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Der Wandel von Engagementverdrossenheit zum Wir-Gefühl

Eine soziologische Analyse am Fallbeispiel der Occupy-Bewegungen

Masterarbeit 2012 151 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Kurzfassung

II Abstract

IV Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vom Fallbeispiel zur Bewegungsforschung
2.1 Occupy Wall Street als internationale soziale Protestbewegung
2.2 Stand der Forschung und Abgrenzung des Themas

3 Theoretischer Hintergrund
3.1 Politikverdrossenheit als Ursache und Folge politischer Probleme
3.2 Die sozialpsychologischen Konzepte: Identität, Gruppe und Beziehung
3.3 Akteure zwischen Arrangement, Integration und Opposition

4 Methodische Vorgehensweise
4.1 Verwendete Erhebungs- und Aufbereitungsverfahren
4.2 Zur Auswertung internetbasierter Quellen

5 Rahmendaten des Samples – der Occupy-Aktivist unter der Lupe
5.1 Mitglieder der Occupy-Szene
5.2 Nachhaltig Mobilisierte, Reflektiert Engagierte, Neueinsteiger und Interessierte

6 Der Wandel aus akteurszentrierten Perspektiven
6.1 Die Abkehr von der Engagementverdrossenheit
6.2 Die Emergenz eines Wir-Gefühls oder die Pflicht zum Ungehorsam
6.3 Zur Nachhaltigkeit des Wandels
6.4 Das Subjekt im Spiegel der Massenmedien
6.5 Fazit zu den empirischen Ergebnissen und Diskussion der Forschungsfragen

7 Resümee, kritische Würdigung und Ausblick
7.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
7.2 Kritische Würdigung und Forschungsausblick

8 Quellenverzeichnis
8.1 Literatur
8.2 Internet

9 Anhang
9.1 Transkribierte Interviews
9.2 Online-Fragebogen
9.3 Überblick über angefragte Occupy Gruppen in Deutschland
9.4 Reaktionen zur Online-Datenerhebung am Beispiel einer Occupy-Gruppe
9.5 Kodierleitfaden
9.6 Materialübersichten für Forschungsfragen I und II
9.7 Überblick über das verwendete Datenmaterial für Forschungsfrage III
9.8 Eigenständigkeitserklärung

I Kurzfassung

Protest und Widerstand gehören zum Grundinventar demokratischer Gesellschaften. Aktuell kann weltweit eine massive Zunahme an Bürgerprotesten wahrgenommen werden. In der vorliegenden Masterarbeit wird am Fallbeispiel der Occupy-Bewegungen empirisch untersucht, wie es zu diesem Wandel von der Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl gekommen ist, der schließlich kollektives widerständiges Handeln ermöglicht. Im Fokus der Arbeit stehen hierbei die Zuversicht, mit Protest etwas bewirken zu können, die subjektiven Motive des Einzelnen sowie die öffentliche Berichterstattung.

Die theoretische Basis der vorliegenden Arbeit bildet die akteurstheoretische Perspektive mit dem Fokus auf Politikverdrossenheit, Identität und Opposition als Strategie zur Vereinbarkeit von System und Lebenswelt. Der empirische Teil beruht auf einem dreistufigen methodischen Vorgehen, bestehend aus persönlich geführten Interviews mit Occupy-Aktivisten, einer Online-Befragung sowie einer mediensoziologischen Analyse. Die generierten Daten werden jeweils inhaltsanalytisch ausgewertet.

Die Einzelfallanalysen können nicht bestätigen, dass die Bürger in Deutschland das Gefühl (zurück)gewonnen haben, mit Protest etwas bewirken zu können. Vielmehr ist die Motivation zur Teilnahme durch die persönliche Betroffenheit von sozialen Missständen begründet und wird gestützt durch die sozialen Kontakte innerhalb der Bewegung. Die verdichteten Einzelschicksale werden durch die öffentliche Berichterstattung der Massenmedien allerdings kaum thematisiert. Im Ergebnis wird gezeigt, dass der Wandel von der Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl innerhalb der Occupy-Bewegungen gestützt wird, weil sich eine Vielzahl an Menschen mit der Bewegung identifizieren können, denen dies bisher bei anderen Bewegungen oder Institutionen nicht möglich war.

II Abstract

Protest and opposition belong to the basic inventory of democratic societies. Currently, a massive increase in civil protests can be perceived worldwide. Based on a case study of Occupy Movements, the present master thesis empirically examines how it has come to this change from engagement sullenness to a collective sense of community that finally allows for a collective resistive action. The present work focuses mainly on the Occupy activists’ confidence to be able to make a difference with protest, the subjective motives of the individual as well as the public reporting.

The actor-theoretical perspective forms the theoretical base of the present work and focuses on politics sullenness, identity and opposition as a strategy for the compatibility of system and living environment. The work’s empirical part consists of a methodical three-stage approach that consists of personally interviews with Occupy activists, an on-line questioning as well as a media-sociological analysis. The generated data is being contents-analytically evaluated in each case.

The single case analysis cannot confirm that the citizens of Germany have won back the feeling in being able to make a difference with protest. Rather, the motivation is founded by the own dismay of social evil and social contacts within the movement. However, these summarized individual fates are hardly picked out as a central theme by the mass media. In the result it is shown that the change from engagement sullenness to a collective sense of community is supported within the Occupy Movements because a huge number of people are able to identify themselves with the movement, which was not possible for them with other movements or institutions up to now.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Aufbau der Arbeit

Abb. 2: Eindrücke vom Occupy-Camp in Frankfurt am Main

Abb. 3: Visualisierung der theoretischen Grundlagen

Abb. 4: Überblick über das dreistufige methodische Vorgehen

Abb. 5: Das Verhältnis von Occupy-Szene und -Bewegung

Abb. 6: Selbsteinschätzung der Probanden innerhalb der Vier-Felder-Matrix

Abb. 7: Soziale Missstände in Deutschland

Abb. 8: Themenbereiche früheren/sonstigen Engagements

Abb. 9: Hintergründe für das Engagement innerhalb der Occupy-Bewegung

Abb. 10: Frequenzanalyse von Occupy-News, Web-Artikel und Blogs

Abb. 11: Einbettung der Empirie in die Theorie

1 Einleitung

In 2010 kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Wutbürger“ zum Wort des Jahres. Diese Bezeichnung wurde von den Massenmedien verwendet, um der Empörung in der Bevölkerung Ausdruck zu verleihen, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Das Wort dokumentiert ein großes Bedürfnis der Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben (Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. 2010).[1] Das Jahr 2011 wurde als Protestjahr deklariert, da „nie zuvor […] so viel demonstriert“ wurde (Litschko 2011). Die Protestformen und -inhalte waren dabei sehr vielschichtig: von bürgerlichem Engagement für den Bau eines Denkmals für den Berliner Eisbären Knut über Empörungen gegen arabische Diktatoren sowie Slut Walks für sexuelle Selbstbestimmung und gegen sexuelle Gewalt bis hin zu Autokorsos gegen Rassismus. Vor diesem Hintergrund wählte das New Yorker Nachrichtenmagazin Time „the protester“ als Sinnbild für den Demonstranten zur Person des Jahres 2011 (Andersen 2011). Damit würdigt das Magazin einerseits Menschen, die sich zum Zweck der Meinungsäußerung öffentlich versammelt haben als Akteure, die das Jahr 2011 am meisten geprägt haben und andererseits werden die Protestbewegungen rund um den Globus im Allgemeinen geehrt.

Ein Grund für die massive Zunahme von Protesten wird darin gesehen, dass „die Bürger […] wieder das Gefühl [haben], mit Protest etwas bewirken zu können“ (Litschko 2011). Dieses Gefühl wird zusätzlich begleitet durch ein breites Interesse der Medien an den verschiedenen Aktivitäten. Im Rahmen dieser Arbeit soll analysiert werden, wie dieser Wandel erklärt werden kann. Auf welcher Grundlage basieren das Vertrauen und die Zuversicht der Bürger, mit Protest etwas bewirken zu können? Welche subjektiven Motive veranlassen den Einzelnen zur Handlung? Sind diese Beweggründe letztlich auch in der Presseberichterstattung der Massenmedien präsent und auf diese Weise für die Öffentlichkeit zugänglich? Als Fallbeispiel werden die Occupy-Bewegungen in Deutschland verwendet.[2] Sie stellt insofern eine Besonderheit dar, weil den Aktivisten im Vergleich zu anderen Protestbewegungen bis dato eine gemeinsame Agenda sowie konstruktive Lösungsvorschläge fehlen. Dies wird jedoch von den Aktivisten nicht als Manko, sondern vielmehr als Chance wahrgenommen. Im wissenschaftlichen Rahmen wird auch von „postmodernem Protest“ gesprochen, da dieser insbesondere durch seine Unklarheit, das Diffuse und durch fehlende Forderungen gekennzeichnet ist (Schönberger 2011). Im akademischen Kontext wird die aktuell vorherrschende Krise aufgrund ihrer hohen Wandlungsfähigkeit als Ausnahmephänomen klassifiziert, die auch mit modifizierten Protestformen einhergeht und auf eine veränderte Gesellschaftsform abzielt. Eine denkbare Variante im wissenschaftlichen Diskurs ist die sogenannte Postwachstumsgesellschaft, die das Augenmerk auf Qualität statt Quantität setzt (Dörre 2011). Gemäß Grünhoff (2012) haben genau diese Aspekte der Bewegung eine besondere Antriebskraft gegeben und der durch die Unklarheit geschaffene Raum wird durch die Massenmedien zu Interpretationszwecken genutzt. Van Gelder (2011: 3) dokumentiert den Wandel entsprechend eines Slogans von einem Plakat bei Demonstrationen für Occupy Seattle:

„Dear 1%. We were asleep. Now we ‘ve woken up. Signed, the 99%”.

Die 99 Prozent bilden nach Beck (2011) eine Schicksalsgemeinschaft, die den Kapitalismus als Großexperiment erlebt und die damit verbundenen Nebenwirkungen nicht länger kritiklos hinnehmen will und kann.

Im Zentrum der vorliegenden Masterarbeit steht die Untersuchung des Wandels von der Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl am Beispiel der Occupy-Bewegungen. Die Spezifizierung des wahrgenommenen Wandels erfolgt über die Analyse und Beantwortung der folgenden Forschungsfragen:

1) Wodurch hat die Bevölkerung in Deutschland das Gefühl (zurück)gewonnen, mit Protesten etwas bewirken zu können?
2) Welche subjektiven Motive veranlassen den Einzelnen zur Handlung?
3) Spiegeln sich die Motive und Beweggründe der einzelnen Akteure in der Presseberichterstattung der Massenmedien wider?

