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Autismus-Spektrum-Störungen im Kindesalter

Fördermöglichkeiten durch die Soziale Arbeit

Bachelorarbeit 2012 61 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen und geschichtlicher Wandel des Autismusbegriffes

3 Autismus-Spektrum-Störungen
3.1 Frühkindlicher Autismus
3.1.1 Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV
3.1.2 Epidemiologie
3.1.3 Symptomatik
3.1.4 Diagnostik
3.1.5 Verlauf und Prognose
3.2 Asperger-Syndrom
3.2.1 Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV
3.2.2 Epidemiologie
3.2.3 Symptomatik
3.2.4 Diagnostik
3.2.5 Verlauf und Prognose

4 Entwicklungsstörungen autistischer Kinder und daraus entstehende soziale Probleme
4.1 Besonderheiten der verbalen und nonverbalen Kommunikation
4.2 Auffälligkeiten im Sozialverhalten
4.3 Stereotypes und repetitives Verhalten
4.4 Kognitive Entwicklung, Spezialinteressen und Begabungen

5 Ätiologie
5.1 Genetische Faktoren
5.2 Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen
5.3 Biochemische Besonderheiten
5.4 Ungewöhnliche Gewichtsregulation
5.5 Schädigungen durch Impfungen

6 Förderung autistischer Kinder durch die Soziale Arbeit
6.1 Förderung sozialer und kommunikativer Kompetenzen
6.2 Der TEACCH-Ansatz
6.3 Grundlagen und Zielsetzungen des TEACCH-Ansatzes
6.4 Grundsätze des TEACCH-Ansatzes
6.5 Anwendung in der Sozialen Arbeit
6.6 Kritik

7 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang I: Diagnosekriterien nach ICD-10 - Frühkindlicher Autismus
Anhang II: Diagnosekriterien nach ICD-10 - Asperger-Syndrom
Anhang III: Diagnosekriterien nach DSM-IV - Frühkindlicher Autismus
Anhang IV: Diagnosekriterien nach DSM-IV - Asperger-Syndrom

1 Einleitung

„Aus pädagogischer Sicht lässt sich das Aufwachsen von Kindern als Abfolge manchmal mehr, manchmal weniger gelingender Entwicklungsschritte betrachten, und vor allem die weniger erfolgreichen Entwicklungsschritte erfahren traditionellerweise die größte Aufmerksamkeit“ (Wustmann 2004, 9). Dieses Zitat spricht ein Themengebiet an, welches sowohl in der Vergangenheit, als auch gegenwartsnah diskutiert wird. Die Dynamik der sich wandelnden Gesellschaft fordert eine rasche Anpassung der Jungen und Mädchen an diese. Doch einige Kinder können dem nicht standhalten. Das soziale Gefüge und die verbundene Interaktion mit dem gesellschaftlichen Umfeld scheinen gefährdet.

Problemaufriss

Das Phänomen Autismus erlangt durch aktuelle Erkenntnisse bezüglich der Ursachenforschungen auch in den Medien an Bedeutung. Im Interesse der Öffentlichkeit liegen zumeist die Spezialinteressen, wobei ausgeblendet wird, dass nur ein geringer Teil der AutistInnen diese aufweisen. Die Meinung der Wissenschaft tendierte, historisch betrachtet, lange Zeit zu der Hypothese, das emotionslose Verhalten der Mütter sei Auslöser von Autismus. Aktuell werden genetische Ursachen vermutet, welche durch Hirnschädigungen modifiziert werden. Es bedarf allerdings ausführlicher Verwandtschaftsstudien, um dies wissenschaftlich zu evidieren (Sonnenmoser 2004, 40).

Zielsetzung und Fragestellungen

Im Mittelpunkt der vorliegenden Bachelorarbeit steht die Gegenüberstellung und der damit einhergehende Vergleich des frühkindlichen Autismus mit dem Asperger-Syndrom. Ich arbeite sukzessiv heraus, wie sich diese Störungsbilder unterscheiden und wie SozialarbeiterInnen durch methodische Vorgehensweisen und Programme professionell agieren können. Auch wenn die Ursachen der Autismus-Spektrum-Störungen noch nicht eindeutig definiert sind, können die Symptome durch gezielte Förderung kompensiert werden. Die Studien konzentrieren sich auf die Behandlung dieser Störungsbilder. Daher wird in der Bachelorarbeit herausgearbeitet, wie SozialarbeiterInnen unterstützend und begleitend dazu beitragen können, die Symptome von Autismus-Spektrum- Störungen im Kindesalter zu kompensieren. Die zentrale Aufgabe ist die frühzeitige Erkennung des entsprechenden Störungsbildes, um gezielt intervenieren zu können. Dies kann durch Vorsorgeuntersuchungen im Kleinkindalter erfolgen, allerdings wird die Diagnose frühkindlicher Autismus in Deutschland oft erst ab dem vierten Lebensjahr gestellt. Die des AspergerSyndroms ergibt sich mitunter verzögerter, da sich die Kinder in den ersten Lebensmonaten und -jahren regulär entwickeln. Daraus ergaben sich folgende Fragestellungen, die nachfolgend erörtert werden:

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich des frühkindlichen Autismus sowie des Asperger-Syndroms sind signifikant und wieäußern sich diese?

