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Strategisch-operative Zielsetzung der Wehrmacht 1942

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 41 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Geostrategische Situation zur Jahreswende 1941/42

III. Strategische Optionen
1. Versuch eines globalen Ansatzes
2. Die Denkschrift der Seekriegsleitung vom 25. Februar
3. Vorstoß in den Kaukasus

IV. Die kriegswirtschaftliche und strategische Bedeutung der Kaukasusregion

V. Die Wehrmacht im Frühjahr
1. Personelle Probleme
2. Materielle Probleme
3. Zusammenfassung

VI. Die Weisung Nr. 41

VII. Probleme im direkten Vorfeld des Operationsbeginns
1. Zeitliche Verschiebung
2. Der „Fall Reichel“

VIII. „Operation Blau“
1. Beginn der Operation
2. Versorgungsprobleme
a) Generelle Versorgungsprobleme
b) Betriebsstoffmangel
c) Mangelhafte Ersatzlage

IX. Die Weisung Nr. 45

X. Zusammenfassung

XI. Anhang

XII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Stalingrad kennt jeder. In unserem Wissen vom Zweiten Weltkrieg hat die russische Industriestadt an der Wolga, die jetzt Volgograd heißt, ihren gesicherten Platz. Allein der Name bringt Vorstellungen mit sich, die so unterschiedlich sind wie die Standpunkte und Blickwinkel der Betrachter. Die Schlacht von Stalingrad wurde von Anfang an für Deutsche wie Russen zu einem Mythos.“[1]

Innerhalb der nunmehr vergangenen 60 Jahre seit dem Ende der Kampfhandlungen in der Wolgametropole war meist die Schlachtdarstellung selbst und damit das fatale Ende der deutschen Sommeroffensive 1942 im Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Arbeit soll dazu dienen, den Fokus in die Planungs- und Frühphase der Offensive zu verschieben. Ziel der Arbeit soll es sein, die direkte Schlacht um die Stadt in den größeren Gesamtkontext des zweiten Feldzuges einzuordnen, da die tragischen Ereignisse vom 23. August 1942 bis zum

2. Februar 1943 aus meiner Sicht eher als Epilog jener folgenschweren Fehlanalysen in der Planungs- und Anfangsphase der Offensive zu sehen sind. Dazu sollen hauptsächlich drei Fragen geklärt werden:

1. Welche kriegswirtschaftlichen Ursachen hatte der deutsche Vormarsch in den Kaukasus?
2. Welche Probleme und Fehleinschätzungen belasteten das Unternehmen von Beginn an?
3. Ab welchem Zeitpunkt war das Scheitern der Offensive eigentlich besiegelt?

Bei der Analyse der strategisch-operativen Ebene waren mir besonders die Aufsätze von Prof. Bernd Wegner sehr hilfreich. Vor allem das von ihm verfaßte Kapitel in Band 6 der vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebenen Reihe „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“[2] liefert einen umfangreichen Überblick zu diesem Thema. Bei der Erforschung der kriegswirtschaftlichen Grundlagen und Ursachen für den deutschen Vormarsch in den Kaukasus haben sich hauptsächlich DDR-Forscher hervorgetan. Allen voran Dietrich Eichholz mit seiner „Geschichte der Deutschen Kriegswirtschaft

1939 – 1945“.[3] Unter Beachtung der staatlich vorgegebenen Forschungsrichtung und nach Abstraktion DDR-typischer Termini liefern diese Schriften durchaus nutzbringende Erkenntnisse.

Abschließend möchte ich noch anmerken, daß diese Arbeit nach den Regeln der alten Rechtschreibung verfaßt wurde.