Es wird bei der Analyse der Forschungsfragen von der Annahme ausgegangen, dass gerade der Freiraum des Individuums, der mit den spezifischen Charakteristika des postmodernen Protestes einhergeht, die zentrale Triebfeder vom Wandel der Engagementverdrossenheit zu einem (neuen) Wir-Gefühl ist. Dies impliziert, dass gesellschaftliches Engagement – je nach Bedarf – unverbindlich und individuell aktiviert oder deaktiviert werden kann. Die damit verbundene Flexibilität schafft zeitliche, räumliche sowie thematische Freiräume für den Einzelnen, der selbstbestimmt entscheiden kann: wann, in welcher Form, wo und auf welche Weise er seinen Beitrag für die Gesellschaft leistet. Diese Flexibilität stellt aber auch ein Sicherheitsrisiko für die gesamte Bewegung dar, weil der Aktivist und sein Engagement zu einer unkalkulierbaren Größe werden. Insofern muss ergänzend die Frage gestellt werden, ob diese Form eines hedonistischen Engagements überhaupt ein nachhaltiges Konstrukt bilden kann.

Der Anspruch dieser Arbeit ist, mittels soziologischer Theorien und methodischer Kenntnisse den Wandel innerhalb der Bevölkerung in Deutschland von einer Engagementverdrossenheit zu einem (neuen) Wir-Gefühl zu untersuchen. Die Analyse erfolgt am Fallbeispiel der Occupy-Bewegungen als ein aktuelles und an der Praxis orientiertes Problemfeld. Im Verständnis der Soziologie als Oppositionswissenschaft in Anlehnung an Lüdtke (2007: 471) symbolisiert das Fallbeispiel gleichsam den wissenschaftlichen Kern der Disziplin. Im Rahmen der Analyse sollen, aus dem Blickwinkel der Akteure, Erkenntnisse generiert werden, über die Bewegung selbst, welche insbesondere durch ihre Eigenheiten für die Wissenschaft ein Exempel statuiert. Im Schwerpunkt handelt es sich um eine empirische Arbeit, welche die Occupy-Bewegung als Kollektivphänomen betrachtet. Aus diesem Grund werden Makro-Mikro-Makro-Erklärungen als Basis der Ausführungen verwendet, um schließlich die Wirkung individueller Handlungen auf der Makroebene zu analysieren (Greve et al. 2008).[3]

Im Sinne einer systematischen Bearbeitung der vorgenannten Forschungsfragen ist die Arbeit in sieben Stufen aufgebaut (siehe Abbildung 1). Nachdem in diesem Kapitel auf die Relevanz der Thematik eingegangen wurde, wird direkt im zweiten Kapitel die Bewegung selbst vorgestellt und der Stand der Forschung zur thematischen Abgrenzung dargelegt. Dabei werden die bereits verfügbaren Publikationen rund um die Occupy-Bewegungen vorgestellt. Im dritten Kapitel wird die theoretische Basis der Ausarbeitung gelegt. Besonders essentiell für die Beantwortung der Forschungsfragen im Rahmen des gewählten Fallbeispiels sind das Phänomen der Politikverdrossenheit, die sozialpsychologischen Konzepte zu Bewegungsidentität bzw. Gruppenbildung sowie die Spezifizierung der Vereinbarkeit von System und Lebenswelt. Im vierten Kapitel wird die methodische Vorgehensweise beschrieben, um die Grundlage zu schaffen für die empirische Analyse in den zwei sich anschließenden Abschnitten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Aufbau der Arbeit

Quelle: Eigene Darstellung.

Zunächst wird im Kapitel 5 die Stichprobe für den empirischen Teil der Arbeit vorgestellt und die Typologie innerhalb dieser Arbeit erläutert. In den darauf folgenden Inhaltsanalysen im sechsten Kapitel werden die Hintergründe für den Wandel von Engagementverdrossenheit zu einem (neuen) Wir-Gefühl aus akteurszentrierten Perspektiven untersucht. Analog der zeitlichen Entwicklung wird zunächst auf die Engagementverdrossenheit sowie die Abkehr von dieser eingegangen. Zusätzlich wird die Emergenz eines neuen Wir-Gefühls mittels der erhobenen Daten ausgewertet. Im Rahmen der Interpretation wird ferner auf die Nachhaltigkeit des Wandels und somit auf die Stabilität des neuen Wir-Gefühls geschlossen. Um diese Ausführungen abzurunden, wird ferner das Subjekt im Spiegel der Massenmedien beleuchtet. Zu diesem Zweck werden die Schwerpunkte der Presseberichterstattung gefiltert und das ermittelte Wir-Gefühl mit der medialen Inszenierung des Protestes abgeglichen. Im Kapitel 7 werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst, kritisch hinterfragt und es wird ein Ausblick für sich anschließende Forschungsansätze gegeben.

2 Vom Fallbeispiel zur Bewegungsforschung

2.1 Occupy Wall Street als internationale soziale Protestbewegung

In diesem Abschnitt wird zunächst ein Überblick gegeben über die Occupy-Bewegungen als internationale soziale Protestbewegung, die im Rahmen dieser Arbeit als Fallbeispiel verwendet werden. Dabei liegt der Fokus der Schilderungen der Widerstandsbewegung auf dem ursächlichen Problemherd, den Aktivisten, den verwendeten Protestformen, der globalen Ausbreitung sowie auf den verwendeten Proteststrategien.

Auf der bewegungseigenen Homepage präsentiert sich Occupy Wall Street folgendermaßen:

“Occupy Wall Street is leaderless resistance movement with people of many colors, genders and political persuasions. The one thing we all have in common is that We Are The 99% that will no longer tolerate the greed and corruption of the 1%.[4] We are using the revolutionary Arab Spring tactic to achieve our ends and encourage the use of nonviolence to maximize the safety of all participants. This ows movement empowers real people to create real change from the bottom up. We want to see a general assembly in every backyard, on every street corner because we don't need Wall Street and we don't need politicians to build a better society.” (OccupyWallSt 2011)

Die Massenmedien griffen die Occupy Wall Street Bewegung ab dem 17. September 2011 thematisch auf, als die Besetzung des Zucotti Parks im Financial District in New York erfolgte. Damit wurden die Bewegung selbst und ihre Anliegen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Der Name der Protestbewegung steht gleichsam für die ursprüngliche Quelle sowie für das anhaltende Problemfeld der Krise in unserer Zeit: die ungleiche und als ungerecht empfundene Verteilung von u.a. finanziellen Ressourcen. Zu den Verursachern der Krise werden in erster Linie die Banken (der Wall Street) gezählt, aber auch große Konzerne und andere Akteure des einen Prozents, die einen erheblichen Teil des weltweiten Vermögens sowie des Wohlstandes für sich beanspruchen (van Gelder 2011: 1; Rattner 2012) und diesen Vorsprung weiter offensiv ausbauen (Hart-Landsberg 2012). Bei den ersten Occupy-Aktivisten in den USA handelte es sich vorwiegend um junge Erwachsene. Dies ging mit dem Phänomen einher, dass das Engagement, die Hintergründe und mögliche Wirkungen durch die Massenmedien infantilisiert wurden (Blumenkranz 2011: 11). In Dokumentationen über die ersten Wochen der Bewegung wird die Gruppe der Demonstranten folgendermaßen definiert:

„[Sie] scheint sich zusammenzusetzen aus einem harten Kern, der auch über Nacht bleibt, Schönwetter-Besuchern […], älteren Aktivisten, Hobos und Leuten aller Altersklassen, die unter „Studenten“ laufen“ (Ebenda: 14).

Generell ist die kritische Masse der Aktivisten der Occupy-Bewegungen durch große Diversitäten gekennzeichnet. Dies scheint jedoch nicht verwunderlich, da sich durch die bewegungseigene Definition 99 Prozent der Menschen zugehörig fühlen sollen bzw. betroffen sind. Die Definition der 99 Prozent bezieht sich neben der objektiven Einkommensverteilung auf die „Verteilung des subjektiven Gefühls, Mitglied einer bestimmten Klasse zu sein“ (Petersen 2011: 54). Damit ist den 99 Prozent gemein, dass sie alle zum Prekariat gehören. Eine der größten bisherigen Aktionen zur Mobilisierung neuer Occupy-Aktivisten war der Aufruf „Ich bin die 99%“ unter dem Link www.wearethe99percent.tumblr.com. Auf dieser Internetseite schildern Betroffene aus den USA ihre individuelle Lebenssituation und sie begründen, warum sie sich den prekären 99 Prozent zugehörig fühlen. Auf diese Weise ist einerseits ein internes Dokument entstanden, welches gleichermaßen eine nach außen gerichtete Kampagne darstellt. Andererseits stellen die Beiträge eine Einladung dar, sich mit den Individuen zu identifizieren (Roth 2011: 43).

Grundsätzlich handelt es sich bei Occupy Wall Street um eine kapitalismus- und globalisierungskritische Bewegung, welche die Existenz von Machtzentren ablehnt (Grünhoff 2012). Die Aktivisten eint, dass sie nicht länger „den Kräften des Marktes ausgesetzt“ sein wollen (Petersen 2011: 53). Vor diesem Hintergrund wurde in den USA das Ziel formuliert, „Räume für Gespräche zu schaffen, für Demokratie, echte, direkte und partizipatorische Demokratie“ (Sitrin 2011: 61). Žižek (2011: 68) spezifiziert diesen Fokus insofern noch detaillierter, indem er sagt:

„Es geht nicht mehr nur darum, was wir nicht wollen, sondern darum, was wir eigentlich wollen. Welche Gesellschaftsordnung kann den bestehenden Kapitalismus ablösen?“.

Dieses Ziel versuchen die Aktivisten zu erreichen, indem sie sich versammeln, um zu diskutieren und sich in offenen und partizipativen Strukturen zu organisieren (Blumenkranz 2011: 18). Occupy Wall Street wirkt auf diese Weise nicht als affektueller Ausbruch von Wut, sondern vielmehr als reifer Widerstand, der auf einem Lernfortschritt basiert. Die Bewegung ist gekennzeichnet durch eine informelle Organisation und Koordination, z.B. indem die einzelnen Diskussionsgruppen zur Präsentation ihrer Ergebnisse gebeten werden. Als zentrales Koordinationsinstrument wurde die sogenannte General Assembly eingeführt, die gleichsam als Plattform zur Kommunikation dient. Zahlreiche funktionale Entscheidungen werden allerdings auch von Gruppen außerhalb der General Assembly getroffen, was ein Problem der Transparenz in sich birgt (Ebenda: 17). In diesem Sinne existieren in der – per Definition – führerlosen Bewegung durchaus Anführer, die sich allerdings im Hintergrund halten. Als Grundprinzip der General Assembly gilt die basisdemokratische Versammlung. Aus den Schilderungen der Beobachter zeichnet sich jedoch ein gemischtes Bild von Ziel- und Umsetzung dieser Institution. Auf der einen Seite werden die General Assemblies wahrgenommen „als eine Art politisches Theater [inklusive] blühende[r] Erinnerungen an ein demokratisches Ideal, das unsere Gesellschaft wohl schon völlig aufgegeben hatte“ (Ebenda: 20). Auf der anderen Seite betont Sitrin (2011: 61), dass die autonomen (dezentralen) Arbeitsgruppen, die Anträge vor der General Assembly vorbringen können, insgesamt ein „effizientes und gut vernetztes Organisationsteam“ bilden.

