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Motiv der Traumerzählung bei David Lynch

Hausarbeit 2009 15 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Methode Lynch
2.1. „Die Traumerzählung – oder eine unmögliche Welt“
2.2. Auf der Suche nach Identität
2.3. Die Ästhetik der Dopplung

3. Verschränkung von Außen- und Innenwelt
3.1. „It's an illusion“ - Club Silencio
3.2. Ein roter Faden oder doch eher das lose Ende?

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ MULHOLLAND DRIVE entzieht sich nicht den Traumdeutern […], es wirft ihnen im Gegenteil so viele Bälle hin, wie sie niemals auffangen können.“[1]

Seit Jahren diskutieren zahlreiche Filmwissenschaftler über die Interpretation von David Lynchs Werk Mulholland Drive[2]. Sowohl in der Literatur als auch in wissenschaftlichen Aufsätzen wurde das Werk heftig diskutiert.

Diese Arbeit soll nicht die Lösung des Filmes mit sich bringen, sondern sich viel mehr mit dem Motiv der Traumerzählung, welches in zahlreichen Lynchfilmen thematisiert wird, befassen. Weshalb fällt es uns so schwer zu unterscheiden, ob der Film Traum oder Wirklichkeit suggeriert?

Um ein wenig Licht in Die Straße der Finsternis zu bringen, ist es wichtig genauer auf die vorhandene Erzählstruktur einzugehen. Es ist vor allem interessant zu untersuchen, wie in ihr das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit repräsentiert wird. Der Regisseur führt den Rezipienten immer wieder in ein Labyrinth unterschiedlicher Erzählstränge, Spiegelungen und loser Enden. Das oben genannte Motiv der Traumerzählung trägt mit Sicherheit dazu bei, dass eine Kontroverse entsteht. Aber auch das Motiv der Dopplung ist ein charakteristischer Aspekt der Traumerzählung und soll im Folgenden aufgearbeitet werden. Nichts ist wie es scheint – alles ist möglich und doch wieder nicht.

Die richtige Lösung für Mulholland Drive gibt es vermutlich nicht. Lynch selbst ist nie weiter darauf eingegangen. Deshalb ist es umso interessanter inwieweit der Rezipient zum produktiven Zuschauer wird und dem Film eine eigene Chronologie verleiht.

In der abschließenden Schlussbemerkung werde ich ein Fazit zu meiner Untersuchung abgeben.

2. Die Methode Lynch

In zahlreichen Werken David Lynchs ist das Motiv der Traumerzählung wieder zu finden. Dem Rezipienten fällt es bei dieser Erzählweise besonders schwer zu entscheiden, ob der Film einen Traum oder die Wirklichkeit suggeriert. Gerade Mulholland Drive hat Filmkritikern und Zuschauern unendlichen Diskussionsstoff geboten. Thematisiert wird hier das berühmteste Distrikt von Los Angeles und dessen populärster Industrie: Hollywood. Eine junge Frau namens Betty reist nach Hollywood, um dort Karriere als Schauspielerin zu machen. Im folgenden Verlauf trifft sie auf eine Frau, die nach einem Autounfall auf dem Mulholland Drive ihr Gedächtnis verloren hat und sich als Rita ausgibt. Nachdem sich beide erstaunlich schnell angefreundet haben, versuchen sie die Bruchstücke aus Ritas Erinnerung zusammenzufügen und ihrer Identität gemeinsam auf die Spur zu gehen. Unterbrochen von zahlreichen Nebenhandlungen, führen ihre Nachforschungen Betty und Rita zu der Wohnung einer Diane Selwyn – möglicherweise Ritas wirkliche Identität. Doch in der Wohnung von Diane finden sie eine Leiche. Nach einem nächtlichen Besuch im Club Silencio scheint alles bisher Geschehene eine Illusion gewesen zu sein und plötzlich erfolgt ein Bruch in der Handlung – Betty ist auf einmal Diane, die ein Verhältnis mit Camilla, alias Rita hat und sich infolge eines Betrugs/Verrats an ihr rächen will. Der Film endet damit, dass Diane Camilla ermorden lässt und sich im Anschluss selbst umbringt.