II. Geostrategische Situation zur Jahreswende 1941/42

In der zweiten Dezemberwoche des Jahres 1941 trat eine grundlegende Veränderung der Gesamtkriegslage ein, die durchaus auch zu einer Neukonzeption der deutschen Strategie hätte führen können.[4] Zum einen wurde das unabänderliche Scheitern des deutschen Blitzkrieges durch den Beginn der russischen Winteroffensive vor Moskau am 5./6. Dezember endgültig offenbar, und zum anderen weitete sich durch den Angriff der Japaner auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor und der damit verbundenen Kriegserklärung Italiens und des Deutschen Reiches an die Vereinigten Staaten am 11. Dezember der Krieg nunmehr unumstößlich zu einem Weltkrieg aus.[5] Diese zeitliche und räumliche Entgrenzung des Krieges ließ Hitlers Kalkül, die Gegner möglichst in kurzen Feldzügen einzeln zu besiegen und damit eine unangreifbare Ausgangsposition für die Weltherrschaft zu erobern, scheitern. Nun galt es, einen Kampf gegen sämtliche Großmächte dieser Epoche zu bestehen. Dies führte dazu, daß die Entwicklungen nur noch bedingt von den Entscheidungen der Reichsführung abhängig waren und das Deutsche Reich immer mehr vom handelnden Subjekt zum Objekt der internationalen Beziehungen wurde.[6]

III. Optionen

III.1. Versuch eines globalen Ansatzes

Anfang des Jahres 1942 unternahmen die Staaten des „Dreierpakt“ (Deutsches Reich/Italien/Japan) ansatzweise Versuche, auf die geänderten Rahmenbedingungen zu reagieren und eine globale Strategie zu entwickeln. Besonders im Verhältnis Deutsches Reich - Japan entstanden zaghafte Ansätze eines globalen Zusammenwirkens.[7] Die spektakulären japanischen Anfangserfolge im Pazifik lösten im „Führerhauptquartier“ Jubel aus und überdeckten sogar kurzzeitig die Hiobsbotschaften aus dem Osten. Hitler hatte die Hoffnung, daß die Chancen aus der räumlichen Ausdehnung des Krieges in den pazifischen Raum die Risiken der zeitlichen Expansion im Osten ausgleichen könnten.[8]

Tenor der Gespräche war es, die amerikanischen Startschwierigkeiten auszunutzen, um eine sichere Land- und Seeverbindung zwischen Europa und Asien herzustellen. Als räumlichen Bereich für ein koordiniertes Vorgehen wurden die südlichen Anrainerstaaten der UdSSR – von Burma über Indien bis zum Iran und zur Türkei – avisiert. Durch die Inbesitznahme dieses Gebietes sollte die UdSSR von den Westalliierten isoliert (u.a. Nachschubwege über Persien unterbrochen) und diese vom europäisch-asiatischen Kriegsschauplatz verdrängt werden. Während eines Gesprächs zwischen Hitler und dem japanischen Botschafter in

Berlin, Oshima, am 03. Januar 1942 entwickelte der deutsche Staatschef ein ähnliches Konzept.[9] England sollte durch Aushebelung seiner imperialen Position, vor allem in Indien, besiegt werden. Am 18. Januar 1942 wurde in Berlin die „Militärische Vereinbarung zwischen Deutschland, Italien und Japan“ unterzeichnet.[10] Sie enthielt aber keine klare Formulierung einer globalen Strategie, sondern war geprägt von unscharfen Aussagen. Letztlich wurden zwei Zonen zwischen den drei Mächten entlang des 70. Längengrades vereinbart. Alle Gebiete, die östlich davon lagen, also hauptsächlich der Südseeraum und der Pazifik, waren japanisches Hauptkampfgebiet. Der westliche Bereich, Naher und Mittlerer Osten, das Mittelmeer und der Atlantik, wurden Deutschland und Italien zugeteilt.

Zu wenige Repräsentanten in Japan und Deutschland hatten erkannt, wie wichtig ein globaler Ansatz für den Sieg in diesem Weltkrieg gewesen wäre. Auf deutscher Seite muß vor allem der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Raeder, als einer der vorausschauenden Männer genannt werden. Bereits am 13. Februar 1942 legte er Hitler erste Vorschläge der Seekriegsleitung vor, die einen baldigen deutsch-italienischen Vorstoß gegen die britische Suezstellung vorsahen.[11]

III.2. Die Denkschrift der Deutschen Seekriegsleitung (Siehe Anhang, Karte 1)