Im Fokus der Arbeit der Occupy-Bewegung steht jeweils die Entwicklung von Lösungsansätzen und diese erfordert – wie der Wandel selbst – Zeit, Geduld und Engagement. Dieser Eindruck wird auch durch das folgende Zitat bestätigt, welches die Protestformen der ersten Wochen in den USA sehr treffend zusammenfasst:

„Wir nahmen […] Zeit und Raum für uns in Anspruch – Untätigkeit, Langeweile und sogar Lustlosigkeit spielten dabei hin und wieder ebenfalls eine Rolle, hatten aber auch ihren Wert. Denn obgleich unsere Handlungen eher symbolisch sind, haben sie doch gesellschaftliche Auswirkungen. Ideen werden ausgetauscht, neue Freundschaften werden geschlossen, alte festigen sich. Rastlosigkeit bringt Dinge in Bewegung.“ (Blumenkranz 2011: 27)

Nachdem Occupy Wall Street mit der Besetzung des Zucotti Parks im Financial District in New York offiziell begann, wandelte sich diese nationale in eine internationale Bewegung (van Gelder 2011: 1). Seit September 2011 folgten Aufstände unter dem gleichen Motto auf allen Kontinenten (o.V. 2011). Begünstigt wurde diese internationale Ausbreitung auch durch einen Aufruf für einen dezentralen Protesttag am 15. Oktober 2011, an dem für einen weltweiten Wandel zu mehr Demokratie in 82 Ländern friedlich demonstriert wurde (15october.net 2011).[5]

Die generelle Verortung von Occupy Wall Street als kapitalismuskritische Bewegung geht mit der Fokussierung auf weitere, regional differierende, Missstände einher. So liegen die Schwerpunkte des Engagements in Israel außerdem auf der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum bzw. in Spanien auf einem Ende der Korruption sowie der Achtung von Grundrechten. Im Vergleich der Occupy-Gruppen in Deutschland werden auch innerdeutsche Unterschiede sichtbar. So kritisiert Occupy Frankfurt den Mangel an erschwinglichem Wohnraum in der Frankfurter Innenstadt insbesondere für Studenten und junge Berufseinsteiger. Die Bonner Occupy-Gruppe thematisiert die Forderung nach höheren Diäten für die Politiker im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Für die Aktivisten in Heidelberg wurde der kontinuierliche Stellenabbau der Heidelberger Druckmaschinen AG zusätzlich protestrelevant und für die Occupy-Gruppe Zeulenroda u.a. die desolate Finanzsituation eines kommunalen Freizeit- und Erlebnisbades.[6] Obwohl die Spezifikationen der einzelnen Occupy-Bewegungen im Detail jeweils differieren, ist ihnen der Fokus auf soziale Gleichheit und ökonomische Gerechtigkeit gemein (Blumenkranz 2011: 35). Die regionale Fokussierung wird vielmehr als ein Herunterbrechen der großen Themen auf regionale Ebenen verstanden, welche mit der Chance einhergeht, die Bürger vor Ort direkt zur Teilhabe zu mobilisieren. Gemäß Grünhoff (2012) bewirkt diese regionale Fokussierung auch eine Verschiebung der Solidarität: von der oft passiven Empathie gegenüber Menschen in Not bzw. Minderheiten hin zu einem praktisch erlebbaren Zusammengehörigkeitsgefühl.

Aber auch die Formen des Protests der einzelnen Occupy-Gruppen und die gewählten Mittel ähneln einander sehr stark. Aus diesem Grund treten länderübergreifend zum Teil übereinstimmende Reaktionen auf, die den Medien zu entnehmen sind bzw. von Aktivisten selbst geschildert werden. Ein bewegungsinterner Blick auf diese Reaktionen wird im folgenden Zitat deutlich, welches im Rahmen einer Demonstration in New York im Oktober 2011 entstand:

„Wir hatten keinen Plan, kein erklärtes Ziel, außer zu laufen – wir wollten sichtbar und hörbar sein, das war alles. Es gab keine Konfrontation, es wurden keine Schlagstöcke ausgepackt, es wurde weder gepfiffen noch geschrien, noch in irgendeiner Form Gewalt angewendet. Die Cops wirkten gelangweilt, erschöpft und sogar unaufmerksam – die Proteste zogen sich in die Länge.“ (Blumenkranz 2011: 22)

Aus den vorgenannten Gründen können Occupy Wall Street sowie die modifizierten Occupy-Bewegungen weltweit als eine gemeinsame internationale soziale Protestbewegung betrachtet werden – trotz starker regionaler Differenzen. Auf der übergreifenden Homepage http://www.occupytogether.org/ sammelt die Bewegung Berichte, Videos und Protestankündigungen in den verschiedenen Städten. In Anlehnung an Vogel (2011) und Grünhoff (2012) gelten als erste Erfolge der Bewegung – neben der medienwirksamen Inanspruchnahme öffentlicher Räume – die Einbindung von Gewerkschaften in den Protest (vor allem in Israel und in den USA) sowie die Unterstützung durch Prominente und wichtige Intellektuelle aus Wissenschaft und Wirtschaft.

Das gesellschaftliche Engagement des Einzelnen wird jedoch auch begleitet durch kritische Stimmen von Außenstehenden sowie von Akteuren aus den eigenen Reihen. So schildern Occupy-Aktivisten:

„Im Laufe des Abends bekamen [wir] zweimal Sprüche wie „Geht arbeiten!“ zu hören. Dabei demonstrieren wir doch unter anderem dagegen, dass es nicht genug Arbeitsplätze gibt und schon gar nicht genug sinnvolle, angemessen bezahlte.“ (Blumenkranz 2011: 26; sinngemäß geäußert auch im Interview 1 siehe Anhang).

Aber es wird auch bewegungsintern Kritik geäußert, da der vorläufige Fokus der Bewegung – das Versammeln, die Führung von Diskussionen und die Organisation von Aktivisten – als Untätigkeit wahrgenommen wird und auf Ungeduld in den eigenen Reihen stößt (Blumenkranz 2011: 27). Darüber hinaus entsteht durch die gewählten Protestformen (wie z.B. die Bildung von Camps) eine „Nähe der Occupy-Bewegung zu den Obdachlosen und Bettlern in den Innenstädten“ (Roth 2011: 41). Die Zeltstädte ziehen „den Streusand der Gesellschaft an“ (Dörre 2011). Wobei zu berücksichtigen ist, dass viele Occupy-Aktivsten über Ressourcen verfügen, die Obdachlosen, Kriminellen u.a. nicht zugänglich sind. Generell ist die Bewegung weltweit auch Monate nach der Wahrnehmung der Proteste in der Öffentlichkeit durch ein „Tohuwabohu von Forderungen und Anliegen“ gekennzeichnet und im Zeitverlauf werden unterschiedlichste Themen protestrelevant (NZZ Online 2012).

Abschließend soll durch entsprechende Fotos des Occupy-Camps in Frankfurt am Main noch ein visueller Eindruck der Occupy-Bewegung in Deutschland vermittelt werden. Die Aufnahmen zeigen insbesondere die während der Demonstrationen verwendeten Slogans sowie die breite Palette an relevanten Inhalten: von den Forderungen für einen gesetzlichen Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung über Umweltschutzthemen, die Verurteilung von Faschismus und Krieg bis hin zur direkten Anklage des Finanzsystems. Weiterhin ist die sogenannte „Zeltstadt“ des Occupy-Camps in Frankfurt am Main abgebildet, welche direkt an den Wahrzeichen der Finanzmetropole im Bankenviertel aufgebaut wurde wie dem Euro-Zeichen am Willy-Brandt-Platz. Die Fotos entstanden im Januar 2012:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Eindrücke vom Occupy-Camp in Frankfurt am Main

Quelle: Eigene Fotos.

2.2 Stand der Forschung und Abgrenzung des Themas

Protest- und Bewegungsforschung als akademische Disziplinen etablierten sich Mitte der achtziger Jahre im deutschsprachigen Raum. Im Zentrum standen in erster Linie Frauen-, Friedens- und Ökologie-/Alternativbewegungen sowie die Antiatomkraftbewegung (Flörsheimer 2002). Mit der derzeit vorherrschenden Zunahme von Protesten erlebt auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Materie eine Renaissance. Die Untersuchungsgegenstände variieren dabei generell zwischen den politischen Prozessen, ihren Akteuren, sozialen Voraussetzungen für die Bewegung sowie deren organisatorischer Verfasstheit, aber auch den gesellschaftlichen Auswirkungen des Handelns politischer Akteure (Rammstedt 1978; 2007: 93).

Die theoretische Basis dieser Arbeit bildet das Konzept der kollektiven Identität, wobei Identität als „Inszenierung einer Einheit“ verstanden werden kann (Eder 2011b: 54). Der Begriff wurde, bezogen auf soziale Gruppen, erstmals von Habermas (1976: 63 ff., 92 ff.) in die Sozialwissenschaften eingeführt unter ausdrücklicher Berufung auf das Ich-Identitätskonzept von Erikson (1973), welches v.a. in der Psychologie Anwendung findet. Die kollektive Identität wird als Ursache für kollektives politisches Handeln angenommen. Das Verständnis der Akteure für die kollektive Bewegungsidentität bleibt jedoch ein latentes Konstrukt. Dies impliziert, dass Aspekte die für einige Aktivisten wesentlich sind, für andere unter Umständen gleichgültig erscheinen. Analog Opp (2006; 2009: 218 f.) geht die Identifikation mit einer Gruppe zusätzlich mit einer positiven Einstellung zu dieser einher und beinhaltet eine emotionale Bindung an die jeweilige Gemeinschaft. Ferner ist Identität charakterisiert durch die (relative) Konstanz von Verhaltensweisen, Mentalitäten und ideellen Orientierungen sowie durch eine Stabilität des Selbst- und Weltverständnisses (Behrens 1999).

