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Paradoxien des vernünftigen Handelns

Hausarbeit 2001 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Paradoxien und Dilemma

3. Gefangenenparadoxie
3.1 Struktur der Paradoxie
3.2 Paradoxie des suboptimalen Resultats
3.3 Auflösung
3.3.1 Die Prämissen ablehnen
3.3.2 Die Konklusion annehmen
3.3.3 Mehrfaches Gefangenendilemma
3.4 Paradoxie der mehrfachen Rationalitäten

4. Newcombs Paradoxie
4.1 Struktur der Paradoxie
4.2 Paradoxie der mehrfachen Rationalitäten
4.3 Auflösung

5. Gefangenenparadoxie und Newcomb- Paradoxie im Vergleich

6. Fazit

1. Einleitung

Paradoxien sind immens vielfältige Erscheinungen, die man in den verschiedensten Gegenstandsbereichen antrifft. Einige beschäftigen sich mit der Struktur von Raum und Zeit, andere mit logischen oder semantischen Selbstbezüglichkeiten, wiederum andere mit der Frage, was sich vernünftigerweise annehmen lässt. Dabei werden immer wieder tief verwurzelte Intuitionen und als selbstverständlich erachtete Konzepte erschüttert.

Rationale Handlungen scheinen auf den ersten Blick gegen schwerwiegende Paradoxien gefeit. Sicherlich fällt es einem oft nicht leicht „das Richtige“ zu tun; entsprechend fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass es auf dem Gebiet der Ethik zu Paradoxien kommen kann, wenn moralische Prinzipien auf Fallbeispiele oder Gedankenexperimente losgelassen werden. Aber was für moralisches Handeln gilt, scheint für rationales Handeln nicht zu gelten. Niemand kann ständig rational handeln, aber unter idealisierten Voraussetzungen, die einen erlauben, ein Problem von allen Seiten zu betrachten, sollte eine rationale Entscheidung möglich sein und in den meisten Fällen das beste Ergebnis hervorbringen. Das gilt zumindest für einen Rationalitätsbegriff, nach dem die Rationalität einer Person dadurch bestimmt wird, dass sie versucht, ihren individuellen Nutzen zu maximieren.

Doch der Schein trügt. Rationales Handeln kann sehr wohl paradoxe Folge nach sich ziehen.

Zwei Paradoxien des rationalen Handelns haben es dabei zu besonderer Bekanntheit gebracht: Die Gefangenenparadoxie (auf die man meistens unter der Bezeichnung „Gefangenendilemma“ stößt) und die Newcomb-Paradoxie. Diese Paradoxien gehen zwar von einer unterschiedlichen Ausgangslage aus, weisen aber, wie sich zeigen wird, viele strukturelle Gemeinsamkeiten auf.

Zum Aufbau der Arbeit:

In Abschnitt 2 wird zunächst dargelegt, was genau man sich unter einer Paradoxie vorzustellen hat und -in Bezug auf die Gefangenenparadoxie von besonderer Bedeutung-, was sie von einem bloßen Dilemma unterscheidet. Auch ist es hier wichtig einen Rahmen dafür zu entwickeln, wie man auf eine Paradoxie reagieren sollte. In Abschnitt 3 und 4 werden die Gefangenenparadoxie (GP) und die Newcomb- Paradoxie (NP) vorerst getrennt voneinander behandelt. Es wird aufgezeigt, wie beide Paradoxien in gleich mehrfacher Hinsicht paradox erscheinen können. Beide Paradoxien könnten nämlich entweder in die Richtung interpretiert werden, dass rationales Handeln im definierten Sinn nicht möglich ist, oder aber, dass es zu suboptimalen Ergebnissen führt. Abschnitt 5 vergleicht die Gefangenenparadoxie (GP) und die Newcomb Paradoxie dann direkt miteinander, wobei u.a. Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie man sich in beiden Paradoxien konsistent verhalten kann. Abschließend werden mögliche Auflösungen resümiert und es wird versucht festzustellen, wie sich Paradoxien des rationalen Handelns in der sehr umfangreichen Welt der Paradoxien einordnen lassen.

