Lade Inhalt...

Kann sich das politische System aus der systemtheoretischen Betrachtungsweise auflösen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Relevante systemtheoretische Begriffe
2.1 Ausdifferenzierte Gesellschaft
2.2 Selbst- und Fremdreferenz
2.3 Autopoietische Systeme
2.4 Codes und Programme
2.5 Kommunikation
2.6 Personen in Luhmanns Systemtheorie
2.7 Massenmedien und sein Publikum

3. Das politische Teilsystem in der systemtheoretischen Betrachtung
3.1 Autopoiesis des politischen Teilsystems
3.2 Operationen im politischen Teilsystem
3.3 Funktion des politischen Teilsystems
3.4 Leistungen und Koppelungen des politischen Teilsystems

4. Kann sich das politische Teilsystem auflösen?
4.1 System-Umwelt-Grenze
4.2 Geschichtliche Verfestigung
4.3 Koppelungen des politischen Systems
4.4 Psychische Systeme im politischen System
4.5 Komplexitätsgrad eines Systems
4.6 Autopoiesis des politischen Systems

5. Fazit

Literaturhinweise

1. Einleitung

„Je komplexer ein System wird und je stärker es sich Irritationen aussetzt, um so mehr Varietät kann die Welt zulassen, ohne an Realität einzubüßen; und um so mehr kann das System es sich leisten, auch mit Negationen, mit Fiktionen, mit „nur analytischen“ oder mit statistischen Annahmen zu arbeiten, die von der Welt, wie sie ist, distanzieren“ (Luhmann 1996: 19f.).

Jedes soziale System versucht Ordnung zu schaffen, indem es sich auf verschiedenen Ebenen konstituiert, um so nach festgelegten Regeln funktionieren zu können. Aufgrund dessen ist es relevant zu definieren, „[…] wer und was dem System zugehören soll und was nicht, […] wer was zu tun hat, und […] wer wie viel gilt und was zu sagen hat“ (Gerhards/Neidhart 1990: 29). Somit wie ein System entsteht, wie es funktioniert, und somit wie es sich auflösen kann. Aus der Systemtheorie ist zu entnehmen, dass jedes Funktionssystem seiner eigenen Logik (binärer Code) folgt, autonom ist, wobei es zugleich strukturell an andere Systeme gekoppelt ist. Dazu übernimmt es eine exklusive Funktion. Es ist autopoietisch und beobachtend. Aufgrund all dieser Annahmen, wie ein System funktioniert und beschrieben werden kann, wird im Zuge dieser Arbeit die Fragestellung behandelt, ob sich das politische System, als Teilsystem der Gesellschaft, aus der systemtheoretischen Betrachtungsweise auflösen kann.

Das Ziel dieser Arbeit ist die relevantesten (aus Sicht der Autorin) Begriffe der Luhmann’schen Theorie darzustellen, das politische System aus Sicht Luhmanns zu beschreiben und anschließend eine Antwort auf die zuvor gestellte Frage geben. Die Vorgehensweise dieser Arbeit ist hermeneutisch, die herangezogenen Befunde werden argumentativ untermauert und können auf einer sehr abstrakten und theoretischen Ebene angesiedelt werden.

Luhmann modelliert das politische System als Teilsystem, genauer als Leistungssystem im Funktionssystem der Öffentlichkeit. Um entsprechend in das Thema einzuleiten, beginnt die Arbeit, mit der Erläuterung der relevantesten systemtheoretischen Begriffe, um im dritten Punkt des vorliegenden Beitrages das politische Teilsystem systemtheoretisch charakterisieren zu können. Im darauf folgenden Kapitel befasst sich diese Arbeit mit der Auseinandersetzung, ob sich das politische Teilsystem auflösen kann und versucht die möglichen Indikatoren, die diesen Prozess bedingen könnten, herauszuarbeiten.

