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Die Rolle des Islam in Commonwealth-Ländern. Auseinandersetzungen und Klärungsprozesse am Beispiel Nigerias

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Anglistik - Kultur und Landeskunde

Leseprobe

Inhalt:

1. Kurze Geschichte der Religionen in Nigeria

2. Nigeria unter britischer Kolonialherrschaft

3. Islam in Nigeria und politisch-soziale Diskurse nach 1960
- Islamische Gesetzgebung
- Christlich-muslimischer Dialog
- Diskurse und Maßnahmen zur Friedensschaffung und
-erhaltung in Nigeria im Rahmen des Commonwealth

4. Zusammenfassung

5. Literaturangabe

1. Kurze Geschichte der Religionen in Nigeria

Die vorliegende Arbeit soll interreligiöse Problemstellungen in Nigeria und Ansätze zur Konfliktlösung unter Einbeziehung des Commonwealth of Nations beleuchten. Nigeria gilt als multireligiöser Föderalstaat, mit zwei großen Religionsgruppen in der Bevölkerung: Muslimen im Norden und Christen im Süden des Landes. Zunächst erscheint es notwendig beide Religionen in die Historie Nigerias einzufügen.

Durch den Transsaharahandel kam der Norden Nigerias im 8.

Jahrhundert erstmals mit dem Islam in Kontakt. Jedoch erfolgte keine aktive Missionierung, vielmehr wurde der Norden Nigerias nur durch den Handelskontakt mit muslimischen Karawanen beeinflusst. Dies dauerte bis zum Ende des 18.Jahrhunderts an1. Die Islamisierung erfolgte in drei Etappen: im neunten und zehnten Jahrhundert gab es kulturelle Annäherung und Handel, gefolgt von islamischen Reichen im zehnten bis zwölften Jahrhundert und islamischen Philosophieschulen und Konventen im zwölften und dreizehnten Jahrhundert. Zunächst konvertierten vor allem Händler und Personen, die mit den Handelskarawanen aus der Sahara Kontakt hatten. Sie konvertierten zum Islam jedoch zumeist nicht aus Überzeugung, sondern, um ihren Handelspartnern gleichgestellt zu sein.

Zentrales Gebiet der Islamisierung in Nigeria war das nördliche Hausaland. Von hier aus wurde im frühen 19.Jahrhundert das Kalifat von Sokoto errichtet. In diesen Zeitraum fällt auch das Auftreten eines der ersten afrikanisch-islamischen Puritaner bzw. Fundamentalisten: Uthman dan Fodio initiierte eine Bewegung zur Rückbesinnung auf Koran und Shari´a2 in Nigeria. Eines seiner Motive war, dass er die Herrschenden nicht als wahre Muslime und somit illegitime Herrscher ansah. Das Hausaland und das Reich von Skoto wurden in allen Lebensbereichen in der Folge islamisiert und einem allmächtigen Sultan unterstellt.

Mit der Kolonialisierung des Hausalandes 1903 durch Großbritannien verlor der Sultan seine absolute Macht an die Kolonialherren. Bereits früher, seit dem 18.Jahrhundert, gab es auch von christlicher Seite Missionierungen. Im Norden Nigerias gerieten Missionare allerdings in Lebensgefahr, da die herrschenden Muslime deren Aktivität als feindselig wahrnahmen. Auch unter britischer Herrschaft taten sich Missionare im Norden Nigerias schwer, da sowohl Großbritannien als auch die islamischen Herrscher am Erhalt des status quo interessiert waren. Dadurch wurde nicht nur die Missionierung Nordnigerias nahezu unmöglich, auch ein westliches Schulsystem konnte sich nicht durchsetzen. Die Folgen dieser unliberalen Haltung gegenüber „nichtislamischen“ Institutionen sind zum Teil auch heute noch wahrnehmbar im Norden Nigerias3.

4 erhielt Portugal die spirituelle und ökonomische Oberhoheit über Afrika. Damit erfolgt die Missionierung der afrikanischen Westküste, welche jedoch aufgrund übergeordneter ökonomischer Interessen und Malariaerkrankungen bei den Missionaren weitgehend erfolglos blieb. Ab 1856 beauftragte der Vatikan die Society of African Mission mit der Missionierung und erste Erfolge im Süden Nigerias waren spürbar. Durch zusätzliche protestantische Missionare und zurückgekehrte befreite Sklaven aus Sierra Leone, Lateinamerika und Brasilien breitete sich das Christentum weiter aus.

Mitte des 19.Jahrhunderts gab es auch friedliche Kontakte zwischen dem Missionar Ajai Crowther und dem islamischen Emir in Bida.