Welche Fördermöglichkeit zum Aufbau sozialer und kommunikativer Kompetenzen kann autistisches Verhalten kompensieren und wie können SozialarbeiterInnen intervenieren?

Methodische Vorgehensweise

Der Aufbau der Bachelorarbeit beginnt im Hauptteil methodisch mit der Erläuterung der Definitionen von Autismus, frühkindlicher Autismus sowie dem Asperger-Syndrom, was den geschichtlichen Wandel der Begriffe impliziert. Die Intention des dritten Kapitels liegt in der Beschreibung des autistischen Spektrums. Im Fokus steht die detaillierte Ausführung der Kriterien für das Vorliegen der Störungsbilder, welche nach den Klassifikationsinstrumenten ICD-10 und DSM-IV erläutert werden. Zudem ist eine differenzierte Explikation der Epidemiologie, der Symptomatik, der Diagnostik sowie des Verlaufes elementar, um eine detaillierte Vorstellung der Störungen zu erhalten. Ergänzend folgt ein Einblick bezüglich der Prognosen des frühkindlichen Autismus sowie des Asperger-Syndroms. Das vierte Kapitel stellt mögliche Entwicklungsstörungen autistischer Kinder und die sich daraus ergebenden sozialen Problematiken dar. Mittelpunkt dessen sind die Schwierigkeiten im verbalen und nonverbalen Bereich sowie das soziale, stereotype und repetitive Verhalten. Eine Darstellung hinsichtlich der kognitiven Entwicklung, der Spezialinteressen sowie Begabungen erfolgt schematisch. Anschließend sind mögliche Ursachen für das Auftreten der Autismus-Spektrum-Störungen dargelegt. Hierbei sind die derzeit aktuellen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung berücksichtigt, welche genetische Faktoren, Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen oder biochemische Anomalien vermuten. Des Weiteren werden ungewöhnliche Gewichtsregulation und Schädigungen durch Impfungen als Auslöser des Autismus wissenschaftlich sowie kritisch debattiert und sind daher Bestandteil dieser Bachelorarbeit. Abschließend wird die Förderung autistischer Kinder durch die Soziale Arbeit erörtert. Doch um dies darzulegen, muss zuvor verdeutlicht werden, was unter sozial kompetenten Verhalten verstanden wird. Eine Methode zur Förderung der kommunikativen und sozialen Kompetenzen ist der TEACCH-Ansatz, welcher nach dessen Grundlagen und Zielsetzungen beschrieben ist. Ich werde dabei überprüfen, ob dieser in der Sozialen Arbeit mit autistischen Kindern angewendet werden kann sowie kritische Punkte dessen beleuchten. Resümierend erfolgt die Beantwortung der Fragestellungen.

Die Daten der vorliegenden Bachelorarbeit wurden mittels Literaturrecherche erfasst, zusammengetragen sowie durch mich ausgewertet und verglichen. Mittels der Datenbanken DBIS (Datenbank-Infosystem), Worldcat oder GVK (Gemeinsamer Verbundkatalog) konnte ich mir einen Überblick bezüglich der Publikationen und Fachbücher verschafften. Um meinen Kenntnisstand hinsichtlich aktueller Untersuchungsergebnisse und Forschungsberichte zu erweitern, bot die Fachzeitschrift Deutsches Ä rzteblatt wissenschaftlich fundierte Artikel zu Autismus-Spektrum-Störungen. Ferner fanden Gespräche mit SozialarbeiterInnen, AutistInnen und deren Angehörige statt. Auf Grund der positiven Erfahrungen von Betroffenen sowie Professionellen entschied ich mich für den lebensbegleitenden TEACCH-Ansatz. Ich eignete mir durch das Buch Der TEACCH Ansatz zur Förderung von Menschen mit Autismus - Einführung in Theorie und Praxis theoretisches Wissen über diese Methode an.

Um die Transparenz der Bachelorarbeit zu gewährleisten, stelle ich lediglich das Störungsbild des frühkindlichen Autismus sowie des Asperger-Syndroms gegenüber. Der atypische Autismus und der hochfunktionale Autismus werden nur zur Vervollständigung genannt. Des Weiteren konzentriere ich mich auf eine Altersspanne von der Geburt bis zu dem Grundschulalter.

2 Definitionen und geschichtlicher Wandel des Autismusbegriffes

In dem folgenden Kapitel sind die Definitionen frühkindlicher Autismus sowie Asperger-Syndrom aufgeführt, wobei der Schwerpunkt auf dem geschichtlichen Wandel dieser Begriffe liegt.

Autismus

Der Begriff Autismus leitet sich von dem griechischen Wort autos (zu deutsch: selbst) sowie ismos (zu deutsch: Zustand) ab. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857 - 1939) prägte 1911 erstmals die Begriffe Autismus sowie autistisch, welche er mit auf sich selbst bezogenes Denken oder Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt beschrieb und dies als ein Grundsymptom von Schizophrenie charakterisierte (Remschmidt 2008, 9).