2. Relevante systemtheoretische Begriffe

Luhmann ist ein soziologischer Gesellschaftstheoretiker, der eine Makrotheorie über die Gesellschaft aufstellt. Diese bezieht ihren Ursprung aus Talcott Parsons’ Theorie (vgl. Hellmann 2005: 14). Luhmann beschreibt alle gesellschaftlichen Spezialbereiche wie: Politik, Kunst, Wirtschaft, Recht so wie auch Massenmedien als Teilsysteme der Gesellschaft (vgl. Berghaus 2005: 195). Im folgenden Kapitel erfolgt die Erläuterung der relevanten systemtheoretischen Begriffe jedoch in einer sehr komprimierten Form, da mit dieser Arbeit nicht ein ganzheitlicher Blick über die Systemtheorie dargestellt werden soll.

2.1 Ausdifferenzierte Gesellschaft

Die Ausgangsfrage der funktional-strukturellen Systemtheorie ist die Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung. Das wesentliche Problem dieser Frage ist die Komplexität der Umwelt, die soziale Ordnung unmöglich macht. Die Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung wird minimiert, indem soziale Systeme gebildet werden, die zur Erfassung und Reduktion von Komplexität führen (Vgl. Luhmann 1984: 242 ff.). So existiert ein Komplexitätsgefälle zwischen dem System und der Umwelt, wobei die Umwelt komplexer ist. Luhmann weiter: „Eine Gesellschaft kann als funktional differenziert bezeichnet werden, wenn sie ihre wichtigsten Teilsysteme im Hinblick auf spezifische Probleme bildet, die dann in den jeweils zuständigen Funktionssystemen gelöst werden müssen“ (Luhmann 2005: 36). Die primäre Differenzierung bezieht sich auf die Aufteilung der Gesellschaft in gleiche, nicht hierarchische Teilsysteme (vgl. Luhmann 1997: 634). Funktionen werden in einer ausdifferenzierten Gesellschaft nur einmal abgesichert. Funktionale Differenzierung beschreibt also die Basisstruktur der Gesellschaft (vgl. Gerhards 2001: 163).

2.2 Selbst- und Fremdreferenz

Die Welt, laut Luhmann, ist unerreichbar, jedoch durch den Akt des Beobachtens wird eine greifbare Realität hergestellt. Aufgrund dessen ist die Art der Beobachtung entscheidend. Luhmann geht von der Annahme aus, dass Realität konstruiert wird. Systeme operieren und aufgrund dessen erzeugen sie ihre Systemdifferenz zur Umwelt. Als Basis dieses Prozesses dient, die Beobachtung anderer Beobachter, die die Realität konstruieren. Diese Art der Wirklichkeit ist eine Wirklichkeitskonstruktion, welche „[…] ohne die jeweils systemspezifische Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz“ (Luhmann 1996: 19) nicht auskommen könnte.

Selbstreferenz bezieht sich auf das eigene Operieren des jeweiligen Teilsystems, beispielsweise operiert das Wirtschaftssystem mittels Geld. Wobei sich die Fremdreferenz auf das Unterscheiden und Beobachten der anderen Teilsysteme im Vergleich zum eigenen Teilsystem bezieht. Diese Annahme kann erneut mit dem Beispiel des Wirtschaftssystems verdeutlicht werden: Das Wirtschaftssystem unterscheidet/ beobachtet andere Teilsysteme nach Geld.

Die Existenz von Selbst- und Fremdreferenz impliziert eine Außengrenze jedes Systems. Durch diese kann im jeweiligen Teilsystem Komplexität abgebaut werden, Beobachtungs- und Operiermöglichkeiten festgelegt werden. Die System/Umwelt-Differenz wird von jedem System selbst festgelegt und ist somit keine feste Größe.

2.3 Autopoietische Systeme

Luhmann bezeichnet Systeme in der Systemtheorie als selbstreferentielle, operativ geschlossene, sich selbst herstellende Konstrukte (vgl. Luhmann 1984: 28), also jene die sich selbst produzieren und reproduzieren können. Der Begriff der Autopoiesis kann anhand des Beispiels Massenmedien veranschaulicht werden: „[…] Im Bereich der Massenmedien [entsteht] ein autopoietisches, sich selbst reproduzierendes System […], das auf Vermittlung durch Interaktionen unter Anwesenden nicht mehr angewiesen ist“ (Luhmann 1996: 34), da Rückmeldungen in Form von beispielsweise Leserbriefen, die gegebenenfalls abgedruckt werden können, nicht dem Kontakt des Systems mit der Umwelt dienen, sondern der Reproduktion des System. So werden neue Operationen auf alten aufgebaut, wobei diese anschlussfähig sein müssen. So gesehen ist das jeweilige System operativ geschlossen, da dieses eigene Operationen aus sich heraus reproduziert mit „[…] systemeigenen Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz“ (Luhmann 1996: 35). Diese Operationen im System folgen einem binären Code der zwei Ausprägungen annehmen kann. Auf dieser Grundlage kann bestimmt werden, welche Operationen zum System gehören und welche anders codiert sind.

