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Das projektive Verfahren „Familie in Tieren“

Instrument (sonder)pädagogischer Anamnese?

Hausarbeit 2011 15 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff „Anamnese“
2.1 Die Anamnese und ihre Bedeutung für die pädagogische Arbeit
2.2 Das Verfassen eines Anamneseberichtes
2.3 Durchführung der Anamnese

3 Der Einsatz projektiver Verfahren als Anamnese-Instrumente

4 Die Familie in Tieren
4.1 Die Darstellung der Tiere synonym für Menschen
4.2 Die gestalterische Darstellung beim Testverfahren
4.3 Versuchsanordnungen und Deutung
4.3.1 Formale Deutung
4.3.2 Die inhaltliche Deutung

5 Stärken und Schwächen des Tests im anamnetischen Kontext

6 Fazit

Quellen

1 Einleitung

Um Kinder und Jugendliche angemessen und hilfreich fördern zu können ist es wichtig, dass eine vollständige und aussagekräftige Diagnose zu Grunde liegt. Im Rahmen medizinischer, therapeutischer, aber auch pädagogischer Diagnostik ist die Anamnese die erste Möglichkeit Informationen zum biografischen Hintergrund von Kindern und Jugendlichen zu sammeln. Sowohl die Lebensgeschichte eines Kindes/Jugendlichen, als auch die Vorgeschichte einer Beeinträchtigung sind von Bedeutung, denn erst wenn die Erhebung der Anamnese erfolgt ist, kann dazu übergegangen werden eine Diagnose zu stellen um in Folge dessen einen Förderplan zu erstellen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen und/oder Behinderungen kann es mit Schwierigkeiten verbunden sein eine objektive Anamnese zu erheben. Hier ist es von immanenter Wichtigkeit geeignete Instrumente einzusetzen.

Diese Hausarbeit ist im Wesentlichen in zwei Teile untergliedert. So wird im ersten Teil ein Abriss gegeben, was der Begriff der Anamnese beinhaltet, weshalb sie für pädagogische Belange von Bedeutung ist, was ein Anamnesebogen umfasst und wie sie durchgeführt werden kann. Im zweiten Teil wird skizziert, wie projektive Verfahren als Instrument der Anamnese eingesetzt werden. Der letzte Teil vertieft übersichtsartig das projektive Verfahren „Familie in Tieren“, wie es durchgeführt und ausgewertet wird. In einem letzten Punkt werden Stärken und Schwächen des Verfahrens bezogen auf den anamnetischen Einsatz dargestellt. Um die Seitenvorgabe der Hausarbeit nicht zu überschreiten, werden die Themen lediglich übersichtsartig angerissen.

In dieser Hausarbeit wird grundsätzlich die geschlechtsneutrale Schreibweise „_innen” verwendet. Diese hat die Funktion, dass nicht nur Frauen, sondern auch Menschen, die sich zwischen beziehungsweise außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit zugehörig fühlen, bedacht werden.

2 Der Begriff „Anamnese“

Der Begriff Anamnese wird aus dem Griechischen Wort „ἀνάμνησις“, „Anamnesis“ abgeleitet und bedeutet „Erinnerung“.

Generell kann die Anamnese als die (Vor)geschichte eines Sachverhaltes, insbesondere einer Erkrankung oder einer Störung bezeichnet werden. In der pädagogischen Diagnostik wird die Anamnese verwendet um die Vorgeschichte, aber auch den Status Quo einer Fallgeschichte zu beschreiben. Sammeln, Systematisieren und diagnostisches Verwenden der gesammelten Informationen gehören ebenso zur Anamnese. Allerdings handelt es sich bei der Anamnese um die Darstellung des gesamten Entwicklungsverlaufes und nicht lediglich um die Ermittlung des Sachverhaltes. Dies grenzt die Anamnese von der lediglichen Darstellung einer Krankheitsgeschichte ab.[1]

