Berücksichtigung der Peripatetiker

4. Die Zeugnisse einiger Rhetoriker

5. Die bekanntesten sekundären, erhaltenen Alexanderhistoriker

6. Der Alexanderroman

7. Schlussbetrachtung

Quellen– und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Examensarbeit analysiert die Verortung von einer legendären Figur

der Weltgeschichte innerhalb der geistigen und kulturellen Landschaft der Antike,

von Alexander dem Großen. Dem berühmten König gelang das Unmögliche, das

Unfassbare in mehrfacher Hinsicht: Er konsolidierte kurzerhand die bis dahin noch

nicht gänzlich ausgeprägte makedonische Vorherrschaft im griechischen Raum und

im dazugehörigen bedeutendsten Pakt der dort ansässigen Staaten, dem `Korinthi-

schen Bund´[1] und überwand zugleich die Spannungen zwischen den hellenischen

Volksteilen zugunsten der nun gestärkten pannationalen Union.[2] Ferner verwandelte

er das Reich der Argeaden als Träger der nunmehr gefestigten, blühenden südosteu-

ropäischen Allianz in einer unglaublichen Geschwindigkeit von zwölf Jahren blitz-

artig in die dominierende Hegemonialmacht der Oikumene[3] und überdies war er im

Begriff, eine neue verheißungsvolle Weltordnung zu etablieren, deren Endziel es

war sämtliche Völker innerhalb seines gigantischen Reiches in einer kulturellen

Einheit aufgehen zu lassen[4], im Ganzen genommen eine bis heute bemerkenswerte

Leistung. Insofern drängt sich eine Bestandsaufnahme der Resonanz und der Reak-

tionen, die demjenigen, der dieses alles vollbracht hatte, bis zu einem geraumen

Zeitabschnitt nach seinem Tode von der Gesellschaft entgegengebracht wurde so-

wie eine Beschäftigung mit dem, was den Menschen ausmachte, mit dem Wesen

desjenigen, der der irdischen Zivilisation ein neues Gesicht gegeben hatte, mit dem

Spiegelbild Alexander des Großen in der Antike, gerade zu auf. Vor diesem Hinter-

grund sollen vorwiegend die wichtigsten Zeugnisse, die zwischen den Anfängen des

Hellenismus, also noch zu den Lebzeiten oder bald nach dem Tode des Königs etwa

im vierten Jahrhundert v. Chr. und dem Untergang des Römischen Imperiums un-

gefähr im fünften Jahrhundert n. Chr. ein höheres Maß an Popularität während des

Stadiums ihrer Abfassung erlangt hatten, untersucht werden. Dagegen sollen solche

Überlieferungsgegenstände, welche innerhalb der dazugehörenden Epoche wenig

Beachtung fanden entsprechend knapp abgehandelt werden.

Aus diesem Kontext ergibt sich die zentrale Fragestellung dieser Arbeit: Welche

Spiegelung erfuhr Alexander der Große in der gesellschaftlich beachteteren antiken

Überlieferung?

Im Zuge der Auswertung einiger unentbehrlicher Quellen, insbesondere der zeitge-

nössichen Primärquellen und eines weiteren wertvollen Zeugnisses, des `legenden-

haften´ Alexanderromans, ergaben sich erwähnenswerte Probleme aufgrund der un-

zureichenden Quellenlage. Da diese Aufzeichnungen weitgehend verloren sind,

können sie nur anhand der späteren, erhaltenen Darstellungen, die aus den ver-

schwundenen Werken entlehnen, rekonstruiert werden.

Im Rahmen des Studiums der Alexanderquellen richtet sich der Blick zunächst auf

die literarischen, zeitgenössischen Zeugnisse. Hier sollen die Träger der Primärtra-

dition und ihre Werke in Augenschein genommen werden. Dabei soll jeder Autor

gesondert auf die entworfene Projektion Alexanders inquiriert werden. In diesem

Zusammenhang sollen die Verfasser vorab jeweils kurz vorgestellt und hinsichtlich

ihrer literarischen Schaffenszeit datiert werden. Daneben sollen die Hintergründe,

