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Das Selbst und Selbstdarstellung in der virtuellen Öffentlichkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Das Selbst des Menschen
2.1 Die drei Komponenten des Selbst und ihre Funktionen nach Schütz
2.2 Bedrohungen und Verzerrungen
2.3 Selbstdarstellungstheorie

3. Das Internet als öffentlicher Raum
3.1 Die Entwicklung von Social Media

4. Kommunikation im Internet
4.1 Selbst und Online-Kommunikation
4.2 Selbstdarstellung in Social Media
4.3 Konsequenzen

5. Fazit

Anmerkungen

Quellenverzeichnis

1. EINLEITUNG

Das Internet ist ein Medium, welches sich nicht nur rasant entwickelt sondern auch einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Art zu kommunizieren ausübt. Wurde es in seiner Anfangszeit eher von Technikbegeisterten benutzt, rückt es seit einigen Jahren in das Interesse der breiten Öffentlichkeit, da die Bedienung immer intuitiver und nut- zerfreundlicher geworden ist. Neuartige und unkomplizierte Kommunikationsformen wie der Online-Chat erfreuen sich einer großen Beliebtheit, da diese eine starke Annä- herung von Vis-a-vis-Kommunikation an die mediale Kommunikation bieten. Daraufhin erlebten besonders die sozialen Netzwerke wie StudiVZ und Facebook seit Mitte des letzten Jahrzehnts einen regelrechten Boom. So ist es nicht verwunderlich, dass die Mitgliederzahlen vom letztgenannten Netzwerk stets weiter in die Höhe steigen: In zwei Jahren wird Facebook allein in den USA eine Anzahl von über 150 Millionen Usern prognostiziert1. Auch in Deutschland sind bereits 20 Millionen Nutzer registriert2. Die Verlockung sich anzumelden ist groß, da soziale Netzwerke eine sich stets weiterent- wickelnde Plattform für Unterhaltung, Selbstdarstellung und Informationsaustausch bieten.

Ist das Phänomen der Selbstdarstellung im Alltag bereits ein universelles, lässt es sich mittlerweile auch problemlos auf das Internet übertragen. Im Zuge dieser Entwicklung ist es jedoch als wichtig zu erachten, wie die einzelnen Nutzer auf ihre Mitmenschen wirken, da jeder Kommunikationsprozess als eine Form der Selbstdarstellung angese- hen werden kann (vgl. Haferkamp 2011, S. 180). Im virtuell-öffentlichen Raum existie- ren viele Möglichkeiten, um sich selbst zu präsentieren. Jedoch geht das Ergebnis nicht immer konform mit der Realität. Die allgemeine Beliebtheit dieser selbstdarstelle- rischen Mittel ist trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - zweifelsfrei zu erkennen. Die Vielfalt der Darstellungsmöglichkeiten kann stets bestimmte Eindrücke im Mitmen- schen hervorrufen und diese auf gewisse Weise steuern. Dadurch hat dieser Aspekt mittlerweile auch in der psychologischen, soziologischen und kommunikationswissen- schaftlichen Forschung an Bedeutung gewonnen.

Die vorliegende Hausarbeit soll zunächst das menschliche Selbst sowie dessen Funk- tionen umschreiben. Im Anschluss daran wird auf die Möglichkeiten der Selbstdarstel- lung eingegangen, um danach den Einfluss von Internet-Kommunikation im Allgemei- nen sowie von sozialen Netzwerken im Speziellen zu thematisieren und zu diskutieren.

2. DAS SELBST DES M ENSCHEN

Das menschliche Selbst kann als ein hochkomplexes und individuelles Wertesystem angesehen werden. Es entwickelt sich seit der Geburt und unterliegt besonders im Kindesalter noch starken Schwankungen, bis es sich schließlich im Erwachsenenalter stabilisiert (vgl. Schütz/Rentzsch 2007, S. 119 f.). Jedoch kann es durch die Vielzahl unterschiedlicher Lebensumstände wie Scheidungen, zwischenmenschliche Differen- zen oder ähnliche Probleme stets ins Wanken geraten (vgl. ebd.). Bereits im 19. Jahr- hundert unterschied der Psychologe William James zwischen einem erkannten Selbst („me“) und einem erkennenden Selbst („I“) (vgl. ebd.). Ausgehend von diesen Schlüs- selbegriffen haben sich in den nachfolgenden Jahrzehnten Terminologien wie Selbst- wertgef ü hl (Analog zum „I“) und Selbstkonzept (Analog zum „me“) herausgebildet. Aus diesen Teilmengen setzt sich letztlich die Identität des Menschen zusammen. Während in der Wissenschaft bislang noch Uneinigkeit bezüglich einer einwandfreien Abgren- zung der Begriffe „Selbst“ und „Identität“ herrscht (vgl. Köhler 2003, S. 29), wird die Identität des Menschen im Zuge dieser Hausarbeit als ein Teilaspekt des Selbst defi- niert (vgl. Döring 2003, S. 328). Astrid Schütz (2005) unterteilt das Selbst in drei Kom- ponenten, die aufeinander aufbauen und im Folgenden näher betrachtet werden.