2. Paradoxien und Dilemma

Eine griffige Definition einer Paradoxie bietet Sainsbury (1995, S.11 f). Demnach handelt es sich bei einer Paradoxie um eine scheinbar unannehmbare Schlussfolgerung, die mittels eines scheinbar annehmbaren Gedankengangs aus scheinbar annehmbaren Prämissen abgeleitet wird. Wie bereits festgestellt treten Paradoxien in vielen verschiedenen Bereichen auf. Gemein haben viele Paradoxien, dass sie leicht aufzustellen, aber nur schwer aufzulösen sind. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Lügnerparadoxie. Diese Paradoxie wird durch einen einzigen Satz („Ich lüge jetzt“) aufgeworfen, für eine Auflösung muss jedoch tief in das Gebiet der Semantik eingetaucht werden.

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten mit Paradoxien umzugehen: Man kann die Prämissen abstreiten, den Schluss ablehnen oder die Konklusion akzeptieren. Meistens werden die ersten beiden Möglichkeiten bevorzugt, denn das Akzeptieren einer Konklusion, die definitionsgemäß zunächst einmal unannehmbar erscheint, wird vermutlich mit sich bringen, dass weithin akzeptierte Vorstellungen aufgegeben werden müssen. Somit ist es zweckdienlich erst zu gucken, ob die Prämissen nicht tatsächlich unannehmbar sind, weil sie etwa Inkonsistenzen aufweisen oder logische Widersprüche in sich tragen. Ein Schluss lässt sich dann ablehnen, wenn die Konklusion nicht aus den Prämissen folgt. Vielleicht setzt eine Paradoxie weitere Prämissen voraus, die nicht explizit genannt werden; vielleicht wird die Konklusion auch einfach durch einen logischen Fehlschluss aus den vorhandenen Prämissen abgeleitet.

Die Paradoxie des Gefangenen ist häufiger unter der Bezeichnung Gefangenendilemma zu finden. Die Begriffe Paradoxie und Dilemma sind jedoch nicht deckungsgleich. Ein Dilemma ist nicht unannehmbar und bedarf folglich auch keiner Auflösung. Es handelt sich bei ihm lediglich um einen logischen Schluss, der einem bestimmten Musters folgt.

Die Verwendung im alltäglichen Sprachgebrauch weicht insofern vom logischen Muster ab, als dass es bei einem Dilemma durchaus verschiedene mögliche Resultate gibt (der logische Schluss lässt sich natürlich auch in diese Richtung anpassen), die jedoch gleichsam unerwünscht sind. Situationen in denen man nur die Wahl zwischen zwei gleich großen Übeln hat, sind weit verbreitet (Ich kann mich in das 1. oder 2. Zugabteil setzen. 1. Zugabteil besetzt, 2. Zugabteil besetzt, … ). Manchmal sind sie trivial, manchmal ärgerlich, manchmal tragisch. Philosophisch jedoch ist ein Dilemma im Gegensatz zu einer Paradoxie nicht weiter interessant. Wenn also von der Gefangenenparadoxie die Rede ist, wird auf einen paradoxen Gehalt innerhalb des Gefangenendilemmas angespielt. Im Folgenden werden, sofern dadurch keine Unklarheiten, entstehen, sowohl die Bezeichnung Gefangenendilemma (GD) als auch Gefangenenparadoxie (GP) verwendet werden.

3. Gefangenenparadoxie

3.1 Struktur der Paradoxie

Die Gefangenenparadoxie (GP) taucht in unzähligen Varianten auf, aber die klassische Ausgangslage - daher rührt der Name - ist eine Gefangenensituation.

Person A ist zusammen mit einem Komplizen (Person B) eines Verbrechens angeklagt. Beide werden getrennt voneinander verhört und beiden stehen zwei Handlungsoptionen offen:

Sie können ihr Verbrechen entweder gestehen oder sie können es leugnen. Das Strafmaß ist davon abhängig, wie die Entscheidung des einen Gefangenen im Zusammenspiel mit der Entscheidung des anderen Gefangenen ausfällt. Gesteht Person A während Person B leugnet, kommt sie als Kronzeuge frei. Umgekehrt würde sie die Höchststrafe (sagen wir 10 Jahre) erhalten, wenn es umgekehrt sie wäre, die leugnet, während Person B das Geständnis ablegt. Gestehen beide nicht, kommen sie jeweils mit einer niedrigen Haftstrafe für ein nebensächliches Vergehen (1 Jahr) davon. Die letzte Möglichkeit ist ein Geständnis beider Personen, welches eine mittellange Haftstrafe zur Folge (5 Jahre) hat. Die Optionen lassen sich in einer einfachen Gegenüberstellung veranschaulichen.