Am 25. Februar 1942 präsentierte die Seekriegsleitung Hitler eine Denkschrift, die auf einer Lagebetrachtung vom 20. Februar basierte und für eine koordinierte europäisch-japanische Koalitionskriegführung plädierte.[12] Die Seekriegsleitung erkannte klar, daß die Ölversorgung die Achillesferse der deutschen Kriegführung war.[13] Daher setzte die Marineleitung die „Sicherstellung der Ölversorgung für Großdeutschland/Europa“ an die erste Stelle der Vorbedingungen für die Führung eines „langen Krieges“. Darin stimmten sie mit Hitler und dem Generalstab des Heeres durchaus überein. Doch unterschieden sich die Ansichten in der Frage, wie dies erreicht werden sollte. Aus Sicht der Seekriegsleitung mußte unverzüglich ein Vorstoß in den Nahen Osten und hier insbesondere in den Raum Suez geführt werden, wo „die z.Zt. stark geschwächte Stellung Englands [...] der deutschen Führung die geschichtliche Gelegenheit gibt, mit verhältnismäßig geringen Kräften in absehbarer Zeit im Zusammenwirken mit Japan den Einsturz der gesamten britischen Schlüsselstellung im Vorderen Orient herbeizuführen.“[14] Durch eine rasche und konzertierte Operation sollte den Briten diese für ihr Empire geostrategisch, rohwirtschaftlich und verkehrsmäßig unverzichtbare Position genommen werden.[15] Im Osten sollten nur zwei kleinere Operationen, ein Vorstoß zum Kaukasus und die Besetzung Murmansk, zum einen um die Ölreserven des Kaukasus zu gewinnen und zum anderen um die UdSSR vom Nachschub durch die Westallierten abzuschneiden, unternommen werden.[16] Nach anfänglicher verhaltener Zustimmung lehnten Hitler und der Generalstab diese Pläne mit fortlaufender Zeit entschieden ab. Aus ihrer Sicht ging die Seekriegsleitung von einer allzu optimistischen Lagebeurteilung aus.[17] Der Chef des Generalstab des Heeres, Generaloberst Halder, äußerte diese Kritik sehr deutlich in seinem Kriegstagebuch. Dort schrieb er am 12.6.1942 nach einer Lagebesprechung mit dem Chef des Stabes der Seekriegsleitung, Vizeadmiral Fri>

„Das Bild der Kriegslage wie es sich die Seekriegsleitung macht, weicht von unserer nüchternen Betrachtung der Dinge weit ab. Die Leute träumen in Kontinenten. Sie nehmen auf Grund der bisherigen Erfahrungen mit dem Heer ohne weiteres an, daß es nur von unserem guten Willen abhängt, ob und wann wir auf dem Landweg über den Kaukasus an den Persischen Golf oder aus der Cyrenaika über Ägypten bis zum Suezkanal durchstoßen.“[18]

Hitler plädierte dafür, die Zeit bis zum Erscheinen der Amerikaner in Europa für eine neue Anstrengung im Osten zu nutzen. Der oberste deutsche Kriegsherr sah nur auf dem Landweg im Rahmen eines transkaukasischen Unternehmens, nicht über Italien und das Mittelmeer, eine realistische Möglichkeit, in die britische Nahoststellung vorzudringen.[19] Diese Frage war aber für Hitler vorerst von untergeordneter Bedeutung. Sein Ziel war, das Ölproblem durch einen neuen Vormarsch nach Osten zu lösen.

III.3. Der Vorstoß in den Kaukasus

Der Schwerpunkt der deutschen Kriegsanstrengung des Jahres 1942 sollte im Osten belassen werden, doch stellte sich nach der Niederlage vor Moskau im Dezember 1941 die entscheidende Frage für 1942 so : Wie soll der Feldzug überhaupt geführt werden?