die die einzelnen Gelehrten in Anbetracht ihrer schriftlichen Auseinandersetzung

mit Alexander vorfanden wie die Beziehung zum König, die etwaige Teilnahme

am Alexanderzug oder andere aufschlussreiche Gegebenheiten, aufgedeckt werden,

da diese Gesichtspunkte für eine Einordnung der Autoren und ihrer Ausführungen

von Nutzen sind. Anschließend werden weitere Kriterien zur Einschätzung der

schreibenden Zeitgenossen Alexanders und ihrer Kundtuungen wie die stilistischen

Gepflogenheiten und die erkennbaren Konturen ihrer Zuverlässigkeit erhellt, um

dann die in den Sekundärquellen angeführten Aussagen über den König, den ent-

scheidenden Faktor für die Rekonstruierung des Alexanderbildes, zu fokussieren. In

den nächsten Abschnitten der Arbeit folgt eine grobe Skizzierung der Porträtie-

rungen Alexanders aus der Feder einiger Rhetoriker und bestimmter Philosophen

insbesondere jener, die der peripatetischen Schule angehörten, einer von Aristoteles

begründeten interdisziplinären Forschungsgemeinschaft[5], wobei auch hier gegeben-

enfalls die Entstehungsbedingungen der ebenfalls großteils verlorenen Schriften er-

örtert werden, falls dadurch Kenntnisse zur Standortbestimmung der behandelten

Überlieferungsgegenstände gewonnen werden. Daraufhin werden die maßgeblichen

Befunde über Alexander, die den wichtigsten, späteren, sekundären, erhaltenen

historiographischen Zeugnissen entnommen werden können, knapp umrissen ohne

dabei tiefer in diese Reflexion einzutauchen. Fortan soll die antike Fassung des so-

genannten Alexanderromans, das heißt des verlorenen in mehreren Rezensionen

verbreiteten und in 35 Sprachen übersetzten Werkes mit dem ursprünglichen Titel

`Leben und Taten des Makedonen Alexander´[6], das eine Fülle legendärer Stoffe

bündelt, die zum Teil als „Sagen vom Welteroberer und seinen gewaltigen Taten“[7]

sichtbar werden, in ihren Tendenzen erschlossen werden. Diesbezüglich soll den

Spuren der frühen griechischen Version nachgegangen werden, soweit dies möglich

ist, um dann die Schilderungen über Alexander herauszufiltern und im Kern darzu-

legen. Die Quintessenz der zentralen Ergebnisse dieser Betrachtung der Resonanz

Alexanders des Großen in der Antike fließen in die Schlussbetrachtung dieser Ar-

beit ein.

2. Die bedeutendsten Autoren der Primärtradition

Wenngleich in den Fragmenten der griechischen Historiker 30 Autoren aufgelistet

werden, die über Alexander schrieben[8], so bieten nur neun davon genügend inhalt-

liche Verknüpfungen mit Alexander, die versprechen, detaillierte Einsichten über

den König in Erfahrung zu bringen.[9] Diese neun Verfasser werden im folgenden in-

tensiv durchleuchtet.

2.1. Kallisthenes von Olynth

Kallisthenes stammt aus Olynth und wurde 370 v. Chr. geboren.[10] Er wuchs bei sei-

nem Großonkel, dem Philosophen Aristoteles auf[11] und wurde von diesem erzogen

und ausgebildet.[12] Neben kleineren Schriften verfasste er in Makedonien die `Helle-

niká´, eine `Griechische Geschichte´ in zehn Bänden, die den Zeitraum zwischen 387/386 und 356 v. Chr. behandelte und die ihm einen guten Ruf als Historiker ein- brachte und eine Monographie über den dritten Heiligen Krieg.[13] In diesen Werken kam seine politische Überzeugung deutlich zum Vorschein: der antipersisch ge- sinnte Verfasser befürwortete offenbar bereits früh, noch vor Alexanders Zeit, eine panhellenische von Makedonien getragene Konzeption Griechenlands, denn die bei-

den Veröffentlichungen verfolgten offensichtlich den Zweck, „der griechischen

Welt verständlich [zu] machen, dass der einzige Weg aus den innergriechischen

Wirren und Spannungen heraus in der nationalen Einigung unter Philipps Führung

bestand.“[14] Nachdem Kallisthenes Aristoteles 343/342 v. Chr. an den makedo-

nischen Königshof gefolgt war, wurde er von Alexander zur offiziellen Geschichts-

schreibung beauftragt, nahm daraufhin als `Hofhistoriker´ am Asienzug teil[15] und

verfasste eine Alexandergeschichte mit dem Titel `Alexāndru prāxeis´, was soviel

heißt wie `Die Taten Alexanders´. Die entsprechenden Inhalte stellte er während des