B Schweigen Gestehen

Schweigen 1/1 10/0

A Gestehen 0/10 5/5

Vernünftiges Handeln wurde bereits als dasjenige Verhalten definiert, das zu einem möglichst großen individuellen Nutzen führt. Der Nutzen im Gefangenendilemma liegt in einer möglichst kurzen (individuellen) Haftstrafe. Die Situation ist für beide Gefangenen symmetrisch, d.h. sie haben beide das gleiche Ziel (maximale Haftreduzierung für sich selbst) und verfügen exakt über die gleichen Informationen, zu denen auch gehört, dass sie wissen, das ihr Gegenüber in der gleichen Situation steckt wie sie selbst. Die Gefangenen handeln nicht nur selbst rational, sondern sie gehen auch davon aus, dass ihr jeweiliger Gegenpart dasselbe tut. Sie haben keine Möglichkeit ihr Verhalten aufeinander abzustimmen; sie sind nicht am weiteren Schicksal ihres Mitgefangenen interessiert und sie müssen sich zu guter Letzt auch nicht darum sorgen, sich nachher ihm gegenüber rechtfertigen zu müssen.

Auch wenn dies das Standardszenario darstellt, das dem Gefangenendilemma seinen Namen verliehen hat, ist es nur ein Spezialfall. Zahllose Situationen lassen sich als Gefangenendilemma auffassen, welches eine der produktivsten Möglichkeiten zur Darstellung von Kooperationsproblemen ist.

Verallgemeinert müssen lediglich zwei Bedingungen erfüllt sein, damit ein Gefangenendilemma vorliegt:

1. Den beiden Teilnehmern müssen die zwei Optionen Kooperation und Nicht-Kooperation vorliegen.
2. Die möglichen Ergebnisse müssen sich in der richtigen Relation befinden.

B Kooperieren Nicht-Kooperieren

Kooperieren B/B D/A

A: Nicht-Kooperieren A/D C/C

Wie man sieht decken sich die Interessen der Beteiligten zwar teilweise, aber nicht vollständig. Die am stärksten präferierte Option der einen Person, ist die am wenigsten präferierte Option der anderen Person, während bei den anderen Optionen Deckungsgleichheit besteht. Für A sieht die Präferenzreihenfolge also so aus, dass A > B, B > C und C > D ist, während es für B heißt: D > B > C > A.

Das bedeutet im Übrigen auch, dass die beteiligten Personen nicht zwangsläufig egoistische Ziele verfolgen müssen, wie es noch in der klassischen Gefangensituation der Fall war. Option A kann sowohl ein egoistisches als auch ein altruistisches Ziel sein, für die Struktur der Gefangenenparadoxie spielt dies keine Rolle.

Die Beziehungen der möglichen Ausgänge sind rein ordinal und sagen nichts über die Stärke der Präferenz aus. Somit lassen sich auch ausgefallene Dilemma konstruieren, um die paradoxe Konklusion deutlicher heraustreten zu lassen. Der für mich schlechteste Ausgang beim alleinigen Geständnis meines Mitgefangenen könnte einen langsamen und grausamen Foltertod bedeuten, während der zweitschlechteste, durch beiderseitiges Gestehen hervorgebrachte Ausgang einen schnellen, ebenfalls schmerzhaften Tod bedeutet. Die Belohnung für ein einseitiges Geständnis könnte Freiheit + 1000 Euro bedeuten, während beidseitiges Schweigen mit einfacher Freilassung belohnt wird. (vgl. Campbell 1985, S. 6).

Es klingt absurd, dass es rational sein soll, den Tod einem Gang in die Freiheit vorzuziehen, aber alle Voraussetzungen des GP sind erfüllt und führen dazu, dass eben dies als rational betrachtet werden soll, wie sich noch zeigen wird.

3.2 Paradoxie des suboptimalen Resultats

Zur Formulierung der eigentlichen Paradoxie, greifen wir wieder auf das klassische Gefangenenszenario zurück. Person A mag folgenden Gedankengang aufweisen:

P 1. Entweder wird mein Gegenüber gestehen oder er wird nicht gestehen.
P 2. Wenn er gesteht, dann ist es für mich besser ebenfalls zu gestehen (5 Jahre sind besser als 10 Jahre).
P 3. Wenn er nicht gesteht, dann ist es für mich ebenfalls besser zu gestehen ( Kein Jahr ist besser als 1 Jahr).

