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Körperdarstellungen Eva Peróns in Abel Posses Werk: „La pasión según Eva“ – Die Konstruktion eines Mythos?

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition relevanter Begrifflichkeiten.
2.1 Körper, Körpersprache und Körperkonstruktionen
2.2 Identität und Gender

3 Körperdarstellungen Eva Peróns in Posses Werk
3.1 Aufbau des Werkes
3.2 Die Entpuppung Evas Körpers
3.3 Eva als Verkörperung der Einheit versus der verkörperten Spaltung
3.4 Die Verkörperung Evas als Heilige.
3.5 Evas Körper als Träger des Krebsleidens
3.6 Eva als verkörperte Grenzgängerin

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eva Perón, eine der „schillerndsten Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts“1 ist es gelungen in ihrer kurzen politischen Wirkungszeit ein Bild zu kreieren, dessen Omnipräsenz bis heute vorhanden ist (ihr Grab, Touristentouren etc.). Als Präsidentengattin, nie ein offizielles staatliches Amt inne habend, nahm sie die Rolle einer Vermittlungsfigur, einem „Brückenschlag“ zwischen den unteren Arbeiterschichten, den „descamisados“ (Hemdlosen) und dem Staat, wahr.2

Auch Abel Posse widmete sich in seinem Werk „La pasión según Eva“ dieser einflussreichen argentinischen Frau, dem Leitbild der „Hemdlosen“3, Wende- und Schnittpunkt faschistischer, feministischer und politischer Kalküle.4

Insbesondere inszenierte Posse um die Figur der Evita Mythisierungen, wodurch diese ein bis heute nicht aufgedecktes Geheimnis ihrer selbst darstellt, welches von Evas Beichtvater Benítez auch als „la naturaleza del secreto“5 (PSE, S. 184) proklamiert wurde.

Die Mythisierungen liegen in „La pasión según Eva“ in ihren politischen Aktivitäten, in ihrer Schauspiel- und Radiomoderatorenrolle sowie in ihrem Vorbereiten auf die große Rolle als Präsidentengattin begründet. Den Trias der Mythenbildung: Weißer, Revolutionärer, Politischer sowie ihr Tod bzw. die Krankheit als Mythos soll als analytische Grundlage dieser Hausarbeit, die Inszenierungen Evas Körperdarstellungen in Posses Werk aufdecken.

Eva wird in der weißen Mythisierung als Jungfrauengestalt, als „una santa“ (PSE, S. 184) im vorliegenden Buch konstruiert. Im politischen bzw. revolutionären, als Ursprung der Mythisierung geltend, durch ein Parallelisieren politischer Vorkommnisse mit ihrem Krankheitsweg beschrieben: „Yo acabaré con la enfermedad como se debió haber acabado con Menéndez.“ (PSE, S. 231). Und der Mythos generiert durch ihren Tod bzw. Leidensweg, durch welchen Sie zu einer Grenzüberschreiterin, was Gesellschaft und Geschlechtergrenzen angeht stilisiert wird, denn „Creía en una revolución de la posición de la mujer en la sociedad […]“ und „Sin su fuerza, el voto femenino se habría demorado muchos años en Argentina.“ (PSE, S. 262).

In der vorliegenden Hausarbeit werden im ersten Teil allgemeine theoretische Begrifflichkeiten zum besseren Verständnis definiert. Anschließend werden von der Verfasserin die verschiedenen Körperinszenierungen, die in Posses Werk emergieren, untersucht. Dabei sollen insbesondere die Konstruktionen: der Körper des Krebsleidens, die verkörperte Grenzgängerin, die Verkörperung von Einheits- und Spaltungsgedanke, die Verkörperung Evas als Heilige sowie deren Entpuppung den analytischen Schwerpunkt bilden um abschließend die Problemstellung, ob durch diese Körperinszenierungen ein Mythos der Person Evas kreiert wird, zu beantworten.

2 Definition relevanter Begrifflichkeiten

Im folgenden Abschnitt werden die Begrifflichkeiten Körper, Körpersprache und Körperkonstruktionen sowie Identität und Gender erläutert um ein Verständnis für die Analyse Posses Werk im dritten Teil dieser Hausarbeit zu arrangieren.