Feldzuges kontinuierlich in etwa ein- bis zweijährigen Abständen nach den Ereig-

nissen fertig, die dann in einzelnen Teilen aus Asien in die Heimat geschickt und

dort veröffentlicht wurden.[16] Zudem war er Privatsekretär Alexanders.[17] Die ge-

nannte Alexandergeschichte reichte vom Übergang Alexanders nach Asien[18] bis

zur Schlacht von Arbella im Jahre 331 v. Chr.[19] Die Ernennung von Kallisthenes

zum `Hofhistoriker´ und die Einrichtung der offiziellen `Hofhistoriographie´ war

scheinbar von Anfang an ein kalkulierter, mit handfesten Intentionen verknüpfter

Schritt seines Königs mit der dahinter stehenden Absicht, die Beeinflussung der öf-

fentlichen Meinung zu organisieren, wobei diesbezüglich wohl von vornherein im

Vordergrund stand: die Informationen über den Asienzug „umzugestalten, um den

Taten Alexanders eine übermenschliche Dimension zu verleihen“[20], den Alexander-

zug als solches in ein positives Licht zu rücken, Alexander als den rechtmäßigen

und als einen guten, gerechten König aller Hellenen vorzustellen und ihn insbeson-

dere bei den Griechen beliebt zu machen, um politischen Turbulenzen aus dem ei-

nen oder dem anderen Lager entgegenzuwirken, Alexander eine charismatische

Weihe zu verleihen und um die öffentliche Unterstützung für die militärischen Ope-

rationen im fernen Asien anzukurbeln.[21] Kallisthenes war nun offenbar prädestiniert

die königlichen Erwartungen auszufüllen: „through his relationship to Aristotle he

had lived in Aterneus under Hermias and in Macedon under Philip and then Alexan-

der, therefore he was conditioned to accept monarchy not only as a modus vivendi

but also as a means towards the attainment of an ideal state based upon the rule of

philosophically conditioned rulers, and then he would command support in Athens

because of his Olynthian origin and again through Aristotle. Furthermore he had

already gained a reputation as an historian and ideologically he was probably pan-Hellenist.”[22] Kallisthenes wurde seiner Rolle durchaus gerecht und berichtete über

die Märsche und Siege Alexanders zum Wohlgefallen des Königs. Doch nachdem

Alexander eine Politik der Verschmelzung ins Auge gefasst hatte, die vorsah, die

unterschiedlichen Kulturen des gewachsenen Imperiums zu assimilieren, distan-

zierte sich Kallisthenes innerlich zunehmend von seinem König, denn die Orientali-

sierung Alexanders missfiel dem antipersisch geprägtem Verfechter panhellenischer

Werte und Feind der asiatischen Zivilisation und „[a]ls Alexander sich mehr und

mehr zum Nachfolger des Großkönigs aufspielte, galt es eher, seinen [des

Kallisthenes´] unüberlegten Eigensinn deutlich zu machen, als ihn immer noch als

Hegemon der Griechen darzustellen.“[23] Teilweise wird in der Forschung gar geäu-

ßert, dass Kallisthenes die veränderte Haltung gegenüber dem sich als Weltherr-

scher fühlendem und dem sich als Vater der so ungeliebten fremdländischen Kul-

turen verstehenden Alexander auch literarisch markierte, indem er die Öffentlich-

keit, etwa im Jahre 329 v. Chr., auf die tyrannische Seite des Königs aufmerksam

machte: als mutmaßlicher Verfasser eines bisher keinem verlorenem Autor zuge-

ordnetem Zeitzeugnisses, dem „Bericht vom Massaker an den Branchiden, den Er-

ben eines weit zurückliegenden Frevels“, bei dem Alexander unzählige Wehrlose

und Unschuldige hinrichten ließ.[24] Zum endgültigen Bruch mit Alexander kam es

als letzterer im Rahmen der Verschmelzungspolitik versuchte, die persische Sitte

des Fußfalls, der Proskynese, einzuführen: Kallisthenes verweigerte dem König die-

se rituelle Begrüßungsformel.[25] Alexander missbilligte das Verhalten des Histo-

rikers und verfolgte diesen von nun an mit seinem Zorn. Kurze Zeit später, nach ei-

ner geplatzten Verschwörung der Pagen gegen den König, wurde Kallisthenes von

Alexander beschuldigt, die jungen Attentäter aufgehetzt zu haben. Anschließend

wurde der Historiker entweder auf Anweisung des Königs selbst erhängt oder ins

Gefängnis geworfen, wo er kläglich zu Grunde ging.[26] Infolge des Todes von Kalli-

sthenes blieb seine Alexandergeschichte, die `Alexāndru prāxeis´, unvollendet und

auch die offizielle `Hofhistoriographie´ wurde fortan bis auf weiteres ausgesetzt.[27]