K. Also ist es für mich in jedem Fall besser zu gestehen.

Das Argument scheint annehmbar. Es nimmt die Form des klassischen Dilemmas ein, das bereits in einem anderen Zusammenhang besprochen wurde und die Prämissen ergeben sich tatsächlich aus der Ausgangssituation.

Hinter diesem Gedankengang steht das so genannte Dominanzprinzip. Handlungen können in einer starken oder in einer schwachen Form über alternative Handlungen dominieren.

Eine Handlung A ist schwach dominant gegenüber einer Handlung B, wenn die handelnde Person die Konsequenzen von A den Konsequenzen von B vorzieht oder sich ihnen gegenüber indifferent verhält.[1] Eine Handlung A ist stark dominant, wenn ihre Konsequenzen in jedem Fall gegenüber den Konsequenzen von Handlung B vorgezogen werden. (vgl. Nozick 1969, in: Campbell 1985, S.111)

Demnach gibt es bei der Gefangenenparadoxie mit „Gestehen“ eine stark dominante Strategie.

Wie festgelegt ist die Situation für beide Teilnehmer symmetrisch, weswegen sich beiden die Gleiche dominante Strategie anbietet. B kann sich desselben Schlusses wie A bedienen, um sich zu überzeugen, die Option „Gestehen“ zu wählen. Das Wissen darum, dass für Person B ein Geständnis ebenfalls die rationale Wahl darstellt und als solche vermutlich auch gewählt wird, stellt einen zusätzlichen Grund für A dar, an seiner dominanten Strategie festzuhalten und zu gestehen. Für B gilt im Umkehrschluss auch hier dasselbe. Als Ergebnis erhalten wir eine fünfjährige Haftstrafe für beide, was den zweitschlechtesten möglichen Ausgang darstellt. Würden beide irrational handeln und kooperieren kämen sie mit einem besseren Ergebnis davon.

Wo aber liegt hier das Paradoxon? Eine rationale Handlung muss nicht zwangsläufig zu den besten Ergebnissen führen, weil das Resultat von Handlungen von Zufällen und anderen Faktoren bestimmt wird, die sich der Kontrolle und dem Wissen des Handelnden entziehen. Ich mag mich im Supermarkt rational in der kürzeren Schlange einreihen, nur um festzustellen, dass diese wesentlich langsamer abgefertigt wird als die andere. Der suboptimale Ausgang allein ist im Gefangendilemma also mit Sicherheit noch nicht paradox. Hier ist das Nichterreichen des besten (oder auch nur zweitbesten) Ergebnisses jedoch eine direkte Folge der Rationalität der Entscheidung- und das lässt sich durchaus als paradox auffassen.

Die Paradoxie lässt sich folgendermaßen formulieren:

P1. Vernünftiges Handeln zieht auf das bestmöglichste Ergebnis (den größten Nutzen).

P2. Vernünftiges Handeln führt in manchen Situationen zu schlechteren Ergebnissen, gerade weil es vernünftig ist.

K. Ergo ist es in manchen Situationen vernünftig, sich unvernünftig zu verhalten.

Die paradoxe Natur dieser Konklusion scheint auf den ersten Blick einleuchtend.

Zur Auflösung dieses Paradoxon lassen sich die drei Wege beschreiten, die in Abschnitt 2 als mögliche Reaktionen für Paradoxien im Allgemeinen aufgeführt wurden. Weg 2, das Ablehnen des Schlusses, erscheint jedoch wenig versprechend zu sein. Wenn vernünftiges Handeln tatsächlich auf die Maximierung des eigenen Nutzens zielt und dieser durch das Verfolgen der rationalen Strategie unmöglich gemacht wird, dann kann es nicht rational sein, rational zu sein und daraus folgt logisch, dass es rational sein kann, nicht rational zu sein. Zur Auflösung bietet sich also stattdessen an, entweder die Prämissen abzulehnen oder die Konklusion zu akzeptieren.