2.1 Körper, Körpersprache und Körperkonstruktionen

Das aus dem 13. Jahrhundert entlehnte und bezeugte Substantiv ist aus dem lateinischen corpus bzw. corporis, was mit „Körper“, „Masse“, „Gesamtheit“ oder Körperschaft transferiert wird, etymologisiert.6 Kulturphilosophisch wird dem Körper seit Beginn des 19.Jh. eine zunehmende Gewichtung als „Repräsentant von Individualität“7 zugeschrieben.

Der Körper als literaturwissenschaftliches Medium der Sprache bzw. als Zeichen der Ästhetik betrachtet, evoziert ein soziales Wertesystem divergierender Modelle der Körperlichkeit. Diese Divergenz dient der literarischen und artikulatorischen Illustration differenter Weltanschauungen bzw. Sozialsysteme bezüglich der Identität und der Postulate, welche sich aus Hegemonien ergeben.8

Die Körpersprache literarischer Texte dient, auf Grundlage von kulturell bedingten Normen, dem Ausdruck gefühlsbedingter, nonverbaler Interaktion, die durch Körpergesten, Mimik und Blickverhalten auf die Charakteristik und Beziehung zwischen agierenden Personen der fiktiven Welt schließen lassen und folglich ein Körperkonstrukt induzieren.9

Werden Körperkonzepte und -konstruktionen auf literarischer Ebene untersucht, kann der Körper als Zeichen betrachtet werden, welches nicht mehr aus seinem naturell heraus entspringt. Vielmehr rückt dieser in seinem Konstrukt, symbolisch stehend für die Idee, die soziale Integrität, den Geist und die Seele betreffend, in den Vordergrund.10

Das Körperkonstrukt wird zu einem „hermeneutischen Feld“11, entstehend durch Zäsur interaktiver Gesprächspartner und anwesenden Personen, sich dahingehend entwickelnd, dass Körperinszenierungen ein einsames Lesen und Ausbilden indiosynkratischer Betrachtungsweisen bedingen.

2.2 Identität und Gender

Der Begriff der persönlichen Identität, auch Charakter, verwebt das Individuum mit unterschiedlichen Relationen seiner selbst zur exogen gegebenen gesellschaftlichen Perspektive, eine variable Größe in einem sich ständig ändernden Prozess. Disparat stellt die kollektive Identität vielmehr eine statische Größe, durch gesellschaftliche, soziologische und kulturell bedingte Ansprüche, dar.12

Den Blick auf die Geschlechterverhältnisse soll in der Hausarbeit durch Verbindung des Identitäts- mit dem des Genderbegriffs ermöglicht werden.

Gender bezieht sich auf alle kulturellen, psychologischen und sozialen Ausprägungen von Geschlechterzugehörigkeiten. Zum einen bedingen nicht dem Naturell des Weiblichem bzw. Männlichen entsprechende Eigenschaften einen zentralen Untersuchungsgegenstand von Genderrollen und -Identitäten und zum anderen werden Genderzuschreibungen auf ihre kulturell und hierarchisch bedingte Wertung untersucht.13

Für Butler stellt der, aus der Geschlechtlichkeit begründete, differentiale Körper selbst eine soziokulturell bedingte Konstruktion dar, dessen Natürlichkeit in seiner Verschleierung konkludiert liegt. Von diesem soziokulturell bedingten Konstrukt des Körperdarstellungen Eva Peróns in Posses Werk Körpers in der Genderthematik geht laut Butler eine machtdynamische Wirkung, als Kausalität der Macht aus.14

3 Körperdarstellungen Eva Peróns in Posses Werk

3.1 Aufbau des Werkes

Abel Posse 1934 im argentinischen Córdoba geboren, wurde wiederholt international ausgezeichnet und publizierte 1994 den fiktiven Roman „La pasión según Eva“.15

Das Werk Posses vereinigt differente Genres: Zum einen enthält es Ansätze eines historischen Romans, einer Biographie, einer mündlich erzählten Geschichte, dem Testimonialroman, sowie autobiographische Züge. Diese Vielschichtigkeit zeichnet sich in seinem Roman als eine „novela choral“, einem Chor von Stimmen, die mehrere Aussagen von Personen, die Eva gekannt haben, inkludierend, ab.16