Zwei grundsätzliche Optionen standen zur Auswahl. Erstens bestand die Möglichkeit, rein defensiv, unter hinhaltender, großräumiger Verteidigung in den Weiten des Ostens, zu agieren und zweitens wäre eine offensive Strategie möglich gewesen. Die zweite Option, für die sich Hitler auch entschied, offenbarte noch eine weitere, entscheidende Frage: Welches Ziel sollte die neue Offensive haben? Wieder Moskau?[20]

Der Gedanke, die Stadt Stalingrad einzunehmen, wurde von Hitler erstmals im November 1941 während einer Besprechung im Führerhauptquartier erwähnt. Am 11. November erließ Hitler eine interne Weisung an das OKH, deren Wortlaut vom Chef des Generalstabes der Heeresgruppe Süd, General der Infanterie von Sodenstern, der zu dieser Zeit im Hauptquartier anwesend war, festgehalten wurde. Darin hieß es, daß die Kriegslage„bei entsprechender Wetterentwicklung den äußersten Einsatz rechtfertigen würde, im Süden durch einen Vorstoß auf Stalingrad bzw. durch baldiges Gewinnen von Maikop – Grosnyj unsere beschränkte Erdölversorgung zu verbessern und zu sichern.“[21]

Konkretere Formen nahmen die Planungen im Frühjahr 1942 an. So führte Hitler während der o.g. Unterredung mit dem japanischen Botschafter in Berlin, Oshima, am 3. Januar 1942 aus:

„[...] ,daß er entschlossen sei, die Offensive in Richtung des Kaukasus wieder aufzunehmen, sobald das Wetter günstig würde. Diese Stoßrichtung sei die wichtigste; man müsse an das Öl und an den Iran und den Irak herankommen.“[22]

Als Quintessenz der den neuen Feldzug vorbereitenden Lagebesprechung vom 28. März 1942 notierte der Generalstabschef des Heeres, Generaloberst Halder, in sein Kriegstagebuch:

„Krieg wird im Osten entschieden. [...] Ziel: Schwarzes Meer, geschlossenes Meer; Batum – Baku. Terminkalender: Anfang September: Nordkaukasus.“[23]

IV. Die kriegswirtschaftliche und strategische Bedeutung der Kaukasusregion

Die Inbesitznahme der Kaukasusregion war für die deutsche Seite aufgrund von drei Faktoren von entscheidender Bedeutung:

1. Unterbrechung des zweiten Weges für alliierten Nachschub in die UdSSR[24]
2. Möglichkeit einer transkaukasischen Option zur Bedrohung der britischen Position im Nahen und Mittleren Osten
3. Vor allem aber Interesse an den riesigen Erdöl- und Manganvorkommen der Region.

Bereits im Ersten Weltkrieg hatte die Inbesitznahme dieser Rohstoffquellen zu den deutschen Kriegszielen gehört und war daher auch Bestandteil der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk. Letztlich entsandte die OHL im Frühsommer 1918 sogar eine ganze Division über das Schwarze Meer nach Georgien, um ihre Interessen vor Ort zu wahren.[25]

Spekulation muß bleiben, ob, wie Dirks und Janßen behaupten, Hitler bereits in seinen Münchener Jahren durch den Kontakt mit führenden Offizieren der ehemaligen Kaiserlichen Armee (Ludendorff / Lossow) auf die Bedeutung dieser größten Erdölfelder Europas aufmerksam gemacht worden war.[26] „Die Niederlage im Ersten Weltkrieg hatte [...] aufs Eindringlichste gezeigt, daß Kriegführen ohne Öl nicht mehr denkbar war. Dies blieb eine der wichtigsten Erfahrungen des Krieges.“[27] Grundsätzlich war dieses Gebiet also von entscheidender Bedeutung. Die russische Erdölerzeugung, die im Jahre 1940 rund 31,1 Millionen t jährlich betrug und damit die des ganzen europäischen „Großwirtschaftsraumes“ um das dreifache übertraf, lag zu 95% westlich der Archangelsk – Astrachan – Linie, welche von der deutschen Führung als zu erreichendes Kriegsziel vorgegeben worden war.[28] 75% der geförderten Menge stammten dabei aus dem Raum um Baku, 16% aus den nordkaukasischen Feldern um Maikop und Grosnyj.[29] Die Bedeutung der Region lag aber nicht nur in dem möglichen Rohstoffgewinn der deutschen Seite, sondern auch in dem damit verbundenem Verlust der russischen Seite. Die UdSSR war ebenfalls hochgradig vom Öl abhängig, sowohl in Hinblick auf ihre Armee, als auch vor allem hinsichtlich ihrer Landwirtschaft. Ohne diese Erdölvorkommen drohte ihr der Verlust des Krieges.[30] Zwar beurteilte General Thomas, der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, in einer Prognose vom Oktober 1941 die negativen Effekte, die eine Inbesitznahme Maikops und des Donezbeckens durch deutsche Truppe für die russische Wirtschaft hätten, wahrscheinlich etwas übertrieben, wenn er schrieb, daß die Russen dadurch 2/3 der Kohle und des Eisens verlören und die industrielle Produktion dadurch überall auf die Hälfte absinken werde, doch schien die substantielle Bedeutung der Region unumstritten.[31] Daher verwundert es nicht, wenn in den strategischen Planungen der deutschen Führung schon weit vor dem Beginn des „Unternehmen Barbarossa“ die Gewinnung dieser Gebiete als kriegsentscheidend angesehen wurde. Bereits im November 1940 skizzierte Göring in einem Gespräch mit General Thomas die Beweggründe für den anstehenden Ostfeldzug in drei Punkten, wobei besonders der dritte von Interesse ist[32]:

1. Russischem Angriff zuvorkommen
2. Da der Krieg gegen England länger dauern wird => englische Blockade nach Osten durchbrechen
3. „wir bis zum Kaukasus durchstoßen müssen, um uns der kaukasischen Ölgebiete zu bemächtigen, da ohne sie gegen England und Amerika eine großzügige Luftkriegführung nicht möglich ist.“

Besonders General Thomas betonte in seinen wehrwirtschaftlichen Studien immer wieder die entscheidende Bedeutung dieser Region für die deutsche Kriegswirtschaft.[33] Am 4. Juni 1941 eröffnete er eine Sitzung des „Wirtschaftsstabes Ost“, der für die zukünftige wirtschaftliche Verwaltung und Ausbeutung der zu besetzenden Gebiete verantwortlich sein sollte, mit den Worten:

„Zwei Hauptforderungen entstehen [...] neben dem ersten Ziel der Zerschlagung der feindlichen Wehrmacht a) die Vernichtung des bolschewistischen Systems b) eine baldige Ausnutzung des wirtschaftlichen Potentials Rußlands, insonderheit auf dem Ernährungs- und Treibstoffgebiet.“[34]

Anfang Juni 1941 stellte auch Göring noch einmal in seinen „Geheimen Richtlinien zur wirtschaftlichen Ausbeutung der zu besetzenden russischen Gebietsteile“ die wesentlichen wirtschaftlichen Triebkräfte für das „Unternehmen Barbarossa“ heraus.

Darin stand zu lesen:

„b) bei den industriellen Rohstoffen liegt das Schwergewicht auf dem Mineralöl. Unter den Vorhaben, die nicht der Ernährungswirtschaft dienen, haben die mit der Erzeugung und dem Abtransport von Mineralöl zusammenhängenden Aufgaben unter allen Umständen Vorrang.“[35]

Wie bereits mehrfach angedeutet resultierte das deutsche Interesse hauptsächlich aus der prekären Treibstofflage des Reiches. Zwar waren die deutschen Reserven durch das Ausbleiben wesentlicher Kampfhandlungen in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 und zu Beginn des Jahres 1941, den rapiden Anstieg der rumänischen Öllieferungen nach Abschluß des „Öl-Waffen-Pakts“ am 29. Mai 1940 (allein im Juni 1940 erfolgte eine Verdopplung), dem Ansteigen russischer Lieferungen nach Abschluß eines Wirtschaftsabkommens

(u.a. wurde vereinbart, daß die Sowjetunion innerhalb von 18 Monaten 900.000 t Mineralöl, darunter 300.000 t des dringend benötigten Dieselöls liefern sollte)[36] und dem Wachstum bei der Produktion von synthetischem Treibstoff von 1940 bis 1941 von 3,5 auf 4,2 Millionen t erheblich angewachsen, doch stellte dies noch lange keine ausreichende Grundlage zur Führung eines „langen“ Krieges dar.[37]