Erhaltene Fragmente von Kallisthenes zeigen, „daß die historische Darstellung

durch viele Exkurse und allgemeine Erwägungen aufgelockert war.“[28] So behan-

delte Kallisthenes auch physikalische[29], ethnographische, geographische, botanische und zoologische Inhalte.[30] Zudem versah er die Darstellung aktueller Ereignisse ge-

legentlich mit einem historischem Hintergrund.[31] Die zahlreichen thematischen Ab-

schweifungen dienten wohl in erster Linie „der Auflockerung und dem Schmuck

des Werkes“[32]. Überhaupt schien eine publikumswirksame, dramatisch-anschau-

liche und rhetorisch überhöhte Erzählform zum Handwerkszeug von Kallisthenes

zu gehören, denn der Schriftsteller setzte „einen wesentlichen Teil seiner Darstel-

lungskunst für die Erzeugung von Affekten und Emotionen ein, wie sie in der Tat

sonst durch die Aufführung von Tragödien dem Publikum vermittelt werden.“[33]

Kallisthenes selbst bekannte sich dazu, ästhetische Momente in Geschichtswerke

einzuflechten: „Der Geschichtsschreiber Kallisthenes sagt: `Wer etwas zu schreiben

versucht, darf die Person nicht verfehlen, sondern muß die Reden sowohl an die

Person als auch an die Gegenstände angeglichen gestalten.´“[34] Ein weiteres sti-

listisches Merkmal der Aufzeichnungen von Kallisthenes waren Verschiebungen

der Realität. Derartige inhaltliche Verzerrungen nahm der Historiker vorwiegend

vor, wenn es darum ging, Alexander vorteilhaft auszumalen, denn in mancher Hin-

sicht ordnete er „die Darstellung der Ereignisse […] propagandistischen Zielset-

tzung[en] unter“[35], um das Königshaus in ein besseres Licht zu stellen, aber dazu

später.

Was die Darstellung Alexanders angeht, so trat Kallisthenes mit Nachdruck für die

Apotheosierung des Königs ein, wie ein Referat von Strabon, das die Schilderung

von Kallisthenes über den Zug Alexanders zum Ammon-Orakel als Grundlage der

Erzählung heranzieht, belegt. So berichtete Strabon: Alexander führte diesen

schwierigen Zug durch die libysche Wüste bis zur Oase Siwah trotz der heißen Süd-

winde vor allem deshalb durch, weil er gehört hatte, dass Perseus und Herakles,

Söhne des Zeus in deren Geschlecht er selbst hineingehöre, dort gewesen seien. Als

man durch Sandstürme vom Weg abkam und zu verdursten drohte, brachten

plötzlich Regenfälle die Rettung, zugleich erschienen wunderbarerweise zwei Ra-

ben und übernahmen die Führung. Als der Tempel schließlich erreicht war, durfte

nur Alexander eintreten,

[d]denn dem Könige alleine habe der Priester erlaubt, in den Tempel einzutreten in gewöhnlicher

Bekleidung, den Uebrigen aber befohlen, den Aufzug zu wechseln, und die Orakelsprüche draussen

anzuhören, Alle ausser Alexandros; Dieser aber sollte im Tempel sein. [Auch geschahen] die Aus-

sprüche nicht, wie zu Delphoi und bei den Branchiden, durch Worte, sondern grösstentheils durch

Winke und Zeichen, bei Homeros: So spricht, ihr zuwinkend mit schwärzlichen Braunen, Kronion,

indem der Weissager Zeus nachahme. Nur Dieses habe der Mann dem Könige ausdrücklich gesagt, dass er Zeus Sohn sei. Dieser Erzählung fügt Kallisthenes gleichsam als Dichter noch hinzu, dass,

als Appollon das Orakel bei den Branchiden verlassen hatte, seitdem von den unter Xerxes Persisch gesinnten Branchiden der Tempel ausgeraubt und auch die Quelle versiegt war, damals nicht nur die-

se Quelle wieder sprudelte, sondern auch Gesandte der Milesier viele Orakelsprüche nach Memphis

brachten über Alexanders Erzeugung durch Zeus, über den künftigen Sieg bei Arbela, über Dareios

