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Reformatorische Expansion im Rahmen frühneuzeitlicher Globalisierung

Essay 2011 5 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche

Leseprobe

Reformatorische Expansion im Rahmen frühneuzeitlicher Globalisierung

Die Vorstellung, dass Missionierung und religiöse Expansionsbestrebungen einen nicht unwesentlichen Anteil an der weltweiten Erzeugung von Globalität hatten, wird oftmals vor allem den Bestrebungen katholischer Ordensträger – insbesondere den Jesuiten – zugeschrieben. Auf welche Art und Weise dies ermöglicht wurde, lässt sich vordergründig an fünf konkreten Merkmalen ablesen, die notwendig waren damit missionarische Tätigkeiten überhaupt eine globale Dimension annehmen konnten. Erste Vorrausetzung war zweifelsohne der vorherrschende Universalitätsanspruch der katholischen Lehre, der bereits in Europa vor keinen territorialen oder nationalen Grenzen halt zu machen versuchte und dies folglich auch auf globaler Ebene nicht tat. Besonders gut lässt sich dies an der allmählichen Ausdehnung des Jesuitenordens verdeutlichen, dessen Einfluss sich von zunächst einzelnen Provinzen ausgehend stetig ausgebreitete.

Die Diffusion universeller Werte und Prinzipien – im Falle der Christaniserung die Grundannahme von der Errettung der Seele als höchstem möglichem Ziel – basierte darüber hinaus auf dem Verständnis einer unleugbaren Gültigkeit dieser Lehre als einzige rechtmäßige und legitime Wahrheit, sodass die einheitliche Verbreitung derselbigen unausweichlich ein gewisses Maß an Globalität erzeugte. Mit einer solchen Expansion geht auch die Erzeugung eines „globalen Bewusstseins“ einher, beschränkt sich die missionarische Tätigkeit nun ja nicht mehr nur auf einen einzelnen Kontintent, sondern wird Teil eines weltumspannenden Netzwerks. Zentral zur Aufrechterhaltung letzeren ist dabei die Schaffung eines „institutionellen und organisatorischen Rahmens“, indem es zu einem permamenten „Informationsfluß“ kommt, um ein bestimmtes Maß an Koordination und internationaler Kommunikation zu erreichen.

Zweifelsohne entfalteten diese Faktoren insbesondere in Zeiten sozialer und politischer Umwälzungen in den betroffenen Gebieten ihre größte Wirkung, nicht zuletzt weil Religion die Auseinandersetzung (und Lösung) mit Erfahrungen und Problemen aus der Realität verspricht. Interessant ist allerdings, dass in diesem Zugang die katholische Expansion oftmals einen weitaus dynamerischen und aggresiveren Charakter als vergleichbare reformatorische Bestrebungen aufweist, sodass der räumlichen Ausdehnung bestimmter protestantischer Gemeinschaften zuweilen ein oftmals etwas weniger ausgesprägtes Missionierungsbewusstsein anhaftet.

Die Expansion reformatorischer Kirchen nach Übersee setzte um das Jahr 1600 n. Chr ein, wobei jedoch aufgrund der Vielzahl protestantischer Konfessionen zwischen unterschiedlichen sozialen Ausgangspositionen zu unterscheiden sind. Dabei lassen sich allerdings zwei grundlegende soziale Muster erkennen, welche zum einen auf landeskirchlichen, zum anderen auf freikirchlichen Gemeinschaften gründen. Erstere beanspruchten die Integration eines bestimmten Herrschaftsraumes durch eine festgelegte Kirchenhierarchie sowie durch Fügung in den etablierten Kirchencode, hielten an der Wortverkündigung der rechten Lehre durch Vermittler fest und gaben als oberstes Ziel die Sicherung der sakramentalen Grundversorgung der Bevölkerung an. Wichtig ist zudem, dass die Landeskirchen sich weitesgehend der bestehenden Ordnung verpflichten. Die Freikirchen ihrerseits empfanden sich als eine Art „unsichtbare“ Kirche der Gerechten, in welchen ein priviligierter Zugang zum Seelenheil die Mitglieder unmittelbar in das Zentrum der Kirchenordnung führt. Außerdem wiesen die Freikirchen bedeutend mehr non-konformistische Züge auf, was sich insbesondere in ihrer Aufforderung einer Weiterführung der ursprünglichen Reformation sowie im Falle von u.a. den Puritanern einer „Reinigung“ von sämtlichen katholischen Glaubenselementen wiederspiegelt[1] . Im Hinblick auf die Expansion ihrer jeweiligen Lehren und Gemeinden bildeten sich zwischen diesen beiden Richtungen sodann auch unterschiedliche Strategien und Vorgehensweisen heraus.

Für die Vertreter der Landeskirchen, bspw. Anhänger der anglikanischen Kirche oder niederländische Calvinisten und Lutheraner, war die Missionierung neu erschlossener Gebiete in der neuen Welt zunächst nicht das primäre Anliegen, sondern man sah diese eher als ein Nebenprodukt ihrer Expansion. Oftmals beschränkte sich die Tätigkeit auf ein abgegrenztes Gebiet, in welchem vor allem eine reibungslose Einbindung der eigenen Untertanen in die geltende Ordnung angestrebt wurde. Dabei sticht insbesondere auch eine nachwievor bestehende Bindung an das jeweilige Mutterland hervor. Merkmale hierfür sind zum einen die Einführung der in den Heimatländern etablierten Kirchenstruktur (Gottesdienste, interne Ordnung, Friedhöfe, usw.), anderseits aber auch die finanzielle und materielle Abhängigkeit sowie die Tatsache, dass stets neue Priester aus der Heimat rekrutiert werden mussten. Folglich entwicklete sich mit der Mutterkirche eine anhaltende Korrespondenz in Form von Fortschrittsberichten, wobei allerdings kein umfassendes transatlantisches Kommunikationsnetzwerk entstand. Dafür kam den kolonialen Kirchen in den Mutterländern schlichtweg eine anfangs zu geringe Bedeutung bei; andererseits waren die Siedler selbst auch eher an inter-kolonialen als an kontinentalen Beziehungen interessiert. Zur Errichtung einer etwaigen suprakirchlichen Struktur in den neuen Welt einschließlich eigenen Bischhöfsämtern und maßgebenden Priesterkonferenzen kam es hingegen nicht. Nachwievor unterstanden die kolonialen Kirchen ihrer jeweiligen europäischen Obrigkeit, auch wenn sie in deren Augen oftmals lediglich eine Art Randexistenz innehatten.

[...]


[1] Kang, Ning, Puritanism and Its Impact upon American Values. In: Review of European Studies, Volume 1, Number 2, December 2009. ( http://www.ccsenet.org/journal/index.php/res/article/viewFile/4585/3924 )

Details

Seiten
5
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656281825
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201287
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,7
Schlagworte
Reformation Globalität Globalisierung Europäische Expansion

Autor

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