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Genus Verbi. Eine Analyse des Schulbuchkapitels "Passiv gebrauchen" aus "Wortstark 7" auf der Grundlage der Funktionalen Grammatik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Genus Verbi: Das Passiv
2.1 Die verschiedenen Formen des Passivs
2.1.1 Das Werden-Passiv: Form und Funktion
2.1.2 Das Sein-Passiv: Form und Funktion

3. Das Deutschbuch ÄWortstark 7“: Eine Analyse des Kapitels ÄWerkstatt Sprache: Passiv gebrauchen“
3.1 Analysekriterien
3.2 Sachliche Angemessenheit
3.3 Aufgabenbeschreibungen
3.4 Relevanz der Aufgaben für die SuS
3.5 Blick auf andere Werke und Verbesserungsvorschläge

4. Fazit

5. Quellen

1.Einleitung

In der folgenden Arbeit soll sich mit der Analyse von Schulbuchaufgaben aus dem Kompetenzbereich ‚Sprachbetrachtung‘ beschäftigt werden. In Anlehnung an die Seminarinhalte des Seminars ‚Grammatik funktional!‘ sollen die Aufgaben des Schulbuchs ÄWortstark 7“ zum Thema ÄAktiv und Passiv“ auf ihre Tauglichkeit für den Schulunterricht untersucht werden. Die Funktionale Grammatik bietet die Grundlage für die folgenden Überlegungen.

Aufgrund der eingeschränkten Seitenzahl werden die basalen Ansätze und Theorien zur Funktionalen Grammatik als bekannt vorausgesetzt und in dieser Arbeit nicht weiter vertieft.

Für eine adäquate Analyse der Aufgaben ist es Voraussetzung, sich mit dem Passiv-Begriff auseinanderzusetzen und diesen tiefgehend zu betrachten. Als Grundlagenliteratur dient dafür die Funktionale Grammatik nach Zifonun (1997) sowie Köllers Erläuterungen zum Genus verbi (1997).

Anschließend folgt die detaillierte Analyse des Kapitels ÄPassiv gebrauchen: Den Vorgang betonen“ (Wortstark 2010:230 f.) des Schulbuchs. Der erste Schritt wird dabei die Überprüfung des Merkkastens sein, da die dort genannten Inhalte, die sein sollen, die sich die Schülerinnen und Schüler1 aneignen und merken sollen. Mit dem Passiv-Verständnis, welches dort vermittelt wird, steht und fällt demnach die Aufgabenanalyse. Der Fokus wird bei dieser Untersuchung auf der Korrektheit der Informationen und der Übertragung auf die Aufgabeninhalte liegen. Dabei interessiert auch, ob die Informationen des Merkkastens mit den Inhalten der Aufgaben übereinstimmen oder ob man Differenzen feststellen kann. Ein weiterer Fokus wird auf der verwendeten Terminologie liegen, um zu überprüfen, ob den SuS anschließend sinnvolle Begriffe zur Beschreibung einzelner sprachlicher Phänomene zur Verfügung stehen.

Der nächste Schritt ist die Beschreibung der Aufgabe in ihrem Kern. Dies verschafft nicht nur einen guten Überblick über das, was die SuS in den einzelnen Aufgaben erarbeiten sollen, sondern ist zusätzlich noch die Grundlage für das folgende Kapitel, in dem die Relevanz der zu vermittelnden Inhalte für die SuS überprüft werden soll. Dabei soll die Untersuchung auf Funktionalität im Mittelpunkt stehen.

Abschließend werden andere Schulbücher (in diesem Fall das ÄDeutschbuch“ aus dem Cornelsen-Verlag sowie ÄTreffpunkte“ von Schroedel) zum Vergleich hinzugezogen.

Außerdem wird versucht, in einem kurzen Abschnitt Verbesserungsmöglichkeiten zu dem Einsatz von Schulbüchern und zur Gestaltung von Aufgaben im Grammatikunterricht zu liefern.