2.1 DIE DREI KOMPONENTEN DES SELBST UND IHRE FUNKTIONEN NAC H SC HÜTZ

Laut Schütz (2005) besteht das menschliche Selbst aus drei Elementen. Neben dem kognitiven Teil existieren eine affektive sowie eine konative, also handlungsbezogene Ebene (vgl. Schütz/Rentzsch 2007, S. 118). Speziell letztere hat einen Einfluss auf die Darstellung des Selbst, was im Abschnitt 2.3 näher betrachtet wird.

Kognitive Komponente

Mit der kognitiven Komponente wird das Selbstkonzept bezeichnet (vgl. ebd.). Wäh- rend die Begriffe, die mit dem Selbst in Verbindung stehen, bisweilen unterschiedlich definiert werden (vgl. Köhler 2003, S. 27), hat sich für das Selbstkonzept eine einheitli- che Definition herausgebildet. Es wird gemeinhin als die Gesamtheit der Einschätzun- gen bezeichnet, die eine Person über sich selbst hat - vorerst ohne diese zu bewerten (vgl. Döring 2003, S. 327). Das Selbstkonzept entspricht also dem eingangs erwähnten erkannten Selbst, welches als Folge von Selbstbeobachtungs- und Explorationspro- zessen entstanden ist (vgl. ebd.). Anders ausgedrückt ist es die Antwort auf die Frage ‚Wer bin ich?‘, die sich ein jeder Mensch im Verlauf seiner Entwicklung stellen kann. Schütz nennt diese Komponente aufgrund des deskriptiven Charakters auch „Real- Selbst“ und stellt sie in einen Bezug zu dem „Ideal-Selbst“, also der Vorstellung eines Menschen, wie er gerne sein würde (vgl. Schütz 2005, S. 2). Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Arten der Selbstwahrnehmung drückt sich in der affektiven Komponente des Selbst aus: der Selbstwertschätzung.

Affektive Komponente

Die affektive Komponente, also die subjektive Bewertung des eigenen Selbstkonzepts, wird auch als Selbstwertschätzung oder Selbstwertgefühl bezeichnet (vgl. Schütz 2005, S. 2). Diese Erkenntnis kann auf mehrere Arten erlangt werden: zum einen durch Introspektion und zum anderen durch Selbstwahrnehmung und sozialen Vergleich (vgl. Werth/Mayer 2008, S. 175 ff.). Da das Selbstwertgefühl als „gewichtete Summe aller verfügbaren situativen Selbstbewertungen, die wiederum von Fremdbewertungen be- einflusst werden“, umschrieben werden kann (Döring 2003, S. 327), sieht man sich wie in einem „Spiegel der Reaktionen und Zuschreibungen anderer Menschen“ (ebd.). Das Erzielen und Aufrechterhalten eines positiven Selbstwerts ist ein grundsätzliches Be- dürfnis des Menschen, da das Selbst das emotionale Erleben und die Motivation un- bewusst reguliert (vgl. Werth/Mayer 2008, S. 165). Demzufolge wird es stets von ver- schiedensten psychischen Faktoren geschützt. Positive Informationen, die mit dem Selbst in Beziehung stehen, werden somit vorrangig wahrgenommen und verarbeitet (vgl. Werth/Mayer 2008, S. 165). Dabei spielen unter anderem subjektive und objektive Aspekte von Erfolgen eine Rolle (vgl. Schütz 2005, S. 3).