Anfang des 20. Jahrhunderts war das Psychosekonzept und nicht der Entwicklungsaspekt vordergründig, was bedeutete, dass „der Autismusbegriff aus der Erwachsenenpsychiatrie auf die Kindheitspsychosen übertragen“ wurde (Kusch; Petermann 2001, 11). Ausschließlich das Alter bei Krankheitsbeginn wurde als Entwicklungsaspekt berücksichtigt. Die Diagnostik bestand einzig darin, eine valide Abgrenzung zwischen den frühen Psychosen von denen der späten Psychosen im Kindesalter festzulegen. Dieses Krankheitsbild bezeichnete er unter Dementia praecox (zu deutsch: vorzeitige Demenz) (Kehrer 2005, 9).

Frühkindlicher Autismus

Der austro-amerikanische Kinderpsychiater Leo Kanner (1896 - 1981) griff in seinen Forschungen den Entwicklungsaspekt drei Jahrzehnte später erneut auf. Er beschrieb im Jahre 1943 in seinem Buch Störungen des affektiven Kanals elf Kinder (drei Mädchen und sieben Jungen), welche von ihren Eltern folgend charakterisiert wurden: wie in einer Schale lebend oder am glücklichsten, wenn sie allein gelassen werden (Remschmidt 2008, 10). Diese Kinder wiesen Störungen des Sozialverhaltens, geringe oder fehlende Sprachentwicklung, soziale Isolation sowie monotone Bewegungen auf. Dieses Erscheinungsbild nannte Kanner early childhood autism. Aus seinen Studien schloss er, dass diese Kinder „(...) von Geburt an nicht in der Lage sind, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten“ (Sigman; Capps 2000, 11).

Der Autismusbegriff wandelte sich im Laufe der Jahre. Im Vergleich zu Bleuler unterschied Kanner Schizophrenie von Autismus. Nach Kanner leben autistische Kinder primär (von Geburt an) in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit, währenddessen jene mit Schizophrenie sich aktiv von vorhandenen Beziehungen zurückziehen. Dies stellte einen Bedeutungswechsel dar. Kanner schreibt dazu: „Es handelt sich dabei nicht wie bei schizophrenen Kindern oder Erwachsenen um einen Rückzug von zunächst vorhandenen Beziehungen oder der Teilnahme an zuvor vorhandener Kommunikation. Vielmehr handelt es sich vom Anbeginn an um ein autistisches Alleinsein, welches alles, was von außen auf das Kind einwirkt, nicht beachtet, ignoriert und ausschließt“ (Remschmidt 2008, 9 f). Er geht davon aus, dass diese Kinder „(...) mit einer angeborenen Unfähigkeit zur Welt gekommen sind, normale und biologisch vorgesehene affektive Kontakte mit anderen Menschen herzustellen“ (Remschmidt 2008, 10).

Leo Kanner stellte somit die Hypothese auf, dass ein Kind mit diesem Krankheitsbild, welchen er als Prototyp der frühen Kindheitspsychosen benannte, sich bemühe, „(...) in eine Welt einzutreten, in der es von Anfang an ein Fremder war“ (Kusch; Petermann 2001, 15). Die Kindheitsschizophrenie beschrieb er gegensätzlich als eine Störung der späten Kindheit sowie der Adoleszenz, bei der das Kind versuche, Probleme selbst zu lösen, „(...) indem es aus der Welt tritt, zu welcher es sich einmal zugehörig fühlte“ (Kusch; Petermann 2001, 16). Damit löste er erneut eine Diskussion bezüglich der Entwicklungsperspektive aus. Die Beschreibung des Störungsbildes Kanners setzte sich in der aktuellen Literatur durch. Seine Forschungen zum frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) erlangten internationales Interesse und waren Grundlage für weiterer Untersuchungen (Wiesbrock 2005, 5).

Asperger-Syndrom

Der österreichische Kinderarzt und Heilpädagoge Hans Asperger (1906 - 1980) beschrieb 1944, unabhängig von Leo Kanner, den Begriff Autismus. Er untersuchte eine Gruppe von vier Jungen, welche intelligent, jedoch in sich gekehrt wirkten sowie Probleme mit sozialen Regeln aufwiesen. Die Ergebnisse veröffentlichte er in dem Buch Die autistischen Psychopathen im Kindesalter und stellte dabei sechs Gemeinsamkeiten fest: mangelnde Empathie, Schwierigkeiten im Aufbau von sozialen Kontakten, Mangel an Blickkontakt, sprachliche Gewandtheit, hoch entwickelte Spezialinteressen sowie motorische Störungen (Kusch; Petermann 2001, 115). Aspergers Publikation wurde zunächst kaum wahrgenommen. Dies könnte zum einen an den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges liegen, zum anderen daran, dass er sein Buch in deutscher Sprache veröffentlichte (Fachsprache war englisch). Asperger bezeichnete die Krankheit zunächst als Autistische Psychopathie. Lorna Wing, eine englische Psychiaterin, ersetzte den Begriff 1981 durch den des Asperger-Syndroms. Erst in den 1990er Jahren erlangten Aspergers Forschungen internationale Bekanntheit, da diese in englischer Sprache übersetzt wurden (Carstensen 2009, 15).