2.4 Codes und Programme

Luhmann entwickelt den Begriff der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, die durch binäre Codes definiert werden, mit der Funktion „[…] reduzierte Komplexität übertragbar zu machen und für Anschlussselektivität auch in hochkontingenten Situationen zu sorgen“ (Luhmann 1991: 174). Als Beispiel dient: Geld (Wirtschaft), Recht (Rechtssystem) oder Wahrheit (Wissenschaft). Ein System ist so im Stande durch die Anwendung des binären Codes die System-Umwelt-Grenzen zu bestimmen und so wird dieser zur „[…] Voraussetzung für die Ausdifferenzierung eines […] Funktionssystems der Gesellschaft“ (Luhmann 1996: 49). „[…] Codes sind zu abstrakt und lassen einen allzu großen Spielraum offen, um Handlungen zu strukturieren“ (Gerhards 2001: 164). Durch die Codes wird die operative Geschlossenheit eines Systems bedingt, wobei gleichzeitig Programme eine Öffnung des Systems sichern. Programme spezifizieren die Codes und legen so Handlungserwartungen fest. Am Beispiel des Rechtssystems sind es Gesetze jeglicher Art, die die Anknüpfung von Tatbeständen an das Rechtssystem ermöglichen.

Hiermit kann eine wichtige Rolle der ausdifferenzierten Gesellschaft festgehalten werden: “Sie konstruiert selber nur ein Medium, das Formenbildungen ermöglicht, die dann, anders als das Medium selbst, die kommunikativen Operationen bilden, die die Ausdifferenzierung und die operative Schließung des Systems ermöglichen“ (Luhmann 1996: 11).

2.5 Kommunikation

Kommunikation ist „[…] eine Synthese von drei verschiedenen Selektionen- nämlich Selektion einer Information, Selektion der Mittelung dieser Information und selektives Verstehen oder Missverstehen dieser Mitteilung und ihrer Information“ (Luhmann 1995: 115). Mit der stetig steigenden Komplexität der Umwelt sinkt die Wahrscheinlichkeit einer gelungenen Kommunikation. Dem folgen zusätzlich Schwierigkeiten, die behoben werden müssen, damit überhaupt Kommunikation stattfinden kann. Erstens kommt die Frage auf, ob überhaupt jemand versteht was gemeint ist. Kommunikation kommt nur dadurch zustande, wenn „[…] sie in der Selbstbeobachtung (im Verstehen) Mitteilung und Information unterscheiden kann“ (Luhmann 1996: 171), da der relevanteste Bestandteil jeder Kommunikation die Information ist: „Ohne Information keine Kommunikation, denn schließlich muss über etwas gesprochen werden, das eine Mitteilung lohnt“ (Luhmann 1996: 38). Zweitens ist zu berücksichtigen, ob der Kommunikationspartner erreicht wird. Drittens ist festzustellen, ob es zum Erfolg der Kommunikation kommt, also einer Annahme der Kommunikation (Vgl. Luhmann 1984: 193ff., Vgl. 1996: 32). Zudem folgt, dass nicht jede Kommunikation an irgendeine Kommunikation anschließen kann und als fortlaufend beschrieben werden kann. Ein Sinnzusammenhang ist eine bindende Voraussetzung jeder Anschlusskommunikation. Dies kann mit einem trivialem Beispiel verdeutlicht werden: Wenn ein psychisches System nach der Uhrzeit fragt, kann ein anderes psychisches System nicht mit einer Gegenfrage, ob Gott existiert, reagieren, da so kein Sinnzusammenhang hergestellt wird.