Des Weiteren ist auf der Grundlage der ersten Informationen während des diagnostischen Prozesses zu prüfen, bei welchen Hypothesen es notwendig wird diese mit weiterführenden diagnostischen Instrumenten zu verifizieren oder diese zu wiederlegen.[2] Die Bildung von Hypothesen kann erste Hinweise für spätere pädagogische und/oder therapeutische Maßnahmen liefern und in erste Überlegungen einfließen, in wieweit diese realisierbar sind.[3]

Um den Förderbedarf von Kindern/Jugendlichen festzustellen, ist es notwendig den inneren Zusammenhang zwischen aktuell auftretenden Themen und früheren Erfahrungen herauszuarbeiten. Da Kinder/Jugendliche im System Familie agieren und Störungen selten nur den/die Indexklient_in tangieren, ist es sinnvoll parallel eine Familiendiagnose durchzuführen.[4]

2.1 Die Anamnese und ihre Bedeutung für die pädagogische Arbeit

In vielen pädagogischen Arbeitsfeldern ist die Anamnese ein fester Bestandteil der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Zugeordnet wird sie der Gesamtuntersuchung, diese besteht aus Anmeldung, Anamnese, Psychodiagnostik mit abschließender Befundzusammenfassung, medizinischer Diagnostik, Teambesprechung, Beratung, Behandlung und gegebenenfalls weiteren Maßnahmen.[5]

In immer mehr Institutionen, welche sich an der Erziehung und/oder Förderung von Kindern und Jugendlichen beteiligen, werden multiprofessionelle Teams eingesetzt. Pädagog_innen verschiedener Fachrichtungen, Sozialarbeiter_innen, Psycholog_innen, Psychotherapeut_innen und andere Berufsgruppen übernehmen in verschiedenen Kontexten durchaus verschiedene Aufgaben, doch ist die Durchführung der Anamnese nicht an eine Berufsgruppe gebunden, sondern findet berufsübergreifend statt.

Die Anamnese hat eine mehrfache Bedeutung auch in der pädagogischen Arbeit. Folgende Punkte beziehen sich in erster Linie auf die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen, lassen sich aber durchaus in andere pädagogische Kontexte übertragen, in denen es notwendig ist eine Anamnese zu erstellen.

- Begegnung und Kontakt mit den ratsuchenden Eltern zur Förderung einer Vertrauensbasis zwischen Eltern und Pädagog_innen
- Kennenlernen von Stärken, aber auch Schwierigkeiten und ggf. Symptome des Kindes/Jugendlichen
- Möglichkeit ein detailliertes Bild von Entwicklung und Persönlichkeitsstruktur des Kindes/Jugendlichen zu erhalten
- Gewinnung eines Einblicks in die aktuelle Lebenswelt des Kindes/Jugendlichen
- ggf. die Bildung von Hypothesen und möglicher Problemdefinition
- die Möglichkeit der Erstellung einer genetischen Diagnose[6]

2.2 Das Verfassen eines Anamneseberichtes

Gerade bei Kindern/Jugendlichen, welche auffälliges Verhalten zeigen und Hilfsangebote multiprofessioneller Teams verschiedener Institutionen wahrnehmen, ist es von großer Notwendigkeit, dass ein Transfer (unter Beachtung des Datenschutzes) erhobener Daten möglich ist. So ist es sinnvoll das gesammelte Material übersichtlich anzuordnen. An dieser Stelle empfiehlt Dührssen[7] eine Gliederung in folgende Abschnitte:

- Symptomatik des Kindes (Vorstellungsgrund)
- Gegenwärtige Lebenssituation (Familiensituation, formale Angaben, wie Wohnsituation, Zahl der Familienmitglieder, Einkommen der Eltern, Arbeitsverteilung in der Familie usw.)
- Vorgeschichte der Eltern
- Eigene Entwicklungsgeschichte (frühere Erkrankungen, Stillzeit, Sprechen und Laufen lernen, Entwicklung der Sauberkeitsfunktion, Ablauf der Trotzphase, eventuelle Reaktionen der Geschwister auf die Geburt des Kindes, familiäre Schicksalseinbrüche, spezifische Familienprobleme)
- Schulentwicklung (gegenwärtige Schulsituation)
- Auslösende Schicksalssituation (bei Verzeichnen eines akuten Beginn der Symptomatik)

Die Reihenfolge der oben aufgezeigten Gliederungspunkte ist nicht statisch, sondern ergibt sich aus den Besonderheiten des Einzelfalles. Ist ein Kind sehr jung bietet es sich beispielsweise an mit den genetischen Daten der Entwicklungsgeschichte zu beginnen. Abschließen sollte der Anamnesebericht mit einer Zusammenfassung. Lebensdaten des Kindes/Jugendlichen, welche von immanenter Bedeutung für die spätere prognostische Schlussfolgerung scheinen, können an dieser Stelle noch einmal aufgezeigt werden.