Die christliche Missionierung Nigerias begann ab 1472 als die portugiesischen Könige Missionierungskampagnen in die Königreiche Benin und Warri entsandten. Mit der Aufteilung der Oberhoheit über die Welt zwischen Spanien und Portugal durch eine Päpstliche Bulle Crowther wurde erlaubt Missionierungsstationen zu errichten.

Dies war allerdings nicht der erste Kontakt Nordnigerias mit dem Christentum. Vor der Islamisierung gab es dort bereits Christen, die allerdings durch die Islamisierung verdrängt wurden. Durch die Missionierungen wurden nicht nur Kirchen errichtet, sondern auch Schulen, Krankenhäuser und handwerkliche Ausbildungszentren.

Durch die britische Kolonialisierung wurde der Staat Nigeria in seiner heutigen Form erst erschaffen. Die Briten fügten die Königreiche in Nord, Süd, Ost und West zu einem Staatsgebiet zusammen, ohne die Unterschiede zwischen deren Einwohnern und Institutionen zu beachten. Hierdurch entstand, was man heute einen multireligiösen oder multiethnischen Staat nennt.

Während im Süden Nigerias die „direct rule“ ausgeübt wurde, war es im Norden Nigerias die „indirect rule“, was zur Folge hatte, dass sich in beiden Landesteilen unterschiedliche Systeme der Machtausübung institutionalisierten und der Norden in archaischen Strukturen verharrte5. Dies hatte Auswirkungen auf die Identität der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Die einzelnen Volksgruppen nahmen und nehmen sich hauptsächlich als Teil ihrer Volksgruppe, danach als Muslime oder Christen und erst dann als Nigerianer wahr.

Die Politik der „indirect rule“ im Norden Nigerias führte dazu, dass der islamische Charakter des Staates im Norden von den Briten unangetastet blieb. Dies hatte beispielsweise zur Folge, dass die Shari´a im Norden die Gesetzgebung und Rechtsprechung war und es eine islamische „jihad-police“ gab. Das Muslime die nigerianischen Staaten regierten und dort Kalifate unbeeinflusst von Großbritannien ausführten, brachte die Herrschenden Kalifen bzw. Sultane zu einem Machtanspruch, da ihre Macht von Gott gegeben sei. Diese Annahme übertrugen sie nach der Unabhängigkeit auch auf die neu entstandene Bundesrepublik Nigeria und sahen sich als von Gott legitimierte Herrscher über ganz Nigeria an, was auch heute für Konflikte sorgt.

2. Nigeria unter britischer Kolonialherrschaft

Der folgende Abschnitt behandelt Nigeria unter britischer Kolonialherrschaft seit 1897, als Frederick Lugard, der spätere Hochkommissar des Protektorats „Nordnigeria“, nach Nigeria kam, bis zur nigerianischen Unabhängigkeit 1960. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Umgang der Kolonialbeamten mit Muslimen und dem Islam.

Bei seinem Antritt als Hochkommissar in Nordnigeria 1900 stand Lugard vor dem Problem, die politische Kontrolle über das ihm anvertraute Gebiet zu gewinnen und einen Weg zu finden, wie die kulturell und politisch so unterschiedlichen Reiche Nigerias zu verwalten seien. Als Model dienten ihm hierzu die historischen Hausastaaten6. Diese hatten zwei Eigenschaften, die sich Lugard als nützlich erwiesen:

Erstens verfügten diese Staaten über eine aristokratische- politische Kultur, die ausgestattet war mit einem funktionierenden Steuerwesen, verantwortlichen Verwaltern von Lehen, klare Loyalität gegenüber Hierarchien, Lese- und Schreibfähigkeiten auf Arabisch und einem islamischen Rechtswesen. Die zweite Eigenschaft war die Fähigkeit der Hausastaaten große Gebiete mit heterogener Bevölkerung zu verwalten. Um Anarchie in seinem Protektorat zu vermeiden, beließ Lugard die politischen Strukturen der Hausas wie sie waren. Um die muslimische Bevölkerung nicht gegen sich auf zu bringen, betonten die britischen Kolonialherren schon früh die freundlichen Beziehungen des britischen Königreiches mit Muslimen beispielsweise in Indien.