2.6 Personen in Luhmanns Systemtheorie

„Auf die Frage, woraus soziale Systeme bestehen, geben wir mithin die Doppelantwort: aus Kommunikation und aus deren Zurechnung als Handlung. Kein Moment wäre ohne das andere evolutionsfähig gewesen […]“ (Luhmann 1984: 240). Daraus folgt, dass das Grundelement sozialer Systeme Kommunikation ist, ein „[…] direkt beobachtbarer Zugang zu sozialer Realität über den Zugriff auf die Akteure“ (Löffelholz 2004: 181), wobei eine Zurechnung von Handlungen zu Personen besteht. Psychische Systeme können – laut der Systemtheorie – nicht kommunizieren. Damit Kommunikation gelingt, werden die Kommunikationen als Handlungen einzelnen Personen zugerechnet (vgl. Luhmann 1995: 113-124; vgl. Luhmann 1984: 240). „Der Mensch mag für sich selbst und für Beobachter als Einheit erscheinen, aber er ist kein System. Erst recht kann aus einer Mehrheit von Menschen kein System gebildet werden“ (Luhmann 1984: 67f.). Der Mensch hat vielmehr Anteil an verschiedenen Systemtypen. Es gibt jedoch kein Systemtypus der all diese vereinen kann. Ohne bestimmte neuronale, organische und psychische Zustände wäre Kommunikation überhaupt nicht möglich. Obwohl der Mensch als Subjekt der Kommunikation ausgeklammert wird, ist er für die Selbsterhaltung der Kommunikation nicht wegzudenken.

Luhmann hat spezifische Rollen, die die Handlungsrationalitäten eines Systems zum Ausdruck bringen, als Leistungsrollen definiert (Vgl. Luhmann/Schorr 1979: 29-34). Psychische Systeme einer Gesellschaft werden nicht auf Teilsysteme aufgeteilt, sondern können grundsätzlich an allen Teilsystemen partizipieren, unter der Bedingung, dass sie die jeweilige Rationalität zur Grundlage ihrer Sinnorientierung machen. Politiker, Juristen, Sportler oder Künstler sind Berufsrollenträger innerhalb des jeweiligen Teilsystems, bringen somit die Handlungsrationalitäten zum Ausdruck und sichern Systeme strukturell ab. Spezifische Berufsrollen der jeweiligen Teilsysteme sind auch in Organisationen eingelassen (vgl. Gerhards 2001: 165), so erhalten die Teilsysteme eine zusätzliche Verfestigung.

2.7 Massenmedien und sein Publikum

Massenmedien fungieren als ein Funktionssystem. Öffentlichkeit wird als „Reflexion jeder gesellschaftsinternen Grenze“ (Luhmann 1996: 184) bezeichnet. Damit meint Luhmann, dass jedes System, beispielsweise Wirtschaft, nur innerhalb seiner eigenen Grenzen operieren kann und reflektiert, dass es von außen beobachtet werden kann „[…] im Medium der Öffentlichkeit“ (Luhmann 1996: 185). Massenmedien repräsentieren die Öffentlichkeit. Sie beobachten also die Prozesse in Funktionssystemen und formen sie beispielsweise zu Nachrichten. Dann finden diese Eingang von Außen nach Innen des jeweiligen Systems. Luhmann versteht Massenmedien als ein Verbreitungsmedium. Er sieht Werbung, Unterhaltung, Nachrichten und Berichte als Programmbereiche des Funktionssystems Massenmedien mit dem Code: Information vs. Nichtinformation (vgl. Luhmann 1996: 36). Die Funktion der Massenmedien wird wie folgt definiert: Sie „[…] liegt im Dirigieren der Selbstbeobachtung des Gesellschaftssystems“ (Luhmann 1996: 173). Hinzu kommen noch: Die Irritationsfunktion (vgl. Luhmann 1996: 46; 149f.), der Einbau von Realitätstest (Vgl. Luhmann 1996: 160), die Öffentlichkeitsrepräsentation und die konstruktivistische Funktion Realitäten zu schaffen (vgl. Luhmann 1996: 15f.,183).