Da die Durchführung von Anamnesen gerade bei Kindern/Jugendlichen mit Förderbedarfen nicht an eine Berufsgruppe gebunden sind, sondern berufsübergreifend stattfinden, ist der Bericht ist so zu verfassen, dass spätere Leser_innen in der Lage sind, erhobene Befunde von Interpretationen abzugrenzen[8], denn „das für die Pyschodiagnostik im allgemeinen angewendete Prinzip, demzufolge die Datenerhebung und die Dateninterpretation säuberlich getrennt vorzunehmen sind, gilt auch für die Anamnese.“[9]

2.3 Durchführung der Anamnese

Einleitung

Die Anamnese beginnt mit einer angemessenen Begrüßung und dem Einstieg in das folgende Gespräch.

Explorationsphase

Im Vordergrund stehen die Vergangenheit und Gegenwart des Kindes/Jugendlichen, um das Problem zu erforschen. Konkrete Fragen und aktives Zuhören sind hierbei von Vorteil.

Konstruktionsphase

Es werden Fragen zu Gegenwart und Zukunft gestellt. Erste aus der Explorationsphase erhaltene Informationen werden genutzt um die Problemlösung zu erleichtern und Förderansätze zu erstellen.

Gesprächsabschluss

Die Beteiligten klären offene Punkte und Ziele werden festgelegt.[10]

3 Der Einsatz projektiver Verfahren als Anamnese-Instrumente

Projektive Verfahren können eingesetzt werden, um das Verständnis und die Beurteilung emotionaler Konflikte von Kindern und ihre psychodynamische Situation zu erkennen.[11] Die theoretische Grundlage dieser Verfahren stellt der Begriff der „Projektion“ dar. Freud definierte diese wie folgt: „... die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, ... Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem z.B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der Gestaltung der Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat.[12]

Die projektiven Verfahren lassen sich wie folgt klassifizieren:

- Formdeuteverfahren
Die Testperson wird aufgefordert mehrdeutiges (Bild-) Material zu interpretieren. Beispiele: Rorschach-Test von Rorschach (1992), Holtzman Inkblot Technique (HIT) von Holtzman (1972)
- Verbal-thematische Verfahren
Die Testperson hat die Aufgabe zu einem mehrdeutigen Material oder Bild Geschichten zu erzählen, Geschichten- oder Satzanfänge fortzuführen, sich zu bestimmten Themen zu äußern oder auf Aussagen zu reagieren. Beispiele: Thematischer Apperzeptionstest (TAT) von Murray (1991), Kinder-Apperzeptions-Test (CAT) nach Bellak/Bellak (1955)
- Zeichnerische und gestalterische Verfahren

Von der Testperson wird die zeichnerische Darstellung vorgegebener Themen (z.B. einen Menschen, einen Baum, ein Haus) oder die Gestaltung aus vorgegebenen Materialien (z.B. aus Puppen, Tieren, Bäumen, Farbplättchen) verlangt. Beispiele: Familie in Tieren von Brem-Gräser (1995), „Baumtest“ nach Koch (1986), Mann-Zeichen-Test von Ziller (1996), Scenotest nach Staabs (1995)[13]

Die American Psychological Association (2001) charakterisiert projektive Verfahren („Projective Techniques“) als einen „Einsatz von uneindeutigem oder unstrukturiertem Reizmaterial, das entwickelt wurde, um Reaktionen auszulösen, von denen angenommen wird, dass sie die Einstellungen, Abwehrmechanismen oder Motivationen und die Persönlichkeitsstruktur eines Individuums aufzeigen“[14].