Kollektive Identitäten von sozialen Bewegungen wurden empirisch bisher in erster Linie mittels standardisierter Fragebögen erhoben und daraufhin quantitativ ausgewertet (Kelly & Breinlinger 1996; Simon et al. 1998; Klandermans & de Weerd 2000; Mühler et al. 2004). Die jeweils zugrunde liegenden Definitionen kollektiver Identität variieren jedoch. Generell bestätigen die vorgenannten Untersuchungen die sogenannte Identitätshypothese in unterschiedlichen Kontexten: Je größer die Identifikation mit einer Gruppe ist, desto wahrscheinlicher ist Protest. Ein einheitlicher kausaler Zusammenhang zwischen Identifikation, Anreiz und Protest konnte jedoch nicht empirisch bestätigt werden. Die Autoren verwenden differierende Modelle zur Erklärung ihrer Ergebnisse. Ein Vergleich mit der Occupy-Bewegung ist zudem nur bedingt möglich, da es sich bei den vorgenannten Studien um sogenannte single issue movements handelt, d.h. um Untersuchungen mit nur einem thematischen Schwerpunkt.

Für das hier verwendete Fallbeispiel der Occupy-Bewegung existieren bereits verschiedenste wissenschaftliche Publikationen, obwohl die Proteste erst seit einigen Monaten öffentlichkeitswirksam sind. Die Verknüpfung zur Wissenschaft wird auch von der Bewegung selbst unterstützt und gefördert. So wurde bereits seit November 2011 über die Homepage http://www.occupyresearch.net/ ein Netzwerk aufgebaut, in welchem sich Interessierte zu Forschungsfragen, -methoden oder zur Datenbasis empirischer Untersuchungen austauschen können.[7] Andere Forschungsvorhaben, die sich innerhalb ihrer Fragestellung auf den Occupy-Aktivisten konzentrieren und auf http://www.occupyresearch.net/ gelistet sind, beschäftigen sich z.B. mit den sozialen Rollen der Akteure innerhalb der Bewegung (Organisator, Camper, Demonstrant o.ä.) bzw. mit deren Medieneinsatz und -nutzung, mit den potenziellen Zusammenhängen der Aktivisten zu deren Ethnie, Klasse oder ihrem Geschlecht sowie mit dem Netzwerk aus Freunden und Familienmitgliedern, welche zur Mobilmachung beigetragen haben.

Die bekannteste und umfangreichste empirische Untersuchung von Occupy-Aktivisten stammt von Konczal (2011). Sie basiert auf Schilderungen von Amerikanern, die auf dem Tumblr-Blog „We are the 99 per cent“ unter http://wearethe99percent.tumblr.com/ Porträtfotos hochgeladen haben mit Dokumenten, auf denen sie ihre individuellen Lebenssituationen beschreiben. Die deskriptive Analyse durch Konczal von über 1.000 Schilderungen im Blog ergab, dass der Altersdurchschnitt der Probanden bei 29 Jahren liegt. Die Betroffenen fühlen sich den 99 Prozent zugehörig, weil sie von Arbeitslosigkeit mittelbar bzw. unmittelbar bedroht sind und weil sie ihre Schulden nicht zurückzahlen können (in erster Linie Studienkredite). Weitere Problemfelder sind die hohen Kosten für eine Krankenversicherung sowie die wahrgenommene Perspektivlosigkeit für nachfolgende Generationen.

Eine weitere empirische Analyse der Occupy-Aktivisten in den USA wurde von Apollon (2012) veröffentlicht. Zur Generierung der Daten wurden neun Fokusgruppeninterviews in fünf Städten mit durchschnittlich sieben Probanden durchgeführt.[8] Die Datenauswertung ergab, dass Diskriminierung und Rassismus zentrale Motive für junge Menschen in den USA sind, um sich an den Occupy-Protesten zu beteiligen. Weitere Impulse für den Widerstand sind nach Apollon der Wunsch nach Wirtschaftsgerechtigkeit, der Bereich Sexismus/Gender, Probleme in Bezug auf Gefängnis und Verbrechen, Umweltthemen sowie Unzufriedenheit über die herrschenden Migrantenrechte.

Der Wandel von Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl im Sinne der Occupy-Bewegung – wie er in dieser Arbeit analysiert wird – wurde entsprechend der aktuellen Recherche bisher nicht untersucht. So legt keine der auf http://www.occupyresearch.net/ bzw. in diversen Forschungsnetzwerken zu sozialen Bewegungen präsentierten laufenden bzw. abgeschlossenen Studien den Fokus auf die subjektiven Handlungsmotive der Aktivisten in Deutschland bzw. auf die Bewegungsidentität. Auch Forschungsvorhaben, die explizit die kollektive Identität von Occupy Wall Street thematisieren oder die Selbstzurechnung der Aktivisten, sind nicht gelistet. Eine noch unveröffentlichte Ausnahme bildet die im Mai 2012 abgeschlossene Studie der GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH (2012). Die Ergebnisse dieser ethnologischen Analyse stellen Motive, Kritikpunkte, alternative Vorschläge der Bewegung in Deutschland sowie Erwartungen an Finanzdienstleister in den Fokus. Die Gruppe der Probanden umfasst neben Occupy-Aktivisten auch Bankkunden sowie Occupy-affine Bankangestellte. Die Studie wird erstmalig im Juli 2012 im Rahmen einer BVM-Veranstaltung in Stuttgart vorgestellt (BVM Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. 2012).

Zur Vervollständigung soll im Folgenden ein Überblick über die sonstigen, bereits veröffentlichten, transdisziplinären Untersuchungen über die Occupy Wall Street Bewegung gegeben werden.[9] Die ersten Publikationen wurden von Journalisten veröffentlicht und/oder sie basieren primär auf der Presseberichterstattung durch die Massenmedien. Als sozialwissenschaftliche Erhebungsmethoden kommen verschiedene Arten der Interviewführung zum Einsatz. Probanden sind in erster Linie Aktivisten und Politiker. Zunächst stand die Dokumentation der Ereignisse im Fokus. So wurde direkt mit dem Start der Widerstandsbewegung in den USA an einer Publikation gearbeitet, welche die Bewegung selbst sowie deren Hintergründe thematisiert. Gleichzeitig handelt es sich bei dieser frühen Publikation von van Gelder et al. (2011) um einen Aufruf zur Mobilisierung. Eine weitere Veröffentlichung, die versucht, zentrale Fragen rund um die Bewegung zu (er)klären, erschien im Dezember 2011 durch das Time Magazine (2011). Neben den publizierten Presseberichten stützt sich dieses Buch auf eine eigens durchgeführte Umfrage. Zum gleichen Zeitpunkt erschienen auch die ersten deutschsprachigen Publikationen über die Occupy-Bewegungen. So liefert Prantl (2011) neben der Dokumentation des Widerstandes eine kritische Reflektion auf den Finanzkapitalismus sowie theologische Bezüge. Der Autor schließt ebenfalls mit einem Aufruf zur Mobilisierung. Auch Blumenkranz et al. (2011) gehen einen Schritt weiter und bemühen sich, ihre Dokumentation der Bewegung um einen Ausblick und konstruktive Lösungsvorschläge zu ergänzen.

Protestbewegungen und deren wissenschaftliche Untersuchungen wurden in vielfältiger Weise auch zum Gegenstand zahlreicher Konferenzen, Tagungen und Workshops in den Jahren 2011 und 2012. Um einen Einblick zu gewinnen, wird im Folgenden kurz auf eine Auswahl der in Deutschland durchgeführten bzw. geplanten Veranstaltungen eingegangen. In den Vorankündigungen der nachfolgenden Konferenzen bzw. Tagungen wurde die Occupy-Bewegung jeweils explizit als Beispiel verwendet. So wurde auf der Jahrestagung 2011 der Fachgruppe „Soziologie der Medienkommunikation“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft e.V. (DGPuK) in Erfurt im Dezember 2011 u.a. der Zusammenhang von Mobilität und Politik diskutiert (TU Ilmenau 2011). Der internationale Kongress „Ziviler Ungehorsam und kollektiver Regelverstoß“ im Januar 2012 in Dresden lud zum Austausch über Projekte und Aktionen zivilen Ungehorsams ein (Rosa-Luxemburg-Stiftung 2012). Den wissenschaftlichen Hintergrund zu den aktuellen Widerstandsbewegungen bildeten Debatten um das zivile Engagement als Balanceakt zwischen legitimer Aktion und bürgerlicher Pflicht. Im April 2012 wurden im Rahmen der Tagung „Soziale Bewegungen in der Stadt“ in Hamburg speziell Großstädte als Orte sozialer Bewegungen erörtert sowie deren räumliche Strukturen, die Nähe zwischen den Akteuren, die Mobilisierungsfähigkeit und die Wirksamkeit städtischer Proteste (Universität Hamburg 2012).

Zusätzlich befinden sich aktuell folgende Veranstaltungen in der Planung, deren Durchführung im Anschluss an die Bearbeitungszeit dieser Masterarbeit erfolgen wird: Im Juni 2012 wird eine Tagung der Universität Mannheim unter dem Titel „Protest, Empörung, Widerstand“ die Dimensionen, Formen und Implikationen von Auflehnungsbewegungen analysieren (Universität Mannheim 2012). Entsprechend der Vorankündigung des European Consortium for Political Research (ECPR 2012) wird die Perspektive eines Panels auf der 4. ECPR Graduate Conference an der Jacobs Universität in Bremen im Juli 2012 dem Kern dieser Arbeit stark ähneln. Unter dem Titel “Linking collective identity and agency: Social movements, organizations and strategic choices” werden dort Zeit, Gedächtnis und das Lernen in Bewegungen diskutiert sowie Strategien als eine Verbindung von Struktur und Handlung. Auch die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW 2012) wird sich im September 2012 unter dem Titel „Das Versprechen der Demokratie“ in Tübingen mit Bewegungsforschung auseinandersetzen. Im Fokus der Beiträge und Diskussionen sollen einerseits Arbeiten über Protestinhalte und Lösungsvorschläge stehen. Ferner soll ein Verständnis für Demokratisierungsprozesse gefördert werden. Schließlich werden die Themen Bewegungsforschung, gesellschaftlicher Wandel sowie die aktuellen Bezüge auch auf dem 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS 2012) im Oktober 2012 in Bochum/Dortmund präsent sein. Hier werden u.a. innerhalb der Sektionsveranstaltung „Protest und Partizipation in heterogenen Gesellschaften“ neue Protestentwicklungen in Deutschland und Europa empirisch analysiert und auf dieser Grundlage sollen theoretische Ansätze weiterentwickelt werden. Im Kontrast zur Perspektive der Veranstaltung auf dem DGS-Kongress aber analog der für diese Arbeit fokussierten Herangehensweise werden im sich anschließenden Kapitel zunächst die theoretischen Grundlagen des Wandels von Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl innerhalb sozialer Bewegungen erläutert.