Die Durchführung der „indirect rule“ in Nordnigeria wirkte sich auch auf das Rechtswesen aus, sodass das islamische Rechtswesen maßgeblich blieb und auch von der britischen Verwaltung angewandt wurde. Bevor die Briten Nigeria im Jahr 1900 unter ihre Kontrolle brachten, war das Rechtssystem der nordnigerianischen Gebiete wie in der folgenden Beschreibung Lugards7:

„Throughout the...[Moslem] states there are native courts in each capital city, and in many of the principal towns here, where... [Islamic] law is administered by a native judge called the Alkali (El-Kadi) who is generally a man of great respectability and considerable learning. In some courts he sits alone as judge, in others (Sokoto, Katagum, Zaria) he has almajirai who act as assessors, assistants and learners. The most usual custom is to have two assessors and, in serious cases, other mallams8 may be called in. In Hadejia and Katagum there seems to have been an appeal to the Emirm and in the former the court was constituted by the Alkali and the males of his family, who referred all very grave cases to the Emir. In Ilorin the Resident states dealt with all cases, and the Alkali acted purely as legal adviser to the Emir, and judged no case himself. There was an appeal to a full court of all mallams learned in the law. In the majority of courts, however, the Alkali´s decision appears to have been final, subject to the right of appeal to Sokoto, and the Emir´s duties were confined to enforcing the Alkali´s decisions, sending for witnesses etc. Everyone alike was amenable to this court, and its decisions were, when necessary, enforced by the Emir. The head chief also usually held a court (dealing chiefly with political cases) but this does not seem to have been the case at Sokoto, where the Alkali´s court was under the close supervision of the Sarkin Muslim [Sultan of Sokoto], to whom daily reports of proceedings were made by agents, and a weekly report by the Alkali. In some cities the Liman dealt with probate cases. This constitution of the courts varied. The powers of the court were unlimited, the principal punishment probably being mutilation.“

Neben diesem Rechtssystem mit islamischen Shari´a-Gerichten, die auch für Nichtmuslime installierte Lugard durch zahlreiche Erlasse eine englische Rechtsordnung mit Provinz- und Oberste Gerichtshöfe. Die Shari´a-Gerichte durften weiterhin weitgehend eigenständig Urteile fällen, nur der rechtliche Status von Sklaven und Strafen mit Verstümmelungen und Todesstrafen wurden ihnen verboten. Britische Beamte überwachten jedoch die Prozesse und durften gegebenenfalls bei Ungerechtigkeiten intervenieren. Jedoch führte nicht nur die Errichtung von islamischen Gerichten und deren Zuständigkeit auch für Nichtmuslime zu Spannungen. Vielmehr bestand ein steter Konflikt zwischen britisch-kolonialer Rechtsprechung, islamischer Rechtsprechung und traditionellen nichtmuslimischen Rechtsprechungen. Britische Kolonialbeamte dienten hier als Katalysatoren, sie dirigierten die Zuständigkeiten der unterschiedlichen Gerichte und korrigierten auch deren Urteile. Geregelt wurde dies nach und nach durch Dekrete, die zwischen 1902 und 1906 erlassen wurden9. Dies führte unter anderem dazu, dass islamische Richter nichtislamisches Recht anwendeten und nichtislamische Richter sich im islamischen Recht versuchten. Die wurde selbst nach einer Rechtsreform 1933 weitergeführt.

Der britische Einfluss auf das islamische Recht wurde von Muslimen jedoch als unzumutbare Einschränkung und Einmischung in das islamische Recht bewertet eben weil die Briten keine Muslime seien. Konkret sahen die Einschränkungen islamischen Rechts die Einführung nichtislamischen Rechts, das Außerkraftsetzen von Teilen des islamischen Rechts und die Unterordnung unter britisches Kolonialrecht im Fall von Zuständigkeitskonflikten, vor.

Ein weiteres Problemfeld war die Bildung. Obwohl bereits frühzeitig Missionare Schule errichtet hatten, konnte jedoch bis 1910 kein umfassender Plan für ein Bildungssystem initiiert werden. Lugard begründete dies vor allem mit fehlenden Mitteln10. Lugard entwickelte seine Vorstellungen eines Bildungssystemes für Nigeria unter der Prämisse, den Einfluss islamischer Schulen einzudämmen und auch christliche Missionsschulen weitestgehend zu verbannen, da er fürchtete, dass diese das Verhältnis zu den

[...]


1 Ezegbobelu (2009): S. 19 ff.

2 kurzgesagt: islamisches Recht, welches das Leben der Gläubigen und die Staatsführung nach den Regeln des Islam kodifiziert. Begriffe aus dem Arabischen werden im Folgenden, zur besseren Lesbarkeit, nur mit den im Deutschen üblichen Buchstaben und Zeichen transkribiert.

3 Ezegbobelu (2009): S.23

4 Ebd.: S. 23; welche Bulle allerdings gemeint ist, ist nicht ersichtlich. Infrage kommt „dum diversas“ (1452) und „romanus pontifex“ (1455)

5 Ebd.: S. 26

6 Umar (2006): S. 27 ff.

7 Ebd.: S. 41

8 Vom Arabischen mu´allim (Lehrer)

9 Ebd.: S. 44

10 Ebd.: S. 55

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656270225
ISBN (Buch)
9783656270966
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201050
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
rolle islam commonwealth-ländern auseinandersetzungen klärungsprozesse berücksichtigung commwealth nations beispiel nigerias

Autor

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