4 Die Familie in Tieren

Dieses Verfahren entstand 1950 in der Praxis der Erziehungs- und Schulberatung und wurde dort weiterentwickelt. Anstoß für die Entwicklung war ein elfjähriger Junge. Nach Aussage der Eltern und Lehrer wurde er als „lahm, faul, interesselos, unkonzentriert und unproduktiv“ beschrieben. Es konnte trotz einer Anamnese mit der Mutter und der Durchführung verschiedener Tests keine Ursache für das Verhalten des Jungen festgestellt werden. Es war zu erkennen, dass der Junge Freude daran hatte, seine Familie in Tieren zu zeichnen und auch die Ursache für sein Verhalten konnte aufgedeckt werden. Es folgte eine siebenjährige Forschungsarbeit, in Folge dessen das Verfahren ab 1957 der Praxis als diagnostisches Mittel zugänglich gemacht wurde.[15]

Grundlage des Testverfahrens ist die thematisch festgelegte projektive Zeichnung. „Das Kind wird aufgefordert, seine eigene Familie (und sich selbst) als Tiere zu zeichnen: „Du kennst doch Märchen, da werden oft Menschen in Tiere verwandelt und umgekehrt. Stelle Dir einmal vor, Deine Familie wäre eine Tierfamilie und zeichne Euch alle, natürlich auch Dich selbst, als Tiere. Nummeriere bitte die Reihenfolge nach der Du zeichnest und schreibe unter jedes Tier, wen es darstellen und was für ein Tier es sein soll. Es kommt nicht darauf an, dass Du besonders schön zeichnest, sondern nur darauf, was Du darstellen willst.“[16]

Ziel ist es, dass sich Affekte und Emotionen lösen und zeichnerisch auf ein Blatt gebracht werden. Durch Deutung, welche als Tiefenschau funktioniert werden dann Rückschlüsse gezogen.[17]

4.1 Die Darstellung der Tiere synonym für Menschen

Schon im ersten Lebensjahr erlebt das Kind den Unterschied zwischen einem Stofftier und einem lebendigen Tier. Es greift nach Tieren in gleicher Weise wie nach anderen Gegenständen. Doch ab dem elften Lebensmonat tritt eine Wandlung ein. Auf Grund seiner Beweglichkeit wird das lebende Tier vom Stofftier unterschieden und wird deshalb als Gefahr erlebt. Nach und nach verschwindet die Angst vor dem Tier, weil das Kind immer klarere Vorstellungen von einem Tier erlernt. Im Alter von circa vier Jahren ist die Angst dann überwunden, so dass das Kind eine gefühlsmäßige und teilnehmende Beziehung zu Tieren aufbauen kann.

Schon immer gehören Mensch und Tier zusammen, das Tier erfüllt eine Doppelrolle: einerseits als Partner_in und Freund_in, andererseits als Widersacher­_in und Feind_in.

[...]


[1] Vgl. Kemmler 1980, S. 9 f

[2] Vgl. Kubinger/Jäger 2003, S. 111

[3] vgl. Moog 1984, S.26, 32

[4] vgl. Dührssen 1971, S. 134 f

[5] vgl. Kemmler 1980, S. 9

[6] vgl. Hundsalz 1995, S. 207

[7] Dührssen1971, S. 136 ff

[8] vgl. Dührssen 1971, S. 137

[9] Moog 1984, S. 41

[10] Bundschuh 2005, S. 15

[11] vgl. Kubinger/Jäger 2003, S. 123

[12] Freud, 1924, S. 81, in Hörmann, 1982, S.171

[13] Kubinger/Jäger 2003, S. 341 f.

[14] Kubinger/Jäger 2003, S. 340

[15] Vgl. Brem-Gräser, 2006, S. 7

[16] Brem-Gräser, 2006, S. 14

[17] Vgl. ebd., S. 8

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656277941
ISBN (Buch)
9783656278429
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200845
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Schlagworte
Familie in Tieren Familie Tiere diagnostische Methode Diagnostik Päadagogik pädagogische Diagnostik Kinder Jugendliche projektive Verfahren Anamnese Pädagogik

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