Zu beachten ist, dass Luhmann zwei Instanzen in der massenmedialen Kommunikation unterscheidet: Alter (für Sender) und Ego (für Empfänger). Massenmedien dienen der „Verbreitung von Kommunikation“ (Luhmann 1996: 10), fungieren somit als Alter. Die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger findet statt, es kommt jedoch zu keiner „[…] Interaktion unter Anwesenden“ (Luhmann 1996: 11), da das Bindeglied Technik ist. Das Publikum wird als passiver Empfänger verstanden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass im Verlauf dieses Kapitels die wichtigsten (aus Sicht der Autorin) Begriffe der Luhmann’schen Systemtheorie dargestellt wurden. Die moderne Gesellschaft beschreibt Luhmann als eine ausdifferenzierte Gesellschaft. Systeme konstituieren sich aus der Differenz zu einer komplexeren Umwelt und bestehen aus Kommunikation. Luhmann berücksichtigt Menschen per se in seiner Theorie nicht. Psychischen Systemen werden Handlungen zugeschrieben, die als Komponente sozialer Systeme fungieren. Jedes Funktionssystem folgt einem binären Code, ist autopoietisch, beobachtend und autonom, wobei es strukturell an andere Systeme gekoppelt ist. Es übernimmt eine exklusive Funktion und mehrere Leistungen.

Mittels dieser theoretischen Fundierung soll im folgenden Kapitel das politische System aus der systemtheoretischen Betrachtung beschrieben werden.

3. Das politische Teilsystem in der systemtheoretischen Betrachtung

Im folgenden Kapitel wird das politische Teilsystem systemtheoretisch, anhand der im zweiten Punkt erläuterten Begriffe, beschrieben. Eine grundlegende und ausführliche Beschreibung des Systems ist jedoch nicht Ziel dieses Kapitels, da der Rahmen dieser Arbeit überschritten wäre und hierzu beispielsweise das umfangreiche Werk von Luhmann „Politik der Gesellschaft“ vorliegt.

„Tatsächlich erfolgen Ausdifferenzierungen in der gesellschaftlichen Evolution […] auf Grund von sehr spezifischen evolutionären Errungenschaften, etwa […] durch die Erfindung von Machtkonzentration in politischen Ämtern mit der Folge der Ausdifferenzierung eines politischen Systems“ (Luhmann 1996: 33).

Luhmann modelliert das politische System als Teilsystem im Funktionssystem der Öffentlichkeit. So gesehen teilt das politische System die Gesellschaft ein, in ein politisches System und die Umwelt.

3.1 Autopoiesis des politischen Teilsystems

Politik stellt aus Sicht der Systemtheorie ein funktional differenziertes, autonomes, autopoietisches und selbstreferentielles System dar. Dieser Befund weist darauf hin, dass Politik eine spezielle Funktion für die Gesellschaft leistet, sich in allen seinen Operationen auf sich bezieht und sich auf dem Fundament seiner eigenen Elemente selbst reproduziert (Vgl. Jarren/Donges 2002: 88). Also auf der Basis von bereits getroffenen und implementierten Entscheidungen, werden neue Entschlüsse getroffen. Altes erzeugt Neues.

Die Selbstbestimmung im System ist auf drei Ebenen angesiedelt: Auf zeitlicher, sachlicher und sozialer Ebene. In zeitlicher Hinsicht bedeutet das, dass Politik eine eigene Zeitrechnung, ein eigenes Gedächtnis und Zukunftshorizont besitzt. Die sachliche Ebene deutet auf eine selbständige Problematisierung und Behandlung der Sachverhalte und die soziale Dimension auf das Publikum und die Politiker hin (Vgl. Hellmann 2005: 14). Genau dieser Aspekt leitet zu dem nächsten Punkt über: Den Operationen im politischen Teilsystem.