Obwohl sich die deutsche Betriebsstofflage zu Beginn des Feldzuges sogar günstiger denn je gestaltete, erkannten doch einige Experten, allen voran General Thomas, daß ein Feldzug gegen die UdSSR zu ernsten Versorgungsproblemen führen würde.[38] Mit dem Beginn der Kampfhandlungen am 22. Juni 1941 schnellte dann auch, wie von den Experten vorhergesagt, die Verbrauchskurve rapide nach oben. Daß eine ernsthafte Versorgungskrise dennoch vorerst ausblieb, war vor allem dem nicht vorauszusehenden Anstieg der rumänischen Öllieferungen zu verdanken.[39] Geringere Bedeutung besaß dabei das galizische Erdölgebiet, welches früh von deutschen Truppen relativ unbeschadet erobert worden war.[40] Die russische Förderung betrug im Jahre 1938 in den beiden Gebieten, Drogobitsch und Stanislau, zusammen etwa 370.000 t jährlich. Die Deutschen förderten dort 1942 250.000 t jährlich und 1943 rund 390.000 t jährlich. Diese relativ geringen Mengen dienten vor allem der Befriedigung des landwirtschaftlichen Bedarfs in der Ukraine. Ende Oktober 1941 bestätigte sich, was General Thomas vorausgesagt hatte. Die Bestände waren aufgebraucht und das Minus in der Mineralölbilanz war nicht mehr ausgleichbar. Als Konsequenz daraus wurde die Mineralölzuteilung für die Wehrmacht und den zivilen Bereich gekürzt.[41] Gleichzeitig erfolgte die Ankündigung von weiteren Kürzungen in diesem Bereich für die folgenden Monate. Durch die zeitliche (Ausbleiben des Sieges im Osten) und räumliche (Kriegseintritt der USA) Entgrenzung des Krieges in den ersten beiden Dezemberwochen des Jahres 1941 gewann die Betriebsstofffrage noch zusätzlich an Bedeutung. Der Generalquartiermeister des Heeres, General Eduard Wagner, hatte bereits während einer Besprechung am 30. August 1941 angekündigt, daß ab Januar 1942 keine Vorräte mehr vorhanden seien und neue Treibstoffgebiete gewonnen werden müßten. Ein wirklicher Ausgleich der Fehlmengen, dies war den Experten bewußt, konnte nur durch die Eroberung des Erdölgebietes um Majkop erfolgen.[42] Spätestens seit der Jahreswende 1941/42 diktierten diese wirtschaftlichen Zielsetzungen endgültig Hitlers Kalkül. Ihm war bewußt, daß Deutschland einen „langen“ Krieg gegen die angelsächsischen Seemächte nur durchstehen konnte, wenn dem Reich die Inbesitznahme der riesigen Erdölvorkommen der Kaukasusregion gelänge.[43] Das Ziel des neuen Feldzuges verschob sich immer mehr vom ideologischen Endziel der „Zerschlagung des Bolschewismus“ zur kriegswirtschaftlich entscheidenden Gewinnung und Sicherung eines „rohstoffwirtschaftlichen Ergänzungsraumes“, da ein globaler Krieg ohne diesen Rückhalt gänzlich ausweglos schien. Zwar konnten die Vorräte im Winter 1941 und Frühjahr 1942 durch das weitestgehende Ausbleiben beweglich geführter und damit kraftstoffintensiver Operationen ein wenig aufgefüllt werden, doch brach ab 1942 die Zeit des Lavierens und immer stärkeren Einschränkens an. Hinzu kam, daß es der zuständigen „Wirtschaftsorganisation Ost“ nicht gelang, eine effiziente Ausnutzung der russischen Rohstoffe in moderater Zeit zu gewährleisten.[44] Im Frühjahr 1942 hatte die deutsche Ölförderung in den besetzten Gebieten gerade einmal 75% der Vorkriegsleistung erreicht. Noch eklatanter wird der Mißstand, wenn man sich die Leistungsbilanz des „Wirtschaftsstabes Ost“ in den ersten 12 Monaten des Krieges betrachtet. 750.000 t Mineralöl waren für Heimat und Truppe erwirtschaftet und erbeutet worden. Dem standen 700.000 t ausgefallene vertragliche Lieferungen gegenüber. Somit betrug das Plus nach nahezu einem Jahr Krieg gerade einmal 50.000 t.[45]

[...]