Die Methode Lynch zeigt mit welchen Mitteln der Regisseur die Verwirrung beim Rezipienten und somit auch die Uneindeutigkeit in seinen Filmen schafft. Auf der Reise ins 'Lynchville'[3] entführt uns der Regisseur in ein Reich der Träume, Dopplungen, Spiegelungen und gequälten Identitäten, die es zu untersuchen gilt. Da es, wie schon angesprochen, nicht meine Absicht ist eine eindeutige Interpretation des Filmes abzuliefern, möchte ich nun ein paar Aspekte benennen, die für die Frage nach der verstörenden Wirkung in Mulholland Drive von Bedeutung sein könnten.

2.1. „Die Traumerzählung - oder eine unmögliche Welt“

Der Regisseur schafft es, die Linearität der Zeit so aufzuheben, dass es dem Zuschauer nicht mehr möglich ist jene vollständig zu rekonstruieren. „Was auf der einen Ebene geschehen wird, ist auf der anderen längst Vergangenheit, und Lynchs Personen blicken sozusagen in die Zukunft, während sie sich in die Vergangenheit bewegen.“[4]

„[…]die Geschichte [bricht sich] und führt in Spiegelungen und Variationen zum Anfang zurück. Spätestens als sich das blaue Kästchen öffnet, zeigt sich, dass Lynchs Film kein aktuelles Geschehen wie das Erzählkino, sondern eine Gedankenwelt entfaltet – dass er nicht in der Erfahrungswirklichkeit, sondern im Bereich des Mentalen angesiedelt ist.“[5]

Spannend ist außerdem die Frage welche Rolle die Erzählstruktur spielt, wenn es um das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit geht. Lynch konstruiert die Erzählung scheinbar bewusst so, dass ein „gleichwertig[es] Nebeneinander und Ineinander“[6] der beiden Welten entsteht. Der Regisseur entführt den Rezipienten hier in eine Zwischenwelt, mit einer eigenständigen Zeit- und Raumstruktur. „ Die Auflösung des bekannten Seh- und Hörraumes führt in einen irritierenden Stillstand.“[7] Im Hollywood der beiden Filmfiguren entsteht eine irreale Welt, die eine mögliche Erzähllogik des Traumes suggeriert. Der Film entwickelt sich zunächst wie ein spannender Thriller mit Liebesgeschichte – die Suche nach der wahren Identität der geheimnisvollen Unbekannten, die sich in ihre Retterin verliebt. Hat Lynch uns mit diesem Erzählstrang schon den roten Faden in die Hand gegeben? Die Antwort lautet: wir können es nicht klar definieren. Vielmehr entsteht nun ein Spiel der Verwirrung: „Denn die romantische Kriminalgeschichte ist nur ein möglicher Weg, der schließlich in die Irre führt.“[8] Häufig bleibt es unklar, ob eine Filmsequenz der Realität innerhalb der erzählten Welt oder der Bewusstseinseinstellung einer Figur zuzuordnen ist. Schlafen und Träumen sowie das Motiv der Traumfabrik Hollywood nimmt eine ganz besondere Stellung im Film ein.[9]

Träume finden bei David Lynchs Filmen nicht ihre konventionelle Montage als ‚Traumsequenzen‘, sie weichen vielmehr von der Ähnlichkeit zwischen Film und Traum ab. „Das ‚Traumhafte‘ [...] wird dabei [jedoch] immer als Tatsache vorausgesetzt und [hingegen aller Erwartungen] nirgendwo belegt.“[10]