3 Theoretischer Hintergrund

3.1 Politikverdrossenheit als Ursache und Folge politischer Probleme

Der Wandel von Verdrossenheit zu einem Wir-Gefühl, welches in kollektivem widerständigen Handeln als eine Form der Opposition mündet, wird im Rahmen dieser Arbeit wie folgt theoretisch hergeleitet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Visualisierung der theoretischen Grundlagen

Quelle: Eigene Darstellung.

Ausgangsbasis der Überlegungen sind Verdrossenheitseinstellungen allgemeiner Art, die diverse Ursachen haben können wie z.B. negative Meinungen gegenüber Parteien, Politiker und Medien. Darüber hinaus können strukturelle Gründe wie die Globalisierung, Anlässe für Verdrossenheitseinstellungen darstellen sowie Veränderungen der Randbedingungen z.B. ein Wertewandel oder das Wachstum des Wohlfahrtstaates. Im Fokus dieser Arbeit stehen die mit dieser Einstellung einhergehenden Außenwirkungen insbesondere die Politik- und Engagementverdrossenheit. Dabei ist zu berücksichtigen, dass gesellschaftliches Engagement viele Facetten umfasst. Präsent wird es vor allem in der Aktivität von Selbsthilfegruppen oder Freiwilligen-Zentren, bei Seniorengenossenschaften, in Netzwerken zwischen Markt, Selbsthilfe und Staat bzw. bei Arbeitslosenprojekten (Heinze & Keupp 1997). Im Rahmen dieser Arbeit wird gesellschaftliches Engagement als ein Segment nicht-institutionalisierter politischer Partizipation verstanden, das mit einem flexiblen Rahmen in Bezug auf Hierarchie, Dominanz und Macht einhergeht (Ebenda). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die bewusste oder unbewusste Abkehr von gesellschaftlichem Engagement als ein Bestandteil von Politikverdrossenheit definiert werden kann.[10] Konsequenzen von Politikverdrossenheit sind in Anlehnung an Arzheimer (2002: 16 f.) die sinkende Wahlbeteiligung, Mitgliederverluste von etablierten Parteien, wechselndes Wahlverhalten sowie das schwindende Vertrauen in öffentliche Institutionen.

Die Folgen der Verdrossenheitseinstellung können sich auf verschiedene Weisen sowie auf differierenden Ebenen niederschlagen. In dieser Arbeit stehen die Handlungsweisen auf der Mikro-Ebene im Fokus, die auch von den Einstellungen gegenüber Institutionen tangiert werden. Es lassen sich drei Handlungsweisen bzw. Typen lebensweltlicher Reaktionen unterscheiden: Arrangement, Integration sowie (aktive) Opposition, die im Kapitel 3.3 detailliert erläutert werden. Einen entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung des einzelnen Akteurs für eine spezifische Handlungsweise bilden die Verfügbarkeit Gleichgesinnter, die Möglichkeit, sich mit anderen Akteuren und gemeinsamen Zielen zu identifizieren sowie das Vorliegen/die Entwicklung von Zuversicht oder Unglaube bezogen auf die Veränderungsmöglichkeiten. Die in Abbildung 3 aufgezeigten Wege zu Integration und Opposition werden in Kapitel 3.2 spezifiziert.

Zunächst soll die Ausgangsbasis zur Verdrossenheitseinstellung insbesondere das Vorliegen der Politikverdrossenheit detaillierter ausgeführt werden. So wurde die Chance zur politischen Einflussnahme durch die Bürger in Deutschland in der Vergangenheit nur bedingt genutzt. Dies belegen zahlreiche empirische Untersuchungen wie die German Longitudinal Election Study (GLES) als bislang größte deutsche nationale Wahlstudie (GESIS 2012). Auch sonstige Formen der politischen Partizipation wie die Mitgliedschaft in Bürgerinitiativen und Protestgruppen waren lange Zeit rückläufig. Selbst die Resonanz auf Unterschriftenaktionen oder Boykott-Aufrufe stagnierten (Bytzek & Roßteutscher 2011). Im Jahr 1992 wurde Politikverdrossenheit als Phänomen in öffentlichen Debatten so präsent, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache es zum Wort des Jahres erklärte (Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. 2012). Verdrossenheitseinstellungen und insbesondere Engagementverdrossenheit wird auf diese Weise zu einer

„Ursache, […] Folge und [zu einem] Überbegriff für eine ganze Reihe von politischen Problemen und Entwicklungen“ (Arzheimer 2002: 16).

In diesem Sinne formulieren van Dyk & Graefe (2011), dass Protest und Widerstand zum Grundinventar demokratischer Gesellschaften gehören und eine Gefahr von der Nichtinanspruchnahme dieser Rechte ausgeht. Gesellschaftlicher Wandel kann vor diesem Hintergrund gleichzeitig als ein Ergebnis sozialer Auseinandersetzungen und Kämpfe verstanden werden. Dass sich die rückläufige Entwicklung gesellschaftlichen Engagements aktuell umkehrt und es im Jahr 2011 zu einer massiven Zunahme von Protesten kam, wurde bereits in Kapitel 1 erläutert. Die Forschungsfragen 1 und 2 können somit direkt aus den aktuell zu beobachtenden Entwicklungen abgeleitet und wie folgt spezifiziert werden:

1) Wodurch haben die Bürger das Gefühl (zurück)gewonnen, mit Protesten etwas bewirken zu können? Worauf begründet sich die Hoffnung in die Veränderungsmöglichkeiten?

Die erste Forschungsfrage beinhaltet die These, dass die der Politikverdrossenheit zu Grunde liegenden negativen Einstellungen der Bevölkerung in Deutschland gegenüber politischen Parteien, Politikern sowie politischen Prozessen - durch Zuversicht gespeist - in eine Oppositionsstrategie führen können (entsprechend Abbildung 3). Die Hoffnung kann vor dem Hintergrund sich wandelnder Rahmenbedingungen wachsen oder als gruppendynamischer Prozess ein Teil der Identitätskonstruktion innerhalb der Bewegung darstellen. Die Entscheidung des Akteurs für die Oppositionsstrategie wird in Forschungsfrage 2 detailliert:

2) Aus welcher Motivation heraus engagieren sich Menschen plötzlich für Sachverhalte, die sie selbst durch ihre vorangegangene Engagementverdrossenheit (mit)verursacht haben?

Somit bilden akteurstheoretische Perspektiven die Basis dieser Arbeit, die von den Akteuren und deren sozialen Beziehungen auf die Gesellschaft an sich schließen lassen.

„Die Prämisse dieses Ansatzes lautet, dass Wirtschaftsreformen und Demokratisierung […] nicht zwangsläufig das Ergebnis von strukturellen Bedingungen wie der Wirtschaftsstruktur, Sozialstruktur, dem politischen System u.a.m. sind, sondern maßgeblich von den an ihnen beteiligten Akteuren geprägt werden. Entscheidend sind nicht in erster Linie die bestehende Struktur oder die vorgefundenen Rahmenbedingungen, sondern die Art und Weise, wie die relevanten Akteure mit diesen umgehen“ (Schwanitz 1997).

Als soziologischer Klassiker einer akteurstheoretischen Perspektive gilt Simmel, der den Konflikt als entscheidenden Faktor zur Integration der Menschen in Gruppen bewertet (Simmel 1992). Der Konflikt gefährdet somit nicht die Gesellschaft, sondern ist eine Form der Vergesellschaftung. Darauf aufbauend hat Coser (2009) den Konflikt als Bedingung für den sozialen Wandel beschrieben und ihm eine sozialisierende Funktion zugeschrieben: Konflikte führen zu einer Anpassung bzw. Neuschaffung sozialer Normen und Regeln. Dadurch entstehen neue soziale Strukturen. Im Konfliktgeschehen werden sich die Beteiligten dieser Regeln bewusst. Eine Besonderheit innerhalb der akteurstheoretischen Perspektive von Konflikten stellt deren Eskalationstendenz dar. Einmal wahrgenommen können sich Konflikte potenzieren, bis die Ursache des Konflikts nicht mehr dominant ist, sondern nur der Konflikt selbst (Glasl 2004).

Aufgrund der Wahl der Occupy-Bewegungen als Untersuchungsfeld dieser Arbeit sollen vor allem Konflikte um und durch soziale Ungleichheit(en) im Fokus stehen. Wie Rehberg (2006: 19 ff.) sowie Lessenich & Nullmeier (2006: 15 f.) zeigen, nimmt die Vielfalt gesellschaftlicher Spaltungen stetig zu und die Gerechtigkeitsdebatte trennt z.B. Generationen, Altersgruppen, Bildungsschichten, Lebensformen und -stile, Bundesländer, Berufsgruppen, Steuerzahler und Transferbezieher. Obwohl die Betroffenen in sehr unterschiedlicher Bandbreite und Qualität von den Störungen der bestehenden sozialen Ordnungen tangiert sind, existiert ein verbindendes Moment, welches die Menschen zu widerständigem Handeln innerhalb und gegen gesellschaftliche(r) Ordnung motiviert. Dieses soll im Rahmen dieser Arbeit empirisch erhoben werden. Vor diesem Hintergrund ist es essentiell zu fragen, wie neue Mitglieder für die Bewegung mobilisiert werden können. Eine zentrale Rolle dabei spielt die Presseberichterstattung der Massenmedien, da diese neben der dokumentarischen Funktion auch mobilisierende Wirkung haben kann. Aus diesem Grund soll im Rahmen von Forschungsfrage 3 untersucht werden:

3) Spiegeln sich die Motive und Beweggründe der einzelnen Akteure in der medialen Öffentlichkeit wider oder liegt der Fokus hier explizit nicht in der akteurszentrierten Perspektive?