[1] Förster, Jürgen, Zähe Legenden, Stalingrad, 23. August 1942 bis 2. Februar 1943, in: Schlachten der Weltgeschichte: von Salamis bis Sinai, hrsg. von Förster, Stig, München 2001, S. 325.

[2] Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, Der globale Krieg, Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941 – 1943, hrsg. vom Militärgeschichtlichem Forschungsamt, Stuttgart 1990, S. 761ff.

[3] Vgl. Eichholz, Dietrich, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band II: 1941 – 1943, Berlin 1985.

[4] Vgl. Wegner, Bernd, Vom Lebensraum zum Todesraum, in: Stalingrad Ereignis-Wirkung-Symbol, hrsg. von Förster, Jürgen, München 1992, S. 18.

[5] Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, a.a.O., S. 97.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Hillgruber, Andreas, Der Zweite Weltkrieg 1939 – 1945: Kriegsziele und Strategie der großen Mächte, Stuttgart 1996, S. 91.

[8] Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, a.a.O., S. 101.

[9] Wortlaut abgedruckt in: Hohlfeld, Johannes (Hrsg.), Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart, V. Band, Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur 1933 – 1945, Deutschland im Zweiten Weltkrieg, Berlin o.A., S. 365ff; zur Bedeutung des Gespräches siehe Hillgruber, Andreas, a.a.O., S. 91.

[10] Förster, Gerhard (Hrsg.), Der zweite Weltkrieg – Dokumente, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, S. 172ff.

[11] Vgl. Salewski, Michael (Hrsg.), Die deutsche Seekriegsleitung 1935 – 1945, Band II: 1942 – 1945, München 1975, S. 82f.; Siehe dazu auch Hillgruber, Andreas, a.a.O., S. 93.

[12] Wortlaut abgedruckt in: Salewski, Michael (Hrsg.), Die deutsche Seekriegsleitung 1935 – 1945, Band III, Denkschriften und Lagebetrachtungen 1938 – 1944, Frankfurt am Main 1973, S. 262ff. ; Siehe dazu auch
Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, a.a.O., S. 107.

[13] „Insbesondere reicht die vorhandene Ölbasis nicht aus, um militärisch und wirtschaftlich die Fortführung des Krieges auf längere Zeit zu gewährleisten.“ Siehe Salewski, Michael (Hrsg.), Die deutsche Seekriegsleitung 1935 – 1945, Band III, Denkschriften und Lagebetrachtungen 1938 – 1944, a.a.O., S. 266.

[14] Salewski, Michael (Hrsg.), Die deutsche Seekriegsleitung 1935 – 1945, Band III, Denkschriften und Lagebetrachtungen 1938 – 1944, a.a.O., S. 272f.

[15] Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, a.a.O., S. 766.

[16] Vgl. Hillgruber, Andreas, a.a.O., S. 93.

[17] Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, a.a.O., S. 767.

[18] Halder, Franz, Kriegstagebuch, Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabs des Heeres 1939 – 1942, Band III, Der Rußlandfeldzug bis zum Marsch auf Stalingrad (22.6.1941 – 24.9.1942), bearbeitet von Jacobsen, Hans-Adolf, Stuttgart 1964, S. 454.

[19] Vgl. Hillgruber, Andreas, a.a.O., S. 93.

[20] Vgl. Görlitz, Walter (Hrsg.), Paulus und Stalingrad, Lebensweg des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus, Mit den Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, Briefen und Dokumenten, Frankfurt am Main 1960.S. 148.

[21] Zitiert nach Doerr, Hans, Der Feldzug nach Stalingrad, Versuch eines operativen Überblicks, Darmstadt 1955, S. 15.