Tod und die Empörungen in Lakedaimon. Seine [Alexanders] hohe Abkunft habe auch die Erythrai-

ische Athenaiis ausgesprochen; denn auch Diese sei der alten Erythraiischen Sibylla gleich

gewesen.[36]

Es liegt auf der Hand, dass Kallisthenes durch die profunde Ausgestaltung dieses

Berichts mit wunderbaren Geschehnissen, der entscheidenden Aussage den rich-

tigen Anstrich geben wollte – der Aussage, dass Alexander Sohn des Zeus sei, denn

die beiden sakralen Nebenereignisse, die Rückkehr Appollons in das Branchiden-Orakel und die Reinkarnation der erythräischen Sibylle, trugen unmittelbar zur dra-

matischen Unterstützung des Hauptereignisses, der Begrüßung Alexanders als Sohn

des Zeus, bei. Doch außerdem wurde Alexander, der neue Herrscher von Ägypten, durch die Verlautbarungen des Historikers als Sohn des Ammons ausgewiesen, da die Götter Ammon und Zeus sowohl in der griechischen als auch in der ägyptischen Mythologie identisch waren.[37] Damit legitimierte Kallisthenes Alexander als Sohn des mit dem Allvater Zeus identischen Gottes Ammon auch zum rechtmäßigen Pha-

rao von Ägypten und stellte eine weitere Möglichkeit zur Vergöttlichung Alexan-

ders her. Die Apotheosierung Alexanders wurde ganz allgemein durch eine enko-

miastische Tendenz ergänzt. So berichtete Kallisthenes, dass „das Meer sich von unten erhoben, als ob es einen Marsch wahrnehme und auch selbst seinen Herrn

nicht verkenne, damit es, indem es sich krümmte, irgendwie die Proskynese zu

vollziehen schien“[38] als Alexander am pamphylischen Meer entlang zog und am

Berg Klimax nördlich von Phaselis einen schwierigen, häufig vom Wasser über-

spülten Felsenpfad benutzte. Der panegyrische Kurs von Kallisthenes ging teil-

weise so weit, dass der Olynther tagespolitische Interessen Alexanders mit der

Feder wahrnahm, wie seine Schilderung der Schlacht bei Arbella oder Gaugemala

belegt, denn in diesem Zeugnis „sind nachweislich verschiedene Fakten gefälscht,

um den alten General Parmenion, den Alexander nach einem Leben treuen und er-

folgreichen Dienstes für das makedonische Königshaus plötzlich im Herbst 220 er-

morden ließ, schon in dieser Schlacht als einen energielosen Feigling erscheinen zu

lassen“[39], der, „wie Kallisthenes berichtet, auf Alexanders zunehmende Macht und

Größe eifersüchtig und missgünstig war.“[40] Offensichtlich schwebte Kallisthenes

vor durch diese Unterstellung die Entrüstung der Makedonen, die durch die poli-

tisch motivierte Beseitigung Parmenions ausgelöst wurde, in eine Art Strafgericht

zugunsten des Königs umzuwandeln.[41] Ferner wurde Alexander als Anführer eines

panhellenischen Rachekrieges gegen die Perser ausgerufen, vor allem um den grie-

chischen Anteil der Rezipienten von Alexanders Vollkommenheit zu überzeugen. Diese Position kam im Werk des Kallisthenes besonders darin zum Ausdruck, dass Alexander in der Schlacht von Issos „bei der Wahl seines Platzes darauf bedacht ge-

wesen [sei], Dareios [dem Perserkönig] gegenüberzustehen, um persönlich mit ihm kämpfen zu können“[42], „daß er die persische Königsburg in Persepolis aus Rache für die Einäscherung der athenischen Akropolis durch die Perser im Jahre 480 nie-

derbrennen ließ und daß stets der Anteil der Griechen an den Siegen Alexanders hervorgehoben wurde.“[43]

2.2. Anaximenes von Lampsakos

Der Rhetor und Geschichtsschreiber Anaximenes wurde in Lampsakos geboren und

lebte im vierten Jahrhundert v. Chr. Er war ein Schüler des Homer-Kritikers Zoilos

und des Diagones von Sinope.[44] Später wurde er einer der zahlreichen Lehrer

Alexanders.[45] Er schrieb eine Universalgeschichte in zwölf Bänden von der Theo-

gonie, der Lehre über den Ursprung und die Herkunft der Götter, die `Philippika´ in

mindestens acht Büchern, ein Werk über Alexander den Großen, eine Schrift `Über

Todesarten von Königen´, eine weitere über Homerstudien und den `Trikáranos´.