Die Definition von Autismus, welche Asperger prägte, unterscheidet sich von der Begriffsbestimmung Leo Kanners. Aspergers Probanden wiesen, im Vergleich zu Kanners Erhebungsgruppe, kaum Sprachentwicklungsverzögerungen auf. Die Kinder waren durchschnittlich intelligenter und besaßen motorische Koordinationsschwierigkeiten, welche bei frühkindlichem Autismus nur dann auftreten, wenn eine weitere Erkrankung vorliegt. Trotz der vielfältigen Unterschiede in den Verhaltensweisen der untersuchten Kinder war Kanner davon überzeugt, dass lediglich zwei Merkmale für die Diagnose Autismus bedeutend waren. Das prägnanteste Charakteristikum ist die autistische Isolation, welche nicht mit Schüchternheit oder Vermeidung von sozialen Kontakten gleichzusetzen ist. Weiterhin beschrieb er zwanghaftes Beharren auf Eintönigkeit als zweites Merkmal von Autismus (Kehrer 2005, 10).

Kanner und Asperger kamen beide, unabhängig voneinander, zu der Annahme, dass eine Kontaktstörung der Kinder auf einer tiefen, affektiven oder triebhaften Ebene vorliege. Weitere übereinstimmende Aspekte bestehen in den Besonderheiten der Kommunikationsfähigkeit sowie den Schwierigkeiten der Anpassung in Bezug auf das soziale Umfeld (Kusch; Petermann 2001, 14).

3 Autismus-Spektrum-Störungen

„In der heutigen Zeit sind Autismusforscher einer immensen Vielfalt und zahlreicher Variationen autistischer Störungsbilder gegenübergestellt“ (Kuhles 2007, 15). Die Schwierigkeit besteht in der Diagnosestellung, da Autismus mit einem vielfältigen Spektrum an möglichen Symptomen einhergeht. Unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störungen werden der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom sowie der atypische Autismus zusammengefasst, welche zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zählen (Kusch; Petermann 2001, 18). Charakteristische Merkmale dieser Störung sind Beeinträchtigungen von Kommunikation und Interaktion sowie ein eingeschränktes, wiederholendes sowie stereotypes Verhaltens- und Interessenspektrum, welche jedoch in den Ausprägungen stark variieren können (Sinzig 34, 2011).

Der atypische Autismus, welcher unter dem Schlüssel F84.1 des ICD-10 aufgeführt ist, unterscheidet sich von dem frühkindlichen Autismus zum einen durch das normabweichende Alter bei Krankheitsbeginn und zum anderen darin, dass die drei diagnostischen Kriterien nicht in allen Kernbereichen erfüllt sind. Beeinträchtigungen in der Entwicklung manifestieren sich oft erst nach dem dritten Lebensjahr des Kindes. Des Weiteren tritt der atypische Autismus häufig bei schwerst intelligenzgeminderten Kindern auf. Das niedrige Funktionsniveau lässt abweichendes Verhalten selten zu (Dilling u.a. 2005, 281 f).

Bei dem High-functioning autism (zu deutsch: Autismus mit hohem Funktionsniveau), welcher nicht zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zählt, handelt es sich um Personen, welche die charakteristischen Symptome des frühkindlichen Autismus aufweisen, jedoch über eine hohe, intellektuelle Begabung verfügen (Dilling u.a. 2005, 284).

3.1 Frühkindlicher Autismus

In diesem Abschnitt sind die Diagnosekriterien nach den Klassifikationsinstrumenten des ICD-10 sowie DSM-IV erläutert. Nachfolgend werden die Begriffe Epidemiologie, die Symptomatik, die Diagnostik sowie der Verlauf und die Prognosen aufgeführt.

3.1.1 Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV

In der zehnten Fassung der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (kurz: ICD, englisch: International Classification of Diseases and Related Health Problems) sind Autismus-Spektrum-Störungen aufgelistet.

Dieses Diagnoseklassifikationsinstrument der Medizin ist eine weltweit anerkannte und elementare Methode zur Erhebung von Krankheiten, welche von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) seit dem Jahre 1948 herausgegeben wird. Im Jahre 1980 erschien erstmals die deutsche Übersetzung (Dilling u.a. 2005, 281 f).

„Den autistischen Störungen kommt ein besonderer Stellenwert in der Klassifikation der Entwicklungsstörungen zu. Sie bilden die Hauptkategorie in der Klasse der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ (Kusch; Petermann 2001, 15). In der aktuellen Auflage des ICD-10 wird der frühkindliche Autismus unter dem Schlüssel F84.0 näher beschrieben (Wiesbrock 2005, 12). Die Kriterien für das Vorliegen dieses Krankheitsbildes sind im Anhang I auf Seite 54 beschrieben. Der ICD-10 vereinfacht durch dessen Beschreibungen von Krankheiten und diagnostischen Leitlinien den Dialog zwischen verschiedenen Professionen (Dilling u.a. 2005, 281 f).

Das Diagnostische und Statistische Manual - DSM-IV - (englisch: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein Klassifikationsinstrument der American Psychiatric Association (zu deutsch: Amerikanische Psychiatrische Vereinigung; kurz: APA). Dieses Diagnose- und Klassifikationssystem wurde erstellt, um eine einheitliche, wissenschaftlich fundierte Beschreibung psychischer Störungen zu verfassen, welche Wissenschaft und Praxis miteinander verbindet. Der DSM-IV ordnet den frühkindlichen Autismus unter dem Diagnoseschlüssel 299.00 ein. Die diagnostischen Kriterien für die Erfüllung dieses Krankheitsbildes sind im Anhang III auf Seite 57 aufgeführt (Rollett 2010, 214 f).