Bei Mulholland Drive „handelt [es sich] um einen mentalen Raum der Irrealität, der unmittelbar auf einer möglichen Erzähllogik des Traumes baut.“[11] Als Betty zu Rita sagt: „I just came from Deep River, Ontario, I’m in this dreamplace“, deutet sich bereits ein eventueller Hinweis auf einen möglichen Traum an. Einige Sequenzen zuvor lacht das alte Ehepaar, welches Betty so freundlich erschien, zutiefst höhnisch. Deutet sich hier schon an, dass wir eventuell auf eine falsche Fährte gelockt werden? „Die Sprache (des Filmes) täuscht nicht nur über die Wirklichkeit; sie täuscht in Wirklichkeit über sich selbst.“[12]

Es ist also festzuhalten, dass der Film entgegen der allgemein gültigen Rezeptionsgewohnheiten erzählt. In diesem Sinne ist es auch sinnvoll, die 'Theorie der möglichen Welt' zu untersuchen. Sie grenzt ab, welchen Stellenwert die Möglichkeit der erzählten Welt für den Rezipienten besitzt.

„Die Wirklichkeit wird als System begriffen, das neben der tatsächlichen Welt, in der wir leben, von virtuellen Welten geprägt ist, die die Wirklichkeit als Alternativwelten umkreisen. Diese virtuellen Welten, die jeweils andere Entwicklungsmöglichkeiten eines Ereignisses umfassen, werden als mögliche Welten bezeichnet.“[13]

Das Prinzip der möglichen Welten wäre jedoch nur möglich, wenn die erzählte Welt mit den Idealen des Zuschauers übereinstimmen könnte.[14] Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall, da Identitäten tauschen und seltsame, beinahe unwirkliche Personen auftauchen. Dementsprechend läge es nahe, den Film als Traum zu betrachten und sich von der Wirklichkeit zu verabschieden, denn die mögliche Welt löst sich vollkommen auf. Als die beiden Frauen den Club Silencio aufsuchen, werden wir am deutlichsten auf diesen so offensichtlichen Zwiespalt hingewiesen. „It’s an illusion!“ sagt der Magier. Also war alles nur eine Inszenierung, die Traumwahrnehmung einer Figur? Und wenn es ein Traum war – wessen Traum war es dann?

Das Motiv der Träume ist also nach wie vor bestimmend. In einzelnen Sequenzen des Filmes[15] ist einfach nicht zu unterscheiden, ob nun die Darstellung eines Traumes oder die Wirklichkeit in der erzählten Welt präsentiert wird. Obwohl gerade so absurde Einschübe wie das Ehepaar, welches in der Schlusssequenz auf Diane zustürzt, auf einen Traum deuten, bleibt es doch unklar. Zwar sprechen die bösartigen Sequenzen für eine Wendung von einem abenteuerlichen zu einem gefährlichen Geschehen im Traum. Dagegen sprechen wiederum all die Rückblicke und Empfindungen Dianes, die in der achten Szene ans Licht kommen. Mit ihr entsteht das Gerüst einer Rahmenhandlung, in der die 'Wirklichkeit' und damit Dianes Geschichte präsent werden.

„Letztendlich [zeigt sich], dass es insbesondere die erzählten Welten sind, die sich durch die Art und Weise der erzählerischen Vermittlung für die verstörende Rezeptionserfahrung von […] Mulholland Drive verantwortlich zeichnen.“[16]