3.3 Auflösung

3.3.1 Die Prämissen ablehnen

Die recht engen Voraussetzungen, unter denen Rationalität im GP betrachtet wird, könnten als unzulässig abgelehnt werden. Ethische Handlungsmotive werden etwa vollständig ausgeklammert. Ohne ein ausführliches Konzept von moralischem Handeln herausarbeiten zu müssen, lässt sich einsehen, dass es nicht moralisch sein kann, für die Aussicht auf eine geringere Strafe zu gestehen. Der Grund dafür ist, dass man das eigene Interesse über die Interessen des Mitgefangenen stellt, allein deswegen, weil sie die eigenen Interessen sind. Eine notwenige Bedingung für moralisches Handeln ist hingegen eine Form von Neutralitätsbedingung, die einen solchen Exzeptionalismus der eigenen Person nicht zulässt (vgl. Singer 1994, S. 26 f.). Die unterstellte Inkompatibilität zwischen Moral und Rationalität ist jedoch anfechtbar. Es ließe sich argumentieren, dass Rationalität und Moral eben nicht auseinander fallen und es deswegen sowohl moralisch als auch rational sei zu kooperieren. Vor die (rationale) Wahl gestellt, ob man lieber in einer amoralischen Welt oder in einer Welt, die nach moralischen Gesetzen geordnet ist, leben möchte, würde man sich vermutlich für Letzteres entscheiden. Beide Spieler würden dann eine geringe Strafe erhalten, dadurch dass sie sich rational und moralisch verhalten und kooperieren. Das Dilemma wäre somit aufgelöst. Doch leider ist der Gedankengang nicht zu Ende gedacht, denn er lässt fälschlicherweise nur die beiden Optionen „moralisch in einer moralischen Welt“ und „unmoralisch in einer unmoralischen Welt“ zu. Die rationale Wahl würde dagegen auf eine Welt abziehen, in der die Handlungsfreiheit aller Personen durch moralische Erwägungen eingeschränkt sind- mit einer entscheidenden Ausnahme: Die eigenen Handlungen sollten keinen Einschränkungen unterliegen. Wir landen bei einer weiteren Realisierung eines Gefangenendilemmas, wobei die Anzahl der Teilnehmer gleich die Anzahl der Gesellschaftsmitglieder ist. Die Vernunft legt nah, selbst nicht moralisch zu sein, denn sofern eine hinreichende Anzahl von Gesellschaftsmitgliedern moralisch handelt, kann man die dadurch anfallenden Vorteile genießen, ohne eigene Kosten zu tragen.

Als einen weiteren Einwand könnte man vorbringen, dass die Prämissen zwar keine falschen Voraussetzungen beinhalten, dafür aber viel zu einschränkend sind, um ein wirklich relevantes Problem zu erzeugen. Der Überraschungseffekt der Konklusion ist vielleicht nur das Resultat völlig weltfremder Annahmen. Es wird bspw. auch keine Möglichkeit der Kommunikation zugelassen, die eine Voraussetzung für Kooperation darstellt. Somit wird die Möglichkeit der Kooperation vorzeitig als vernünftige Alternative ausgeschlossen.

Allerdings muss man feststellen, dass Kommunikation nichts zur Auflösung der Paradoxie beisteuern würde. Nehmen wir an, den beiden Teilnehmern des Dilemmas wird die Möglichkeit gegeben, miteinander zu kommunizieren. Sie schreiben z.B. ihre Intention auf einen Zettel, der durch einen Wärter weitergeleitet wird. Ändert dies etwas an der Paradoxie? Offenkundig nicht, denn die andere Person hat keine Möglichkeit festzustellen, inwiefern die mitgeteilte Geständnis/Schweige-Absicht aufrichtig ist. Und selbst wenn: Beiden Personen steht es frei sich im letzte Moment noch um zu entscheiden. Eine Wahl entgegen des ursprünglichen Versprechens würde das Auseinanderfallen von Rationalität und Moralität noch verstärken, denn neben dem in Kauf nehmen eines negativen Ergebnisses der Gegenseite, würde man so auch eine vorsätzliche Täuschung begehen. Aber das moralische Argument wurde ja bereits widerlegt. Die Prämisse, dass die Gefangenen rational handeln, ist bescheiden. Selbstverständlich wird man sich in einer Situation, in der es um so viel geht, eher auf Rationalität denn auf Glück oder das gute Herz des Mitgefangenen vertrauen.

[...]


[1] Man würde jedoch nicht mehr von einer schwach-dominanten Strategie sprechen, wenn die Person sich bei allen möglichen Konsequenzen indifferent zwischen A und B verhalten würde.

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783656270140
ISBN (Buch)
9783656271246
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200847
Note
Schlagworte
paradoxien handelns

Autor

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Titel: Paradoxien des vernünftigen Handelns