In dem ICD-10 werden, im Unterschied zu dem DSM-IV, unspezifische Probleme aufgeführt, welche beispielsweise Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Ess- Störungen, Wutausbrüche, Aggressionen oder Selbstverletzungen umfassen. Im Vergleich zum ICD-10 ist im DSM-IV der atypische Autismus nicht verzeichnet, da das Kriterium der Altersspezifizierung bei Krankheitsbeginn nicht diagnosebestimmend ist (Kusch; Petermann 2001, 16). Weiterhin erfasst der DSM-IV geschlechtsspezifische Unterschiede (Wiesbrock 2005, 12).

3.1.2 Epidemiologie

„Unter dem Begriff Epidemiologie versteht man die Untersuchung der Verteilung einer Krankheit in Zeit und Raum sowie die Faktoren, die diese Verteilung beeinflussen“ (Kusch; Petermann 2001, 31). Des Weiteren werden bei epidemiologischen Studien zwei Häufigkeitsmerkmale für Krankheiten unterschieden. Zum einen die Inzidenz, welche die Anzahl der in einer spezifischen Zeitperiode neu aufgetretenen Krankheitsfälle erfasst. Zum anderen die Prävalenz, unter welcher der Bestand der Krankheitsfälle verstanden wird.

Diese unterteilt sich nochmals in Periodenprävalenz (Bestand an einem bestimmten Tag) und Zeitpunktprävalenz (Bestand in einem definierten Zeitabschnitt) (Kusch; Petermann 2001, 32).

In Bezug auf den frühkindlichen Autismus liegen zahlreiche epidemiologische Studien vor. „Angaben zur Häufigkeit (Prävalenz) jeder Störung hängen natürlich von der Definition ab“ (Remschmidt 2008, 50). Da diese durchaus unterschiedlich ausfallen, variieren die Daten der einzelnen Studien. Wurde noch vor wenigen Jahren davon ausgegangen, dass Autismus-Spektrum-Störungen selten auftreten, ergeben aktuelle Untersuchungen höhere Prävalenzraten. In Studien bezüglich der Intelligenz autistischer Kinder wurde festgestellt, dass nicht drei Viertel aller Betroffenen, wie zuvor angenommen, eine geistige Behinderung aufweisen, sondern lediglich 20 bis 50 Prozent (Roy u.a. 2009, 60). Die Prävalenz des gesamten Autismusspektrums beträgt 60 bis 65 auf 10.000 Schulkinder. Der frühkindliche Autismus ist mit einer Rate von 11 bis 18 auf 10.000 Schulkinder beziffert. Die Inzidenz beträgt 100 bis 150 Neuerkrankungen pro Jahr (für das gesamte autistische Spektrum). Das Geschlechterverhältnis (männlich:weiblich) liegt bei zirka 3:1 (Kusch; Petermann 2001, 49). Bereits Kanner beschrieb elf autistische Kinder, dessen Eltern von ihm als intellektuell bezeichnet wurden.

„Der Eindruck, dass die oberen sozialen Klassen überrepräsentiert seien, hat sich lange gehalten, da - ebenso wie in Afrika - autistische Kinder aus unteren sozialen Schichten seltener Experten vorgestellt wurden“ (Kehrer 2005, 105). Seit den letzten zwanzig Jahren und dem steigenden Bekanntheitsgrad des frühkindlichen Autismus, werden Kinder aus allen sozialen Schichten untersucht. Ergebnis dieser Untersuchung war, dass alle Kinder gleichermaßen betroffen sind. Autismus ist demnach kein kulturspezifisches Störungsbild (Janetzke 1993, 35).

3.1.3 Symptomatik

Leo Kanner beschrieb folgende Verhaltensauffälligkeiten: Schwierigkeiten des Sozialverhaltens und der Interaktion, stereotype Verhaltensweisen und Auffälligkeiten der verbalen sowie nonverbalen Kommunikation. „Autistischen Kindern ist ihre Störung in der Regel nicht anzusehen“ (Kuhles 2007, 33). Da das äußere Erscheinungsbild nicht auf ihre Krankheit deutet, reagieren Außenstehende oft mit Unverständnis auf das von ihnen als befremdlich empfundene Verhalten der Kinder. Häufig werden Normabweichungen als Fehler in der Erziehung gedeutet (Kusch; Petermann 2001, 118 f).

Die oben beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten geben lediglich eine kurze Übersicht über das vielfältige Spektrum der Symptomatologie wieder. Eltern, BetreuerInnen, TherapeutInnen sowie SozialarbeiterInnen berichten über ein breites Repertoire an auftretenden Besonderheiten, welches auch bei nicht- AutistInnen in bestimmten Abschnitten ihrer Entwicklung auftreten kann. Als charakteristisches Merkmal nannte Kanner, dass die Hälfte der untersuchten Kinder mutistisch ist beziehungsweise Sprachbesonderheiten aufweisen (Echolalie, wörtliches Verständnis von Sprache). Hierbei setzten SozialarbeiterInnen methodisch auf visuelle Hilfsmittel. Therapien, bei welchen die Kinder sich mittels Zeichnungen ausdrücken, ist oft das einzige Kommunikationsmittel (Kehrer 2005, 31 f).