Ferner galt er als Verfasser der `Rhetorica ad Alexandrium´, die unter dem Namen

des Aristoteles herausgegeben wurde. Von diesen Veröffentlichungen sind wenig

mehr als die Titel erhalten. Anaximenes soll auf Einladung Alexanders am Asien-

zug teilgenommen haben.[46] Der `Trikáranos´ von Anaximenes verrät die politische

Verortung dieses Mannes, denn die in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts

als Pseudonym unter dem Namen des Theopomp veröffentlichte Schmähschrift

sollte nicht nur seinen Rivalen Theopomp schädigen sondern auch die Unfähigkeit

der drei großen Hauptmächte Athen, Theben und Sparta zur Herrschaft und die Not-

wendigkeit der makedonischen Hegemonie nachweisen.[47] Anaximenes war

wahrscheinlich ein anerkannter und geachteter Gelehrter, der sein Handwerk mit

beachtlichem Erfolg verrichtete. Im Zuge seiner literarischen Tätigkeit war er über-

aus vielseitig, denn zu seinen rhetorischen Fähigkeiten traten weitere Aspekte, die

ihn und sein Werk ausmachten. So verfasste er einen vorgeblichen `Brief des

Philipp´ an die Athener und die beredte dem Demosthenes unterstellte Antwort.[48]

Diese beiden Dokumente waren weit mehr als literarisches Spiel und lenken den

Blick auf den anderen Anaximenes: „den scharfen Beobachter […], einen Kenner

der internationalen Beziehungen, einen vorsichtigen Geist, der mit Geschick und

Wirklichkeitssinn den Standpunkt der Gegner darstellt.“[49] Möglicherweise stellte

Anaximenes den neuen König mit ähnlich bedächtiger Gewandtheit und Balance

dar, also verhalten positiv ohne Hervorkehrung von Glanz und Gloria, denn gerade

„[d]iese Ausgewogenheit und dieses Geschick glichen aber aus der Sicht Alexan-

ders einen größeren Mangel nicht aus: Anaximenes fehlte es an der notwendigen

Inspiration, um auf heroische Weise die Großtaten des neuen Achilles zu besin-

gen.“[50] Auf der anderen Seite deutet der von Pausanius geäußerte Befund Anaxi-

menes sei ein Bewunderer des Königs gewesen[51] darauf hin, dass Anaximenes ein

stark verherrlichendes Bild von Alexander entworfen hatte. Gewiss ein einleuch-

tender Standpunkt zumal auch manche moderne Interpreten von einer „rhetorisch

aufgebauschten und panegyrischen Alexandergeschichte“[52] ausgehen. Letztendlich

können die Ausführungen von Anaximenes über Alexander kaum maßstabsgetreu

rekonstruiert werden, da sie weitgehend verloren sind: „Of its style, its manner, or

its attitude there is not the slightest indication“[53]

2.3. Onesikritos von Astypalaia

Onesikritos wurde zwischen 380 und 375 v. Chr. auf Astypalaia, einer griechischen

Insel der südlichen Sporaden, geboren. Er starb zwischen 305 und 300 v. Chr. One-

sikritos war Schüler des Diagones von Sinope, von dem er in die Welt der kyni-

schen Philosophie eingeführt wurde, eine Lehre der er wohl den Rest seines Lebens

anhing. Er veröffentlichte ein Werk mit dem Titel `Pōs Aléxandros echté`, was

soviel heißt wie `Wie Alexander erzogen wurde´[54]. Es handelte sich um eine voll-

ständige Alexandergeschichte, die von der Geburt bis zum Tode des Königs reichte.