3.2 Operationen im politischen Teilsystem

Luhmann bestimmt in seinen ersten Schriften den binären Code der Systemoperationen der Politik als links vs. rechts. Doch im zweiten Schritt ändert Luhmann (1984; 2000) den Code zur Regierung vs. Opposition. Nach dieser Leitdifferenz grenzt sich das politische Teilsystem von seiner Umwelt ab und bedingt so die operative Geschlossenheit und zugleich seine Offenheit anderen Systemen gegenüber, denn „ein Code schafft und dirigiert zugleich die Entscheidungsfreiheit des Systems […]“ (Luhmann 2000: 88). Regierung ist hiermit der positive Wert des Codes, dieser wird auch präferiert, wobei Opposition den negativen Wert annimmt. Eine Differenz der Ausprägungen des Codes wird beispielsweise in Ämtern deutlich, in denen Stellen besetzt werden und Macht verwalten: „Nach dem Machtcode des politischen Systems ist politische Macht Stellenmacht“ (Luhmann 2000: 93). Macht der Regierung ist bei Luhmann ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, welches Einflussnahme impliziert. Luhmann definiert Macht nicht als Absichten eines Machthabers oder verknüpft diese mit Kausalität (vgl. Luhmann 2000: 21ff.). Kommunikative Bewirkungen auf Kommunikation der einzelnen Elemente (sozialen und psychischen Systeme) werden als Einfluss verstanden: „Einfluss […] ist schon dadurch gegeben, dass Teilnehmer an einem sozialen System aufeinander angewiesenen sind […]“ (Luhmann 2000: 40).

Festzuhalten ist, dass die Operationen im politischen System darauf abzielen an der Regierung zu belieben, weil nur die Regierung Ämter besetzt und nur in denen kollektive Entscheidungen getroffen werden. Die Opposition kann nur Forderungen stellen oder Kritik ausüben (Vgl. Luhmann 2000: 99).

3.3 Funktion des politischen Teilsystems

Nach Luhmann wird die Funktion eines Teilsystem durch die Evolution festgelegt. Diese beinhaltet das Problem: Kollektive Verbindlichkeiten angesichts von Meinungsdivergenzen und Schwankungen festzulegen. So kann festgehalten werden, dass alle Operationen die im diesen Teilsystem stattfinden Entscheidungen sind, wobei nicht alle Operationen in der Umwelt des politischen Systems politisch sind. Entscheidungen sind Konstrukte die die Vergangenheit, Präsenz und Zukunft verbinden. Die Vergangenheit determiniert die Präsenz in ihren Entscheidungen, und die Präsenz die Zukunft (Vgl. Luhmann 2000: 146). Die Funktion[1] der Politik ist somit das „Bereithalten der Kapazität zu kollektiv bindenden Entscheiden“[2] (Luhmann 2000: 84). Entscheidungen sind bindend, sofern sie als Prämissen für weitere Entscheidungen gelten und somit nicht in Frage gestellt werden können, da „die Bindung […] effektiv eintreten [muss], und dies unabhängig von der Rationalität der Entscheidung, ihrem Nutzen, ihrer normativen Geltung“ (Hervorhebung im Original, Luhmann 2000: 84). Das politische System kann, im Gegensatz zu anderen Teilsystemen, Entscheidungen kollektiv implementieren. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Macht in dieser Hinsicht als Kommunikationsmedium eingesetzt wird und somit bei der nicht Befolgung von Entscheidungen Sanktionen aufgelegt werden, da Politik als staatliches Gewaltmonopol fungiert (Vgl. Luhmann 2000: 39). Das ‚Bereithalten der Kapazität’ bietet die Basis für Rekursivität und Kontinuität der Entscheidungsprozesse, so auch Verlässlichkeit der Funktion des Systems für seine Umwelt: „Es ist aber auch, und vor allem, derjenige Aspekt, auf den andere Systeme zählen, wenn sie davon ausgehen, dass das politische System seine Funktion erfüllt“ (Luhmann 2000: 85). Ein System erfüllt jedoch auch Leistungen. Um an diesen Aspekt anzuschließen, werden im Folgenden Leistungen und damit verbundene Koppelungen der Politik beleuchtet.

[...]


[1] Laut Luhmann kann ein System nur eine Funktion leisten und diese bezieht sich explizit auf die Gesellschaft. Leistungen hingegen beziehen sich auf andere Teilsysteme und es können mehrere Leistungen gleichzeitig erbracht werden (Kapitel 2 der vorliegenden Arbeit).

[2] Diese Bestimmung von Politik ist genau so bei Easton (1965) und Parsons (1969) bis hin zu Luhmann aufzufinden.

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656279099
ISBN (Buch)
9783656278696
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200978
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Kommunikationswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Luhmann Systemheorie Politik Politisches System Auflösen der Systeme Autopoiesis Konstruktion der Wirklichkeit Gesellschaft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kann sich das politische System aus der systemtheoretischen Betrachtungsweise auflösen?