3.1.4 Diagnostik

„Die Diagnostik des frühkindlichen Autismus erscheint vielen Klinikern noch immer nicht ganz befriedigend gelöst“ (Klicpera; Innerhofer 2002, 219). Auf Grund der Forschungen herrscht zwar weitgehend Einigkeit über die zentralen Merkmale, welche für die Diagnose frühkindlicher Autismus vorliegen müssen, jedoch ist das Spektrum autistischer Störungen so vielfältig, dass es in dessen Randbereichen zahlreiche ungeklärte Fragen gibt. Das frühzeitige Erkennen des Autismus im Kindesalter ist eine der zentralen Aufgaben in der Diagnostik. Grundlage dieser sind die in den Klassifikationsinstrumenten genannten Kriterien. Des Weiteren sind die Anamnese sowie Beobachtungsskalen, welche unterschiedliche Verhaltensmerkmale spezifisch und quantitativ erfassen, gebräuchliche Methoden der Diagnostik (Remschmidt 2008, 14).

Eine zuverlässige Diagnose kann ab dem zweiten Lebensjahr gestellt werden. In diesem Alter ist zumeist die Fähigkeit zur Kommunikation sowie das Spielverhalten zuverlässig einzuordnen. Als normabweichend werden jene Kinder beschrieben, welche eine sprachliche sowie kognitive Entwicklungsbeeinträchtigung aufweisen. Eltern autistischer Kinder berichten dahingehend über Auffälligkeiten im sozialen Umgang, im Spielverhalten und in der Kommunikation (Remschmidt 2008, 21). Sie erläuterten, dass ihre Kinder zumeist Freude im Umgang mit Gegenständen und nicht im Kontakt zu Gleichaltrigen empfanden. Sprache als Mittel zur Kommunikation nutzten die autistischen Kinder kaum, da sich diese entweder verzögert oder gar nicht entwickelte. Für Eltern gestaltet sich eine Verdachtsdiagnose als komplex, da das Sozialverhalten sowie die kognitive Entwicklung für diese oftmals schwierig zu beurteilen sind (explizit das Verständnis für Gestik und Mimik). Wichtig ist, Fehldiagnosen zu vermeiden. Daher sollten beispielsweise Hörprobleme unbedingt abgeklärt werden (Kehrer 2005, 160).

Weitere diagnostische Methoden zur Erkennung von frühkindlichem Autismus sind standardisierte Interviews und Fragebögen. Wissenschaftliche Studien stammen größtenteils aus dem englischen Sprachraum, beispielsweise jene von dem britischen Psychologen Simon Baron-Cohen. Dieser entwickelte in Großbritannien ein Screening-Instrument (Checklist for Autism in Toddlers; kurz: CHAT), welches bei Vorsorgeuntersuchungen von Kindern ab dem 18. Lebensmonat eingesetzt wird. Die deutsche Version wurde von dem Kinderpsychologen Fritz Poustka weitgehend vom Original übernommen. Hierbei fließen Beobachtungen der Eltern und anderer Bezugspersonen in die Untersuchung mit ein. Resultierend wurde nachgewiesen, dass „(...) Kinder mit frühen Anzeichen einer autistischen Störung recht zuverlässig erkannt werden können“ (Klicpera; Innerhofer 2002, 226).

Simultan waren drei Merkmale, welche von den betroffenen Eltern während der Verdachtsdiagnose genannt wurden: „Das Kind sträubte sich von Anfang an gegen körperliche Berührung und Zuwendung, zeigte kein Antwortlächeln, es reagierte nicht auf Zuruf oder auf Geräusche“ (Remschmidt 2008, 21).

Weiterhin wurden Screening-Fragebögen zum frühkindlichen Autismus von dem Autismus-Forscher Hans Kehrer (Autismus-Fragebogen) sowie von den Psychologen Dirk Kraijer und Peter Melchers (Skala zur Erfassung von Autismus- Spektrum-Störungen bei Minderbegabten) entwickelt. Diagnostische Interviews stammen beispielsweise von dem Professor Michael Rutter et al. aus dem Jahre 2003, wobei sein Kollege Sven Bölte die deutsche Version anfertigte (Diagnostisches Interview für Autismus). Die deutsche Kinderärztin Dora Rühl stellte eine Beobachtungsskala für autistische Störungen im Jahre 2004 auf, welche sie von der Psychologin Catherine Lord übernahm (Remschmidt 2008, 22).

Die Diagnosestellung wird dadurch erschwert, dass es beispielsweise Kinder gibt, welche nicht alle Symptome des Autismus vorweisen. Des Weiteren wandeln sich psychopathologische Charakteristika im Entwicklungsverlauf des Kindes (Veränderungsängste treten oft erst nach dem zweiten Lebensjahr auf, lassen jedoch mit zunehmendem Alter nach). Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Ausprägungsgrad sehr stark variieren kann (Remschmidt 2008, 23 f).