2. Genus Verbi: Das Passiv

Das Aktiv und das Passiv sind die zwei Werte des Genus Verbi, die ein Verb annehmen kann (Institut für deutsche Sprache Mannheim 2012), um eine sprachliche Äußerung unterschiedlich zu akzentuieren (Köller 1997:94). In der folgenden Darstellung des Passivs wird das Aktiv lediglich zur Abgrenzung und Erläuterung des Passivs gebraucht, so wie es auch Köller (1997:90) und Zifonun/Hoffmann/Strecker (Grammatik der deutschen Sprache 1997:1789) in ihren Ausführungen vornehmen.

Zur Vermittlung des Unterschiedes zwischen der Aktiv- und Passiv-Form gibt es eine Vielzahl von Ansätzen. So kritisiert Köller (1997:90), viele Schulbücher würden das Aktiv und das Passiv mit der Tätigkeitsform (Aktiv) und der Leideform (Passiv) unterscheiden. Hierfür würden in den Aufgaben Verben zur Erläuterung hinzugezogen, die diesen Ansatz unterstützen (zum Beispiel das Verb schlagen), dem Genus Verbi in seiner Komplexität aber nicht gerecht werden.

Peter wird geschlagen. (Leideform, weil Peter unter den Schlägen leiden muss.) Eric schlägt Peter. (Tätigkeitsform, weil der Schwerpunkt auf Eric liegt, der Peter schlägt.) Verben wie Älieben, grüßen oder lesen“ (ebd.:92), die dieses Passiv-Verständnis nicht unterstützen, finden keine Verwendung. Zur Widerlegung der Einordnung der Kategorien Aktiv und Passiv in Tätigkeits- und Leideformen verwendet Köller (ebd.) die Beispiele:

ÄKarl friert.

Karl wird geliebt.“.

Eine bessere Unterscheidung der Situationen auf semantischer Ebene, in denen das Aktiv oder Passiv angewendet wird, wird durch die täterzugewandte sowie täterabgewandte Betrachtung möglich. Das Aktiv ist die täterzugewandte Form, da die sprachliche Darstellung eines Geschehens sehr täterzentriert ist. Die aktive Form impliziert, dass Ädie Verantwortlichkeit im Zentrum der Frage oder der Behauptung steht“ (Institut für deutsche Sprache Mannheim 2012). Im Gegensatz dazu wird bei passivischen Sätzen häufig auf die Nennung des Agens verzichtet (ebd.).

Auf syntaktischer Ebene lässt sich das Passiv wie folgt vom Aktiv abgrenzen bzw. aus diesem bilden: Man kann aus Aktiv-Sätzen Passiv-Sätze machen, wenn diese aus einem Subjekt, einem transitiven Verb sowie einem Akkusativobjekt bestehen (Beispiel nach Köller (1997:95): Karl öffnet die Tür.). Unter transitiven Verben versteht man Verben, die entweder ein Akkusativkomplement fordern oder über ein attribuierbares Partizip II regieren (Institut für deutsche Sprache Mannheim 2012). Das Verb öffnen erfordert in diesem Zusammenhang das Akkusativkomplement und ist damit transitiv. Wird dieser Satz nun in das Passiv umgewandelt, wird aus die Tür das Subjekt (notwendig, da jeder Satz ein Subjekt erfordert) und aus dem transitiven Verb ein intransitives Verb, welches kein Akkusativkomplement benötigt (wird geöffnet = werden + Partizip II). Vereint man nun die Ergebnisse aus semantischer und syntaktischer Sicht und überträgt sie auf den Beispielsatz, entsteht der Satz Die Tür wird geöffnet, in dem die Valenz des Verbes um eins reduziert wurde (syntaktische Ebene) und aus dem Handlungsverb ein Geschehensverb wird (semantische Ebene) (Köller 1997:97). In dem ersten Satz liegt der Fokus auf dem Täter Karl, der die Tür öffnet. Die Handlung läuft vom Subjekt auf das Objekt (Agens-Actio-Schema) (ebd.). Im zweiten Satz wird verschwiegen, von wem die Tür geöffnet wird, der Satz ist somit täterabgewandt (ebd. & Institut für deutsche Sprache Mannheim 2012), das Geschehen läuft auf das Subjekt zu (Köller 1997:97).