[22] Hohlfeld, Johannes (Hrsg.), a.a.O. S. 358.

[23] Halder, Franz, a.a.O., S. 420f.

[24] Der zweite Nachschubweg war durch die Einmarsch von zwei britischen und drei sowjetischen Divisionen in den Iran am 25. August 1941 geöffnet wurden. Im Jahre 1942 erreichten 705.529 t Hilfslieferungen die UdSSR über diesen Weg. Dies entsprach 29,9% der Gesamtlieferungen. Diese Lieferungen steigerten sich im Jahre 1943 sogar noch auf 1,6 Millionen t oder 33,5%. Vgl. Tieke, Wilhelm, Der Kaukasus und das Öl, Der deutsch-sowjetische Krieg in Kaukasien 1942/43, Osnabrück 1970, S. 20.

[25] Vgl. Dirks, Carl, Janßen, Karl-Heinz, Der Krieg der Generäle, Hitler als Werkzeug der Wehrmacht, München 2001, S. 163.

[26] Vgl. Ebd.

[27] Vgl. Eichholz, Dietrich, Öl, Krieg, Politik: Deutscher Ölimperialismus (1933 – 1942/43), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jahrgang 2003, S. 495.

[28] Vgl. Dlugoborski, Waclaw, Madajczyk, Czeslaw, Ausbeutungssysteme in den besetzten Gebieten Polens und der UdSSR, in: Kriegwirtschaft und Rüstung 1939 – 1945, hrsg. von Forstmeier, Friedrich, Volkmann, Hans-Erich, Düsseldorf 1977, S. 392.

[29] Vgl. Wegner, Bernd, Vom Lebensraum zum Todesraum, a.a.O., S. 18 und Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 6, a.a.O., S. 805.

[30] Vgl. Wegner, Bernd, Vom Lebensraum zum Todesraum, a.a.O., S. 19.

[31] Vgl. Dirks, Carl, Janßen, Karl-Heinz, a.a.O., S. 163f.

[32] Göring zitiert nach: Eichholz, Dietrich, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 - 1945, a.a.O., S. 2.

[33] Vgl. Dirks, Carl, Janßen, Karl-Heinz, a.a.O., S. 163.

[34] General Thomas zitiert nach Eichholz, Dietrich, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 –1945, a.a.O., S. 2.

[35] Steitz, Walter (Hrsg.), Quellen zur deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus, 2. Teilband: Die Kriegswirtschaft, Darmstadt 2000, S. 183.

[36] Vgl. Birkenfeld, Wolfgang, Der synthetische Treibstoff 1933 – 1945, Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Wirtschafts- und Rüstungspolitik, Göttingen 1964, S. 152.

[37] Vgl. Eichholz, Dietrich, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, a.a.O., S. 9.

[38] Vgl. Birkenfeld, Wolfgang, a.a.O., S. 153ff.

[39] Vgl. Ebd., S. 155.

[40] Vgl. Müller, Rolf-Dieter (Hrsg.), Die deutsche Wirtschaftspolitik in den besetzten sowjetischen Gebieten

1941 – 1943, Der Abschlußbericht des Wirtschaftsstabes Ost und Aufzeichnungen eines Angehörigen des Wirtschaftskommandos Kiew, Boppard am Rhein 1991, S. 249.

[41] Vgl. Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte, 13. Band, Die Wende vor Moskau, Das Scheitern der Strategie Hitlers im Winter 1941/42, hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Stuttgart 1972, S. 116f.

[42] Vgl. Ebd., S. 118.

[43] Vgl. Wegner, Bernd, Vom Lebensraum zum Todesraum, a.a.O., S. 19.

[44] Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 4, Der Angriff auf die Sowjetunion, hrsg. von Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Stuttgart 1983, S. 1206.

[45] Vgl. Ebd., S. 1207.

Details

Seiten
41
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638240765
ISBN (Buch)
9783638646451
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20094
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1
Schlagworte
Strategisch-operative Zielsetzung Wehrmacht Hauptseminar Stalingrad Ereignis Mythos Erinnerung

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Titel: Strategisch-operative Zielsetzung der Wehrmacht 1942