Die Schrift erschien wahrscheinlich unmittelbar nach dem Tode Königs, da einer-

seits Nearchos, der um 315 v. Chr. datiert wird, sein Werk erst nach Onesikritos

verfasst hat und andererseits Kleitarchos, der vermutlich um 310 v. Chr. schrieb, be-

reits auf das Buch von Onesikritos zurückgegriffen hatte.[55] Onesikritos nahm an-

fangs als Steuermann des königlichen Flagschiffes während der Flussfahrt auf dem

Hydaspes (Jhelum) rund um den Indus am Eroberungszug Alexanders teil[56], wurde

später zum Archikybernétes (Obersteuermann) ernannt[57] und wohnte wohl auch der

Meerfahrt der Flotte zum Persischen Golf bei.[58] Außerdem übernahm er im Rahmen

der asiatischen Kampagne Funktionen im literarisch-philosophischen Gefolge des

Königs. So wurde er 326 v. Chr. angehalten die indischen `Gymnosophisten´ zu

kontaktieren, um sie zu einem Treffen mit Alexander anzuregen.[59] 324 v. Chr. er-

Onesikritos in Susa, wie viele andere, von Alexander eine Goldkrone für seinen

treuen und erfolgreichen Dienst.[60]

[...]


[1] vgl. Gehrke, 9f.

[2] vgl. Atkinson, 130.

[3] vgl. Polyb. 29, 21, 1-6; Arr. anab. 7, 30, 1, zit. n. Lauffer, 212; Liv. 45, 9, 5-7; 42, 52, 14,

zit. n. Bellen, 868, 871.

[4] vgl. Schachermeyer, 479ff.

[5] Gehrke, 87.

[6] Schänzer, 42.

[7] Seibert, 220.

[8] Jacoby (1929), 622ff.

[9] Meister (1989), 63.

[10] Lendle, 151.

[11] Plut. Alex. 55, 8.

[12] Wirth, 1217.

[13] Badian (1999a), 204.

[14] Lendle, 155.

[15] Meister (1990), 104.

[16] Lendle, 152.

[17] Meister (1990), 104.

[18] Polyb. 7, 19.

[19] Lendle, 152.

[20] Goukowsky, 143.

[21] vgl. Atkinson, 126.

[22] ebd.

[23] Goukowsky, 144.

[24] ebd.; vgl. Parke, 59ff.

[25] Arr. anab. 4, 12, 4-5; Plut. Alex. 54.

[26] vgl. Plut. Alex. 52-55.

[27] Atkinson, 132f.

[28] Lendle, 155.

[29] vgl. Seneca Nat. Q. VI 23.

[30] Lendle, 157.

[31] vgl. Strab. 4, 1, 7.

[32] Lendle, 157.

[33] ebd., 159.

[34] Athen. Mechan., zit. n. Lendle, 160.

[35] Lendle, 159.

[36] Strab. 17, 1, 43, zit. n. Strabo. Erdbeschreibung, 389f.

[37] vgl. Kienast, 316.

[38] Schol. Eust. Hom. Il. 13, 29, zit. n. Lendle, 158.

[39] Lendle, 159.

[40] Plut. Alex. 33, zit. n. Plutarch. Lebensbeschreibungen, 300ff.

[41] Lendle, 159.

[42] Polyb. 12, 17, 22, zit. n. Polybios, Geschichte, Bd. 1, 806.

[43] Meister (1990), 106.

[44] Weißenberger, 674.

[45] Goukowsky, 137f.

[46] Weißenberger, 674.

[47] vgl. Nickel, 847f.

[48] Domest. or. 11-12, zit. n. Goukowsky, 138.

[49] Goukowsky, 138.

[50] ebd.

[51] Paus. 6, 18, 2-4, zit. n. Pearson, 244.

[52] Meister (1990), 107; Seibert, 23.

[53] Pearson, 245.

[54] Goulet-Cazé, 1206f.

[55] Meister (1990), 108.

[56] Arr. Ind. 18, 9; Arr. anab. 6, 2, 3.

[57] Plut. Alex. 66; Strab. 15, 2, 4.

[58] Lendle, 164.

[59] Strab. 9, 1, 63-65.

[60] Arr. anab. 7, 5, 6.

Details

Seiten
58
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638241021
ISBN (Buch)
9783638700726
Dateigröße
767 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20132
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Historisches Seminar
Note
gut
Schlagworte
Alexander Große Person

Autor

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Titel: Alexander der Große und die antike Überlieferung seiner Person