Konative Komponente

Die konative Komponente ist der steuerbare Teil des Selbst. Er beinhaltet „selbst- und kommunikationsregulierende Konstrukte wie Selbstwirksamkeitserwartungen oder Stile der Selbstdarstellung“ (Schütz/Rentzsch 2007, S. 119). Bereits hier ist zu erkennen, dass das menschliche Selbst die Grundlage für eine Darstellung in der Öffentlichkeit bildet. Auch regulative Funktionen bezüglich des menschlichen stellen einen entschei- denden Aspekt dar. Eine besondere Rolle spielt dabei das Self Monitoring. Dieses be- schreibt den Grad, inwiefern das Selbst eingesetzt, gesteuert und nach außen getra- gen wird (vgl. Schütz et al. 2003, S. 241). Der Einfluss der Selbstüberwachung wurde anfänglich noch dichotom in schwach und stark unterschieden, mit der Zeit erfolgte jedoch eine komplexere Ausdifferenzierung (vgl. ebd.). Da das Aufrechterhalten eines positiven Selbstbilds einen hochkomplexen Prozess darstellt, kann es auch zu Bedro- hungen oder Verzerrungen des Selbst kommen. Diese Abläufe, sowie bestimmte psy- chische Taktiken zur Abwehr einer drohenden Inkonsistenz, werden im Folgenden be- trachtet.

2.2 BEDROHUNGEN UND VERZERRUN GEN

Bedrohungen des Selbstkonzepts können durch vielerlei exogene Umstände entste- hen. Als Beispiel wären etwa Konfrontationen mit Schwächen, soziale Zurückweisung oder auch bedeutende Lebensereignisse zu nennen (vgl. Werth/Mayer 2008, S. 190 f.). Diese Begebenheiten, die zumeist aus Erwartungsverletzungen heraus entstehen kön- nen, ziehen die Notwendigkeit einer Neujustierung der Selbstwahrnehmung nach sich. Die Bedürfnisse nach einer Selbstregulation herrschen in unterschiedlicher Stärke vor, da die Intensität der Bewertung eines bedeutsamen Ereignisses von Person zu Person unterschiedlich ist (vgl. Schütz 2005, S. 23). Um das Selbstwertgefühl in einem ange- messenen Maße zu schützen, existieren verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Da der Mensch stets bestrebt ist, sein positives Selbstkonzept zu behalten, werden teilweise Kognitionen hervorgerufen, die mit der Realität nur in unvollständigem Maße überein- stimmen. Demnach können eigene Erfolge intern, eigene Misserfolge hingegen extern attribuiert werden (vgl. Dauenheimer et al. 2002, S 164). Im Zuge dieser Regulation treten häufig selbstwertdienliche Verzerrungen auf, um das Selbstkonzept zu schützen. Beispielsweise könnte die Qualität der Mitarbeit eines Kollegen als geringfügiger ein- geschätzt werden, um die eigene Leistung am gemeinsamen Projekt in einem positive- ren Licht zu sehen. Diese unsachgemäßen Attribuierungen bieten nicht nur einen Schutz vor potentiellen Bedrohungen sondern sind gar Teil der Grundlage einer positi- ven Selbstwahrnehmung (vgl. Werth/Mayer 2008, S. 186 f.). Weiterhin kann die Auf- rechterhaltung durch abwärts- oder aufwärtsgerichtete soziale Vergleiche geschehen. Die Wahl einer Vergleichsperson ist dabei von der jeweiligen Stärke einer eventuellen Bedrohung sowie von der Höhe des bestehenden Selbstwertgefühls abhängig (vgl. Dauenheimer et al. 2002, S. 163). Diese kognitiven Steuerungsmechanismen umfas- sen nicht nur das Bemühen das eigene Selbstbild zu kontrollieren, sondern auch jenes, das bei Mitmenschen erzeugt wird (vgl. Schütz et al. 2003, S. 236). Auch hierzu haben sich viele Begriffsbestimmungen herausgebildet, die unter den Terminus Selbstdarstel- lung zusammengefasst werden können.

2.3 SELBSTDARSTELLUNGSTHEORIE

Um das Selbstbild aufrecht zu erhalten, befindet sich der Mensch in einem stetigen Wechselwirkungsprozess mit sich selbst und seiner Umwelt. Demzufolge herrscht in jeder Person eine Tendenz zur interpersonalen Eindruckssteuerung vor (vgl. Mummendey 2002, S. 212). In den letzten Jahrzehnten wurde dieses Phänomen be- reits mehrfach untersucht und mit Begriffen wie „Impression-Management, Selbstdar- stellung, Eindruckssteuerung, Image-Kontrolle“ usw.

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Titel: Das Selbst und Selbstdarstellung in der virtuellen Öffentlichkeit