3.1.5 Verlauf und Prognose

Autismus-Spektrum-Störungen haben einen chronischen Verlauf und sind demnach nicht heilbar (Kuhles 2007, 24). Bei durchaus positiver Entwicklung mit einer verbundenen Abmilderung der Symptome ist dennoch die Lebenswelt autistischer Kinder beeinflusst beziehungsweise eingeschränkt. Eltern benennen die mangelnde Autonomie ihrer Kinder als Problem. Zwar wurden Konzepte zur Förderung und Stärkung der Selbständigkeit entwickelt, jedoch sind diese keine Garantie für die eigenständige Gestaltung des Alltages. Die Entwicklung des autistischen Kindes ist kaum prognostizierbar. Relevant ist „(...) ob zudem andere Erkrankungen vorliegen, wie zeitig die Verhaltensprobleme erkannt und therapiert werden und in welchem Ausmaß die Person betroffen ist“ (Poustka u.a. 2004, 28).

Der frühkindliche Autismus manifestiert sich, gemäß der Definition des ICD-10, bereits vor dem dritten Lebensjahr. Wie im Abschnitt 3.1.4 beschrieben, bemerken viele Eltern bereits in den ersten Lebensmonaten ihres Kindes erste Anzeichen für eine differente Entwicklung. Jedoch können vom bloßen Verdacht bis zur sicheren Diagnose mehrere Jahre vergehen.

Die meisten autistischen Säuglinge und Kleinkinder (null bis zwei Jahre) weisen ein ruhiges, zurückgezogenes Verhalten auf, andere hingegen leiden unter Schlafstörungen, Schreianfällen oder großer Unruhe sowie mangelnder Imitation. Viele Kinder reagieren stark auf Umweltreize, wie Berührungen oder Geräusche. Die sprachliche Entwicklung verläuft verzögert beziehungsweise bleibt völlig aus. Dies ist zumeist der Anlass für eine Vorstellung des Kindes bei FachärztInnen. Kehrer (2005, 87) beschreibt den Höhepunkt der typischen Auffälligkeiten im Alter zwischen fünf und acht Jahren. Er erläutert, dass sich dies in Form von ausgeprägten Kontaktstörungen, mangelndem Blickkontakt, Berührungsablehnung oder repetitivem Spiel äußere. Nach Poustka (2004, 29) entwickeln Kinder in diesem Alter aggressive Verhaltensmuster (Selbst- und Fremdaggression). „Das Leiden unter dem Unvermögen, soziale Situationen zu verstehen und Sozialkontakt aufzunehmen, führt bei einigen Betroffenen zu sozialem Rückzug und zu Depressionen“ (Kuhles 2007, 25).

Um etwas über den Verlauf des frühkindlichen Autismus zu erfahren, muss auf wissenschaftlich fundierte Studien sowie Verlaufsbeobachtungen zurückgegriffen werden, nur dann sind auch gezielte Aussagen über die Prognose möglich. Diese Studien sind unter den Begriffen Follow-up beziehungsweise Katamnesen zu verstehen. Bereits Leo Kanner untersuchte 1971, 18 Jahre nach dessen ursprünglicher Studie, diese elf Probanden erneut. Ziel war die Feststellung des Entwicklungsverlaufes. Eine ältere, aber dennoch hochaktuelle Studie liegt von Rutter und Lockyer aus dem Jahr 1970 vor. Bei dieser wurden 63 AutistInnen in einer Zeitspanne von 5 bis 15 Jahren nach Diagnosestellung untersucht. Die Symptomatik begann bei der Mehrzahl der Kinder kurz nach der Geburt beziehungsweise in frühester Kindheit, lediglich bei einem Fünftel traten diese nach dem zweiten Lebensjahr auf. Die Intelligenz der Kinder variierte stark. Signifikant war, dass die AutistInnen häufiger Erstgeborene waren und zumeist aus Zwei-Kinder-Familien stammten. Die Eltern waren nicht psychotisch. Ein Sechstel der Kinder litten an Epilepsie. „Ungünstig war das autistische Syndrom bei den Kindern verlaufen, die mit einem Intelligenztest nicht zu testen waren oder einen Intelligenzquotienten unter 60 hatten“ (Kehrer 2005, 88).