2.2. Auf der Suche nach der Identität

Bei Mulholland Drive werden die Zuschauer wie schon bei einigen anderen Filmen von David Lynch[17] mit uneindeutigen Identitäten konfrontiert. Als Betty die Wohnung ihrer Tante betritt, trifft sie auf die verwirrte Unbekannte, die sich weder erinnern kann was ihr zugestoßen ist, noch wer sie ist. In ihrer Handtasche finden die beiden Frauen zahlreiche Dollarnoten und einen mysteriösen blauen Schlüssel, jedoch keine Identität. Die Figurenkonstellation führt zu einem sich nach und nach steigernden Durcheinander, denn zahlreiche Figuren des Filmes wechseln ihre Stellung im Laufe der filmischen Welt. Betty wird zu Diane, Rita wird zu Camilla, Camilla wird zur Geliebten von Diane und im Folgenden zur Verlobten von Adam Kesher, der zunächst lediglich der erfolglose Filmproduzent ist. Und selbst wenn der Rezipient dieses Wirrwarr an Figuren entzerrt hat, bleiben da noch die ganzen Figuren der Nebenhandlungen. Welche Rolle diese einnehmen bleibt unklar, obwohl ihnen scheinbar eine nicht unwichtige Stellung eingeräumt wird. Die Seitenstränge, in denen der mysteriöse Cowboy, Mr. Roque oder das alte Ehepaar auftauchen, werden nicht vollends aufgelöst. Der Identitätentausch lässt zwar Vermutungen zur Entzerrung zu, jedoch trotzdem offen was Wahrheit oder Traum innerhalb der erzählten Welt ist. Man ist dazu geneigt, den ersten Teil als Dianes Traum zu sehen, während der zweite ihre eigentliche Realität darstellt. Hinzu kommt, dass wir nicht nur schwer zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden können, sondern dass auch die Identitäten der Figuren selbst mühsam auseinanderzuhalten sind. So hat die Bettszene im ersten Teil zur Folge, dass beide Frauen zu einer Person verschmelzen, wenn Ritas Antlitz Bettys Gesicht zur Hälfte verdeckt. Unterstützt wird diese These durch die Sequenz nach dem Fund von Dianes Leiche. Panisch versucht sich die weinende Rita die Haare abzuschneiden. Betty hält sie jedoch davon ab und kommt ihr mit einer blonden Perücke zur Hilfe, die ihr hilft sich in eine andere Person zu verwandeln. Erstaunlich ist jedoch wie sehr die Perücke Bettys eigentlichem Haarschnitt ähnelt, was die Wahrnehmung einer Persönlichkeitsvermischung nur intensiviert.[18]

[...]


[1] Seeßlen, Georg: David Lynch und seine Filme. Marburg 2007. S. 222.

[2] Lynch, David (USA/F),2001). Mulholland Drive.

[3] Vgl. Seeßlen (2007)

[4] Seeßlen, Georg: David Lynch und seine Filme. Marburg 2007. S. 226.

[5] Volland, Kerstin: Zeitspieler. Inszenierungen des Temporalen bei Bergson, Deleuze und Lynch. Wiesbaden 2009. S.159.

[6] Martig, Charles: Lynchville. Selbstbezüglichkeit und Irrealisierung im Werk von David Lynch. In: Traumwelten. Der filmische Blick nach innen. Hg. V. Leo Karrer. Marburg 2003. S.149.

[7] Vgl. ebd. S. 150.

[8] Ebd. S. 160.

[9] Vgl. Orth, Dominik: Lost in Lynchworld. Unzuverlässiges Erzählen in David Lynchs Lost Highway und Mulholland Drive. Stuttgart 2005. S. 29.

[10] Lahde, Maurice: “We live inside a dream.” David Lynchs Filme als Traumerfahrungen. In:>>A Strange World<<. Das Universum des David Lynch. Hrsg, v,Eckhard Pabst. Kiel 1999. S. 95.

[11] Martig (2003) S. 159.

[12] Seeßlen (2007). S. 212.

[13] Orth (2005). S. 46.

[14] Vgl. Ebd. S.45-48.

[15] Vgl. Sequenzen in den Rita schläft (…) oder wenn Betty aufwacht

[16] Orth (2005). S. 33 ff.

[17] Vgl. Lost Highway u.a.

[18] Vgl. Wild, Christiane: Frauenfiguren bei David Lynch. Der Einfluss des Film Noir auf die Heldinnen von Blue Velvet und Mulholland Drive. Saarbrücken 2009. S. 100.

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656268581
ISBN (Buch)
9783656269212
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v200784
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
motiv traumerzählung david lynch

Autor

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