Der Erzähler in Posses Werk nimmt sich selbst zurück und sieht sich vielmehr als Koordinator dieser verschiedenen Versionen und Wahrnehmungen der sprechenden Personen. Fernerhin inszeniert er die Protagonistin, den Anspruch stellend, sich selbst zu figurieren, durch eine weibliche Stimme des Ich-Erzählers. Der Chor der Stimmen versucht sowohl das Leben als auch die Persönlichkeit Eva Peróns nachzuzeichnen und impliziert insgesamt ein positives Profil der Hauptfigur.17

Posses Ambition, dass sein Werk eine objektive Darstellung Eva Pérons abbildet, wird dadurch intermittiert, dass seine im Spannungsverhältnis stehende Kreation aus historischen Gegebenheiten und subjektiven Apperzeptionen zu einer wertenden Stilisierung und Idealisierung der Figur Evas führt.18

Die Binnenhandlung in „La pasión según Eva“, durch sieben Kapitel gekennzeichnet, zentriert die letzten zehn Lebensmonate der Protagonistin in einem ständigen narrativen Wechsel bestehend aus ihrer Krankheit und ihren Kindheitserinnerungen. Die Rahmenhandlung widerspiegelt sich in den Kapiteln vorangestellten Epigraphen, die Restzeit Evas symbolisierend, beginnend bei 9,5 Monaten, endend in den letzten 24 Stunden ihres Lebens.19 Körperdarstellungen Eva Peróns in Posses Werk Bereits am inhaltlichen Aufbau des Werkes lassen sich Evas Körperkonstruktionen erkennen, denn zu Beginn des Romans lässt Posse sie auf ihren abgemagerten Körper blicken „Se me están angosatndo. Las manos resbalarían hoy a lo largo“. (PSE, S. 12). Im weiteren Verlauf wird das Bild eines allmächtigen Körper Evas, welcher auf seine entbehrungsreiche Jugend zurückblickt erschaffen „Aunque enturbien tu infancia con miseria o maltado. Sos como todopoderoso, poderoso“. (PSE, S. 73). Inhaltlich endet das Buch in einem Epilog, der ihren einbalsamierten Körper, die Reise ihrer Leiche nach Madrid, wo sie 1972 Peron zurückgegeben wurde, beschreibt „Pasé años hasta que, en 1972 , aquel oficial elegante […] decidiy, después de diecisiete años de humillaciones, mandarme en una camioneta a través de la Costa Azul hasta Madrid.“ (PSE, S. 347).

Diese narrativen Strategien im Aufbau des Werkes verwendet, unterschiedliche Körper Evas zu konstruieren, tragen entscheidend zur Heroisierung und Mythisierung der Protagonistin bei und sollen im Folgenden untersucht werden.20

3.2 Die Entpuppung Evas Körpers

In Posses Roman ist feststellbar, dass sich Evas Körper einer Verwandlung in Form einer „pariy“ (PSE, S. 141) unterzieht. So kann ein Trias ihrer Verwandlung nachgezeichnet werden, der sich in folgenden Ereignissen niederschlägt:

Ihre erste Verwandlung findet bereits in ihrer Kindheit statt, als sie sich mit heißem Öl verbrennt und ihre neue Haut danach noch weißer als zuvor zum Vorschein tritt:

„Cayy la piel quemada y apareciy ella como era con el cutis aún más blanco [..].“

(PSE, S. 66); Zudem gibt es bereits eine Vorausdeutung auf eine weitere Entpuppung: „Usted, m’hijita, puede nacer si quiere, si se le ocurre.” (PSE, S. 67). Die zweite Entpuppung findet statt, als Eva Perón kennenlernt: „Fue la primera vez que la vi mujer, más allá de esa fragilidad. Tenía por fin formas de mujer [...].” (PSE, S. 171). Ihre dritte Entpuppung wird schließlich initiiert mit der Abwendung von der reinen Politik und der Zuwendung zur Sozialarbeit:

„Ya desde 1948, dos años después de la jura presidencial, Eva ingresa en su vida tercera. Se aleja de lo político inmediato. Tiene repulsión del sistema del poder. Se aparta hacia su política de acción social directa.” (PSE, S. 266).