2.1 Die verschiedenen Formen des Passivs

Das Passiv lässt sich in drei unterschiedliche Formen unterteilen. Das Werden-Passiv, das Sein-Passiv sowie das Bekommen-Passiv. Da die erste Analyse der Aufgaben aus den verwendeten Schulbüchern sowie der Vorgaben des Kerncurriulums ergeben haben, dass das Bekommen-Passiv dort nicht verwendet wird, findet dieses in der folgenden Analyse keine weitere Beachtung, so dass der Fokus auf der Form und der Funktion des Werden- und Sein- Passivs liegt.

2.1.1 Das Werden-Passiv: Form und Funktion

Das Werden-Passiv wird durch das Verb werden + dem Partizip Perfekt (auch Partizip II genannt) gebildet. Aufgrund seiner Funktion (siehe unten) wird es auch als Vorgangspassiv bezeichnet (Köller 1997:96). Die Wahl des Partizip Perfekt zur Bildung des Passivs ist darauf zurückzuführen, dass das ÄPartizip II ursprünglich als Adjektiv gedient hatte und besonders gut dazu geeignet war, das Resultat eines Prozesses zu bezeichnen“ (ebd.)

Das Werden- Passiv ist die Äzentrale Passiv-Konstruktion“ (Zifonun 1997:1789) und wird gewählt, um den Fokus auf den Prozess einer Handlung zu legen. Ob man das Werden-Passiv oder das Sein-Passiv benutzt, hängt davon ab, ob das Ergebnis des Prozesses, der auf das Subjekt angewendet wird, Äaktional als entstehend (werden) oder aktional als schon abgeschlossen (sein)“ (Köller 1997:96) gekennzeichnet werden soll.

Wie in 2. bereits beschrieben, müssen transitive Verben vorliegen, um aus Aktivsätzen Passivsätze zu bilden. Der Aktivsatz sollte somit aus Subjekt - Prädikat - Akkusativobjekt bestehen. Das Passiv kann zwar bei transitiven Verben durch eine Subjektstellung des Pronomens es ersetzt werden (Beispiel: ÄDas Publikum lacht.“  ÄEs wird gelacht.“ (ebd.:97) oder bei Tilgung des Pronomens durch eine Themastellung anderer Satzglieder wie Objekte oder Adverbiale (ÄFür Spaß wird gesorgt.“ oder ÄMorgen wird für Spaß gesorgt.“ (beides aus Köller 1997:99)), für die Einführung in das Passiv sollte trotzdem darauf geachtet werden, transitive Verben mit Akkusativobjekt zu verwenden, da bei diesen die Äagensorientierte bzw. täterbezogene Prozessualität des Geschehens im Aktiv und die resultatsorientierte Prozessualität des Geschehens im Passiv besonders deutlich hervorgehoben wird“ (ebd.:97).

Um die Funktion des Vorgangspassivs zu verdeutlichen, werden die von Köller zur Veranschaulichung herangezogenen Sätze aufgegriffen:

a) ÄKolumbus entdeckte Amerika.
b) Amerika wurde (von Kolumbus) entdeckt.
c) Von Kolumbus wurde Amerika entdeckt.“( (ebd.:97).

Satz a) hat das typische Agens-Actio-Schema, in dem die Handlung von Kolumbus als Urheber der Handlung (entdecken) auf den Bezugspunkt (Amerika) zuläuft (ebd.). Somit handelt es sich um einen typischen Satz im Aktiv.