Die Leitthese zur Beantwortung der Forschungsfragen basiert auf einem strukturalistischen Ansatz der Modernisierungstheorien, die den Wandel von der traditionellen zur modernen Welt durch Attribute wie dynamisch und rational charakterisieren (Toye & Toye 2006: 27; Prebisch 1956). In Anlehnung an Parsons wird das Konzept der Modernisierung als unumkehrbarer und zielgerichteter Wachstumsprozess verstanden, der durch Differenzierung, Mobilisierung, Partizipation sowie Konfliktinstitutionalisierung beschrieben werden kann. An diese Komponenten knüpft Parsons auch im Rahmen seiner evolutionären Universalien, die für jegliche Entwicklung von Gesellschaft charakteristisch sind (Parsons 1979; Münch 1988). Auf Basis der sich anschließenden empirischen Untersuchung soll ermittelt werden, wo diese Form der Konfliktinstitutionalisierung verortet werden kann. Analog den Verelendungstheorien liegt die Vermutung nahe, dass die persönliche Betroffenheit einen wesentlichen Impuls für den Wandel von der Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl darstellt. Dies würde bedeuten, dass die Befragten erst bereit sind aktiv zu werden, wenn sie selbst von sozialen Missständen betroffen sind bzw. die Menschen in ihrer direkten Umgebung. Stiglitz (2011: 48) wertete die Situation in den USA folgendermaßen:

„Von allen Verlusten, die das obere Prozent dem Rest der amerikanischen Gesellschaft aufzwingt, ist dies vielleicht der bedeutendste: die Erosion unserer Identität, für die Fairness, Chancengleichheit und Gemeinsinn so wichtig sind“.

3.2 Die sozialpsychologischen Konzepte: Identität, Gruppe und Beziehung

Die Idee des Wandels von der Engagementverdrossenheit zu einem neuen Wir-Gefühl fokussiert sich auf den Prozess der Emergenz einer neuen kollektiven Identität, die in Integration oder Opposition als mögliche Handlungsstrategien münden kann. Die Basis der Überlegungen bilden Theorien zu Vertrauen, Kontrolle, Konflikt und Risiko, die daraufhin in die sozialpsychologischen Konzepte Identität, Gruppe und Beziehung münden. Wie bereits angeführt, vermuten Wissenschaftler, dass die deutsche Bevölkerung ihr Zutrauen in die eigenen Veränderungsmöglichkeiten (zurück)gewonnen hat und dies ein Grund für die steigende Beteiligung an sozialen Bewegungen ist (Litschko 2011). Generell wurden die Phänomene Vertrauen und Misstrauen bisher in der Psychologie wenig untersucht, obwohl diese zentrale Elemente im menschlichen Leben darstellen (Thomas 2004). Die Ursache dafür ist vermutlich darin zu sehen, dass auch für die Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten Gefühle wie Vertrauen nur bedingt quantifizierbar sind. Generell gilt erwartungsgemäßes Verhalten als vertrauenswürdig, d.h. die Situationen müssen von den Betroffenen als einschätzbar, kalkulierbar bzw. prognostizierbar wahrgenommen werden (Ebenda). Das Vertrauen in die Politik ist den Bürgern verloren gegangen, genau dies eint die Aktivisten der Occupy-Bewegungen. Gemäß Thomas (2004) existieren keine Theorien, keine empirisch einsetzbaren Methoden zur Datenerhebung und zur Datenanalyse respektive zur Dateninterpretation zum Thema Vertrauen. In der Praxis und bezogen auf das hier verwendete Fallbeispiel wird Vertrauen wie folgt erlebt:

„Als die Demonstranten dann tatsächlich die Nacht über durchhielten, begann ich, ihnen mehr Vertrauen zu schenken“ (Blumenkranz 2011: 10).

Somit wird deutlich, dass Vertrauen zunächst stark auf der Ebene der Akteure verhaftet ist. Dies bestätigt auch Rempel et al. (1985), der die Entwicklung von Vertrauen in drei Stufen nachzeichnet: zunächst entsteht Vorhersagbarkeit, daraufhin bildet sich Zuverlässigkeit aus, die sich schließlich in Zuversicht wandeln kann. Das Gefühl ist nicht plötzlich da, es wird aufgebaut, verstärkt, gefestigt und abgesichert. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass Vertrauen Komplexität reduziert (Luhmann 2000). Es „minimiert [das] Risiko und erweitert Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten“ (Thomas 2004). Auf diese Weise ist es auch ein wichtiger Faktor für den Umgang mit Angst. Das Gefühl von Vertrauen hat darüber hinaus eine identitätsstiftende Wirkung.

In der Bewegungsforschung wird zwischen individueller und kollektiver Identität unterschieden (Rucht 2011: 26). Diese Trennung geht zurück auf das Identitätskonzept von Tajfel & Turner (1979).[11] Es ist in seiner Anwendung innerhalb der Bewegungsforschung analytisch jedoch umstritten (Daphi & Rucht 2011: 3; Rucht 2011: 26 ff.). Analog der Definition von Rucht (2011: 27) wird der Begriff der kollektiven Identität in dieser Arbeit wie folgt verwendet:

„Kollektive Identität bezieht sich auf soziale Gruppen jedweder Größe […], deren Angehörige sich der jeweiligen Gruppe per Willenskundgebung (aktiver Identifikation) zurechnen und grundlegende Aspekte dieser Gruppe – Ziele, Werte, Praktiken, Lebensstile usw. – wertschätzen und handlungspraktisch bekräftigen“.

Rucht (2011: 28) betont darüber hinaus, dass es sich nicht um feststehende Eigenschaften handelt, sondern dass die Gruppenzugehörigkeit fortlaufend stabilisiert und (neu)justiert werden muss. Bei der kollektiven Identität handelt es sich demnach um eine soziale Konstruktion (Eisenstadt & Gießen 1995: 74). Dieser iterative Prozess der Selbst- und Fremdwahrnehmung und die fortlaufende Neujustierung der Gruppenzugehörigkeit führen zu diversen Festigkeitsgraden der Bindungen unter den Aktivisten und erhöhen die Bedeutung handlungspraktischer bzw. symbolischer Unterstützung. Zu schwach oder auch zu stark ausgebildete kollektive Identitäten sind für soziale Bewegungen wie Occupy Wall Street kontraproduktiv. Es handelt es sich demnach um einen andauernden Balanceakt (Rucht 1995: 12).

In Anlehnung an die Sozialtheorie von Mead (1973) ist das gegenseitige Verstehen die Grundlage für Sozialreformen, die nicht auf Abgrenzung/Ausschließung abzielen, sondern auf neuen Formen der Kooperation basieren. Mitgefühl und Verständnis werden auf diese Weise entwickelt, um Verhaltensänderungen zu bewirken bzw. eine Verbesserung von Lebenssituationen. Vor diesem Hintergrund wird der Prozess der Identitätsbildung begleitet durch die Übernahme der Erwartungen anderer Akteure. Diese Erwartungen sowie mögliche Reaktionen können in der Handlungsplanung auch tatsächlich berücksichtigt werden, so dass Handeln nicht ein reaktiver Akt ist, sondern mögliche Handlungsalternativen zunächst kognitiv durchgespielt werden. Entscheidend ist, dass die Individualität des Einzelnen die kreativen Problemlösungen und die Entwicklung einer individuellen bzw. personalen Identität zulassen. Für die Untersuchung sozialer Bewegungen, insbesondere für die Analyse des Wandels von Engagementverdrossenheit zu einem Wir-Gefühl, sind Forschungsergebnisse zur Entstehung von Gruppeninteressen sowie zu Motiven kollektiven Handelns relevant. Beide Aspekte werden im Folgenden erläutert.

Der aktuelle Forschungsstand zu kollektiver Identität innerhalb sozialer Bewegungen verdeutlicht, dass kollektives Handeln jenseits von individuellen Gewinnkalkulationen erklärt werden kann (Daphi 2011: 14). Ein in der Wissenschaft als systematisch geltender Erklärungsansatz für die Entstehung von kollektiver Identität ist die Framing-Theorie, die gleichsam einen Mechanismus zur Mobilisierung darstellt (Snow & Benford 1992: 137). Ein Frame dient dabei als interpretatives Schema eines sozialen Problems. Innerhalb des Framing-Prozesses werden bewegungseigene Ziele definiert sowie ein adäquates Vorgehen interpretiert und gerechtfertigt. Auf diese Weise vollziehen sich die Vergemeinschaftung der Anhänger zu einem kollektiven Akteur und die Herausbildung einer gemeinsamen Handlungsorientierung (Weber 1980: 383; Döveling 2005: 122). In diesem Prozess werden die Umwelt sowie die eigene Gruppe umrissen, was den konstruierten Rahmen und die kollektive Identität stark miteinander verbindet (Daphi 2011: 15). Das Framing einer sozialen Bewegung lässt sich in einem sogenannten „master frame“ zusammenfassen. Für die heterogenen Occupy-Bewegungen bedeutet dies, dass ein master frame hinsichtlich der relevanten Probleme, den Verursachern, den zu ergreifenden Maßnahmen und ihren Handlungsmotivationen entwickelt werden kann. Analog ist dies bereits in Untersuchungen anderer heterogener Bewegungen wie z.B. der Antiglobalisierungsbewegung empirisch durchgeführt worden (Andretta et al. 2003; Kern 2007: 149 ff.).

Erkenntnisse über die Motive kollektiven Handelns finden sich in der sozialpsychologischen Forschung (Hunt & Benford 1994). In Anlehnung an Zick & Wagner (1995: 56 ff.) sind interpersonale Ähnlichkeiten ein Produkt von Kategorisierungen innerhalb von Gruppenbildungsprozessen in sozialen Bewegungen. Ein wesentliches Merkmal dieser kategorialen Definition ist die Abgrenzung der Mitglieder nach außen. Aus diesem Grund wird die

„Selbstinterpretation als Gruppenmitglied […] von Bedeutung für soziale Bewegungen, da sie die Sympathie und Austauschbarkeit unter den Mitgliedern der Gruppe erhöht und damit kollektives Handeln wahrscheinlicher macht“ (Daphi 2011: 15).

Simon (1995: 46 ff.) fügt hinzu, dass insbesondere gemeinsame Erfahrungen und Konflikte die Rolle der Selbstinterpretation als Gruppenmitglied und auf diese Weise auch die Wahrscheinlichkeit zur Teilnahme an kollektiven Aktionen erhöhen. Dieser Aspekt konnte auch durch Klandermans & de Weerd (2000) sowie Stürmer & Simon (2004) empirisch bestätigt werden. Zentral ist allerdings die Identifikation mit der aktiven Bewegung und nicht mit der Gruppe per se. Der Prozess der Entwicklung einer politisierten kollektiven Identität, aus welcher auch kollektives Handeln folgt, umfasst drei Schritte (Simon & Klandermans 2001):

(1) Die Entstehung des Gefühls der Benachteiligung sowie die Wahrnehmung gemeinsamer Belastungen.
(2) Die Zuweisung der empfundenen Belastungen zu einem gemeinsamen Gegner.
(3) Das Erzwingen einer Stellungnahme dritter Parteien.