Körperdarstellungen Eva Peróns in Posses Werk Hieraus lässt sich implizieren, dass Evas Schönheit kein Geschenk der Natur ist, sondern sich erst mit den Jahren entpuppt: So wird bspw. das unscheinbare Bild ihres Kinderkörpers wie folgt konstruiert: „Eva era una cosita transparente, de galdita, finita tanto que no se sabía si iba o venía, cabello negro, carita alargada.“

(PSE, S. 96). Ihre Weiblichkeit schien anfänglich in ihrem Charakter anstelle des Körpers zu ruhen: „Era más carácter de mujer que cuerpo.“ (PSE, S. 176), denn „[…] teniá muy poco cuerpo.“ (PSE, ebd.). Diese Art des späteren Aneignungsprozesses von Schönheit steht gleichsam dem eines Veränderungsprozesses vom Körper des „Nichts“ zum Körper des „Etwas“:21

“Mi cuerpo empezy a redendearse, a tener eso que llaman encanto de mujer, recién hacía 1938, cuando ya cumplía los 19. Creo que, como tantas otras cosas, mi cuerpo fue como una ocurrencia mía. Se me antojó tenerlo una buena vez y lo tuve. Lo parí.” (PSE, S. 123)

3.3 Eva als Verkörperung der Einheit versus der verkörperten Spaltung

Das argentinische Frauenbild im Generellen gesehen impliziert das weibliche Geschlecht als deplatzierte Mutterfigur und Objekt der Begierde, als die Viabilität der sexuellen Vereinigung bzw. Einheit. Das Negieren dieser Möglichkeit führt zu einer Frustration bzw. Spaltung dieser Verkörperung der Frau. Das Frauenbild bzw. dessen Verkörperung gilt folglich als instabil und zwiegespalten. In dieser Zwiegespaltenheit liegen Widersprüchlichkeiten zum einen und paradoxe Bilder zum anderen verborgen: Jene Idee der Spaltung oder Instabilität konträr zur Verkörperung von Sicherheit, Einheit und Stabilität. Der feminine Körper mildert folglich den Wunsch nach Spaltung und verleiht ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität.22

In Posses Roman wird diese Einheit durch zwei fundamentale Verkörperungen Evas gestützt: die Frauenfigur, der verführerischen Eva und der marianischen Jungfrauengestalt Evas.23

Die verführerische Eva, die über eine „elegancia natural“ (PSE, S. 171) verfüge und als „grácil“ (PSE, S. 171) gelte, verkörpert jene verlorene Einheit mit unabhängiger Identität, welche durch Schönheit, körperliches Verlangen aber auch durch Sterblichkeit geprägt ist.

[...]


1 Posse, 1996, Umschlag Rückseite.

2 vgl. Waldmann, 1974, S. 142f.

3 vgl. Küpper, 2010, S. 46.

4 vgl. Kniebe, 1997, S. 70.

5 Alle Textzitate sind entnommen aus: Posse,A. (1995): La según pasión Eva, Barcelona: Editorial Planeta. Im Folgenden werden sie mit „PSE“ abgekürzt direkt im Text angegeben.

6 vgl. Duden, 2001, o. S.

7 Nünning, 2004, S. 325.

8 vgl. Held, 2000, S. 41.

9 vgl. Nünning, 2004, S. 326.

10 vgl. Krämer, 2000, S.49ff.

11 Ebd., 2000, S. 49.

12 vgl. Nünning, 2002, S. 306f.

13 vgl. Winst, 2002, o.S.

14 vgl. Butler, 1995, S. 22.

15 vgl. Sáinz de Medrano, 1997, S. 117f.

16 vgl. Ingenschay, 1997, o.S.

17 vgl. Plotnik, 2004, S. 123f.

18 vgl. Ingenschay, 1997, o.S.

19 vgl. Soria, 2005, S.209.

20 vgl. Ingenschay, 1997, o.S.

21 vgl. Soria, 2005, S. 84f.

22 vgl. Plotnik, 2004, S.15.

23 vgl. ebd., S.15.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656269748
ISBN (Buch)
9783656271277
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200940
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Eva Péron Körperdarstellungen Abel Posse

Autor

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Titel: Körperdarstellungen Eva Peróns in Abel Posses Werk: „La pasión según Eva“ – Die Konstruktion eines Mythos?