Optimistischere Verlaufsprognosen bieten aktuelle Studien. So untersuchte der japanische Wissenschaftler Kobayashi im Jahre 1992 AutistInnen (n= 201)18 bis 33 Jahre nach deren Diagnosestellung erneut. Etwa die Hälfte der Kinder waren geistig behindert und hatten einen Intelligenzquotienten (kurz: IQ) von unter 50. Zirka ein Viertel wiesen leichte geistige Behinderung auf (IQ 50 - 70) und 28,5 Prozent verfügten über einen IQ von über 70. Ein Drittel der Probanden waren mutistisch beziehungsweise in ihrem Sprachvermögen eingeschränkt. Beim einem weiteren Drittel der untersuchten Kinder wurden mäßige Sprachentwicklungen diagnostiziert, wogegen 46,7 Prozent gute bis sehr gute Sprachentwicklungen aufzeigten. „In der sozialen Entwicklung ergaben sich folgende Resultate: 6 waren Hochschulabsolventen, 5 wurden als Techniker ausgebildet, 58 führten ein sozial unabhängiges Leben oder hatten gute Chancen, selbständig zu werden“ (Kehrer 2005, 94). Weitere 43 Probanden gingen einer bezahlten Beschäftigung nach. Kobayashi und MitarbeiterInnen untersuchten auch, ob und wann Verschlechterungen des Verhaltens auftraten, was bei 31,5 Prozent der Probanden nicht vorlag. Bei der anderen Gruppe war dies ab dem zehnten Lebensjahr zu beobachten und äußerte sich beispielsweise in Hyperaktivität, Aggression oder Wiederholungszwängen. Diese optimistischeren Ergebnisse brachte Kobayashi in Verbindung mit den guten therapeutischen und erzieherischen Bedingungen in Westjapan. Die AutistInnen wurden in Spezialkliniken oder in dafür vorgesehenen Behandlungseinrichtungen gefördert. Eine Elternorganisation unterstützt die betroffenen Familien auf dem Weg zu einer autonomen Entwicklung ihrer Kinder (Kehrer 2005, 95 f).

3.2 Asperger-Syndrom

Nachfolgend ist das Asperger-Syndrom nach seinen Klassifikationsinstrumenten, der Epidemiologie, der Diagnostik und der Symptomatik sowie nach dessen Verlauf und Prognose näher beschrieben.

3.2.1 Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV

Nach Hans Aspergers Begriff Autistische Psychopathie „(...) müsste man das Asperger-Syndrom zu den Persönlichkeitsstörungen zählen“ (Kuhles 2007, 26). Es wird jedoch, laut den Klassifikationsinstrumenten ICD-10 und DSM-IV, den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet.

Das Asperger-Syndrom wurde erstmals im Jahre 1991 als eigenständige Diagnose in die internationale Klassifikation der WHO - dem ICD-10 - aufgenommen und erhielt den Diagnoseschlüssel F84.5. Folgende diagnostische Kriterien müssen erfüllt sein (sinngemäß gekürzt, im Anhang II, 55 aufgelistet):

- qualitative Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen,
- ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten,
- keine allgemeine Entwicklungsverzögerung sowie
- kein Entwicklungsrückstand der Sprache (Dilling u.a. 2005, 283 f).

Drei Jahre später, fand es auch Zugang in das diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM-IV, Schlüssel 299.80). Für das Vorliegen dieser Krankheit müssen nachfolgende Punkte zutreffen, welche im Anhang IV auf Seite 58 ausführlich dargelegt werden:

- qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion,
- beschränkte repetitive und stereotype Verhaltens- und Interessenmuster,
- Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen,
- keine allgemeine Sprachverzögerung, Entwicklungsverzögerung sowie keine Anpassungsverhaltensschwierigkeiten (außer soziale Interaktion) sowie
- keine Erfüllung von Kriterien einer anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörung oder Schizophrenie (Rollett 2010, 215 f).

Charakteristisch sind vor allem die Defizite in der sozialen Interaktion. Des Weiteren sind stereotype Verhaltensweisen beziehungsweise das strikte Nachgehen von Spezialinteressen signifikant. Außerdem fällt es Asperger AutistInnen schwer, nonverbale beziehungsweise parasprachliche Signale zu deuten. Die Intelligenz ist zumeist durchschnittlich ausgeprägt. Dadurch werden Asperger-AutistInnen oft nicht als solche wahrgenommen (Kuhles 2007, 26).

Die Differenzierung des Asperger-Syndroms von schizoiden Persönlichkeitsstörungen gestaltet sich schwierig. Nach ICD-10 wird bei der Diagnosestellung einer schizoiden Persönlichkeitsstörung das Asperger-Syndrom ausgeschlossen, wiederum bezieht dies, besonders im Kindesalter, eine schizoide Persönlichkeitsstörung ein (Dilling u.a. 2005, 284).

3.2.2 Epidemiologie

Vor wenigen Jahren wurde davon ausgegangen, dass Autismus-Spektrum- Störungen verhältnismäßig selten auftraten. „Ein Grund hierfür besteht in der Unsicherheit hinsichtlich der präzisen Diagnostik jener Form des Autismus“ (Kuhles 2007, 29). Darüber hinaus ist die späte Beachtung des Syndroms ein Indiz für den Mangeln an epidemiologischen Untersuchungen. Aktuelle Studien dagegen beziffern höhere Prävalenzraten (beispielsweise von Ehlers und Gillberg).

Epidemiologische Untersuchungen liegen vorrangig zum frühkindlichen Autismus vor, für das Asperger-Syndrom ist die Datenerfassung und -auswertung deutlich geringer. Derzeit wird die Prävalenzrate mit 2 -3,3 auf 10.000 Schulkinder beziffert. Das Geschlechterverhältnis von Jungen und Mädchen liegt bei zirka 8:1.

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Details

Seiten
61
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656296478
ISBN (Buch)
9783656297857
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200797
Institution / Hochschule
Fachhochschule Erfurt – Angewandte Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Autismus Asperger Frühkindlicher Autismus Autismus-Spektrum-Störungen TEACCH Förderung Frühförderung Soziale Arbeit Intervention

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Titel: Autismus-Spektrum-Störungen im Kindesalter