Eine wichtige Ebene, die im Rahmen kollektiver Identitätskonstruktionen bisher wenig untersucht wurde, ist die Berücksichtigung von Emotionen. Die theoretische Basis dieser Ebene bilden nach Durkheim (1965) rituelle Handlungen, die als Erzeuger emotionaler Energie dienen und somit zum Aufbau kollektiver Identität beitragen. Insofern spielen die Selbstinterpretation, die praktische Identitätsbezeugung und Emotionen wesentliche Rollen für die Emergenz eines (neuen) Wir-Gefühls. An dieser Stelle kann bereits vermutet werden, dass innerhalb der Occupy-Bewegung – entsprechend der Studie von Juris (2008) über globalisierungskritische Bewegungen – die körperliche Nähe der Aktivisten in den Zeltstädten zu einer starken emotionalen Bindung untereinander führt. Insofern sind nicht nur geteilte Ansichten und Überzeugungen die Grundlage kollektiver Identitäten, sondern auch das gemeinsame Handeln. Die vorgenannten Aspekte sind nach Haunss (2004) auch für den Fortbestand der Bewegung und somit für die Nachhaltigkeit des Protestes relevant (siehe Kapitel 6.3).

3.3 Akteure zwischen Arrangement, Integration und Opposition

In diesem Kapitel findet die Herleitung der Verdrossenheitseinstellung zu einer lebensweltlichen Reaktion der Akteure gemäß Abbildung 3 zu einem Abschluss. Für diesen letzten Schritt ist die menschliche Sozialisation als lebenslanger Prozess von essentieller Bedeutung. Er bezieht sich auf das Hineinwachsen in gesellschaftliche Struktur- und Interaktionszusammenhänge sowie auf die Konstituierung der Akteure als soziale, gesellschaftlich handlungsfähige Persönlichkeiten (Brockhaus 2011: 606; Fuchs-Heinritz 2007: 606). In Anlehnung an Hofmann (2011) können innerhalb der Betrachtung von System und Lebenswelt drei Typen der individuellen Gestaltung mit den systemischen Verhältnissen unterschieden werden: Arrangement, Integration und Opposition.

Das soziologische Modell von System und Lebenswelt basiert auf Schütz & Luckmann (1979) bzw. auf Luhmann (1987). Entsprechend der von Habermas (1995: 306) aufgezeigten Entkopplung von System und Lebenswelt bzw. der Kolonialisierung der Lebenswelt durch das System sind Individuen gezwungen, beide Sphären adäquat miteinander in Einklang zu bringen. So bedingt das Hineinwachsen ein Arrangement, das die Menschen mit den jeweiligen Verhältnissen eingehen, um die Autonomie der Lebenswelt zu sichern. Zum Teil erfolgen auch Integration und Aufstieg im Rahmen der gesellschaftlichen Strukturen, so dass die betreffenden Akteure das System als das ihre d.h. als Teil ihrer Lebenswelt betrachten. Eine dritte Option im Umgang mit System und Lebenswelt sind Grenzerfahrungen, die schließlich zur aktiven Opposition führen, weil Menschen an die Grenzen des Systems stoßen. Eben dies ist in dem hier verwendeten Beispiel der Occupy-Bewegungen der Fall.[12] Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Konstituierung der Akteure als soziale, gesellschaftlich handlungsfähige Persönlichkeiten, welche die Pflicht zum Ungehorsam impliziert, auch politisch gefördert bzw. gefordert wird. In Anlehnung an Olk (2008: 156 ff.) stehen zivilgesellschaftliche Instrumente und zivilgesellschaftlich inspirierte Politikprogramme auf nahezu allen Ebenen des föderalen Staates zur Verfügung. Im Fazit des Autors handelt es sich dabei nicht um eine rein symbolische Politik. In der Praxis ist die Durchschlagskraft der Bürgergesellschaft zwar noch begrenzt, doch dies gilt es auf der Ebene der Akteure zu reflektieren.

In diesem Sinne gehen der Entstehung sozialer Bewegungen die Grenzerfahrungen zahlreicher Akteure voraus, die sich zu einer Oppositionsstrategie entschließen sowie das Zusammenfinden dieser Bürger zu einer schlagkräftigen Gruppe. Dabei unterscheidet Eder (2011a: 33 ff.) aufbauend auf Roose (2011: 30) drei Rohstoffarten, die zur Herstellung wie auch zur Erhaltung kollektiver Identität nötig sind:

(1.) kognitive Ereignisse wie Motive, Interessen, Einstellungen oder Wahrnehmungen,
(2.) Interaktionsereignisse wie Begegnungen, Konflikte, Stigmatisierungen und Anerkennung und
(3.) Kontextereignisse wie Krieg oder Mord.

Die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit können wie folgt zusammengefasst werden: Politikverdrossenheit als Ursache und Folge politischer Probleme kann lediglich durch die Emergenz einer kollektiven Identität abgewendet bzw. reduziert werden. Die Herausbildung eines derartigen Wir-Gefühls ist abhängig von dem Vertrauensverhältnis der Akteure untereinander sowie von der Zuversicht in die eigenen Veränderungsmöglichkeiten. Die kollektive Identität entsteht durch einen iterativen Prozess und stellt eine soziale Konstruktion dar, die aber wiederum nicht zwangsläufig zu kollektivem Handeln führt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu kollektivem widerständigen Handeln kommt, ist umso höher, je höher die (aktive) Identifikation mit der Gruppe ist. Wenn es zu Protest kommt, kann kollektives Handeln jenseits von individuellen Gewinnkalkulationen erklärt werden. Die Entscheidung für den Protest durch ein Individuum ist gleichsam eine Auflehnung gegen die Möglichkeiten des Arrangements und der Integration von System und Lebenswelt.

Übertragen auf das Fallbeispiel der Occupy-Bewegungen bedeutet dieser theoretische Blickwinkel, dass kollektives widerständiges Handeln im Sinne der Bewegung bereits in Deutschland öffentlichkeitswirksam ist. Dies impliziert ebenfalls, dass sich eine kollektive Identität unter den Aktivisten implementiert haben muss. Dieses Wir-Gefühl ist durch seinen iterativen Charakter allerdings störanfällig. Die sich daraus ableitende Frage ist, ob die Heterogenität der Bewegung für diese Störanfälligkeit tendenziell förderlich oder hemmend wirkt. Einerseits ist denkbar, dass die Aktivisten durch die Vielzahl thematischer Schwerpunkte zeitnah zu einer aktiven Identifikation zurückfinden. Andererseits können diese diffusen Forderungen auch den Überblick für den einzelnen Akteur erschweren und somit lähmend für die ganze Bewegung wirken. Auf diese Aspekte wird im Rahmen der inhaltsanalytischen Auswertung aus akteurszentrierten Perspektiven noch detailliert eingegangen.

4 Methodische Vorgehensweise

4.1 Verwendete Erhebungs- und Aufbereitungsverfahren

Im Mittelpunkt der Analyse steht die Untersuchung des Wandels von Verdrossenheit gegenüber gesellschaftlichem Engagement hin zu einer zuversichtlichen Einschätzung der Veränderungsmöglichkeiten und der Emergenz eines neuen Wir-Gefühls. Analog den Empfehlungen von Simon (2011: 39 ff.) wird die kollektive Identität der Occupy-Bewegungen in dieser Arbeit primär auf der Ebene der Individuen verortet. Dieser methodische Zugang scheint vor dem Hintergrund sinnvoll, da aufgrund der Heterogenität der Bewegung eigene Rituale sowie Symbole und auch das Selbstverständnis der Aktivisten stark variieren. Aus diesem Grund basieren die Interpretationen auf subjektiven Erfahrungen und Deutungen von kollektivem widerständigen Handeln. Das methodische Vorgehen erfolgt entsprechend einem dreistufigen Verfahren, welches jeweils auf der Mikroebene der Individuen haftet, aber zunehmend weitere Umweltfaktoren berücksichtigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Überblick über das dreistufige methodische Vorgehen

Quelle: Eigene Darstellung.

Zur Annäherung an die Forschungsfragen wurden drei offene (halbstandardisierte) Interviews mit Aktivisten in Frankfurt am Main geführt. Die Ergebnisse dieses explorativen Verfahrens mit holistischem Zugang in der Feldphase sind in transkribierter Form im Anhang einsehbar. In Anlehnung an Kuckartz (2009: 27) sowie Dresing & Pehl (2011: 14 ff.) wurde dabei ein einfaches Transkriptionssystem gewählt, welches die Sprache glättet und den Fokus auf den Inhalt des Redebeitrages setzt. Die aus den persönlich geführten Interviews generierten Eindrücke und Erkenntnisse zu den Occupy-Bewegungen in Deutschland sind daraufhin in einen Online-Fragebogen eingeflossen.[13] Begründet ist diese Vorgehensweise dadurch, dass mit einer Online-Befragung genau die Werkzeuge zur Datengenerierung genutzt werden, welche im Rahmen der Occupy-Bewegung eine zentrale Rolle für die Verbreitung von Informationen und die Mobilisierung von Aktivisten gespielt haben: das Internet mit den bewegungseigenen Homepages sowie soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Durch den Einsatz des Online-Fragebogens konnten die 32 regionalen Gruppen der Occupy-Bewegung in Deutschland kontaktiert und zur Teilnahme eingeladen werden. Das Ziel war darüber hinaus, die Größe der Stichprobe zu erhöhen, was bei einem ausschließlichen Einsatz persönlicher Interviews nicht in dem Maß möglich gewesen wäre (Schnell et al. 1999: 335 ff.). Analog zu den geführten Befragungen mit Aktivisten in Frankfurt am Main besteht der Online-Fragebogen vorwiegend aus offenen Fragen. Auf diese Weise wird zusätzlich der akteurstheoretische Ansatz unterstützt, der analog Schwanitz (1997) auf normative Zielbestimmungen verzichtet und sich von den Handlungen der zu identifizierenden Akteure leiten lässt. Der Online-Fragebogen kann ebenfalls im Anhang eingesehen werden.