Bei Satz b) wird mit Amerika zuerst der Bezugspunkt genannt, anschließend folgt das Geschehen, der Urheber wird verschwiegen. Dadurch wurde einerseits die Akzentuierung verschoben, da jetzt der Prozess der Entdeckung und nicht mehr die Person des Entdeckers im Fokus steht. Andererseits wurde das Verb entdecken intransiviert, da es kein Akkusativkomplement mehr erfordert (ebd.).

Im dritten Satz c) wurde der Entdecker durch ein Präpositionalgefüge dem Passivsatz hinzugefügt, der Schwerpunkt liegt jedoch weiterhin auf dem Prozess des Entdeckens (ebd.:98).

An dieser Stelle treten auch die informationspsychologischen Funktionen des Passivgebrauchs hervor. Der Bezugspunkt Amerika, der im Aktivsatz Erläuterungsfunktion hatte, da er 4 beschrieben hat, was von Kolumbus entdeckt wurde, wird im Passivsatz selbst zum Gegenstand für eine Erläuterung (ebd.:98). Dadurch verändern sich die Wahrnehmungsperspektive und die Aussagespannung. In Bezug auf die Thema-Rhema- Theorie verändert sich die Satzstruktur dahingehend, dass ein Teil des Rhemas aus dem Aktivsatz zum Thema im Passivsatz wird (ebd.).

2.1.2 Das Sein-Passiv: Form und Funktion

Das Sein-Passiv, auch als Zustandspassiv bezeichnet, wird durch das Hilfsverb sein und das Partizip Perfekt gebildet. Wie bereits in 2.1.1 erläutert, werden beim Vorgangspassiv der Prozess und das Ergebnis betrachtet, beim Zustandspassiv steht das Endergebnis im Fokus (Köller 1997:99). Sätze im Zustandspassiv werden im Gegensatz zu Sätzen im Vorgangspassiv demnach auch häufiger mit Zeitadverbialen verbunden (ebd.).

Während das Vorgangspassiv mit allen Tempora gebildet werden kann, steht das Zustandspassiv typischerweise im Präsens. Das Erkennen von Sätzen, die im Zustandspassiv stehen, wird durch die Ähnlichkeit zu Sätzen mit prädikativem Adjektiv („Der Schüler ist begabt“ (ebd.)), Sätzen mit Zustandsreflexiv (ÄDas Mädchen ist verliebt“ (ebd.)) und dem Perfekt Aktiv (ÄDas Obst ist gereift“ (ebd.)) erschwert. Zur erleichterten Identifizierung schlägt Köller (1997:99) Transformationsprozesse vor, bei denen man zu den Ergebnissen kommt, dass sich Äsowohl das prädikativ gebrauchte Adjektiv als auch das Zustandsreflexiv […] im Gegensatz zum Zustandspassiv“ (ebd.:100) nicht in ein Vorgangspassiv umformen lassen. Der Satz Das Obst ist gereift lässt zwar eine Umformung in einen Aktivsatz Das Obst reift zu, lässt sich jedoch nicht in ein Vorgangspassiv umformen, da hier kein transitives Verb vorliegt.

Versucht man, das Sein-Passiv vom Werden-Passiv abzugrenzen, kommt man zu dem Ergebnis, dass das ÄAktiv […] prozessual orientiert und agensbezogen [ist], das Vorgangspassiv […] prozessual orientiert und nicht-agensbezogen [ist und] das Zustandspassiv […] weder prozessual orientiert noch agensbezogen“ (ebd.) ist.

Beim Verwenden des Zustandspassivs wird die Aufmerksamkeit auf ein Subjekt gelenkt, dem ein mittlerweile abgeschossener Vorgang vorangegangen ist und dem Subjekt eine Stabilität gibt (ebd.:99). Köller bringt zum besseren Verständnis dafür jeweils ein Beispiel für ein Zustandspassiv und ein Vorgangspassiv an (ebd.):

[...]


1 Im Folgenden abgekürzt mit SuS

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656270263
ISBN (Buch)
9783656270768
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v201035
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,0
Schlagworte
funktionaler Grammatikunterricht

Autor

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