Der Fragebogen ist in sechs Themenbereiche gegliedert: nach der Begrüßung und der Projektvorstellung folgt (1.) die Erhebung sozialer Missstände sowie die Angabe persönlicher Betroffenheit. Daraufhin wird (2.) auf die aktive Beteiligung an den Occupy-Bewegungen eingegangen. Probanden, die sich bisher nicht aktiv beteiligt haben, werden nach den Gründen für ihre Inaktivität befragt. Alle Probanden haben daraufhin die Möglichkeit, Fragen zu den Chancen und Perspektiven der Occupy-Bewegungen zu beantworten (3.). In diesem Zusammenhang wird (4.) auch die Rolle der Medien erfragt. Daran anschließend werden (5.) Daten zu darüber hinaus gehendem gesellschaftlichen Engagement erhoben. Im letzten Teil werden (6.) soziodemografische Daten der Teilnehmer generiert wie Geschlecht, höchster Bildungsabschluss oder auch das monatlich verfügbare Einkommen. Die Erhebung der soziodemografischen Daten erfolgte in Anlehnung an demographische Standards, um eine Vergleichbarkeit mit anderen Surveys zu ermöglichen (Statistisches Bundesamt 2010).

Zentrale Bestandteile des Online-Fragebogens sind die generierten Daten zur aktiven Identifikation mit einer Gruppe analog der Definition kollektiver Identität nach Rucht (2011: 27). Die Erhebung erfolgt durch geschlossene Filterfragen (Frage 3 und 13). Dabei wird erhoben, ob sich die Probanden der Occupy-Bewegung per Willenskundgebung zurechnen und ob sie sich - unabhängig von der ersten Antwort - der sozialen Gruppe der gesellschaftlich Aktiven zugehörig fühlen. Zu berücksichtigen ist, dass an dieser Stelle jeweils nur Momentaufnahmen erhoben werden können, da es sich bei der aktiven Identifikation mit einer sozialen Gruppe um einen „iterativen Prozess der Selbst- und Fremdwahrnehmung“ handelt (Rucht 2011: 28). Um entsprechend den Ausführungen in Kapitel 2 die emotionale Komponente in der Analyse zu berücksichtigen (Durkheim 1965), wird aktive Identifikation durch handlungspraktische Ansätze spezifiziert. Dies erfolgt durch offene Fragen (4-9 bzw. 14). Entsprechend dieser Logik argumentiert Rucht (1995: 11):

„Erst wer sich einer Bewegung als einem sozialen Zusammenhang, charakterisiert durch bestimmte Träger sowie bestimmte Handlungs- und namentlich Protestformen, zurechnet und dies möglichst praktisch bezeugt, teilt somit die kollektive Identität einer Bewegung.“

Wie diese praktische Identitätsbezeugung unter den Aktivisten der Occupy-Bewegung aussieht, wird im Kapitel 5.2 im Detail erläutert.

Nach der Zusammenstellung des webbasierten Fragebogens wurde ein Pretest durchgeführt, um Redundanzen und missverständliche Fragen herauszufiltern. Auf der Grundlage des erhaltenen Feedbacks wurden Fragen umformuliert bzw. aus der Erhebung entfernt. Durch den Pretest bestätigte sich die Vermutung, dass es aufgrund der hohen Anzahl offener Fragen nicht möglich war, den Interessenten im Vorfeld Angaben zur voraussichtlich benötigten Bearbeitungszeit mitzuteilen. Zusätzlich wurde ein technischer Funktionstest durchgeführt. Zum Stichtag erfolgte die Freischaltung des Links zum Online-Fragebogen[14] und im Anschluss wurden die 32 regionalen Gruppen der Occupy-Bewegung in Deutschland über ihre entsprechenden Kontaktwege informiert. Der Befragungszeitraum betrug insgesamt 29 Tage (vom 01.02.2012 bis 29.02.2012). Ein Überblick über die angefragten Occupy-Gruppen befindet sich im Anhang.

Die erste und zweite Forschungsfrage zur (zurück)gewonnenen Zuversicht der Bevölkerung in Deutschland in die Wirksamkeit von Protest sowie zu den subjektiven Handlungsmotiven der einzelnen Akteure wurden aus den gesammelten Daten mittels quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet (Früh 1981; Mayring 2010; Merten 1995).

„Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale“ (Früh 1981: 24).

Generell handelt es sich um ein nicht-reaktives Verfahren mit dem Ziel einer auf die formalen Merkmale der Mitteilungen gestützten interpretativen Inferenz (Schnell et al. 1999: 380 f.). Die Ergebnisse aus der quantitativen Inhaltsanalyse dienen als Grundlage für die sich anschließende inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse. Für die Kodierung im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse kommt ein deduktives Kategoriensystem zur Anwendung, welches am Material induktiv erweitert wurde (Mayring 2010: 11 ff.; Kuckartz 2012: 47 ff.). Die Entwicklung des Kategoriensystems sowie die Kodierung selbst wurden, zur Sicherstellung eines hohen Maßes an Intersubjektivität, durch mehrere Personen unabhängig voneinander vorgenommen. Unstimmigkeiten wurden durch Konsenslösungen behoben. Die Arbeitsgruppe war heterogen zusammengesetzt: einerseits aus Personen, die mit Methoden empirischer Sozialforschung vertraut sind und andererseits aus Personen, die seit Jahren intensiv gesellschaftlich aktiv sind. Es wurde jeweils der manifeste sowie der latente Inhalt der Online-Erhebungen kodiert. Die Probanden wurden durch Selbstzuordnung innerhalb einer Vier-Felder-Matrix typologisiert, die deren bisheriges gesellschaftliches Engagement in Relation zur Aktivität für die Occupy-Bewegungen widerspiegelt.[15] Durch die hier verwendete monothetische Typenbildung mit zwei dichotomen Merkmalen konnte ein hohes Maß an Systematik und Organisation innerhalb der Stichprobe erzielt werden (Kuckartz 2012: 558). Die qualitative Inhaltsanalyse zielt auf die Identifikation homogener Gruppen von Personen als fallorientierte Betrachtung ab. Die verwendeten Kategorien inklusive der Definitionen und entsprechender Ankerbeispiele sind im Anhang einsehbar.

[...]


[1] Um die Arbeit leserfreundlich zu gestalten, wurde auf eine durchgehende Nennung beider Geschlechter verzichtet. Wo nur die männliche oder weibliche Form verwendet wird, kann davon ausgegangen werden, dass immer auch das andere Geschlecht gemeint ist.

[2] Occupy Wall Street in Deutschland firmiert zwar unter einer einheitlichen Bezeichnung, weist aber starke regionale Differenzen auf. Aus diesem Grund ist bisher noch nicht klar, ob es sich letztlich um eine einheitliche neue soziale Bewegung handelt oder um verschiedene Widerstandsbewegungen. Im Rahmen dieser Arbeit werden die Occupy-Bewegungen daher im Plural verwendet.

[3] Wissenschaftliche Erklärungen analog dem deduktiv-nomologischen Schema nach Hempel & Oppenheim oder auch induktiv-statistische Erklärungen, die eine logische Ableitung des Explanandums aus dem Explanans ermöglichen, können im Rahmen dieser Arbeit nicht angewendet werden, da entsprechend der gewählten Methodik Einzelfälle bzw. Typologien betrachtet werden.

[4] Gemäß Stiglitz (2011: 44) bezieht ein Prozent der Amerikaner fast ein Viertel des gesamten nationalen Einkommens bzw. besitzt 40% der Rücklagen und Guthaben.

[5] Die Idee für den Aktionstag kam ursprünglich aus Spanien, wo die sozialen Proteste mit Platzbesetzungen am 15. Mai 2011 begannen. Die Bewegung „Democracia real YA!“ rief für den 15. Oktober 2011 zu dezentralen Aktionen in ganz Europa auf, um gemeinsam für mehr Demokratie, Entmachtung der Finanzmärkte und Solidarität zwischen den europäischen Bürgern zu kämpfen. Schließlich folgten diesem Aufruf auch Aktivisten außerhalb Europas.

[6] Die Beispiele für lokale Differenzierungen des globalen Protestes unter dem Deckmantel der Occupy-Bewegung wurden entsprechenden Mobilisierungsaufrufen über soziale Netzwerkdienste entnommen.

[7] 315 registrierte Mitglieder zum 22. Januar 2012. Die Inhalte der Homepage sind ohne vorherige Anmeldung einsehbar. Eine Registrierung ist nur notwendig, wenn Benutzer aktiv zu den einzelnen Kommentaren Stellung nehmen möchten oder ihre Daten oder Publikationen über diese Homepage anderen Nutzern zur Verfügung stellen. Insofern kann auch die Angabe bereits laufender Forschungsprojekte lediglich einen Einblick geben und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[8] Der Datenerhebungszeitraum umfasste Februar bis April 2012. Die Fokusgruppeninterviews wurden in Atlanta, Baltimore, New York, Oakland, und Portland durchgeführt.

[9] Vernachlässigt werden an dieser Stelle wissenschaftliche Publikationen, die sich mit den inhaltlichen Hintergründen der Occupy-Bewegungen beschäftigen.

[10] Auf eine Differenzierung von den in der Wissenschaft verwendeten Definitionen von Politikverdrossenheit wird an dieser Stelle verzichtet, da konkurrierende Begriffe Verwendung finden die z.B. die folgenden Ursachen und Schwerpunkte hervorheben: Parteienverdrossenheit, Politikerverdrossenheit, Staatsverdrossenheit, Demokratieverdrossenheit, Systemverdrossenheit, Parlamentarismusverdrossenheit, Institutionenverdrossenheit sowie Regierungsverdrossenheit (Arzheimer 2009).

[11] Tajfel & Turner (1979) verwenden innerhalb der Beschreibung der Social Identity Theory die Begriffe der personalen und der sozialen Identität.

[12] In Anlehnung an Sacchi (1994: 323 ff.) sind auch passive Formen der Opposition möglich, die sich als resignative Absetzbewegungen zeigen, die in der Regel allerdings an die Verdrossenheitseinstellungen anknüpfen und insofern wieder in das Arrangement von System und Lebenswelt münden, siehe Abbildung 3. Aus diesem Grund wird dieser Typ der lebensweltlichen Reaktion hier nicht detaillierter spezifiziert.

[13] Details zu den Eindrücken und Erkenntnissen aus den persönlichen Interviews können im Kapitel 5 dieser Arbeit „Rahmendaten des Samples – der Occupy-Aktivist unter der Lupe“ nachvollzogen werden.

[14] Link zum Online-Fragebogen: https://www.soscisurvey.de/ows.

[15] Details zu der Vier-Felder-Matrix können im Kapitel 5 dieser Arbeit „Rahmendaten des Samples – der Occupy-Aktivist unter der Lupe“ eingesehen werden.

Details

Seiten
151
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656269861
ISBN (Buch)
9783656271062
Dateigröße
15.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200989
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
1,2
Schlagworte
Protest Widerstand Occupy Wall Street Bewegung Szene Demokratie Opposition Medien Engagement Politikverdrossenheit Wir-Gefühl

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Titel: Der Wandel von Engagementverdrossenheit zum Wir-Gefühl